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Tanzende Flamme

Ravi Ravendro: Tanzende Flamme - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzende Flamme
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1927
printrun11. - 13. Auflage
correctorreuters@abc.de
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Rata hatte außerordentlich viel zu tun und arbeitete häufig noch in seiner Wohnung. Aber er freute sich jeden Tag auf die Stunde, die er den schönen Schwestern zu geben hatte.

Eines Tages traf es sich, daß Malila krank war und dem Unterricht fernbleiben mußte. Dok Mali gab so viele falsche Antworten, daß Rata sich dazu entschloß, ihr die schwierigen Redewendungen in die Feder zu diktieren. Als er aber nachsehen wollte, ob sie auch alles richtig geschrieben habe, schauten sich beide wie auf Verabredung an – sie vergaßen ihre augenblickliche Aufgabe, ihre Blicke leuchteten, und dann küßten sie sich. Dok Malis lange beherrschte Sehnsucht nach Rata lohte leidenschaftlich empor. Eng schmiegte sie sich an ihn. Immer wieder suchten und fanden sich ihre Lippen.

»Wenn du mich so lieb hast, mußt du mir eins versprechen«, flüsterte Dok Mali.

Rata sah sie erwartungsvoll an.

»Du darfst niemals eine andere Frau nehmen!«

Er nickte und schloß ihr mit einem Kuß den Mund.

Glücklicherweise blieben sie an diesem Tage ungestört, da Pya Prajura zur selben Zeit im Ministerium des Äußeren zu tun hatte und im Anschluß daran mit Georges de Pérard und mehreren anderen Herren zu Mittag speiste. Für den nächsten Vormittag verabredeten sich beide im Louvre.

Malila war noch immer krank. Es begann jetzt für Rata und Dok Mali die unruhige und doch so glückliche Zeit der vielen Heimlichkeiten. Aber Rata war zu gereift, als daß ihm dieses Versteckspiel lieb gewesen wäre. Er nahm sich fest vor, bei der nächsten passenden Gelegenheit bei Pya Prajura um die Hand Dok Malis anzuhalten. Aber der Zufall wollte es, daß sich in den nächsten Tagen kein günstiger Augenblick fand. Pya Prajura mußte auf fünf Tage verreisen.

So verlebten Dok Mali und Rata herrliche Stunden. Nang Kulap fiel es allerdings auf, daß ihre Tochter plötzlich einen solchen Eifer für Kunstgeschichte zeigte. Um dies auch äußerlich zu dokumentieren, kaufte sich Dok Mali mehrere illustrierte Bücher und zeigte sie der Mutter, die darüber den Kopf schüttelte, denn sie fand von ihrem Standpunkt aus die Kunst eines Correggio unsittlich, und von ihrem Standpunkt aus hatte sie sicherlich recht.

*

Pya Prajura hatte mit seinen politischen Freunden verschiedene Fabriken der französischen Schwer- und Rüstungsindustrie besucht, darunter auch die Creuzot-Werke, und kam nun mit allerhand Plänen und Ideen nach Paris zurück. Gegen seine sonstige Gewohnheit sprach er mit Rata den ganzen Vormittag und hielt ihm einen begeisterten Vortrag über alles Gesehene.

Währenddessen wartete die arme Dok Mali über eine Stunde vor dem berühmten Frauenbildnis Lionardos. Als Rata dann immer noch nicht erschien, wurde das Lächeln der Mona Lisa immer spöttischer. Dok Mali ärgerte sich darüber, drehte dem Bild den Rücken und ging weg.

Rata saß wie auf Kohlen, aber heute kam er nicht so schnell fort, wie er wünschte. Da Pya Prajura in seinem Arbeitszimmer öfter durch den Vizekonsul und den Kanzler der Gesandtschaft gestört wurde, ging er mit Rata in ein Lokal und stellte als alter Gourmand mit Kennermiene ein pompöses Essen zusammen, das ihm jedoch besser schmeckte als Rata.

Der Gesandte versuchte ihn vorsichtig in seine Pläne einzuweihen. Zunächst zeigte er ihm, welchen Einfluß er in Siam besaß, und wie er seit einer Reihe von Jahren dafür gesorgt hatte, daß alle wichtigen Ämter von tüchtigen Mitgliedern seiner Familie besetzt wurden. Auch ließ er durchblicken, welche Stellen in der nächsten Zeit frei würden, und deutete an, welchen Posten er ihm zugedacht habe.

Rata ging mit der ihm angeborenen Liebenswürdigkeit auf alles ein, obgleich er im Innern Pya Prajura doppelt verwünschte. Aber während des Gespräches erkannte er plötzlich die Schwierigkeit seiner Lage. Seitdem er Dok Mali liebte, beherrschte ihn seine Leidenschaft so, daß er seine eigentliche Mission in Paris ganz vergessen hatte. Über vier Wochen waren nun schon ungenützt vorübergegangen. Jetzt sah er zu seinem Schrecken, daß die Macht des Pya Prajura doch bedeutend größer war, als er angenommen hatte.

Der Gesandte entwickelte ihm mit seiner bestrickenden, glänzenden Rednergabe allmählich seine Pläne, und obgleich Pra Rata gegen ihn stark eingenommen war, konnte er sich seiner Logik nicht ganz verschließen. Als sie sich endlich am Spätnachmittag trennten, lud ihn Pya Prajura wieder zum Abendessen in der Familie ein.

Rata seufzte innerlich. Er lebte nicht mehr, er wurde gelebt.

*

Am Abend schmollte Dok Mali erst, doch als sie den Zusammenhang erfuhr, tat ihr Pra Rata sehr leid. Sie kannte ihren Vater: Gnade dem, gegen den er sich einmal losließ, im guten oder im bösen! Der andere blieb jedenfalls als Leiche auf dem Schlachtfeld.

Man hatte denn auch kaum wieder ein wenig gesungen und musiziert, als ihm noch verschiedenes einfiel, was er Rata zu sagen hatte. Erst sprachen sie in Gegenwart der Damen, als dann aber die hohe Politik hineinspielte, zogen sie sich in sein Arbeitszimmer zurück und blieben dort bis spät in die Nacht zusammen.

*

Rata war am nächsten Tage wie gerädert, aber er ging pünktlich zum Dienst. Pya Prajura schlief noch. Rata überlegte alles, was der Gesandte ihm gestern gesagt hatte, und schrieb es auf. Es waren verblüffend wahre Gedanken. Erst jetzt, da er von dem Alpdruck der Persönlichkeit Prajuras befreit war, konnte er selbst zu den Dingen Stellung nehmen. Wie gut wäre alles, wenn Prajura nicht nach der höchsten Macht strebte! Aber wenn die Regierenden in Siam eben nicht imstande waren, das Land richtig zu verwalten, hatte er da nicht das Recht, ja die Pflicht, seinem Vaterlands gegenüber, sich an deren Stelle zu setzen?

Prajura hatte den Trieb, Menschen zu besiegen und sich untertänig, sich hörig zu machen, und das gelang ihm in vielen Fällen. Deshalb lautete auch das Urteil über ihn ganz verschieden. Die einen, die für ihn eingenommen waren, schwärmten für ihn, die anderen haßten, fürchteten und beneideten ihn. Nur ganz wenige beobachteten ihn objektiv von einer höheren Warte aus, und zu ihnen gehörte der König. Aber vollkommen durchschaute ihn nur einer, und das war der Ministerpräsident, Prinz Prabodi.

Pra Rata nahm sich vor, in ganz unauffälliger Weise den Gesandten zu warnen, damit er vorsichtiger sein sollte, vor allem den Franzosen gegenüber. Auf der anderen Seite aber wollte er abwarten.

