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Tanzende Flamme

Ravi Ravendro: Tanzende Flamme - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzende Flamme
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1927
printrun11. - 13. Auflage
correctorreuters@abc.de
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Am nächsten Morgen sprachen sie über die Vorbereitungen für die Hochzeit der Musikanten.

»Es ist sonderbar, daß Mä Vong, die doch die glänzendsten Anträge gehabt hat, nicht heiraten, sondern bei uns bleiben will«, bemerkte Arno. Dok Mali war es längst aufgefallen, daß Mä Vong in Arno verliebt war, doch sie sagte es nicht. Ihm kam plötzlich derselbe Gedanke, vielleicht durch den ihrigen hervorgerufen. Aber er schwieg auch.

»Die Verlobung der anderen vier haben wir nun glücklich noch vor unserer Abreise in Neuyork gefeiert. Mir wird die Trennung von den Mädchen sehr schwer werden.« Und Dok Mali dachte für sich: die einfachste Lösung wäre, daß die Musikanten Arnos kleine Frauen würden, dann könnten sie immer bei uns bleiben. Aber sie erschrak heftig über diesen Gedanken. Die Gespräche mit dem König kamen ihr wieder in den Sinn. War nun die Vielehe wirklich so verabscheuungswürdig? Sie hatte sich sehr darüber gefreut, daß Malila endlich das Glück in einer Einehe gefunden hatte, und doch war alles nur leere Hoffnung gewesen. Konnte man Pérard wirklich so große Vorwürfe machen? Wenn sie für sich das Recht in Anspruch nahm, von fremden Völkern und Sitten Anregungen und Vorteile zu gewinnen, mußte man doch billig Angehörigen anderer Rassen im gleichen Falle dasselbe zugestehen.

Zu gern hätte sie sich mit Arno darüber ausgesprochen, aber das Thema war gefährlich, und eine unerklärliche Scheu hielt sie davon ab. Dunkel tauchte die Frage in ihr auf, ob auch er in Polygamie leben möchte, wenn sie in Siam wären?

*

In dem geräumigen, dunkelgetäfelten Arbeitszimmer auf der Siamesischen Gesandtschaft in der Rue La Pérouse ging Pra Rata nachdenklich auf und ab. Der dichte weiche Teppich machte seine Schritte unhörbar. Ein Diener brachte die Bangkok-Post herein und entfernte sich wieder lautlos. Zuerst kam ihm ein Brief von seinem Freund Chao Uradet in die Hand. Er machte ihn langsam auf. Schließlich mußte er ja wissen, was in der Heimat vorging und gesprochen wurde. Und diese Briefe seiner Freunde aus der Hauptstadt enthielten gewöhnlich Hofklatsch von Anfang bis Ende. Aber als er las, wurden seine Augen immer größer. Chao Uradet schrieb nichts mehr und nichts weniger, als daß Pra Rata in nicht allzuferner Zeit für den Posten des Finanzministers vorgesehen sei. Er ließ den Brief sinken und staunte. Er hatte hier inzwischen ruhig und zäh an seiner schweren und mißlichen Aufgabe weitergearbeitet. Es war damals hohe Zeit, daß er auf den Posten nach Paris kam, und nur seinen guten Beziehungen, seinem Takt und vor allem seiner genauen Kenntnis der Lage verdankte man es, daß das gespannte Verhältnis zwischen Frankreich und Siam fast freundschaftlich geworden war. Während sich früher Frankreich und Siam in Hinterindien diametral gegenüberstanden, hatte er Richtlinien aufgestellt, die sogar ein Zusammengehen beider Regierungen bezweckten. Den Umschwung der Politik bedingte vor allem der Regierungswechsel in Siam, da der neue König ein ausgesprochener Freund der Entente war, während sein Vater offen Deutschland bevorzugt hatte. Aber Pra Rata fiel die Aufgabe zu, diesen Wechsel auf dem Gebiete der Politik auszuwerten. In Pariser diplomatischen Kreisen galt er viel, bei den Damen der Gesellschaft erfreute er sich großer Beliebtheit, und wäre er nicht auch in dieser Beziehung ein guter Diplomat gewesen, und hätte er allen Regungen seines empfänglichen Herzens nachgegeben, so hätte er längst seine Jugendfrische eingebüßt. Infolge seiner mannigfachen Erfahrungen dachte er nicht gerade sehr hoch von der Moral der weißen Rasse, besonders der ihrer Frauen. Er suchte das Liebesabenteuer nicht, die Frauen waren ihm stets entgegengekommen. Manchmal erschien er sich wie der Kommandant einer hartbelagerten Festung.

Plötzlich ertappte er sich dabei, daß seine Gedanken wandelten; er hatte geträumt. Wieder klopfte es; der Kanzler der Gesandtschaft trat mit einer gewissen Feierlichkeit ein, überreichte ihm zwei versiegelte Pakete und einen Brief. »Das ist eben mit der diplomatischen Kurierpost für Sie eingetroffen, Kun Pra.«

Es war ein persönliches Schreiben des Ministers, in dem ihn dieser nicht nur zu seinem diplomatischen Erfolge, sondern auch zu der allerhöchsten Auszeichnung seines Königs beglückwünschte. Jetzt erst wurde er auf die Pakete aufmerksam. Langsam öffnete er das erste und fand in einem besonders prachtvoll gearbeiteten Etui ein Handschreiben Seiner Majestät des Königs, der ihm für seine treuen Dienste dankte und ihn seiner Huld und Gunst versicherte. Er verlieh ihm den Titel eines Pya und den Rang eines ordentlichen Gesandten, auch ernannte er ihn zum Großoffizier des Hausordens Chula Chom Klao.

