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Tanzende Flamme

Ravi Ravendro: Tanzende Flamme - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzende Flamme
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1927
printrun11. - 13. Auflage
correctorreuters@abc.de
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Pya Prajura saß mit Nang Kulap auf der großen freien Terrasse. Elektrische Fächer wehten weniger der Kühlung wegen, als um die Moskitos zu vertreiben. Fliegende Ameisen und Heuschrecken wurden vom Licht der Lampe angelockt. Ein Likörglas stand auf dem Tisch. Ein kleines, flinkes Eidechslein kam vorsichtig herbei und schnupperte in der Luft, als ob es den Alkohol wittere. Dann umkreiste es das Glas mehrere Male, schlüpfte schnell hinein und leckte mit dem roten Zünglein die wenigen übriggebliebenen Tropfen Benediktiner auf.

Um halb sechs war Dok Mali zum Dusitpark gefahren, eben schlug es neun.

»Übrigens habe ich heute durch den Prinzen Naret eine schriftliche Einladung der ersten Königin für dich, Dok Mali und Malila zum Tee erhalten. Hier ist sie«, sagte Pya Prajura, indem er wieder nach der Zeit sah. »Mir ist es eigentlich nicht recht, daß Dok Mali diese Nacht im Dusitpalais bleibt. Der König wird sicher alle seine Versprechungen halten, aber ich wollte erst vom Palastministerium noch einige Zugeständnisse bei den Verhandlungen herausholen, davon kann natürlich nachher keine Rede mehr sein.«

»Dok Mali wird heute abend zurückkommen. Schon das erstemal war es spät. Verliebte denken bekanntlich nie an Zeit.«

Kurz nach zehn hörte man das Dogcart zurückkehren. Pya Prajura stand auf und ging hinunter. Lustig ertönte die Klingel des Wagens. Also ist Dok Mali doch wiedergekommen, dachte er froh bei sich.

Der Kutscher kam ihm entgegen: »Herr, Nang Dok Mali hat befohlen, daß ich um diese Zeit nach Hause zurückfahren soll. Sie selbst will später mit dem Auto heimkehren.«

Pya Prajura war beruhigt und ging zur Terrasse zurück.

»Nun ist alles zwischen dem König und Dok Mali in Ordnung«, sagte Nang Kulap triumphierend.

Der Pya ließ sich von einem Diener Akten bringen, um sie durchzusehen. Nang Kulap rief Dienerinnen und spielte mit ihnen das Bohnenspiel. So vertrieben sich beide die Zeit.

Aber es wurde Mitternacht, und als es schließlich gegen ein Uhr war, zog sich erst Nang Kulap und später auch Pya Prajura zurück. Er ließ sein Auto vorfahren und begab sich zur schönen Mä Talap, für die er an der Klong Pajomstraße eine idyllisch gelegene Villa eingerichtet hatte. Er war modern. Die anderen höheren Beamten hatten ihre Frauen alle in einem Hause untergebracht. Aber er wollte nach europäischer Art repräsentieren. Ihn konnte jeder Gesandte in seinem Palais besuchen, er würde niemals in die Verlegenheit kommen, seine »siamesischen« Angewohnheiten zu verbergen. Trotzdem verzichtete er nicht auf die Mehrehe. Nang Kulap war in alles eingeweiht und billigte es.

*

Als Pya Prajura am nächsten Morgen das Frühstück gemeinsam mit Nang Kulap einnahm, wollte keiner zuerst von der Sache anfangen, die sie doch beide innerlich so stark bewegte. Aber schließlich konnte Nang Kulap nicht mehr schweigen.

»Der Palastminister wird wohl gleich anläuten.«

»Ich habe mir überlegt, ob es schicklich wäre, daß ich heute vormittag selbst dort vorspreche«, meinte Pya Prajura.

»Nein, das darfst du nicht tun. Wir müssen die allergrößte Zurückhaltung üben, und vor heute nachmittag dürfen wir uns unter keinen Umständen melden.«

Schließlich wurde es Zeit, daß Pya Prajura ins Finanzministerium fuhr. Er war in bester Stimmung. Alle Beamten, mit denen er heute zu tun hatte, empfanden es dankbar.

*

Als Dok Mali gegen Abend immer noch nichts von sich hatte hören lassen, telephonierte er den Prinzen Naret an und erkundigte sich vorsichtig, ob der König ihn heute abend in Audienz empfangen würde.

»Majestät haben sich heute den ganzen Tag noch nicht gezeigt. Ich habe schon alle Leibärzte informiert, daß sie sich bereithalten sollen. Hoffentlich ist der König nicht indisponiert«, kam es vom Palastminister zurück.

Pya Prajura schmunzelte. Wenn die Sache so stand, wollte auch er nicht indiskret sein. Aber eigentlich war es doch eine starke Unhöflichkeit, sowohl von Dok Mali als auch vom König, die Eltern ohne Nachricht zu lassen. Immerhin, man konnte nicht wissen. Bei der Größe des Glückes ...

Am nächsten Morgen wandte er sich mit einer direkten Frage an den Prinzen Naret. Große Aufregung herrschte. Der Palastminister erkundigte sich bei den Beamten, die in der fraglichen Zeit Dienst taten. Niemand hatte Dok Mali gesehen, in den Palast war sie nicht gekommen. Übrigens ging der König an dem betreffenden Tage auch nicht am See spazieren, da er sich nicht wohlfühlte. Sollte Dok Mali wieder ein Unfall zugestoßen sein? Die Minister des Lokal-Government und der Justiz erhielten Mitteilung.

Die Sache sollte geheimgehalten werden, hatte sich aber am nächsten Vormittag schon herumgesprochen. Und die vielen Freunde und Feinde Pya Prajuras quittierten diese Nachrichten mehr oder weniger schadenfroh.

Niemand wagte dem König den Vorfall zu melden. Er fühlte sich wirklich krank. Hatte er sich bei dem letzten Spaziergang im Dusitpark, wo er so lange am kühlen Wasser blieb, erkältet? Keiner wußte es. Der Leibarzt Dr. Reinolds blieb undurchdringlich, man erfuhr nichts von ihm. Es wurde von allerhand vereitelten Attentatsplänen gemunkelt; aber dem König fehlte nichts, er hatte nur Langeweile. Und das kam bei ihm manchmal vor. Nur der geschäftige Hofklatsch wußte gleich allerhand Märchen darum zu spinnen, Dr. Reinolds schlug eine Luftveränderung vor. Er kannte diese Zustände am besten. Zunächst sollte der König in die Gegend von Petchaburi reisen. Da erfuhr Pra Paramin durch einen Zufall doch von dem Verschwinden Dok Malis. Er ließ sich sofort Vortrag halten. Allgemein war man der Ansicht, daß sie entführt worden sei und von einem Prinzen oder hohen Würdenträger in Bangkok versteckt gehalten würde. Am Montag abend war sie nach dem Dusitpark gefahren, seitdem fehlte jede Spur von ihr.