Pya Prajura trat ins Zimmer. Er hatte ausgezeichnet geschlafen und funkelte förmlich vor Kraft, Liebenswürdigkeit und Energie. Pra Rata saß auf der Lauer wie ein sprungbereiter Leopard, um seinen Antrag anzubringen, aber Pya Prajura spann das gestrige Gespräch zähe weiter und wich von dem Thema nicht ab. Schließlich ergab sich Rata willenlos in sein Schicksal.

Da wagte sich Dok Mali in die Höhle des Löwen und fragte, ob sie jetzt eine Stunde von Pra Rata erhalten könne. Pya Prajura fiel ein, daß er noch einige Besorgungen und Verabredungen habe, und er empfahl sich.

Dok Mali war sehr zärtlich und beklagte sich bitter über den rücksichtslosen Vater. Rata tröstete sie. Sie malten sich die Zukunft rosig aus und glaubten bestimmt, daß Pya Prajura seinen Antrag annehmen werde.

Unter Küssen und Kosen verrann nur zu schnell die Zeit. Rata kniete vor der Geliebten und hielt sie umschlungen, als Pya Prajura leise auf dem weichen Teppich ins Zimmer trat. Er überschaute die Szene mit einem kurzen Blick und verschwand geräuschlos wieder. Dann ging er zum Eingang des Nebenzimmers, schloß die Tür laut und kam hörbar ins Zimmer. Er war ausgesucht liebenswürdig und übergab Rata eine eilige, dringende Arbeit.

Er selbst ließ sich das Kursbuch bringen. Um acht Uhr zwölf Minuten ging der Zug nach Rom – es war jetzt vier Uhr. Er ließ Rata bis sechs Uhr arbeiten und schrieb inzwischen schnell einige Briefe, die er selbst versiegelte. Dann lud er Rata zu einer Spazierfahrt im Auto ein.

»Ich habe heute nachmittag wichtige Dinge erfahren«, sagte der Gesandte, als sie im Wagen saßen, »und möchte dich bitten, heute abend nach Rom zu fahren. Dort erhältst du weitere Informationen.«

Das Auto hielt vor dem Reisebüro. Schnell war die Fahrkarte besorgt. Dann brachte Pya Prajura ihn zu seiner Wohnung und sagte noch halb scherzend:

»Nimm nur alles Wichtige mit, man kann als Diplomat nie wissen, ob man zurückkehrt!«

Dann verabschiedete er sich herzlich von ihm.

Rata kam diese Entwicklung ganz unerwartet. Es gelang ihm aber doch noch, Dok Mali telephonisch zu sprechen, ehe ihr Vater zu Hause sein konnte. Er bestellte sie zu einer Konditorei in der Nähe des Bahnhofs. Das tapfere Mädchen kam auch; nur zehn Minuten konnten sie sich noch sehen. Sie verabredeten postlagernde Briefe. Dann mußte er fort. Dok Mali wollte ihn zum Zuge begleiten, er duldete es aber nicht. Und es war gut so, denn der Gesandte hatte noch den Kanzler mit einem weiteren Briefe geschickt, um ihn zu beobachten und aufzupassen, ob er auch wirklich abfahre.

*

Dok Mali fragte ihren Vater, wann Pra Rata zurückkäme, da sie es für den Tennisklub wissen müsse.

Pya Prajura tröstete sie, er würde bald wieder in Paris sein. In Wirklichkeit hatte er gerade heute morgen einen Brief nach Rom geschrieben, daß Rata in acht Tagen mit dem Dampfer »Kronprinzessin Cäcilie« von Genua nach Singapur fahren sollte. Er überlegte sich, daß es das beste sei, wenn er selbst nach Rom reise, um Pra Rata persönlich abzufertigen. Er arbeitete schnell noch einige Reformvorschläge über die Verbesserung der Finanzen Siams aus. Die Sache ging ihn gar nichts an, aber er verstand es, der ganzen Angelegenheit ein diplomatisches Mäntelchen umzuhängen. Zunächst hatte er nur einige Punkte seines Programms aufgestellt: höhere Besteuerung der Chinesen, bessere Ausnutzung der Staatsmonopole und mehrere andere wichtige Dinge.

Schon nach wenigen Tagen war die Ausarbeitung dieser Vorschläge fertig, und Pya Prajura reiste plötzlich mit unbekanntem Ziel ab. Dok Mali durfte ihn auf den Bahnhof begleiten. Auf dem Heimweg fragte sie auf dem Postamt nach – richtig, es war ein Brief von Rata angekommen! Er schrieb, daß er in einigen Tagen nach Singapur-Bangkok fahren müsse, und daß sein schriftlicher Antrag an ihren Vater abgegangen sei. Dann mußte dieser ihn sofort erhalten haben! Also deshalb durfte sie heute mit auf den Bahnhof.

Dok Mali war wütend über das Geschick. Sicher konnte man da amtlich etwas tun. Also frisch gewagt! Sie besaß die Energie ihres Vaters und überlegte sofort, daß Georges de Pérard viel mit Rata dienstlich und gesellschaftlich verkehrt hatte. Der war immer so liebenswürdig und hatte ihr schon so viele Komplimente gesagt und hoch und heilig geschworen:

»Der leiseste Wunsch der gnädigsten Komtesse ist striktester Befehl für dero untertänigsten Diener.«

Nun sollte der Diener auch einmal etwas tun! Sie machte sich gleich auf zum Quai d'Orsay. Georges de Pérard war wirklich in seinem Büro und nicht wenig erstaunt, daß nun auch die Töchter des Prajura sich in die hohe Politik stürzen wollten. Lächelnd hörte er ihre Auseinandersetzungen an und beteuerte, daß alles geschehen würde. Er selbst habe zwar nicht darüber zu bestimmen ...

Dok Mali merkte, daß er nur etwas sagen wollte, um sie zu beruhigen. Sie verabschiedete sich schnell von ihm.

Nang Kulap wartete auf sie und war schon in Sorge, da sie das Auto allein nach Hause geschickt hatte, bevor sie zur Post ging. Sie setzte sich auf den Diwan, auf den sich Dok Mali verärgert geworfen hatte, und streichelte sie.

»Bei deiner Geburt haben die Sterndeuter großes Glück vorausgesagt. Es sollen dir einmal viele Völker huldigen, und der König von Siam wird dich lieben. Dieser hohen Bestimmung gehst du entgegen.«

Dok Mali mußte innerlich lachen. Aber da sie ihre Mutter liebte, ließ sie sich nichts merken. Was hatten aber schließlich diese Sterndeuter mit ihr zu tun? Sie war eine modern erzogene junge Dame, also glaubte sie nicht mehr an diesen Hokuspokus. Sie ließ aber Nang Kulap ruhig reden, die ihr die Zukunft in den herrlichsten Farben schilderte. Was nutzten ihr all die vielen Diener und Dienerinnen in goldenen Gewändern, von denen die Mutter sprach. Der eine Pra Rata in einem einfachen Straßenanzug war ihr tausendmal lieber.

Sie schlief ein und träumte, daß er sie sanft liebkose, und daß sie durch die Luft flöge – und das war unbeschreiblich schön. So ganz unrecht hatte sie nicht in ihrem Traum, denn auch Pra Rata dachte gerade stark an sie, nur an sie und streichelte sie in Gedanken und gab ihr tausend süße Kosenamen.

*

Elektrische Lampen beleuchteten einen großen Innenraum, halb Theater, halb Zirkus. Mißverstandene, stark ins italienische Barock spielende Renaissanceornamentik verdeckte nur spärlich die primitiv rohe Bauart. Die weite Halle füllten hellbraune Siamesen, gelblichweiße Chinesen, dunkle Malaien, Laoten und all die Angehörigen der verschiedensten Volksstämme, die die siamesische Hauptstadt bevölkern.

