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Tagebücher 1910?1923

Franz Kafka: Tagebücher 1910?1923 - Kapitel 3
Quellenangabe
typediary
authorFranz Kafka
titleTagebücher 1910?1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorMax Brod
year1976
isbn3436023515
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
created20090610
projectid940997c8
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1911

3. Januar. »Du«, sagte ich und gab ihm hierauf einen kleinen Stoß mit dem Knie.

»Ich will mich verabschieden.« Bei dem plötzlichen Reden flog mir etwas Speichel als schlechtes Vorzeichen aus dem Mund. »Das hast du dir aber lange überlegt«, sagte er, trat von der Wand weg und streckte sich.

»Nein, das habe ich mir gar nicht überlegt.«

»Worüber hast du also nachgedacht?«

»Ich habe mich zum letzten Mal noch ein wenig für die Gesellschaft vorbereitet. Streng dich so an, wie du kannst, das wirst du nicht verstehn. Ich, ein beliebiger Mann aus der Provinz, den man jeden Augenblick mit einem von jenen austauschen kann, wie sie vor den Bahnhöfen nach bestimmten Zügen zu Hunderten beisammenstehn.«

 

4. Januar. ›Glaube und Heimat‹ von Schönherr.

 

Die nassen Finger der Galeriebesucher unter mir, die sich die Augen wischen.

 

6. Januar. »Du«, sagte ich, zielte und gab ihm einen kleinen Stoß mit dem Knie, »jetzt geh ich aber. Wenn du es mit ansehn willst, mach die Augen auf.«

»Also doch?« fragte er, wobei er mich aus vollständig offenen Augen mit einem geraden Blick ansah, der aber dennoch so schwach war, daß ich ihn mit einem Wehen des Armes hätte abwehren können. »Du gehst also doch? Was soll ich machen? Halten kann ich dich nicht. Und wenn ich es könnte, so will ich es nicht. Damit will ich dich nur über dein Gefühl aufklären, nach welchem du doch von mir zurückgehalten werden könntest.« Und sofort setzte er das Gesicht der niedrigen Dienstboten auf, mit dem diese innerhalb eines sonst geregelten Staates die herrschaftlichen Kinder folgsam oder ängstlich machen dürfen.

7. Januar. N.s Schwester, die in ihren Bräutigam so verliebt ist, daß sie es so einzurichten sucht, mit jedem Besucher einzeln zu reden, da man sich dem einzelnen gegenüber besser über seine Liebe aussprechen und wiederholen kann.

 

Wie durch Zauberei (denn weder äußere noch innere Umstände, die jetzt freundlicher sind als seit einem Jahr, hinderten mich) wurde ich während des ganzen freien Tages, es ist ein Sonntag, vom Schreiben abgehalten. – Einige neue Erkenntnisse über das Unglückswesen, das ich bin, sind mir tröstend aufgegangen.

 

12. Januar. Ich habe vieles in diesen Tagen über mich nicht aufgeschrieben, teils aus Faulheit (ich schlafe jetzt so viel und fest bei Tag, ich habe während des Schlafes ein größeres Gewicht), teils aber auch aus Angst, meine Selbsterkenntnis zu verraten. Diese Angst ist berechtigt, denn endgültig durch Aufschreiben fixiert dürfte eine Selbsterkenntnis nur dann werden, wenn dies in größter Vollständigkeit bis in alle nebensächlichen Konsequenzen hinein sowie mit gänzlicher Wahrhaftigkeit geschehen könnte. Denn geschieht dies nicht – und ich bin dessen jedenfalls nicht fähig –, dann ersetzt das Aufgeschriebene nach eigener Absicht und mit der Übermacht des Fixierten das bloß allgemein Gefühlte nur in der Weise, daß das richtige Gefühl schwindet, während die Wertlosigkeit des Notierten zu spät erkannt wird.

 

Vor ein paar Tagen Leonie Frippon, Kabaretteuse, ›Stadt Wien‹. Frisur umbundener Lockenhaufen. Schlechtes Mieder, sehr altes Kleid, aber sehr hübsch mit tragischen Bewegungen, Anstrengungen der Augenlider, Ausfällen der langen Beine, gut verstandenem Strecken der Arme den Leib entlang. Bedeutung des steifen Halses bei zweideutigen Stellen. Gesungen: Knopfsammlung im Louvre.

 

Schiller, von Schadow 1804 in Berlin, wo er sehr geehrt worden war, gezeichnet. Fester als bei dieser Nase kann man ein Gesicht nicht fassen. Die Nasenmittelwand ist ein wenig herabgezogen infolge der Gewohnheit, bei der Arbeit an der Nase zu zupfen. Ein freundlicher, etwas hohlwangiger Mensch, den das rasierte Gesicht wahrscheinlich greisenhaft gemacht hat.

14. Januar. Roman ›Eheleute‹ von Beradt. Viel schlechtes Jüdisches. Ein plötzliches einförmiges neckisches Auftreten des Autors, zum Beispiel alle waren lustig, aber einer war da, der war nicht lustig. Oder: da kommt ein Herr Stern (den wir bis in seine Romanknochen hinein schon kennen). Auch bei Hamsun gibt es Ähnliches, aber dort ist es so natürlich wie die Knoten im Holz, hier aber tropft es in die Handlung wie eine Modemedizin auf Zucker. – An sonderbaren Wendungen wird grundlos festgehalten, zum Beispiel: er war um ihre Haare bemüht, bemüht und wieder bemüht. – Einzelne Menschen sind, ohne in ein neues Licht gebracht zu werden, gut herausgebracht, so gut, daß selbst streckenweise Fehler nicht schaden. Nebenpersonen meist trostlos.

 

17. Januar. Max hat mir den ersten Akt des ›Abschieds von der Jugend‹ vorgelesen. Wie kann ich so, wie ich heute bin, diesem beikommen; ein Jahr müßte ich suchen, ehe ich ein wahres Gefühl in mir fände, und soll im Kaffeehaus spät am Abend, von verlaufenen Winden einer trotz allem schlechten Verdauung geplagt, einem so großen Werk gegenüber irgendwie berechtigt auf meinem Sessel sitzen bleiben dürfen.