*

Am Freitag abend kam die »Prajura Monthon« von ihrer Dienstfahrt zurück. Der Kapitän der »Sampao Neng Fu« wurde ins Gefängnis geworfen, kein Mensch hatte sich mehr an Bord um ihn gekümmert. Sein Fall lag ja ganz einfach, da gab es nicht viel aufzuklären; erst am Montag wurde er vernommen. Dabei kamen so merkwürdige Dinge zum Vorschein, daß die Angelegenheit dem Justizminister gemeldet wurde. Nach der Beschreibung wurde Dok Mali sofort wiedererkannt. Inzwischen stellte sich auch heraus, daß der Familienschmuck fehlte, und am Montag abend zeigte sich, daß es sich um eine wohlvorbereitete Flucht handelte. Pya Prajura tobte; er hegte sogleich Verdacht gegen Rata, wagte ihn aber noch nicht auszusprechen.

Der Zufall wollte es, daß am selben Nachmittag ein Aktenstück gebraucht wurde, das sich in Pra Ratas Verwahr befand, und das er anscheinend vergessen hatte, vor seinem Urlaub wieder abzugeben. Da man seinen Schreibtisch verschlossen fand, erbrach man ihn und entdeckte den Brief. Prinz Naret war starr vor Schrecken. Nicht nur seinen besten Beamten hatte er für immer verloren – wie sollte er die Ungnade der Königin ertragen, wenn das Perlenhalsband nicht zum Vorschein kam! Auch er wollte die Sache wenigstens noch einen halben Tag geheimhalten. Man durchsuchte Ratas Wohnung. Eine Razzia in allen Pfand- und Leihhäusern wurde abgehalten, aber vergeblich. Von der Halskette der Königin keine Spur!

Am Dienstag lag alles klar: Pra Rata hatte absichtlich nicht die Korrespondenz über das Halsband, wie vorgeschrieben, in das Journal eingetragen, er hatte niemand etwas davon gesagt, daß es angekommen sei, dann hatte er um einen längeren Urlaub gebeten und sein Bankkonto im letzten Augenblick abgehoben. Auch Dok Mali war der Mittäterschaft oder wenigstens der Verleitung zum Diebstahl verdächtig. Sie hatte im Einvernehmen mit ihm gehandelt, hatte mit ihm den Plan bis in alle Einzelheiten vorbereitet und den Familienschmuck mitgenommen, der allerdings ihr Eigentum war. Aber das ließ sich bestreiten. Sie hatte sich auch eine bedeutende Summe auf der Bank auszahlen lassen, und, um alle zu täuschen, war sie scheinbar auf die Wünsche des Königs eingegangen, nur um desto sicherer mit Pra Rata fliehen zu können.

Wieder ein großer Hofskandal, wie man ihn lange nicht erlebt hatte! Der Sturz Pya Prajuras schien sicher, die altsiamesische Partei frohlockte. Die Freunde Ratas standen vor einem Rätsel; man hatte ihn immer für einen vornehmen, anständigen Kerl gehalten, und jetzt machte er solch katastrophale Dummheiten! Aber einer schönen Frau zuliebe und besonders, wenn es Dok Mali war ... Mancher von ihnen träumte sich in seine Lage – und hätte wahrscheinlich auch nicht anders gehandelt.

*

Die »Sampao Neng Fu« fuhr mit vollen Segeln und glitt wie ein Schwan über die Flut.

Das große Glück war über Dok Mali und Rata gekommen. Sie waren allein, und die ganze Welt um sie her versank. Rata hatte nie geahnt, daß es solche Wonnen geben könne. Aber Dok Mali sah nur letzte Erfüllung ihrer Träume. Keiner von beiden dachte mehr an Vergangenheit und Zukunft.

Afuk und die Chinesen verhielten sich ruhig. Mä Di sorgte für alles. Des Abends besprengte sie das Lager und die Kissen mit kostbaren Blumenwässern und entzündete Weihrauch auf einer kleinen Pfanne. Sie schlief am Nachmittag, um mit Beginn der Dunkelheit ihren Wachtposten zu beziehen. Auch sie blühte in dem Glück ihrer Herrin wieder auf und wurde noch einmal jung. Am Vormittag durfte sie den beiden Märchen erzählen – die alten Märchen, die von schönen Prinzessinnen und Prinzen, von tiefen Wäldern, von Dämonen und Ungeheuern, von Geistern und Schlangen, von klagender Sehnsucht und endlosen Irrfahrten erzählten und in denen schließlich die Liebenden doch noch in namenlosem Glück vereint wurden.

Ab und zu kamen Inselgruppen in Sicht. Weiße Möwen begleiteten das Schiff. Traumhafte Schönheit lag über allem, Dok Mali glaubte eine verzauberte Prinzessin zu sein und erlebte selbst das schönste Märchen. Je gefahrvoller die Wirklichkeit war, der sie entronnen, je drohender die Zukunft, der sie entgegengingen, desto süßer war die Gegenwart, und desto weniger wollten sie sich aus dem Paradies ihrer Liebe vertreiben lassen.

Bangkok und Siam waren vergessen, sie schwebten auf einem einsamen Schiff auf dunkelgrünen Wogen, und das Rauschen des Meeres sang ihnen ihr Wiegenlied. Die Größe ihres Glückes löste für sie die Begriffe von Zeit und Raum, ein Zauberschleier trennte sie von bösen Erinnerungen oder aufkeimender Furcht. Immer wieder mußte Mä Di das Märchen vom Paradies des Westens oder von Suvanna Mali erzählen.

Pra Rata fürchtete anfangs, daß man sie von Bangkok aus verfolgte, oder daß sie auf der Höhe von Nakon Sri Tammarat von siamesischen Wachtschiffen angehalten werden könnten. Aber nichts ereignete sich, und so wurden auch seine Furcht und sein Gewissen eingeschläfert.

Der sechste Tag ihrer Fahrt war gekommen. Sie selbst wußten es nicht, nur Mä Di und der Koch zählten die Tage, aber beide schwiegen und sagten nichts.

Es war Sonntagabend geworden. An dem äußeren Bild hatte sich nichts verändert. Im Vorderteil des Schiffes schliefen die Chinesen, alle Lichter waren gelöscht. Dok Mali und Rata ruhten innig umschlungen, sie weilten im Traumland letzten Glücks.

Mä Di wachte. Plötzlich schreckte sie auf – eine dunkle Gestalt kam auf sie zugeschlichen. Schon wollte sie um Hilfe rufen, da erkannte sie Akim.

»Mä Di, ich habe Furcht, das Wasser ist so schwarz geworden, und Afuk hat mir erzählt, daß wir vielleicht Sturm bekommen werden.«

Mä Di machte ihm ein Zeichen, daß er schweigen sollte, und schickte ihn zurück. Ihr fiel es jetzt auch auf, daß die See unruhiger war, sie sah weiße Kämme auf den Wogen. Aber noch strahlte der Mond und keine Wetterwolken zeigten sich. Afuk hatte in dieser Nacht selbst die Wache am Steuer. Man konnte von dort aus auch den Eingang zur Kajüte beobachten. So schlich sie denn nach hinten und fragte ihn, ob es Sturm geben würde.

»Ich weiß es nicht genau, aber ich habe heute die Mä Takhien, die Schiffsfrau, gesehen«, antwortete Afuk. »Erscheint sie auf der linken Seite des Schiffes, so bedeutet es Sturm. Erscheint sie auf der linken hinteren Seite, so bedeutet es Untergang.«

»Wo hast du denn die Mä Takhien gesehen?«

»Sie war links in der Mitte des Schiffes, gleich hinter dem Hauptmast.«

»Glaubt ihr Chinesen denn auch an die Mä Takhien?« fragte Mä Di.

