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Tagebücher aus vier Weltteilen

Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen - Kapitel 2
Quellenangabe
typediary
authorElisabeth von Heyking
titleTagebücher aus vier Weltteilen
publisherKoehler & Amelang
printrunVierte Auflage
editorGrete Litzmann
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070302
projectide36b46a4
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Einleitung

»Am 10. Dezember des Jahres 1861, als die Sonne im Tierkreiszeichen Schütze stand, morgens um ½ 10 Uhr, da eben im Osten das Tierkreiszeichen Steinbock am Horizont emporstieg, kam in Karlsruhe ein Mädchen zur Welt, über dessen ganzem Leben das seltsam tragische Schicksal gewaltet hat, das die Gestirne in der Geburtsstunde verkündeten.

Der Vater, preußischer Gesandter am Badischen Hof, Albert Graf von Flemming, ein Diplomat der alten Schule, bei dessen Tode Kaiser Wilhelm I. klagte, daß er der einzige seiner Diplomaten gewesen, der seinem Herzen nahegestanden, ein Grandseigneur, dem der ererbte Reichtum die Verpflichtung zu äußerer und innerer Vornehmheit der Lebensführung bedeutete, stammte aus Sachsen, wo in dem jetzt preußischen Landstädtchen Crossen an der Elster sein Stammschloß noch heute steht. Wie dieses Schloß mit seinem schweren, festen Turm aus dem 12. Jahrhundert und dem efeuumrankten, träumerisch stillen Schloßhof, mit dem feierlichen, allegoriengeschmückten Prunksaal und den heiteren zartgetönten Rokokogemächern, so stand Graf Flemming fest und breit auf dem Boden der realen Welt, seine klargesehenen Ziele mit wägender Klugheit und zäher Bedächtigkeit erreichend. Aber neben dieser vernunftbeherrschten Klarheit gab es auch im Bau seiner Persönlichkeit einen Bezirk, wo träumerisches Gefühl und künstlerische Lebensfreude regierten: Mit seinem Violoncell in der Hand war Graf Flemming ein Künstler, dem es gegeben war, in Tönen von seltenem Wohllaut sich Herzen zu erringen, die die zurückhaltenden Lippen nie erobert hätten. Vor allem das seiner Gattin, der schönen, vielumschwärmten Armgart von Arnim, Achims und Bettinas Tochter, die er in unwandelbarer Treue fast zehn Jahre lang umworben und dann in zwanzigjähriger Ehe, ihrer skeptischen Resignation zum Trotz, so glücklich gemacht hat, wie sie selbst es nach dem Tode der über alles geliebten Mutter nicht mehr für sich zu hoffen gewagt hatte. Denn Gräfin Armgart war mit jedem Blutstropfen Romantikerin, und als Bettina im Januar 1859 die Augen schloß, stand sie verwaist in einer entgötterten Welt. Kein Tag, da sie nicht in Tagebuchaufzeichnungen und Briefen wie ein heimwehkrankes Kind zurückverlangte in die von geistig-schöpferischen Kräften erfüllte Atmosphäre Bettinas, in die von gütiger Menschlichkeit erwärmte Lebensluft, die ihre Kinder- und Jugendjahre umweht. Kein Tag, an dem sie nicht »all dem Weltplunder« zum Trotz, den das Leben einer Gesandtin ins Haus trägt, den Weg zu geistiger Erhebung und Vertiefung gesucht hat, aber auch kaum ein Tag, wo sie die sichere Geborgenheit an der Seite des ruhig und fest in der Realität wurzelnden Gatten nicht dankbar empfunden hätte.

