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Tanzende Flamme

Ravi Ravendro: Tanzende Flamme - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzende Flamme
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1927
printrun11. - 13. Auflage
correctorreuters@abc.de
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Der Expreßzug Warschau–Paris hatte gerade Charlottenburg verlassen. In einem Abteil erster Klasse saß der Legationsrat Pra Rata von der Siamesischen Gesandtschaft in Berlin seinem Jugendfreunde Mom Chao Uradet gegenüber.

»Du wirst in Paris keinen leichten Stand haben«, sagte Uradet. »In Berlin konnte ich nicht mit dir sprechen, weil der Gesandte uns die ganze Zeit nicht allein ließ.«

»Weißt du denn etwas Genaueres über meine Mission in Paris?« fragte Rata gespannt. »Das Telegramm, das mich dahin beordert, ist recht lakonisch.«

Uradet lächelte verschmitzt. »Mit dir kann ich ja über solche Dinge sprechen. Wir haben zusammen die Pagenschule besucht und schon manches Geheimnis miteinander gehabt. Ich muß aber auf deine vollste Verschwiegenheit rechnen. Du kannst dich bei dieser Gelegenheit, wenn du die Sache richtig anfaßt, bei dem Ministerpräsidenten, dem Prinzen Prabodi und bei Hofe in das beste Licht setzen. Und ich glaube sogar, daß du der richtige Mann bist, um die etwas verfahrene und heikle Geschichte wieder ins Geleise zu bringen. Wie stehst du jetzt eigentlich mit Pya Prajura, dem Gesandten in Paris?«

»Du weißt, daß ich entfernt mit ihm verwandt bin.«

»Dann hat er dich wahrscheinlich dorthin geholt.«

»Ich wüßte nicht, warum«, bemerkte Rata. »Aber ich gehe gerne nach Paris. Ich habe früher dort studiert und es seit dieser Zeit nicht wiedergesehen. Man hat so seine Erinnerungen.«

»Erinnerungen hast du auch?« lachte Uradet. »Wie heißt denn die Erinnerung?«

»Das kann dir doch ganz einerlei sein, ob sie Marion, Mignon, Jeanne oder sonstwie heißt.«

»Na ja, ich dachte mir gleich, daß diese Erinnerung einen weiblichen Vornamen hätte.«

»So gern ich sonst nach Paris gehe, so ungern tue ich es, weil ausgerechnet Pya Prajura dort Gesandter ist.«

»Wenn er mit dir verwandt ist, kann er dich doch leicht auf den richtigen Posten bringen.«

»Das könnte er sicherlich«, sagte Rata. »Aber wenn ich nun nicht möchte? Sieh mal, Prajura war lange genug Gesandter in Berlin, und ich habe unter ihm gearbeitet. Sicher ein äußerst liebenswürdiger Mensch, aber ein derartig unruhiger Geist, daß man überhaupt nicht zur Ruhe kommt bei ihm. Wir haben alle einen Freudentanz aufgeführt, als er versetzt wurde. Er leidet darunter, daß er zuviel verschiedene Ideen im Kopfe hat und immer ein Plan den anderen jagt. Man muß sehr viel umsonst arbeiten bei ihm. Dauernd ändert er seine Dispositionen.«

»Also du schätzest nur seine Arbeitsmethoden nicht sehr hoch. Er selbst ist doch ein ganz famoser Kerl«, warf Uradet gleichgültig dazwischen.

»Er ist mir auch zu waghalsig, denn seine politischen Husarenstreiche müssen immer nur wir ausbaden, wenn sie schief gehen. Du weißt, Uradet, daß Siam in der europäischen Politik augenblicklich sehr vorsichtig sein muß. Ich kann gar nicht begreifen, wie man diesen wichtigsten Posten, den wir überhaupt in Europa haben, Pya Prajura anvertrauen konnte.«

»Der hatte eben auch Verwandte, die ihn dahin gebracht haben«, sagte Uradet.

»Ich fürchte nur, daß bei den ganzen Familienkonnexionen Siam eines schönen Tages unter englischem oder französischem Protektorat steht.«

»Sage einmal, du gehörst wohl auch zum Twybanyaklub?«

»Wenn ich nicht sehr irre, du auch, Uradet!«

»Endlich haben wir uns verstanden! Also, bei der Ehre des Twybanya!« Die Sache wurde ernst. »Ich bin unter einem Vorwande nach Berlin gekommen, und zwar nur deshalb, um dich hier im Zuge eingehend sprechen zu können. Was du eben über Pya Prajura gesagt hast, ist sehr richtig. Wir glauben auch, daß er die größte Gefahr für eine ruhige Entwicklung Siams ist. In London hat man uns vertraulich gewarnt. Es scheint so, als ob er eine etwas zu subjektive Politik betreibt, die weniger Siam als nur seinen persönlichen, ehrgeizigen Zielen dienen soll. Er entstammt der alten Königsfamilie von Ayuthia, und ist doch ein naher Verwandter des Pya Voravodi, der vor zehn Jahren wegen Aufruhrs hingerichtet wurde. Rundheraus gesagt, es besteht der begründete Verdacht, daß er nach der Königsherrschaft strebt und in Paris bei der französischen Regierung einen Bundesgenossen gesucht und gefunden hat. Jeder Schritt des Pya Prajura wird scharf überwacht, es kann sich also nichts Unerwartetes in Siam selbst ereignen. Nur könnte unsere Regierung unangenehm überrascht werden, wenn er seine Amtsbefugnisse überschritte und den Franzosen in gewissen Dingen bindende Zusagen machte. Ich denke dabei etwa an Eisenbahnlinien. Wenn schon Militärbahnen in Siam gebaut werden sollen, dann bauen wir sie allein und nicht die Franzosen.«

Pra Rata war ehrlich entrüstet. »In wessen Auftrag sprichst du eigentlich zu mir?« fragte er.

