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Tanzende Flamme

Ravi Ravendro: Tanzende Flamme - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzende Flamme
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1927
printrun11. - 13. Auflage
correctorreuters@abc.de
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Pra Rata saß auf der Veranda seines Hauses und grübelte. Er dachte an Dok Mali. Die Nachrichten, die er durch Mä Di erhalten hatte, waren widerspruchsvoll. Wie konnte Dok Mali, die stets fanatisch die Einehe verteidigt hatte, plötzlich Nebenfrauen und gleich sechs haben wollen? Mä Di hatte auf ausdrückliches Fragen immer geantwortet, daß Dok Mali glücklich sei und ihren Mann sehr liebe. Auch mußten sie, nach Mä Dis Erzählungen, sehr reich sein. Nun spiegelte sich in ihrem primitiven Gemüt natürlich alles etwas anders wider, als es sich in Wirklichkeit zugetragen haben mochte. Aber immerhin blieben der Rätsel genug. Er hatte auch erfahren, daß sie in Florenz eine Wohnung besaßen und daß sie irgendwo am Meer ein großes, neues Haus bauten. Die Nachricht von dem Attentat auf Dok Mali fand ihren Weg auch in die Bangkok-Zeitungen. Doch war die Sache nicht mehr aktuell genug, als daß man viel Aufhebens davon gemacht hätte. Aber so viel hatte er vor einiger Zeit gehört, daß sie wieder genesen und nach Europa zurückgekehrt sei.

Pra Rata war wieder in den diplomatischen Dienst eingetreten, er hatte den Posten als siamesischer Geschäftsträger in Paris angenommen, vor seiner Abreise nach Frankreich aber noch einen längeren Urlaub beantragt und erhalten.

Bei seinen Verwandten, Freunden und Bekannten stand er in einem sonderbaren Ruf. Man hatte ihm längst geraten, sich die Zeit mit Liebesspiel zu verkürzen, doch lehnte er immer ab, und jetzt mit einemmal suchte er mit einer Energie, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, nach den schönsten Mädchen des Landes, und zwar nicht nur nach einem. Früher hatte er die Einehe als Ideal gepriesen. Alle zerbrachen sich den Kopf darüber, aber keiner erriet den Grund für diesen Umschwung, und die Gerüchte seiner extrem polygamen Veranlagung waren längst bis zu den Ohren der ersten Königin gedrungen. Daß er schließlich nur sechs schöne junge Mädchen engagiert habe, wollte keiner glauben. Die Zahl seiner kleinen Frauen wuchs mit dem Quadrat der Entfernung.

Nun wäre es ja Pra Rata ein leichtes gewesen, diesen Gerüchten entgegenzutreten. Aber er ließ die Dinge gehen, wie sie gehen wollten, ihm war der Bangkok-Klatsch höchst gleichgültig. Obgleich mehrere Freunde bis in seine Wohnung vordrangen und sich überzeugen konnten, daß er wirklich keine Unzahl von Nebenfrauen hielt, munkelte man doch, daß er sie alle einzeln in kleinen Häusern in den verschwiegensten Winkeln der Großstadt untergebracht habe. Und so erhielt sich dieses Gerede, und zeitlebens umschwebte ihn der Nimbus eines Heliogabal.

In den nächsten Tagen wollte er seinen Dienst im Ministerium des Äußern antreten und in etwa zwei Wochen, nachdem er hier die nötigen Informationen erhalten hatte, nach Paris abfahren. Sicher würde sich in Europa die Gelegenheit bieten, Dok Mali wiederzusehen, und er wollte alles für sie tun, wenn sie seiner Hilfe bedürfte.

Er malte sich aus, daß ihr Mann sie vernachlässige, weil sich seine Gunst den Nebenfrauen zuwandte.

In einer Nacht träumte er davon, daß er Dok Mali aus der Gewalt eines Bösewichts befreite, den er im blutigen Kampfe besiegte.

*

Dok Mali lag im Krankenhaus in Weltevreden. Einige Tage lang hatten die Ärzte nicht mehr an ihr Aufkommen geglaubt, aber dann erholte sie sich so überraschend schnell, daß der Chefarzt Arno ein über das andere Mal erklärte, eine so rasche Heilung sei ihm in seiner ganzen Praxis noch nicht begegnet. Sie hatte aber auch wirklich eine überaus zähe Natur – wie eine Wildkatze, um mit ihren eigenen Worten zu sprechen. Schon nach vier Wochen war sie wieder so weit, daß man ins Gebirge reisen konnte.

»Aber eins mußt du mir noch versprechen, Arno: Die Schußwunde ist schlecht vernarbt. Die Ärzte haben mir aber gesagt, daß man das in Europa durch eine kleine Operation und Überpflanzung von Haut in Ordnung bringen könne.«

Arno mußte lachen. »Selbstverständlich wird das gemacht, mein eitler Schmetterling!«

*

Die schweren Eisenbänder um die Kisten waren gut befestigt und durch den monatelangen Transport während der Reise festgerostet. Die Packer strengten sich an. Hämmern und das Knarren von Kistendeckeln machten einen unangenehmen Lärm, der statt melodischer Rhythmen die Florentiner Villa belebte.

Nach vielen Mühen und Umständen war man wieder hier gelandet.

»Der reinste Wanderzirkus Sarrasani«, sagte Arno. »Die sechs Musikanten waren wirklich nicht leicht zu regieren.« Diesen Namen hatten die Siamesinnen inzwischen erhalten, obwohl sie nur tanzen und nicht musizieren sollten.

Dok Mali und Arno standen bei den Kisten und waren auf den Inhalt sehr gespannt, nicht weniger die Mädchen und Mä Di. Die Deckel öffneten sich, jetzt mußten noch die Zinkeinsätze aufgeschnitten werden.

»Halt, wir werden erst eine besondere Garderobe einrichten«, sagte Arno.

Die geöffneten Kisten wurden hinauf in ein Zimmer getragen. Beim Auspacken zeigte sich, mit welch unermüdlicher Energie Pra Rata alles für Dok Mali zusammengetragen hatte. Mä Di versuchte abzurechnen, so gut das nach der langen Zeit und ihrer Begabung gehen wollte. Arno wunderte sich über den geringen Preis und bedauerte lebhaft, daß er die Reise nicht selbst unternommen hatte. Seine Eifersucht fand wieder Nahrung, besonders da Mä Di dauernd von dem Kun Pra erzählte, der ihr soviel Geld für die Photographien geschenkt hatte.