Die quadratische Bühne sprang in den Zuschauerraum vor, Kulissen gab es nicht. Es war eine fast historisch getreue Shakespearebühne. Und es sollte auch »Othello« in malaischer Übersetzung gegeben werden.

Oben in den mit billigem roten Samt ausgeschlagenen Logen sah man Beamte der Ministerien, hin und wieder einzelne Europäer mit ihren Damen. In der großen Loge saß eine Gesellschaft elegant gekleideter Siamesen.

»Mir gefällt Bangkok gar nicht mehr«, sagte Rata. »Als ich heute durch die Stadt fuhr, habe ich viel modernen Kitsch gesehen. Das alte schöne Stadttor Pratu Sam Jot ist abgerissen ...«

Die anderen lachten.

»Rata ist zu verwöhnt von Paris.«

Das Spiel begann, er konnte nicht mehr antworten. Die Freunde hatten ihn abgeholt und mitgenommen. Er las das Programm: »Othello, der Mohr von Venedig. Mit Balletteinlage.«

Auf der Bühne betätigten sich die Schauspieler. Er aber dachte an Dok Mali. Jetzt erschien Othello, ein einziger hellroter Fleck. Da mußte Rata doch lächeln. In moderner, englischer Admiralsuniform, nur statt des dunkelblauen Tuches feurig-hellroter Samt; sonst stimmte alles: die Goldstickerei, die Fangschnüre, die Epauletten, die breiten, weißen Aufschläge und der Zweispitz! – Pra Rata bereute, daß er sich hatte mitschleppen lassen. Desdemona in einem Kostüm, etwa wie Dornröschen! Die anderen Trachten dementsprechend.

Er wollte gehen, aber man hielt ihn zurück. Feuer und Pathos hatten die Schauspieler, wenn nur die Balletteinlage nicht gewesen wäre. Ungefähr in der Mitte des Stückes eine Pause – die auftretenden Damen nahmen auf der Bühne in Sesseln Platz. Dann erschienen die Herren, forderten fein säuberlich wie in der Tanzstunde ihre Damen zum Tanz auf, und nach einem uralten Gassenhauer tanzten sie Kreuzpolka. Jetzt fiel ihm auch der Text ein, er hatte ihn vom Gesandtschaftsdiener in Berlin öfters singen hören und den Anfang behalten: »Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion.«

Rata ließ sich nicht mehr zurückhalten, so brachen denn alle auf.

»Wenn wir uns Theater ansehen, wollen wir doch zu siamesischen Vorführungen gehen«, sagte Rata.

Sie hörten noch, wie der Lärm des Publikums zum Orkan anschwoll. Othello improvisierte gerade einige Bemerkungen gegen die weiße Rasse. Armer Shakespeare!

»Recht hat der Malaienbursch dort, man sollte diese anmaßende Gesellschaft ganz zum Teufel jagen!«

»Aber wir brauchen doch vorläufig die Europäer noch!«

Sie waren vor einem siamesischen Theater angekommen und gingen hinein. Auf der Bühne stand eine Schauspielerin und sang:

Yu Krasuang Mahatai
Teng tua, temprada,
Ngön düen jisip bat«.

»Der Herr Baron, der Herr Baron
Tut Dienst im Ministerium des Innern fürwahr,
Erstklassig kleidet er sich,
Gehalt hat er zwanzig Tical«.

Also auch hier schon europäisches Tingeltangel! Rata entsetzte sich, die anderen aber waren sehr erbaut davon. Er empfahl sich und ließ sich in einer Riksha nach Hause fahren. Es ging an der großen Schaukel vorbei, wo im Frühjahr die Brahminen das Reknafest feiern. Hoch hoben sich die Giebel des mächtigen Tempels Vat Sutat, die großen Bobäume rauschten. Das fast taghelle Mondlicht ließ die kleinen farbigen Dachziegel aufleuchten. Majestätisch reckten sich die goldenen Schlangenhäupter an den Dachfirsten zum Himmel empor. Die hohen Pfeiler strafften sich. Die Silhouette der übereinandergetürmten Dächer ragte malerisch in die klare Nacht. Ein Sprühen und Funkeln gleißenden Goldes strahlte von den Mosaiken der Giebelfüllungen. Das war Bangkok, das war Siam!

Er wurde ruhiger und sein Ärger verflog. Er dachte über seine Lage nach. Seit wenigen Tagen war er hier. Die Reformvorschläge des Pya hatte er unmittelbar dem Minister des Äußern übergeben, der sie dem König überreichen sollte. Der Gesandte hatte ihm den Hauptinhalt mündlich mitgeteilt. Er mußte ihn wirklich bewundern, mit staatsmännischem Weitblick war alles logisch klar durchdacht. Wie stand es aber mit seinem Antrag um Dok Mali? Eigentlich mußte Pya Prajura, als er ihn zuletzt in Rom sah, seinen Brief schon erhalten haben. Aber er hatte geschwiegen. Er verstand auch nicht, warum gerade er als sein besonderer Bote nach Bangkok reisen mußte. Aber der Gesandte hatte sich schon immer in Szene zu setzen gewußt.

Von Dok Mali hatte Rata bisher zwei Briefe erhalten, die nur erzählten, wie traurig es ohne ihn in Paris sei. Er wäre trotz seines unruhigen Vorgesetzten gern wieder in ihrer Nähe gewesen. Erst auf dem Dampfer war er zu sich gekommen, und die Sehnsucht nach ihr packte ihn mächtig. In jeder Minute, in jedem Augenblick wurde die Entfernung größer, Meere dehnten sich zwischen ihnen.

Ungewiß lag die Zukunft vor ihm. Würde er nach Europa zurückbeordert werden? Hier in Bangkok wären alle Eltern hochgeehrt, wenn er sich um die Hand ihrer Töchter bemühte. Warum hatte Pya Prajura ihm nicht geantwortet? Er stand doch jetzt recht gut mit ihm und hatte ihn in alles eingeweiht.

Am nächsten Morgen hielt er dem Minister des Äußern Vortrag, später dem Prinzen Prabodi. Er wurde viel und eingehend gefragt über die Verhältnisse in Paris, die Wünsche der Franzosen, schließlich über die Stellung des Gesandten zu diesen Dingen. Er wickelte sich aus allem sehr geschickt heraus, ohne Pya Prajura unmittelbar zu belasten. Und doch konnte er sehr viele wichtige neue Nachrichten bringen.

Rata war froh, als er wieder in seiner Wohnung ankam. Dort fand er ein Schreiben des Pya Prajura vor. Alle Seligkeit umschloß dieser Briefumschlag – er zwang sich zur Ruhe, aber er fühlte sein Herz stürmisch schlagen. Langsam öffnete er und las – eine Absage! Wohl in den allerhöflichsten Formen, aber mit einem Unterton, der ihn aufs äußerste empörte. Zunächst konnte er keinen klaren Gedanken fassen, dann aber überkam ihn eine namenlose Wut. Das war also der Dank dieses Mannes!

Sein Auto stand noch vor der Tür, er stürzte die Treppe hinunter.

»Zurück zum Ministerium!«

Er trieb den Chauffeur zur Eile an, der Wagen flog durch die engen Straßen, entsetzt sprangen die Rikshakulis beiseite. Sturm und Aufruhr in ihm! Was wagte dieser Prajura? Nun, wenn er ihn zum Gegner haben wollte, sollte er auch sehen, wen er beleidigte. Es galt!

Beinahe wäre sein Wagen an der Straßenecke mit der Elektrischen zusammengestoßen. Immer weiter! Er brauchte ja nur dem Prinzen Prabodi alles mitzuteilen, das genügte. Die Palaststadt tauchte auf mit ihren goldenen Dächern und ihren blendendweißen Mauern. Die Königsstandarte wehte vom Flaggmast. Deutlich hörte er ihr Flattern im Winde. Dieser Prajura wollte seine Krallen nach ihr ausstrecken und sie herunterholen – nein, das sollte nicht geschehen! Er, Rata, würde den Verräter entlarven.

