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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 21
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI. Das Weibchen zeigt sich. – Furchtbarer Kampf. – Wo sich die Karnickel »Guten Tag« sagen

Zuerst regte sich in Tartarin beim Anblick seines unseligen Opfers nur Ärger und Verdruß. Es ist ja auch wirklich allerhand Unterschied zwischen einem Löwen und einem I-a-Pony. Aber die zweite Regung war nichts als reines Mitleid. Das arme Eselchen war so hübsch. Es sah so gutmütig aus, das Fell an seiner Flanke war noch warm, senkte sich und hob sich wie eine Welle. Tartarin bückte sich und versuchte mit einem Ende seines algerischen Gürtels das Blut des armen Tieres zu stillen; und man wird sich nicht leicht einen rührenderen Anblick denken können als diesen großen Mann, wie er das kleine Eselchen betreut.

Als das Eselein die Berührung mit der Seide des Gürtels spürte (es hatte noch gerade für zwei Groschen Leben in sich), öffnete es sein großes graues Auge, wackelte zwei- oder dreimal mit seinen großen Ohren, wie um zu sagen: »Danke, danke«.

Dann ein letztes Zusammenkrampfen des Körpers vom Kopfe bis zum Schwanz, und das Tier rührte sich nicht mehr.

»Grauchen! Grauchen!« hörte man plötzlich eine angsterstickte Stimme. Zugleich regten sich in einem nahen Gehölz die Zweige. Tartarin hatte nicht einmal Zeit aufzustehen und sich zusammenzunehmen. Schon war das Weibchen da!

Es trabte an, schauererweckend und brüllend, in der Gestalt einer alten Elsässerin mit Kopftuch, gewappnet mit einem gewaltigen Parapluie von roter Farbe, und sie hatte das Echo von Mustapha müde gemacht mit ihrem ewigen Rufen nach ihrem Eselein. Für Tartarin wäre es sicherlich besser gewesen, mit einer wutentbrannten Löwin anzubinden, als mit dieser alten Megäre. Vergebens versuchte der Unselige, ihr beizubringen, wie die Sache passiert war, daß er Grauchen mit einem Löwen verwechselt habe. Die Alte glaubte, er wolle sie verkohlen. Sie stieß wütende Rufe: »Zum Tüfel!« aus, und fiel mit ihrem Parapluie über unseren Heros her. Tartarin war etwas aus dem Konzept gebracht, er verteidigte sich, so gut er konnte, parierte den Regenschirm mit seinem Karabiner, schwitzte Blut und Wasser, keuchte, warf sich umher und schrie: »Aber gnädige Frau, aber gnädige Frau!«

Ja, Gott befohlen! Die gnädige Frau war taub und Beweis dessen, sie schlug mit Riesenkräften auf ihn los.

Zum Glück erschien eine dritte Person auf dem Schlachtfelde. Es war der Mann der Elsässerin; er selbst ein Elsässer und Kaschemmenwirt, und überdies ein sehr guter Geschäftsmann. Kaum hatte er gesehen, mit wem er es zu tun hatte, und daß der Mörder nur den einzigen Wunsch hatte, Lösegeld für sein Opfer zu zahlen, da entwaffnete er sein Ehegesponst, und man einigte sich.

Tartarin gab also zweihundert Franken. Das Eselein konnte gut und gern zehn wert gewesen sein. Das ist so der Durchschnittspreis für die I-a-Ponys auf den arabischen Märkten. Sodann bestattete man das arme Grauchen im Schatten eines Feigenbaumes, und der Elsässer, der seine gute Laune beim Anblick der tarasconesischen Silberlinge wiedergewonnen hatte, lud den Helden ein, in seinem Wirtshaus einen Happen zu nehmen. Das Wirtshaus war ganz nahe, es lag an der großen Chaussee.

An jedem Sonntag kamen die algerischen Jäger zum Frühstück hin, denn die Gegend war reich an Wild, und in dem Umkreis von zwei Meilen um die Stadt gab es nirgends so viel Kaninchen als hier.

»Und die Löwen?« fragte Tartarin. Der Elsässer sah ihn an, als wäre er von Sinnen: »Löwen?«

»Ja doch, ja doch, Löwen, so etwas sehen sie doch gewiß manchmal«, begann der arme Mann nochmals, aber nicht mehr ganz so selbstsicher.

Der Kaschemmenwirt platzte vor Lachen.

»Ach du lieber Himmel, o du meine Fresse... Löwen? Was soll man hier damit?«

»Es kommen also in Algier gar keine vor?«

»Auf Ehre und Gewissen, gesehen habe ich niemals einen. Und sehen Sie, ich wohne jetzt schon zwanzig Jahre hier im Lande; aber gesprochen hat man sicher mal davon. Es steht auch in den Zeitungen. Aber das ist eine ganz andere Gegend, da unten irgendwo im Süden.«

Jetzt waren sie in der Kneipe angelangt. Es war eine Vorortskneipe, die ebensogut in der Nähe von Paris hätte stehen können. Ein verwelkter Zweig schaukelte über dem Eingang, und an den Wänden waren gekreuzte Billardqueues angemalt, und darüber die harmlose Aufschrift:

Wo sich die Karnickel »Guten Tag« sagen.

Die Karnickel! Guten Tag! O Bravida, welch Wiedersehen!

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