Dok Mali probte vor einem großen Spiegel all diese wunderbaren Kronen und Kostüme selbst an, doch ihr üppiges Haar war ihr im Wege, und sie versuchte lange, bis sie eine Frisur fand, die sie dabei nicht behinderte. Während sie mit ihren weichen Händen über die wunderbaren Stoffe strich, war es ihr, als ob diesen ein Erinnerungszauber anhafte. Sie fühlte sich tief in der Schuld Ratas. Mä Di hatte ihr so viel von ihm erzählt, außerdem hatte sie erfahren, daß er wirklich unschuldig gewesen sei. Jetzt erst konnte sie die Tiefe seines Schmerzes in Colombo ermessen, die ihm damals die Sprache raubte. Zwar hatte die starke Männlichkeit Arnos und seine ständig gegenwärtige große Liebe zunächst diese Empfindungen zurückgedrängt. Aber nun durchlebte sie von neuem die Schauer der Schönheit jener Märchentage im Golf von Siam. Wenn sie von Rata nicht der falsche Verdacht getrennt hätte, wäre sie sicher heute an Ratas Seite glücklich. Doch das Geschick hatte es anders bestimmt. Ob er wohl schon in früheren Wiedergeburten eine ähnliche Rolle in ihrem Leben gespielt hatte? – Waren auch die Europäer den Gesetzen der Wiedergeburt unterworfen? – Was mochte Arno früher alles gewesen sein! Es stand bei ihr fest, daß sie ihn bereits durch eine lange Reihe von Wiedergeburten hindurch in anderer Gestalt, in anderen Ländern, stets als liebende Gattin besessen hatte.

*

Arno war kurz nach der Ankunft zum Bauplatz gefahren. Im Tanzsalon thronte Dok Mali, umgeben von den Siamesinnen. Die Musikanten prangten in reichstem Theaterschmuck, selbst Mä Di hatte die Dämonenmaske des Rahu aufgesetzt und wurde von den anderen ausgelacht.

Nach der langen Pause warf sich Dok Mali mit wahrem Feuereifer auf die Zusammenarbeit mit ihren neuen Gespielinnen. Zuerst wollte es gar nicht gehen. Sie verzweifelte fast und verlor beinahe den Mut. Da sie aber selbst all dieses angeregt hatte, erwachte der Ehrgeiz in ihr, und sie war unermüdlich tätig. Mä Di hatte viele Handschriften siamesischer Stücke mitgebracht. Durch diese und mit Mä Dis Hilfe wurde sie nun Theatermeister und Regisseur. Bald hatte sie ihre kleine Truppe fest in der Hand.

Erst fehlte den sechs Musikanten jedes Verständnis für ihre Aufgabe. Aber nachdem sie begriffen hatten, worum es sich handelte, übertrafen sie sich gegenseitig an Intelligenz und Anpassungsfähigkeit. So waren Dok Mali die Tage der Trennung nicht schwer geworden, und da sie die Mädchen liebevoll behandelte, erwiderten diese ihre Güte durch zärtliche Anhänglichkeit und verehrten sie schwärmerisch. Auch in diesem kleinen Reich war sie sehr bald die angebetete Königin.

Dok Mali ließ sich jetzt jeden Tag mehrmals auf heimische Weise massieren; sie stellte sich wieder auf rein siamesische Körperkultur ein, und ihre Schönheit kam dadurch erst recht zur Blüte. Man hätte glauben sollen, daß eine Steigerung ihrer körperlichen Reize nicht mehr möglich gewesen sei, aber die Berührung mit der Kultur ihrer Heimat wirkte Wunder. Die Siamesinnen verstanden es, herrliche Blütenwasser und Parfüms zu bereiten. Dok Mali versuchte die Wirkung der Tänze durch Wohlgerüche zu verstärken. Diese Entdeckung eröffnete ganz neue Perspektiven.

Als Arno zurückkehrte, kam ihm Dok Mali in siamesischem Kostüm entgegen und war nicht wenig stolz, ihn in ihr neues Reich einzuführen. Das häusliche Leben sollte sogar so weit siamesisch werden, daß der Herr zuerst allein speiste, nach ihm Dok Mali und dann Mä Di mit den sechs Musikanten. Aber hierbei spielte Arno nicht mit und erreichte wenigstens, daß Dok Mali mit ihm zusammen aß.

Arno, dem Parfüms bisher im allgemeinen nicht sehr zusagten, war höchlichst erstaunt, die Atmosphäre jedes Zimmers von einem anderen Wohlgeruch erfüllt zu finden. Doch als er den inneren Zusammenhang erkannte, wurde er der eifrigste Schüler Mä Dis. Was war Siam doch für ein wunderbares Land! Die feine alte Kultur des Lebens- und Liebesgenusses konnte er erst jetzt empfinden. Dok Mali erzählte ihm, daß die Mädchen in vornehmen siamesischen Familien schon in jugendlichstem Alter zur Ehe erzogen werden, durch Turnübungen die Schönheit ihres Körpers entwickeln und solche Geschmeidigkeit erlangen, daß sie in den Liebeskünsten mit den Göttinnen des Davadünghimmels wetteifern können. Er wurde vertraut mit der wundervollen siamesischen Massage, durch die man Stimmungen und Leidenschaften erzeugen, dämpfen und emporlodern lassen kann. Die Siamesin konnte durch Wohlgerüche diese Wirkungen verstärken oder abschwächen. Der Sinn des Parfüms wurde ihm klar. Sehr bald gewöhnte er sich an Räucherpfannen und zarten Weihrauchduft, und als er wieder anfing, zu skizzieren und in Farben zu komponieren, fühlte er zu seinem größten Erstaunen, wie sie seine Phantasie in nie geahnter Weise steigerten.

*

Ganz Bangkok, ganz Siam war aufgerüttelt. König Pra Paramin war gestorben. Mit ihm ging Siams größter und bedeutendster Herrscher dahin. Groß wird er in der Geschichte seines Landes weiterleben, noch größer als Mensch in den Herzen derer, die ihn kannten! Er war wahrlich der Jupiter unter den Königen Siams.

Noch kurz vor seinem unerwarteten Tode betrachtete er lange und andachtsvoll das Bild Dok Malis. Den größten, letzten und heißesten Wunsch seines Lebens hatte ihm das Schicksal versagt. Er richtete seine Gedanken darauf, daß Dok Mali alles Glück dieser Erde zuteil werden möchte. Europäer verstehen das nicht, aber das Herbeiziehen des Glückes für andere durch tiefe Meditation und festen Willen ist möglich, selbst wenn weiße Menschen nicht daran glauben.

Pra Paramin war in einer kostbaren, mit Brillanten geschmückten Totenurne aufgebahrt. Die erste Königin begab sich in Begleitung ihrer Palastdamen, ganz in weiße Seide gekleidet, jeden Tag zu dem goldenen Katafalk und brachte dort Opfer von weißen Maliblumen, dazu Wachskerzen und Sandelholz dar.