»Die anderen nicht, aber ich habe in Bangkok eine Siamesin, Mä Ploi, zur Frau. Von ihr habe ich erfahren, welche Macht die Mä Takhien über die Schiffe hat.«

»Hast du denn jeden Tag die nötigen Opfergaben an Reis und Fisch an den Bugsprit des Schiffes gestellt?« fragte Mä Di.

»Selbstverständlich tat ich das. Bis jetzt habe ich die Schiffsfrau jeden Tag vorn rechts an der Spitze der ›Sampao Neng Fu‹ gesehen.«

Mä Di blieb noch länger bei Afuk sitzen, und sie unterhielten sich über Bangkok. Die Amme fragte viel, und der Steuermann war zufrieden, daß er Gesellschaft hatte. Als er sich aber nach den Herrschaften erkundigen wollte, gab Mä Di ausweichende Antwort. Immerhin, die Zeit verging angenehmer, wenn man sich etwas erzählen konnte.

Die See war unruhiger geworden. »Du mußt jetzt deine Herrschaften wecken,« sagte Afuk, »es wird Zeit, daß sie in die Kabine gehen. Denn ich fürchte, das Wetter wird so schlimm, daß in kurzer Zeit die Wellen über Deck spülen.«

Mä Di kehrte auf ihren Posten zurück, wagte es aber noch nicht, Dok Mali zu stören.

Der Wind sang in der Takelage, es begann unangenehm zu werden. Jetzt rief Afuk mit lauter Stimme nach vorn. Zwei Chinesen kamen über das Deck nach hinten, um ihm am Steuer zu helfen. Mä Di faßte sich ein Herz und weckte ihre Herrin. Als sie bemerkte, daß die Beiden sich erhoben hatten, kam sie näher und richtete die Botschaft von Afuk aus. Auch der Koch war wieder in der Nähe und half Mä Di, die Kissen, Polster und Decken in die Kajüte zu tragen. Es standen jetzt vier Mann am Steuer. Afuk ließ einen Teil der Segel einholen; man befestigte alles an Deck und machte die Luken zu den Kajüten dicht. Da aber die »Sampao Neng Fu« mit dem Winde fuhr, konnten ihr die Wellen noch nichts anhaben. Um ein Uhr in der Nacht gab es wirklich Sturm. Rata und Dok Mali blieben so lange wie möglich im Freien an Deck. Auch das wild bewegte Meer hatte seine Schönheit, die Dok Mali jetzt tief empfand. Erst, als sie von weißem Wellenschaum gestreift wurden, gingen sie hinein.

Die Segel wurden fast ganz eingezogen, einzelne Wellen spritzten über das Deck, aber es wurde immer schlimmer. Die »Sampao Neng Fu« war ein starkes und stolzes Schiff und hielt sich wacker, obgleich sie in allen Fugen krachte und dröhnte. Aber schon drang Wasser ein, Afuk ließ eine der Pumpen in Bewegung setzen. Rata hatte den Koch und Mä Di mit in die Kapitänskajüte genommen, da es sonst kein trockenes Plätzchen mehr gab.

Dok Mali saß dicht an Rata geschmiegt. »Wenn das Schiff jetzt unterginge, stürbe ich mit dir zusammen.«

Er hielt ihre Hand.

Ein Gewitter brach los, es regnete nicht. Schauerlich zuckten die Blitze, wie Kanonenschläge brüllten die Donner.

»Ramesuen und Mekhala jagen sich«, sagte unter wehmütigem Lächeln Dok Mali.

*

Am Nachmittag des nächsten Tages befanden sie sich nicht mehr an Bord der »Sampao Neng Fu«. Ein großes malaiisches Fischerboot hatte sie aufgenommen. Die Meereswellen gingen zwar noch höher als sonst, doch konnte das schnelle Fahrzeug gut aufholen. Sie waren dicht vor dem Hafen von Singapur.

Die »Sampao Neng Fu« war furchtbar mitgenommen worden. Bange Stunden durchlebte die Besatzung. Das Schiff hatte schwere Havarie erlitten, und hätte der Sturm noch länger gedauert, so wäre es untergegangen. Der Hauptmast ging über Bord und vier Mann waren von den Wellen weggespült worden. Afuk und die Chinesen wußten es genau: Dieses Unglück verdankte man dem vornehmen Siamesen und der Laotin. Aber man hatte in dem schweren Kampf mit dem Unwetter keine Zeit, sich um sie zu kümmern. Zwar hatten einige geraten, sie über Bord zu werfen, um die bösen Geister zu versöhnen, und sich ihr Geld und ihre Habe anzueignen, aber sie wußten, daß die Fremden mit Schießwaffen versehen waren, und das hielt die Chinesen zurück.

Als sich das Wetter am Montag in der Frühe aufklärte, war man auf der Höhe von Singapur. Alle hatten zu tun, die Pumpen zu bedienen und Ordnung auf dem Schiff zu machen. Die Meereswogen glätteten sich wieder. Rata verdreifachte Afuks Prämie und so gelang es ihm, am Spätnachmittag ein großes, starkes Fischerboot herbeizurufen.

Jetzt erst, dicht vor dem Hafen von Singapur, kam ihm zum Bewußtsein, in welcher Gefahr sie während der ganzen Tage geschwebt hatten. Der Koch erzählte es ihnen ausführlich. Die Chinesen hatten gemerkt, daß er sehr viel Geld und Wertsachen bei sich haben mußte. Was hätten sie gegen diese Übermacht tun sollen? Die vier Fischer hier in diesem Malaienboot könnte man leicht durch die Browningpistolen in Schach halten, aber das war nicht notwendig. Gegen sieben Uhr abends kam man im Hafen an, Rata wußte in Singapur gut Bescheid. Man ging in ein kleines, aber sauberes Chinesenhotel. Pra Rata zog das Feiertagskleid seines Koches an, einen violettseidenen Chinesenanzug.

*

Mit Sonnenaufgang war die kleine Reisegesellschaft schon tätig. Mä Di und Akim waren vollauf beschäftigt, um Wäsche und Gepäck der Herrschaft in Ordnung zu bringen.

»Der Koch hat außer seinem Festtagsgewand und einigen Kleinigkeiten alles verloren«, sagte Mä Di zu Pra Rata. »Auch das letzte Huhn, der Herd und das Kochgeschirr sind über Bord gespült worden.«

»Das läßt sich alles ersetzen, das ist nicht schlimm, Mä Di.«

Alle Kleider waren vom salzigen Seewasser durchnäßt und wollten nicht trocknen.

»Mein Paß lautet auf den Namen Kim Seng Li«, wandte sich Pra Rata an Dok Mali. »Ich muß mir also europäische Anzüge mit chinesischem Einschlag besorgen. Du hast doch sicher auch Einkäufe zu machen?«

»Gehen wir zusammen!« entgegnete Dok Mali.

Pra Rata trug wieder den Anzug Akims, dazu eine große, dunkle Brille. Man konnte ihn von einem wohlhabenden Chinesen nicht unterscheiden.

Mehrere Stunden war man unterwegs.