 

19. Januar. Ich werde, da ich von Grund aus fertig zu sein scheine im letzten Jahr bin ich nicht mehr als fünf Minuten lang aufgewacht – jeden Tag entweder mich von der Erde wegwünschen müssen oder aber, ohne daß ich darin auch die mäßigste Hoffnung sehen dürfte, von vorn als kleines Kind anfangen müssen. Ich werde es hiebei äußerlich leichter haben als damals. Denn in jenen Zeiten strebte ich noch kaum mit matter Ahnung zu einer Darstellung, die von Wort zu Wort mit meinem Leben verbunden wäre, die ich an meine Brust ziehen und die mich von meinem Platz hinreißen sollte. Mit welchem Jammer (dem gegenwärtigen allerdings unvergleichbar) habe ich angefangen! Welche Kälte verfolgte mich aus dem Geschriebenen tagelang! Wie groß war die Gefahr und wie wenig unterbrochen wirkte sie, daß ich jene Kälte gar nicht fühlte, was freilich mein Unglück im ganzen nicht viel kleiner machte.

Einmal hatte ich einen Roman vor, in dem zwei Brüder gegeneinander kämpften, von denen einer nach Amerika fuhr, während der andere in einem europäischen Gefängnis blieb. Ich fing nur hie und da Zeilen zu schreiben an, denn es ermüdete mich gleich. So schrieb ich einmal auch an einem Sonntagnachmittag, als wir bei den Großeltern zu Besuch waren und ein dort immer übliches, besonders weiches Brot, mit Butter bestrichen, aufgegessen hatten, etwas über mein Gefängnis auf. Es ist schon möglich, daß ich es zum größten Teil aus Eitelkeit machte und durch Verschieben des Papiers auf dem Tischtuch, Klopfen mit dem Bleistift, Herumschauen in der Runde unter der Lampe durch, jemanden verlocken wollte, das Geschriebene mir wegzunehmen, es anzuschauen und mich zu bewundern. In den paar Zeilen war in der Hauptsache der Korridor des Gefängnisses beschrieben, vor allem seine Stille und Kälte; über den zurückbleibenden Bruder war auch ein mitleidiges Wort gesagt, weil es der gute Bruder war. Vielleicht hatte ich ein augenblickliches Gefühl für die Wertlosigkeit meiner Schilderung, nur habe ich vor jenem Nachmittag auf solche Gefühle nie viel geachtet, wenn ich unter den Verwandten, an die ich gewöhnt war (meine Ängstlichkeit war so groß, daß sie mich im Gewohnten schon halb glücklich machte), um den runden Tisch im bekannten Zimmer saß und nicht vergessen konnte, daß ich jung und aus dieser gegenwärtigen Ungestörtheit zu Großem berufen war. Ein Onkel, der gern auslachte, nahm mir endlich das Blatt, das ich nur schwach hielt, sah es kurz an, reichte es mir wieder, sogar ohne zu lachen, und sagte nur zu den andern, die ihn mit den Augen verfolgten, »das gewöhnliche Zeug«, zu mir sagte er nichts. Ich blieb zwar sitzen und beugte mich wie früher über mein also unbrauchbares Blatt, aber aus der Gesellschaft war ich tatsächlich mit einem Stoß vertrieben, das Urteil des Onkels wiederholte sich in mir mit schon fast wirklicher Bedeutung, und ich bekam selbst innerhalb des Familiengefühls einen Einblick in den kalten Raum unserer Welt, den ich mit einem Feuer erwärmen müßte, das ich erst suchen wollte.

 

19. Februar. Wie ich heute aus dem Bett steigen wollte, bin ich einfach zusammengeklappt. Es hat das einen sehr einfachen Grund, ich bin vollkommen überarbeitet. Nicht durch das Bureau, aber durch meine sonstige Arbeit. Das Bureau hat nur insofern einen unschuldigen Anteil daran, als ich, wenn ich nicht hinmüßte, ruhig für meine Arbeit leben könnte und nicht diese sechs Stunden täglich dort verbringen müßte, die mich besonders Freitag und Samstag, weil ich voll meiner Sachen war, gequält haben, daß Sie es sich nicht ausdenken können. Schließlich, das weiß ich ja, ist das nur Geschwätz, schuldig bin ich, und das Bureau hat gegen mich die klarsten und berechtigtesten Forderungen. Nur ist es eben für mich ein schreckliches Doppelleben, aus dem es wahrscheinlich nur den Irrsinn als Ausweg gibt. Ich schreibe das bei gutem Morgenlicht und würde es sicher nicht schreiben, wenn es nicht so wahr wäre und wenn ich Sie nicht so liebte wie ein Sohn.

Im übrigen bin ich morgen schon wieder sicher beisammen und komme ins Bureau, wo ich als erstes hören werde, daß Sie mich aus Ihrer Abteilung weghaben wollen.

 

19. Februar. Die besondere Art meiner Inspiration, in der ich Glücklichster und Unglücklichster jetzt um zwei Uhr nachts schlafen gehe (sie wird vielleicht, wenn ich nur den Gedanken daran ertrage, bleiben, denn sie ist höher als alle früheren), ist die, daß ich alles kann, nicht nur auf eine bestimmte Arbeit hin. Wenn ich wahllos einen Satz hinschreibe, zum Beispiel: »Er schaute aus dem Fenster«, so ist er schon vollkommen.

 

»Wirst du noch lange hier bleiben?« fragte ich. Bei dem plötzlichen Reden flog mir etwas Speichel als schlechtes Vorzeichen aus dem Mund.

»Stört es dich? Wenn es dich stört oder vielleicht vom Hinaufgehn abhält, gehe ich gleich, sonst aber bliebe ich noch gern, weil ich müde bin.«

Schließlich durfte er aber auch zufrieden sein und immer zufriedener werden, je genauer ich ihn erkannte. Denn er erkannte mich offenbar immerfort noch genauer und konnte mich sicher mit allen meinen Erkenntnissen in die Tasche stecken. Wie war es denn sonst zu erklären, daß ich noch auf der Gasse blieb, als wäre vor mir kein Haus, sondern Feuer. Wenn man in eine Gesellschaft geladen ist, so betritt man doch einfach das Haus, steigt die Treppe hinauf und merkt es kaum, so sehr ist man in Gedanken. Nur so handelt man richtig gegen sich und gegen die Gesellschaft.Der letzte Absatz ist von Kafka gestrichen.

