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Tagebücher 1918-1937

Harry Graf Kessler: Tagebücher 1918-1937 - Kapitel 3
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authorHarry Graf Kessler
titleTagebücher 1918-1937
publisherC. A. Koch's Verlag Nachf.
editorWolfgang Pfeiffer-Belli
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1920

Berlin. 9. Januar 1920. Freitag

Johannes R. Becher brachte Rilla, den Herausgeber der ›Erde‹, zu mir zum Essen. Zusammen bis zwei Uhr morgens. Rilla, der radikaler Kommunist ist, macht einen frischen, klugen, wohlerzogenen Eindruck.

Berlin. 10. Januar 1920. Sonnabend

Heute ist der Frieden in Paris ratifiziert worden; der Krieg zu Ende. Eine furchtbare Zeit beginnt für Europa, eine Vorgewitterschwüle, die in einer wahrscheinlich noch furchtbareren Explosion als der Weltkrieg enden wird. Bei uns sind alle Anzeichen für ein fortgesetztes Anwachsen des Nationalismus.

Berlin. 12. Januar 1920. Montag

Becher, Rilla und Schickele bei mir gefrühstückt zum Zwecke einer Aussprache der beiden ersteren mit Schickele. Sie nehmen ihm die Publikation des Artikels von Guttmann ›An meine lieben Proleten‹ tödlich übel. Wollen auch mit ›Clarté‹ nicht mitmachen. Wie Rilla sagt, weil durch ›Clarté‹ Verwirrung in Dinge gebracht werde, die schon klar waren. Man fühlt, daß er hauptsächlich das Werk der III. Internationale durch ›Clarté‹ gefährdet sieht. In der Tat, vielleicht nicht mit Unrecht, denn hier liegt wirklich die große Alternative. Leider mußte ich bald nach Beginn der Aussprache fort, da ich abends nach der Schweiz abreise.

Frankfurt/Main. 13. Januar 1920. Dienstag

Früh in Frankfurt. Ins Goethehaus und Dom. Tiefen Eindruck in Goethes Geburtszimmer; dieses ist fast das einzige, was uns geblieben ist. Abends in der Vorhalle des ›Hessischen Hofes‹ vom Rath (der früher in Bern bei Bismarck war) getroffen; er erzählte, daß heute in Berlin vor dem Reichstag geschossen worden und daß der Rasen vor dem Reichstagsgebäude mit Toten und Verwundeten bedeckt sei. Ich fürchte, daß das der Anfang von sehr Bösem sein kann.

Frankfurt/Main-Basel. 14. Januar 1920. Mittwoch

Nachricht heute morgen in der Zeitung, daß es gestern in Berlin vor dem Reichstag über dreißig Tote und über vierhundert Verwundete gegeben hat. Nachmittags nach Basel. Unterwegs die Anthologie ›Menschheitsdämmerung‹.

Basel-Zürich. 15. Januar 1920. Donnerstag

Vormittags Münster Basel. Auf Turm. Das deutsche Land ringsum; so tief deutsch, und doch nicht mit uns staatlich verbunden. Und weiterhin das verlorene Elsaß. Dazwischen der Rhein, die lebendige, wilde, störrische Seele Deutschlands. Deutschland ein geistiger Kontinent, hundert Länder und Ländchen umfassend. ›Les Allemagnes.‹ Daher nie als Einheit von außen anerkannt. Und doch so tief eins wie eine Eiche mit zahllosen Zweigen und Ästchen. Die falsche Staatsidee, die, von Rom und Frankreich ausgebildet, paßt nicht auf diesen Reichtum. Das Problem, wie wir Macht und Kraft gegen außen gewinnen, noch nicht gelöst, kaum begriffen; die Übertragung der römisch-französischen Staatsidee jedenfalls falsch. Zunächst steht fest: Wir sind. Vielleicht um so gefährlicher und unzerstörbarer, weil wir so unfaßbar und mannigfaltig sind wie Proteus.

Zürich. 16. Januar 1920. Freitag

Mit Wilma mich im Hotel Royal getroffen nach fast sechs Jahren Krieg und Revolution. Dieses Zusammentreffen, vor dem ich mich etwas gefürchtet hatte, verlief, als ob wir uns gestern getrennt hätten. Im Grunde ist die Zeit nichts, auch die Ereignisse sind nichts gegenüber der ›intelligiblen‹ Natur. Nur die Form und das Tempo des Seelischen sind etwas, und das ist unberührbar, in menschlichen Grenzen ewig. Ich glaube nicht an die ›Wirklichkeit‹; solche Erfahrungen zerstören den Glauben an den Inhalt der Erfahrung. Die Unsterblichkeit der Seele in diesen Grenzen ist zweifellos.

Zürich. 17. Januar 1920. Sonnabend

Mit Wilma auf dem Ütliberg. Wunderbares Frühlingswetter, warm und diesig; die Täler in Licht und Dampf gebadet. Wiesen grün und leuchtend.

Zürich. 21. Januar 1920. Dienstag

Abends mit Wilma und Annette Kolb bei Busoni, der unangenehm spitz war. Möchte nach Berlin zurück, ziert sich aber bei jedem praktischen Vorschlag und nimmt Beethovenhaltungen ein.

Caux. 2. Februar 1920. Montag

Vormittags kam aus Le Locle der junge Bildhauer Gaston Béguin zu Besuch, der während des Krieges für Gaspard Maillol gesorgt hat. Er erzählte von den Verfolgungen, denen Aristide Maillol zu Kriegsbeginn wegen eines angeblichen Einverständnisses mit mir in Spionagesachen ausgesetzt gewesen ist. Lauter Blödsinn. Das ›Volk› in Marly und Monval so wütend, daß sie meine Papierwerkstatt halb demolierten. Gaspard möchte Papierfabrikation fortsetzen. Ich sagte, ich ließe ihm frei, die Sache in Frankreich zu machen, wenn er selbst dort Kapital finden könne; ich könne nicht wieder Geld in Frankreich anlegen. Dagegen sei ich bereit, eine Fabrik in Deutschland (Weimar) zu begründen, wenn Gaspard dort hinkommen wolle.

Nachmittags kam A. H. Fried zu Besuch. Er hatte den Wunsch ausgesprochen, eine Anzahl Fragen mit mir zu besprechen. Er brachte die Erweiterung der ›Friedenswarte› vor; ferner Gründung eines Reichsamts für internationale Kooperation, dem ich vorstehen solle. Ich sagte, mir schiene es nicht sicher, ob eine solche Institution nicht besser auf privatem Wege ins Leben gerufen würde. Kriegsschuldfrage. Ich sagte, Deutschland habe wohl den überwiegenden Teil der Schuld am Kriegsausbruch, nicht die alleinige Schuld. Fried trat scharf für die alleinige Schuld ein. Zeigte mir dann aber einen Brief des Engländers Morel, der ihn geradezu anfleht, diesen Standpunkt nicht aufrechtzuerhalten, da er damit den englischen Pazifisten ihre Arbeit für die Revision des Versailler Vertrages unmöglich mache. Außerdem sei diese Auffassung tatsächlich falsch; denn die Mitschuld Rußlands sei erwiesen: ›wenn Fried und seine Freunde nicht bereit seien, die in Rußland und sonstwo publizierten Dokumente für Fälschungen auszugeben‹. Fried blieb aber trotzdem bei seinem Standpunkt. Er hat doch sehr viel vom deutschen Stubengelehrten mit dessen eigenartiger Rechthaberei. Sehr klug ist er nicht; für einen Juden sogar gedanklich überraschend schwerfällig und ungewandt. Romberg hatte nicht ganz unrecht, ihn für einen ›Esel‹ zu erklären.

Caux. 13. März 1920. Sonnabend

Als ich mit Jacques in Montreux nachmittags im Buchladen von Faist war, kam eine alte deutsche Dame herein und erzählte aufgeregt, daß in Berlin die Gegenrevolution ausgebrochen sei; Hindenburg solle Präsident werden. Die Depesche stehe im ›Messager de Montreux‹ angeschlagen. Hin; und in der Tat lag im Schaufenster eine getippte Wolffdepesche, die den Staatsstreich meldete, und dazu eine zweite mit einer Proklamation der neuen Regierung, an deren Spitze als ›Kanzler‹ sich Kapp, der Begründer der ›Vaterlandspartei‹ und anonyme Broschürenschreiber, gestellt hat; ein unruhiger Abenteurer. Der General Lüttwitz hat die Truppen verräterischerweise ihm zugeführt und ist dafür zum ›Reichswehrminister‹ ernannt. Spätere Nachrichten vervollständigen das Bild dieser Abenteurerregierung: Pfarrer Traub Kultusminister, Oberst Bauer Chef des Generalstabes, Jagow Polizeipräsident.

Das alles klingt mehr nach einer Posse als nach ernsthafter Geschichte. Offenbar ist aber Berlin von den gegenrevolutionären Truppen besetzt, die alte Regierung fort; wohin, weiß man nicht. Die Sozialdemokratische Partei hat den Generalstreik erklärt, was hoffentlich der Bande die Gurgel zuschnüren wird. Sonst würde die Situation außerordentlich ernst werden. Ein Bürgerkrieg, fremde Intervention, das Chaos wären, wenn sich diese Leute hielten, kaum zu vermeiden. Wie verblendet müssen Männer wie Jagow oder Oberst Bauer sein, daß sie sich zu einem solchen Streich hergeben, der vollkommen aussichtslos ist angesichts der allgemeinen Lage. Sie werden wie die verschiedenen Räterepubliken in Budapest, München, Bremen usw. enden.

Spätabends Telephonat aus Zürich, daß Erzberger, Schiffer und Rauscher von den Gegenrevolutionären gefaßt und in Haft genommen sind, der Generalstreik aber funktioniert, München samt Reichswehrtruppen und Kassel für die alte Regierung sich erklärt haben und die alte Regierung die Nationalversammlung nach der Provinz einberufen will. Das Übelste, daß hinter Oberst Bauer vermutlich Ludendorff steht. Aber hoffentlich wird Lüttwitz bloß der Kornilow der deutschen Revolution und bringt sein Streich die revolutionäre Bewegung wieder in Fluß.