Solche schier unvereinbaren Gegensätze der elterlichen Naturen: idealisierende Sehnsucht nach einem romantisch erhöhten, vergeistigten Leben und ruhig-treue Erfüllung der Pflichten, die eine politisch und sozial langsam aber unwiderruflich sich wandelnde Zeit an jedem Tage stellt; überströmender, hemmungsloser Gefühlsreichtum und eine durch Hof- und Diplomatendienst zur zweiten Natur gewordene Affektbeherrschung, die jeden Gefühlsüberschwang weltmännisch bändigt; scharfe, rein intellektuelle Erkenntniskraft, gepaart mit zäher Geduld, und blitzschnelle intuitive Erfassung jeder Stimmungsnuance, die in der Umwelt, von Tausenden unerkannt, schwingt – all diese schier unvereinbaren Gegensätze im seelischen Aufbau der Eltern muß man im Auge haben, um zu erfassen, welche geistige Mitgift dem Kinde bescheert wurde, das an jenem Dezembertage »zart und doch wohlgebaut« zur Welt kam und am 22. Januar in der Taufe die Namen: Elisabeth, Luise, Auguste, Helene erhielt nach ihrer Großmutter Elisabeth, genannt Bettina, von Arnim und den Taufpaten Luise, Großherzogin von Baden, Auguste, Prinzessin von Preußen, nachmaliger Kaiserin Augusta, und Helene, Großfürstin von Rußland.

Drei Jahre hindurch begleitet das Tagebuch der Mutter das Wachsen und Gedeihen der kleinen Erstgeborenen mit immer steigendem Erstaunen über die seltsam früh ausgeprägte körperliche und seelische Eigenart. »Von meinem Kindchen«, heißt es im April 1863, »kann ich nur sagen, daß sie an Leib und Seel schön ist, so reizend in allem und so entwickelt, daß man in einem Staunen bleibt. Sie macht Dinge, daß einem bange wird vor ihrem Verstand, und doch tun wir alles, um sie zurückzuhalten. Sie war vom ersten Moment ab so apart und ist oft wie ein großer Mensch.«

Im August 1864 wird ihr ein Schwesterchen geboren, das den Namen »Irene« erhält, vom ganzen Haus aber »Didiwipp« genannt wird. Und in dem nun folgenden Jahrzehnt erscheint das kleine Schwesternpaar unzertrennlich, nicht nur im wirklichen, wörtlichen, sondern auch im tieferen geistigen Sinn: Es ist, als ob die beiden kleinen Menschenkinder, deren ausgeprägte Eigenart fast vom Tage der Geburt an sich völlig entgegengesetzt entwickelt, zusammen eine Einheit bildeten, die alles umfaßt, was an geistiger und künstlerischer Begabung, an seltsamen Charakteranlagen in der vielgestaltigen Vorfahrenreihe lebendig war.

»Wenn ich nicht irre,« schreibt Gräfin Armgart im Juni 1865 an eine Jugendfreundin, Marie Lichtenstein, »wird die kleine zierliche feine Dovelille (Irene) nicht nur die musikalischste, sondern auch die schönste Stimme bekommen, denn in welchen Tönen sie vom ersten Augenblick an quiekte, ist gar nicht anzugeben. Ihre Freude an Musik ist entschieden. Während Mumedei (Elisabeth) mehr den Formen und Farben, dem Zeichnen sich zuwendet und ein merkwürdiges Gedächtnis und scharfen Verstand hat. Denke nur, daß sie Grimms ›Märchen‹ sehr gut versteht, aber Goethes ›Reinecke Fuchs‹ allem anderen vorzieht. Von dem kann man ihr nicht genug erzählen, sie liebt ihn. Sie ist ein absonderlich kluges Kind und ganz apart in allem. So zartfühlend und so überlegt, und doch ganz kindlich. Man kann ordentlich mit ihr etwas überlegen und sie zu Hilfe nehmen. Solch wunderbare Augen sah ich noch nie. Es sind beseelte, große, dunkelbraune Hundeaugen, die in dem lichten Gesichtchen mit den goldhellen Haaren so seidenweich wie ein paar leuchtende Sterne schwimmen. Jeder, der sie sieht, ist davon frappiert. Neulich meinte der Pfarrer, der sie getauft hat, es schimmere ein Stück Himmel hindurch. Sie ist, glaub ich, nicht schön, aber jeder nennt sie so, weil sie den Effekt davon macht.« Im Januar 1867 berichtet die Mutter: »Mumedei, fünf Jahr alt, schreibt, liest, häkelt und strickt schon, und hat entschiedenes Zeichentalent« und ein Jahr später heißt es, daß der Vater sich viel mit ihr beschäftige, und »so ist sie denn schon weit voran, schreibt, liest deutsch und französisch, rechnet gut und lernt sehr gut Geographie.«

Von diesem so frühen Interesse für fremde Länder und Menschen hat Elisabeth von Heyking später oft gesprochen als einem tastenden Vorausnehmen ihres Schicksals, das sie rund um den ganzen Erdball führen sollte.