 

20. Februar. Mella Mars in der ›Lucerna‹. Eine witzige Tragödin, die gewissermaßen auf einer verkehrten Bühne so auftritt, wie sich Tragödinnen manchmal hinter der Szene zeigen. Beim Auftreten hat sie ein müdes, allerdings auch flaches leeres altes Gesicht, wie dies für alle bewußten Schauspieler ein natürlicher Anlauf ist. Sie spricht sehr scharf, auch ihre Bewegungen sind so, von dem durchgebogenen Daumen angefangen, der statt der Knochen harte Sehnen zu haben scheint. Besondere Wandlungsfähigkeit ihrer Nase durch die wechselnden Lichter und Vertiefungen der ringsherum spielenden Muskeln. Trotz der ewigen Blitze ihrer Bewegungen und Worte pointiert sie zart.

 

Kleine Städte haben auch kleine Umgebungen für den Spaziergänger.

 

Die jungen, reinen, gut gekleideten Jungen neben mir im PromenoirPromenoir. Eine Erinnerung an die Pariser Reise im Vorjahre (1910). erinnerten mich an meine Jugend und machten daher einen unappetitlichen Eindruck auf mich.

 

Kleist Jugendbriefe, zweiundzwanzig Jahre alt. Gibt den Soldatenstand auf. Zu Hause fragt man: Also welche Brotwissenschaft, denn die hielt man für selbstverständlich. Du hast die Wahl zwischen Jurisprudenz und Kameralwissenschaft. Aber hast du auch Konnexionen bei Hofe? »Ich verneinte anfänglich etwas verlegen, aber erklärte darauf um so viel stolzer, daß ich, wenn ich auch Konnexionen hätte, mich nach meinen jetzigen Begriffen schämen müßte, darauf zu rechnen. Man lächelte, ich fühlte, daß ich mich übereilt hatte. Solche Wahrheiten muß man sich hüten auszusprechen.«

 

21. Februar. Mein Leben hier ist so, als wäre ich eines zweiten Lebens ganz gewiß, so wie ich zum Beispiel den mißlungenen Aufenthalt in Paris im Hinblick darauf verschmerzte, daß ich danach streben werde, bald wieder hinzukommen. Hiebei der Anblick der scharf getrennten Licht- und Schattenpartien auf dem Gassenpflaster.

 

Einen Augenblick lang fühlte ich mich umpanzert.

 

Wie fern sind mir zum Beispiel die Armmuskeln.

Marc Henry-Delvard. Das durch den leeren Saal erzeugte tragische Gefühl im Zuschauer begünstigt die Wirkung ernster Lieder, schadet den lustigen. – Henry prologiert, unterdes die Delvard hinter einem Vorhang, der, was sie nicht weiß, durchscheinend ist, sich die Haare ordnet. – W., der Veranstalter, scheint bei schlecht besuchten Veranstaltungen seinen assyrischen Bart, der sonst tiefschwarz ist, graumeliert zu tragen. – Gut, sich von so einem Temperament anblasen zu lassen, das hält für vierundzwanzig Stunden, nein, nicht so lange. – Viel Kleideraufwand, bretonische Kostüme, der unterste Unterrock ist der längste, so daß man den Reichtum von der Ferne zählen kann. – Zuerst begleitet die Delvard, weil man einen Begleiter sparen wollte, in einem weiten ausgeschnittenen grünen Kleid und friert. – Pariser Straßenrufe. Zeitungsausträger sind weggeblasen. – Jemand spricht mich an; ehe ich aufatme, bin ich verabschiedet. – Delvard ist lächerlich, sie hat das Lächeln alter Jungfern, eine alte Jungfer des deutschen Kabaretts. Mit einem roten Shawl, den sie sich hinter dem Vorhang holt, macht sie Revolution. Gedichte von Dauthendey mit der gleichen zähen, nicht zu zerhackenden Stimme. Nur wie sie frauenhaft anfangs am Klavier saß, war sie lieb. Bei dem Lied »à Batignolles« spürte ich Paris im Hals. Batignolles soll rentnerhaft sein, auch seine Apachen. Bruant hat jedem Quartier sein Lied gemacht.

 

Die städtische Welt

Oskar M., ein älterer Student – wenn man ihn nahe ansah, erschrak man vor seinen Augen – blieb an einem Winternachmittag mitten im Schneefall auf einem leeren Platz stehn, in seinen Winterkleidern mit dem Winterrock darüber, einem Shawl um den Hals und einer Fellmütze auf dem Kopf, Er zwinkerte mit den Augen vor Nachdenken. So sehr hatte er sich in Gedanken verlassen, daß er einmal die Mütze abnahm und mit ihrem krausen Fell sich über das Gesicht strich. Endlich schien er zu einem Schluß gekommen und wendete sich mit einer Tanzdrehung zum Heimweg.

Als er die Tür des elterlichen Wohnzimmers öffnete, sah er seinen Vater, einen glattrasierten Mann mit schwerem Fleischgesicht, der Tür zugekehrt, an einem leeren Tisch sitzen. »Endlich«, sagte dieser, kaum daß Oskar den Fuß ins Zimmer gesetzt hatte, »bleib, ich bitte dich, bei der Tür, ich habe nämlich eine solche Wut auf dich, daß ich meiner nicht sicher bin.«

»Aber Vater«, sagte Oskar und merkte erst beim Reden, wie er gelaufen war.

»Ruhe«, schrie der Vater und stand auf, wodurch er ein Fenster verdeckte. »Ruhe befehle ich. Und deine ›Aber‹ laß dir, verstehst du.« Dabei nahm er den Tisch mit beiden Händen und trug ihn einen Schritt Oskar näher. »Dein Lotterleben ertrage ich einfach nicht länger. Ich bin ein alter Mann. In dir dachte ich einen Trost des Alters zu haben, indessen bist du für mich ärger als alle meine Krankheiten. Pfui über einen solchen Sohn, der durch Faulheit, Verschwendung, Bosheit und (warum soll ich es dir nicht offen sagen) Dummheit seinen alten Vater ins Grab drängt.« Hier verstummte der Vater, bewegte aber sein Gesicht, als rede er noch.

»Lieber Vater«, sagte Oskar und ging vorsichtig dem Tisch zu, »beruhige dich, alles wird gut werden. Ich habe heute einen Einfall gehabt, der mich zu einem tätigen Menschen machen wird, wie du es dir nur wünschen kannst.«

»Wie das?« fragte der Vater und sah in eine Zimmerecke.