Stets befand sich Malila an ihrer Seite. In letzter Zeit zog die Königin sie allen anderen vor. Malila mußte wieder viel an ihre Schwester denken. Sie bewunderte den Heldenmut, mit dem sie einer Jahrtausende alten Tradition und einem ganzen Königreich zum Trotz ihrer Überzeugung treu geblieben war. Auch sie glaubte daran, daß nur die Einehe zum wirklichen Lebensglück führen könne.

Malila war ebenso blühend wie früher und ihre Schönheit sprichwörtlich bei Hofe. Viele vornehme Adlige hielten bei ihren Eltern um ihre Hand an, aber sie schlug alle aus. Ihr Vater hatte nach Dok Malis Flucht das Gelübde abgelegt, daß er seine zweite Tochter nie zu einer Ehe zwingen würde. Ihre erste und einzige große Liebe galt Rata, aber diese Hoffnung hatte sie längst zu Grabe getragen. So lebte sie denn ruhig und still ihre Tage im Dienste der Königin. –

Der junge König Pra Maha Süa hatte den Thron bestiegen. Uralte siamesische Hofsitte schrieb vor, daß ein neuer Herrscher in den ersten Wochen seiner Regierung seine Haupt- und Nebengemahlinnen auswählen mußte. Die Königinmutter hatte getreu diesem Brauche in aller Stille die schönsten Töchter des Landes um sich versammelt, um für ihren Sohn die Gattinnenwahl zu richten. In den nächsten Tagen sollte die Vorstellung aller dieser Jungfrauen in großer, feierlicher Audienz erfolgen. Die Sterndeuter legten den glückbringenden Augenblick hierfür genau fest.

Auch Malila war zur Gattin des Königs bestimmt. Sie liebte den jungen Herrscher nicht, er war ihr gleichgültig. Sie hatte nicht einmal die Aussicht, eine der vier großen Königinnen zu werden, sondern nur eine der achtzig Nebenfrauen. Aber weil sie wußte, daß sie ihren Eltern, besonders ihrer Mutter, eine Freude damit machen würde, protestierte sie nicht dagegen. Einen Gatten nach der Wahl ihres Herzens fand sie doch nicht und so ergab sie sich schließlich in ihr Schicksal, ganz ihrem zarten und ruhigen Charakter entsprechend.

Die Stunde der Gattinnenwahl kam. Die Blüte weiblicher Schönheit des Landes war anwesend, um dem König durch letzte Hingabe zu huldigen. Die Königinmutter hatte ihren Sohn zu sich berufen und erklärte ihm in wenigen, ruhigen Worten die Bedeutung der Stunde. Dann rauschte vor seinen erstaunten Blicken ein großer Vorhang auseinander, und etwa zweihundert, in reinste, weiße Seide gekleidete Frauen sanken vor ihm ins Knie und hielten goldene Schalen mit weißen Blumen und Räucherwerk in ihren lilienschlanken Händen. Dreimal hoben sie die Schalen und boten sie dem jungen Herrscher dar.

Pra Maha Süa war ebenso verwundert wie überrascht. Er sah alle diese dunklen Augensterne auf sich gerichtet, die Sehnsucht ihrer Wünsche nach ihm spiegelte sich in den heißverlangenden Blicken. In bewegten Worten dankte er seiner Mutter, dann machte er kurz kehrt und ließ sich nicht wieder sehen. Er konnte den ganzen Weiberkram nicht leiden.

So wurde Malila nicht die Gemahlin des Königs. Auch das war ihr recht. Enttäuschung empfand sie kaum darüber, eher Genugtuung. Merkwürdige Gerüchte kursierten über Pra Maha Süa. Auch sie hörte davon, aber da ihr seine Person ebenso gleichgültig war wie vorher, kümmerte sie sich nicht weiter darum.

*

Aus Gram über ihren ungeratenen Sohn kränkelte die Königinmutter und wurde leidend. Malila hatte jetzt eine um die andere Woche dienstfrei. Ihre Eltern zogen wieder in das Stadtpalais. Um einige Zerstreuung zu haben, nahm Pya Prajura den Verkehr mit der französischen Gesandtschaft wieder auf. Politisch hatte das keine Bedeutung, denn er besaß keinen Einfluß mehr, obgleich er erst sechsundvierzig Jahre alt war. So kam es, daß Malila häufig mit den Herren des diplomatischen Korps, besonders der Französischen Gesandtschaft, Tennis spielte. Und genau wie vor vier Jahren in Paris war wieder Georges de Pérard ihr Partner. Sie fiel durch ihre Schönheit und Grazie auf und wurde von den Herren allgemein verehrt. Da die Tropensonne Siams die Herzenswünsche schneller und heißer emporlodern läßt, verliebte sich der begeisterungsfähige Georges de Pérard in sie, für die er schon früher ein Faible hatte. Sie unterhielten sich französisch, und in dieser liebenswürdigen Sprache konnte er ihr die süßesten Schmeicheleien sagen, ohne daß er den gesellschaftlichen Anstand verletzte. Denn in keiner Sprache der Welt lassen sich amoureuse Dinge so leicht und mit solcher Eleganz vorbringen, wie gerade in der französischen. Schließlich besaß Malila auch eine Natur, der Liebe Lebensbedürfnis war, und so kam es, daß die Beteuerungen Pérards tiefen Eindruck auf sie machten.

Da nun die Menschen, die über alles sprechen, gewöhnlich viel eher wissen, welche Leute einander heiraten müssen, als diese selbst, tuschelte man bereits über eine eventuelle Verbindung der beiden. Sogar die Königin vernahm auf ihrem Krankenlager davon, und da ihr das Ehestiften bei ihrem Sohne nicht geglückt war, Frauen ihres Alters aber das Privileg haben, sich damit zu beschäftigen, förderte sie diese Angelegenheit. So war Malila eines schönen Tages plötzlich Braut.

Die ganze Gesellschaft Bangkoks konnte dem Paare gratulieren. Alle Beteiligten waren zufrieden: die Königin, weil sie Malila versorgt hatte; Pya Prajura, weil er gesellschaftlich wieder eine, wenn auch bescheidene Rolle spielte; Pérard, weil er Malila aufrichtig liebte und verehrte; Malila, weil sie ihrem Prinzip, eine Einehe zu führen, standhaft treu geblieben war; die Französische Gesandtschaft, weil ein glänzendes Fest bevorstand, das man politisch in jeder Weise ausnützen konnte. Und endlich ganz Bangkok, weil es wieder eine Sensation hatte. Leider war sie in diesem Falle weniger skandalös, entbehrte aber nicht eines gewissen pikanten Beigeschmacks, da dabei allerhand interessante Erinnerungen an den bewegten Liebesroman der berühmten Dok Mali auftauchten.