Pya Rata klingelte dem Diener und ließ ihn das zweite größere Paket auspacken. Darin befanden sich die Würdezeichen seines neuen Standes: ein prachtvoll getriebenes Betelnecessaire und ein in gleichem Muster ausgeführtes Teeservice, beide waren in Gold getrieben. Schließlich kam das Kästchen mit dem strahlenden Ordensstern zum Vorschein. Rata war nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber jetzt setzte er sich doch ganz still in seinen Sessel, das war selbst für ihn sehr viel auf einmal. Er las seinen neuen Titel und Namen: Pya Rata Suryabodin.

Das Tischtelephon läutete. Seine Bekannten und Freunde vom Ministerium des Äußern hatten soeben seine Rangerhöhung erfahren, und Georges de Pérard, der den Schauplatz seiner ruhmreichen Tätigkeit gezwungenermaßen wieder nach Paris verlegt hatte, gratulierte dem alten Freunde aufs herzlichste. »Übrigens«, schloß er, »habe auch ich einen kleinen Fortschritt meiner Karriere zu verzeichnen. In zwei Wochen gehe ich als Generalkonsul nach Kalkutta.«

Am Quai d'Orsay empfand man es mit großer Genugtuung, daß die Frankreich freundliche Politik Ratas von allerhöchster Seite nicht nur gutgeheißen, sondern durch diese außerordentlichen Gunstbeweise überaus stark unterstrichen wurde. Das zeigte sich denn auch in den nächsten Tagen. Pya Rata zu Ehren wurden verschiedene Feste veranstaltet, auf denen man bedeutsame Reden hielt, die den Umschwung in der siamesischen Politik aufs wärmste begrüßten und Pya Rata als deren Urheber in den höchsten Tönen feierten. In Paris hätte man ihn gern weiter auf seinem Posten gesehen, man unternahm sogar in dieser Richtung geeignete Schritte in Bangkok, und der Draht spielte eifrig zwischen Paris und der Hauptstadt Siams. Eigentlich hätte er nun mit dem siamesischen Gesandten in Rom seinen Posten tauschen sollen, aber nichts dergleichen geschah. Diese außerordentliche Aktion des Ministeriums des Äußern in Paris für ihn machte in Bangkok einen tiefen Eindruck und stärkte seine Position.

Um sich von der Unruhe der letzten Tage zu erholen, fuhr er ins Bois de Boulogne.

Er stand auf einem Höhepunkt. Wieder mußte er an den Kreislauf alles Geschehens denken. »An jedem Wendepunkt stand das Weib.« Aber diesmal hatte sich der alte astrologische Grundsatz nicht bewahrheitet.

Der Verkehr war sehr stark, und sein Wagen mußte anhalten, um große Lastfuhrwerke vorüberzulassen. Unwillkürlich neigte er sich vor, um nach dem Hindernis zu sehen. Dabei traf sein Blick ein leuchtendes Plakat, auf dem in großen Lettern der Name Mani Mekala prangte und ihr Auftreten für heute abend ankündigte. Eine fieberhafte Erregung bemächtige sich seiner. Es war jetzt sechs Uhr, um acht sollte die Vorstellung beginnen. Sofort eilte er nach Hause, um telephonisch eine Loge für sich reservieren zu lassen, erfuhr aber zu seiner großen Enttäuschung, daß alle Plätze ausverkauft seien. Aber er gab die Hoffnung nicht auf, sondern fuhr, nachdem er sich für den Abend umgekleidet hatte, zum Theater. Seine Vermutung bestätigte sich. Mit den Eintrittskarten wurde ein schwunghafter Zwischenhandel getrieben. Er hatte Glück und konnte einen Händler abfassen, der eine ganze Loge zu vergeben hatte. Aber der Preis, den er verlangte, war sehr hoch, er zahlte mehrere hundert Franken.

Noch war fast eine Stunde Zeit. Er kaufte sich ein ausführliches Programm und zog sich von der lauten Straße in ein feines, kleines Restaurant zurück, wo er in einer Nische Platz fand. Das Gespräch an einem der Nebentische drang herüber zu ihm, auch dort erzählte man von der großen Tänzerin Mani Mekala. Seine Gedanken wanderten weit zurück, und er mußte an jenen beglückenden Brief denken, in dem ihm Dok Mali von Paris nach Bangkok schrieb, daß er sich im Regierungsdienst auszeichnen solle. Sie wolle ihm treu bleiben und auf ihn warten. Wie ganz anders war doch alles in diesen fünf Jahren gekommen! Jetzt bekleidete er den Posten, den damals Pya Prajura innehatte. Die größten Erfolge waren ihm zugefallen, und doch hätte er sie für ein Glück an Dok Malis Seite gern alle dahingegeben. Seltsam war sein Geschick. Die Liebe der schönsten Frauen wurde ihm auf allen Wegen entgegengetragen, aber die eine, nach der er sich unendlich sehnte, war für ihn unerreichbar.

Beinahe hätte er in seinen Träumen den Anfang der Vorstellung versäumt. Das Theater war schon verdunkelt, als er Platz nahm. Er setzte sich auf den hintersten Platz seiner Loge, um nicht durch die Umgebung gestört zu werden. Der erste Tanz war vorüber, ohne daß Dok Mali auf der Bühne erschien. Enttäuschung faßte ihn, er sah auf das Programm, aber jetzt mußte sie erscheinen. Seine Spannung steigerte sich bis zum äußersten.

Als der Vorhang zum zweitenmal aufrauschte und Dok Mali mit unbeschreiblicher Grazie die ersten Bewegungen machte, hielt alles den Atem an. Der Zauber ihrer magischen Schönheit nahm ihn ganz gefangen. Ihr duftiges Kostüm ließ die edlen Linien und Formen ihres Körpers deutlich hervortreten.