»Alle nötigen Kleider sind beschafft. Ich werde jetzt allein in ein Passagebüro gehen, damit wir nicht auffallen.«

Dok Mali begleitete ihn bis in die Nähe und beobachtete den Eingang von einer Eingeborenenküche aus. Jetzt kam es darauf an! Wenn sie keine Fahrkarten bekamen – sie dachte intensiv: Rata hat Erfolg, Rata bekommt die Passage. Sie sagte diese Worte halblaut immer wieder und beruhigte sich dadurch.

Es dauerte sehr lange. Sie hatte nicht auf die Uhr gesehen, als er hineinging. Ob er erkannt worden war? »Rata hat Erfolg« ... Wenn er angehalten werden sollte, müßten doch Polizisten in das Büro gehen. Bis jetzt hatte sie keinen gesehen. Aber dort kamen zwei auf dem Fußgängersteig ziemlich rasch daher. Sie waren sicher telephonisch gerufen worden. Dok Mali wollte hinübereilen, um Rata beizustehen – aber sie gingen vorüber.

Wieder sah sie nach der Uhr. Es waren erst zwei Minuten vergangen. Ihre Gedanken jagten – sie mußte ihren Spruch wiederholen. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und schlenderte unauffällig an dem Büro vorbei. Rata sprach lebhaft, er verteidigte sich. Sie ging weiter zu einem offenen Laden und handelte um einen Schal. Da öffnete sich drüben die Tür, aber ein anderer Herr kam heraus. Verzweifelt schloß sie die Augen. »Rata hat Erfolg« ...

Sie mußte sich setzen. Die Verkäuferin brachte ihr ein Glas Sodawasser. Angenehm fühlte sie die Lehne des Rattansessels. Wie konnte sie nur so schwach und hilflos sein! Sie wagte nicht mehr aufzublicken, sie konnte es auch nicht mehr, es wurde ihr schwarz vor den Augen. – Jetzt wurde er drüben festgenommen – sie war sicher eben aufgefallen – gleich würde man auch sie holen – und nach Bangkok bringen.

Sie schauderte. Eine Hand legte sich schwer auf ihren Arm ...

»Wir haben Glück.« Es war Ratas Stimme. »Noch heute nachmittag fährt die englische ›Arcadia‹, die in Colombo Anschluß an die ›Macedonia‹ hat und morgen geht ein großer japanischer Dampfer ›Hakone Maru‹ direkt nach London. Ich hielt es aber für besser, noch heute mit dem Engländer zu fahren, und habe Passage gebucht. Die Fahrkarten habe ich in der Tasche.«

Dok Mali war fast ohnmächtig.

»Das macht die Hitze. Madame sollte einen Tropenhut tragen«, sagte der Ladeninhaber. »Hier sind die letzten Moden für Damen.«

Dok Malis Schwäche verging bald. Sie kaufte einen Hut mit wallendem dunkelgrünem Schleier.

»Ich hatte solche Sorge um dich, aber jetzt will ich stark sein.«

Rata nahm einen Wagen zum Hotel. »Eigentlich wollte ich Akim hier zurückschicken. Aber er hat mich heute morgen gebeten, ihn nicht zu entlassen. So habe ich auch für ihn belegt.« –

Nachdem Mä Di ihre Arbeit beendet hatte, ging sie aus Neugierde auf die Straße, um sich Schaufenster anzusehen. Als Rata und Dok Mali zurückkamen, war sie schon zwei Stunden fort. Um fünf Uhr fuhr der Dampfer, jetzt war es zwei. Auf die Polizei konnten sie nicht gehen, sie wußten sich keinen Rat. Akim wurde ausgeschickt, sie zu suchen – Viertelstunde um Viertelstunde verrann in banger Sorge.

»Akim kommt bestimmt zurück; wenn er Mä Di nicht findet, müssen wir ohne sie fahren«, sagte Rata.

»Das darf nicht geschehen!«

»Wir können doch ihretwegen nicht einen ganzen wertvollen Tag versäumen.«

Dok Mali sah es ein.

Wieder vergingen bange Minuten. Endlich brachte der Koch die Verlorene in einer Riksha an. Es war höchste Zeit zum Aufbruch.

Die »Arcadia« lag ziemlich weit draußen. Akim mietete ein Sampanboot. In Singapur hatte sich die Anzahl der Koffer und Gepäckstücke stark vermehrt.

»Zur Arcadia! Schnell!«

»Jawohl, Master!«

Rata behielt die Uhr in der Hand. Wie langsam diese Malaienschlingel ruderten!

»Wir werden nicht mehr hinkommen«, erklärten die beiden Bootsleute nach fünfzehn Minuten.

»Sicher kommt ihr hin, wenn ich jedem von euch einen Dollar extra gebe!« Rata ärgerte sich, diese Halunken wußten auch alles, was im Hafen vorging.

Das Boot knarrte im Gleichtakt. Die »Arcadia« kam immer näher. Das Trinkgeld hatte geholfen. Rata schätzte die Entfernung noch auf zweihundert Meter. Weiter fuhr der Sampan, der am Bugsprit ein aufgemaltes Auge zeigte, damit er seinen Weg durch die Wellen finden könnte.

Von der »Arcadia« tönte zum erstenmal die Sirene, in fünf, höchstens zehn Minuten ging das Schiff ab.

Plötzlich wurden die Ruder eingezogen. »Wir sind zu müde geworden und können nur weiterfahren, wenn du uns sofort hundert Straitsdollars gibst, Master.«

Man hörte das Rasseln der Ankerketten. Rata bückte sich zu seiner Handtasche, als ob er Geld herausnehmen wollte, unerwartet hielt er den beiden den Revolver entgegen. Der Erfolg war verblüffend; mit einem Satz verschwanden sie im Wasser.

Akim griff schnell das eine Ruder auf, das andere ging verloren. Pra Rata brach als Ersatz eine Bank aus dem Boot. Auch Dok Mali versuchte mit einem Brett zu helfen.

Von der Kommandobrücke aus hatte der erste Offizier die Szene beobachtet. Das halbhochgezogene Fallreep wurde noch einmal heruntergelassen.

Endlich befanden sie sich mit dem Gepäck in Sicherheit. Mä Di wäre beim Hinaufklettern auf die Plattform beinahe ins Wasser gefallen. Oben an der Reling standen die Passagiere und sahen dem Schauspiel mit Spannung zu; die ganze Gesellschaft war öfter in den schwierigsten Situationen geknipst worden.

»In solchen Häfen soll man immer eine halbe Stunde vorher an Bord sein«, brummte der Zahlmeister, als Rata ihm die Fahrkarten übergab. »Diese braunen Schurken versuchen immer wieder denselben Trick.«

*

Die »Arcadia« fuhr ab. Sie waren glücklich entkommen! Das Schwerste lag hinter ihnen. Jetzt kam höchstens noch die Möglichkeit in Betracht, daß der Dampfer in Penang durchsucht wurde.

Das Publikum an Bord war international. Rata hatte zwei gegenüberliegende Kabinen genommen – ein außergewöhnlicher Luxus. Unter den Stewards verbreitete sich denn auch sofort das Gerücht, daß er ein steinreicher chinesischer Großkaufmann sei.

Am nächsten Morgen fühlte sich Pra Rata nicht wohl, er sah leidend aus, und Dok Mali sorgte sich um ihn. Sie gingen auf dem Promenadendeck auf und ab.