*

Von den Wogen der tiefblauen Adria umspült lag die Davadüng-Insel, die stolz ihren Namen nach dem Himmel des Gottes Indra führte. Goldgelb leuchteten herrliche Marmorfassaden des Schlosses aus schwarzgrünen Baumgruppen. Majestätisch wölbte sich die von giftgrünem Kupfer bedeckte Kuppel über dem breit vorspringenden Mittelbau. Schroff fielen an der Seite die Felswände des kleinen bergigen Eilandes zum Meere ab. Jenseits des breiten Meerarms winkte das Festland mit seinen saftigen Bergtriften und dunklen Wäldern herüber. Benachbarte Inselgruppen mit malerischen Silhouetten waren in Sehweite nach Norden und Süden der reichgegliederten Küste vorgelagert.

Die Yacht »Dok Mali« steuerte dem kleinen Hafen zu, in dem schon mehrere Motorboote lagen. Immer mehr näherte man sich dem Gestade. Rufe des Entzückens ertönten, als man das ganze Schloß überblicken konnte, wie es sich am Hange der höchsten Erhebung dem Gelände vollkommen anschmiegte. Alle Schönheiten der Architektur wurden nach und nach erkennbar. Arno, Dok Mali und die ganze Reisegesellschaft stiegen an Land. Die Überraschung für Dok Mali war groß. Wohl hatte sie die ersten Pläne mitberaten und entwickelt, aber was hier unter den Händen Arnos und Theos entstanden war, glich einem Feenschloß. Auch die Siamesinnen konnten sich vor staunender Bewunderung kaum fassen. Selbst Mä Di, die sich nicht leicht aus ihrer Ruhe bringen ließ, fragte Dok Mali, ob sie auch in diesem Götterschloß wohnen dürfe.

Theo, der Dok Mali bereits an der Landungsbrücke begrüßt hatte, führte sie und ihr Gefolge in ihr neues Reich. Der große, weithin sichtbare, stolze Kuppelbau enthüllte sich im Innern als ein Festsaal von rauschender Schönheit.

»Wie herrlich werden wir hier tanzen und Theater spielen können!« rief Dok Mali begeistert.

Nach Norden öffnete sich der Raum in kühngeschwungenen Rundbogen zu einem riesigen Wasserbassin, dessen ganzer Grund mit blauirisierenden Platten ausgelegt war, und das von einem natürlichen, über Kaskaden herabrieselnden Quell gespeist wurde. Eine breite marmorne Freitreppe führte ins Wasser hinab.

Im Innern war an alles gedacht. Man gelangte in kleine, behagliche Wohnräume, die aber durch Öffnen mächtiger Schiebetüren beliebig vergrößert werden konnten. Holzpaneel, von reichgeschnitzten Füllungen belebt, verkleidete fast überall die Wände.

Besonders stolz war Theo auf die Freskogemälde, die in wunderbaren Farbenharmonien an den Wänden und Decken der Säle leuchteten. Vom Zenith der Kuppel blickte Dok Mali als Göttin Indrani herab. Theos Leistungen wurden von allen mit größter Bewunderung anerkannt.

»Es hat mir selbst die größte Freude gemacht, denn bei dieser Aufgabe konnte ich mich künstlerisch ausleben«, sagte er.

Arno war überrascht, wie Theo seinen sonst ruhigen Stil ins Monumentale und sinnlich Farbenfrohe gesteigert hatte.

Als Dok Mali und die Siamesinnen die Versuchsbühne und die Theatergarderoben besichtigt hatten, führte Theo sie zu einer Flucht von sieben ganz gleichen Zimmern und übergab diese Mä Di und ihren Musikanten als Wohnräume.

Nach dem gemeinsamen Rundgang zerstreute sich die Gesellschaft im Schloß, um alle Einzelheiten in Augenschein zu nehmen. Man war noch lange nicht damit fertig, als die weithin tönende Stimme des wunderbaren siamesischen Gongs zur Tafel rief.

Nach Tisch lustwandelte die ganze Gesellschaft in dem Park. Durch das bergige Gelände bedingt, mußten sie über viele Treppenstufen bergauf und bergab klettern. Da gab es ein verschwiegenes, ganz in dichten Bäumen verstecktes Teehaus, Lauben und Ruheplätze, die an den schönsten Stellen angelegt waren. Auf abgeschlossenen Wiesenhängen sprudelten Brunnen in steinernen Becken. Vor der großen Terrasse sandte ein Springquell seinen Silberstrahl in die blauen Lüfte. Auf dem höchsten Punkt erhob sich, durch Baumgruppen von der Umgebung getrennt, ein kleiner siamesischer Tempel, an dessen Westseite ein großes Prachedi aus Marmor emporragte. Im Innern leuchtete golden eine echte Buddhastatue auf. Auf dem Altar waren Blumenopfer aufgestellt, Weihrauchstäbchen lagen in Bündeln daneben. Dok Mali und die Siamesinnen entzündeten einige und steckten sie in die bereitstehenden Sandbecken.

Den Tee nahmen sie auf einer Terrasse am Meer ein. Der Tag ging schon zur Neige. Arno schlug noch eine Fahrt auf der Adria vor. Sie gingen zu der Landungsbrücke herunter, an der die Yacht fahrtbereit lag. Arno lenkte das Fahrzeug in südwestlicher Richtung.

Die Sonne sank, und als ihre letzten Strahlen golden durch das Kajütenfenster schimmerten, stiegen alle an Deck. Rotgolden aufglühende Felsen, tiefblaues Meer, Wogenschaum und weiße Möwen! Jetzt verstand Dok Mali.

»Ganz wie Korsika!« sagte sie mit vor Begeisterung erregter Stimme.

Arno küßte ihre Hand. »Ja, letztes Leuchten!«

*

Allmählich dachte man wieder an das Einstudieren neuer Tänze. Arno stimmte bei den Tanzvorführungen alles nur auf Dok Mali und ihre schöne Hautfarbe ab, diese feine, zarte Haut, die wie Gold aufleuchtete. In Colombo war ihm diese Erkenntnis gekommen, als er Edelsteine wählte, deren Wirkung er stets an dem Arm, Hals oder dem schwarzen Haar Dok Malis prüfte.

Theo hatte für Arnos Zimmer ein lebensgroßes Bild von Dok Mali gemalt, das den Höhepunkt des Tanzes »Gattinnenwahl« vorstellte. Jetzt erschien ihm aber dieses frühere Bild Dok Malis nicht mehr würdig, und er begann ein großes Gemälde »Der blühende Morgen«. Hatte er sie damals mehr als Europäerin dargestellt, so offenbarte sich in dieser letzten Schöpfung das unergründliche Wunder ihrer siamesischen Schönheit.