Caux-Bern. 14. März 1920. Sonntag

Mit Wilma, Jacques und Géraud nachmittags von Caux nach Bern, wo meine alten Zimmer im ›Bellevue‹ bezogen. Abends mit Wilma und Jacques ins Theater. Kloses ›Ilsebill‹. Zweite Hälfte eindrucksvoll; viel Zartes, Bizarres, Sentimentales und Hausbackenes durcheinander.

Bern. 15. März 1920. Montag

Nachmittags auf der Gesandtschaft. Der Gesandte Adolf Müller verreist. Smend getroffen, der mir ein Rundtelegramm von Haniel zeigte. Haniel ist in Berlin geblieben und versieht dort die Geschäfte ›unter Vorbehalt der Wahrung seines Amtseides‹. Smend sprach von der Mainlinie; war im übrigen sehr vorsichtig und wollte sich offenbar nach keiner Seite festlegen. Er erwähnte nur, daß doch die Zustimmung aus so vielen Teilen der Provinz zu denken gebe. Mir fällt auf, daß man bisher nichts von den Unabhängigen gehört hat, nicht einmal, ob sie sich dem Generalstreik angeschlossen haben.

Bern. 16. März 1920. Dienstag

Vormittags Nasse besucht, der am Mittwoch aus Berlin abgefahren ist. Er sagt, die Kappleute hätten ihren Streich erst für Mai geplant, hätten aber vorzeitig losschlagen müssen, weil die Regierung von ihrem Komplott Wind erhielt. Die Engländer stünden der Sache sympathisch gegenüber, weil sie eine reaktionäre Regierung in Deutschland gegen Rußland zu verwenden hofften. Meine Frage, ob er unter den ›Engländern‹ den General Malcolm, den Chef, verstehe, bejahte Nasse. Er nahm mehr oder weniger gegen Kapp Stellung, schien aber doch die Sache nicht ganz zu mißbilligen; stimmte mir aber vorbehaltlos bei, daß Kapp und Konsorten nicht die Leute seien, die heute an der Spitze Deutschlands möglich seien.

Lugano. 18. März 1920. Donnerstag

Vormittags beim italienischen Konsul, wo ich Visum für Italien holte, Richard Kühlmann getroffen, der ebenfalls unter der Menge der Bittsteller antichambrierte und schließlich disgusted wegging.

Abends mit Wilma und Jacques bei Kühlmanns, die auf der Hochzeitsreise sind, im Palace-Hotel gegessen. Kühlmann war zuerst schläfrig und indifferent, wachte aber nach Tisch, als ich das Gespräch auf Politik brachte, auf und war dann klug und interessant. Die Hauptschuld am Kriege mißt er Berlin zu, daneben Rußland. Poincarés Verantwortlichkeit wollte er nicht recht zugeben. Wer aber in Berlin den Krieg gewollt habe, habe er nie recht herausbringen können. Als ich sagte, der Kaiser, Bethmann und Jagow seien alle drei unentschlossene Leute gewesen, die gewiß den Entschluß zum Kriege nicht gefaßt hätten, meinte er, drei unentschlossene Leute in solcher Stellung seien gerade genug, um eine Katastrophe herbeizuführen.

Den Kampf um Krieg oder Frieden zwischen unseren Wiener und Londoner Botschaften gab er zu, meinte aber, Tschirschky habe gar nicht den Rückhalt und die Stellung gehabt, um einen entscheidenden Einfluß auszuüben. Dietrich Bethmann natürlich erst recht nicht. (Hier bin ich bei dem Einfluß von Dietrich auf seinen Vetter, den Reichskanzler, etwas andrer Ansicht.) Trotzdem, meinte Kühlmann, gebe es Dinge, die ganz unerklärlich seien, zum Beispiel daß die serbische Antwort auf das Ultimatum nicht direkt sofort von unserem Gesandten in Belgrad nach Berlin übermittelt worden sei, sondern daß Berlin sich auf die Übermittlung durch die Wiener Botschaft verlassen und ruhig abgewartet habe, bis diese sie mit achtundvierzig Stunden Verspätung weitergab! Da höre die Möglichkeit auf, an einen Zufall zu glauben.

Auf meine Äußerung, daß es sehr zu bedauern, ja verhängnisvoll gewesen sei, daß er, Kühlmann, in den entscheidenden Tagen aus London abwesend war, antwortete er: seine Anwesenheit hätte nichts ändern können, nachdem das Ultimatum einmal abgeschickt war. Davon habe er sich bei englischen Politikern vergewissert. Auch habe er nicht zurückkommen wollen, ehe ihn Lichnowsky zurückrief, um diesen nicht zu kränken. Lichnowsky habe gern Dinge allein gemacht. Schließlich habe ihm Lichnowsky in einer sehr wenig dringenden Form telegraphiert, es sei vielleicht ganz gut, wenn er zurückkäme. Daraufhin sei er gefahren und am 29. Juli in London eingetroffen.

Von der Absicht Österreichs, einen Krieg zu forcieren, habe er zuerst durch seinen Bruder Charlie gehört, schon vor Absendung des Ultimatums, indem dieser ihm sagte, die Dresdner Bank rechne bestimmt mit einem Konflikt und liquidiere bereits ihre Geschäfte. Da hätte die Regierung in Berlin mindestens doch ebenso früh wie die Dresdner Bank informiert sein sollen. Die angebliche Ahnungslosigkeit der Berliner Regierung sei da recht zweifelhaft. Zusammenfassend meinte Kühlmann von seiner Karriere, er habe immerfort Maßnahmen und politische Direktiven ausführen müssen (zum Beispiel Bagdadbahn, Brest-Litowsk usw.), die er mißbilligte. Darin liegt wohl auch das Geheimnis seiner Indifferenz und schließlich katastrophalen Einwirkung auf die deutschen Geschicke.

Das Kapp-Abenteuer mißbilligt er natürlich; meinte aber, bei der allgemeinen Weichheit und Waschlappigkeit unserer inneren Politik würde den Hochverrätern kein Haar gekrümmt werden. Ich solle mir seine Worte merken: kein Haar! Er selbst würde sie allerdings ohne Bedenken an die Wand stellen.

Im ganzen hatte ich wieder den Eindruck eines eminent klugen, weitsichtigen politischen Kopfes, aber ohne jede Passion oder Glaubenskraft: für sein Innerstes bedeutet Deutschland, dessen Geschick ihm in den entscheidenden Augenblicken anvertraut war, nichts; jedes Frauenabenteuer mehr.

Lugano. 19. März 1920. Freitag

Die Kapp-Groteske ist vorbei; Kapp und Ludendorff sollen aus Berlin geflohen sein. Gegen Kapp, Bauer, Jagow und Konsorten hat die Ebert-Regierung Haftbefehle erlassen. Aber in Berlin, Leipzig, Nürnberg, Chemnitz, Dresden, dem Ruhrrevier wird überall noch heftig zwischen Arbeitern und Reichswehr gekämpft, und die Ebert-Regierung nimmt schon wieder die Front nach links.

Lugano. 20. März 1920. Sonnabend

Noske ist gestern zurückgetreten, heute bleibt er wieder. Die Depeschen malen ein Bild zunehmenden Arbeiteraufstandes. Es kann sich noch als richtig erweisen, was ich vorgestern Kühlmann sagte, daß erst dieses die wirkliche Revolution ist. In Berlin hat die Menge an verschiedenen Stellen Offiziere der abziehenden Abenteurertruppen gefangengenommen und totgeschlagen. Die Erbitterung der Volksmassen gegen das Militär scheint grenzenlos; ihr Machtgefühl infolge des siegreichen Generalstreiks stark angeschwollen. Dem gegenüber steht eine zusammengebrochene, halb verräterische Reichswehr und eine schwache, unschlüssige Regierung. So sieht das Spiel, wenigstens von hier, aus. Was aber im Osten vorgeht, weiß man nicht, nur daß Schlesien und Ostpreußen anscheinend noch zu Ludendorff und Kapp stehen.

Der italienische Konsul, der mir Donnerstag anstandslos ein Paßvisum gegeben hatte, hielt mich heute auf der Promenade auf und bat mich, meine Reise um einige Tage zu verschieben, ›parce qu'il y avait une petite difficulté‹; man habe aus Bern telephoniert: ›Vous êtes un diplomate; alors ce n'est pas si simple.‹ Aber der Generalkonsul Graf Caccia führe selber am Montag nach Bern und wolle die Sache mit dem Gesandten besprechen. Ich würde vielleicht Mittwoch reisen können.

Lugano. 21. März 1920. Sonntag

Eigentlich wollten wir heute reisen. Infolge der gestrigen Eröffnung hiergeblieben und nachmittags mit Wilma und Jacques im Motorboot nach Morcote und Ponte Tresa. Bei der Rückkehr trafen wir auf der Promenade Kühlmann, der schon gestern nach Pallanza wollte. Er murmelte etwas, daß die Italiener anscheinend noch im Kriegszustande lebten, er wolle morgen früh über Mailand, ohne sich dort aufzuhalten, nach Genf fahren. Offenbar hat man ihm auch das Visum entzogen und nur unter der Bedingung wiedergegeben, daß er sich in Italien nicht aufhält. Das anderthalb Jahre nach Kriegsende.

Lugano. 26. März 1920. Freitag

Meine Paßangelegenheit schleppt sich hin. Vormittags den Generalkonsul Graf Caccia, der nachmittags nach Bern fährt, gesprochen. Er will mit dem Gesandten, meinem alten Freunde Orsini Barone, sprechen. Er spielte auf Bolschewismus an; das sei das ›épouvantail‹ der Regierungen. Ich sagte ihm ganz wahrheitsgemäß, meine einzige Berührung seien die offiziellen Verhandlungen im Sommer 1918 gewesen.