Auch vom Unterricht bei den vielfältig wechselnden Gestalten ihrer Erzieherinnen hat sie mündlich und schriftlich oft erzählt und es stets bedauert, daß sie nicht wie die jüngere Schwester mit andern Altersgenossinnen eine Schule besuchen durfte. Auch die Mutter klagt: »Mir tut es nur immer so leid, daß ich mein Haus den Kindern nicht kann heiterer machen, es fehlt ihnen an geistig ebenbürtigen Gespielinnen, und Kinder sind doch am glücklichsten mit Kindern.«

Der Keim zu jenem allgemeinen Gefühl des »Fremd- und Alleinseins auf der Welt«, das recht eigentlich den seelischen Grundton in Elisabeths ganzem Leben gebildet hat, wurde also wohl schon in diesen frühen Kindertagen eingesenkt, da außer den Erwachsenen »das tyrannische Schwesterchen«, wie die Mutter sie nennt, die einzige Gefährtin war, »gegen das sie sorgsam und zärtlich wie ein Mutterchen ist«. Aber auch diese engste tägliche Gemeinschaft wird sehr früh getrennt. Fortschreitendes Leiden der Mutter machen langausgedehnte Reisen nach dem Süden nötig, bei denen Elisabeth die Kranke begleitet, während die Jüngere zu Haus beim Vater bleibt.

Frühreife des Geistes, aber auch der Charakterentwicklung sind die Merkmale, die aus allen Äußerungen jener Zeit entgegentreten, und so ist es nur natürlich, daß die Sechzehnjährige, als sie im Herbst 1878 mit der kranken Mutter in den Süden reist, schon ein Herzenserlebnis überstanden hatte, von dessen Tragweite und Nachhaltigkeit die Eltern sich wohl keine Rechenschaft gegeben hatten, als sie die zarte Beziehung eines jungen Offiziers zu ihrer ältesten Tochter energisch abbrachen in dem Augenblick, als Gefahr bestand, daß aus dem schüchternen Verehrer ein ernster Bewerber werden konnte. Fast zehn Jahre später in einer melancholischen Stunde in Südamerika schreibt Elisabeth in ihrem Tagebuch Worte der Erinnerung nieder, aus denen hervorgeht, daß sie das Unrecht nicht verwunden hat, das jenem geschehen und an dem sie sich mitschuldig fühlt, trotzdem sie, ein unerfahrenes Kind, nur einfach getan hat, was man ihr befahl. Schwerwiegender aber war zweifellos das Unrecht gewesen, das man ihrer in moralischer Hinsicht einfach und klar empfindenden Seele zugefügt hatte durch diese schmerzhafte Lektion in praktischer Lebensweisheit. Und die Vorstellung, daß man also die Neigung eines Mannes dulden könne, auch wenn man fest entschlossen sei, ihn nicht zu heiraten, war das folgenschwere Ergebnis dieses Erziehungsmißgriffs. Denn es machte die Bahn frei für die ungleich tiefere Wirkung eines neuen Erlebnisses, dessen Partner, eine Persönlichkeit von seltsam faszinierendem menschlichen und künstlerischen Reiz, von Anfang an als Gatte der jungen Gräfin nicht in Frage kommen konnte. Welche Verheerung diese frühe Leidenschaft bei völliger Hoffnungslosigkeit von Anbeginn in dem Gemüt der nun kaum 17jährigen hervorgebracht, das ist viele Jahre später in rückschauenden Briefen festgehalten, und der Eindruck »marmorner Kälte und Versteinerung«, den die im Herbst 1879 nach Karlsruhe Zurückgekehrte machte, zeigt nur zu eindringlich die furchtbare Wirkung. – Angehörige und Freunde erklärten sich die Wandlung mit der Qual der Tochter, die die Mutter langsam unter ihren pflegenden Händen sterben sah, und niemand wußte von den Verzweiflungen, die die junge und stolze Seele an diesem Kranken- und Sterbebette einsam auskämpfte.