Das vorjährige Tanzprogramm wurde von Grund auf neu bearbeitet, mehrere Tänze kombiniert und neue Kompositionen weiter vollendet. So waren denn Anfang November alle Vorbereitungen für einen großen neuen Feldzug getroffen. Das Programm der künftigen Tanzabende zeigte eine Märchensymphonie aus Blumenduft, Räucherwerk, Farben, Gewändern, weichen, seidigen, fließenden Stoffen und Schönheit von Frauenkörpern, durchpulst von der unnachahmlichen Grazie und dem weichen Linienfluß siamesischer Tanzbewegungen und dem Rhythmus der Musik.

*

Der Riesendampfer »George Washington« stoppte soeben vor Long Island. Arno und Dok Mali wollten ihre zweite große Kunstreise in Amerika beginnen.

Theo kam den beiden auf dem Promenadendeck entgegen. »Also keine Zeit verlieren! Es geht gut, wir halten hier nur kurze Zeit, dann geht es in den Hafen.«

Die Begrüßung fand Dok Mali reichlich kurz für die monatelange Trennung. Aber schon nahte eine Gruppe fremder Herren – die ersten Reporter. Die drei hatten sich in den Gesellschaftssalon zurückgezogen und lieferten hier den Amerikanern das erste Gefecht. Was die aber auch alles wissen wollten? Was sie über Neuyork und die Staaten denke? Weswegen sie erst jetzt hierher komme? Ob die amerikanische Zivilisation in Siam Fortschritte mache? Ob noch Missionarsmorde in Siam vorkämen? Ob der König noch die Amazonengarde mit Lanzen und Bogen unterhalte? Ob das chinesische Gericht »in Sirup eingemachte Mäuse« auch in Siam beliebt sei?

Glücklicherweise übernahmen Arno und Theo die Verteidigung auf dieses Maschinengewehrfeuer von Fragen. Schon wurde Dok Mali geknipst mit und ohne ihre beiden Paladine. Als sie in ihre Kabine gehen wollte, wurde sie von anderen aufgehalten. Ein Agent bot ihr Landlose in den Südstaaten oder Kalifornien an, sie sollte ein Auto und eine Villa kaufen. Endlich war sie in ihrer Kabine und meldete sich auf kein Klopfen mehr. Beinahe hätte sie nicht einmal Arno geöffnet, der sie zur ärztlichen Visite abholte.

Dok Mali hatte schon auf dem Dampfer von den Staaten genug.

*

Viele meterhohe Buchstaben auf dem Broadway flammten den Namen Mani Mekalas in die Weite. Große übermannshohe Plakate schrien in den grellsten Farben denselben Namen. An Dok Mali flog das fieberhafte Treiben dieses Siedepunktes menschlicher Geschäftsreklame vorüber. Rote, grüne, gelbe Lichtergarben leuchteten auf. Dok Mali kam es vor, als ob sie in einem großen Strom treibe, willenlos mitgerissen von der reißenden Strömung. Sie tastete nach Arnos Hand, er war ganz ruhig. Auch ihr Wagen war nur ein Tropfen in der großen Flut, die sich an den Straßenkreuzungen staute und durch die Signale der Verkehrspolizisten wie durch Schleusen geregelt wurde.

Sie fuhren zu der ersten Tanzvorführung.

*

Zwei Hotelboys traten in das Empfangszimmer. Sie brachten in großen Kartons die eingelaufene Post. Dok Mali begann es zu grauen. Kaum vor zwei Tagen hatte die erste große Aufführung stattgefunden. In kleinerem Saal folgte dann eine Privatvorstellung, für die man Subskriptionen aufgelegt hatte. Die begrenzte Zahl der Teilnehmer war mehrfach überzeichnet worden.

Arno und Theo machten sich jetzt daran, die Briefe zu öffnen. Theo bestellte durch das Zimmertelephon zwei große Papierkörbe. Sie überflogen die vielen Schreiben.

Dok Mali griff nach der Zeitung, die das Hotel eigens für seine Gäste drucken ließ. Vorn auf der ersten Seite prangte groß ihr Bild. Vom Nebentisch klangen die Bemerkungen Arnos und Theos herüber.

Einladung zum Diner – fort, Ehrenmitgliedschaft Klub Terpsichore – weg, wieder Einladung – Einladung – Einladung – alles fort! Ein Heiratsantrag ...

Dok Mali mußte lachen.

»Bitte sehr, Großindustrieller aus der 5th Avenue ...«

»Fabelhaft!« Sie las den Artikel über sich. Jede, auch die kleinste ihrer Bemerkungen auf dem Dampfer war sensationell ausgeschlachtet. Sie kannte sich selbst nicht wieder.

»Verlagsfirma will Selbstbiographie – weg! Angebote von Möbeln – fort – Einladung von Vanderbilt – aufheben, beantworten! Preisliste Zigarren – fort! Ein enthusiastisches Gedicht – weg damit!«

»Halt, das möchte ich erst lesen!«

»Also aufheben!«

Die Körbe füllten sich.

*

»Was verlangen Sie für die ganze Tournee? Ich biete tausend Dollars pro Tag. Dreimonatlicher Kontrakt. Jede Woche sechs Aufführungen. Für jede Sondervorstellung fünfzehnhundert Dollars.«

Arno stand dem großen Manager Mc Clearn gegenüber. »Ich bin nicht gewillt, das Management abzugeben.« Er wies auf einen Stoß Angebote der bedeutendsten Bühnen. »Alle wollen die berühmte Tänzerin Mani Mekala für kürzere oder längere Zeit verpflichten.«

»Gut, dann fünfzehnhundert Dollars pro Abend und zweitausend für die Sondervorstellung.«

»Ich schließe nur für einzelne Städte und auf kurze Zeit ab.«

Mc Clearn steigerte sein Angebot noch einmal. Schließlich wurden sie für Chicago auf eine Woche einig.

*

Dok Mali und Arno waren soeben von einem Essen aufgebrochen, das ihnen zu Ehren gegeben wurde. Als sie das Haus verließen und in ihr Auto stiegen, leuchtete wieder das Blitzlicht der Photographen auf. Auf dem schnellsten Wege ging es zum Hotel. Umkleiden zur Reise. Das Telephon läutete. Purtiloff meldete, daß das Gepäck besorgt und das Personal zur Abfahrt bereit sei. Vor dem Hotel wartete eine neugierige Menge. Die Portiers konnten nur mit Mühe einen Weg zum Auto bahnen. Blumensträuße wurden in den Wagen geworfen.