Heute zum ersten Male seit dem Staatsstreiche wieder Berliner Zeitungen, ›Voss‹ und ›Tageblatt‹. Ludendorffs Beteiligung scheint leider außer Zweifel. Das Niederschmetternde, daß diese ungeheure politische Urteilslosigkeit diktatorisch von 1916 bis 1918, im furchtbarsten Augenblick der deutschen Geschichte, unser Schicksal gelenkt hat. Ludendorff und Bauer waren auch damals die Entscheidenden und haben, wie man jetzt mit Entsetzen spürt, mit derselben engen Verblendung Deutschland in den Abgrund gestürzt, mit der sie jetzt ihren lächerlichen Streich führten. Das Jetzt wirft auf das Damals ein geradezu Entsetzen erregendes Licht. Wir sind politischen Idioten und Abenteurern, nicht großen, unglücklichen Generälen zum Opfer gefallen. So beschmutzt dieses Abenteuer rückwärts unsere Geschichte. Ludendorff sinkt zum genialen Fachidioten, der gleichzeitig ein rücksichtsloser Vabanquespieler war, herab; das militärische Äquivalent des ›deutschen Professors‹, der aus Fachversessenheit jede ethische Bindung abstreift, ja den Verstand verliert: eine tragikomische Figur als Mittelpunkt der Handlung, wo es um Sein und Nichtsein ging. Dadurch das würdige Gegenstück zum Kaiser, bei dem das Groteske nur noch handgreiflicher war. Übrigens sind Wilson, Clemenceau, Lloyd George nachher nicht respektabler gewesen. Eine Gesellschaftsorganisation, die in solchen Gestalten kulminiert und ihre Impulse empfängt, ist damit gerichtet. ›Le ridicule tue‹, auch die Disproportion in einem Organismus, wenn sie zu fühlbar und schädlich wird.

Lugano. 27. März 1920. Sonnabend

Das Kabinett Bauer, das sich umbilden und am Ruder halten wollte, ist im letzten Augenblick von den Gewerkschaften herausgeschmissen worden. Hermann Müller (!) hat jetzt einen Ersatz, der kaum besser ist, zubereitet. Man fühlt vor allem die unheilbare Unfruchtbarkeit und Schwäche dieser Berliner Scheinregierung. Romulus-Augustulus-Erscheinungen, die zwischen den Prätorianern und Arbeiterorganisationen hin und her gestoßen werden, ohne irgendeinen lebensfähigen Gedanken zu vertreten. Nicht einmal Märtyrer! Die Arbeiterarmee an der Ruhr triumphiert weiter, und unter ihrem Schutz wird, wie alle Korrespondenten berichten, ruhig und normal produziert. Kein Bolschewismus, nur ein bewaffneter Aufstand gegen Noske und Marloh, die nicht sterben wollen.

Lugano. 28. März 1920. Sonntag

Zur Abwechslung einmal etwas Komik. Von Alfred Kerr lese ich im ›Berliner Tageblatt‹ (vom Freitag abend) eine Würdigung von Hölderlin zu seinem 150. Geburtstag, in der unter anderen Gelecktheiten folgendes steht: ›(Er war) eine Melodie in Hosen.‹ Die Melodie klingt manchmal wie das Lied von Johannes Brahms: ›O wüßt ich doch den Weg zurück ...‹ Schade, daß der ›Pétomane‹ von der Pariser Weltausstellung tot (ich glaube geplatzt) ist; sonst hätte er Hölderlin als Kollegen Hölderlin begrüßen können. So etwas wird mitten in die Revolution hinein in Berlin ausgeheckt und gedruckt.

Nachmittags in der Villa Spreafico in Crocifisso Besuch bei Frau v. Bothmer, die ich vor dreißig Jahren als Gräfin Kerssenbrock in Kückelink in Westfalen oft bei ihrer Mutter besuchte. Jetzt eine mittelalte, durch die Revolution ruinierte Dame. Ihre sehr hübsche Tochter hat den Maler und Dichter Werner von Alvensleben geheiratet, der mich empfing, ein riesengroßer junger Germane, der riesengroße germanische Bilder malt: etwa im allegorisch-blutleeren Stil von Cornelius mit einer dünnen Gauguin-Sauce; kalt wie der Nordpol, aber nicht ohne Talent teils kunstgewerblicher, teils poetischer Art. Jede Kälte in der Kunst bedeutet irgendwo Verlegenheit: Die deutsche Kunst ist außer im Idyllischen oder Dramatischen fast immer kalt, ebenso wie die französische im Gemütvollen. Die ganze große Villa hing voll von ungeheuren Frauenakten, ›Revolutionen‹, religiösen Bildern: alle geschickt, talentvoll und eisig. Man verstummt vor so viel Fleiß und Absicht.

Alvensleben las dann noch ein politisch-mystisches Manifest vor, in dem mir einige leuchtende Blitze auffielen: ›Ihr werdet eher Welten zertrümmern als Menschen werden.‹ Gut, aber aphoristisch. Vielleicht ist er nur sehr jung und wird sich zu Wahrheiten durchleben. Bei ihm saß der Graf Vetter, mit dem ich Ordonnanzoffizier in Luzk war. Er erzählte, daß er nicht nach Hause, nach Mähren, zurückkönne; die Tschechoslowaken verweigern ihm die Einreiseerlaubnis, weil er für den Kaiser Karl Prangins gemietet habe: er gelte deshalb als gefährlicher Monarchist. Umgekehrt sagte Alvensleben, er sei hier wegen seiner Bilder als Bolschewist verschrien. Außerdem entnahm ich aus Äußerungen, daß die ganze Familie Bothmer-Alvensleben vor dem Konkurs steht. Die junge Frau von Alvensleben meinte, hoffentlich kämen wenigstens die Bilder nicht mit in den Konkurs. Frau v. Bothmer fragte mich, ob ich für sie nicht eine Stellung in der Schweiz als Gesellschaftsdame wisse. Merkwürdig diese menschliche Auswirkung der großen Zeittragödie: Vetter ein Verbannter, die Frau, die ich als kutschierende Komteß gekannt habe, ruiniert und Stellung suchend, ein Alvensleben als Bolschewist verschrien, ich vorläufig als staatsgefährlich aus Italien ausgeschlossen.

Lugano-Brissago. 29. März 1920. Montag

Beim italienischen Generalkonsul Graf Caccia. Er sagte mir ganz offen, ich sei in Rom verdächtig ›wegen bolschewistischer Propaganda‹. Offenbar auf die Warschauer Verleumdungen zurückgehend. Ich sagte ihm, was ich bereits öffentlich den Polen gesagt habe, ich wäre ein Schuft gewesen, wenn ich als Gesandter unter Schutz der Exterritorialität gegen die Regierung des Landes revolutionäre Propaganda betrieben hätte. Außerdem sei ich kein Bolschewist, sondern Mitglied der deutschen Demokratischen Partei und aktiver deutscher Gesandter, schon als solcher pflichtgemäß von jeder bolschewistischen Propaganda entfernt. Er bat mich, ihm in einem Brief das gleiche zu schreiben, was ich tat.

Brissago. 30. März 1920. Dienstag

Wegen Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis in Bellinzona. Nachher in Locarno zur Madonna del Sasso hinauf. Franz von Assisi hat mit größter Genialität den Typus eines neuen Menschen geschaffen, ihn aber nur in ganz geringem Maße verwirklichen können, weil er ihn in eine alte Welt, die er nicht zu ändern vermochte, hineinsetzte. Daran ist die franziskanische Revolution, das heißt einer der größten Revolutionsversuche der Geschichte, gescheitert. Ich mußte an Alvenslebens Wort denken: ›Ihr werdet eher Welten zertrümmern als neue Menschen schaffen.‹ Umgekehrt wie die heutigen Revolutionäre wollte Franz in erster Linie neue Menschen schaffen; diese neuen Menschen waren aber in der ›Welt‹, wie sie nun einmal ist, unmöglich. Wer aber die Welt zertrümmert, ohne neue Menschen für den Neubau zu schaffen, muß ebenso scheitern. Eine wirkliche Revolution kann nur gelingen, wenn die Welt auf ganz neue Grundlagen gestellt und gleichzeitig ein neuer Mensch geschaffen wird. Daß das eine ohne den andren ergebnislos oder fast ergebnislos ist, beweisen Franz von Assisi und Robespierre, die beiden großen entgegengesetzten Halbrevolutionäre. Vielleicht wäre die Synthese in Tolstoi und Lenin gegeben.

Brissago. 7. April 1920. Mittwoch

Die Franzosen haben gestern Frankfurt besetzt. Sie spielen sich mit widerwärtiger Heuchelei als Verteidiger der deutschen Arbeiter gegen den preußischen Militarismus auf. Andrerseits ist die deutsche Regierung in dieser ganzen Ruhrangelegenheit von einer beispiellosen Ungeschicklichkeit gewesen. Sie hat alles getan, um nach allen Seiten Vorwände zum Mißtrauen gegen sich auszusäen. Nach Locarno gerudert.

Brissago. 12. April 1920. Montag

Mit André Germain, Stiedenkron und M. S. nach den Inseln, wo die legendenhafte Baronin St. Leger haust, die in der Gegend schon zu einer Art von Sagenfigur geworden ist. Sie soll Zauberkräfte besitzen, sieben Männer gehabt haben, die in der Weihnachtsnacht sie besuchen usw., usw. Eine abergläubische Scheu umgibt sie, die auf ihrer Insel allein mit einem alten Gärtner lebt. Dieser empfing uns auch am Landesteg und nahm unsere Karten entgegen, die er zur Baronin hineintrug. Nach einiger Zeit kam er mit der Erlaubnis zurück, uns den Garten zeigen zu dürfen. Dieser hat in einer scheinbaren Verwilderung und Vernachlässigung eine starke, bezwingende individuelle Stimmung; er schien uns nach wenigen Schritten unter seinen immergrünen, wilden Laubmassen und Palmenbüscheln in der grandiosen Bergumrahmung, beim eintönigen Wellenschlag des Seewassers das Abbild einer ungebändigten, großen, nach Ausdruck ringenden, nur auf Leidenschaft gestimmten Seele.

