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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X. Vor der Abreise

Während nun Tartarin sich mit allen möglichen radikalen Mitteln trainierte, ließ ihn Tarascon nicht aus dem Auge. Alles drehte sich um ihn. Die Mützenangelegenheit war zu einer Angelegenheit zweiter Ordnung herabgesunken, die Romanzen moderten im Dunkeln des Vergessens. In der Apotheke Bézuquet schmachtete das Klavier unter seinem grünen Überzug, und die Kantharidenfliegen trockneten darauf, mit dem Bauch nach oben. Die Expedition Tartarin hatte alles kurz abgeschnitten.

Der Erfolg des Tarasconesen in den Salons war geradezu unglaublich. Man stritt sich um ihn, einer riß ihn dem anderen aus den Händen, man borgte sich ihn aus, man stahl sich ihn. Es gab keine größere Ehre auf der Welt für die Damen, als an Tartarins Arm in die Menagerie Mitaine zu gehen und sich vor dem Löwenkäfig erklären zu lassen, wie er sich auf der Jagd nach diesem Großwild halten würde. So mußte man zielen und nicht anders, soviel Schritte entfernt, und dann das Nötige über die Zahl von Unglücksfällen usw.

Tartarin gab alle gewünschten Erklärungen, er hatte Jules Gérard gelesen und kannte die Löwenjagd aus dem Effeff, als hätte er sie selbst mitgemacht. Und so konnte er auch von diesen Dingen mit einem großen Aufwand von Beredsamkeit sprechen.

Aber ganz auf seiner Höhe war er erst beim Diner beim Präsidenten Ladevèze, als ihn der tapfere Kommandant Bravida, Monturenhauptmann a. D., von seinen künftigen Jagden erzählen ließ, während man den Mokka brachte und alle Gäste ihre Stühle zusammenrückten. Und jetzt erzählte der Held, die Ellbogen auf das Tischtuch aufgestützt, die Nasenspitze in seiner Mokkatasse, von den Gefahren, die ihn da unten erwarteten, und seine Stimme zitterte. Er erzählte, wie er in langen mondlosen Nächten auf dem Anstand ausharren wollte, er berichtete von Sümpfen und ihrem Pesthauch, er schilderte, wie das Laub der Oleanderbäume die Gewässer der Flußufer vergifte, er erzählte vom Schnee, dem glühenden Sonnenbrand, den Skorpionen, der Heuschreckenplage. Er schilderte die Sitten und Gebräuche der großen Löwen im Atlasgebirge, die Art, wie sie losgingen, ihre ungeheuerliche Kraft und ihre Wildheit zur Zeit der Brunst...

Sodann entflammte er sich an seinem eigenen Bericht, erhob sich vom Tisch, und mit einem Satz sprang er mitten in den Speisesaal, ahmte das Gebrüll des Löwen nach, das Krachen eines Karabiners, piff, paff, das Zischen eines Dumdumgeschosses, brumm, brumm, er schlug um sich, er röhrte, schmiß die Stühle um.

Rund um den Tisch war alles erbleicht. Die Menschen sahen sich an, schüttelten den Kopf, die Frauen schlossen die Augen unter leisen Schreckensrufen, die alten Herren schwangen ihre langen Stöcke in kriegerischer Begeisterung, und in dem Zimmer daneben ängstigten sich fürchterlich die kleinen Kinderchen, die man früh zu Bett gebracht hatte, denn sie waren plötzlich von dem Gebrülle und von dem imitierten Flintengeknalle aufgewacht, und nun riefen sie nach Licht.

Aber: Tartarin zögerte, Tartarin reiste nicht ab.

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