Die Geschichte von Donner und Blitz kannte Rata aus seiner Jugend. Aber wie sie die Rolle der Mekala wiedergab, ließ ihn ein ganz neues Märchen sehen. Auf dem Herwege hatte ihn die bange Furcht gequält, daß sie durch ihre internationale Berühmtheit und durch die Berührung mit einem großen Publikum von dem Duft ihrer Persönlichkeit eingebüßt haben könnte. Aber welche Wonnen durchrieselten ihn! Wie verinnerlicht spielte und tanzte sie! Aber etwas Fremdes war in ihrem Wesen, trotz ihres sprühenden Temperaments lag es wie elegische Trauer über ihr, die nur in wenigen Augenblicken höchster Ekstase von ihr wich. Sollte sie vielleicht doch nicht so glücklich sein, wie Mä Di ihm erzählt hatte? Oder sollte sie sich vielleicht gar nach ihm sehnen? Er verfolgte jede ihrer Bewegungen, er trank ihr Bild wie ein Durstender nach einer langen Wüstenwanderung. Alle Wirklichkeit um ihn versank, er sah nur sie. Tanz um Tanz rauschte vorüber. In der Klage der Sita erhob sie sich zu dramatischer Größe. Er war so erschüttert, daß er weinte. Wohl keiner der Zuschauer hatte so tief ihre Kunst nachempfunden wie er, jede Stimmung auf der Bühne klang verstärkt in seinem Innern mit. Er hatte viele Kritiken ihres Tanzes gelesen, aber die Wirklichkeit zu beschreiben, war unmöglich; man konnte sie nur erleben. Mit heißer Stirn und brennenden Wangen verließ er das Theater.

Die Vorstellung war zu Ende. Arno sah, wie stets, die Blumenspenden durch und amüsierte sich über die leidenschaftlichen Liebesausbrüche in den beigefügten Briefen. Er stand vor der prachtvollsten Gabe, nahm das kleine Kuvert und öffnete es. Nur eine Visitenkarte lag darin: » Son Excellence Pya Rata Suryabodin, Ministre Plénipotentiaire de Sa Majesté le Roi de Siam à Paris.« Seine Hand zitterte. Auf der Rückseite standen einige Zeilen in siamesischer Schrift. Er bemühte sich, sie zu lesen, doch da er Schritte hörte, ließ er die Karte in seiner Tasche verschwinden.

*

Durch den lachenden Frühling des Parks von St. Cloud fuhr Malila. Sie wollte in die Stadt, um einige Modeateliers zu besuchen. Blühende Bäume und prachtvolles Grün umsäumten den Weg.

Seitdem sie bei ihrer Schwester weilte, fühlte sie sich daheim und geborgen wie nach einer langen, mühseligen Wanderschaft. Früher konnte sie sich Dok Mali gegenüber nicht aussprechen, jetzt war viel nachzuholen. Das lange zurückgedrängte Liebesbedürfnis in ihr strömte über. Sie hatte die Schwester wieder, die sie lieben und verehren konnte. Hier brauchte sie nicht zu fürchten, falsch verstanden oder verraten zu werden. Und Dok Mali, die Malila früher kaum beachtete, fand in ihr die Mutter und das Vaterland wieder, nach denen sie sich so lange und so heiß gesehnt hatte.

Die Szene wechselte, Malilas Wagen flog durch das Bois de Boulogne. Arno und Dok Mali waren heute zu einer Matinee der großen Filmgesellschaft gegangen. Schwager und Schwägerin hatten sich gegenseitig gut gefallen und verstanden. Dok Mali war immer die vom Glück Begünstigte!

Herrlich war die Fahrt durch das Bois de Boulogne. Das Auto bog jetzt über die Place de l'Etoile in die Champs Elysées ein. Merkwürdig, wie oft sie gegrüßt wurde, sie kannte doch hier kaum noch jemand. Wieder begegnete ihr das elegante, braune Auto mit dem hübschen Herrn. Schon vorher hatte er tief, beinahe ehrfurchtsvoll gegrüßt.

Die Rue de la Paix war noch dieselbe wie vor fünf Jahren. Malila sah hier noch die alten weltberühmten Modefirmen und ließ halten. Vor dem Schaufenster warf sie einen prüfenden Blick auf die bestechend und duftig aufgebauten Auslagen. Endlich wieder echte Pariser Mode! –

Sie hatte ihre Einkäufe für heute erledigt und stieg in ihren Wagen. Der Chauffeur fuhr an. Im letzten Moment sprang ein Boy auf das Trittbrett und reichte ihr einen prachtvollen Strauß. Sie war so überrascht, daß sie ihn nahm. – Aber das konnte doch unmöglich stimmen, sie wollte ihn zurückgeben. Doch der schmucke Junge mit der enganliegenden Livree war spurlos verschwunden. Sie öffnete den kleinen Umschlag. »Der unsterblichen Dok Mali in anbetender Verehrung. Vicomte de Lavallette.« Sie wurde mit ihrer Schwester verwechselt! Malila mußte lachen. Auch Arno hatte über die große Ähnlichkeit der beiden Schwestern gestaunt. Gestern noch hatte er sie für Dok Mali gehalten und ihr einen herzhaften Kuß gegeben, weshalb ihn die beiden neckisch auszankten. Sie lächelte wieder. Also war er doch kein Don Juan? Malila war um einen romantischen Verdacht ärmer.

*

Am nächsten Tag war Arno allein zur Stadt gefahren. Die Schwestern unterhielten sich gerade über Malilas gestriges Erlebnis. Das Telephon läutete, Mä Vong kam.

»Nang Dok Mali wird selbst am Apparat verlangt.« Wer angerufen, hatte sie nicht verstanden. Außer Arno kannte doch niemand ihre Nummer.