Im Januar 1880 starb Gräfin Armgart Flemming und ließ ihre beiden Töchter, jetzt 18- und 15jährig, verwaist zurück, als einzigen Führer und Berater den Vater, der, ein hoher Sechziger, das Amt, zwei junge, sehr reizvolle, sehr wohlhabende und daher vielumworbene Mädchen zu behüten, wohl als schwere Sorge empfand. Er unternahm zunächst, um die in Karlsruhe schwer lastende Trauerzeit zu unterbrechen, eine Reise nach Italien, wo er für die vielseitig begabten und nach künstlerischen Gesichtspunkten erzogenen Töchter Beruhigung und Ablenkung erhoffte durch die neuen Eindrücke südlicher Natur und Kultur. Schon in München begegneten sie einer befreundeten Altersgenossin aus Karlsruhe, Lita Edle Herrin zu Putlitz, die mit ihrer englischen Erzieherin reiste, und man beschloß die Fahrt nach Süden gemeinsam fortzusetzen. In Verona fand sich als Kavalier zu den jungen Damen der Bruder, Stephan Ganz Edler Herr zu Putlitz ein, der soeben sein Studium der Nationalökonomie mit der Habilitation an der Berliner Universität beendet hatte. Die gemeinsame Italienreise schloß, wie vorauszusehen, mit einer Verlobung zwischen dem Freiherrn zu Putlitz und der jungen Gräfin Flemming.

Diese Entwicklung erscheint angesichts der Umstände so zwangsläufig, daß man der Meinung Außenstehender nur zustimmen kann, die damals, auch schriftlich, äußerten, diese Verbindung sei von den Eltern des Verlobten, dem Intendanten des Karlsruher Hoftheaters, Gustav Gans Edler Herr zu Putlitz, und seiner Gattin, Elisabeth geb. Gräfin Königsmarck, nicht nur vorausgesehen, sondern beabsichtigt gewesen. Hinsichtlich Graf Flemmings Stellung aber, der seine Einwilligung nur zögernd gab, darf man wohl annehmen, daß das Gefühl, durch frühe Vermählung seines ältesten Kindes von einem Teil der Verantwortung für die Töchter entbunden zu sein, ihn schließlich willfähriger gemacht hat, als er zu Lebzeiten der Mutter gewesen wäre. Denn, rein äußerlich gesehen, lag der Vorteil dieser Verbindung nur auf Seiten des jungen Mannes. Daß für Stephan zu Putlitz diese Erwägungen nicht ausschlaggebend gewesen, steht außer jedem Zweifel. Er hat im nahen Zusammenleben während eines italienischen Frühlings den seltsamen Reiz der jugendlichen Elisabeth von Flemming so tiefbeglückend erlebt, daß eine leidenschaftliche Neigung in ihm aufstand, die ihn bis zu seinem frühen Tode unabgeschwächt erfüllt hat. Was aber hat Elisabeth bewogen, diesem sehr jugendlichen Bewerber ihr Jawort zu geben, von dem sie zudem wußte, daß es die Billigung ihrer Mutter nie gefunden hätte?