»In gar keinem Auftrag, lieber Junge. Das habe ich alles geträumt und du auch. Verstehst du mich? Wenn du ein Twybanya sein willst, dann gib dir die Antwort selbst! Aber ich will dir noch mehr erzählen. Pya Prajura erhält dieser Tage ein Telegramm, das ihn wegen irgendeiner Lappalie nach Rom schickt. Du sollst ihn während dieser Zeit vertreten, und dann hast du ja Gelegenheit, mit den maßgebenden Stellen auf französischer Seite zu verhandeln. Außerdem kennst du doch den Legationsrat Georges de Pérard. Er arbeitet jetzt in der Abteilung Siam als Hilfsreferent.«

Rata verstand. Angenehm war es ihm nicht, gegen seinen eigenen Vetter zu spionieren. Aber andererseits gehörte er mit Leib und Seele der neuen Richtung an, die endlich mit dem Schlendrian in der Verwaltung und Politik von Siam aufräumen wollte und fast bis zum Fanatismus national eingestellt war.

»Ich will dir noch einige andere Anhaltspunkte geben«, sagte Uradet. »Die Franzosen haben vor kurzer Zeit den Engländern vorgeschlagen, Siam in zwei Interessensphären zu teilen, die durch den Menamstrom voneinander abgegrenzt werden sollen. Und was die Franzosen unter Interessensphäre verstehen, weißt du ja zur Genüge. Nach anderen Nachrichten aus Paris hat Pya Prajura mit ihnen über die Sicherung der Schiffahrt im Golf von Siam verhandelt. Er versteht darunter marinetechnisch irgendwie befestigte Stationen, auf die er seine eigenen Machtpläne aufbaut, die Franzosen sehen darin Flottenstützpunkte, über denen die Trikolore weht. So weit ist die Sache schon gediehen. Die Franzosen werden mit dir verhandeln, wenn sie sehen, daß du darüber unterrichtet bist.«

Sie sprachen noch lange, und Uradet gab Rata viele wichtige Fingerzeige. Als er sich schließlich von ihm trennte, um sein Abteil in dem Schlafwagen nach Vlissingen aufzusuchen, war Rata Feuer und Flamme und faßte den festen Vorsatz, alles zu tun, um seinen Auftrag schonungslos durchzuführen.

*

Auch Rata legte sich zur Ruhe, konnte aber begreiflicherweise nicht schlafen. Mom Chao Uradet war ein Enkel des Königs, er mußte also auf das beste unterrichtet sein. Rata dachte viel darüber nach, wie er seine Mission am geschicktesten durchführen könne. Daun schlief er endlich ein.

Am nächsten Morgen war er schon frühzeitig auf. Je näher er der französischen Hauptstadt kam, desto lebhafter wurden die alten Erinnerungen. Als Student an der Sorbonne hatte er über reichliche Mittel verfügt, so daß er sich nicht einzuschränken brauchte. Er kleidete sich stets elegant, und legte besonderen Wert auf tadellose Handschuhe, deren er eine große Sammlung besaß. Jedesmal, bevor er ausging, wählte er nach der Farbe seines Anzugs oder Paletots und nach der Bedeutung des Weges die entsprechenden Handschuhe aus. Am liebsten trug er ganz feines Wildleder, das aber sehr weich und schmiegsam sein mußte. Mit der Zeit hatte er sich daran gewöhnt, seine Handschuhe im Magasin du Printemps zu kaufen – nicht, weil es dort die besten gab, sondern seiner Meinung nach die schönste Verkäuferin. Der weibliche Vorname hieß also Ninon und gehörte diesem jungen Mädchen. Ninon war zwar nicht sein erstes Liebesabenteuer auf europäischem Boden, aber sie machte den tiefsten Eindruck auf ihn. Denn sie streichelte von allen Damen, die ihm jemals Handschuhe anprobierten, seine Hände am zartesten, weichsten und gefühlvollsten – und dafür sind besonders Siamesen sehr empfänglich. Er war ein hübscher Junge, und viele Mädchenherzen flogen ihm entgegen. Das tiefschwarze, gewellte Haar kämmte er ohne Scheitel nach hinten, sein ovales, ebenmäßiges Gesicht war von fast frauenhafter Schönheit. Er trug, wie fast alle seine Landsleute, keinen Bart. Lange, seidige Wimpern beschatteten seine schwarzen, mandelförmigen Samtaugen. Er besaß einen zarten Teint und eine auffallend helle Hautfarbe, fast so hell wie die der Europäer. Dabei war er schlank, etwas über mittelgroß.