Fast wollte sie den Hörer fallen lassen, als sie die Stimme Ratas vernahm.

»Bin ich richtig mit Nang Dok Mali verbunden?«

»Ja, Kun Pra.«

»Darf ich um ein Wiedersehen bitten und heute nachmittag der gnädigen Frau meine Aufwartung machen?«

Dok Mali war so erregt, daß sie nur kurz, mit abgerissenen Worten, ihre Zusage geben konnte.

Pya Rata hatte es aber als Härte empfunden und war bedrückt. Sie redete ihn mit Pra an. War das nur ein Versprechen aus alter Gewohnheit? Oder hatte sie seine Blumen mit der Karte nicht erhalten? – Wahrscheinlich, es waren ja so viele Blumen abgegeben worden, die Bühne hatte sich am Schluß in einen blühenden Garten verwandelt. Sie würde unter all den vielen Huldigungen seinen Gruß gar nicht beachtet haben! Aber er durfte sie heute sehen. Freudige Erregung machte ihn unruhig vor Glücksgefühl und beseligte ihn.

Große Mühe kostete es, bevor er ihren Aufenthaltsort erfuhr. Die Polizei versagte, schließlich hatte er durch ein Detektiv- und Auskunftsbüro die gewünschten Angaben erhalten. Der Direktion und allen Billettagenturen gegenüber wurde der eigentliche Wohnsitz Dok Malis streng geheimgehalten. Denn sonst wäre man vor Zeitungsreportern und vielen anderen zudringlichen Leuten überhaupt nicht zur Ruhe gekommen. Die Gunst der Menge brachte nicht nur Angenehmes mit sich, sie hatte auch schwere Nachteile und Gefahren.

Dok Mali wollte allein sein. Sie war aus ihrem Frieden aufgeschreckt und mußte sich wieder sammeln. Erst bei Tisch teilte sie der Schwester kurz den bevorstehenden Besuch Ratas mit und zog sich dann zurück, um etwas zu schlafen. Sie legte sich nieder, aber der Schlaf kam nicht zu ihr. Wie unrecht hatte sie Rata getan! Sie fühlte sich schuldig und wollte diese Schuld wieder gutmachen. Aber wie konnte sie das?

Wie mochte er jetzt aussehen? Sie versuchte, sich sein Bild zu vergegenwärtigen, und nachdem sie lange wachgelegen hatte, schlief sie endlich doch ein, nicht ruhig und fest, aber von Träumen umgaukelt.

*

Rata verging die Zeit zu langsam. Er brach schon früh auf und wollte bis zur Besuchsstunde noch im Bois de St. Cloud spazieren fahren. Lag es nun an ihm oder an der Schnelligkeit seines Wagens, daß er doch zu zeitig vor ihrer Villa erschien?

Mä Vong empfing ihn. Auf seine Frage nach der Dame des Hauses führte sie ihn in die große Empfangshalle, wo er sich in einem Sessel niederließ und in die weichen, tiefen Polster sank. Zarter Weihrauchduft zog durch den Raum und stimmte ihn festlich.

Eine Portiere rauschte. Er stand auf. Da kam sie ihm entgegen. Ja, das war sie ganz und gar, aber sie war noch voller aufgeblüht, noch schöner geworden. Er war verwirrt, die Sprache versagte ihm. Leise ergriff er ihre Hand und küßte sie.

»Exzellenz müssen meine Schwester noch kurze Zeit entschuldigen, sie wird gleich erscheinen.« Malila hatte seine Karte entgegengenommen und mit großer Genugtuung gelesen, daß er jetzt Rang und Stellung eines Pya und Gesandten bekleidete.

Rata blickte sie verwundert an.

»Ich bin seit kurzer Zeit von Bangkok zu meiner Schwester hierhergekommen. Sie kennen mich doch noch von früher – ich bin Malila.«

Rata überwand seine anfängliche Befangenheit bald, und es kam ein munteres Gespräch in Gang.

Dok Mali war ganz verstört – daß sie seinen Besuch verschlafen würde, hätte sie nie geglaubt. Mä Vong half ihr beim Ankleiden. Aber schon die Wahl des Gewandes verursachte große Schwierigkeiten. Sie wollte ihm in ihrer ganzen Schönheit entgegentreten. Endlich wählte sie ein Seidenkleid von meergrüner Farbe. Auch die Frisur wollte nicht fertig werden.

Unten in der Empfangshalle saßen Rata und Malila. Minute um Minute verging. Er erkundigte sich nach dem Befinden der Schwestern. Auch Malila bestätigte ihm, daß Dok Mali in ihrer Ehe sehr glücklich sei und klärte den Irrtum mit den Nebenfrauen auf. Rata hatte also keine Gelegenheit mehr, Dok Mali aus der Hand eines Wüstlings zu befreien. Malila hatte ihm so herzlich zu seinen Erfolgen gratuliert, daß ihm eigen zumute wurde. Sie gab sich zwar die größte Mühe, ruhig zu erscheinen, aber die Sprache ihrer Augen verriet sie.

Endlich war Dok Mali fertig. Nach einem langen, prüfenden Blick in den Spiegel kam sie herunter. Als sie leise die Portiere hob, ließ sie sie wieder sinken, ging langsam in den nahen Salon und setzte sich dort nieder. – Denn als sie eingetreten war, hatte sie ihre Schwester in inniger Umarmung mit Rata gesehen, der vor ihr kniete. – Die beiden hatten sich gefunden.

*

Die Sitzung war beendet. Stühle wurden gerückt, die Herren erhoben sich.