»Vertraue mir nur, beim Abendessen werde ich dir alles erklären. In meinem Innern war ich immer ein guter Sohn, nur daß ich es auch außen nicht zeigen konnte, verbitterte mich so, daß ich dich lieber ärgerte, wenn ich dich schon nicht erfreuen konnte. Jetzt aber laß mich noch ein wenig spazierengehn, damit sich meine Gedanken klarer entwickeln.«

Der Vater, der sich zuerst, aufmerksam werdend, auf den Tischrand gesetzt hatte, stand auf. »Ich glaube nicht, daß das, was du jetzt gesagt hast, viel Sinn hat, ich halte es eher für Geschwätz. Aber schließlich bist du mein Sohn. – Komm rechtzeitig, wir werden zu Hause nachtmahlen, und du kannst deine Sache dann vortragen.«

»Dieses kleine Vertrauen genügt mir, ich bin dafür von Herzen dankbar. Aber ist es denn nicht schon an meinen Blicken zu sehn, daß ich mit einer ernsten Sache vollkommen beschäftigt bin.«

»Ich sehe vorläufig nichts«, sagte der Vater. »Aber es kann auch meine Schuld sein, denn ich bin aus der Übung gekommen, dich überhaupt anzusehn.« Dabei machte er, wie es seine Gewohnheit war, durch regelmäßiges Beklopfen der Tischplatte darauf aufmerksam, wie die Zeit verging. »Die Hauptsache aber ist, daß ich gar kein Vertrauen mehr zu dir habe, Oskar. Wenn ich dich einmal anschreie – wie du gekommen bist, habe ich dich doch angeschrien, nicht wahr? – so tue ich das nicht in der Hoffnung, es könnte dich bessern, ich tue es nur in Gedanken an deine arme gute Mutter, die jetzt vielleicht noch kein unmittelbares Leid über dich verspürt, aber schon an der Anstrengung, ein solches Leid abzuwehren, denn sie glaubt dir dadurch irgendwie zu helfen, langsam zugrunde geht. Aber schließlich sind das ja Sachen, die du sehr gut weißt, und ich hätte schon aus Rücksicht auf mich nicht wieder an sie erinnert, wenn du mich durch deine Versprechungen nicht dazu gereizt hättest.«

Während der letzten Worte trat das Dienstmädchen ein, um nach dem Feuer im Ofen zu sehn. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, als Oskar ausrief: »Aber Vater! Ich hätte das nicht erwartet. Wenn ich nur einen kleinen Einfall gehabt hätte, sagen wir, einen Einfall zu meiner Dissertation, die ja schon zehn Jahre in meinem Kasten liegt und Einfälle braucht wie Salz, so ist es möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß ich, wie es heute geschehen ist, vom Spaziergang nach Hause gelaufen wäre und gesagt hätte: ›Vater, ich habe glücklicherweise diesen und diesen Einfall.‹ Wenn du daraufhin mit deiner ehrwürdigen Stimme die Vorwürfe von vorhin mir ins Gesicht gesagt hättest, dann wäre mein Einfall einfach weggeblasen gewesen, und ich hätte sofort mit irgendeiner Entschuldigung oder ohne solche abmarschieren müssen. Jetzt dagegen! Alles, was du gegen mich sagst, hilft meinen Ideen, sie hören nicht auf, stark werdend füllen sie mir den Kopf. Ich werde gehn, weil ich nur im Alleinsein Ordnung in sie bringen kann.« Er schluckte an seinem Atem in dem warmen Zimmer.

»Es kann ja auch eine Lumperei sein, die du im Kopf hast«, sagte der Vater mit großen Augen, »dann glaube ich schon, daß sie dich festhält. Wenn sich aber etwas Tüchtiges in dich verirrt hat, entläuft es dir über Nacht. Ich kenne dich.«

Oskar drehte den Kopf, als halte man ihn am Halse. »Laß mich jetzt. Du bohrst überflüssigerweise in mich hinein. Die bloße Möglichkeit, daß du mein Ende richtig voraussagen kannst, sollte dich wahrhaftig nicht dazu verlocken, mich in meiner guten Überlegung zu stören. Vielleicht gibt dir meine Vergangenheit das Recht dazu, aber du solltest es nicht ausnützen.«

»Da siehst du am besten, wie groß deine Unsicherheit sein muß, wenn sie dich dazu zwingt, so gegen mich zu sprechen.«

»Nichts zwingt mich«, sagte Oskar und zuckte im Genick. Er trat auch ganz eng an den Tisch heran, so daß man nicht mehr wußte, wem er gehörte. »Was ich sagte, sagte ich in Ehrfurcht und sogar aus Liebe zu dir, wie du später auch sehen wirst, denn an meinen Entschlüssen hat die Rücksichtnahme auf dich und Mama den größten Anteil.«

»Da muß ich dir schon jetzt danken«, sagte der Vater, »da es ja sehr unwahrscheinlich ist, daß deine Mutter und ich im rechten Augenblick noch dessen fähig sein werden.«

»Bitte, Vater, laß doch die Zukunft noch schlafen, wie sie es verdient. Wenn man sie nämlich vorzeitig weckt, bekommt man dann eine verschlafene Gegenwart. Daß dir das aber erst dein Sohn sagen muß! Auch wollte ich dich ja noch nicht überzeugen, sondern dir nur die Neuigkeit melden. Und das wenigstens ist mir, wie du selbst zugeben mußt, gelungen.«

»Jetzt, Oskar, wundert mich eigentlich nur noch eins: warum du mit einer solchen Sache wie heute nicht schon öfters zu mir gekommen bist. Sie entspricht so deinem bisherigen Wesen. Nein, tatsächlich, es ist mein Ernst.«

»Ja, hättest du mich dann durchgehaut, statt mir zuzuhören? Ich bin hergelaufen, das weiß Gott, um dir rasch eine Freude zu machen. Verraten kann ich dir aber nichts, solange mein Plan nicht vollständig fertig ist. Warum strafst du mich also für meine gute Absicht und willst von mir Erklärungen haben, die jetzt noch der Ausführung meines Planes schaden könnten?«