»Kurz nach Tisch kommen wir in Penang an. Ich glaube, es ist das beste, wir verstecken uns oben auf dem Bootsdeck oder in einer leeren Kabine. Ich habe mir unter der Hand die Schlüssel zu den Staatszimmern besorgt. Dort könnten wir bleiben.«

Sie sahen sich die Räume genau an. Dann beschlossen sie, sich dort zu verbergen.

»Die Auslieferungsverträge zwischen England und Siam sind scharf, aber ich glaube nicht, daß man uns so leicht etwas anhaben kann«, fügte er zu ihrer Beruhigung hinzu.

»Warum fürchten wir uns eigentlich?« fragte Dok Mali, die sich nun in Sicherheit glaubte. »Wir haben doch nichts getan.«

»Doch, wir haben sehr viel getan. Wenigstens ich. Du bist noch nicht volljährig, also habe ich dich entführt.«

Sie lachte. »Deswegen kann man uns doch nicht gefangennehmen oder verhaften!«

»Und dann hast du den Familienschmuck mitgenommen.«

»Der ist doch mein unbeschränktes Eigentum.«

»Hast du eine Schenkungsurkunde?«

»Nein. Aber jeder weiß, daß der König ihn mir geschenkt hat.«

»Gewiß. Solange du aber nicht großjährig bist, darfst du ihn nicht selbst verwalten. Dieses Recht steht deinem Vater zu.«

»Das verstehe ich nicht. Ich kann doch das, was mir gehört, mit mir nehmen und damit hingehen, wohin ich will. Es war hohe Zeit, daß wir aus Siam fortgingen, wenn so unvernünftige Gesetze dort bestehen.«

»So ähnliche Gesetze gibt es in allen Ländern der Welt«, sagte Rata trübe lächelnd.

»Gesetze sind überhaupt schrecklich!« erklärte Dok Mali kategorisch.

»Aber sie existieren doch, und man muß mit ihnen rechnen.«

»Also werden wir nicht mehr darüber sprechen und uns nachher verstecken.«

Pra Rata wollte während der ganzen Zeit Dok Mali den Diebstahl des Halsbandes erzählen, fand aber nicht den Mut dazu. Dadurch wurde sein Wesen gegen sie immer scheuer und zurückhaltender. Und sie hätte doch gerade heute so sehr seines Trostes bedurft!

Sie saßen an Deck zusammen.

Fröhliche Musik erklang, einige Paare tanzten. Rata litt furchtbar unter dem Bewußtsein seiner Schuld, er hätte gerne mit Dok Mali darüber gesprochen. Um schließlich der gequälten Unterhaltung ein Ende zu machen, forderte er sie zum Tanz auf. Dok Mali drückte seine Hand und schmiegte sich eng an ihn. Wieder erregte sie durch ihre Eleganz allgemeine Bewunderung. Als sie Platz nahmen, war Dok Mali sofort der Mittelpunkt eines großen Kreises. Auch Rata wurde in die Unterhaltung gezogen. Bei der ersten passenden Gelegenheit entfernte er sich aber, suchte Mä Di auf und gab ihr Verhaltungsmaßregeln. Sobald der Dampfer hielt, sollte sie sich in der Kabine ihrer Herrin einschließen und nicht eher wieder zum Vorschein kommen, bis sich das Schiff in Bewegung gesetzt habe.

*

Die »Arcadia« lag auf der Reede von Penang. Einige Siamesen kamen an Bord, um den Dampfer zu besichtigen. Sie gaben gute Trinkgelder und erfuhren allerhand von den Stewards, nur nicht das, was sie hören wollten. Sie sahen alle Passagiere von Bord gehen, wandelten auch durch alle Gänge, der Obersteward zeigte ihnen verschiedene Kabinen. Das Schiffspersonal stellte energisch in Abrede, daß Siamesen auf dem Dampfer seien. Sie konnten es auch nicht besser wissen, da Mä Di in malaiischer Tracht ging. Auf Natives achtete man an Bord englischer Dampfer im allgemeinen wenig. Unter der Dienerschaft waren Javanen, Malaien, Chinesen, Birmanen, Inder, sogar einige Neger. Luang Supakorn, der die heimliche Überwachung der Schiffe in Penang leitete, wandte sich mit seinen Begleitern wieder zum Ausgang.

*

Rata hatte sich während des Aufenthaltes in Penang so aufgeregt und fühlte sich an diesem Abend so angegriffen, daß er nicht bei Tisch erschien. Dok Mali wollte zuerst bei ihm bleiben, doch ging sie auf seine Bitten allein in den Speisesaal. An ihrer rechten Seite hatte ein Herr Platz genommen, der erst in Penang auf das Schiff gekommen war. Sie streifte ihn mit einem flüchtigen Blick. Er war groß und elegant, hatte edle Züge und eine hohe Stirn. Er mußte lange in den Tropen gewesen sein, denn sein Gesicht war tief gebräunt. Welcher Nation mochte er wohl angehören?

Eine allgemeine Unterhaltung entwickelte sich, und auch Dok Mali kam mit ihrem Nachbar ins Gespräch. Er kam aus Birma von einer längeren Vergnügungsreise zurück. In vorzüglichem Englisch wußte er geistreich zu plaudern und interessant zu erzählen. Dok Mali hörte ihm gern zu.

*

König Pra Paramin hielt sich seit einigen Tagen im Lustschloß auf dem Berge bei Petchaburi auf. Die Luftveränderung tat ihm wohl.

Der Palastminister stand vor ihm und hatte eben seinen Vortrag beendet.

»Ich möchte den Brief Ratas persönlich sehen.«

Prinz Naret nahm ein Schreiben aus seiner Mappe und überreichte es.

Schweigend las der König, faltete den Brief wieder zusammen und gab ihn zurück. »Ich habe bestimmt das Gefühl, daß Pra Rata wirklich unschuldig ist. Und wie sich jetzt herausstellt, war er auf der Pariser Gesandtschaft mit Dok Mali schon einige Wochen zusammen. Ich kann mich auch erinnern, daß ich sie auf dem letzten Hofball miteinander tanzen sah«, sagte er.

Prinz Naret wagte einzuwenden, daß die Schuld Pra Ratas und Dok Malis erwiesen sei, und daß der Justizminister bereits den Verhaftungsbefehl gegen ihn erlassen habe.

»Ich wünsche, daß er sofort zurückgezogen wird.«

In diesem Augenblick meldete ein Kammerherr Ihre Majestät die erste Königin. Pra Paramin erhob sich, ging seiner Gemahlin einige Schritte entgegen und lud sie mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. Sie forderte ausdrücklich die strengste Bestrafung Pra Ratas. Über Dok Mali wagte sie nichts zu sagen, doch war es allgemein bekannt, daß sie diese am liebsten gleich hätte hinrichten lassen, wenn es möglich gewesen wäre.