Arno verabschiedete sich verbindlich von den Direktoren der Filmgesellschaft. Dok Mali hatte ihre Pariser Kontrakte erledigt. Da das öffentliche Auftreten sie zerstreut und ihre Stimmung gehoben hatte, kam Arno auf die Idee, sie in einem Film mitspielen zu lassen. Er hatte eine Abschrift des Manuskriptes und den fertig unterzeichneten Vertrag in der Tasche. Es sollte ein Monumentalfilm werden. Dok Mali war auch von diesem Plane entzückt, und sogar für Malila war eine Rolle vorgesehen, die ihr große Freude machen würde. In heiterster Stimmung stieg er die Freitreppe des Filmpalastes herab, vor der sein Wagen wartete. Das Auto fuhr ihm zu langsam. Er freute sich auf die Unterhaltung des Abends.

Endlich hielt der Wagen. Er stieg eilig aus.

Im Vorraum trat ihm Dok Mali entgegen: »Lieber Arno, eine große Neuigkeit: Pya Rata hat sich gerade mit Malila verlobt.«

Das war allerdings auch für Arno eine merkwürdige Überraschung! Als er seinen Mantel abgelegt hatte, fühlte er mit einemmal die weichen Hände Dok Malis, die ihn umarmte und sich leidenschaftlich an ihn schmiegte.

Kurz darauf standen sich die beiden Männer gegenüber, die schon soviel voneinander gehört, übereinander nachgedacht, sich gegenseitig ihr Glück nicht gegönnt, bitterste Feindschaft geschworen und nun doch gar keinen Grund mehr hatten, einander böse zu sein. Arno hatte in seiner natürlichen Herzlichkeit die kritische Situation sofort überwunden, und Pya Rata war ein viel zu großer Diplomat, als daß er auch nur einen Augenblick verlegen gewesen wäre. In angeregter Unterhaltung verbrachte man den Abend und feierte die Verlobung. Die Hochzeit sollte schon in einem Monat stattfinden. Arno und Dok Mali versprachen, ihren Aufenthalt in Paris bis zu diesem Zeitpunkt zu verlängern. Nachdem sich Rata verabschiedet hatte, hielt Arno noch eine Konferenz mit seinem Sekretär. Er befand sich in bester Stimmung und Feldherrnlaune, denn er war der stellvertretende Brautvater und hatte für vieles zu sorgen. –

Leise öffnete sich die Tür zu Dok Malis Schlafgemach. Malila kam herein, umarmte ihre Schwester und weinte lange vor Glück. Dok Mali zog sie sanft zu sich auf das Sofa und liebkoste sie. –

Am frohesten aber war Mä Di, denn sie hatte das natürlich längst gewußt und vorausgeahnt, wenigstens beteuerte sie es an diesem Abend mehrmals.

*

Auf der Rückfahrt lehnte sich Rata glücklich und zufrieden in die weichen Lederpolster seines Autos zurück. Er war ausgezogen, um Dok Mali zu suchen, und hatte Malila gefunden. Schon früher hatte ihn etwas in Dok Malis Charakter mit einer leisen Scheu erfüllt. Damals kam ihm diese Vorstellung nicht klar zum Bewußtsein, jetzt aber wußte er es: es war das Männliche und Heroische in ihr. Wie hatte er sich die ganzen Jahre hindurch dieses Wiedersehen mit ihr ausgemalt, sich darauf gefreut, sich davor gefürchtet, es begehrt! Allmählich wurde sie für ihn zu einer Göttin, vor deren Altar er anbetend kniete. Und diese Göttin, nur viel hoheitsvoller, war sie auch geblieben.

Wie weiblichzart erschien dagegen Malila, und doch besaß auch sie alle Vorzüge, um deretwillen er Dok Mali so heiß geliebt hatte. Er malte sich die Zukunft mit ihr aus und träumte weiter von seinem Glück. Mit der aufrichtigsten Bewunderung gedachte er Arnos. Es war für ihn heute ein Erlebnis gewesen, diese beiden Menschen zu beobachten, die, losgelöst von den engen nationalen Schranken, sich in reiner Menschlichkeit gefunden hatten und ein Leben in Schönheit lebten. Im Innersten seines Herzens erwachte die Sehnsucht, es ihnen gleich zu tun. Aber vorläufig war die Menschheit noch nicht so weit. Siam brauchte ihn noch, und für ihn hieß es: »Kampf! Siam den Siamesen!«

*

In den nächsten Tagen war Arno viel unterwegs. Die Hochzeit sollte in größtem Stil gefeiert werden. Neben den Vorbereitungen dafür hatte er auch die Arbeiten für die ganze Filmarchitektur zu leiten. Er schlug vor, daß ein großer Teil der Szenen auf dem Schloß Viman Indrani gedreht werden sollte, was begeistert aufgenommen wurde.

Als man zur Besetzung der Rollen ging, war Arno nicht wenig erstaunt, daß der Oberregisseur ihm auch eine führende Rolle zugedacht hatte. »Sie brauchen gar keine Maske. Sie können so spielen, wie Sie sind.«

Nach anfänglichem Sträuben nahm Arno schließlich an.

Malila mußte mit Pya Rata viele Besuche machen, und so war Dok Mali fast immer allein. Als sie Rata wiedersah, wurde ihr bewußt, daß sie ihn liebte und immer geliebt hatte. Aber sie liebte Arno deswegen nicht weniger. Sie war zuerst so bestürzt und verwirrt über diese Erkenntnis, daß sie sich für unglücklich hielt. Das ganze Gebäude ihrer Anschauung über die Ehe brach zusammen. Aber je mehr sie sich zur Erkenntnis durchrang, daß auch die Einehe nur eine der möglichen Lösungen des Problems zwischen Mann und Frau sei, desto ruhiger und zufriedener wurde sie wieder. Jetzt verstand sie auch den König, der sie so sehr geliebt hatte. Sicher wäre sie ohne ihre Tendenz auch mit ihm glücklich geworden. Und so kämpfte sie sich langsam zu der Klarheit durch, daß nicht die Menschen sich an die Form der Ehe, sondern die Formen der Ehe sich den Bedürfnissen der Menschen anzupassen haben, die aber von Rasse, Vererbung und Klima abhängig sind. Auch hier gab es keine ewigen Wahrheiten. Alles entstand, entwickelte sich und verging.