Im Fluge sausten sie an vielen, bis zu den obersten Geschossen erleuchteten Wolkenkratzern vorbei zum Bahnhof. Dort trafen sie ihr Gefolge. Ganz vorn stand Mä Di. Sie war sehr stolz auf ihr Kostüm neuester Mode.

Schnell entführte sie der Zug der verwirrenden Menge der Ankündigungen, Reklamen, Semaphore, bunten Signallichter. Arno saß Dok Mali im Pullmancar gegenüber. Ein farbiger Boy bot leise und diskret Erfrischungen an. Sie nahm Ice-Cream, um ihre erregten Nerven zu kühlen. Zuerst hatte sie Amerika mit seinem wahnsinnigen Tempo und seinem Geschäftsfieber abgestoßen. Sie sah in den Amerikanern nur geldgierige Dollarjäger. Arno dagegen buchte die Superlative und Hyperbeln seiner Landsleute auf das Erfolgskonto und freute sich ganz offensichtlich darüber. Schließlich hatte er auch Dok Mali dazu gebracht, die Sache von der heiteren Seite zu nehmen.

»Wie freue ich mich, daß wir uns wenigstens im Zuge ein paar Stunden allein unterhalten können! Wenn wir nochmals eine solche Tournee machen, müssen wir mehr Ruhetage einlegen«, sagte Dok Mali.

Ein elegant gekleideter Herr verbeugte sich vollendet vor ihr. »Mr. Johnson von der Chicago Tribune. Darf ich um die Gunst bitten, mir einige Minuten zu schenken?«

Das Interview war unvermeidlich.

*

Die größten Erfolge in den Staaten verdankte Dok Mali neben ihrer Kunst vor allem ihrer Schönheit. Es wurde bekannt, daß ihre Gespielinnen täglich für sie frische Blumenwässer bereiteten. Das Gerücht ging, daß ihre Amme wirkliche Zaubermittel besäße, durch die sie das Altern verhindere. Die Kammerzofen in den Hotels wollten beobachtet haben, daß Dok Mali täglich vierzehn Minuten lang zu einer von Sterndeutern festgesetzten Stunde in Weihrauchduft bade. Daraufhin erhielt sie viele glänzende Angebote von Parfüm- und Toilettenfabriken, damit sie ihnen die Rezepte dieser Schönheitsmittel verkaufen sollte.

Arno lehnte dies mit Bedauern ab, da sie nur dann wirkten, wenn sie geheimgehalten würden. Die Firmen mußten deshalb die Rezepte intuitiv und genial nachkomponieren. Dok Malis Bild prangte mit oder ohne Berechtigung auf vielen prachtvoll ausgestatteten Packungen, und sie war in des Wortes vollster Bedeutung zu einer nationalen Berühmtheit geworden, da sie selbst ein Anerbieten des Königs von Siam abgelehnt hatte, der sie zu seiner ersten Königin erheben wollte. Sie hatte einen Amerikaner geheiratet, weil sie diese Nation allen anderen vorzog.

*

Es war sehr gut, daß man die Siamesinnen nur oberflächlich im Englischen unterrichtet hatte und später mit ihnen siamesisch sprach. Auf dem Programm standen klangvolle Pseudonyme für sie. Denn auch die Musikanten wurden mit glänzenden Angeboten und Heiratsgesuchen überschüttet. Jedenfalls mußten sie jetzt mit großer Sorgfalt gehütet werden, und es bestand durchaus die Gefahr ihrer Entführung. Arno hatte ein Detektivbüro mit ihrer Überwachung betrauen müssen, und Mä Di hatte alle Hände voll zu tun. Aber was man nicht verhindern konnte, war die Sprache ihrer Augen. Die war international, und die lernten die sechs oder konnten sie schon, denn ihre Augen waren schön und wurden davon nicht häßlicher.

Zu einem der kleineren Zwischenfälle gehörte die Verheiratung des russischen Tänzers mit einer der sechs Musikantinnen. Im Anschluß daran berichtete Mä Di, daß auch die anderen außer Mä Vong den Wunsch hatten, zu heiraten. Also blieb Arno und Dok Mali nichts anderes übrig, als für ihre Schutzbefohlenen die glücklichen Brauteltern zu spielen und Männer auszusuchen. Die Auswahl war wahrlich groß genug. Doch wurde die Entscheidung bis zur Abreise verschoben.

*

Die Zeitungsartikel in Neuyork waren nur der bescheidene und schüchterne Anfang der sensationellen Enthüllungen gewesen. Später nahmen sie immer größere und dramatischere Formen an.

Große Summen wurden Dok Mali geboten, wenn sie ihren Roman mit dem König von Siam schriebe oder ihn einem Reporter mitteilte. Da sie das ablehnte, waren die Zeitungsleute gezwungen, den Roman aus eigener Kraft der Phantasie und Machtvollkommenheit in den verschiedensten Aufmachungen dem erstaunten Publikum zu servieren.

Dok Mali war berühmt geworden und mußte dem Ansturm der begeistert auf sie losgelassenen Menschheit standhalten. Arno als ihrem Ritter gelang es, wenigstens den größten Anprall abzuwehren. Es regnete Ehrendiplome und Ernennungen. Eine theosophische Prophetin erklärte sie für die letzte Vorgeburt des kommenden großen Weltenlehrers, der die arme Menschheit nicht durch das Wort, sondern durch die magischen Kräfte der Bewegungsharmonie und der rhythmischen Seelenschwingungen erlösen werde. Ein fanatisch pietistischer Prediger hatte mitten in einer Vorstellung einen Skandal hervorgerufen, indem er die Anwesenden vor ihr als einer Inkarnation der Schlange aus dem Paradiese warnte. Und so suchte jeder von ihrem Auftreten je nach Intelligenz und Begabung zu profitieren.

In den Zeitungen las man, daß der mächtige Sultan von Djogja auf Java sie zu seiner Lieblingsfrau machen wollte und ihren Gatten gefangensetzte; nur durch die unglaublichsten Listen war es gelungen, zum Hafen von Batavia zu entkommen. Aber gerade, als sie den Dampfer bestiegen, erreichte sie der Mordstahl der vom Fürsten gedungenen Schandbuben. Sie hatte eine tödliche Wunde davongetragen. Die bekannten Proben, welche die Ärzte anstellten, zeigten, daß kein Leben mehr in ihr war. Und sie wäre begraben worden, wenn sie nicht die mystische Zauberbeschwörung eines weißhaarigen Asketen wieder erweckt hätte.

Die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht verblaßten vor der Erfindungsgabe dieser modernen amerikanischen Zeitungsleute, und indische Märchenerzähler hätten viel von ihnen lernen können.

Amerika war wirklich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ...

*

Zu derselben Zeit, als Dok Mali in Amerika von einem Triumph zum andern eilte, saß Malila an dem Krankenlager ihrer Mutter.

