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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI. Degenstiche, meine Herren, Degenstiche, aber bitte keine Nadelstiche!

Hatte er wirklich allen Ernstes die Absicht, zu reisen? Eine delikate Frage, auf die der Historiograph Tartarins nicht mit ja, noch mit nein antworten möchte. Tatsache ist immerhin, daß die Menagerie Mitaine lange schon die Stadt verlassen hatte, während der Löwentöter immer noch nicht daran dachte, abzureisen. Er rührte sich nicht vom Fleck. Möglich war es ja immerhin, daß unser Held sich in aller Unschuld einbildete, daß er tatsächlich bereits nach Algier gegangen sei, er, ein armes blindes Opfer einer neuen Spiegelung. Es kann sein, daß er so lange von seinen künftigen Jagden erzählt hatte, daß er sich einbildete, er hätte sie wirklich bestanden, nicht mehr und nicht minder, als er die Konsularflagge in Schanghai gehißt und piff, paff, puff auf die Tataren geschossen hatte.

Nur war es ein großes Unglück, daß diesmal vielleicht Tartarin aus Tarascon ein Opfer dieser Spiegelung wurde, die Tarasconesen aber nicht. Drei Monate verstrichen in Erwartung; als man aber dann sah, daß der Jäger noch nicht einmal einen Koffer gepackt hatte, da fing man an zu murren.

»Das wird die gleiche Sache werden wie mit Schanghai«, sagte Costecalde und lachte dazu. Und das Wort des Büchsenmachers lief mit Blitzesschnelle durch die Stadt, und mit dem Glauben an Tartarin war es von nun an vorbei.

Die ewigen Kinder, die Männer mit dem großen Maul und dem kleinen Mut, Menschen wie Bézuquet, die vor einer Wanze die Flucht ergriffen, und die nicht einen Schuß abgeben konnten, ohne die Augen zu schließen, die kannten jetzt weder Gnade noch Erbarmen. Im Klub und auf der Promenade, wo sie den armen Tartarin trafen, da neckten sie ihn und witzelten:

»Und was das betrifft, wann geht es los?« Und im Laden Costecaldes hatte Tartarins Wort kein Gewicht mehr. Die Mützenjäger verleugneten ihr Oberhaupt.

Und dann häuften sich die Spottverse. Der Präsident Ladevèze, der gern in seinen Mußestunden so mit zwei Fingern der provenzalischen Muse den Hof machte, verfaßte im Volksjargon ein Liedlein, welches großen Erfolg hatte. Es war die Rede von irgendeinem großen Mann Gervaïs, dessen fürchterliches Gewehr den letzten Löwen bis zum letzten Haar aus Afrika ausrotten sollte. Unglückseligerweise hatte dieses Gewehr eine vermaledeite Konstruktion, man konnte es laden und laden, und nie ging es los!

Und im Handumdrehen wurde das Liedchen populär, und kam Tartarin vorbei, so sangen die Lastträger im Hafen ebenso wie die kleinen Schuhputzjungen vor seinem Hause:

Das Gewehr des lieben Herrn Gervaïs,
Geladen ist's immer, geladen ist's immer,
Das Gewehr des lieben Herrn Gervaïs,
Losgehen tut's nimmer, losgehen tut's nimmer.

Sie sangen es zwar in angemessener Entfernung angesichts seiner »doppelten Muskeln«, aber sie sangen es.

So wandelbar ist die Gunst der Masse in Tarascon!

Der große Mann tat, als sähe er nichts, als höre er nichts, aber im Grunde machte ihm dieser heimtückische, giftige Krieg viel Sorgen und Kummer. Er fühlte, wie ihm Tarascon entglitt, wie die Volksgunst sich anderen Zielen zuwandte, und das tat ihm fürchterlich weh.

Ach ja, vor der großen Schüssel der Volksgunst ist gut sitzen, aber wenn sie sich auf die andere Seite dreht, wenn einem die andere Seite besagter Schüssel auf den Kopf fällt, wie weh tut es, wie scheußlich verbrennt man sich!

Aber trotz seinem Herzenskummer lächelte Tartarin und führte in aller Ruhe sein gewohntes Dasein, als wäre nichts passiert.

Nur manchmal kam diese Maske einer heiteren Sorglosigkeit, die er sich aus Stolz umgebunden hatte, ins Rutschen. Dann war Schluß mit dem Lachen, man sah die Empörung, den Schmerz.

So sangen eines schönen Morgens die kleinen Stiefelputzer unter seinen Fenstern: »Das Gewehr des lieben Herrn Gervaïs«, und die Stimmen dieser Elenden drangen bis ins Zimmer des armen großen Mannes, der gerade im Begriff war, sich vor seinem Spiegel schönzumachen. (Tartarin trug Vollbart, aber wenn er zu stark wurde, mußte er ihn stutzen.) Plötzlich öffnete sich mit Gewalt das Fenster, und Tartarin erschien in Hemdsärmeln, ein Tuch um den Kopf, eingeseift mit guter weißer Seife, er schwang sein Rasiermesser und seine Rasierschale, und nun kam es mit Donnerstimme aus seinem Munde:

»Degenstiche, meine Herren, Degenstiche! Aber bitte keine Nadelstiche, aber keine Nadelstiche!«

Herrliche Worte, wert ins große Buch der Geschichte geschrieben zu werden, schade nur, daß sie sich nur an diese kleinen Lausebengels wandten, die nicht größer waren als ihre Wichskasten, und an Kavaliere, schlechterdings außerstande, einen Degen zu führen!

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