*

Die Hochzeit war mit großem Pomp gefeiert worden. Man würde noch lange darüber sprechen. Pya Prajura hatte wider alles Erwarten so lange telegraphiert, bis man auf ihn wartete. Noch einmal war seine alte Energie erwacht. So verschob man denn die Feier bis zu seiner Ankunft.

Dok Mali empfand einige Scheu vor dem ersten Zusammentreffen mit ihrem Vater. Wie verändert fand sie ihn! Er sah noch immer sehr gut aus, aber seine damaligen, großen Träume von Macht waren verflogen. Über das Glück seiner Kinder freute er sich aufrichtig, und man merkte ihm, bei äußerlich korrekter Haltung, die innere warme Zuneigung zu ihnen an. Bei der Festtafel, an der die angesehensten Persönlichkeiten teilnahmen, hielt er eine vielbemerkte Rede, in der er seinen Schwiegersohn Pya Rata feierte, der das von ihm angestrebte Werk zur Vollendung geführt habe. So fand er doch noch einen guten Abgang von der politischen Bühne; es war der letzte Höhepunkt seines Lebens. Dok Mali, die von frühester Jugend an zu ihm als zu einer starken Persönlichkeit emporzublicken pflegte, erschrak beinahe, als er sie um Verzeihung bat. Jetzt war er nur noch der Vater der großen Tochter.

Die siamesische Regierung nahm die Gelegenheit wahr, um bei diesem Fest zu repräsentieren; der König hatte zu seinem besonderen Vertreter den Gesandten von London ernannt, so daß also dieser gleichsam an seiner Stelle die Trauung vollzog. Ebenso waren die Gesandten von Rom und Berlin mit ihren Damen erschienen. Auch sah man an diesem Tage viele altsiamesische Trachten. Die Brokatröcke der Würdenträger und die funkelnden Orden gaben der Feier ein würdiges Gepräge. Sogar einer der Amerikaner trug einen prachtvollen, mit herrlichen Brillanten gezierten Ordensstern, der aber in keinem Handbuch der Ordenskunde verzeichnet stand. Bei dem großen Glanz des Festes fiel das weiter nicht auf, und wer darauf achtete, hatte ein schmunzelndes Lächeln dafür.

Viel bewundert wurden die Hochzeitsgeschenke der Königinmutter: für Pya Rata ihr Bild, miniaturhaft fein auf einer Goldplatte in einem kostbaren Rahmen. Es gehörte einer früheren Zeit an und zeigte sie auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit. Und für Malila das »berühmte« Perlenhalsband von Gaudet & Géricault! Perlen waren ihr doch unheimlich geworden.

*

Auf Schloß Viman Indrani ging es hoch her. Alle Räume waren belegt. Man hatte kaum geglaubt, so viele Gäste unterbringen zu können. Theo war angekommen, ebenso Pya Prajura, auch fanden sich die jungen amerikanischen Ehepaare ein. Die Expedition der Filmgesellschaft, Schauspieler und Schauspielerinnen, darunter die gefeierte Astrid Ohlsen, Oberregisseure, Operateure, Elektrotechniker und Arbeiter brachten Leben auf die einsame Insel. Für morgen hatten sich überdies Pya Rata und Malila angesagt. Arno freute sich sehr darüber, daß Rata so bald kam. Die beiden waren schnell Freunde geworden.

Der Film versprach ganz ausgezeichnet zu werden. Hier auf Schloß Viman Indrani wollte man mit den Aufnahmen in vierzehn Tagen fertig sein. Die anderen Szenen sollten in den Ateliers in Paris gedreht werden. Überall sah man heitere Gesichter, Scherzworte flogen hin und her. Sogar Pya Prajura spielte als Statist mit.

Dok Mali ging im Park spazieren. Ihr war die Unruhe zu groß geworden. Sie sehnte sich nach Alleinsein mit Arno und freute sich auf die Siamreise. Von der anderen Seite der Insel klang hin und wieder der bei Filmaufnahmen unvermeidliche Lärm herüber. Heute vormittag war sie spielfrei, am Nachmittag sollte sie in einer Hauptszene mit Arno und anderen auftreten. Auf einer im Gebüsch verborgenen Bank ließ sie sich nieder. Hier wehte die Brise vom Meer erquickend kühl. Der Schatten tat ihr wohl, da man sich schon im heißen Sommer befand. Auf dem Rasen vor ihr gaukelten Schmetterlinge. Sie wollte sich eigentlich ihre Rolle für heute nachmittag zurechtlegen, aber ihre Gedanken gingen andere Wege. Sie hatte mit Arno gesprochen, daß sie nie wieder an einem solchen Film teilnehmen wollten, vor allem nicht unter solchen Umständen und im eigenen Heim.

Wo er jetzt wohl weilen mochte? Es war merkwürdig, welche Begabung er auch zum Filmen hatte. Die Szenen mit ihm brauchten nur wenig Proben. Alle kamen ihr mit der größten Hochachtung entgegen, aber das absolute Unterordnen dem Regisseur gegenüber liebte sie ganz und gar nicht. Bald würde ja auch diese Periode ein Ende haben.