Nang Kulap hatte zwar erst das Alter von vierundvierzig Jahren erreicht, aber ihre Kräfte waren verbraucht. Sehr jung hatte sie ihren schönen, stolzen Mann geheiratet. Da bei der Geburt ihrer ersten Tochter ein glänzendes Horoskop gestellt wurde, klammerte sie sich mit der ganzen Inbrunst einer Mutter an diese Weissagung und war felsenfest davon überzeugt, daß Dok Mali dereinst die Lieblingsfrau des Königs werden müsse. All ihre Zärtlichkeit und Liebe und ihr ganzer Mutterstolz hatten sich auf Dok Mali konzentriert. Die Ereignisse der letzten Jahre hatten sie aber so bitter enttäuscht und trafen sie so schwer, daß ihre Kräfte von Kummer und Gram aufgerieben wurden. Der Sturz ihres Gatten hatte das übrige getan, um ihre Lebenskraft zu untergraben. So sehr sie auch die Flucht ihrer Tochter damals kränkte, hatte sie ihr doch längst verziehen, und es war ihre stille Sehnsucht gewesen, Dok Mali einmal wiederzusehen. Als nach dem Attentat in Java die Erfüllung dieses Wunsches ausblieb, zerbrach ihre letzte Hoffnung. Sie hatte eigentlich keine Schmerzen, jedoch ihr Herz war so schwach, daß sie fast immer liegen mußte.

Malila sah auch angegriffen und verstört aus. Sie hatte die Ehe mit Pérard in gläubigem Vertrauen auf seine Liebe und Treue geschlossen, aber schon nach wenigen seligen Wochen war sie tiefunglücklich geworden. Sie entdeckte, daß ihr Gatte noch Nebenfrauen besaß. Sie aber hatte einen Europäer begehrt und geheiratet, weil sie die europäische Einehe für das große Glück zwischen Mann und Frau hielt. Diese Ironie des Schicksals machte sie vollkommen fassungslos. Andere Siamesinnen in ihrer Lage hätten sich nicht darüber gegrämt, aber sie nahm durch die Lektüre moderner abendländischer Romane das Gift der Eifersucht in sich auf. Die Siamesin strebt infolge ihrer Bekanntschaft mit europäischer Zivilisation zur Monogamie, der Europäer dagegen, angeregt durch die Tropen, zur Vielehe.

Malila hatte sofort das Haus Pérards verlassen und kehrte zu ihrer Mutter zurück, die das neue Unglück schwer bedrückte. Ihr Vater reichte für sie bei dem französischen Konsulatsgericht die Ehescheidungsklage ein. Man versuchte, von den verschiedensten Seiten in versöhnlichem Sinne auf sie einzuwirken, aber sie war zu tief verletzt und zu sehr in ihren gläubigen Hoffnungen betrogen. Als man dies auf französischer Seite einsah, wollte man den Prozeß unter möglichstem Ausschluß der Öffentlichkeit schnell und ohne Aufsehen erledigen, besonders auch deshalb, weil die Königinmutter sich energisch für Malila einsetzte. Die Beweisaufnahme war geschlossen, und in den nächsten Tagen wurde die Scheidung der Ehe erwartet. Aber was sollte dann werden? Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu Dok Mali.

Sie schrak aus ihrem Sinnen empor, als eine Dienerin leise eintrat und ihr auf silbergetriebener Schale einen Brief reichte. Mit freudigem Schreck erkannte sie die großen, festen, fast männlichen Schriftzüge der Schwester. Sie stieß einen leisen Freudenruf aus, von dem auch Nang Kulap erwachte.

Malila war glücklich, ihre Mutter ein wenig trösten zu können, und begann vorzulesen. Dok Mali hatte noch nichts von den letzten traurigen Ereignissen in Bangkok erfahren. Malila hatte ihr absichtlich nichts davon geschrieben, auch die Krankheit der Mutter nicht erwähnt.

Dok Malis Brief strömte über von unerhörtem Glücksgefühl und zeigte sie auf der Höhe ihres Lebens, im Vollbewußtsein ihrer künstlerischen Kraft. Er gab eine anschauliche Schilderung ihres unvergleichlichen Triumphzugs durch Amerika.

»Lies mir den Brief Dok Malis bitte noch einmal vor«, bat Nang Kulap.

Malila willfahrte gern. Ganz leise war Pya Prajura eingetreten und legte noch mehrere Stöße amerikanischer Zeitungen auf den Tisch, die Kritiken über Dok Mali enthielten und mit derselben Post gekommen waren. Er setzte sich still in einen Sessel und hörte mit großer Genugtuung zu. Vor einiger Zeit hatte sie ihm ein wundervolles goldenes Zigarrenetui geschenkt; er hatte es sogar angenommen und ihr eigenhändig einen kurzen Dankbrief geschrieben. Und das war ihre Versöhnung. Dok Mali war eben sein Lieblingskind, obgleich er es nicht eingestehen wollte, und er sehnte sich sehr nach ihr. Äußerlich schimpfte er zwar und gab sich den Anschein, als ob er noch sehr böse auf sie sei. Jetzt aber war er ganz ruhig.

Als die Mutter noch mehr von Dok Mali hören wollte, übersetzte ihr Malila die Zeitungsartikel. Nang Kulap legte ihre magere, durchscheinende Hand auf den Arm ihres Kindes. »Ich habe heute etwas Wichtiges erkannt. Die Sterndeuter haben bei ihrer Geburt die Wahrheit gesagt: Ein König von Siam hat meine Tochter geliebt, und große Völker haben ihr gehuldigt.«

Sie war glücklich. Die lange Unterhaltung hatte sie ermüdet; und sie schlief ein.

Als sie am Spätnachmittag wieder erwachte, war ihr Puls so schwach, daß Pya Prajura selbst mit seinem Auto den Arzt holte. Nach kurzer Untersuchung sagte der Doktor ernst: »Es ist Zeit, daß die Priester gerufen werden.«

Sofort wurden Diener mit Motorbooten zum Vat Prajuravong geschickt, die den dortigen Oberpriester und zwölf Mönche herbeiholten. Es dauerte nicht lange, so traten sie lautlos ins Gemach. Diener bereiteten längs der Wand des Gemaches einen erhöhten Sitz für sie, Pya Prajura und Malila grüßten sie durch Aufheben der Hände. Vor jedem Priester wurde eine Kerze und eine Vase mit weißen Blumen aufgestellt. Ihre großen Fächer setzten die Mönche vor sich auf den Boden und verdeckten mit der ovalrunden Fläche ihr Gesicht. Dann stimmten sie ein feierliches Gebet an.