Ich kenne außer Sanssouci keinen so geistigen, einen einzigen Menschen ausdrückenden Garten. Die Circe, die ihn bewohnt und geschaffen hat, die alte, einsiedlerische Baronin, kam uns, wie es schien zufällig, in der Nähe des Hauses in die Quere, wies zuerst den Gärtner, der uns zu ihr hinführen wollte, mit heftigen kleinen Gebärden ab, kam uns dann aber, wie durch Mißtrauen angelockt, ein paar Schritt entgegen, und ich ergriff die Gelegenheit, sie anzureden und zu bitten, ihre Puppen, die sie fabriziert, zu besichtigen. Sie betrachtete mich und meine Begleiter zuerst mit unverhohlener Abneigung, die sich in dem scharfen, etwas semitischen, mit einem leichten schwarzen Kinnbart und Ringellocken geschmückten Gesicht ohne jede Höflichkeit abzeichnete. Dann wurde sie allmählich sanfter, ließ sich überreden, trippelte ins Haus und stand plötzlich mit einem täuschend lebensähnlichen Jungen auf dem Arm wieder vor uns. Sie behandelte die Puppe ganz wie ein Kind, sprach mit ihr, ließ sie vor uns schöntun und führte uns, als wir unsere Bewunderung ausdrückten, ins Haus, wo auf einem Sofa eine ganze Reihe ebenso lebenswirkliche kleine Mädchen und Knaben in phantasievollen Kostümen mit leuchtenden Puppenaugen nebeneinander saßen: man hätte meinen können, eine Kindergesellschaft. Sie nahm jedes einzelne kleine Wesen auf den Arm, stellte es vor, ließ sie Bewegungen und Verbeugungen machen; es schien ihre Welt.

Die alte Frau, die energisch und häßlich, mit diesen etwas süßlich lächelnden Puppen im Arm vor uns stand, schien wirklich wie eine Zauberin; dabei immer noch mißtrauisch und herrisch: ihr Kopf erinnerte mich jetzt an den des alten Disraeli. Dabei hing gegenüber ein Jugendbildnis, eine junge, sehr schöne Frau mit schwarzem, welligem Haar; so wie sie vor vierzig Jahren ausgesehen haben mag.

Seit dreißig Jahren lebt sie hier auf den Inseln, deren Schönheit sie geschaffen hat. Als sie herkam, erzählte sie, seien nur Steine und unglaublich freche Schlangen dagewesen, die wütend ihre Köpfe aufgerichtet und sie wie einen Eindringling angefaucht hätten. Sie hätte erst die Schlangen vertilgen müssen, dann Erde vom Festland korbweise herübergeschafft. Schließlich jeden Strauch und jeden Baum einzeln gepflanzt und gepflegt. In dreißig Jahren sei all das emporgewachsen, dieses Paradies. Jetzt kämen Menschen, photographierten, nähmen alles hin, als ob es Allgemeingut wäre. Da müßten wir begreifen, daß sie sich manchmal wie eine wilde Katze wehre: »So, so, so!« Dabei krallte sie ihre Finger zusammen, stieß sie gegen uns, fauchte, wie die Schlangen sie angefaucht haben mögen, als sie zuerst hier eindrang.

Daß früher hier ein Tempel der Venus gewesen sei, dann ein Kloster, das seit dem sechzehnten Jahrhundert verfallen war, bestätigte sie, zeigte Nachbildungen von Inschriften. War aber auf das schmerzlichste berührt, daß auch ihr Garten mitphotographiert und sogar als Reklame für die Gegend benutzt werde. Wir schieden mit einem schwer zu definierenden Eindruck von der merkwürdigen Frau. Abends höre ich, daß sie eine Schülerin von Liszt gewesen sein soll.

Zürich. 17. April 1920. Sonnabend

Busoni-Wohltätigkeitskonzert im ›Baur au Lac‹. Nach dem Konzert kam Schickele aus Deutschland an. Mit ihm, Annette Kolb und Busoni nach dem Konzert soupiert.

Zürich. 18. April 1920. Sonntag

Vormittags Spaziergang mit Schickele. Besprochen, ihn mir für meine Völkerbundpropaganda als eine Art Generalsekretär zu verpflichten. Damit zusammenhängend Verlegung des Sitzes von ›Clarté‹ nach Weimar und Ausbau der ›Weißen Blätter‹ zum Organ von ›Clarté‹ in Deutschland. Schickele, der vorher ziemlich deprimiert war, lebte sichtlich unter diesen Hoffnungen auf. Ich unternahm, die Verhandlungen mit der Weimarer Regierung einzuleiten. Nachmittags Sitzung der ›Weltjugendliga‹ mit Kaeser usw. Gründung eines internationalen Informationsbüros für die Jugendbewegung in der Schweiz besprochen.

Berlin. 4. Mai 1920. Dienstag

Abends im Lessingtheater ›Frau Warrens Gewerbe‹. Mächtiger Eindruck der großen Szene im zweiten Akt zwischen Mutter und Tochter. Eine ganz grandiose Theaterszene.

Berlin. 6. Mai 1920. Donnerstag

›Marquis Keith‹ im Schauspielhause. Tilla Durieux als Gräfin Werdenfels. Stilisierte, interessante Inszenierung und Regie nach Art eines Puppenspiels. Das Stück ist aber ältlich und wirkt ältlich: spießig, indem es ganz darauf abgestellt ist, den Spießer zu verblüffen. Eine einzige lange Reverenz vor dem Spießertum, dem es, als idealem Zuschauer, zugedacht ist. Diese Münchener Boheme ist nie aus dem Dunstkreise des Hofbräuhauses hinausgekommen. Komisch, daß solch schales Revoluzzen jemals für ›revolutionär‹ gelten konnte. Man empfindet heute hauptsächlich, daß es Leuten wie Wedekind, Strindberg, Baudelaire, Hauptmann usw. in der materiell gesegneten zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zu gut ging und daß sie aus Mangel an wirklich ernsten Problemen allerlei tragigroteske Kapriolen schlugen, nur um irgendwo und irgendwie einen kleinen Schmerz sich einzubilden. Uns hat diese ganze Generation nichts mehr zu sagen.

Berlin. 7. Mai 1920. Freitag

Im Großen Schauspielhause Hauptmanns ›Weißer Heiland‹. Entsetzlich!

Nachher bei Paul Cassirer mit Hilferding Schickeles Stellung zu den ›Weißen Blättern‹ besprochen. Cassirer erklärte sich bereit, sie Schickele zu überlassen, wenn er für die 100 000 Mark, die er hineingesteckt hat, entschädigt wird.

Berlin. 9. Mai 1920. Sonntag

Die ›Frau ohne Schatten‹ in der Staatsoper gesehen. Schönste Zauberoper, gerade genug Symbolisches, um der Handlung Bedeutung zu geben, in einem Perlenkleid glitzernder, regenbogenfarbiger Musik.

Berlin. 10. Mai 1920. Montag

Abends gegessen bei Frau Richter mit Hannah Wangenheim und dem Maler Kardorff. Hannah erzählte, daß Kapp bei ihr gewohnt habe bis zum Putsch. Sie habe zwar gemerkt, daß er irgendwie konspiriere, aber nichts sehr Ernstes vermutet. Dann sei er plötzlich ein oder zwei Tage vor dem Putsch verschwunden und habe nur durch einen Offizier telephonieren lassen, er verreise auf einige Zeit. Die Haussuchung durch die Sicherheitswehr sei ein Theater gewesen. Die Leute hätten sich gescheut, an den Schreibtisch heranzugehen, weil sie offenbar fürchteten, etwas für Kapp Kompromittierendes zu finden. Der Leiter habe direkt ausgesprochen: »Er wird doch in seinem Schreibtisch nichts dringelassen haben?« Worauf Hannah geantwortet haben will: »Wahrscheinlich nicht, der Schlüssel steckt ja drauf.« Das wirklich Kompromittierende habe er ihr sorgfältig eingewickelt übergeben, ohne ihr zu sagen, was in dem Paket drin war. Nachher habe es seine Tochter abgeholt, und da habe sich herausgestellt, daß es den ganzen Umsturzplan enthielt.

Nachdem Kapp fort war, ist Enver Pascha bei Hannah in Kapps Zimmer eingezogen und hat dort mit ›seinen Bolschewisten‹ konspiriert, bis er nach Rußland fortflog. Hannah, mit ihrer Perlenkette noch immer die elegante Botschafterin, erzählte das alles wie eine kühle englische Romanfigur. Nachher sprang sie, als wir fortgingen, wie eine kleine Putzmacherin in den Autobus. Bemerkenswert: Hannah hat bei Schwabachs mit Rantzau, Lancken usw. de Martino bei Tisch getroffen. De Martino soll von allen Anwesenden mit Ausnahme von Schwabachs mit der äußersten Kühle behandelt, ja fast geschnitten worden sein. Er habe den ganzen Abend allein mit Frau v. Schwabach in einer Ecke gesessen. Die Stimmung ist hier ganz gegen jeden gesellschaftlichen Verkehr mit Ententevertretern, obwohl Haniel dafür Stimmung machen soll – namentlich gegen jeden geselligen Verkehr mit Franzosen.

Weimar. 13. Mai 1920. Himmelfahrt

Abends Besuch bei Frau Förster-Nietzsche. Prämie für Arbeiten über Individualismus und Sozialismus gestiftet. Frau Förster betonte, sie sei ›Nationalistin‹. Dabei wollte ihr Bruder nicht einmal Deutscher sein! Sondern Pole! Die alten Gräfinnen und Exzellenzen haben ihr den Kopf verdreht.

Duisburg-Düsseldorf. 16. Mai 1920. Sonntag

Vormittags um elf hielt ich einen Vortrag über Völkerbund im großen Saal der Börse. Aufmerksame Zuhörerschaft, der aber meine ganze Auffassung offenbar neu und etwas verblüffend war; daher nur eine Zwischenfrage.

Nachmittags fuhr ich nach Düsseldorf. Der Lehrer Meessen begleitete mich, um meinen Vortrag in Düsseldorf vorzubereiten. Er erzählte von den Unruhen. Drei von seinen Schülern sind als Rotgardisten erschossen worden. Die jungen Leute, die von der Reichswehr an die Wand gestellt wurden (im ganzen sollen etwa zweitausend umgekommen sein), seien zum Teil heldenhaft gestorben mit Hochrufen auf die neue Zeit. Ob hier unter den jungen Proletariern allgemein ein starker Glaube an ein Zukunftsbild herrsche, wollte Meessen aber nicht ohne weiteres bejahen. Die Bevölkerung sei chaotisch, aus zu vielen verschiedenen Gegenden heimatlos zusammengeströmt.