Der König konnte daraufhin Pra Rata nicht mehr schützen, ohne seine Gemahlin schwer zu beleidigen. So sagte er denn resigniert zu dem Prinzen Naret: »Es bleibt also bei dem Verhaftungsbefehl gegen den fahrlässigen Beamten. Ich bestimme aber, daß er gut behandelt werden soll.«

Er besprach noch einige gleichgültige Dinge mit der ersten Königin, dann verabschiedete er sie und den Prinzen Naret, ließ diesen aber gleich darauf wieder rufen. »Sollte es sich bewahrheiten, daß wirklich Dok Mali mit Pra Rata zusammen geflohen oder von ihm entführt ist, so soll ihr nicht das geringste geschehen, wenn er verhaftet wird. Auch darf nicht der leiseste Zwang auf sie ausgeübt werden. Ich werde unnachsichtig jeden mit den schwersten Strafen belegen, der diesen meinen königlichen Befehl nicht achtet, und sollte es selbst ein Minister sein. Ich bitte dies sofort zur Kenntnis der betreffenden Instanzen zu bringen.«

Der König war ungnädig. Prinz Naret hatte noch einige nebensächliche Dinge vorzutragen und war froh, als er darauf entlassen wurde.

*

Pra Paramin blieb allein und trat ans Fenster. Weithin dehnten sich am Fuße des Berges die sonnenbeglänzten fruchtbaren Reisfelder, Reihen schlanker Zuckerpalmen erhoben sich hier und dort auf den Grenzdämmen. Silbern schlängelte sich der Petchaburifluß zum Meer, das in der Ferne als dunkler Streifen auftauchte. Der König überließ sich seinen Gedanken. Wie schön und herrlich war die Natur, und wie glücklich könnte doch das Leben der Menschen in dieser Natur sein, wenn sie es sich nicht selbst zur Hölle machten!

Er dachte über das Eheproblem nach. Die Zeit zur Aufhebung der Polygamie in Siam war noch nicht gekommen. Gewiß, die Einehe galt in dem größten Teil der Welt und gerade bei den Völkern, die politisch zur Macht gelangt waren. Aber das bewies noch lange nicht, daß die Monogamie, besonders wie sie sich in Europa entwickelt hatte, die einzig mögliche Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Weib darstellte. Er war in den Traditionen der Polygamie aufgewachsen und hatte sich so an sie gewöhnt, daß er, wenigstens in früheren Jahren, sehr unglücklich geworden wäre, wenn er in Einehe hätte leben müssen. Aber einige seiner Lieblingssöhne hatten nur eine Frau geheiratet und waren glücklich. Sicher würde auch eines Tages in Siam die Einehe eingeführt werden. Ob das aber ein großer Fortschritt wäre? – Die Form der europäischen Einehe ging dem Zerfall entgegen, die führenden Geister der jungen Generation kämpften in Schrift, Wort und Tat dagegen an und verdammten sie als unwürdige, rückständige Fessel. Und mit diesem korrupten Zivilisationsprodukt wollte man die Moral und Ethik des siamesischen Volkes verbessern?

Er dachte an Dok Mali. Ja, mit ihr würde er wohl zehn Jahre in Einehe leben können, vielleicht auch nicht so lange. Sie schwärmte jetzt für die Monogamie, weil sie diese theoretisch aus europäischen Romanen kennengelernt hatte. Aber würden diese literarischen Gründe der Praxis standhalten?

Andererseits gab es in Siam Frauen, die durch Erbschaft zu großem Besitz gekommen waren, manche auch durch eigene Energie und Tatkraft. Verschiedene von ihnen hielten sich ein eigenes Theater, in dem nur Männer auftraten. Das war also eine verkappte Form der Vielmännerei. Man hatte sehr dagegen geeifert und von ihm erwartet, daß er einschreiten und es verbieten sollte. Aber er hatte keinen stichhaltigen Grund dafür einsehen können.

Alles blieb doch mehr oder weniger eine Machtfrage. Die Menschen waren eben nicht alle gleich, weder an Kraft noch an Verstand. Tat denn ein Mann, der über genügend Körperkräfte und Machtmittel verfügte, unrecht, wenn er sich mit mehreren Frauen auslebte? Ihm kam eine Vielehe in würdiger Form als etwas Schönes und Erhabenes vor. Sie forderte natürlich sehr viel Takt und Lebenskunst von allen Beteiligten, viel mehr als die Einehe. Ob nun die Polygamie die Frauen zu ewiger Treue verpflichten solle, war eine andere Frage. Nach altem Gesetz durfte die Frau, die ein König geliebt hatte, niemals mehr einem anderen Manne angehören. Konnte man dieses Gesetz ändern ohne damit die Voraussetzungen der Königswürde zu zerstören? Er wagte es nicht zu entscheiden und hielt deshalb persönlich streng an der Befolgung der alten Vorschrift fest. Wenn er der Tochter Pya Prajuras in einem Ausnahmefall das Wiederverheiratungsrecht nach seinem Tode zugestehen wollte, war dies der Anfang zur Aufhebung dieses Gesetzes.

Die Enttäuschung, die Dok Mali ihm bereitet hatte, schmerzte ihn tief, aber die Liebe zu ihr konnte er nicht aus seinem Herzen reißen. Die Nichterfüllung dieses größten Lebenswunsches bedrückte ihn schwer. Doch war er ein viel zu edler Charakter, um sich in schwächlichen Klagen darüber zu ergehen. Sein Blick fiel auf ihr Bild, das auch hier auf seinem Schreibtisch stand.

Der Minister des Innern, Prinz Prabodi, der zum Vortrag befohlen war, wurde angemeldet. Als er über verschiedene Verwaltungsfragen auf der Malaiischen Halbinsel, besonders über das neue Verhältnis der dortigen Sultane gesprochen hatte, berichtete er dem König eingehend über die Politik des Finanzministers und ihre schädlichen Folgen.

Pra Paramin hörte ihn ruhig an. Vielen Gründen konnte er sich nicht verschließen, manches erschien ihm einseitig gesehen. Aber den Ausschlag gab schließlich, daß Pya Prajura nach größerer Macht strebte, als ihm zukam. Das war in mehr als einem Falle erwiesen. Er besprach den Fall eingehend mit seinem Bruder. »Ich halte den Zeitpunkt noch nicht für gekommen, Pya Prajura zu entfernen, und besonders wäre es mir im Augenblick peinlich, ihn seines Postens zu entheben, da man zu leicht glauben könnte, daß ich es wegen der Flucht seiner Tochter täte. Ich will versuchen, ihn durch eine persönliche Aussprache, ohne daß ich auf irgendwelche Einzelheiten eingehe, zur Vernunft zu bringen. Sollte er sich dann nicht warnen lassen, so muß er gehen. Es wäre mir aber viel lieber, wenn sich dieser fähige Mann der großen Staatsidee einfügen ließe.«

*

In diesem Jahre setzte der Umschwung des Monsuns früher als sonst ein. Solange die schützende Küste Sumatras den Ansturm der vom Südwind aufgepeitschten Wellenberge abhielt, dauerte die ruhige Fahrt an. Als die Breitseite der »Arcadia« aber von den heranstürmenden Wogen erfaßt wurde, begann sie stark zu rollen. Ein Teil der Passagiere war schon seekrank. Auch Rata packte es. Die aufregenden Stunden in Penang hatten seine Nerven vollständig zerrüttet. Während er still in seinem Versteck in der Kabine lag, wurde die Türklinke mehrmals niedergedrückt, und er glaubte sich schon entdeckt. Aber es mußte wohl nur eine Verwechslung der Kabinen gewesen sein.

Dok Mali blieb von dem bösen Übel verschont. Sie versuchte bei Rata in der Kabine auszuhalten und ihn zu trösten, aber sie wäre dadurch fast selbst krank geworden, und so mußte sie an Deck bleiben.