»Schweig, ich will gar nichts wissen. Aber ich muß dir sehr rasch antworten, weil du dich zur Tür zurückziehst und offenbar etwas sehr Dringendes vorhast: Meine erste Wut hast du mit deinem Kunststück beruhigt, nur ist mir jetzt noch trauriger zumut als früher und deshalb bitte ich dich – wenn du darauf bestehst, kann ich auch die Hände falten –, sage wenigstens der Mutter nichts von deinen Ideen. Laß es mit mir genug sein.«

»Das ist ja nicht mein Vater, der so mit mir spricht«, rief Oskar, der den Arm schon auf die Türklinke gelegt hatte. »Es ist seit Mittag etwas mit dir vorgegangen oder du bist ein fremder Mensch, dem ich jetzt zum erstenmal im Zimmer meines Vaters begegne. Mein wirklicher Vater« – Oskar schwieg einen Augenblick mit offenem Mund –, »er hätte mich doch umarmen müssen, er hätte die Mutter hergerufen. Was hast du, Vater?«

»Du solltest lieber mit deinem wirklichen Vater nachtmahlen, mein' ich. Es würde vergnügter zugehn.«

»Er wird schon kommen. Schließlich kann er nicht ausbleiben. Und die Mutter muß dabei sein. Und Franz, den ich jetzt hole. Alle.« Darauf drängte Oskar mit der Schulter gegen die leicht aufgehende Tür, als habe er sich vorgenommen, sie einzudrücken.

In Franzens Wohnung angekommen, beugte er sich zur kleinen Hauswirtin, mit den Worten: »Der Herr Ingenieur schläft, ich weiß, das macht nichts«, und ohne sich um die Frau zu kümmern, die aus Unzufriedenheit mit dem Besuch nutzlos im Vorzimmer auf und ab ging, öffnete er die Glastür, die, als sei sie an einer empfindlichen Stelle gefaßt, in seiner Hand erzitterte, und rief, unbekümmert um das Innere des Zimmers, das er noch kaum sah: »Franz, aufstehn. Ich brauch deinen fachmännischen Rat. Aber hier im Zimmer halte ich es nicht aus, wir müssen ein bißchen spazierengehn, du mußt auch bei uns nachtmahlen. Also rasch.«

»Sehr gern«, sagte der Ingenieur von seinem Lederkanapee her, »aber was zuerst? Aufstehn, nachtmahlen, spazierengehn, Rat geben? Einiges werde ich auch überhört haben.«

»Vor allem keine Witze machen, Franz. Das ist das Wichtigste, das habe ich vergessen.«

»Den Gefallen mach' ich dir sofort. Aber das Aufstehn! – Ich würde lieber zweimal für dich nachtmahlen als einmal aufstehn.«

»Also jetzt auf! Keine Widerrede.« Oskar faßte den schwachen Menschen vorn beim Rock und setzte ihn auf.

»Du bist aber rabiat, weißt du. Alle Achtung. Hab' ich dich schon einmal so vom Kanapee gerissen?« Er wischte sich mit beiden kleinen Fingern die geschlossenen Augen aus.

»Aber Franz«, sagte Oskar mit verzogenem Gesicht, »zieh dich schon an. Ich bin doch kein Narr, daß ich dich ohne Grund geweckt hätte.«

»Ebenso habe ich auch nicht ohne Grund geschlafen. Ich habe gestern Nachtdienst gehabt, dann bin ich heute schon um meinen Mittagsschlaf gekommen, auch deinetwegen –«

»Wieso?«

»Ach was, es ärgert mich schon, wie wenig Rücksicht du auf mich nimmst. Es ist nicht das erstemal. Natürlich, du bist ein freier Student und kannst machen, was du willst. Jeder ist nicht so glücklich. Da muß man doch Rücksicht nehmen, zum Kuckuck! Ich bin zwar dein Freund, aber deshalb hat man mir noch meinen Beruf nicht abgenommen.« Er zeigte das durch Hin- und Herschütteln der flachen Hände.

»Muß ich aber nach deinem jetzigen Mundwerk nicht glauben, daß du mehr als genug ausgeschlafen bist?« sagte Oskar, der sich auf einen Bettpfosten hinaufgezogen hatte, von wo er den Ingenieur ansah, als habe er schon etwas mehr Zeit als früher.

»Also was willst du eigentlich von mir? oder besser gesagt, warum hast du mich geweckt?« fragte der Ingenieur und rieb sich stark den Hals unter seinem Ziegenbart, in dieser näheren Beziehung, die man nach dem Schlaf zu seinem Körper hat.

»Was ich von dir will«, sagte Oskar leise und gab dem Bett einen Stoß mit dem Fußabsatz. »Sehr wenig. Ich habe es dir doch schon aus dem Vorzimmer gesagt: daß du dich anziehst.«

»Wenn du damit, Oskar, andeuten willst, daß mich deine Neuigkeit sehr wenig interessiert, so hast du ganz recht.«

»Das ist ja gut, so wird das Feuer, in das sie dich setzen wird, ganz auf ihre eigene Rechnung gehn, ohne daß sich unsere Freundschaft eingemischt hätte. Die Auskunft wird auch klarer sein. Ich brauche klare Auskunft, das halte dir vor Augen. Wenn du aber vielleicht Kragen und Krawatte suchst, die liegen dort auf dem Sessel.«

»Danke«, sagte der Ingenieur und fing an, Kragen und Krawatte zu befestigen, »auf dich kann man sich halt doch verlassen.«

 

26. März. Theosophische Vorträge des Dr. Rudolf Steiner, Berlin. Rhetorische Wirkung: Behagliche Besprechung der Einwände der Gegner, der Zuhörer staunt über diese starke Gegnerschaft, der Zuhörer gerät in Sorge, völlige Versenkung in diese Einwände, als gäbe es sonst nichts, der Zuhörer hält jetzt eine Widerlegung überhaupt für unmöglich und ist mit einer flüchtigen Beschreibung der Verteidigungsmöglichkeit mehr als zufriedengestellt. Dieser rhetorische Effekt entspricht übrigens der Vorschrift der devotionellen Stimmung. – Dauerndes Anschauen der Fläche der vorgehaltenen Hand. – Auslassen des Schlußpunktes. Im allgemeinen fängt der gesprochene Satz mit seinem großen Anfangsbuchstaben beim Redner an, biegt sich in seinem Verlaufe, so weit er kann, zu den Zuhörern hinaus und kehrt mit dem Schlußpunkt zu dem Redner zurück. Wird aber der Punkt ausgelassen, dann weht der nicht mehr gehaltene Satz unmittelbar mit ganzem Atem den Zuhörer an.