Düsseldorf-Ruhrort. 17. Mai 1920. Montag

Abends in Ruhrort geredet im Saal vom Bahnhofshotel vor Metallarbeitern. Rauchiger Vorstadtsaal, dicht gefüllt; die Leute an Tischen bei Bier. Rednerpult auf einer Bühne. Ich redete fünfviertel Stunden über das Thema: ›Arbeiter und Völkerbund‹. Am Schluß starker Beifall, dem niemand widersprach; aber gar keine Wortmeldungen. Die Sache scheint zu neu, den Arbeitern zu ungewohnt; sie wissen nicht, was sie fragen oder anzweifeln sollen.

Düsseldorf. 18. Mai 1920. Dienstag

In Hagen geredet. Publikum gemischt aus Kleinbürgern und Arbeitern. Sehr starker Beifall. Die Idee schlug offenbar ein. Nachmittags war ich im Folkwang-Museum, wo mich Fuhrmann führte und ich Rohlfs besuchte. Er scheint trotz seines Alters und gebrechlichen Zustandes erstaunlich produktiv zu sein. Ich kaufte vier Blätter; die Aquarelle durchschnittlich für tausend Mark. Auch den Bildhauer Hermann gesprochen, der mich bei Rohlfs aufsuchte. Der Sekretär der Friedensgesellschaft, Küster, sagt, es sei in Hagen während der roten Herrschaft, obwohl das rote Hauptquartier dort lag, vollkommen ruhig und ordentlich gewesen.

Düsseldorf. 20. Mai 1920. Donnerstag

Über Mittag nach Köln gefahren. Dom. Ostasiatische Sammlung. Trotz der englischen Besetzung kommt man ohne Kontrolle hinein. In den Straßen viele englische Soldaten und Autos; sonst hat sich das Straßenbild nicht geändert. Man hat nicht den Eindruck, daß die Besetzung auf der Stadt besonders schwer lastet.

Abends redete ich in Düsseldorf über ›Die deutsche Politik und der Völkerbund‹. Kaisersaal in der Kasernenstraße. Kleiner Saal, zuerst schwach besetzt, da fast gar keine Reklame (Weitz hat offenbar Angst gehabt, die Aufmerksamkeit der ›gebildeten Jugend‹, Gymnasiasten, Studenten, zu erregen), nachher voll. Ich redete anderthalb Stunden bei gespannter Aufmerksamkeit der Zuhörer, die im Laufe des Abends den Saal ziemlich füllten. Nachher sprach zur Debatte ein Kommunist (im wesentlichen zustimmend, obwohl er die ›Weltrevolution‹ forderte) und der Führer der Heilsarmee, der meine ›Reform der Menschen‹ als wirkliche Friedenssicherung anerkennen wollte. Ich erwiderte dem Kommunisten (der gut und eindringlich geredet hatte) und sprach nach einigen andren Rednern das Schlußwort im Anschluß an die Ansprache des Heilsarmeemannes.

Hamburg. 23. Mai 1920. Pfingstsonntag

›Parsifal‹ im Stadttheater. Von neuem erstaunt, ergriffen und wie bezaubert durch die unerhörte, von jeder Beimischung befreite Geistigkeit und Sinnlichkeit dieser Musik, wobei Geist und Sinne völlig eins zu sein scheinen: ein sonst nur in der allerreinsten Lyrik entstehendes, besondres Element, aus dem hier ein Wundernetz von Klängen gewebt ist.

Hamburg. 24. Mai 1920. Pfingstmontag

Die Alster belebt von Hunderten von Booten, die Lustfahrten kreuz und quer machen: Segel, Wimpel, tänzelnde Kanus, buntbemalt, ein wahres Gewimmel. Im Fährhaus Tausende von Menschen ein und aus gehend, Plätze suchend, familienweise Eisschokolade und Himbeersaft zu fünf Mark die Portion genießend. Man sollte meinen, das Eldorado sei entdeckt. Allerdings streiken gerade die Musiker (vor ein paar Tagen waren es die Kellner), und das Fest geht ohne Musikbegleitung vor sich. Auch ist die Post hier so in Verfall geraten, daß ich seit gestern früh auf ein Telegramm von Weimar warte. Der Empfangsbeamte im Hotel sagt mir, daß Telegramme jetzt oft drei bis vier Tage liegenbleiben; die Beamten arbeiteten, wenn sie gerade Lust hätten.

Hamburg. 25. Mai 1920. Dienstag

Man erfährt, daß in den Pfingsttagen der Pazifist Paasche von Reichswehrsoldaten auf seinem Gute ermordet worden ist. Natürlich ›auf der Flucht‹ (wie unter Diaz in Mexiko oder unter Noske in Berlin); und natürlich wird der Fall wieder vom ›zuständigen Militärgericht‹ ›untersucht‹ wie der Fall Marloh und der Fall Hiller. Die Sicherheit für politisch Mißliebige ist gegenwärtig in Deutschland geringer als in den verrufensten südamerikanischen Republiken oder im Rom der Borgia. Das und die ökonomische Misere hindern nicht das glänzende äußere Lebensbild, die scheinbar fortgesetzt wachsende Menge von Kriegsgewinnlern und soliden Reichen, für die kein Preis zu hoch, kein Genuß zu verschwenderisch ist. Wurzelfäule ist es, die den so üppig blühenden Baum benagt; in seinem Laub und Blütenwerk ist noch nichts zu merken: wahrscheinlich wird er aber eines Tages plötzlich umstürzen. Schon spricht man von einem baldigen neuen Rechtsputsch; das könnte den Sturz sehr beschleunigen.

Weimar. 28. Mai 1920. Freitag

Nachmittags bei Frau Förster-Nietzsche, wo mit ihr und Professor Brahm den von mir gestifteten ›Friedrich-Nietzsche-Preis‹ besprochen. Abends mit Brahm nach Berlin zurück.

Berlin. 29. Mai 1920. Sonnabend

Frau v. Gerlach lädt mich morgen zum Tee ein: »Da mein Mann vielleicht demnächst Berlin verlassen muß, würden wir uns besonders gern noch über dies und jenes mit Ihnen unterhalten.«

Schwann-Schneider, der mich wegen meines Vortrages morgen in Tegel besuchte, erzählte, daß Gerlach seine Versammlung am Freitag hier in Berlin absagen muß, da man gedroht habe, ihn zu ermorden. Ebenso sei ihm aus Hamburg, wo er reden wollte, die Warnung zugegangen, es werde dort mit ihm ›Schluß gemacht werden‹. F. G., den ich abends sprach, erzählte mir von sich aus, ein Reichswehrunteroffizier, der dem Femebunde nahestehe, habe ihm gesagt, daß Gerlach ›nach Paasche jetzt der nächste dran sei‹.

Berlin. 30. Mai 1920. Sonntag

Mittags zum Essen bei Georg Bernhard. Er sagt mit Recht, die Gefahr sei nicht, daß meine Ideen nicht verwirklicht würden, sondern daß sie von andren, insbesondere von den Parteien, aufgegriffen und schlecht verwirklicht würden.

Nachher bei Gerlachs. Ihn gewarnt gemäß den Mitteilungen von F. G. über Hauptmann Schneider, in dessen Umgebung seine Ermordung geplant wird. Er hat schon von andren Seiten Warnungen erhalten. Ich fand die ganze Familie in ziemlicher Erregung, deren Eindruck noch dadurch gesteigert wurde, daß die schwarzgekleidete Hausdame des ermordeten Paasche anwesend war. Dazwischen allerdings auch ein italienischer Diplomat, ein Graf Cadorna, und Frau v. Gerlach, die zwischen Nervosität und Teetisch abwechselte. Sie bat mich aber, im Falle der Not ihren vierzehnjährigen Jungen zu mir zu nehmen, was ich versprach.

Mit Bekannten abends im ›Luna-Park‹, der ein babylonisches Aussehen gewonnen hat mit hoch in den Nachthimmel ragenden Lichtpyramiden und hängenden Terrassen, die, kraß rot gestrichen, dichtgedrängte Menschenköpfe wie Blumenbeete einfassen – Menschenköpfe, die ganz blaßrosa und zart zwischen den gewaltigen roten Brüstungen hin und her schaukeln. Es müssen viele Tausende gewesen sein, die heute, Sonntag, auf den Treppen und übereinander aufsteigenden Terrassen dem Feuerwerk zuschauten. Man hat das Gefühl von etwas Unnatürlichem, Fieberhaftem, von dieser Üppigkeit und scheinbar sorglosen Massenverschwendung im gegenwärtigen blutgetränkten, am Rande eines Abgrundes zitternden Berlin. Und doch wieder: Was geht letzten Endes die, die sich hier amüsieren, der ganze politische Karneval, die Ermordung Paasches oder Gerlachs oder selbst der neunundzwanzig Matrosen an? Diese kompakte, um ihre kleinen Interessen konzentrierte Masse ist vorläufig noch gar nicht bedroht. Das kommt erst nachher.

Berlin. 2. Juni 1920. Mittwoch

Ludwig Stein, der aus Rom von der Sitzung des Völkerbundrates kommt, frühstückte mit mir bei Borchardt. (Nebenbei betrug die Rechnung für das einfache Frühstück mit einer Flasche Wein 403 Mark.) Er lud mich ein, meine Völkerbundideen am Mittwoch über acht Tagen in der Mittwochsgesellschaft vorzutragen, drang aber darauf, daß ich sie nicht weiter in öffentlichen Versammlungen propagiere; angeblich weil ich mich dadurch ›verbrauche‹ und bei der Entente mißliebig mache. Ich sollte mich für die Vertretung Deutschlands im Völkerbunde aufsparen.

Abends redete ich in den Sophiensälen in Berlin C am Hackeschen Markt vor einer dichtgedrängten Zuhörerschaft hauptsächlich von Arbeitern. Der Saal war von Anfang an so voll, daß viele stehen mußten, und füllte sich im Laufe des Vortrages immer mehr. Die Hitze fast unerträglich. Ich selbst fand meine Rede matt, vielleicht infolge der Hitze, erntete aber einen widerspruchslosen Beifall, obwohl viele Deutschnationale heute anwesend waren und Störungen befürchtet wurden.