Die Mahlzeiten nahm sie mit ihrem Tischnachbar allein ein, und als sie ihm erzählte, daß Pra Rata seekrank sei und nicht erscheinen könne, tat er alles, um sie zu erheitern und ihr über diese trostlose Zeit hinwegzuhelfen. Auch oben an Deck weilten sie viel zusammen und wurden bald gute Kameraden. Er war, ebenso wie alle anderen an Bord, fest davon überzeugt, daß sie mit Pra Rata verheiratet sei.

Ihre sieghafte Schönheit machte ihr alle zu Freunden, selbst der Kapitän suchte sooft wie möglich sich mit ihr zu unterhalten, und das wollte sehr viel heißen, denn er war wirklich ein alter Seebär und als Frauenhasser seit zwanzig Jahren bekannt und gefürchtet. Die Passagiere erkundigten sich häufig nach dem Befinden ihres Gemahls. Sie hatte stets einen ganzen Hofstaat von Verehrern um sich. Aber sie war es ja nicht anders gewöhnt. Äußerlich kam sie ganz gut über diese Zeit weg. Tagsüber hatte sie Zerstreuung. Sie sah aber jede Stunde nach Pra Rata.

Der Schiffsarzt gab sich die erdenklichste Mühe, den Patienten wieder auf die Beine zu bringen.

»Es kann nicht allein die Seekrankheit sein«, sagte er nach der letzten Konsultation. »Können Sie mir nicht irgendeinen Anhaltspunkt geben, gnädige Frau, ob Ihr Herr Gemahl schwere seelische Erschütterungen durchgemacht hat?«

Dok Mali gab zu, daß Rata in letzter Zeit größere Aufregungen erlebt habe, konnte sich aber natürlich dem Schiffsarzt nicht anvertrauen. Ratas Zustand machte ihr große Sorge.

Als sie abends bei Tisch saß, fühlte ihr Nachbar, daß sie ein schwerer innerer Kummer belaste. Er suchte deshalb um so heiterer zu sein und erzählte, was ihm nur Lustiges einfiel. Sein munteres Wesen war ihr sympathisch. Im Laufe des Gesprächs fragte sie nach seinem Vaterland und erfuhr, daß er Deutschamerikaner sei und Arno Arns heiße.

»Kennen Sie auch Siam?« fragte sie ihn unwillkürlich.

Da leuchteten seine Augen auf. »Ja, ich kenne es und bedaure nur, daß ich nicht länger als sechs Wochen dort weilen konnte.«

Und er erzählte ihr von dem tiefen Eindruck, den die Schönheit dieses Landes auf ihn gemacht habe.

Verwundert hörte ihm Dok Mali zu. Ihr hatten die Paläste und Tempel ihrer Heimatstadt ganz gut gefallen, aber daß ein Amerikaner sich so dafür begeistern konnte, war ihr etwas Neues. Was er ihr aber über die Eleganz der siamesischen Kunst und besonders des Theatertanzes sagte, fand einen tiefen Widerhall in ihrer Seele. Daß sich jemand überhaupt über Tanzkunst, besonders die siamesische, so viele Gedanken machte, erschien ihr wie ein Wunder. Sie freute sich, daß sie viele gemeinsame Berührungspunkte mit ihm hatte, und begann über Theater und Ballett der Europäer und Asiaten mit ihm zu plaudern. Er war erstaunt über die reifen Ansichten, die sie entwickelte. Wo mochte diese junge Asiatin ausgebildet worden sein? Er betrachtete sie von der Seite und musterte sie, ohne daß sie es merkte. Sein Blick glitt über ihre schwellenden, schöngeschwungenen Lippen, ihre schlanke Gestalt. Das tiefausgeschnittene Abendkleid enthüllte ihre Schultern und den klassisch schönen Halsansatz. Er gab seiner Bewunderung in beredten Worten Ausdruck. Sie nahm seine Komplimente sehr natürlich auf, ohne sich darüber auch nur im geringsten den Kopf zu zerbrechen. Das gefiel ihm wieder außerordentlich gut.

*

So standen die Dinge, als sich der Dampfer am sechsten Tage nach der Abfahrt von Penang dem Hafen von Colombo näherte. Rata ging es soweit besser, daß er an diesem Morgen mit Aufbietung aller Energie zum erstenmal wieder aufgestanden war. Er sah noch furchtbar elend aus. Um acht Uhr kam die »Macedonia« von Süden her in Sicht, und nun begann wie stets die Wettfahrt in den Hafen. Rata saß teilnahmslos an Deck, Dok Mali neben ihm und pflegte ihn.

Es war ein schönes Schauspiel, wie die beiden Schiffe in voller Fahrt unter Einsatz ihrer ganzen Kräfte dem Hafen zustrebten. Das vorige Mal hatte die »Arcadia« gewonnen. Also mußte dieses Mal wohl die »Macedonia« siegen. Viele Wetten waren abgeschlossen, wie das ja auf englischen Schiffen nicht anders möglich ist. Jetzt kam die Pinasse des Lotsen. Sie brachte verschiedene Herren an Bord, die sich direkt zu dem Kapitän begaben. Die »Arcadia« lief nach hartem Endkampf dicht hinter der »Macedonia« als zweite Siegerin im Hafen ein. Lauter Jubel und Tücherschwenken an Bord der ersten Siegerin!

Ganz unerwartet erschien der erste Offizier bei Dok Mali und bat sie, mit ihrem Mann in die Kapitänskajüte zu kommen. Rata sank in sich zusammen, sein Blick war verstört. Aber Dok Mali, in dem ruhigen Bewußtsein, nichts Böses getan zu haben, stützte ihn und ging mit ihm festen Schrittes und erhobenen Hauptes. Als sie eintraten, bat sie der Kapitän, Platz zu nehmen. Gleich darauf erschien Luang Supakorn und verschiedene Engländer, die ihnen alle vorgestellt wurden, darunter der siamesische Generalkonsul in Colombo, ein englischer Großkaufmann. Luang Supakorn erbat sich vom Kapitän die Erlaubnis zu verhandeln und fragte Rata nach seinem Paß. Schweigend reichte er ihn. Er war in Ordnung.

»Trotzdem vermute ich, daß Sie Pra Rata sind, mit dem ich früher auf der Pagenschule in Bangkok zusammen war.«

Dok Mali stand auf und sagte ruhig: »Jawohl, es ist Pra Rata, und ich bin Dok Mali, die Tochter des Finanzministers Prajura.«

Sekundenlanges Schweigen folgte.

Luang Supakorn erhob sich langsam: »Es tut mir leid, lieber Freund, daß ich dich im Auftrag der siamesischen Regierung verhaften muß. Es sind Telegramme eingelaufen, daß du im dringenden Verdacht stehst, das Perlenhalsband der Königin entwendet zu haben. Ich muß die Durchsicht des Gepäcks vornehmen lassen, aber nicht hier an Bord. Die englischen Behörden haben ihre Vertreter geschickt, um die Verhaftung vorzunehmen.«

Zwei der Herren standen auf und zeigten den von englischer Seite ausgefertigten Verhaftungsbefehl.

Pra Rata schwieg.