Früher Vortrag Loos und Kraus.

Wir sind jetzt fast gewöhnt, in westeuropäischen Erzählungen, sobald sie nur einige Gruppen von Juden umfassen wollen, unter oder über der Darstellung gleich auch die Lösung der Judenfrage zu suchen und zu finden. In den ›Jüdinnen‹Mein im Jahre 1911 erschienener Roman. Es finden sich drei einander ähnliche Entwürfe dieser Kritik. aber wird eine solche Lösung nicht gezeigt, ja nicht einmal vermutet, denn gerade jene Personen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen, stehen in der Erzählung weiter vom Mittelpunkt ab, dort, wo die Ereignisse sich schon rascher drehn, so daß wir sie zwar noch genau beobachten können, aber keine Gelegenheit mehr finden, um von ihnen eine ruhige Auskunft über ihre Bestrebungen zu erhalten. Kurz entschlossen erkennen wir darin einen Mangel der Erzählung und fühlen uns zu einer solchen Ausstellung um so mehr berechtigt, als heute seit dem Dasein des Zionismus die Lösungsmöglichkeiten so klar um das jüdische Problem herum angeordnet sind, daß der Schriftsteller schließlich nur einige Schritte hätte machen müssen, um die seiner Erzählung gemäße Lösungsmöglichkeit zu finden.

Dieser Mangel entspringt aber noch einem anderen. Den ›Jüdinnen‹ fehlen die nichtjüdischen Zuschauer, die angesehenen gegensätzlichen Menschen, die in andern Erzählungen das Jüdische herauslocken, daß es gegen sie vordringt in Verwunderung, Zweifel, Neid, Schrecken, und endlich, endlich in Selbstvertrauen versetzt wird, jedenfalls sich aber erst ihnen gegenüber in seiner ganzen Länge aufrichten kann. Das eben verlangen wir, eine andere Auflösung von Judenmassen erkennen wir nicht an. Auch berufen wir uns auf dieses Gefühl nicht nur in diesem Fall, es ist in einer Richtung wenigstens allgemein. So freut uns auch auf einem Fußweg in Italien das Aufzucken der Eidechsen vor unsern Schritten ungemein, immerfort möchten wir uns bücken, sehn wir sie aber bei einem Händler zu Hunderten in den großen Flaschen durcheinander kriechen, in denen man sonst Gurken einzulegen pflegt, so wissen wir uns nicht einzurichten.

Beide Mängel vereinigen sich zu einem dritten. Die ›Jüdinnen‹ können jenen vordersten Jüngling entbehren, der sonst innerhalb seiner Erzählung die besten zu sich reißt und in schöner radialer Richtung an die Grenzen des jüdischen Kreises führt. Das eben will uns nicht eingehn, daß die Erzählung diesen Jüngling entbehren kann, hier ahnen wir einen Fehler mehr, als daß wir ihn sehen.

28. März. Maler P.-Karlin, seine Frau, zwei breite große Vorderzähne oben, die das große, eher flache Gesicht zuspitzen, Frau Hofrat B., Mutter des Komponisten, der das Alter ihr starkes Knochengerüst so hervortreibt, daß sie zumindest im Sitzen wie ein Mann aussieht.

Dr. Steiner wird so sehr von seinen abwesenden Schülern in Anspruch genommen.›Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?‹ ist der Titel eines Buches von Rudolf Steiner. – Beim Vortrag drängen sich die Toten so sehr an ihn. Wißbegierde? Haben sie es aber eigentlich nötig? Offenbar doch. – Schläft zwei Stunden. Seitdem man ihm einmal das elektrische Licht eingestellt hat, hat er immer eine Kerze bei sich. – Er stand Christus sehr nahe. – Er führte in München sein Theaterstück auf (da kannst du es ein Jahr lang studieren und verstehst es nicht), die Kleider hat er gezeichnet, die Musik geschrieben. – Einen Chemiker hat er belehrt. – Löwy Simon, Seifenhändler in Paris, Quai Moncey, hat von ihm die besten geschäftlichen Ratschläge bekommen. Er hat seine Werke ins Französische übersetzt. Die Hofrätin hatte daher in ihrem Notizbuch stehn »Wie erlangt man die Erkenntnis höherer Welten? Bei S. Löwy in Paris.«

In der Wiener Loge ist ein Theosoph, fünfundsechzig Jahre alt, riesig stark, früher ein großer Trinker mit dickem Kopf, der immerfort glaubt und immerfort Zweifel hat. Es soll sehr lustig gewesen sein, wie er einmal bei einem Kongreß in Budapest bei einem Nachtmahl auf dem Blocksberg an einem Mondscheinabend, als unerwartet Dr. Steiner in die Gesellschaft kam, vor Schrecken mit seinem Krügel hinter einem Bierfaß sich versteckte (obwohl Dr. Steiner darüber nicht böse gewesen wäre).

Er ist vielleicht nicht der größte gegenwärtige Geistesforscher, aber er allein hat die Aufgabe bekommen, die Theosophie mit der Wissenschaft zu vereinigen. Daher weiß er auch alles. – In sein Heimatsdorf kam einmal ein Botaniker, ein großer okkulter Meister. Der erleuchtete ihn. – Daß ich Dr. Steiner aufsuchen werde, wurde mir von der Dame als beginnende Rückerinnerung ausgelegt. – Der Arzt der Dame hat, als sich bei ihr die Anfänge einer Influenza zeigten, Dr. Steiner um ein Mittel gefragt, dieses der Dame verschrieben und sie damit gleich gesund gemacht. – Eine Französin verabschiedete sich von ihm mit »Au revoir«. Er schüttelte hinter ihr die Hand. Nach zwei Monaten starb sie. Noch ein ähnlicher Münchener Fall. – Ein Münchener Arzt heilt mit Farben, die Dr. Steiner bestimmt. Er schickt auch Kranke in die Pinakothek mit der Vorschrift, vor einem bestimmten Bild eine halbe Stunde oder länger sich zu konzentrieren.