Berlin. 4. Juni 1920. Freitag

Abends geredet in den ›Prachtsälen des Westens‹ (Spichernstraße). Große Versammlung. Sehr großer Beifall. Rilla, Herzfelde, Misch, Tiet (für Friedensbund der Kriegsteilnehmer) redeten zur Debatte; Herzfelde allerdings verquer und unverständlich schlecht mit ganz schablonenmäßiger Betonung des Klassenkampfes; unreif kindlich. Ausgezeichnet Tiet. Fräulein Sobotka bat mich, über meine Ideen Vorträge halten zu dürfen, was ich ihr zusagte.

Berlin. 5. Juni 1920. Sonnabend

Ludwig Stein rief früh an, lobte die Form meines gestrigen Vortrags, hatte aber sachliche Einwendungen: 1. Wenn ich am Schluß mich für Eintritt in den Völkerbund entscheide, dürfe ich diesen nicht so schwarz malen. 2. Die Ausschaltung des Staates zugunsten der Wirtschaftsorganisationen habe sich in Rußland als fehlerhaft erwiesen und nur zu einer ganz unerhörten Tyrannei des Staates geführt.

Berlin. 6. Juni 1920. Sonntag

Ein einschneidendes Datum für Deutschland. Reichstagswahlen, die ersten der Deutschen Republik. Die Putschbefürchtungen waren unbegründet. Die Straßen heute sogar ruhiger und menschenleerer als an gewöhnlichen Sonntagen, vielleicht, weil es von Zeit zu Zeit regnet. In meinem Wahllokal (Linkstraße) war ich um elf Uhr vormittags der einzige Wähler, während ich mich vor anderthalb Jahren bei den Wahlen zur Nationalversammlung anstellen mußte.

Berlin. 9. Juni 1920. Mittwoch

Sitzung der Mittwochsgesellschaft. Jordan-Mallinckrodt sprach über den Aufbau der deutschen Wirtschaft. Anwesend waren der frühere Reichskanzler Michaelis (hoher, grader, flacher Kopf auf einem kleinen Körperchen, mittlerer Beamtentypus, zum Weltformat der Ereignisse, die er verhängnisvoll beeinflußt hat, ganz außer Verhältnis), ferner der jetzige Vizekanzler Koch, August Müller, später Stresemann, der als Triumphator erschien. Ich saß neben seinem Adjutanten und Parteiorganisator Rheinbaben, der als künftiger Minister des Äußeren sich halb scherzhaft, halb im Ernst feiern ließ. Mir gegenüber gab er ziemlich offenherzig zu, daß für Stresemann und seine Partei jetzt alles auf die Haltung von England ankomme. Wenn England ihnen Erleichterungen in bezug auf Rohstoffe, Nahrungsmittel, Zahlungsbedingungen usw. einräume, dann werde die Sache schon gehen.

Berlin. 16. Juni 1920. Mittwoch

Abends in der Mittwochsgesellschaft gesprochen über das Thema: ›Soll Deutschland in den Völkerbund eintreten?‹ Anwesend Ludwig Stein, Groener, Romberg (der meinetwegen gekommen war sehr netterweise), Pachnicke, der Minister Oeser, der badische Kultusminister Professor Hummel, Georg Bernhard, Wehberg, Simons (sowohl der Vater wie der Sohn) usw.

Nach meinem Vortrag antwortete Simons (der Sohn), offenbar im Auftrage der Liga für Völkerbund, mit einem scharfen Angriff, der sich aber lediglich in rhetorischen Bildern und Vergleichen bewegte und sachlich leer war. Keinen von den Fehlern, die ich am Versailler Völkerbunde auszusetzen habe, leugnete er; nur Beschönigungen und beschwichtigende Hoffnungen auf eine weniger scharfe Auslegung brachte er vor. Meinen positiven Vorschlägen setzte er ebenfalls nur ganz nichtige Kritiken in Gestalt von allerlei wenig geistvollen Vergleichen entgegen, deren Kern wohl sein sollte, daß das Wirtschaftliche sich zur Grundlage einer Weltorganisation nicht eigne. Georg Bernhard flüsterte mir, während Simons sprach, ins Ohr: »Der Mann ist doch ein offenbarer Idiot.«

Berlin. 17. Juni 1920. Donnerstag

Abends in der Universität geredet auf Einladung des Sozialistischen Studentenbundes. Der Erfolg der Rede war, nach dem Beifall zu urteilen, sehr stark. Nachher erklärte mich allerdings ein Kommunist für einen bürgerlichen Gegenrevolutionär, weil ich nicht den Völkerbund ›zertrümmern‹ und die ›Weltrevolution‹ entfesseln wolle. Die Herren wollen nun einmal Gewalt. Über die Frage: ›Was nachher?‹, ›Was soll das Ziel sein, dem die Gewalt dienen soll?‹ zerbrechen sie sich nicht den Kopf. Sonst würden sie sehen, daß es nicht wesentlich von dem meinigen verschieden sein kann. Die Scheuklappen der revolutionären Phrase sind nicht weniger beengend als die der gegenrevolutionären. Lauter Papageien, die ihre Parteischlagworte aufsagen, ohne sich irgend etwas dabei zu denken.

Mein Schlußwort, in dem ich mich gegen diese Sorte Revolutionäre wendete und mich dabei auf Lassalle berief, brachte wieder ein starkes Beifallsgetrampele, während bei den Diskussionsrednern zum Teil große Unruhe und Scharren herrschten. Die anwesenden deutschnationalen Studenten verhielten sich schweigend.

Leipzig. 18. Juni 1920. Freitag

Früh nach Leipzig gefahren, wo ich abends über Polen vor Oberschlesiern sprach. Im Zuge Noske getroffen und unterwegs ausgiebig gesprochen. Er äußerte sich sehr bitter nicht bloß über Lüttwitz, sondern auch über Seeckt und Oven. Seeckt habe in der entscheidenden Nacht immer nur in seinen Lackstiefeln gewippt, sei aber nicht für irgendwelche Maßregeln gegen die Aufrührer zu haben gewesen. Noske hält ihn offenbar für ebenso unzuverlässig wie Lüttwitz.

Über die jetzige Situation sagte er, er sei gestern bei Ebert gewesen und habe ihm ans Herz gelegt, vor allem keine Machtpositionen aus der Hand zu geben. Wenn man eine Rechtsregierung zulasse und ihr die bewaffnete Macht ausliefere, so werde sie sie zu einem Instrument ausbauen, auf das sich die Reaktion fest stützen könne. Auch die schwankenden Offiziere würden dann nach rechts hinübergezogen werden. Auf meine Frage, warum er Lüttwitz nicht früher entlassen habe, antwortete er: Lüttwitz sei ihm als streng religiös geschildert worden, er hätte einen Eid geschworen, den er halten würde; außerdem würde es das Offizierskorps verstimmen, wenn Lüttwitz entlassen würde. Von den Unabhängigen äußerte er: sie seien als Regierung unmöglich, weil sie die bewaffnete Macht zerschlagen würden! Loeffler als Wehrminister ebenfalls, weil er vorgeschlagen habe, die Reichswehr auf 50 000 Mann herabzusetzen.

Noske ist offenbar ein ganz ehrlicher und eingefleischter Militarist, den die Offiziere mit Hilfe seiner Vorurteile und mit Schlagworten an der Nase herumgeführt haben. Er hat etwas von einem Bären mit einem Nasenring. Sieht übrigens, obwohl ›stellungslos‹, recht wohlhabend aus, fährt erster Klasse, trägt funkelnagelneue gelbe Schuhe und vertilgte unterwegs große Mengen Schinkenbrote und Bier. Wenn nicht so viel unschuldiges Blut an seinen Fingern klebte, wäre er eine etwas komische, fast sympathische Figur. Wo er allerdings in seinem gewaltigen Körper sein soziales Gewissen und sein sozialdemokratisch rotes Herz aufbewahrt, ist sein Geheimnis.

Abends sprach ich im großen Saal des Zoologischen Gartens über ›Der polnische Staat und die Arbeiter‹, vor etwa zweitausend Menschen, meistens Oberschlesiern. Die Rede wurde mehrfach von Beifall unterbrochen, obwohl ich sehr objektiv und ruhig sprach, und endete in einem wahren Beifallssturm; ich mußte immer wieder aufstehen und mich verbeugen. Brahn, der nach mir sprach, sagte, es sei die beste politische Rede, die Leipzig seit langem gehört habe, und Müller, der die Versammlung leitete, forderte alle Anwesenden auf, die Berichte darüber in den Zeitungen in Tausenden von Exemplaren ihren Freunden und Bekannten in die Heimat zu schicken und auch brieflich möglichst ausführlich darüber zu berichten. Nachher war ich noch bei Grafs (Vorsitzender der demokratischen Organisation in Leipzig) mit einem Fräulein von Verschuer zusammen, einem äußerst temperamentvollen älteren Mädchen, das äußerst rote (demokratische) Ansichten äußerte, namentlich gegen die Reichswehr. Seitdem sie sie an der Arbeit gesehen habe in Leipzig, könne sie, obwohl sie aus einer Offiziersfamilie stamme und ihr Bruder Offizier ist, keinen Reichswehrsoldaten mehr sehen! Frau Graf und der junge Graf, der Zeitfreiwilliger Offizier ist, machten dazu ein süß-saures Gesicht, und als Fräulein von Verschuer leugnete, daß eine rote Armee in und bei Leipzig aufgestellt werde, explodierten beide: das sei doch stadtbekannt, die Leute versteckten sich nicht einmal, sie exerzierten ganz offen und veranstalteten sogar Scharfschießen. Man höre sie ja! Namentlich der junge Graf war äußerst bestimmt mit diesen Behauptungen und sagte, der sächsische Ministerpräsident komme morgen her, um mit den Leipziger Behörden darüber zu verhandeln. Wir saßen bis halb zwei zusammen, und ich tappte mich dann durch die absolut stockfinsteren Straßen nach meinem Hotel.

Weimar-Magdeburg. 21. Juni 1920. Montag

Abends nach Magdeburg, wo im ›Magdeburger Hof‹ meine alten Erinnerungen aus dem November 1918 vom Ausbruch der Revolution und der Befreiung Pilsudskis wieder starkes Leben gewannen; sie bedrückten mich durch alles, was daran hängt.

Berlin. 23. Juni 1920. Mittwoch

Früh sechs Uhr dreißig nach Berlin zurück. Abends Mittwochsgesellschaft. Redlich redete über unsere wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich.