Bei der scharfen Kurve wurde er im Auto zur Seite geschleudert. Warum hielt der Chauffeur denn und fuhr nicht durch das Tor? Ein tiefes Signal – das Auto des Prinzen Prabodi – Rata grüßte. Der Prinz winkte ihm liebenswürdig zu. Jetzt war er vorüber. Immer kleiner wurde sein Wagen, er bog um den Flaggmast und entschwand seinen Blicken.

Da kam Rata zur Besinnung. Er wollte aus Rache Pya Prajura verderben, die Preisgabe seiner Geheimnisse bedeutete seinen Tod durch Henkershand. Als ihm das klar wurde, schämte er sich vor sich selbst. Wozu war er nun den weiten Weg von seinem Hause bis hierher gerast?

Er stieg aus und ging durch das große Palasttor. Aber was sollte er im äußeren Schloßhof zwischen den Ministerien machen? Er konnte jetzt keinen Bekannten sehen. So bog er nach links ab und kam, ohne es zu wollen, zu dem Tempel des Smaragdbuddha. Planlos trat er in den großen, schattigen Wandelgang ein. Einsam hallten seine Tritte, seine Blicke streiften die Wandgemälde. Er sah den Auszug Pra Rams und Nang Sidas in die Verbannung. Auch er war ein Ausgestoßener – aber was hatte Pra Ram getan? Der trug ruhig sein Schicksal – und er – er wollte sich durch Verrat ihm anvertrauter Geheimnisse rächen!

Langsam war er bis zur Ostseite des Hauptgebäudes gekommen. Die Tore standen auf, er ging hinein. Ein lieblicher Blumen- und Weihrauchduft umfing ihn, er wurde ruhiger. Vor einem großen Bilde blieb er stehen. Vetsanton schenkte dem Brahmanen seine Frau! Die alte Legende wurde wieder in ihm lebendig, diese größte Tat der Selbstverleugnung. Sein Blick fiel auf ein Buddhabild, das ihn golden mit einem wundersam verstehenden Lächeln anstrahlte. Alles war Leid, was mit dem Leben und mit der Begierde zum Leben zusammenhing. Hatte nicht Buddha selbst das prunkvolle, reiche, genußfrohe Leben eines Prinzen aufgegeben, und war er nicht von der Heimat in die Heimatlosigkeit gegangen? Rata war still und friedevoll geworden, seine Rachegedanken waren entschwunden.

Er wandte sich wieder zur Straße und stieg in sein Auto. Unterwegs kaufte er in einem Blumenladen für geringes Geld einen herrlichen Strauß von Dok-Mali-Blumen. Als er bei dem Tempel der Lotosteiche vorbeikam, hielt er an, ging in den Hof und ließ sich das Hauptgebäude öffnen. Vor dem großen Kultbilde kniete er nieder und stellte die Blumen dort in eine Vase.

Zu Hause legte er sich nieder und schlief sanft ein. Der Boy fächelte ihm mit einem großen Palmblatt Kühlung zu und wehrte lautlos die Moskitos ab.

Als Rata am Spätnachmittag erwachte, schrieb er einen Brief an das Ministerium des Äußern und meldete sich krank. An dem Kampf der Politik wollte und konnte er jetzt nicht teilnehmen. Er befand sich in einem wunderbaren Zustand innerer Ruhe. Am Abend ging er zum Tempel und kniete draußen in der Vorhalle, während die Mönche ihre feierlichen Gebete rezitierten. Alle bösen und widerwärtigen Einflüsse fielen von ihm ab.

*

Fast wäre Pra Rata Mönch geworden. Aber nach einer Woche traf eine Nachricht von Dok Mali ein, in der sie ihm die ehrgeizigen Pläne ihrer Eltern und ebenso die Weissagung der Sterndeuter mitteilte. Der ganze Brief war eine einzige große Klage. Wie sehr mußte sie leiden! Aber zum Schluß schrieb sie: »Ich weiß ja, wie tüchtig du bist, Papa hat auch öfter gesagt, daß du es noch weit bringen wirst. Zeichne dich im Regierungsdienst aus, und erarbeite dir eine angesehene Stellung! Ich glaube, wenn du selbst auch Pya geworden bist, wird der Vater deinen Antrag nicht mehr ablehnen. Vielleicht gelingt es dir, dich so hervorzutun, daß du den König darum bitten darfst, daß er für dich um meine Hand anhält. Dann kann und darf der Vater nicht nein sagen. Wenn meine Eltern mich an den König verheiraten wollen, werde ich das nie zugeben. Ich liebe dich, weil du ein gutes Herz hast und jung und schön bist. Der König ist alt, den mag ich nicht ... Ich werde nur dich heiraten oder nie. Ich will auf dich warten ...«

Eine neue Hoffnung blühte in ihm auf. Dok Mali hatte recht, wenn der König für ihn anhielt, war das die vornehmste Form der Eheschließung; viele Prinzen und hohe Beamte hatten sich auf diese Weise verheiratet. Das war gar nicht unmöglich. Man mußte nur Pya Prajura von seinen verrückten Plänen abbringen. Er war ein furchtbarer Egoist; Dok Mali hatte ihm auch geschrieben, daß sie ihren Vater inständig gebeten habe, seine Einwilligung zu ihrer Verlobung mit Rata zu geben. Aber dieser Unmensch wollte seine Töchter seinen ehrgeizigen Plänen opfern. Das war ja unerhört! Auf der einen Seite wollte er den König und die Regierung stürzen, auf der anderen Seite ihn erst durch das Geschenk seiner Töchter in Sicherheit wiegen. Rata geriet aufs neue in Aufregung. Hier durfte er nicht untätig zusehen, schon um Dok Malis willen nicht, die fest auf ihn hoffte und an ihn glaubte. So schwer es ihm auch jetzt wurde, er mußte weiterkämpfen. Er war vor eine harte Aufgabe gestellt, aber er hatte ja von jeher dort einspringen müssen, wo andere versagten. Diesem Umstande verdankte er auch seine außerordentlich rasche und glänzende Laufbahn.

Er überlegte. Zunächst mußte man verhüten, daß Pya Prajura sich zu früh bloßstellte. Das war allerdings bei seinem Übermaß an Energie und Tatkraft schwer. Dann mußte man ihn dazu bewegen, seine Pläne aufzuschieben, dadurch gewann man Zeit. Prajura mußte von seinem Posten in Paris entfernt werden, wo er unberechenbares Unheil anrichten konnte. Andererseits war es aber auch nicht gut, wenn er gleich nach Bangkok kam, denn dann wurde sofort die Frage der Verheiratung seiner Tochter an den König akut.

Im Ministerium des Äußern hätte Rata nicht viel erreichen können, er erwartete ohnehin, daß man ihn in den nächsten Wochen nach Paris oder Berlin zurücksenden würde. Was sollte er jetzt in Paris? Pya Prajura würde sicher Mittel und Wege finden, ihn von dort zu entfernen, und in Berlin war er völlig mattgesetzt. Er mußte in Bangkok bleiben; er würde sich weiter krank melden oder für ein Jahr vom Dienst beurlauben lassen. Er war wohlhabend und auf das Gehalt nicht angewiesen.

