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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II. Auf, auf, zu den Waffen! Zu den Waffen!

Aber von Sinken war keine Rede, nur vom Landen.

Der »Zuave« war in die Reede eingelaufen, in einen schönen Innenhafen mit dunklem tiefen Wasser, das aber ruhig, düster, fast einsam dalag. Gegenüber erhob sich auf einem Hügel das weiße Algier mit seinen elfenbeinfarbenen Häuschen, die gegen das Meer hinabgestreut waren, eines eng ans andere gedrängt. Die Bleiche einer Wäscherin auf dem Hügelgelände von Meudon. Aber darüber ein Himmel, so blau, so blau wie – – aber man glaubt es ja doch nicht...

Der berühmte Tartarin hatte sich schon etwas von seinem Schreck erholt, er guckte sich die Landschaft an und lauschte dabei mit Respekt dem Prinzen aus Montenegro, der an seiner Seite stand und ihm die verschiedenen Stadtteile benannte: die Casbah, die obere Stadt, die Straße Bab-Azoun. Der hatte etwas los, dieser Montenegrinerprinz. Er hatte eine Erziehung 1a, und außerdem sprach er arabisch wie ein Wasserfall. Es lag daher Tartarin sehr viel daran, diese Bekanntschaft zu pflegen... Plötzlich gewahrte Tartarin an der Reling, an die sie sich gelehnt hatten, eine Reihe von rabenschwarzen Händen (Handschuhnummer 7½), die sich von draußen emporhangelten. Fast im gleichen Augenblick sah er vor sich einen schwarzen Wollkopf auftauchen, und bevor er Muh sagen konnte, war das Deck von allen Seiten her überflutet von so ein paar hundert Piraten, schwarzen, kaffeefarbenen, gelben, halbnackten, abscheuerweckenden, schrecklichen...

Diese Piraten, Tartarin kennt sie. Sie sind die Euch oder besser gesagt die Sie, die er nachts sooft gesucht in den Gassen von Tarascon. Endlich hatten die Eucher sich entschlossen, da zu sein.

Vorerst stand er in seiner Überraschung da wie aus Gips gegossen. Aber als er sah, wie die Freibeuter sich auf das Gepäck stürzten, wie sie die Plache fortrissen, welche dieses bedeckt hatte, und mit einem Worte, wie sie das Schiff auszuplündern begannen, da erwachte der Heros in ihm, er holte sein Bowiemesser aus der Scheide. »Zu den Waffen! Drauf und dran!« schrie er den Reisenden zu. Und er, als der erste von allen, rückte an gegen die Piraten.

»Ques aco?« fragte der Kapitän Barbassou, der von der Kommandobrücke herunterkam: »Was gibt's denn? Was ham's denn?«

»Ah, Sie sind's, Kapitän! Schnell, schnell, lassen Sie Ihre Leute unter die Gewehre treten!«

»He! Wozu das, Herrgottssakra!«

»Ja, haben Sie keine Augen im Schädel? Können Sie nicht sehen?«

»Na, was denn?«

»Das ... da doch... Die Freibeuter ... vor Ihnen...« Der Kapitän starrte ihn an, als wäre er aus dem vierten Stock herabgefallen. In diesem Augenblick schoß so ein Riesenkerl von einem Neger gerade vorbei mit der vierten Geschwindigkeit, die Reiseapotheke des Helden auf dem Buckel.

»Du Elender! Das büßt du mir! Halt! Halt sage ich!« heulte der Tarasconese. Und los, Sprung vorwärts!

Barbassou kriegte ihn gerade noch am Schlafittchen und zerrte ihn an seinem Bauchgurt zurück: »Wirst mal stad sein, oder des Teufels Großmutter soll dich in der Luft zerreißen! Das sind keine Freibeuter. Das gibt's doch gar nicht mehr, daß es Freibeuter gibt... Dienstmänner sind's.«

»O Gott! Dienstmänner!«

»No ja! No ja! Dienstmänner, versteht sich, die wollen das Gepäck an Land bringen. Also fort mit ihrem Jack, dem Aufschlitzer, ich bitte um ihren Fahrschein, und halten Sie sich hinter diesem Neger, einem Prachtkerl, der Sie ans Land führen wird und auch ins Hotel, wenn Sie wollen.«

Tartarin gab also ein wenig konfus seinen Fahrschein ab und folgte dem Neger, stieg über das Fallreep in ein großes Boot, das an der Seite des Dampfers sich wiegte. Sein ganzes Gepäck war hier schon beisammen, Koffer, Waffenkisten, Lebensmittelkonserven, und da diese so ziemlich die Barke ausfüllten, brauchte man nicht auf andere Passagiere zu warten. Der Neger kletterte auf den Gipfel der Koffer und hockte sich dort nieder wie ein Affe, die Knie mit den Händen umfassend. Ein anderer Neger faßte die Riemen... Beide guckten Tartarin an, lachten und zeigten ihre blendenden Gebisse.

An der Spitze des Bootes stand Tartarin in strammer Haltung, auf seinem Antlitz trug er den schrecklichen Ausdruck, der seine Landsleute wie eine Medusenmaske versteinert hatte. Und dabei drehte er fieberhaft den Griff seines Bowiemessers hin und her. Denn mochte ihm Barbassou gesagt haben, was immer, er war nur halb beruhigt über die Endabsichten dieser Dienstmänner aus Ebenholz, die so wenig ihren Kollegen in Tarascon glichen, den alten Ehrenmännern.

Fünf Minuten später stieß die Barke an Land, und Tartarin setzte seinen Fuß auf den kleinen Barbareskenkai, die geheiligte Stelle, wo dreihundert Jahre früher ein spanischer Galeerensträfling namens Miguel Cervantes – unter der Fuchtel eines algerischen Aufsehers – einen übermenschlich schönen Roman sich ausgedacht hatte, der sich nennen sollte »Don Quichotte«.

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