In den nachgelassenen Papieren finden sich viele Dokumente, in denen sie mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit und Klarheit über ihre Beweggründe spricht, und das Bild, das dem Unbefangenen sich darstellt, ist etwa Folgendes: Die Achtzehnjährige, seelisch und körperlich zermürbt durch die Erschütterungen des vorangegangenen Jahres, fürchtete sich vor der inneren Einsamkeit, in der der Tod der Mutter sie zurückgelassen hatte. Auf weiten einsamen Spaziergängen beginnt sie dem jungen, durch und durch idealistisch angelegten Begleiter, zu dessen Wesensart das Blut des Vaters, des Verfassers von »Was der Wald erzählt«, starke Komponenten geliefert hat, von all ihren Kämpfen und Nöten zu sprechen. Und der junge, von dem Erlebnis einer leidenschaftlichen Liebe über sich selbst hinausgehobene Bewerber beweist ein so beglückendes Verständnis, daß in ihr die Hoffnung aufsteht, an seiner Seite ein neues geordnetes Leben beginnen zu können, das ihr des Lebens wert erscheint. Der akademische Beruf, den der junge Aristokrat sich erwählt, gibt dafür, so glaubt sie, die beste Bürgschaft; sie wird höheren Interessen leben und für ihren geistigen Hunger reichste Nahrung finden. Die stete Klage der verstorbenen Mutter über die innere Leere des äußerlich so glanzvollen Diplomatenlebens in der kleinen Stadt, die so oft von ihr ausgesprochene Sehnsucht nach der beneidenswerten Atmosphäre, in der die Schwester Gisela als Gattin Hermann Grimms im Kreise der Berliner Universität lebte, alles dies stand als vage Vorstellung vor Elisabeth von Flemmings Phantasie, als sie die Verbindung mit Stephan zu Putlitz einging, auf dessen geistige Bedeutung die Familie Hoffnungen setzte, die einzulösen ihm die Zeit nicht gegeben war. Ein Unglücksfall kurz vor der Hochzeit – er stürzte in Hannover bei einer militärischen Reitübung schwer – hat seine von Haus aus gesunde und normale Konstitution geschädigt und wohl die physiologische Grundlage geschaffen für Überreizungszustände, die ihm früher fremd gewesen waren. Jedenfalls zeigten sich schon in den allerersten Wochen nach der Hochzeit auf der Reise so tiefgehende Irritationen, daß die junge Frau nahe daran war, in das Haus ihres Vaters zurückzukehren. Die Hoffnung auf den beruhigenden Einfluß des geregelten Berufslebens, dazu die Aussicht auf eine völlig zwecklose Gesellschaftsexistenz, wenn sie in das Haus des Vaters zurückkehrte, und nicht zuletzt die leidenschaftliche Liebe des jungen Gatten, die immer wieder sieghaft alle Verstimmungen überwand, gaben schließlich den Ausschlag zu dem Entschluß, nach Rückkehr von der Hochzeitsreise das gemeinsame Leben in Berlin zu beginnen.

Der erhoffte beruhigende Einfluß des geregelten Lebens aber blieb aus; die Differenzen zwischen den völlig entgegengesetzten Naturen und ihren Anschauungen von Lebensaufgaben und Pflichten, der bohrende Stachel im Gemüt des leidenschaftlichen Mannes, daß die Frau, die er über alles liebte, ihm nie die Hingabe entgegengebracht, deren sie fähig war, das unumstößliche Bewußtsein im Gemüt der jungen Frau, daß irgendwelche Anlagen und Kräfte in ihr bei dem stark bürgerlich eingestellten Leben als Professorsgattin verkümmern mußten, ehe sie überhaupt sich entfaltet, all dies führte zu Spannungen, denen beide Menschen nicht gewachsen waren, und der Gedanke einer ruhigen Trennung auf durchaus freundschaftlicher Grundlage stand immer häufiger auf und wurde so klar durchgesprochen, daß selbst über die Erziehung des inzwischen geborenen kleinen Mädchens eingehende Verabredungen getroffen wurden. Da führte das Schicksal eine Wendung herbei, die Anlaß tragischer Entwicklung wurde:

Im Hause des großen Nationalökonomen Geheimrat Adolf Wagner begegnet die junge Frau Professor zu Putlitz einem Studiengenossen ihres Mannes wieder, den sie am Tage nach der Hochzeit flüchtig kennengelernt hatte. Irgend etwas in der Erscheinung des Balten – er war der Sohn eines Baron von Heyking, des Kais. Russischen Vizegouverneurs von Kurland – hat ihr die Persönlichkeit beim ersten Sehen aus allen übrigen herausgehoben. Ein Hauch internationalen Weltbürgertums – seine Mutter ist eine Halbengländerin, geb. von Jacobs, und auf der Schule in Riga nannte man ihn »den jungen Lord«, wie im Ministerium in Berlin »den Russen« – die angeborene Kavaliershaltung des Balten, der intuitiv die seelische Verfassung und Unbefriedigtheit der jungen Frau erfühlt, seine flammende Begeisterung für Bismarck, unter dem zu arbeiten er sich entschlossen hat, preußischer Staatsangehöriger zu werden und sich dem deutschen Staatsdienst zu weihen, die ganze Atmosphäre von sieghaftem Selbstbewußtsein eines geistig und körperlich hochkultivierten Mannes, dem das offenkundige Wohlwollen Bismarcks alle Wege zu höchsten Ämtern im innern und äußern Dienst eröffnet – alles das weckt in Elisabeth zu Putlitz' Herzen die Erinnerung an die hochfliegenden Träume, die die Mutter in frühen Jahren für die Zukunft ihres so begabten Kindes hegte: ein Leben an der Seite eines einflußreichen Staatsmannes, bei dem die glänzenden Gaben der Tochter die hohen Aufgaben des Mannes mit zu lösen bestimmt waren. Und so deutlich, wie die junge Frau plötzlich das Leben vor sich sieht, das ihrer innersten Natur Entfaltung gebracht hätte, so klar fühlt der Mann, der den zur Ehe mahnenden Eltern in Riga immer wieder geantwortet, daß keine der Erscheinungen des Berliner Gesellschaftslebens seinen Anforderungen genüge: das ist die Frau, die seinem zwar leidenschaftlich zugreifenden aber der Ausdauer entbehrenden Temperament den immer neuen Impuls zu höchstgesteckter Leistung geben würde. Viele Monate vergehen, in denen beide Menschen sich nur im gesellschaftlichen Leben konventionell begegnen, in denen vor allem die Frau das Geheimnis ihrer Neigung so streng behütet, daß selbst der gute Frauenkenner Heyking irre wird an seiner Hoffnung, sie einmal für sich zu gewinnen. Nur Stephan zu Putlitz, mit den hellsichtigen Augen eifersüchtiger Liebe, fühlt, was in der ganz verschlossenen Seele seiner Frau vorgeht. Und während er noch vor kurzem den Gedanken an eine freiwillige freundschaftliche Trennung für durchführbar hielt, weil er nie daran gedacht hat, daß das, worauf er unter Qual verzichtet, einem andern zufallen könne, beginnt er nun zu fühlen, daß ein ruhiges Zurücktreten angesichts eines glücklichen Rivalen über seine Kräfte geht. Und nun bricht eine Zeit des Kämpfens an, bei der schwer zu entscheiden ist, wer der Bemitleidenswertere ist, die junge mit zäher Energie schweigende Frau, die jeder Laune des krankhaft überreizten Gatten nachgibt, weil sie sich in ihrer Seele schuldig fühlt, oder der Mann, bei dem die idealistische, auf großmütiges Verzichten eingestellte Geistesrichtung einen schier übermenschlichen Kampf führt mit der Leidenschaft des Bluts, die zunimmt in dem Maße, wie er sich fernhält von der Frau, deren Seele er nicht mehr besitzt, vielleicht nie besessen hat. In fürchterlicher Selbstquälerei lädt er den Studienfreund ein, den Sommeraufenthalt auf dem Gute Buckow zu teilen, und führt damit eine Gefahr herauf, der die Liebenden so weit erliegen, daß es zu einer Aussprache kommt. Gleichzeitig aber auch zur klaren Erklärung Elisabeth zu Putlitz', daß sie angesichts der Liebe und des Leidens ihres Mannes – er hat durch Öffnen der Pulsader versucht, sein Leben zu enden – auf ihr Glück verzichtet. Der Brief ist überschrieben: »Mein Freund,« und hält vom ersten bis zum letzten Wort das gesellschaftliche »Sie« fest; er ist mit anderen Dokumenten der klare Beweis, daß keine Schuld am tragischen Ausgang des Konflikts auf ihr ruht. Nach dieser Erklärung reist Heyking ab. Die beiden zurückgebliebenen Gatten aber haben eine Aussprache, in der die Frau, von ihrem Manne auf Ehre und Gewissen befragt, sich zu ihrer Neigung bekennt, zugleich aber auch freiwillig ihr Wort gibt, daß sie ihre Pflicht als Frau und Mutter restlos erfüllen wird. –