Seit jener Zeit hatte er sich wenig verändert, und das wollte viel sagen – es waren etwas mehr als zehn Jahre vergangen, seit er seine Studien dort abgeschlossen hatte. Als er Ninon kennenlernte, war sie siebzehn Jahre alt. Die beiden jungen Menschen verliebten sich so ineinander, daß sie zusammenzogen. Immer traten sie gemeinsam auf und wurden daher im Scherz die »siamesischen Zwillinge« genannt. Als er nach Siam zurückkehrte, hatte er sie so liebgewonnen und sich so sehr an sie gewöhnt, daß er sie mitnahm und sich in seiner Heimat mit ihr verheiraten wollte. Nun wären sie wahrscheinlich in Siam auch ganz glücklich geworden, wenn es nicht das Schicksal anders bestimmt hätte. In Singapur, wo er den Dampfer wechselte und die englischen Behörden die Passagierlisten prüften, wurde festgestellt, daß er mit einer europäischen Dame reiste, die nicht seine Frau war, und auf Grund der Akte zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels wurde er – selbst gegen den Protest Ninons – gezwungen, ihr eine größere Entschädigungssumme zu zahlen, und sie wurde postwendend mit dem nächsten Dampfer der Messageries Maritimes nach Hause geschickt. Fast aller Barmittel beraubt, mußte er froh sein, daß der siamesische Generalkonsul ihm aus eigener Tasche das Reisegeld nach Bangkok vorschoß und die Geschichte nicht amtlich an die siamesische Regierung berichtete; sonst hätte ihm das seine Karriere kosten können.

Vor dem Abschied hatten sie sich ewige Treue geschworen. Sie beantwortete noch eine Zeitlang seine Briefe regelmäßig, dann aber schwieg sie. Als er nach drei Briefen, die immer dringender seine Sehnsucht nach ihr beteuerten, nichts mehr hörte, schrieb auch er nicht mehr an sie. Aber vergessen war sie deshalb nicht. Was mochte aus ihr geworden sein? Er hatte sich fest vorgenommen, Nachforschungen nach ihr anzustellen, wenn er jetzt nach Paris käme. Die leise, stille Hoffnung lebte noch immer in ihm, daß er wieder so glücklich mit ihr sein würde wie einst, obschon seine Vernunft dagegen sprach.

Aus Liebe zu Ninon hatte er in Siam nicht geheiratet, sondern nur dann und wann – aber auch nicht offiziell und nicht für lange Dauer. Hätte er sich damals in Paris gleich mit ihr trauen lassen und darüber Urkunden vorweisen können, so wären ihnen in Singapur nichts geschehen. Das rigorose Vorgehen der Engländer gegen ihn als Angehörigen einer farbigen Rasse hatte in ihm einen tiefen Haß gegen alles Europäische hervorgerufen, den er aber nie merken ließ und der sich nur ganz langsam mit der Zeit etwas milderte, besonders durch den Buddhismus, der in der Heimat wieder stark auf ihn wirkte. Aus dieser Abneigung heraus schloß er sich auch dem Twybanya-Klub an, der es sich zur Aufgabe machte, Siam von dem überhandnehmenden fremden Einfluß zu befreien, und die von den Europäern geraubten Provinzen auf diplomatischem Wege oder durch Gewalt wiederzugewinnen. Diese modernen Bestrebungen richteten sich besonders gegen Frankreich, das unter den nichtigsten Vorwänden immer wieder Streit mit Siam anfing und eine wahre Räuber- und Erpresserpolitik gegen das Land verfolgte. Und mit Hilfe dieses selben Frankreich wollte Pya Prajura unter Preisgabe altsiamesischer Provinzen seine törichten und eitlen Pläne durchführen? Das durfte unter keinen Umständen geschehen! Er war fast stolz, daß gerade ihm dieser wichtige Auftrag in den Schoß fiel. Ja, er wollte sich auszeichnen, nicht so sehr um seinet- als um Siams willen!

Der Zug fuhr in Paris ein.

*

Zur selben Zeit ging Pya Prajura in dem großen Salon seiner fürstlich ausgestatteten Wohnung erregt auf und ab. Er hatte eine kernig gedrungene, gesetzte Gestalt, war aber keineswegs korpulent. Für einen Siamesen besaß er ein sehr feuriges Temperament. Sein fast europäischer Gesichtstypus mit dem beweglichen Ausdruck zeigte wenig ostasiatischen Einschlag. Aber er hatte die schönen, tiefdunklen Augen der Siamesen und ihr schwarzes, glattes Haar, das er ohne Scheitel trug, und das wie eine Bürste aufwärts stand.

In einem Sessel saß seine Gattin Nang Kulap.

»Es ist geradezu schlimm mit Dok Mali und Malila. Nicht einmal in einem Nonnenkloster sind sie sicher untergebracht. Was mag bloß wieder dieses Genfer Telegramm bedeuten?«

Die Mutter antwortete nicht. Sie wußte aus Erfahrung, daß es am besten war, ihn ruhig austoben zu lassen. Für gewöhnlich war er ein aufmerksamer Gatte und Vater. Im Verkehr mit anderen besaß er ein äußerst gewinnendes Wesen, und man schätzte seine ritterliche Liebenswürdigkeit in der Pariser Gesellschaft.

