Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/daudet/tartari1/tartari1.xml
typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110116
projectidb399e539
Schließen

Navigation:

V. Piff, paff, puff

Es war eine weite verlassene Fläche, die von groteskem Pflanzenwerk starrte. Diese orientalischen Pflanzen hatten ganz das Aussehen von bösartigen Bestien. Sanft schimmerte die Ferne, der Schatten der Pflanzen zerfloß auf dem Boden und dehnte sich nach links und rechts. Auf der einen Seite dämmerte undeutlich das schwere Massiv eines Berges, vielleicht des Atlas? Zur Linken das Meer, das man nicht sah, und das dumpf rauschte. Richtig so ein Dschungel für wilde Bestien.

Das eine Gewehr legte Tartarin vor sich hin, ein anderes hatte er in der Hand, und schon kniete er auf einem Bein und wartete, wartete eine Stunde. Zwei Stunden. Nichts! Nun erinnerte er sich, daß in seinen Büchern die großen Löwenjäger niemals auf die Jagd gingen, ohne ein Zickelchen mitzunehmen, welches sie ein paar Schritte weiter vorn anbanden. Dann zerrten sie es mit einer Schnur am Bein, bis es schrie. Da sich nun der Tarasconese nicht im Besitz eines Zickelchens befand, kam er auf die Idee, es mit einer Kopie zu versuchen und begann nun mit einer Meckerstimme loszulegen: »Mäh, mäh«, zuerst ganz leise, denn im Grunde seines Herzens hatte er doch Angst, der Löwe könnte ihn hören. Als er aber dann merkte, daß nichts kam, meckerte er lauter: »Mäh, mäh, mäh«. Immer noch nichts. Nun riß ihm die Geduld, und er begann mit aller Kraft und fast ohne Pause: »Mäh, mäh, mäh« mit solcher Donnergewalt, daß das Zickelchen viel eher einem ausgewachsenen Ochsen glich.

Und jetzt plötzlich löste sich ein paar Schritte vor ihm irgendein großes gigantisches Wesen vom Boden ab. Er verstummte. Das Wesen bückte sich, schnupperte an der Erde hin, sprang empor, rollte sich zusammen, zog im Galopp los, kam dann zurück und stand still.

Der Löwe war es, kein Zweifel! Und nun sah man ganz genau seine vier kurzen Pranken, seinen erschrecklichen Nacken und die zwei Lichter, die großen Augen, welche im Dunkeln leuchteten. Gewehr ran! Gewehr ran! Feuer, piff, paff! So, das war getan! Nun einen Sprung in Deckung und das Jagdmesser zur Hand.

Auf das Feuer des Tarasconesen antwortete ein schreckliches Heulen.

»Er hat sein Fett weg«, schrie der gute Tartarin, pflanzte sich auf seinen festen Beinen auf, um dergestalt das Biest zu empfangen. Aber dieses hatte mehr als es brauchte, und machte sich im schnellsten Galopp, immerzu heulend, davon. Er aber rührte sich nicht vom Fleck. Er erwartete das Weibchen, immer wie es in seinen Büchern stand.

Unglückseligerweise kam das Weibchen nicht. Nachdem er nun zwei bis drei Stunden gewartet hatte, wurde der Tarasconese müde. Der Boden war feucht, die Nacht wurde frisch, der Wind von der See stach. »Na, wie wär's, wenn ich ein Nickerchen täte, bis der Morgen kommt«, sagte er zu sich, und um dem Rheumatismus aus dem Wege zu gehen, dachte er an sein Patentzelt. Aber verflucht und zugenäht, dieses Patentzelt war so genial ausgedacht, daß man es nicht richtig aufkriegen konnte. Er konnte Blut und Wasser schwitzen, stundenlang, stundenlang, das verdammte Zelt öffnete sich nicht. Es gibt Regenschirme, die bei einem Wolkenbruch sich genau die gleiche Extratour erlauben. Schließlich hatte der Tarasconese den Krieg mit dem Patentzelt satt, er schmiß es zu Boden, legte sich darauf, fluchte, wie es nur ein Provenzale kann, ein Mann, wie er es war.

Ta, ta, ra ta tattara!

»Nanu, was gibt's denn?« fragte Tartarin, der erwacht und entsetzt aufgesprungen war.

Es waren die Hörner der Afrikajäger, die in den Kasernen von Mustapha ihr Morgenständchen bliesen. Der Löwentöter rieb sich erstaunt die Augen. Er hatte doch geglaubt, mitten in der Wüste zu sein, und wißt ihr, wo er war? In einem Artischockenfeld, zwischen einem Beet mit Blumenkohl und einem Beet mit Rübchen.

Seine Sahara trug Gemüse.

Ganz nahe leuchteten auf den grünen schönen Hängen des oberen Mustapha algerische Landhäuser blendend weiß in dem Morgentau. Man hätte geglaubt, bei Marseille zu sein, mitten zwischen den Bastides und den Bastidons. Es war eine schläfrige Landschaft für Kleinbürger, eine Gegend für den Hausgebrauch. Das ging dem armen Mann sehr auf die Nerven und machte seine Laune zu Essig. »Ist es nicht blöd von den Leuten,« sagte er zu sich, »Artischocken in dem Jagdgrund von Löwen zu bauen? Ich habe doch schließlich nicht geträumt. Die Löwen kommen doch bis hierher ran, und hier ist der Beweis.«

Der Beweis waren Blutstropfen, welche die Bestie auf der Flucht hinter sich gelassen hatte. Er beugte sich nun höchst angespannten Blicks auf die blutige Spur. Sodann rückte der tapfere Kämpe aus Tarascon mit dem Revolver in der Hand von Artischocke zu Artischocke vor bis zu einem kleinen Haferfeld. Hier war das Getreide zerstampft. Es zeigte sich eine dunkle Lache und mitten in ihr lag auf der Seite, blutend aus einer gewaltigen Stirnwunde ein... raten Sie einmal?

»Ein Löwe, was sonst?«

Nein, im Gegenteil, ein Esel, einer von diesen Miniatureseln, die es in Afrika so zahlreich wie Heuschrecken gibt, und die man dort I-a-Ponys nennt.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.