Die Aussprache hat eine endgültige Klärung herbeigeführt, und in dem Glauben, durch das in voller Aufrichtigkeit gegebene Wort einen neuen Zustand gegenseitigen Vertrauens geschaffen zu haben, stimmt Elisabeth ohne Arg dem Plan ihres Gatten zu, der den Rest der akademischen Ferien zu einer Erholungsreise an die See benutzen will, zumal auch sie nach den schweren Erregungen der Ruhe und Sammlung bedarf. Stephan zu Putlitz tritt seine Fahrt an. Auf der ersten Station, Berlin, aber überkommt ihn das Bewußtsein seiner völlig verzweifelten Lage: Das Opfer der Frau, die er liebt, anzunehmen, ist seiner geistigen Anlage schlechterdings unmöglich; verzichten und sie mit einem andern glücklich zu sehen, geht über seine Kräfte, so greift er nach der einzig ihm möglich scheinenden Lösung, der Pistole! Mit rührender Fürsorglichkeit sucht er seiner Verzweiflungstat die Wirkung zu sichern, die er sich davon erwartet: er fingiert ein amerikanisches Duell. –

Bis hierher handelt es sich um eine Tragödie zwischen drei durch und durch ehrenhaften und vornehmen Menschen, und verwandtschaftliche Liebe und Verehrung für den lauteren Charakter Stephan zu Putlitz' hätte, so meint man, sein Andenken nicht besser ehren können als dadurch, daß man die fromme Lüge seines Todes aufrechthielt. Das Gegenteil geschah, wobei allerdings Unvorsichtigkeiten den Anlaß gaben, die nur zu verstehen sind aus der Naivität eines durch und durch reinen Gewissens. –

Wenige Wochen nach der Katastrophe reist Elisabeth zu Putlitz mit ihrem Töchterchen und einer Gesellschafterin nach dem Süden und etwa zwei Monate später benutzt Heyking einen Urlaub, um sie in Venedig zu besuchen. Das Paar sieht sich als Verlobte an, die das Trauerjahr abwarten, um sich in aller Stille zu vermählen. Als ihren Verlobten stellt Elisabeth zu Putlitz den Legationsrat Freiherrn Edmund von Heyking ihren Bekannten in Venedig vor, auch ihrem Schwiegervater, der gekommen ist, sie freundschaftlich zu bitten, den Schmerz um den so jäh entrissenen Sohn dadurch zu lindern, daß sie den Großeltern das Enkelkind besuchsweise für einige Zeit überläßt. Erschüttert von dem Schmerz des alten Mannes, entschließt sich Elisabeth schweren Herzens zu dem Opfer, und Herr zu Putlitz scheidet in vollem Einvernehmen von seiner Schwiegertochter. Kaum aber hat die junge Frau das Kind aus der Hand gegeben, so beginnen unkontrollierbare Gerüchte aufzutreten, Sensationsartikel erscheinen in den Zeitungen, die den unerklärlichen Tod Stephan zu Putlitz' als Verzweiflungstat über die Untreue seiner Gattin und die Überlassung des Kindes an seine Eltern als Eingeständnis ihrer Schuld darstellen; Behauptungen, die von der ganzen Welt um so williger geglaubt werden, da die Großeltern sich weigern, das Kind der Mutter zurückzugeben.

Ein in drei Instanzen restlos gewonnener Prozeß führt der Mutter nach zweijähriger Trennung das Kind wieder zu, aber der Haß der väterlichen Familie nimmt, wie unbefangene Augenzeugen berichten, durch diese Entscheidung »alttestamentarische Formen« an.