»Da steht in dem Telegramm: ›Unerhörter Zwischenfall. Bitten, sofort Töchter abzuholen, da Verbleiben im Kloster ihres Betragens wegen nicht länger möglich!‹ Was haben die beiden bloß wieder angestellt? Malila hätte ich das wirklich nicht zugetraut – ich glaube auch nicht, daß sie die Schuldige ist. Das kann nur Dok Mali gewesen sein.«

Nang Kulap war gerade das Gegenteil ihres Gatten, zierlich und zart von Körperbau, ebenso groß wie er, aber von weichen, frauenhaften Formen. Sie mußte früher eine blendende Schönheit gewesen sein. Jetzt war sie Ende der Dreißiger – für eine Siamesin schon ein hohes Alter. Auch sie trug dieselbe Haartracht wie ihr Mann, und war ebenfalls in einen Panung gekleidet, ein aus einem großen Stück prachtvoller Seide geschlungenes Beinkleid, das gerade bis über die Kniescheiben reichte. Dazu trug sie seidene Strümpfe, die reichgestickt und mit kleinen Brillantrosen besetzt waren und elegante Wildlederhalbschuhe mit edelsteingeschmückten Spangen. Das Kostüm wurde durch eine reiche Pariser Spitzenbluse nach neuestem Schnitt vervollständigt.

»Du hättest die Mädchen in diesem Alter auch nicht mehr in einem Kloster erziehen lassen sollen – Dok Mali ist schon siebzehn und Malila sechzehn Jahre. Als ich dich heiratete, war ich fünfzehn, und das ist entschieden das beste Alter zum Heiraten.«

»Ja, das ging früher wohl,« sagte er, »damals brauchtet ihr noch nicht viel von europäischen Sprachen und Wissenschaften, aber heute ist das anders. Und gerade unsere Töchter, die doch vorbildlich erzogen werden sollen, müssen eben noch mehr lernen. Wenn sie verheiratet sind, hört das sowieso auf.

Wenn ich nur wüßte, was sie angestellt haben. Hoffentlich steckt nicht irgendeine dumme Liebesgeschichte dahinter, die ihnen die ganze Zukunft verdirbt. Wir werden heute abend ohnehin nach Rom fahren – da wäre es das beste, wenn man schon auf der Hinreise nach Genf führe und dort nach dem Rechten sähe. Man könnte dann die beiden Mädels mit nach Italien nehmen, schaden kann es ihnen nicht, wenn sie Rom kennenlernen. Sie sollen ja Frauen des Königs werden – wenn sie sich dann unter ihren vielen Mitbewerberinnen nicht besonders auszeichnen, wird ihr Los nicht sehr beneidenswert sein. Wenn sie es aber verstehen, das Interesse des Königs zu erregen, und wenn er mit ihnen über Reformpläne sprechen kann, dann können sie sich eine solche Machtstellung erringen, daß sie selbst die erste Königin in den Schatten stellen.«

»Ich weiß nicht, ob der König seine Lieblingsfrauen nur nach dem Verstande und nach dem, was sie in der Wissenschaft leisten, aussucht«, sagte Nang Kulap resigniert.

»Nein, ich weiß schon. Aber hübsch sind die Mädels doch. So schlimm ist es übrigens nicht, daß sie jetzt aus dem Kloster kommen, ich hätte sie doch in ein oder zwei Monaten nach Paris geholt, wenn die Saison anfängt.«

In diesem Augenblick wurde von einem Diener Pra Rata gemeldet. Pya Prajura ließ ihn sofort nähertreten. Die Begrüßung war sehr herzlich.

*

Pra Rata erledigte seine Antrittsbesuche sofort und erhielt bald darauf eine Einladung zu dem großen Essen, das auf der Spanischen Gesandtschaft gegeben wurde.

Dort traf er die Gräfin Eljakoff wieder, die er in Berlin kennengelernt hatte. Der Graf war in wichtiger Mission nach Petersburg unterwegs, und wurde in den nächsten acht Tagen zurückerwartet. Schon in Berlin hatte sie mit Vorliebe mit Rata geflirtet. Sie wußte, daß er über eine sehr schöne Baritonstimme verfügte, und richtete es geschickt ein, daß er von der Dame des Hauses aufgefordert wurde, einige Lieder vorzutragen. Die Gräfin Eljakoff begleitete ihn meisterhaft auf dem Flügel, und schmiegte sich seinem Gesang vollendet an. Ihr gefühl- und temperamentvolles Spiel riß Pra Rata förmlich mit, und doch drängte es sich nie auf Kosten seiner Stimme in den Vordergrund. Ganz seiner äußeren Erscheinung entsprechend hatte er eine weiche, melodische Stimme von einem gewissen sinnlichen Timbre, die besonders auf Frauen wirkte. Er hatte kein großes Organ und wählte deshalb auch keine Bravourarien. Aber seine einschmeichelnde Stimme füllte den Raum mit süßem Wohllaut.

Bei Tafel war er wenig beachtet worden, aber als er jetzt endete, zeigte die Stärke des Beifallsturmes, daß er seine Zuhörer ganz und gar in Bann geschlagen hatte. So mußte er besonders auf Wunsch des schönen Geschlechts noch mehrere Lieder vortragen und war nachher der Mittelpunkt einer regen Unterhaltung.

Die Damen hatten schon viel von dem sogenannten Haremsleben des Königs gehört, wollten und konnten aber natürlich das Gespräch nicht unvermittelt darauf bringen und kleideten deshalb ihre Wißbegierde in die Frage nach dem Frauenleben in Siam im allgemeinen und der Polygamie im besonderen ein. Und Pra Rata war wirklich ein Diplomat. Er gab so diskrete und elegante Antworten, daß man alles daraus entnehmen konnte und er doch nie irgendwie über das Maß dessen hinausgegangen wäre, was man schicklich in einer so illustren Gesellschaft hätte sagen dürfen. Aber er wußte selbstverständlich, worauf seine schönen Zuhörerinnen abzielten, und so leitete er wie von ungefähr das Gespräch auf den Hof. Die Damen erfuhren auf ihre vielfachen Fragen, daß der König nach der Anzahl der vier Himmelsrichtungen vier Königinnen besitze.