Nachher ging ich zu einem Diner von Berger (der nach dem Kapp-Putsch als preußischer Gesandter nach Dresden gegangen ist) im ›Adlon‹. Er hatte seinen Nachfolger in Berlin, den Staatskommissar ›für die öffentliche Ordnung‹ Weismann, Paul Becker von der ›Deutschen Tageszeitung‹, Rheinbaben, Schwarz (den etwas zu berühmten deutschen Vizekonsul in Prag, den sie dort verhaftet haben und der jetzt bei Weismann arbeitet) zu Gast.

Weismann, unser Polizeiminister, der bekannteste und glücklichste Bacspieler Berlins, ist ein blonder Jude, der noch blonder sein möchte: markiert den besseren Reserveoffizier, den Union-Klub-Habitué und Lebemann, und zwar mit unleugbarer Eleganz, so daß man ihn für einen bloßen Rennonkel halten könnte. Ist als Parvenü der guten Gesellschaft notwendig erzreaktionär, nicht aus Sentimentalität, sondern weil er seine neugewonnene Stellung verteidigt und in diese Verteidigung die ganze Willenskraft hineinlegt, die er gebraucht hat, um als Jude emporzusteigen. Dieses Rädchen wird jedenfalls die Maschine immer nur nach rechts drehen.

Berlin. 25. Juni 1920. Freitag

Stresemann, Berger und Rheinbaben frühstückten bei mir bei Hiller (übrigens zu einem netten Preise; für vier Personen tausend Mark; einfaches Frühstück). Stresemann, der um zwei eine Fraktionssitzung hatte, blieb bis drei Viertel drei, trotz des ungestümen Drängens von Rheinbaben; er meinte, es sei viel besser, die Leute sich erst austoben zu lassen und dann eine Viertelstunde vor der Reichstagssitzung und Präsidentenwahl zu erscheinen und einzugreifen. Souveräne Verachtung seiner Fraktions-Untertanen.

Berger und Stresemann entwickelten ihre auswärtige Politik. Beide rechnen stark mit England, und Stresemann bestätigte, daß vor dem Kapp-Putsch wochenlang Verhandlungen zwischen Lüttwitz und Malcolm stattgefunden hätten. Berger seinerseits teilte mit, daß er als Staatskommissar in dauernder Verbindung mit Brussilow gestanden habe, der schon damals den polnischen Angriff auf Rußland vorausgesagt habe. Brussilow habe den Emissären Bergers (der ausdrücklich betonte, ohne Wissen des Auswärtigen Amtes gehandelt zu haben) erklärt: er sei kein Bolschewik, aber auch kein Zarist, sondern Anhänger eines bürgerlich-demokratischen Rußlands und eines Zusammengehens mit Deutschland. Er habe nicht nur den polnischen Angriff, sondern auch den Zusammenbruch Polens, den russischen Einmarsch in Warschau und eine vierte Teilung Polens vorausgesagt. Berger meint, die Russen müßten eine gemeinsame Grenze mit Deutschland wiederherstellen; deshalb sei für sie die Zertrümmerung Polens eine Lebensfrage. Wenn Brussilow erst in Warschau sitze, dann würde Deutschland der Entente als Schutzwehr gegen den Bolschewismus unentbehrlich werden; unsere Armee werde von England bewaffnet werden. Wir müßten an unserer Ostgrenze aufmarschieren, aber unter der Hand Brussilow die Sicherheit geben, daß wir ihn nicht angreifen würden, im Gegenteil, sobald wir wieder ausgerüstet seien, mit Rußland zusammen die Revision des Versailler Vertrages verlangen, die dann vielleicht ohne Blutvergießen vor sich gehen könne. Frankreich werde sich ihr dann nicht mehr widersetzen können oder allein, ohne England, gegen Deutschland kämpfen müssen.

Berlin. 26. Juni 1920. Sonnabend

Harden frühstückte bei mir. Er schwärmte merkwürdigerweise von Stinnes; meinte, dieser werde nie eine Gewaltpolitik gegen die Arbeiter mitmachen, dazu sei er zu klug. Er polemisierte gegen Bernhards Kontinentalpolitik, soweit sie sich gegen England richtet. (Stresemann ist ja jetzt auch auf England eingestellt.) Hält die jetzige Regierung jedenfalls für besser als die vorige, die unter jeder Kritik gewesen sei. Nahm mich ins Gebet wegen meiner Zugehörigkeit zur Demokratischen Partei, die ›fertig‹ sei. Eine bürgerliche Demokratie habe sich in Deutschland als unmöglich erwiesen. Er habe der Demokratischen Partei in der ›Zukunft‹ vorgeworfen, daß sie mich nicht zum Reichstag aufgestellt habe; jetzt sei er aber froh, daß ich dadurch aus dem ganzen Parteigetriebe draußen geblieben sei.

Er erinnerte dann an die Zeit vor 1905/06, wo wir gemeinsam die verhängnisvolle Marokkopolitik, den Anfang unseres Untergangs, bekämpften, und erinnerte mich an einen von mir völlig vergessenen Brief, den ich damals an ihn schrieb und den er anonym in der ›Zukunft‹ abdruckte. Holstein sei zu ihm gelaufen gekommen und habe ihn gefragt, wer der Verfasser sei; der Brief sei ganz vorzüglich. Seit der Zeit habe Holstein (den ich nie gesehen habe) für mich ›geschwärmt‹.

Merkwürdigerweise wußte Harden nicht von meiner politischen Tätigkeit in Bern, von meiner Verbindung mit den Franzosen; war äußerst überrascht (oder tat so), als ich davon sprach. Er blieb bis halb fünf und hatte sich offenbar vorzüglich unterhalten. Ich übrigens auch, da er im Gespräch höchst geistreich, kenntnisreich, klug und gar nicht nach irgendeiner Seite extrem ist; ganz anders als in seinen Artikeln.

Von meinen Völkerbundplänen hatte er gehört, daß ich ›sehr interessante, aber ultrabolschewistische Ideen‹ für den Völkerbund hätte. Ich schickte ihm daher zur Aufklärung nachmittags meine ›Richtlinien‹.

Berlin, 1. Juli 1920. Donnerstag

Nachmittags verabredete Diskussion mit Wieland Herzfelde und seinem Mitarbeiter Gumpertz über meine Völkerbundideen. Ich hatte den Professor Brinkmann vom Auswärtigen Amt mitgebracht und ein Sitzungszimmer im ›Excelsior‹ genommen. Wir einigten uns über folgendes: daß die von mir vorausgesagte und erwünschte durchgehende Weltsyndizierung das Ende des Kapitalismus bedeuten würde; daß die Syndizierung und Demokratisierung nicht bloß Parallelerscheinungen sein dürften, so daß etwa auch nachher die Arbeiterorganisationen den Unternehmerorganisationen gegenüberständen und etwa ›Arbeitsgemeinschaften‹ mit ihnen bildeten; sondern daß die Übernahme der Produktionsmittel durch die Organisationen der Werktätigen gemeint sei. Die Diskussion soll weitergehen.

In den letzten Tagen hat meine Idee durch die Sitzung und Beschlüsse in der Friedensgesellschaft, Mittwochsgesellschaft und im ›Bund Neues Vaterland› große propagandistische Fortschritte gemacht. Man sieht förmlich, wie sie die Flügel zum Aufstiege regt. Diese Wirkung haben zum mindesten meine Vorträge gehabt, daß ich die Aufmerksamkeit für die Idee erzwungen habe, und da es eine gute und überzeugende Idee ist, damit auch ihr unwiderstehliches Vordringen.

Berlin. 4. Juli 1920. Sonntag

Telegramm von Wilma aus Cannes erhalten, das auf der Adresse hinter meinem Namen den merkwürdigen Zusatz auf italienisch trug: Per guerra esteri stato maggiore commissioni. Offenbar aus Versehen weitergegebene Anweisung des italienischen Spionagedienstes, der dieses Telegramm also an das italienische Kriegsministerium, Auswärtige Amt, Generalstab und Überwachungskommission befördert hat. Dabei enthielt es nichts als den Vorschlag, wir wollten uns in Montreux, Hotel Belmont, treffen. Angenehme Zustände, die sich in Europa entwickelt haben! Ich werde anscheinend für ein ganz besonders gefährliches Subjekt gehalten.

Berlin. 9. Juli 1920. Freitag

Erste Sitzung des Arbeitsausschusses des ›Bundes Neues Vaterland‹ für die Propagierung meiner Völkerbundidee. Herantreten an die AFA, die Gewerkschaften, Betriebsräte, Parteien besprochen. Am Schluß kam Lindhagen, der eine stärkere Betonung des Ethischen und des Christlichen wünschte. Er meinte, der Völkerbund müsse sich zur Hauptaufgabe stellen, den neuen Menschen zu schaffen. Ich wandte ein, dazu sei die Bergpredigt da, nicht mein Prospekt oder irgendeine neue Organisation. Die christliche Kirche arbeite daran schon seit zweitausend Jahren. Wir könnten durch eine Weltorganisation bestenfalls nur einige Hindernisse hinwegräumen, die der Entwicklung des neuen Menschen im Wege stünden.

Berlin. 11. Juli 1920. Sonntag

Dietrich Bethmann frühstückte bei mir. Er ist vollkommen ruiniert, versucht seinen Kunstbesitz zu verkaufen und will Kunsthändler werden. Im Laufe eines Gesprächs über die ›Schuldfrage‹ gab er zu, daß Deutschland, bis auf einige russische Momente, schuld sei am Ausbruch des Krieges. Das Ultimatum sei so abgefaßt gewesen, daß es den Krieg provozieren mußte. Aber trotzdem hätten wir recht gehabt, denn im Oktober hätte die russische ›Probemobilisation‹ mit einem Kostenaufwande von zweihundertfünfzig Millionen Rubel bevorgestanden; und die wäre gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung gewesen. Deutschland mußte nach Dietrich im August den Krieg herbeiführen, weil sonst die Entente den Krieg provoziert hätte unter irgendeinem Vorwande, der Österreich einen Ausweg zur Neutralität offengelassen hätte.

