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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 23
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII. Löwen vom Atlas, ihr könnt ruhig sein!

Löwen vom Atlas, ihr könnt ruhig sein, könnt ruhig schlafen im tiefsten Schlupfwinkel eurer Höhlen, zwischen Aloe und Riesenkaktus. Nur noch einige Tage, und ihr habt niemals mehr etwas von Tartarins Mörderhand zu fürchten. Im Augenblick liegt seine ganze Kriegsausrüstung – also Waffenkiste, Apotheke, Patentzelt, Lebensmittelkonserven – friedlich eingepackt im Hotel d'Europe in einem Winkel des Zimmers 36.

Schlaft ohne Zittern und Zagen, ihr gewaltigen Löwen mit rötlicher Mähne! Der Tarasconese sucht seine Araberin. Seit der Geschichte mit dem Omnibus spürt der Unselige bei Tag und bei Nacht auf seinem riesigen Trampelfuß das Rascheln des niedlichen roten Mäuschens. Kommt ein Hauch vom Meere und streift er seine Lippen, so duftet er immer (er mag sich dagegen auch nach Leibeskräften sperren) nach dem liebesseligen Parfüm von Anis und Zuckerzeug.

Er muß sein arabisches Mäuschen bekommen!

Aber das ist keine Kleinigkeit. In einer Stadt von hunderttausend Einwohnern ein Mädchen wiederfinden, von dem man nur den Atemduft kennt, die Pantoffeln und die Farbe der Augen – man muß schon ein Tarasconese sein, befallen vom Wahnsinn der Liebe, um sich an solch ein Abenteuer heranzuwagen.

Es ist ein Jammer, daß sich alle diese arabischen Frauen unter ihren großen Gesichtsschleiern ähnlich sehen. Und dann gehen diese Damen nicht viel aus, und will man sie sehen, dann muß man in die Oberstadt, das Araberviertel, die Stadt der Törken.

Eine wahre Mördergrube, diese obere Stadt. Kleine und sehr enge Gäßchen klettern steil empor, zwischen zwei Reihen von geheimnisvollen Häusern, deren Dächer zusammenstoßen und die Straße überwölben. Niedrige Hauseingänge, winzige Fensterchen, blind, vergittert, trist anzusehen. Und dann zur Rechten und zur Linken ein Haufen von Läden, in die niemals ein Lichtstrahl dringt. Hier sitzen wilde Törken, lauter Köpfe von Freibeutern – riesige Augen, von denen man das Weiße sieht und blendende Zähne – und schmauchen ihre langen Pfeifen und unterhalten sich mit leiser Stimme, wie um Gaunereien auszuhecken.

Wir wollen uns nicht so weit von der Wahrheit entfernen, um zu sagen, daß Tartarin ganz ohne Herzklopfen durch diese Stadt der Schrecken hindurchgegangen wäre. Er war im Gegenteil sehr erregt. In diesen winkeligen Gäßchen, die er mit seinem dicken Bauch der ganzen Breite nach ausfüllte, rückte der brave Mann nur mit der allergrößten Vorsicht vor, den Blick stets angespannt, den Finger auf dem Abzug des Revolvers. Nicht anders als in Tarascon beim Ausmarsch in den Klub. Bei jedem Schritt glaubte er schon, es würde über seinen Rücken eine Schar von Eunuchen und Janitscharen herunterpurzeln – aber der Wunsch, seine Dame wiederzusehen, gab ihm Riesenmut und Herkuleskräfte.

Acht Tage lang verließ Tartarin, der Mann ohne Furcht und Tadel, nicht mehr die obere Stadt. Bald stand er vor den arabischen Bädern Posten und wartete den Augenblick ab, wo die Damen in ganzen Rudeln herauskommen, noch zitternd vom Bad und in dessen Duft gehüllt; dann wieder erschien er, um sich an den Stufen einer Moschee niederzuhocken, und dabei schwitzte er und keuchte, denn er mußte seine großen Stiefel vor dem Eintritt ins Heiligtum ablegen.

Manchmal kehrte er beim Eintritt der Nacht zurück, verzweifelt, nichts entdeckt zu haben; weder im Bad noch bei der Moschee hatte sich etwas gezeigt; nun schlich er an den arabischen Häusern vorbei und hörte monotonen Singsang, den abgerissenen Klang einer Gitarre, den gedämpften Paukenschlag einer baskischen Trommel und ein leises Frauenlachen, bei dem ihm das Herz bis zum Halse schlug.

»Vielleicht ist sie hier«, sagte er sich.

Und war die Straße verlassen, so näherte er sich einem dieser Häuser, hob den schweren Türklopfer von der niederen Pforte und pochte schüchtern an. Im Augenblick verstummten der Gesang und das Lachen. Man hörte nichts mehr hinter der Mauer als ein leises verhaltenes Flüstern, als wäre es ein Vogelkäfig mit eingeschlafenen Vögeln.

»Nur den Mut nicht verlieren,« dachte unser Held, »es wird schon was passieren.« Das, was meistens passierte, das war ein ordentlicher Scheffel kaltes Wasser auf seinen Kopf oder ein paar Orangenschalen oder ein paar verfaulte Feigen. Aber niemals etwas Ernsteres.

Löwen vom Atlas, schlafet in Frieden!

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