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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX. Höchst sonderbare Wirkungen der Spiegelung

An diesem Tage sprach Tartarin aus Tarascon nicht weiter. Aber der Unselige hatte schon zuviel gesprochen.

Am nächsten Tage sprach die ganze Stadt von nichts anderem als von der in Bälde zu erwartenden Abreise Tartarins nach Algier zur Löwenjagd. Sie alle, liebe Leser, Sie sind Zeugen, daß der Gute auch nie ein Sterbenswörtchen davon gesagt hatte. Aber, Sie wissen schon, die Spiegelung...

Mit einem Wort, ganz Tarascon sprach nur von der Abreise.

Auf der Promenade, im Klub, bei Costecalde, überall stießen sich die Leute ganz aufgeregt an: »Und was das betrifft, Sie wissen das Neueste, nicht wahr?«

»Und was das betrifft, was denn?... Daß Tartarin abreist, nicht wahr?«

Denn in Tarascon fängt jede Phrase mit einem »Was das betrifft« an und endet mit einem »Nicht wahr«, das man wie net waah ausspricht. Und so erschollen denn an diesem Tage, mehr als an allen anderen die »Was das betrifft« und die »Netwaahs« so kräftig, daß die Scheiben klirrten.

Der Mann, der bei der Nachricht, er solle nach Afrika, wie aus den Wolken fiel, war kein anderer als Tartarin. Aber jetzt sehen Sie einmal, was die Eitelkeit alles kann. Statt einfach zu antworten, es fiele ihm nicht im Traume ein, zu reisen, sagte vielmehr der arme Tartarin, als man zum erstenmal mit ihm von dieser Reise sprach, so halb und halb ausweichend: »Ach ja, ach so, na ja, vielleicht ... kann sein.« Das zweitemal, als er sich mit der Idee schon etwas vertrauter gemacht hatte, antwortete er: »Möglich schon.« Und das drittemal: »Ich habe mich entschlossen.«

Und endlich am Abend im Klub und bei den Costecaldes in Stimmung gebracht von dem Eierpunsch, von den Bravos, von den Lichtern, berauscht von dem Riesenerfolg, den schon die bloße Ankündigung seiner Reise in der Stadt gehabt hatte, erklärte der Unselige in aller Form, er habe es satt, Mützen zu jagen, und würde in Kürze auf die großen Löwen im Atlasgebirge losgehen.

Ein gewaltiges Hurra war die Antwort auf diese Erklärung. Daraufhin neuer Eierpunsch, Händedrücken, Wangenkuß und Serenade mit Fackeln bis Mitternacht vor dem kleinen Hause mit dem Baobab.

Aber das alles war nicht nach dem Sinn Tartarin-Sanchos. Diese Idee, nach Afrika zu reisen und Löwen zu erlegen, jagte ihm schon jetzt eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken; und kaum waren sie (Tartarin-Quichotte und er) zu Hause, und noch waren die letzten Töne der Ehrenserenade unter ihren Fenstern nicht verklungen, da machte er Tartarin-Quichotte eine furchtbare Szene, nannte ihn verrückt, Schlafwandler, Patentidiot, meschugge vom Scheitel bis zur Zeh und malte ihm nun der Reihe nach alle die Katastrophen vor, die ihn bei einer solchen Expedition erwarteten, als da sind: Schiffskatastrophen und Zipperlein, Wechselfieber und Dysenterie, schwarze Pest und Elefantiasis und was sonst noch dazu gehört.

Vergeblich schwor Tartarin-Quichotte, er werde sich schon halten und werde an seine Unterkleidung denken, er würde alles umnehmen, wie es sich gehört. Aber Tartarin-Sancho wollte nichts hören. Der arme Teufel sah sich schon in Atome zerfetzt von den Löwen und vom Wüstensand begraben wie weiland König Kambyses – und schließlich gelang es Tartarin nur dadurch, ihn ein wenig zu beruhigen, daß er ihm auseinandersetzte, es müsse ja nicht schon diese Woche losgehen, nichts dränge zur Eile, schließlich und endlich seien sie eben doch noch hier.

Und tatsächlich leuchtet das doch jedem ein, daß man zu solch einer Expedition nicht aufbricht, ohne die gehörigen Vorsichtsmaßregeln getroffen zu haben. Man muß doch wissen, wohin es geht, und man flattert nicht so einfach los wie ein Vögelchen.

Vor allen Dingen wollte der Tarasconese die Berichte aller großen Afrikareisenden lesen, die Reisebeschreibungen von Mungo Park, de Caillé, von Dr. Livingstone und von Henri Duveyrier.

Daraus ersah er, daß diese kühnen Reisenden, bevor sie ihre Sandalen zu den weiten Expeditionen geschürzt hatten, sich von langer Hand trainiert hatten, um den Durst, den Hunger, die Gewaltmärsche und Entbehrungen aller Art ertragen zu können. Tartarin wollte es machen wie sie, und von diesem Tage an nährte er sich nur von Heißwasser. Das, was man in Tarascon Heißwasser nennt, das sind ein paar Brotschnitten in heißem Wasser mit ein wenig Knoblauch, Thymian und Lorbeer. Das war strenge Kost, und man kann sich vorstellen, was für ein Gesicht der arme Sancho dazu machte.

Zu diesem Suppentraining gesellte Tartarin aus Tarascon andere weise Maßnahmen. So strengte er sich, um sich an lange Märsche zu gewöhnen, nun an, jeden Morgen seinen Spaziergang um die Stadt sieben- oder achtmal zu wiederholen, einmal in schnellem Schritt, das andere Mal im Trab, die Ellbogen angelegt und zwei kleine weiße Kiesel im Munde nach antiker Sitte. Dann wollte er sich an den Nachtfrost gewöhnen, an Nebel und an Tau, und so ging er jeden Abend in seinen Garten hinüber und blieb da bis zehn oder elf Uhr nachts allein mit seinem Schießgewehr auf dem Anstand hinter dem Baum.

Und dann konnten die Mützenjäger, wenn sie sich bei Costecalde verspätet hatten, solange die Menagerie Mitaine in Tarascon blieb, im Schatten der Häuser einen geheimnisvollen Mann sehen, der auf dem Schloßplatz das Zirkuszelt unaufhörlich von links nach rechts und von rechts nach links umkreiste.

Das war Tartarin aus Tarascon, der sich daran gewöhnte, ohne Zittern das Gebrülle eines Löwen in der dunklen Nacht zu ertragen.

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