Als er die Enttäuschung in den Gesichtern der Damen sah, denen dies scheinbar viel zu wenig war, fügte er mit feinem Lächeln hinzu: »Dazu kommen dann noch etwa achtzig Nebenfrauen und darüber hinaus noch einige Lieblingsfrauen von besonderer Schönheit und Vornehmheit. Die achtzig Nebenfrauen haben eine bestimmte Rangordnung untereinander, die aber nicht für alle Zeiten festgelegt ist, sondern je nach den entsprechenden Verdiensten um den König geändert werden kann.«

Nun war die Unterhaltung bei dem richtigen Thema angelangt. Man fragte ihn, wie viele Frauen er denn besitze, und wollte ihm durchaus nicht glauben, daß er Junggeselle sei.

»Ich bin leider noch nicht der Dame begegnet, mit der ich mein ganzes Leben teilen könnte.«

Man wollte nun aber von ihm wissen, ob er später mehrere Frauen nehmen werde, und im Anschluß daran entspann sich eine längere Erörterung über Mono- und Polygamie.

»Seien Sie überzeugt, meine Damen, daß in einem Menschenalter die Polygamie in Siam abgeschafft sein wird – vielleicht auch schon eher!«

Georges de Pérard verstrickte jetzt seinen Studienfreund in eine Unterhaltung und zog sich dabei unauffällig mit ihm in eine Ecke zurück.

»Können Sie mir sagen, lieber Rata, ob diese Reise des Pya Prajura irgendwelche politischen Hintergründe hat?«

»Ich glaube, nicht die mindesten. Pya Prajura hofft in einigen Wochen zurück zu sein, er hat mich über alle laufenden Geschäfte eingehend unterrichtet und wünscht, daß seine Verhandlungen über gewisse Punkte fortgesetzt werden sollen.«

»Pya Prajura deutete uns an, daß das jetzige Ministerium in Bangkok seinen Reformplänen und Vorschlägen nicht gerade günstig gegenüberstehe.«

»Ich halte Pya Prajura für einen äußerst fortgeschrittenen Staatsmann, der eifrig bestrebt ist, die maßgebenden Stellen über wichtige, nötige Reformen aufzuklären. Die Zustände, wie sie jetzt durch den Bau der Koratbahn geschaffen sind, dürften unhaltbar sein, und man müßte irgendwie Mittel und Wege finden, von dort zur französischen Grenze oder umgekehrt zu bauen.«

Nachdem Rata noch einige Andeutungen über gewisse Sicherheitsmaßnahmen zugunsten der Schiffahrt im Golf von Siam gemacht hatte, sagte Pérard:

»Ich sehe, mein lieber Rata, daß Sie vollkommen im Bilde sind, und daß die Verhandlungen keine Verzögerung erleiden werden. Ich weiß nicht, ob meine Bitte zu unbescheiden ist, aber ich würde mich jedenfalls sehr freuen, Sie in den nächsten Tagen in meinem Büro begrüßen zu dürfen, um über dieses interessante Thema mit Ihnen weiter zu sprechen. Vielleicht habe ich auch Gelegenheit, Sie auf der Siamesischen Gesandtschaft aufzusuchen.«

Nachdem Pra Rata ebenfalls versichert hatte, daß er sich über seinen Besuch freuen würde, beteiligte er sich am Spiel, ging aber bei der nächsten schicklichen Gelegenheit wieder zu den Damen zurück, wo er sich besonders mit der Gräfin Eljakoff lange und interessiert unterhielt. Später wurde ihm in der Garderobe von einem Diener ein Briefchen zugesteckt, das er achtlos in seine Tasche gleiten ließ, da er die Gräfin nach Hause begleitete.

Als am nächsten Morgen Pra Rata gegen Mittag auf der Siamesischen Gesandtschaft eintraf, kam ihm im Eingang Georges de Pérard entgegen.

»Ah, guten Tag, mein lieber Rata! Bei Ihrer sonstigen Pünktlichkeit glaubte ich schon heute morgen unsere gestrige Unterredung fortsetzen zu können.«

Der Diener war Rata beim Ausziehen des Mantels behilflich. Er hatte noch seinen Frack an.

»Paris ist eine leichtsinnige Stadt. Ich bin gestern noch auf dem Montmartre gelandet.«

Pérard lächelte diskret. »Vor mir brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen. Übrigens ist die Gräfin eine ganz entzückende Frau.«

*

»Daß eure dummen Streiche auch nie aufhören können«, sagte Pya Prajura ärgerlich zu Dok Mali und Malila, als sie auf der Fahrt nach Rom waren.

Dok Mali schmeichelte. »Aber lieber Vater, wir sind doch sonst immer artig gewesen, und wir wollten doch gerne aus diesem elenden Klosterpensionat heraus. Wir hatten dir auch schon dreimal geschrieben, daß wir nach Paris kommen möchten, aber du hast immer geantwortet, wir müßten noch länger dableiben. Was zu lernen ist, wußten wir schon alles so gut, und da haben wir uns nicht anders helfen können, als daß wir die Nonnen ein wenig erschreckten.«

»Ja, Männerkleidung habt ihr angezogen! Wo habt ihr die her?« brauste Pya Prajura auf.