Atlantischer Weltuntergang, lemurischer Untergang und jetzt der durch Egoismus. – Wir leben in einer entscheidenden Zeit. Der Versuch des Dr. Steiner wird gelingen, wenn nur die ahrimanischen Kräfte nicht überhand nehmen. – Er ißt zwei Liter Mandelmilch und Früchte, die in der Höhe wachsen. – Er verkehrt mit seinen abwesenden Schülern vermittelst Denkformen, die er zu ihnen ausschickt, ohne sich nach der Erzeugung weiter mit ihnen zu beschäftigen. Sie nützen sich aber bald ab, und er muß sie wieder herstellen.

Frau F.: »Ich habe ein schlechtes Gedächtnis.«

Dr. St.: »Essen Sie keine Eier.«

 

Mein Besuch bei Dr. Steiner.

Eine Frau wartet schon (oben im zweiten Stock des Viktoriahotels in der Jungmannstraße), bittet mich aber dringend, vor ihr hineinzugehn. Wir warten. Die Sekretärin kommt und vertröstet uns. In einem Korridordurchblick sehe ich ihn. Gleich darauf kommt er mit halb ausgebreiteten Armen auf uns zu. Die Frau erklärt, ich sei zuerst dagewesen. Ich gehe nun hinter ihm, wie er mich in sein Zimmer führt. Sein an Vortragsabenden wie gewichst schwarzer Kaiserrock (nicht gewichst, sondern nur durch sein reines Schwarz glänzend) ist jetzt bei Tageslicht (drei Uhr nachmittag) besonders auf Rücken und Achseln staubig und sogar fleckig.

In seinem Zimmer suche ich meine Demut, die ich nicht fühlen kann, durch Aufsuchen eines lächerlichen Platzes für meinen Hut zu zeigen, ich lege ihn auf ein kleines Holzgestell zum Stiefelschnüren. Tisch in der Mitte, ich sitze mit dem Blick zum Fenster, er an der linken Seite des Tisches. Auf dem Tisch Papiere mit ein paar Zeichnungen, die an jene der Vorträge über okkulte Physiologie erinnern. Ein Heftchen ›Annalen für Naturphilosophie‹ bedeckt einen kleinen Haufen Bücher, die auch sonst herumzuliegen scheinen. Nur kann man nicht herumschauen, da er einen mit seinem Blick immer zu haken versucht. Tut er es aber einmal nicht, so muß man auf die Wiederkehr des Blickes aufpassen. Er beginnt mit einigen losen Sätzen: Sie sind doch der Dr. Kafka? Haben Sie sich schon länger mit Theosophie beschäftigt?

Ich aber dringe mit meiner vorbereiteten Ansprache vor: Ich fühle, wie ein großer Teil meines Wesens zur Theosophie hinstrebt, gleichzeitig aber habe ich vor ihr die höchste Angst. Ich befürchte nämlich von ihr eine neue Verwirrung, die für mich sehr arg wäre, da eben schon mein gegenwärtiges Unglück nur aus Verwirrung besteht. Diese Verwirrung liegt in Folgendem: Mein Glück, meine Fähigkeiten und jede Möglichkeit, irgendwie zu nützen, liegen seit jeher im Literarischen. Und hier habe ich allerdings Zustände erlebt (nicht viele), die meiner Meinung nach den von Ihnen, Herr Doktor, beschriebenen hellseherischen Zuständen sehr nahestehen, in welchen ich ganz und gar in jedem Einfall wohnte, aber jeden Einfall auch erfüllte und in welchen ich mich nicht nur an meinen Grenzen fühlte, sondern an den Grenzen des Menschlichen überhaupt. Nur die Ruhe der Begeisterung, wie sie dem Hellseher wahrscheinlich eigen ist, fehlte doch jenen Zuständen, wenn auch nicht ganz. Ich schließe dies daraus, daß ich das Beste meiner Arbeiten nicht in jenen Zuständen geschrieben habe. – Diesem Literarischen kann ich mich nun nicht vollständig hingeben, wie es sein müßte, und zwar aus verschiedenen Gründen nicht. Abgesehen von meinen Familienverhältnissen könnte ich von der Literatur schon infolge des langsamen Entstehens meiner Arbeiten und ihres besonderen Charakters nicht leben; überdies hindert mich auch meine Gesundheit und mein Charakter daran, mich einem im günstigsten Falle ungewissen Leben hinzugeben. Ich bin daher Beamter in einer sozialen Versicherungsanstalt geworden. Nun können diese zwei Berufe einander niemals ertragen und ein gemeinsames Glück zulassen. Das kleinste Glück in einem wird ein großes Unglück im zweiten. Habe ich an einem Abend Gutes geschrieben, brenne ich am nächsten Tag im Bureau und kann nichts fertigbringen. Dieses Hinundher wird immer ärger. Im Bureau genüge ich äußerlich meinen Pflichten, meinen innern Pflichten aber nicht, und jene nichterfüllte innere Pflicht wird zu einem Unglück, das sich aus mir nicht mehr rührt. Und zu diesen zwei nie auszugleichenden Bestrebungen soll ich jetzt die Theosophie als dritte führen? Wird sie nicht nach beiden Seiten hin stören und selbst von beiden gestört werden? Werde ich, ein gegenwärtig schon so unglücklicher Mensch, die drei zu einem Ende führen können? Ich bin gekommen, Herr Doktor, Sie das zu fragen, denn ich ahne, daß, wenn Sie mich dessen für fähig halten, ich es auch wirklich auf mich nehmen kann.

Er hörte äußerst aufmerksam zu, ohne mich offenbar im geringsten zu beobachten, ganz meinen Worten hingegeben. Er nickte von Zeit zu Zeit, was er scheinbar für ein Hilfsmittel einer starken Konzentration hält. Am Anfang störte ihn ein stiller Schnupfen, es rann ihm aus der Nase, immerfort arbeitete er mit dem Taschentuch bis tief in die Nase hinein, einen Finger an jedem Nasenloch.

 

27. Mai. Du hast heute Geburtstag, aber ich schicke dir nicht einmal das gewöhnliche Buch, denn es wäre nur Schein; im Grunde bin ich doch nicht einmal imstande, dir ein Buch zu schenken. Nur weil ich es so nötig habe, heute einen Augenblick, und sei es nur mit dieser Karte, in deiner Nähe zu sein, schreibe ich und habe mit der Klage nur deshalb angefangen, damit du mich gleich erkennst.