Während er sich diesen Betrachtungen hingab, kam ein Vetter zu ihm. »Guten Tag, Rata, wir vermissen dich alle, warum kommst du nicht mehr zu uns? Im Twybanya-Klub hast du dich auch erst einmal sehen lassen.«

»Ich kann nicht, ich fühle mich tatsächlich krank.«

»Lieber Rata, ich glaube, daß du hierher nach Bangkok gehörst, da draußen quälst du dich mit zu vielen Dingen ab. Du bist zu schade dazu, daß du dich von diesem Pya Prajura tyrannisieren läßt. Es ist ja zur Genüge bekannt, daß er die Menschen wie ein Tiger frißt. Wir haben uns damals alle gewundert, daß du es in Berlin so lange unter ihm aushieltest. Als du neulich so früh weggingst, haben wir gemerkt, daß du mit deinen Nerven zu Ende bist, und wir haben deshalb einen Kriegsrat gehalten. Wie du weißt, tue ich Dienst im Palastministerium, da ist gerade ein schöner Posten für dich frei. Ich bin bei dem Minister Prinzen Naret sehr gut angeschrieben und habe dich vorgeschlagen.«

»Ich bin euch und besonders dir sehr dankbar; es stimmt, was du über Prajura sagst. Was soll ich denn aber bei euch suchen? Ordenslisten führen? Die Garderobe des Königs bewachen? Dabei verbraucht man allerdings keine Nervenkraft!«

»Also höre, du bist doch ein aalglatter, gewandter Kerl, die erste Königin braucht einen Hofmarschall.«

»Ach, ich verstehe, da will keiner von euch den Kopf hinhalten.« Pra Rata frohlockte innerlich.

»Aber du wirst doch spielend mit allen fertig, du kannst den Leuten so schöne Komplimente sagen und in einer solch verbindlichen Form, daß sie es selbst glauben, und das braucht Ihre Majestät. Prinz Naret hat auch sofort zugestimmt und wäre sehr froh, wenn du annimmst.«

»Das glaube ich wohl, aber ich brauche Ruhe und Erholung, und ihr habt mir ja immer erzählt, wie die erste Königin ihre Beamten drangsaliert.«

»Aber dich doch nicht, du brauchst nur deine elegische Seele hervorzukehren, dann geht alles gut.«

»Ich werde mir die Sache überlegen, aber auf jeden Fall muß ich mir das Recht vorbehalten, jederzeit, wenn es mir im Palastministerium zu schwer wird, in den diplomatischen Dienst zurückzukehren.«

*

Die erste Königin war in guter Stimmung, und das war durchaus nicht immer der Fall. Vor ihr stand in vorgeschriebener Haltung Pra Rata. Wohlwollend ruhten ihre Blicke auf ihm. Dieser Rata beherrschte auch alles. Er kam direkt aus Paris, und da verstand er natürlich etwas von Frauenmode. Wie und wo er das alles gelernt hatte? Nun, in Paris lernt man das eben, und wer es nicht lernt, dem ist nicht zu helfen. Aber er besaß auch ein fabelhaftes Geschick, gute Ratschläge für Kleider zu geben. Dem König waren in letzter Zeit die geschmackvollen Toiletten der Königin wiederholt aufgefallen. Eigentlich gehörte das ja nicht zu Ratas Pflichten, aber man konnte ihn zu allem brauchen; dabei war er verschwiegen und bescheiden. Schon ein halbes Jahr verwaltete er seinen neuen Posten. Mit keinem ihrer Beamten war die Königin je so zufrieden gewesen wie mit ihm. Da er ein sehr angenehmes Wesen hatte, wurde auch der König auf ihn aufmerksam, nachdem ihn die Königin häufig sehr gelobt hatte. Auch Prinz Naret, der Minister, war glücklich, denn seit Pra Rata Dienst tat, hatte er keine Schwierigkeiten mehr mit der ersten Königin.

Pra Rata ließ auf den verschiedensten Wegen einige Briefe mit anderen Unterschriften an Pya Prajura gelangen, die ihm gute Ratschläge gaben und ihn warnten, unvorsichtig zu sein. Scheinbar war Prajura etwas ruhiger geworden. Vielleicht konnte man ihn von seinen unseligen Plänen noch ganz abbringen. Dok Mali schrieb nach wie vor ihre lieben Briefe, sie bereiteten Rata jedesmal ein Fest.

Die erste Königin hatte böse, unglückverheißende Träume. Man zog die Sterndeuter zu Rate, sie sollten feststellen, was die Königin gegen Unheil schützen könne. Ihre Antwort lautete, daß ein Perlenhalsband von grünlichem Glanz sie vor großen Gefahren und Herzeleid bewahren würde. Europäer könnten nun glauben, daß die Sterndeuter besonders gute Psychologen gewesen seien, da sie heimliche Wünsche von ersten Königinnen errieten, aber es muß gesagt werden, daß ihnen in diesem Falle keine falsche Absicht unterschoben werden darf.

Das Perlenhalsband bewegte die Gedanken der Königin, und sie mußte dieses Projekt eingehend mit Pra Rata besprechen; denn er wußte doch, wo man in Paris die besten Perlen bestellen konnte. Der König meinte zwar, man käme am schnellsten zum Ziel, wenn Pra Rata nach Colombo führe und dort die edelsten Stücke zu einem prächtigen Halsschmuck zusammenstellen ließe. Das würde nicht solange dauern, und in ein bis zwei Monaten zu beschaffen sein.

Rata hatte einen sehr schweren Stand. Die Königin wollte Perlen aus Paris haben, denn Paris steht nun einmal in dem gewissen Rufe, daß alle Eleganz, besonders exotischer Natur, dort zu Hause sei. Also stand es bei ihm schon fest, daß die Perlen in Paris bei Gaudet & Géricault bestellt werden würden, aber er lieferte den Sterndeutern noch ein Scheingefecht.

»Darf ich Eure Majestät noch auf einen Punkt aufmerksam machen – Perlen bedeuten nach dem Glauben der Europäerinnen Tränen ...«

Aber die Sterndeuter hatten recht, davon war die Königin felsenfest überzeugt, obgleich sonst bei ihr die unausgesprochene Neigung vorhanden war, in Zweifelsfällen auf Pra Ratas Rat zu hören.

Also schrieb Rata den folgenschweren Brief an die Juweliere Gaudet & Géricault.

*

Endlich wurde im Ministerrat über die Finanzreformvorschläge Pya Prajuras verhandelt. Die altsiamesische Partei war grundsätzlich gegen alles, was Pya Prajura anregte. Außer ihren Vertretern stimmten eigentlich alle für die Vorschläge. Die endgültige Entscheidung hing vom Ministerpräsidenten Prinzen Prabodi ab. Er trat zum allergrößten Erstaunen für die Anträge ein aus vielen Gründen, die er aber nicht nannte. Zwar äußerte er die schwersten Bedenken, meinte aber, daß auf der anderen Seite die Vorteile so groß sein könnten, wenn die richtige Persönlichkeit diese Reformen durchführe, daß er dafür stimmen müsse, nachdem er alles reiflich überlegt hätte. Er wüßte auch keinen besseren, dieses Amt zu übernehmen, als Pya Prajura selbst, den er daher Seiner Majestät als Finanzminister vorgeschlagen habe. Allgemeines Staunen! Prinz Prabodi liebte es, die Leute durch vollendete Tatsachen zu verblüffen, und so teilte er denn vor der Abstimmung mit, daß der König Pya Prajura bereits zum Finanzminister ernannt habe. Wieder allgemeines Staunen! Die Gründe, die Prinz Prabodi nicht aussprach: Erstens wollte Pya Prajura Minister werden, also mußte man stets seine Angriffe in dieser Beziehung abwehren, was Mühe und Zeit kostete, die man besser auf andere Dinge verwendete. Zweitens machte ihm Pya Prajura in Paris zu viel Unsinn. Drittens war er hier als Finanzminister sofort unter seiner Kontrolle. Viertens hatte er inzwischen Zeit gehabt, mit der Partei Pya Prajuras zu verhandeln und die wertvollsten Zugeständnisse dafür herauszudrücken, daß er dem Gesandten in Paris das Finanzministerium übertrug. Deswegen hatte der Prinz gesagt: »Nach reiflichen Überlegungen.« Fünftens war der Beweis für die Schuld Pya Prajuras lückenlos in seinen Händen. Er wußte, was sein Gegner hier vorhatte und kannte auch das Ungestüm, mit dem Pya Prajura ans Werk ging. Es war alles so weit vorbereitet, daß er sich selbst zu Fall bringen mußte.