»Das ganze ist eine gemeine Intrige, die gegen Pra Rata ersonnen ist. Von alledem ist kein Wort wahr. Pra Rata, verteidige dich doch!«

Inzwischen war der Kapitän hinausgegangen, er hatte bei der Einfahrt auf der Kommandobrücke zu tun.

Luang Supakorn machte eine vollendete Verbeugung vor Dok Mali und sagte: »Es läßt sich leider nicht umgehen, daß Pra Rata verhaftet wird. Die englische Regierung hat in seine Auslieferung eingewilligt, da die Verdachtsmomente zwingend sind. Sollte er unschuldig sein – woran ich in seinem und Ihrem Interesse fest glaube, so wird sich das ja in Bangkok bei der Untersuchung bald herausstellen. Um kein Aufsehen zu erregen, werden wir erst alle anderen Passagiere von Bord gehen lassen.«

Dok Mali hatte sich neben Pra Rata gesetzt. »So sprich doch wenigstens und sage, daß du unschuldig bist!«

Aber Rata schüttelte nur den Kopf.

Dok Mali wußte keinen Rat mehr. Die drückende Luft in der Kabine beengte sie. Sie mußte Gewißheit haben und winkte Luang Supakorn hinaus. Sie ging mit ihm auf das Promenadendeck.

»Was ist geschehen? Bitte, erklären Sie mir alles!«

Er stellte sich mit ihr an die Reling. »Ich bin schon in Penang an Bord gegangen, um auf dem Dampfer nach Pra Rata zu suchen. Als ich das Schiff wieder verlassen wollte, sah ich im letzten Augenblick eine ältere Dienerin in malaiischen Kleidern, aber siamesischer Haartracht. Da vermutete ich den Gesuchten doch an Bord und blieb.«

Dann las er ihr seine ganzen Informationen vor. Die Indizien waren erdrückend.

»Wenn ich eben sagte, daß ich fest an seine Unschuld glaube, tat ich es nur aus Höflichkeit, um ihm und Ihnen nicht wehezutun. Offen gestanden, sehe ich für Pra Rata keinen Ausweg. Daß eine Intrige gegen ihn gesponnen worden ist, kann ich nicht glauben, denn er stand bei allen in höchster Gunst: beim König, der ersten Königin, dem Palastminister und dem Minister des Auswärtigen.

Ich habe aber noch eine andere Botschaft für Sie persönlich«, fuhr er fort: »Seine Majestät der König läßt Ihnen seinen Gruß entbieten. Ich habe strikte Anweisung, die erst vor wenigen Stunden telegraphisch von neuem bestätigt wurde, daß Ihnen nichts geschehen soll und daß Sie sich mit Ihrem ganzen Gepäck nach eigenem Belieben und freiem Ermessen Ihren Aufenthaltsort wählen können.«

Dok Mali war wie vom Schlage gerührt. Luang Supakorn versuchte noch auf sie einzuwirken, daß sie nach Bangkok zurückfahren solle. Aber sie hörte nichts weiter. Mit einem gemessenen Gruße entfernte sie sich.

*

Die ärztliche Untersuchung auf der »Arcadia« war vorüber, die gelbe Quarantäneflagge wurde gerade eingeholt. Die Passagiere der ersten Klasse strömten auf das Promenadendeck zurück. Arno Arns war erstaunt, daß Dok Mali allein war. Sie hatte sich auf ihren Liegestuhl gesetzt und starrte ins Weite. Vorsichtig näherte er sich ihr, grüßte dezent und ließ sich neben ihr nieder. Wie aus tiefen Träumen fuhr sie schreckhaft auf, und als sie ihn sah, schien sie sich zu beruhigen. Sie rang mit einem Entschluß.

»Mr. Arns, haben Sie eine Viertelstunde Zeit für mich?«

»Selbstverständlich, gnädige Frau, ich stehe vollkommen zu Ihren Diensten.«

»Sie haben sicher geglaubt, ich sei eine Chinesin oder doch die Frau eines Chinesen. Aber ich bin die Tochter des siamesischen Finanzministers. Mit meinem Freunde und Verlobten Pra Rata bin ich von Hause geflohen, weil man uns nicht gestattete zu heiraten.«

Und nun erzählte sie ihm kurz und gefaßt ihre ganze Leidensgeschichte. Zum Schlusse bat sie ihn um seinen ritterlichen Schutz und Beistand. Zunächst wollte sie mit ihm beraten, was jetzt zu geschehen habe.

Sie waren an die Reling getreten. Aber sofort kehrte Dok Mali wieder um, denn unten stieß gerade das Motorboot der Polizei mit dem Verhafteten ab. Die anderen Passagiere waren schon von Bord gegangen.

»Auf der ›Arcadia‹ können wir nicht bleiben. In kürzester Zeit werden die Kohlentrimmer ihre Arbeit beginnen, und dann müssen wir von Bord sein. Da Sie eine Fahrkarte nach Europa gelöst haben, können Sie ohne weiteres auf der ›Macedonia‹, die soeben eingetroffen ist, heute abend Ihre Reise nach Marseille fortsetzen. Dieselbe Absicht hatte auch ich noch vor einer halben Stunde. Oder Sie können zweitens wieder nach Bangkok fahren.«

»Nein, das werde ich nicht tun. Nach dem, was vorgefallen ist, will ich vorläufig nicht dorthin zurückkehren. Außerdem besitze ich so viel Mittel, daß ich mich die nächsten Jahre irgendwo sorgenlos auf der Welt aufhalten kann.«

»Eine andere Frage wäre noch, ob Sie nicht Pra Ratas wegen nach Bangkok gehen müßten, um ihm bei seinem Prozeß zu helfen«, fügte Arno zögernd hinzu.

Dok Mali sah ihm voll ins Gesicht. »Nein, das kann ich jetzt nicht mehr. Ich habe ihn über alles geliebt und glaubte, daß er meinetwegen seine Stellung und Karriere aufgegeben habe. Jetzt sehe ich, daß es für ihn die einzig mögliche Lösung war, von Bangkok zu fliehen. Er besaß so wenig Ehrgefühl, auch mich in sein Verderben hineinzuziehen. Hätte er mir wenigstens vorher eine Andeutung seiner Schuld gemacht, so wäre ich trotzdem mit ihm gegangen und hätte ihn bis zum äußersten verteidigt. Aber nachdem er mich hintergangen hat, kann ich nichts mehr für ihn tun.«

Arno war bedrückt. Er konnte hierauf nichts erwidern. »Nun bleiben noch die beiden Dienstboten«, sagte er nach einer Pause. »Wollen Sie die mitnehmen?«

»Mä Di auf jeden Fall, und den Koch möchte ich auch gern behalten. Er hat sich während der Reise bis hierher wirklich sehr verdient um mich gemacht.«

»Also gut, wenn Sie gestatten, werde ich den Reisemarschall machen und die nötigen Dispositionen treffen. Zunächst muß dafür gesorgt werden, daß Ihre Dienerschaft mit dem Gepäck auf die ›Macedonia‹ kommt.«

Dok Mali dachte erst jetzt an ihren wertvollen Schmuck. Sie ging mit Arno Arns zur Kabine, die Handtasche wurde dem Zahlmeister zur Weiterbeförderung auf den Anschlußdampfer übergeben und in ihrer Gegenwart versiegelt.

Kurz darauf fuhren die beiden an Land.

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