»Als wir Ausgang hatten, haben wir uns den Stoff in der Stadt gekauft, und dann heimlich die Anzüge genäht.«

Pya Prajura mußte nun doch lachen. »Die Nonnen sollen ja eine furchtbare Angst gehabt haben.«

»Ja, denke dir, Vater, und wir haben es doch gar nicht böse gemeint. Wir wollten nur ein wenig Spaß machen, aber sie haben gleich um Hilfe geschrien. Und dann ist die Polizei gekommen und hat alles nach den Räubern und Einbrechern durchsucht, aber nichts gefunden. Dann war auch alles wieder gut. Aber einige Tage darauf hat die Schwester Agnes, als wir französischen Literaturunterricht hatten, die Anzüge in unserem Bett gefunden. Dann haben sie unseren Schrank heimlich aufgeschlossen und einige Romane von Balzac darin gesehen. Das war alles. Wir wurden zur Oberin gerufen, und die hat uns gesagt, daß wir moralisch verworfene Geschöpfe seien. Schwester Agnes meinte, wir hätten Männerbesuch im Kloster gehabt, weil sie die Anzüge im Bett fand. Aber der Oberin haben wir bewiesen, daß wir sie selbst genäht haben. Damit wir nun die anderen Mädchen im Pensionat nicht verderben, haben sie dir telegraphiert, daß du uns abholen möchtest.«

Pya Prajura stellte sich immer noch schmunzelnd die entsetzten Nonnen vor, die halbtot vor Schreck vor seinen harmlosen Töchtern geflohen waren. Und damit war die Strafpredigt, die er ihnen eigentlich halten wollte, abgetan.

Dok Mali nützte die Gelegenheit. »Und zur Belohnung kaufst du uns in Rom recht schöne Kleider, damit wir uns nicht wieder selbst Männeranzüge nähen müssen.«

Pya Prajura brummte etwas vor sich hin. Im Grunde war er froh, daß die Sache sich als so belanglos herausstellte.

»Übrigens«, sagte Dok Mali, »können wir die sieben Könige Roms auswendig und die Geschichtszahlen der Punischen Kriege, und es kann gar nicht so schlimm sein, wenn wir einmal Männerkleidung getragen haben. In Siam tragen doch die Frauen schon seit vielen hundert Jahren Männerkleidung und sind auch keine – moralisch verworfenen Geschöpfe!«

Nang Kulap verstand von alledem nicht viel, konnte auch nicht einsehen, zu welchem Zweck ihre Töchter die Geschichtszahlen der Punischen Kriege lernten. Auch begriff sie nicht, was dies mit europäischer Kultur zu tun hatte. Aber sie überließ das Urteil darüber ihrem Gatten. Sie freute sich, daß sie ihre Töchter wieder bei sich hatte und war nicht wenig stolz auf deren heranreifende Schönheit.

Ebenso dachte im geheimen auch Pya Prajura. Mit dem klösterlichen Unterricht war er auch nicht recht zufrieden, nachdem er nun die Erfolge sah. Aber das heischte nun einmal in den hochadeligen Familien Frankreichs die Sitte, und er war ihr um so lieber gefolgt, als im Kloster weltliche Versuchungen an seine Töchter nicht herantreten konnten.

*

In dem kleinen verträumten Séparé eines verschwiegenen Lokals saßen Rata und Ninon. Gleich nach seiner Ankunft in Paris stellte er Nachforschungen an und betraute das beste ihm bekannte Auskunftsbüro mit den Ermittlungen. Er konnte so viele Einzelheiten an Daten und mehrere Photographien beibringen, daß er sicher gehofft hatte, umgehend Nachricht zu erhalten. Aber Tag um Tag rann ins Leere – er erfuhr nichts. Die unerfüllten Stunden der Sehnsucht quälten ihn.

Er mußte ins Freie. – Jetzt, mitten im Menschengewühl, traf er sie. Er erkannte sie nicht sogleich wieder, aber sie sah ihn auf den ersten Blick – sie ging eine kurze Strecke Weges neben ihm, und als er ihr verwundert ins Gesicht schaute, nannte sie ihn beim Namen in demselben weichen Tonfall wie einst. Er hatte sich sehr nach ihr gesehnt, aber als er sie nun wiederfand, da standen die Jahre zwischen ihnen. Es gab viel zu erzählen, und er bekämpfte die in ihm aufsteigende Kälte. Er wollte glücklich sein – er schloß die Augen und sah die süße Ninon von früher. Er fühlte die Wärme ihres Körpers, wie sie sich au ihn lehnte, und das alte Märchen wurde wieder lebendig in ihm.

Der Kellner näherte sich. Rata hatte die Gegenwart vollkommen vergessen. Sein Denken und Trachten war jetzt wenig auf lukullische Genüsse gerichtet. Aber da es nun einmal sein mußte, stellte er ein feines, diskretes Menu zusammen, und wählte dazu den Wein, den Ninon schon früher gerne trank; er hatte ihn noch genau im Gedächtnis behalten.