*

Pya Prajura kehrte also nach Bangkok zurück. Die Reformpartei triumphierte; die französische Politik rüstete zu einem großen Erfolg und sandte Georges de Pérard, den vertrauten Freund Pya Prajuras und Pra Ratas, nach Bangkok.

Viele und große Möbelladungen trafen ein; von englischer Seite erschienen Artikel darüber in der »Bangkok Times«. Das neuerbaute Palais Prajuras war fertig geworden. Als auch das alles in der Zeitung mit einem merkwürdigen Unterton von englischer Seite besprochen worden war – gewissermaßen alles mehr oder weniger mit Gänsefüßchen versehen – kam der Finanzminister selbst. Er ließ sich von allen Zeitungsberichterstattern interviewen und verkündete allen, die es hören wollten: Der König hat meine Reformpläne glänzend anerkannt, es wird eine Opiumfarm errichtet, Zollkreuzer werden gebaut, die private Chinesenpost wird unterbunden, die Sicherungsmaßnahmen für die Schiffahrt im Golf von Siam werden durchgeführt, und noch viele andere schöne Dinge wurden versprochen.

*

Im goldenen Audienzsaal stand Pra Paramin vor seinem Thron unter dem neunfachen, weißen, goldgeränderten Ehrenschirm. Vor ihm kniete Pya Prajura. Der Palastminister überreichte dem König gerade die Insignien des Großkreuzes des erhabenen Ordens vom Weißen Elefanten. Pra Paramin trat einen Schritt vor und hing dem Finanzminister selbst die feuerrote Schärpe mit dem Kleinod um.

Atemlose Stille herrschte bisher. Aber als sich Pya Prajura erhob, lief ein Raunen durch die Versammlung.

»Der König hat bei der Hauseinweihung tatsächlich das Weihwasser selbst über Pya Prajura ausgegossen. Dergleichen ist bisher nur Prinzen des Königlichen Hauses widerfahren«, sagte Prinz Saravat zu dem neben ihm stehenden Prinzen Prabodi, der nur ein ironisches Achselzucken als Antwort dafür hatte.

»Pya Prajura hat ein zu großes Palais«, flüsterte Pya Baskarawong seinem Nachbar in einer anderen Ecke des Saales zu.

»Pflanzen, die schnell ins Kraut schießen, welken gewöhnlich auch rasch.«

»Die dicke französische Freundschaft kann dem König unmöglich gefallen«, fiel ein anderer ein.

Die Mitglieder des Twybanya-Klubs sorgten überall für hämische Bemerkungen.

Je weniger Geräusch gemacht wurde, desto besser im allgemeinen für eine Sache in Siam. Hatte sich erst einmal der Klatsch einer Angelegenheit bemächtigt, dann wurde es gefährlich. Pya Prajura aber bestieg den Thron seines Ministeriums unter dem Schall von Pauken und Trompeten. Alles horchte auf.

»Das Huhn gackert im allgemeinen immer erst, wenn das Ei gelegt ist, und auch dann empfindet man dieses Geräusch meist unangenehm«, orakelte Pya Baskarawong wieder.

Viele freundliche Bemerkungen fielen nicht über Pya Prajura. Schließlich wurde es seinen eigenen Anhängern zu bunt. Da Prinz Prabodi alle Ehren auf den Finanzminister häufen ließ, aber seinen treuesten Bundesgenossen, die ihm in den Sattel geholfen hatten, nichts bewilligte, sah es fast so aus, als ob Pya Prajura nur an sich dachte und seine Freunde vergessen habe.

*

So wenig Gutes von dem neuen Finanzminister gesprochen wurde, so viel Interessantes wußte man von seinen beiden Töchtern, Dok Mali und Malila, zu erzählen. Die beiden trugen lange Haare und waren so schon verschiedentlich in der Öffentlichkeit gesehen worden. Das eine stand jedenfalls fest: Sie waren bildhübsch, besonders die ältere.

Ihr Vater trug ihnen eines Tages auf, sich die Haare schneiden zu lassen, damit sie bei dem nächsten großen Empfang bei Hofe erscheinen könnten. Aber als Pya Prajura später nach Hause kam, waren die Haare noch nicht geschnitten, obwohl am übernächsten Tag die Vorstellung stattfinden sollte.

»In dieser Angelegenheit verstehe ich keinen Spaß,« sagte er entrüstet, »ich will nicht euretwegen einen Mißerfolg bei Hofe haben. Ihr werdet sofort gehorchen!«

Dok Mali trotzte, Malila weinte.

»Kaum hat man einen Ministerposten, so macht einen der Ungehorsam seiner Töchter unmöglich.«

»Hat denn der König diese Haartracht vorgeschrieben?«

»Ja, das hat er. Die Männer und Frauen tragen in Siam gleiche Haartracht, wenigstens ist das jetzt bei Hofe Sitte.«

»Dann brauchen wir ja nicht zu Hofe zu gehen.«

Pya Prajura riß die Geduld. »Der König hat das verordnet, nur er kann demnach Ausnahmen gestatten, und das ist bis jetzt nicht vorgekommen.«

»Sieh, lieber Vater, jetzt weiß ich einen Ausweg, du gehst zum König und bittest ihn darum, daß er uns erlaubt, mit langen Haaren zu erscheinen.«

»Eher ginge die Welt unter, als daß ich solch eine Dummheit machte!« Damit entfernte sich Pya Prajura und warf die Türe unsanft hinter sich zu. Man hörte, wie er im Auto davonfuhr.

Mit schnellem Entschluß winkte Dok Mali ihre Schwester zu sich, ging ins Arbeitszimmer des Vaters, nahm den Hörer ab, ließ sich mit dem Amt verbinden und verlangte dann den Dusitparkpalast. Als sich die Palastwache meldete, fragte sie: »Ist Seine Majestät anwesend?«

»Darüber können wir keine Auskunft geben.«

»Dann bitte ich den Adjutanten oder, wenn er nicht da ist, den diensttuenden Kammerherrn.«

Stille, keine Antwort. Dok Mali wollte gerade den Hörer ärgerlich wieder hinlegen, da meldete sich der Kammerherr Pra Rachanu, der ein Freund ihres Vaters war.

»Hier die Töchter des Pya Prajura.«

»Ja, was kann ich für die Damen tun?«

»Wir möchten den König sprechen!«

»Das ist ganz ausgeschlossen, Audienzen werden nur auf vorherigen schriftlichen Antrag erteilt.«

»Nein, so meine ich es nicht. Kann ich nicht Seine Majestät am Telephon sprechen?«

Keine Antwort. Pra Rachanu schnappte nach Luft – das war ihm noch nicht vorgekommen.

»Das geht unter keinen Umständen, Seine Majestät telephonieren nie persönlich.«

»Lieber Pra Rachanu, es handelt sich aber um eine ganz wichtige, eilige Sache. Es ist Vorschrift, daß Damen bei Hofe mit kurzgeschnittenen Haaren erscheinen müssen. Wir sollen übermorgen bei Hofe vorgestellt werben, haben aber langes schönes Haar, das können wir uns nicht abschneiden lassen, sonst sterben wir, und nun wollten wir den König bitten, daß er uns die Erlaubnis gibt, daß wir in langen Haaren zu Hof kommen dürfen.«

Dieses verrückte Weibervolk! Pra Rachanu sagte kurz und barsch: »Seine Majestät haben für derartige Dinge keine Zeit!« und hängte dann ein.