Nang Kulap lag still mit geschlossenen Augen und lächelte friedlich. Pya Prajura setzte sich dicht neben ihr Lager, so daß er sie ansehen konnte, und nahm ihre Hand in die seine. Als das Gebet beendet war, holte Malila auf einen Wink alle Dienerinnen herein, auch rief sie telephonisch einige nahe Verwandte herbei. Nach und nach füllte sich das Sterbezimmer. Die Anwesenden setzten sich auf den Boden nieder, falteten die Hände, und sobald das Gebet verstummte, riefen sie: »Pra Arahang! Pra Arahang!« Das taten sie, um die Gedanken der Sterbenden auf den großen Lehrer Buddha zu lenken, denn Pra Arahang war einer seiner vielen Namen.

Die Sterbende lag ruhig da, ihr Geist war auf die Lehren des Religionsstifters gerichtet und der tiefe Wunsch beseelte sie, in der nächsten Wiedergeburt wieder glücklich mit ihrem Gatten, Dok Mali und Malila vereinigt zu sein. Laut und schnell riefen die Versammelten immer wieder: »Pra Arahang! Pra Arahang!«

Als dann ein neues Gebet einsetzte, tat Nang Kulap den letzten Atemzug.

Obschon alle wußten, daß sie nicht mehr unter den Lebenden weilte, hörten sie nicht auf zu rufen, damit die scheidende Seele auf ihrem Wege in eine andere Welt Buddha nicht vergesse. Die Rufe hallten noch weiter, bis man glaubte, der Geist der Verstorbenen sei in solche Fernen entschwebt, daß ihn die Stimme der Irdischen nicht mehr erreiche.

Pya Prajura hatte schweigend gesessen. Auch jetzt blieb er unbeweglich. Nur seine Tränen rannen.

Malila brach in ein heftiges Schluchzen aus.

*

An der in einer Urne aufgebahrten Leiche Nang Kulaps hallten täglich die Totengebete buddhistischer Mönche und die Weherufe der Klageweiber. Pya Prajura war so vom Schmerz gepackt, daß er blindes Vergessen suchte. Schon kurz darauf fand die Verbrennung statt, was ihm von seinen Verwandten sehr übel gedeutet wurde. Er bezog ein Sommerhaus außerhalb der Hauptstadt, holte alle seine Nebenfrauen, die zerstreut in Bangkok wohnten, zu sich und schloß sich vom äußeren Verkehr fast vollkommen ab. Kurze Zeit später siedelte er aber doch wieder mit seinen Frauen in sein Stadtpalais über.

Malila war ganz ihrer Trauer hingegeben, und das war gut, denn in der Stadt wurde viel Böses über ihre Ehe gesprochen. Georges de Pérard war auf Urlaub gegangen, und man wußte nicht, ob er zurückkehren würde. Einige Zeit später sprach das französische Konsulatsgericht die Scheidung der Ehe zwischen Nang Malila aus dem Geschlecht der Prajuravong und Georges de Pérard aus.

Malila fühlte sich heimatlos und bat in einem langen, sehnsüchtigen Brief Dok Mali um die Erlaubnis, zu ihr kommen zu dürfen. Dok Mali telegraphierte ihr sofort und lud sie nach Paris ein, wohin sie in einigen Wochen mit Arno zurückkehren wollte. – Und Malila konnte nun Tage und Stunden bis zum Wiedersehen zählen.

*

In einem schöngelegenen Vorort von Paris bezogen Arno und Dok Mali eine entzückende Villa. Der Tod der Mutter nahm sie sehr mit, und ihre Stimmung wollte nicht heiterer werden. Dankbar empfand sie Arnos zarte Zurückhaltung und seine sorgende Liebe. Sie sehnte sich nach Malila, deren Ankunft in einigen Tagen erwartet wurde.

Ursprünglich wollten Arno und Dok Mali die Pariser Aufführungen absagen. Da aber die Verbrennungsfeierlichkeiten für Nang Kulap schon stattgefunden hatten, war Dok Mali doch aufgetreten. Arno freute sich, daß die Tanzabende ihr Abwechslung und Zerstreuung brachten und günstig auf ihre Stimmung wirkten. Sie hatte das Bedürfnis, ihm von ihrer verstorbenen Mutter zu erzählen.

»Ich habe meine Flucht von Hause immer als selbstverständlich und berechtigt betrachtet, jetzt aber schmerzt es mich sehr, daß ich dadurch meine Mutter nicht wiedersehen konnte.«

Arno nickte.

»In meinen Träumen habe ich mir oft ausgemalt, wie schön es wäre, wenn wir beide durch die Straßen von Bangkok führen und ich dich meinen Eltern vorstellen könnte. Dann hätte ich ihnen gezeigt, daß ich meinen Weg auch allein gemacht habe. In Viman Indrani war mein erster Gedanke: Wenn deine Eltern dies sehen könnten, wärst du vor ihnen gerechtfertigt, und sie dürften stolz sein auf ihre große Tochter, die es doch weiter gebracht hat, als wenn sie die Frau des Königs von Siam geworden wäre. Ich hatte es mir so schön vorgestellt, wenn wir meine Eltern von Bangkok mitgenommen hätten. Sie hätten dann eine Reihe von verschiedenen Vorstellungen in Paris mitmachen müssen, um einmal Zeuge unserer Erfolge zu sein.«

All das hatte sich lange in Dok Mali aufgespeichert, die Nichtanerkennung ihrer Lebensauffassung, der gekränkte Ehrgeiz, die Sehnsucht nach ihrer Familie und ihrem Vaterlande.

Arno suchte sie zu beruhigen. »Wir können ja im nächsten Herbst eine Reise über Amerika nach Japan und Siam machen und dann alles nachholen, was du dir vorgenommen hattest. Dein Vater lebt ja noch.«

Dok Mali wurde wieder lebhaft, fast freudig erregt und plauderte lange über dieses Thema. Da das Eis nun einmal gebrochen war und sie Arno ihr Heimweh gebeichtet hatte, malte sie sich das Wiedersehen mit ihrem Vater und ihrer Heimat in um so glühenderen Farben aus.

Am Abend erhielten Arno und Dok Mali noch ein amtliches Schreiben.

»Die Nachricht wird auch dir interessant sein«, sagte er zu ihr. »Das Justizdepartement in Batavia hat endlich aus dem verstockten Attentäter herausgebracht, daß er ein Malaie aus der Gegend von Puket ist, der später in Bangkok als Kutscher in den Diensten des Prinzen Sarawat stand.«

Sie schaute ihn groß an.

»Das Justizdepartement schreibt weiter,« sagte er nach einer Pause, »daß der Fall wohl nicht weiter aufgeklärt werden kann, da siamesische Hofintrigen hineinspielen dürften.«

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