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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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XIII. Die Abreise

Endlich kam er, der feierliche Tag, der große Tag.

Von Morgengrauen an war ganz Tarascon auf den Beinen, alles drängte sich auf der Straße nach Avignon und rings um die kleine Behausung mit dem Baobab zusammen. Menschenmassen in den Fenstern, auf dem Pflaster, auf den Bäumen. Schiffer von der Rhône, Lastträger, Schuhputzer und Kleinbürger, Weberinnen und Seidenspinnerinnen und der Klub; alles, was Beine hatte. Dazu noch Leute aus Beaucaire, die über die Brücke gekommen waren, Gärtner aus der Umgebung in Leiterwagen, mit großen Plachen überspannt, Winzer auf prächtigen Maultieren, die mit Bändern, Schleifchen, mit Quasten, mit Schellen und Glöckchen herausgeputzt waren. Dazu noch ein paar niedliche Mädchen aus Arles, die sich blaue Seidenbänder um die Stirn geschlungen hatten. Sie ritten hinter ihren Bräutigamen auf kleinen Pferdchen aus der Camargue, eisengrau von Farbe. Dieser gewaltige Menschenhaufen drückte und wälzte sich dahin bis vor das Tor des Herrn Tartarin, des guten Herrn Tartarin, der jetzt aufbrechen sollte, die Löwen zu töten bei den Törken!

Für Tarascon bedeutet nämlich Algier, Afrika, Griechenland, Persien, die Türkei, Mesopotamien, – alles das zusammen entspricht einem nebelhaften Reiche, fast einem Land der Mythologie, und dieses Land nennt man die Törkerei.

Und mitten in dem Kuddelmuddel kamen und gingen die Mützenjäger, stolz auf den Triumph ihres Herrn und Meisters, und wohin sie zogen, wo sie sich zeigten, da blieb eine Spur zurück, leuchtend von ihrer Glorie.

Vor dem Hause mit dem Baobab standen zwei große Karren. Von Zeit zu Zeit öffnete sich die kleine Tür, und man sah ein paar Personen, die mit gewichtiger Miene in dem kleinen Garten lustwandelten. Dazwischen brachten Leute die Koffer herbei, schleppten Kisten, Schlafsäcke, und alles wurde auf die Karren geladen.

Bei jedem neuen Gepäckstück ein neuer Schauer der Erregung in der Menge. Man rief jedes einzelne Stück laut aus. »Das ist das Patentzelt!« »Das da werden die Konserven sein!« »Die Apotheke!« »Die Waffenkisten!« Und die Mützenjäger gaben ihre Kommentare dazu.

Gegen zehn Uhr zeigte sich plötzlich große Bewegung in der Menge. Die Gartentür drehte sich mit mächtigem Krach in ihren Angeln. Ein einziger Schrei: »Er ist's! Er ist's!« Und er war es. Als er auf der Schwelle erschien, erschollen zwei Rufe des Staunens und des Schreckens aus der Menge: »Es ist ein Törke«, und: »er trägt Brillen.«

Und tatsächlich hatte Tartarin aus Tarascon es für seine Pflicht gehalten, die Landestracht von Algier anzulegen, da er sich dorthin begab. Er trug also eine breite Pluderhose aus weißem Stoff, eine eng anliegende Jacke mit Metallknöpfen und einen roten Gürtel von zwei Fuß Breite um den Bauch. Der Hals war frei, die Stirne ausrasiert, und auf seinem Kopfe schwankte eine ungeheuerliche Chechia, eine rote Turbanmütze, gekrönt von einer blauen Quaste, die eine unwahrscheinliche Länge hatte. Und dazu noch zwei Riesengewehre, je eines auf einer Schulter; ein mächtiges Jagdmesser im Gürtel; eine Patronentasche hatte er auf dem Bauch, und auf der Hüfte schaukelte ein Revolver in seiner Lederhülle hin und her. Mehr war es nicht.

Ach Verzeihung, ich habe die Brille vergessen, eine riesige blaue Brille, die wohl den Zweck verfolgte, in das allzu bürgerliche Äußere unseres Helden eine kleine groteske Note zu bringen.

»Hoch Tartarin! Hoch Tartarin!« heulte das Volk. Der große Mann lächelte, aber er salutierte nicht, angesichts seiner Gewehre, die ihn behinderten. Im übrigen wußte er jetzt, was es mit der Volksgunst auf sich hatte. Kann sein, daß er sogar im Grunde seines Herzens seine scheußlichen Landsleute verfluchte, denn sie waren es, die ihn zwangen, abzureisen, sein hübsches kleines Daheim mit den weißen Mauern, mit den kleinen grünen Fensterläden zu verlassen.

Aber wenn es auch so war, so schien es nicht so nach außen.

Stolz und ruhig, wenn auch etwas blaß, trat er auf die Chaussee hinaus, besah sich seine Karren, und da alles stimmte, schlug er fröhlicher Dinge den Weg zur Bahn ein, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach dem Hause mit dem Baobab umzuwenden. Hinter ihm kam der tapfere Kommandant Bravida, ehemaliger Hauptmann im Monturendepot, der Präsident Ladevèze, sodann der Büchsenmacher Costecalde, sodann die Mützenjäger, dann die Karren und zum Schluß das Volk.

Vor dem Bahnhof erwartete ihn der Stationschef, ein alter Afrikander von achtzehnhundertdreißig, um ihm die Hand mehrere Male mit Wärme zu drücken.

Der Expreßzug Marseille-Paris war noch nicht gekommen. Tartarin und sein Gefolge begaben sich in den Wartesaal; um ein Gedränge zu verhindern, ließ der Stationschef hinter ihnen die Schranken schließen.

Eine Viertelstunde lang spazierte Tartarin kreuz und quer in dem Saal umher, mitten unter seinen Mützenjägern. Er erzählte ihnen von der Reise, seiner Jagd, und versprach, ihnen die Felle zu schicken. Er nahm in seinem Notizbüchlein Vormerkungen für Felle entgegen, als handele es sich um das Einschreiben für eine Quadrille.

Er war ruhig und sanft wie Sokrates mit seinem Schirlingsbecher. Er, der Tarasconese ohne Furcht und Tadel, hatte ein Wort für jedermann und für jedermann ein Lächeln. Er gab sich schlicht und war nichts als Liebenswürdigkeit, als wolle er nur ein gutes Andenken hinterlassen, nur Wehmut über sein Fernbleiben. Als alle die Mützenjäger ihren Herrn und Meister so reden hörten, traten ihnen allen Tränen in die Augen, manche bekamen Gewissensbisse, so der Präsident Ladevèze und der Apotheker Bézuquet; die Angestellten weinten in ihren Ecken, draußen guckte das Volk durch die Gitter und schrie: »Hoch Tartarin!«

Endlich erklang das Signal; ein dumpfes Rollen, ein ohrenbetäubendes Zischen erschütterte die Gewölbebogen.

Einsteigen! Einsteigen!

»Leb' wohl, Tartarin, leb' wohl, Tartarin!«

»Lebt alle wohl!« murmelte der große Mann, und wenn er die Wangen des braven Kommandanten Bravida küßte, so küßte er damit sein ganzes liebes Tarascon. Dann stürzte er zu den Geleisen, mitten in ein Abteil voll von Pariserinnen, die beinah vor Angst vergingen, als sie diesen sonderbaren Mann mit so viel Karabinern und Revolvern hineinstolpern sahen.

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