»Wofür habe ich keine Zeit?«

Pra Rachanu wäre beinahe in die Erde versunken, der König stand vor ihm. Nun blieb nichts übrig, er mußte die Geschichte erzählen.

Pra Paramin war höchlichst amüsiert. »Verbinden Sie sofort noch einmal! Ich will selbst mit den Damen sprechen.«

Es dauerte eine Weile, bis Dok Mali wieder am Telephon war.

»Wer ist dort? Hier Palais Prajura.«

»Hier ist noch einmal Dusitparkpalast. Sie haben soeben einen Wunsch geäußert, hier ist Pya Tai. Wollen Sie mir ihn bitte wiederholen!«

»Nur dann, wenn Sie mir versprechen, ihn dem König zu übermitteln.«

»Ich werde ihn Seiner Majestät vortragen, wenn möglich.«

Nun wiederholte Dok Mali.

»Also wenn Sie schön bitten, werde ich es Seiner Majestät sagen.«

Keine Antwort. Dann nach einer kleinen Pause: »Ach ja, bitte, lieber Pya Tai«, kam es mit flötensüßer Stimme zurück.

»Dann warten Sie einen Augenblick am Apparat, ich werde gleich zu Seiner Majestät hineingehen.«

Dok Mali wartete und wartete, endlich: »Seine Majestät will es ausnahmsweise und auf Widerruf gestatten; wenn Sie sehr artig sind, dürfen Sie in langen Haaren zur Audienz kommen.«

»Ich danke Seiner Majestät untertänigst.«

»Nein, damit ist die Sache nicht abgemacht – mir sollen Sie auch danken, was bekomme ich denn für meine Vermittlung?«

»Lieber Pya Tai, wir lassen uns wundervoll frisieren und ziehen unser bestes Kleid an, dann fahren wir zum Hofphotographen und lassen uns photographieren. Das schönste Bild bekommen Sie.«

»Mit einer Widmung?«

»Mit einer eigenhändigen Widmung. Und dürfen wir noch etwas fragen?«

»Was denn?«

»Wir haben wunderbar schöne weiße Zähne, und wir möchten nicht Betel kauen, da bekommt man einen großen häßlichen Mund und schmutzige Zähne.«

»Ja, das hätten Sie gleich sagen sollen, ein zweites Mal kann ich Seine Majestät nicht stören.«

»Ach bitte, lieber Pya Tai, ich dachte, das könnten Sie uns persönlich sagen, muß denn der König immer alles wissen?«

»Nun, ich will es Ihnen zusagen, vorausgesetzt, daß Seine Majestät damit einverstanden sind.«

»Vielen Dank, lieber Pya Tai, dürfen wir uns wieder an Sie wenden, wenn wir eine Bitte an den König haben?«

»Ja.« Dann wurde drüben abgehängt. Wenn man sich mit Damen einläßt! Man sollte doch wirklich nicht aus seiner Reserve herausgehen.

Die Freude der beiden kannte keine Grenzen. Sofort warfen sie sich in große Toilette, dann ging's zum Hofphotographen. Sie ließen ein Dutzend Aufnahmen machen, teils einzeln, teils zusammen. Als sie zu Hause ankamen, war auch Pya Prajura wieder da. Sie erzählten ihm alles triumphierend.

»Mit wem habt ihr gesprochen?«

»Mit Pya Tai.«

»Das ist doch unmöglich – – das ist ja der Deckname Seiner Majestät!« Pya Prajura ließ sich mit dem wachthabenden Kammerherrn verbinden und erfuhr, daß Dok Mali sich nicht verhört hatte. Er ließ sich auf den nächsten Sessel fallen und sagte vorläufig nichts mehr.

*

In der neuerbauten Thronhalle aus weißem, karrarischem Marmor im Dusitpark strahlten die Kronleuchter. Die zur Audienz Befohlenen versammelten sich, ihre Unterhaltung erfüllte den Saal. Jetzt begann von der Musikloge aus gedämpfte Musik zu erklingen. Pya Prajura war in angeregtem Gespräch mit seinen Freunden. Etwas abseits stand Nang Kulap mit ihren Töchtern, die heute allgemein beachtet wurden. Pra Rata erschien und entbot die beiden jungen Damen zur ersten Königin. Eine Gasse öffnete sich vor ihnen, als sie mit ihrem Begleiter den inneren Gemächern zuschritten. Überall tuschelte man von dem Telephongespräch Dok Malis mit dem König. Seine höchstpersönliche Entscheidung über die Frisuren der Töchter des Finanzministers war schon vor der großen Vorstellung wieder in der ganzen Hofgesellschaft und darüber hinaus bekanntgeworden. Alle, die Humor besaßen, lachten herzlich darüber.

Auch die erste Königin hatte es erfahren, sich aber weniger darüber gefreut. Besonders die Sache mit dem Betelkauen ärgerte sie, da sie das für eine gute alte siamesische Sitte hielt und bei Audienzen immer Betel auftragen ließ. Es zeugte gerade nicht von überragender Einsicht und großem Weitblick, daß sie sich Damen der europäischen Gesellschaft einlud und sie zum Betelkauen zwingen wollte. Aber niemand kann über sich selbst hinaus.

Sie hatte sich also vorgenommen, den Übermut der beiden Töchter Pya Prajuras nach ihrem Erfolg beim König etwas zu dämpfen.

Sie thronte in einem prunkvollen Salon, umgeben von ihren Hofdamen. Als Dok Mali und Malila eintraten und vor ihr niederknieten, richtete sie einige gleichgültige Fragen an sie, unter anderem die, ob sie schon die letzten Pariser Haarfrisuren in Abbildungen gesehen hätten. Als sie verneinten, sandte sie die beiden mit Pra Rata in ihre Salons. Rata hatte den Befehl, sie dort mindestens dreiviertel Stunden lang aufzuhalten. Die so Bestraften wunderten sich über die Gnade der Königin und empfanden diese Behandlung als Auszeichnung.

Als dies erreicht war, erschien die erste Königin an der Seite ihres Gemahls.

Der Hofmarschall des Königs klopfte dreimal mit seinem Stabe. Tiefe Stille! Ein großer Vorhang entfaltete sich. Der König und seine erste Gemahlin traten in die Audienzhalle. Der große Empfang begann. Als Pya Prajura mit Nang Kulap als einer der ersten dem Herrscherpaar seine Reverenz machte, verwickelte die Königin Nang Kulap in ein kurzes Gespräch, und da sie sah, daß sie eine vornehme Siamesin von echtem, altem Adel vor sich hatte, die diese Reformen auch nur gezwungen mitmachte, wurde sie sehr freundlich und behielt sie in einem guten Andenken. Dok Mali und Malila wurden mit keiner Silbe erwähnt, auch der König schwieg über sie, und Pya Prajura wagte nichts zu sagen. Er hatte sich auf den Augenblick gefreut, wo der König seine Töchter durch eine besonders huldvolle Ansprache auszeichnen würde. Er war enttäuscht. Die Königin lud Nang Kulap ein, sie bei Gelegenheit zu besuchen. Pya Prajura ärgerte sich, die Königin triumphierte.

*

Der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag, kam heran, an dem die beiden hübschen Prajuras zum ersten Male in europäischer Gesellschaft auftreten sollten.

Dok Mali konnte mit Pra Rata nur selten Briefchen wechseln, hier in Bangkok war alles wie verhext. Ihr Vater ließ scharf aufpassen, und so kamen die meisten Nachrichten nicht an. Sie waren so abgefaßt, daß ein Nichteingeweihter nichts daraus entnehmen konnte. Um so mehr freute sich Dok Mali auf das Fest, auf dem auch Rata zugegen sein würde.