»Warum ich dir nicht geschrieben habe? Ich wollte dir damals das Herz nicht schwer machen. Als du abgereist warst, mußte ich noch mehrmals auf die Polizeibehörde kommen. Dort sagte man mir, daß du in Bangkok verheiratet seiest und mehrere Frauen hättest. Und ich solle dich vergessen, es wäre ganz unmöglich, daß eine Europäerin einen Siamesen heiraten könne. Und ich müsse als Angehörige der weißen Rasse auch viel zu stolz dazu sein. Ich habe viel geweint, aber schließlich mußte ich nach Marseille zurückfahren.«

Ninon erzählte ihm ausführlich von ihrer Rückfahrt.

Wie ein reicher, vornehmer Herr sich für sie interessiert habe, sie aber seine Anträge ablehnte, dann aber doch nach einiger Zeit und langem Zögern ihn in Paris heiratete. Zuerst sei sie sehr glücklich gewesen. Sie sprach von der schönen Villa, in der sie gewohnt hatte, von der großen Dienerschaft. Nach und nach aber hatte sie erkannt, daß ihr Mann einen schlechten Charakter habe, daß er heimlich der Spielleidenschaft fröne und mit anderen Frauen sein Vermögen verschwende. Immer wieder habe sie versucht, ihn zu sich zu ziehen, aber er sei ihrer überdrüssig geworden, und er habe sie geschlagen. Dann ließen sie sich scheiden. Sie machte von ihrem Gelde ein elegantes, großes Modengeschäft auf, mußte es aber bald verkleinern, weil ihr der geschäftliche Überblick fehlte. So vergingen mehrere Jahre. Dann war sie froh, daß ein mittlerer Beamter sie heiratete, mit dem sie still und zufrieden lebte. Aber er kränkelte und starb vor zwei Jahren. Inzwischen hatte sie ihr Geld aufgebraucht, war nun Putzmacherin und arbeitete für Privatkundschaft.

»Aber immer habe ich an dich denken müssen, und wirklich glücklich war ich doch nur mit dir ...«

Rata versuchte das unbehagliche Gefühl zu überwinden, das ihn während Ninons Erzählung überkam. Er bestellte Sekt, und schließlich kam eine ausgelassene Laune über sie, und sie besuchten noch verschiedene Tanzlokale.

*

Erst am Mittag des nächsten Tages kehrte Rata in seine Wohnung zurück. Das neblige Wetter mit dem feinen Sprühregen paßte so recht zu seiner dumpfen, zerschlagenen Stimmung. Unter der Morgenpost fand er einen Brief des Auskunftsbüros. Er wollte ihn schon ungelesen in den Papierkorb werfen, aber mechanisch öffnete er ihn doch und begann gedankenlos zu lesen.

»Die Angefragte, Ninon Picard, dreißig Jahre alt, ohne Beruf, Tochter des Droschkenkutschers Henri Picard« – es folgte dann die Jugendgeschichte, die er ja selbst kannte. Mit einmal war sein Interesse erwacht.

»... kehrte vor zehn Jahren von einer Auslandsreise mit dem Grafen Haricourk zurück und wurde von ihm in Paris ausgehalten. Es gelang ihr, den Grafen später zur Heirat zu bewegen. Die Ehe wurde aber auf seinen Antrag nach einigen Jahren geschieden. Sie lebte dann teils in Paris, teils in Monte Carlo, wurde wegen Hochstapelei, Unterschlagung und Vertrauensbruch zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, wohnt seit dieser Zeit in Paris unter den verschiedensten falschen Namen ... im ganzen fünfmal vorbestraft ... lebt zur Zeit als Prostituierte, hat gewandtes, elegantes Auftreten ...«

Rata ließ sich langsam in seinen Schreibsessel sinken. Was hätte er darum gegeben, wenn dieser glückliche Märchentraum seiner Jugend nicht so grausam zerstört worden wäre! Unwillkürlich faßte er nach seiner Brieftasche – sie fehlte. Er hatte mehrere wichtige Briefe und seine Personalausweise darin. Sofort telephonierte er an die Kriminalabteilung, gab aber vorläufig die näheren Umstände und ihren Namen nicht an.

Am nächsten Nachmittag meldete die Polizei, daß seine Tasche auf dem Fundbüro abgegeben worden sei. Alle Papiere seien vollzählig vorhanden. Die Tasche wurde ihm später in die Gesandtschaft geschickt.

*

Soeben hatte Georges de Pérard nach einem langen und interessanten Gespräch die Siamesische Gesandtschaft verlassen. Mit diplomatischer Feinfühligkeit führte Rata die heiklen Verhandlungen. Er konnte zwar nicht den gesamten Umfang der Pläne des Pya Prajura erkennen, aber er trug so viele Einzelheiten und so belastendes Material zusammen, daß das Schicksal des Gesandten in seiner Hand lag.

Er hatte sich eine eigene Geheimschrift zusammengestellt, und war gerade eifrig damit beschäftigt, die letzten entscheidenden Ergebnisse der Unterredung von heute vormittag zu buchen, als ihm ein Telegramm überreicht wurde, das die Ankunft Pya Prajuras für heute abend meldete.

Pra Rata begab sich mit dem gesamten Personal auf den Bahnhof. Für die Damen hatte er prachtvolle Blumensträuße besorgen lassen. Er überreichte sie, für Dok Mali hatte er Marschall-Niel-Rosen gewählt, aber er wußte nicht, daß es ihre Lieblingsblumen waren. Dankbar strahlten ihn ihre tiefen Augen an, aber ihre Blicke glitten an seinem erstarrten Herzen ab.