Den natürlichen Beschützer, ihren Vater, hat Elisabeth bereits im März 1884 verloren. Graf Flemming, zum Schutz seiner so schwer verdächtigten Tochter nach Florenz übersiedelt, erliegt dort einem Typhusanfall, dem der durch all die seelischen Erregungen Erschöpfte keine Widerstandskraft entgegenzusetzen hatte. An seine Stelle tritt, ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle, Edmund von Heyking, der, trotzdem Elisabeth ihm wieder und wieder sein Wort zurückgibt, im Juni 1884 die Ehe mit Elisabeth zu Putlitz schließt. Er tut den Schritt im vollen Bewußtsein, daß Elisabeths Feinde damit auch die seinen werden, und daß sie, ein weitverbreitetes altpreußisches Geschlecht, ihm, dem Landfremden, durch keinerlei Blutsverwandte dem Staat, dem er dient, Verbundenen seine glänzenden Lebensaussichten aufs schwerste schädigen können. Er heiratet in der Gewißheit, »daß er sein Lebensglück, sein Wappenschild und seine Ehre« keiner Würdigeren anvertrauen kann als der von ihm erwählten, fast völlig schutzlosen Frau. Er ist es, der mit zäher Geduld und Klugheit für die nun 22jährige den Kampf um ihr Kind führt, ja er entschließt sich, in den Auswärtigen Dienst überzutreten, um seiner jungen Frau die Anfeindungen zu ersparen, die ihrer in Berlin warten.

Nach einjährigem Urlaub, den das Paar in völliger Stille in Florenz verlebt, nimmt er schweren Herzens eine Anstellung als stellvertretender Konsul in New York an, nachdem Freunde im Auswärtigen Amt in Berlin ihm versichert haben, daß seinem Übergang aus der Konsulatskarriere in den eigentlichen diplomatischen Dienst bei allernächster Gelegenheit nichts im Wege stände; ein verhängnisvoller Irrtum, bei dem für jeden, dem die Verhältnisse im diplomatischen Dienst in den achtziger Jahren bekannt sind, die Vermutung naheliegt, dieser freundschaftliche Rat sei, den Gebern vielleicht selbst nicht bewußt, mit davon beeinflußt gewesen, daß Heykings Ausscheiden aus dem Amt in Berlin seine Freunde der Aufgabe überhob, sich öffentlich zu ihm zu bekennen, eine Aufgabe, die allerdings angesichts des höfischen Einflusses seiner Gegner ein großes Maß von Selbständigkeit erfordert hätte!

So begann das junge Paar denn im Sommer 1884 sein Wanderleben, das beide zwanzig Jahre lang rund um die ganze Welt geführt hat. Ein Leben, in dem weder der für höchste nationale Ziele eingespannte Wille noch die zweifellosen Erfolge, die der Balte aus reiner Hingabe an sein freigewähltes deutsches Vaterland errang, irgend eine Anerkennung fanden; ein Leben, in dem zwei geistig, menschlich und ethisch weit über dem Durchschnitt stehende Persönlichkeiten Gesundheit, Vermögen und Familienglück opferten, ohne den bescheidensten Dank zu ernten! – –

Ruhig, sachlich, ohne Selbsttäuschung und ohne übermäßige Bitterkeit wird in den folgenden Tagebüchern über das Leben in der Fremde und während der kurzen Urlaubsaufenthalte in der Heimat berichtet. Bis zu dem Augenblick, wo unter dem furchtbaren Druck innerer Einsamkeit in Mexiko die starke Quelle künstlerischer Schaffenskraft in Elisabeth von Heyking aufspringt, und der beispiellose Erfolg ihres ersten Buches »Briefe, die ihn nicht erreichten,« wie ein breiter Strom ihr Leben überflutet. Von diesem Zeitpunkt an setzt das Bedürfnis aus, in ausführlichen Tagebuchaufzeichnungen sich von des Erlebens Fülle zu entlasten, das künstlerische Werk tritt an ihre Stelle. Die Jahre des Kämpfens und Reifens aber, von 1886 bis 1904, sind in lückenloser Folge festgehalten. Die Aufzeichnungen sind einfach, rückhaltlos und aufrichtig an jedem Tage niedergeschrieben, ein Denkmal, das Elisabeth von Heyking ohne Wissen und Willen sich selber schuf.

Grete Litzmann

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