Pya Prajura hatte mit dem letzten Dampfer zwei neue französische Luxusautos von Clément Bayard erhalten, die wunderbar dunkelblau lackiert waren und das Wappen der Prajura auf dem Wagenverschlag führten. Die Livreen des Personals waren nach den eingesandten Maßen ebenfalls in Paris gearbeitet worden und standen den braunen Malaien vorzüglich.

Nicht zu spät und nicht zu früh fuhren die Autos der Prajuras auf der großen Rampe vor. Seine Exzellenz der französische Gesandte kam dem Pya ostentativ entgegen. Die Begrüßung verlief durchaus nach Wunsch. Prinz Prabodi war gerade zwei Minuten früher gekommen. Dok Mali und Malila waren die einzigen Siamesinnen in europäischem Kostüm und wurden viel bewundert. Pya Prajura sonnte sich in seinem eigenen Erfolge. Alle Diplomaten ließen sich den beiden Damen vorstellen, und die französische Gesandtin war so entzückt, daß sie Dok Mali nicht von ihrer Seite ließ. Als Lockvogel für die Herren, da sie sonst fürchten mußte, daß die anwesenden Prinzen sich mehr Dok Mali zuwenden würden, behaupteten ihre intimsten Feindinnen. Pra Rata war ebenfalls an der Seite Dok Malis, die beiden konnten aber nicht eine Minute allein miteinander sprechen, da sich alles drängte, ihre Bekanntschaft zu machen und ihr vorgestellt zu werden. Sie war in Wirklichkeit der Mittelpunkt des Festes, und die französische Gesandtin verfolgte die einzig richtige Politik. Prinz Chakkravat in der Oberstenuniform der russischen Gardekavallerie sagte ihr die größten Schmeicheleien, auch Prinz Champa kam, um die Schönheit Dok Malis und Malilas zu bewundern.

Pya Prajura hatte sich am Sektbüfett verankert und hielt Cercle, will sagen Parade über seine Partei, bei der man recht häufig das ponceaurote Band der Ehrenlegion bemerken konnte. Prinz Prabodi war bald wieder gegangen. Mit Sonnenuntergang verließen die letzten Gäste den Garten, später sollte die Galatafel beginnen.

Dok Mali trug ein wunderbares Kostüm ganz aus Goldspitzen über einem dunklen, farbenprächtigen Rotseidenkleid, doch waren die Brokatspitzen so reich, daß sie ganz goldfarben aussah. Malila trug ein entsprechendes blauseidenes Kleid mit Silberspitzen. Der französische Gesandte hatte sein Äußerstes getan, um Pya Prajura zu ehren; so waren er und seine Töchter, sowie Nang Kulap in der Tischordnung zu hoch gesetzt. Das Festessen verlief programmäßig. Pya Prajura hielt eine Rede, nachdem der Minister des Äußern gesprochen hatte. Am Schluß trank er besonders auf die guten Beziehungen zwischen Frankreich und Siam in der Zukunft. Alle Eingeweihten verstanden, und es waren alle mehr oder weniger eingeweiht, nur Pya Prajura wußte es nicht.

Nach der Tafel begann der Ball. Auch dort war Dok Mali wieder die Königin. Bei der Quadrille führte sie Prinz Chakkravat, und Pya Prajura mit der französischen Gesandtin waren ihr Gegenüber.

Dann aber kam die größte Überraschung des Abends. Trompetenschall ertönte – ein Tusch – und der französische Gesandte selbst trat vor und verkündete, daß die Prima Ballerina der Grand Opéra aus Paris erscheinen und die Gäste durch einen Solotanz erfreuen werde. Alles war gespannt. Ein großer Seidenvorhang rauschte auseinander, eine ganz in perlgrauem Tuch ausgeschlagene Bühne wurde sichtbar, und es erschien, als Europäerin geschminkt, in richtigem Balletteusenkostüm, Dok Mali.

Ein Beifallssturm brach los. Sie tanzte nach einer Phantasie über die französische und siamesische Nationalhymne einen wunderbar erdachten Spitzentanz. Dabei hatte sie ein Schultertuch, das sie je nach Bedarf und Musik bald in siamesischen Flaggen, bald in französischen flattern ließ.

Der französische Gesandte und Pya Prajura standen im Hintergrunde auf dem Feldherrnhügel, drückten sich die edlen, großen Hände und sahen sich mit einem Augurenlächeln an. Nach dem Tanz gingen sie zum Sektbüfett und tranken sich mit vollendeter Eleganz zu. Jeder hatte seine eigenen Gedanken über die Zukunft, aber im Augenblick waren sie die Herren der Situation auf gemeinsamer Grundlage.

Der Tanz mußte wiederholt werden. Die Begeisterung war groß; für Bangkok war das vollständig neu. Selbst der englische Gesandte hatte den lebhaftesten Beifall gespendet. Alle Anwesenden standen unter dem spontanen Eindruck eines großen Ereignisses, der Enthusiasmus war ehrlich und echt. Sogar die anwesenden Damen zollten neidlos Beifall, und das bedeutete für Dok Mali den größten Erfolg. Als sie sich abgeschminkt hatte und wieder in ihrer Ballrobe im Saal erschien, brachte der alte holländische Gesandte ein begeistertes Hoch auf sie aus, und so das geschieht am dürren Holz, was soll am grünen werden?

Die übliche Zeit, wann solche Feste enden, war längst vorüber. Keiner wollte gehen. Man war durch den Tanz Dok Malis in eine solch goldene Feststimmung geraten, daß man nur ungern in den Alltag zurückkehrte. Zu vorgerückter Stunde beredete der französische Gesandte Dok Mali dazu, noch einen Solotanz in ihrer Ballrobe zu tanzen. Schließlich willigte sie ein. Man verdunkelte den Zuschauerraum und erhellte nur die Bühne. Dok Mali wählte »Faszination« als Musik. Sie tanzte zuerst in gebundenem Walzerschritt, aber dann lösten sich ihre Bewegungen, sie schwebte frei und leicht. Wie von selbst wurde die Musik allmählich leiser und geheimnisvoller. Sie tanzte langsamer und ließ sich weich zu Boden gleiten – noch ein leiser Paukenschlag – und alles war ruhig.

Niemand spendete Beifall. Dok Mali hatte alles improvisiert. Auch die Musik war ganz frei erfunden. Als das Licht wieder erstrahlte, löste sich der Bann und tosender Beifall brach los. Viele Damen trockneten ihre Tränen, und sogar manche Herren räusperten sich verdächtig. Der französische Gesandte hielt eine begeisterte Rede, und die Worte, die er über echte, wahre Kunst fand, die übernational sei, waren schön und von momentaner Inspiration. Man blieb noch bis halb vier Uhr zusammen, dann brachen alle auf.

Diese Nacht war allen, die sie miterleben durften, unvergeßlich.

Auch die Presse war zum Ball eingeladen, das zeigte sich am nächsten Tage. Aber selbst die schönsten Schilderungen waren doch nur tote, dürre Worte. Den Tanz Dok Malis konnte keiner richtig beschreiben, der mußte miterlebt sein.

Die erste Königin hatte ebenfalls davon gehört; sie ließ sich durch Pra Rata alle Zeitungsausschnitte zusammenstellen. Leider waren Dok Mali und Malila nicht ihre Hofdamen, dann wäre das nicht geschehen, und sie hätte diesen Erfolg auf einem Wohltätigkeitsfest für sich buchen können. Die moderne Welt ging einen verkehrten Gang, und selbst sie konnte sie nicht in Ordnung bringen, obwohl sie erste Königin war. Das war eine unangenehme Erkenntnis.

Sie gab Pra Rata den Auftrag, genauere Erkundigungen über Dok Mali einzuziehen.

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