Diesen Abend war er Gast in der Familie. Er besaß alle angenehmen Eigenschaften eines guten Gesellschafters – er verstand es, dem Pya interessiert und begeistert zuzuhören, der Mutter dezente Komplimente zu machen, und mit den Töchtern, wenn die Gelegenheit günstig war, geistreich zu plaudern.

Der Gesandte wußte sofort wieder allerhand Aufträge für ihn. Auch erzählte er, daß seine beiden Töchter jetzt in allen möglichen Künsten unterrichtet werden müßten. Er sollte deshalb den besten Lehrer im Florettfechten ausfindig machen und die Möglichkeit erkunden, wie Dok Mali Privatstunden bei dem Ballettmeister der Großen Oper nehmen könne. Dann war Lektüre für sie zu beschaffen: die ausgesucht besten Romane, die eine Dame von Welt kennen müsse und so weiter.

Rata hatte seinem Freund Uradet wirklich nicht zuviel erzählt. Als er erwähnte, daß in diplomatischen Kreisen ein besonderer Tennisklub bestünde, fragte ihn Pya Prajura, ob er schon früher gespielt habe. Und als er erfuhr, daß Rata sich besonders habe ausbilden lassen, erhielt dieser den ehrenvollen Auftrag, auch die jungen Damen in den letzten Feinheiten dieser Kunst einzuweihen.

Aber es erwartete ihn noch mehr: da er einer der besten Kenner der siamesischen Hofsprache war, sollte er Dok Mali und Malila auch darin unterrichten. Die beiden freuten sich schon riesig darauf, er weniger.

Als er sich endlich verabschieden konnte, schwirrte ihm der Kopf. Welch unglückseliger astraler Einfluß hatte ihn nach Paris verschlagen! Wieviel lieber wäre er noch in Berlin auf seinem alten Posten gewesen!

*

Schon nach zwei Tagen traf man auf dem Tennisplatz zusammen, Georges de Pérard und Dok Mali auf der einen, Rata und Malila auf der anderen Seite. Beide Herren waren vorzügliche, elegante Spieler. Aber so verschmitzte Bälle wie Rata konnte Pérard doch nicht geben. Dabei war er so ritterlich, daß er unauffällig Dok Mali die Bälle so zuspielte, daß sie die Möglichkeit besaß, sie gut zurückzuschlagen. Als er aber merkte, daß sie das Tennis besser beherrschte, als er anfangs annahm, machte es ihm das lebhafteste Vergnügen, ihr immer schwierigere Bälle zuzuspielen.

Man war fröhlich beim Spiel, Bälle und Blicke flogen herüber und hinüber, und Pra Rata, der sich heilig geschworen hakte, sich nie wieder in eine Frau zu verlieben, verwechselte scheinbar das letztemal sein Herz mit einem Ball, als er Dok Mali zuspielte und diese aus irgendeinem Grunde nicht zurückgeben konnte. Jedenfalls hatte er es an sie verloren und merkwürdigerweise Malila das ihre an Pra Rata. Und was noch seltsamer war – Pérard das seine an Malila. Nur Dok Mali war die Herrin der Situation, denn sie verfügte noch über das ihre. Das ging allerdings etwas rasch, und hätte man sich an die Regel gehalten, so hätte das alles erst nach einer Spielsaison geschehen dürfen.

*

Dok Mali fühlte sich glücklich in Paris. Florettfechten und die hohe Tanzschule machten ihr außerordentliches Vergnügen, und sie zeigte für beides gute Begabung. Da sie außerdem Musikstunden nahm, war ihr Tag reichlich ausgefüllt.

Pra Rata bewies wirklich in der Auswahl der Lektüre für die jungen Damen einen ausgezeichneten Geschmack. Am liebsten aber nahmen sie Stunden in der Hofsprache, nicht weil ihnen der Unterrichtsgegenstand so sehr zusagte, sondern der Lehrer.

Und in den letzten Tagen hatte nun auch Dok Mali ihr Herz verloren – aber nicht an Pérard, wie es vielleicht der Symmetrie wegen hätte sein müssen, sondern an Pra Rata.

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So standen die Dinge, als Pya Prajura das längst geplante, große Ballsouper gab, bei dem Dok Mali und Malila in die Gesellschaft eingeführt wurden.

Nang Kulap besaß zwar die kostbarsten europäischen Roben, da sie sich aber nicht vorteilhaft darin ausnahm, hatte Pya Prajura sich schließlich darein gefunden, daß sie auch bei feierlichen Gelegenheiten national-siamesische Kleidung trug.

Das Umgekehrte galt für die Schwestern. Durch den langjährigen Aufenthalt in Europa hatten sie eine ganz helle Hautfarbe bekommen, von der sich das Schwarz ihrer Haare und die tiefen, dunklen Augen mit den wunderbar geschwungenen Brauen um so wirkungsvoller abhoben. Beide hatten langes, üppiges Haar, das sie stets modern frisiert trugen.

Der Abend kam und wurde ein großer Erfolg für die beiden, besonders für Dok Mali. Sie waren nicht im mindesten schüchtern und nahmen die ihnen dargebrachten Huldigungen mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit entgegen. Dok Mali war in Gesellschaft sofort die große Dame, und in dieser Beziehung wirklich die ebenbürtige Tochter ihres Vaters. Ihre Eltern konnten zufrieden sein.

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