Die Kunstreisen erschienen ihr nicht mehr so begehrenswert. Viel Unruhe und Aufregung war damit verbunden. Noch einmal dachte sie an alle Freude und Mühe, die sie mit der Heranbildung ihrer Siamesinnen gehabt hatte. Die jungen Mädchen gingen nun ihre eigenen Wege. Wenn sie es recht bedachte, hatten sie ihr die Heimat ersetzt, und ein harmonisches Verhältnis hatte sich zwischen ihnen herausgebildet. Man konnte es nicht Freundschaft nennen, denn sie war und blieb die Herrin. Das gab es nur zwischen Siamesinnen. Unwillkürlich wurde sie wieder an die Stellung der Hauptfrau zu den Nebenfrauen erinnert, und heute wies sie diesen Gedanken nicht mehr so schroff wie früher von sich. Sie hätte die Musikanten gern bei sich behalten. Ob sie wieder solche Mädchen finden würde? Sicher waren in Siam noch tausende, aber mit den Musikanten ging ein Teil ihrer künstlerischen Arbeit und ein Teil ihres Lebens dahin, das sie ihnen gegeben hatte.

Dok Mali trug wieder siamesischen Panung. Früher sträubte sie sich heftig dagegen, jetzt war es ihre Lieblingskleidung. Auch Arno gefiel sie so am besten.

Leise Schritte kamen über den Rasen. Mä Di näherte sich mit einer warmen Decke und breitete sie zu den Füßen Dok Malis aus. Dann setzte sie sich auf den Boden nieder und streichelte die Waden ihrer Herrin. »Heute ist der zweihundertste Todestag von Nang Kulap. Wollen wir nicht den Tempel besuchen und ein Gedächtnisopfer am Fuße des Buddhabildes niedersetzen?«

»Ja, Mä Di, das wollen wir tun!«

Mä Di erzählte von Nang Kulap. Sie hatte Pya Prajura nach allem gefragt. Merkwürdig, Mä Di konnte er alles erzählen, ihr, seiner Tochter, nicht. Da kamen ihm die Tränen und erstickten seine Stimme.

Mä Di verstummte. Auf dem Wege hinter dem Gebüsch hörte man Schritte, ein silberhelles Frauenlachen flog wie ein schöner Vogel durch die Luft. Dok Mali blieb regungslos sitzen. Es war Arno und Astrid Ohlsen, die goldblonde Schwedin mit den veilchenblauen Augen. Sie kam daher wie der lichte Frühling mit seinem Blütenzauber. Im Film war sie ihre Gegenspielerin, sollte sie es auch im Leben werden? Arno war sehr vergnügt und machte ihr Komplimente, eins immer lustiger als das andere. Dok Mali konnte die Worte nicht verstehen, nur die Sprache ihres Lachens und ihrer Augen. Sie beobachtete die beiden scharf durchs Gebüsch. Sie gingen vorbei und bemerkten sie nicht.

Mä Di wurde sehr ernst. Sie sah ihre Herrin an. Dok Mali sagte nichts. Ach, hätte sie doch diese Schauspielerinnen und die ganzen Filmleute nie in ihr Heim aufgenommen! Jetzt sah sie klar, sie war zu selbstsicher gewesen, sie mußte um Arno kämpfen. So ging es ja auch in den siamesischen Ehen. – Aber diese Eifersucht! Wirklich – sie war eifersüchtig geworden. Wie sagte doch Arno? »Der Abwesende hat immer unrecht.«

Mä Di streichelte ihre Herrin wieder: »Nang Dok Mali, das geht vorüber. Es sitzt noch nicht tief beim Nai. Du mußt ihm einen Liebestrank geben. Ich habe noch den zauberkräftigen Trank von Nang Kulap. Die Priester haben darüber gebetet.«

Dok Mall fühlte ein Stechen im Herzen – es ging vorüber. Sie wußte von diesen Liebestränken und hatte ihrer gelacht. Konnten sie wirklich helfen? »Ich will ihm den Trank nicht geben«, sagte sie bestimmt.

Mä Di erzählte ihr noch viel davon, aber sie hörte nicht zu. Jetzt ertönte weithin schallend wie eine Tempelglocke der große siamesische Gong, der zur Mahlzeit rief. –

Mä Di entfernte sich langsam. Sie war entschlossen, ihrer Herrin zu helfen.

*

Heute wie jeden Abend war große Festtafel auf der Terrasse gerichtet. Alle erstaunten. Der Tisch war über und über mit Blumen geschmückt. Die Menukarten wiesen eine selbst für Schloß Viman Indrani sehr reiche Speisenfolge auf. Die Damen erschienen in großer Toilette. Arno nahm neben Dok Mali Platz. Er war heute nachmittag sehr viel mit ihr zusammen und sehr lieb zu ihr gewesen, und sie war »anwesend« in jeder Beziehung.

Das Eis wurde serviert. Pya Prajura war in glücklicher Stimmung. Er klopfte an sein Glas und hielt eine Rede auf Dok Mali, die Göttin im Davadüng-Himmel. Dann klangen die Gläser.

»Es ist fast, als ob wir heute unsere Hochzeit feierten«, sagte Arno leise.

Der sehnsuchtsvoll verhaltene Blick Dok Malis traf ihn. »Entschuldige mich, bitte, für eine kurze Zeit, mein Vater hat mich noch nie tanzen sehen und mich schon oft darum gebeten.«

Er verstand. »Ich werde mitkommen und dir helfen.«

»Nein, bleibe du hier, ich tanze ja auch für dich«, sagte sie zärtlich.

Man trug eine Bowle auf. Da klang dreimal langsam der große Gong. Als der tiefe, milde Ton allmählich verhallte, öffnete sich der seidene Vorhang. Dok Mali tanzte die »Gattinnenwahl«. Aber Arno kannte sie nicht wieder. Sie tanzte anders, sie improvisierte. Die Musik war dieselbe wie früher, sie schien jedoch vollkommen zu verblassen. Das Licht auf der Terrasse war abgestellt, nur die Bühne strahlte zauberhaft. Eine märchenhafte Stimmung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt. Arno stand hinter seinem Stuhl, seine Hände ruhten auf der Lehne.