Dann wären wir allein geblieben. Dietrich Bethmann hat denn auch damals alles getan, um eine friedliche Beilegung zu hintertreiben. Er sagte heute, wenn er noch mal vor die Entscheidung gestellt würde, würde er wieder genauso handeln. Er glaubt übrigens, daß wir innerhalb eines Jahres wieder im Kriege gegen Frankreich stehen im Bündnis mit Rußland.

Berlin. 12. Juli 1920. Montag

Mein Friseur flüstert mir heute früh beim Rasieren zu, in drei Monaten wären die Bolschewiki in Warschau, und dann ginge es mit ihnen zusammen wieder gegen Frankreich. Da mache er selbst noch einmal mit. Ich erwähne dieses, weil in letzter Zeit gerade im Volk die Stimmung gegen Frankreich und für einen neuen Krieg sich immer mehr ausbreitet. Man trifft sie bei den unwahrscheinlichsten Leuten.

Genf. 26. August 1920. Donnerstag

Vormittags verabredungsgemäß bei Albert Thomas im Internationalen Arbeitsbüro des Völkerbundes. Sie haben ein großes, klosterartiges Gebäude in einem schönen Park ziemlich weit draußen gemietet (La Châtelaine). Alles scheint dort noch im Umziehen und Werden; Tischler, Anstreicher, Scheuerfrauen laufen zwischen den Beamten herum, die Zimmer sind unfreundlich kahl und grau. Man fühlt, daß alles noch sehr in den Anfängen steckt. Der Rest des Völkerbundes, der im Hotel National wohnt, wird nicht viel weiter sein. Thomas empfing mich sehr entgegenkommend und beantwortete bereitwillig meine Fragen. Er sieht trotz seines dicken, krausen, braunen Vollbartes noch jung aus, namentlich die Augen, die klug und gütig sind. Ich konzentrierte mich auf die Erkundung der wirklichen, praktischen (bisherigen) Tätigkeit seines Büros, auf dessen Beziehungen zu den selbständigen internationalen Arbeiterorganisationen (vor allem zur Gewerkschaftsinternationale) und auf die persönlichen Anschauungen von Thomas über das Eingreifen dieser Organisationen in die staatliche Politik.

Als ich die gewaltige Aktion der englischen Arbeiter gegen den Krieg (Council of Action) erwähnte und Thomas' Ansicht zu ergründen suchte, fuhr er zusammen; die Frage war ihm offenbar sehr unbequem. Die Timidität des Beamten, der vom Wohlwollen auch der Regierungen abhängig ist, zeigte sich; mir sehr interessant als Symptom der Haltung von Völkerbundbeamten überhaupt. Er wand sich aber dann doch durch zu einer Art von Anerkennung und Billigung des Councils of Action, indem er meinte, die englischen Arbeiter hätten nur deshalb so gewaltig wirken können, weil sie die überwältigende Masse der öffentlichen Meinung hinter sich gehabt hätten, während umgekehrt die Machtlosigkeit der französischen Arbeiter daher komme, daß die öffentliche Meinung gegen sie sei.

Braunschweig, 2. Oktober 1920. Sonnabend

Pazifistenkongreß (seit 30. September). Hillers Dienstverweigerungsresolution hat alles gegeneinandergehetzt. Fast wäre die Friedensgesellschaft auseinandergeflogen. Äußerst erregte Sitzungen. War wegen meiner Rede und Resolution deshalb besorgt. Als ich heute drankam, gegen elf, mußte ich in die ungünstigste Stimmung hinein reden. Aber mein Erfolg war ungeheuer; über Erwarten. Kongreß brach fast einstimmig die Debatte ab, um meine Resolution anzunehmen. Schücking, der präsidierte, sagte, er hätte seit Jahren im Reichstag keine solche Rede gehört. Ich wurde nachher von allen Seiten bestürmt um Vorträge. Hatte innerhalb einer halben Stunde Redeverpflichtungen in ganz Deutschland.

Berlin. 19. November 1920. Freitag

Vormittags war der Korrespondent der ›Nacion‹ aus Buenos Aires, del Vayo, bei mir und interviewte mich über Völkerbund. Ihm einen Artikel diktiert, den er hinüberkabelt. Außerdem bat er mich um Kabel und Artikel (illustriert) über ›Kinderhilfe‹. Da United Press (Amerika) von mir Kabel in 200 Worten und Konti (European Press) Artikel verlangen, so versprach ich del Vayo Abschriften für Argentinien und Spanien. Er will meinen Artikel mit Illustrationen im ›Nuevo Mundo‹ in Madrid und in der illustrierten Ausgabe der ›Nacion‹ in Buenos Aires bringen.

Berlin. 20. November 1920. Sonnabend

Diktierte heute vormittag Leitartikel für die ›Deutsche Allgemeine‹, Kabel für United Press und Artikel für ›Nacion‹ und ›Nuevo Mundo‹; letztere beiden auf englisch. Sollte beim General Malcolm frühstücken, der mich gestern besuchte und einlud. Zum Glück wurde das Frühstück im letzten Augenblick verschoben.

Königsberg. 21. November 1920. Sonntag

Früh hier an, nach Fahrt durch Korridor, mit zwei Stunden Verspätung. War zuletzt September 1914 hier mit Dohna gleich nach Tannenberg. Nachmittags bei Kossak (Friedensgesellschaft) und Stadtrat Licht (Schwiegersohn von Ludwig Stein).

Königsberg. 22. November 1920. Montag

Im Börsensaal geredet. Ungeheizt; eisig kalt. Diskussion: zwei Kommunisten, die sich mit meinem Ziel einverstanden erklärten, aber meinen Weg (über Völkerbund) verwarfen. Ein SPD-Mann machte mir einen Vorwurf daraus, daß ich (aus ›Standesdünkel‹) nicht der SPD beiträte. Anwesend waren auch der Oberpräsident Siehr und sein Oberpräsidialrat Grzimek (beides Demokraten), die mir nachher gratulierten.

Königsberg-Insterburg. 24. November 1920. Mittwoch

Sämtliche Königsberger Zeitungen bringen ausführliche Berichte über meine Rede, selbst die reaktionäre ›Ostpreußische‹. Diese sagt am Schluß des Berichts, daß meine Ansichten ›gefährlich‹ seien. Die andren Zeitungen stimmen meinen Ideen mehr oder weniger zu und heben zum Teil überschwenglich meine Rednergabe hervor.

Mittags nach Insterburg, wo ich zuletzt am 10. oder 11. September 1914 war, gleich nach der Flucht Rennenkampfs. Im ›Rheinischen Hof‹ heute am selben Tisch zu Mittag gegessen wie an jenem heute so märchenhaft ferngerückten Morgen. Eine ganze Geschichtsepoche liegt zwischen damals und heute.

Tilsit. 26. November 1920. Freitag

In Tilsit bei den Hyperboräern geredet. Absteige in einem antediluvianischen Hotel (›Königlicher Hof‹), das riecht und verfällt. Auch Kellner, Portier usw. uralt, seit einem Menschenalter im Hotel. Ein öliges, vollgefressenes Jugendbildnis des Kaisers hängt fast frech über meinem alten, fleckigen, lahmen Sofa. Die Versammlung verlief auch drollig kleinstädtisch, im ›Bürgerhause‹. Nach meinen ersten Worten begann im Nebensaal der Männergesangverein zu proben. Ich brach ab, erklärte, daß ich aus Rücksicht auf mein Publikum nicht weiterreden könne. Der Vorsitzende schickte seinen Sekretär auf die Suche nach einem andren Saal. Schließlich zogen wir mit dem ganzen Publikum samt Stühlen in den ersten Stock. Im übrigen hatte ich einen stürmischen Erfolg.

Nachmittags war ich jenseits der Memel im jetzigen ›Memelgebiet‹. Der Schnitt durch Deutschland verläuft unmittelbar an der Tilsiter Stadtgrenze. Der stille, breite, rasche Strom ist der Abschluß. Hier begegneten sich bereits einmal in einem weltgeschichtlichen Augenblick Orient und Okzident, Napoleon und Alexander. Große, melancholische Landschaft, steppenartig, mit flachen Hügeln am Horizont. Dazwischen Flußarme, verlassene, glitzernde, über denen heute Zugvögel, schwere Regenwolken. Volksliedhafte Schwermut in lauter Molltönen. Dieser Eindruck entschädigte für Hotel und Versammlung.

Danzig. 30. November 1920. Dienstag

Danzig, ein kleines Babylon; unglaublich international und weltstädtisch zwischen seinen altdeutschen Giebeln: Schiebertum, Huren und Matrosen; Amerikaner, Polen, Juden ins Deutsche abschattierend. Viele Polen etwas amerikanisch auflackiert; abends in den Tanzbars besoffen wie die Schweine, amerikanische und polnische Besoffenheitsformen anmutig vereinigend. Osteuropa unter Wilsonschem Einfluß. Das Geld rast: Goldfieber. Ein solcher Karneval ist seit langem nicht dagewesen.

Berlin. 2. Dezember 1920. Donnerstag

Die englische Botschafterin ist gestern auf meine ›Kinderhilfe‹ hin im Osten von Berlin gewesen und hat nachher geäußert, es sei gar nicht so schlimm! Aber abends telephonierte Henckel an und setzte mich mit dem englischen Obersten Stuart Roddie in Verbindung, der gestern mit der Botschafterin mit war und heute wieder hinausgegangen ist. Roddie sagte, gestern seien sie offenbar falsch geführt worden; was er heute gesehen habe, übertreffe die schlimmsten Erwartungen. Er habe gleich einen schriftlichen Bericht für die Botschafterin gemacht und wolle ihr morgen noch mündlich sagen, wie schrecklich das sei, was er gesehen habe.

Vormittags war der Vorsitzende der Vereinigung der Berliner Straßenhändler bei der Föge und sagte ihr, der ›Kinderhilfe‹-Artikel gehe im Straßenhandel so reißend ab, daß er mir vorschlage, ihn durch arbeitslose Frauen verbreiten zu lassen: das Stück zu zwei Mark; eine Mark an den Verlag, vierzig Pfennig für die Kinder und sechzig Pfennig für die Frauen, die das Heft verkaufen. Er glaube bestimmt, daß er in Tausenden von Exemplaren abgesetzt werde.

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