Dok Mali tanzte ihre ganze Sehnsucht nach ihm, sie kämpfte um ihn, den sie doch ganz besaß. Früher hieß es nur zum Spiel »Gattinnenwahl«, heute war es für sie bitterer Ernst geworden. Als sie begann, lag ein Hauch zarter Elegie über ihr, aber ihre Kräfte wuchsen. Magisch zog es ihn zu ihr. Leise vibrierte die Musik, ein Duft von Weihrauch zog herüber. Sie streckte die Arme nach ihm aus, und ihre weitaufgeblühten Augen suchten ihn ...

Das Licht auf der Bühne verlosch, kurze Zeit war es ganz dunkel, dann erstrahlte die Tafel wieder in hellem Glanz. Dok Mali war verschwunden.

Mä Di berührte Arnos Arm und reichte ihm ein Glas Bowle. Aus tiefem Traum erwachend griff er danach und leerte es mit einem einzigen Zuge. Ihre Augen leuchteten auf. Der Zauber mußte wirken.

Pya Prajura stand hinter Arno. Er war überwältigt, Tränen schimmerten in seinen Augen. Er drückte schweigend seine Hand.

Man blieb nicht mehr an der Tafel sitzen. Die Gesellschaft zerstreute sich allmählich in den Park. Es war eine linde Spätsommernacht, mildes Mondlicht spiegelte sich im Meer und spann Zauberfäden über die Insel. Die Springbrunnen plätscherten, und der silberhelle Klang der Glöckchen am Tempel, mit denen der kosende Abendwind spielte, tönte von fern herüber.

*

Arno kniete vor Dok Mali und flüsterte ihr trunkene Worte zu. Das ganze große Gemach war mit duftenden, weißen Blüten geschmückt. Sie versanken in rauschenden Wonnen. Arno hatte noch nie so tief empfunden, er fühlte sich jung und stark gleich einem Gott. Hingegossen lag sie in seinen Armen, er sprach zu ihr nur von ihrer Schönheit und von seiner Liebe, und da wußte sie, sie hatte ihn nie verloren und für immer gewonnen. –

Wieder umarmten sie sich, wieder raste das Glück über sie hinweg. Da – im höchsten, seligsten Augenblick ein tiefes, fast krampfhaftes Aufatmen Arnos, ein kurzes Zucken – Dok Mali fühlte seine Schwere. Sie bettete ihn sanft neben sich auf das weiche Lager. Mit kurzem Entschluß schaltete sie Licht. Grün rieselte es durch den Raum. War er ohnmächtig? – Seine Augen sahen sie so merkwürdig an. Plötzlich durchdrang sie die furchtbare Wahrheit: er lebte nicht mehr, das Glück hatte ihn getötet. –

Aber keine Trauer, kein Schmerz kam über sie. Liebkosend schloß sie seine Augen, behutsam ordnete sie das Lager. Sanft bahrte sie ihn auf, das Antlitz nach Osten gewandt. Sie holte alle Blumen zusammen und bedeckte ihn mit einem Blütenteppich, ganz leise und zart, um seinen glücklichsten Schlummer nicht zu stören. –

Vor der Tür hörte sie ein schwaches Geräusch. Langsam ging sie hin und öffnete – draußen kniete Mä Vong. Ohne ein Wort trat sie ein.

Dok Mali nahm eine kleine Handpauke und reichte sie der Getreuen. Mä Vong verstand. Sie ließ sich zur Seite nieder.

Dok Mali aber setzte sich dem Lager gegenüber, eine große, weiße Blüte ruhte in ihren Händen. Sie versank in Meditation. Sie hatte den unerschütterlichen Wunsch und Willen: »Ich habe mit meinem Gatten schon in vielen Vorgeburten glücklich zusammengelebt – in dieser Existenz hat ihn das Leben nun verlassen. Deshalb will auch ich aus dieser Daseinsform scheiden und mit ihm im Götterhimmel wiedergeboren werden.«

Sie hatte die Lider fest geschlossen – da sah sie vor ihrem inneren Auge ein goldenes Götterbild. Es war Sayompuvanat, der oberste der Unsterblichen. Tief und unergründlich war sein Blick, langsam hob er das Haupt zum Zeichen der Gewährung. Dann verblaßte die Erscheinung.

Langsam wuchs Dok Mali empor, das letzte Gewand entsank ihr. Traumhaft wie eine Priesterin schritt sie vorwärts.

Mä Vong wirbelte, von einer unsichtbaren Macht geleitet, leise, ganz leise im Takt das Pochen des Herzens.

Und Dok Mali tanzte.

Da sah sie das Wunder. Über dem Lager erhob sich eine Gestalt wie ein strahlender Smaragd. Es war der Gott Vishnu Pra Narai. Lichter Schein umgab ihn, er schaute sie mild und liebevoll an. Es waren Arnos Gesichtszüge, aber viel vollkommener und schöner. Sie blühte ihm entgegen – er nahm sie in seine Arme und küßte sie. Höchstes Liebesglück durchloderte sie – sie war eins mit ihm. Die Flamme zuckte brennend mit höchster Wollust in ihrem Herzen. –

Wie ein langhinschwingender Gongschlag verklingt, so verlosch langsam das Feuer – es wurde immer ruhiger und friedvoller in ihr – das letzte Flackern versprühte. –

Noch ein langer, fast unhörbarer Paukenwirbel. –

Mä Vong sah, wie Dok Mali auf das Blumenlager zu seinen Füßen hinsank. Ihre Seele war entschwebt.

 

Stille der Unendlichkeit durchdrang den Raum.

 

Ende

* * *

 

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