 

15. August. Die Zeit, die jetzt verlaufen ist und in der ich kein Wort geschrieben habe, ist für mich deshalb so wichtig gewesen, weil ich auf den Schwimmschulen in Prag, Königssaal und Czernoschitz aufgehört habe, für meinen Körper mich zu schämen. Wie spät hole ich jetzt mit achtundzwanzig Jahren meine Erziehung nach, einen verspäteten Start würde man das bei einem Wettlaufen nennen. Und der Schaden eines solchen Unglücks besteht nicht vielleicht darin, daß man nicht siegt; dieses letzte ist ja nur der noch sichtbare, klare gesunde Kern des weiterhin verschwimmenden grenzenlos werdenden Unglücks, das einen, der man doch den Kreis umlaufen sollte, in das Innere des Kreises treibt. Übrigens habe ich auch vieles andere in dieser zum kleinen Teil auch glücklichen Zeit an mir bemerkt und werde es in den nächsten Tagen aufzuschreiben versuchen.

20. August. Ich habe den unglücklichen Glauben, daß ich nicht zur geringsten guten Arbeit Zeit habe, denn ich habe wirklich nicht Zeit für eine Geschichte, mich in alle Weltrichtungen auszubreiten, wie ich es müßte. Dann aber glaube ich wieder, daß meine Reise besser ausfallen wird, daß ich besser auffassen werde, wenn ich durch ein wenig Schreiben gelockert bin, und so versuche ich es wieder.

 

Dieser Text gehört zu der auf Seite 15 begonnenen Erzählung. Ich ahnte bei seinem Anblick die Anstrengungen, die er um meinetwillen auf sich genommen hatte und die ihm jetzt, vielleicht nur weil er müde war, diese Sicherheit gaben. Hätte nicht noch eine kleine Anspannung genügt und der Betrug wäre gelungen, gelang vielleicht noch jetzt. Wehrte ich mich denn? Ich stand zwar hartnäckig hier vor dem Haus, aber ebenso hartnäckig zögerte ich, hinaufzugehn. Wartete ich, bis die Gäste kämen, mit Gesang mich zu holen?

Ich habe über Dickens gelesen. Ist es so schwer und kann es ein Außenstehender begreifen, daß man eine Geschichte von ihrem Anfang in sich erlebt, vom fernen Punkt bis zu der heranfahrenden Lokomotive aus Stahl, Kohle und Dampf, sie aber auch jetzt noch nicht verläßt, sondern von ihr gejagt sein will und Zeit dazu hat, also von ihr gejagt wird und aus eigenem Schwung von ihr läuft, wohin sie nur stößt und wohin man sie lockt.

Ich kann es nicht verstehn und nicht einmal glauben. Ich lebe nur hie und da in einem kleinen Wort, in dessen Umlaut (oben »stößt«) ich zum Beispiel auf einen Augenblick meinen unnützen Kopf verliere. Erster und letzter Buchstabe sind Anfang und Ende meines fischartigen Gefühls.

 

24. August. Mit Bekannten an einem Kaffeehaustisch im Freien sitzen und eine Frau am Nebentisch ansehn, die gerade gekommen ist, schwer unter großen Brüsten atmet und mit erhitztem, bräunlich glänzendem Gesicht sich setzt. Sie neigt den Kopf zurück, ein starker Bartanflug wird sichtbar, sie dreht die Augen nach oben, fast so, wie sie vielleicht manchmal ihren Mann ansieht, der jetzt neben ihr eine illustrierte Zeitung liest. Wenn man ihm doch die Überzeugung beibringen könnte, daß man neben seiner Frau im Kaffeehaus höchstens eine Zeitung, aber niemals eine Zeitschrift lesen darf. Ein Augenblick bringt ihr ihre Körperfülle zum Bewußtsein und sie rückt ein wenig vom Tisch weg.

26. August. Morgen soll ich nach Italien fahren. Jetzt abends konnte der Vater vor Aufregung nicht einschlafen, da er ganz von der Sorge um das Geschäft und von seiner dadurch aufgeweckten Krankheit ergriffen war. Auf das Herz ein nasses Tuch, Brechreiz, Luftmangel, seufzendes Hin- und Hergehn. Die Mutter in ihrer Angst findet neuen Trost. Immer sei er doch so energisch gewesen, über alles sei er hinweggekommen und jetzt –. Ich sage, daß der Jammer mit dem Geschäft doch nur ein Vierteljahr noch dauern könne, dann müsse doch alles gut werden. Er geht seufzend und den Kopfschüttelnd auf und ab. Es ist klar, daß, von ihm aus gesehn, seine Sorgen durch uns nicht abgenommen und nicht einmal erleichtert werden, aber selbst von uns aus gesehn nicht, selbst in unserm besten Willen steckt noch etwas von der so traurigen Überzeugung, daß er für seine Familie sorgen muß ... Durch sein häufiges Gähnen oder sein übrigens nicht unappetitliches In-die-Nase-Greifen erzeugt der Vater eine kleine, kaum zum Bewußtsein kommende Beruhigung über seinen Zustand, trotzdem er dies, wenn er gesund ist, im allgemeinen nicht macht. Die Ottla hat es mir bestätigt. – Die arme Mutter will morgen zum Hausherrn bitten gehn.

Zwischen dieser und der vorangehenden Eintragung liegt das Reisetagebuch Lugano-Paris-Erlenbach. Die Eintragung selbst hat einen Zusammenhang mit dem auf dieser Reise entstandenen Romanplan ›Richard und Samuel‹ (vgl. ›Erzählungen und Kleine Prosa‹). Es war schon eine Gewohnheit der vier Freunde Robert, Samuel, Max und Franz geworden, jeden Sommer oder Herbst ihre kleinen Ferien zu einer gemeinsamen Reise zu verwenden. Während des übrigen Jahres bestand ihre Freundschaft meist darin, daß sie gerne an einem Abend in der Woche alle vier zusammenkamen, meist bei Samuel, der als der wohlhabendste ein größeres Zimmer hatte, einander verschiedenes erzählten und dazu mäßig Bier tranken. Mit dem Erzählen waren sie um Mitternacht, wenn sie auseinandergingen, niemals fertig, da Robert Sekretär eines Vereins war, Samuel Angestellter eines kommerziellen Bureaus, Max Staatsbeamter und Franz Beamter in einem Bankgeschäft, so daß fast alles, was einer während der Woche in seinem Berufe erlebt hatte, den drei andern nicht nur unbekannt war und ihnen rasch erzählt werden mußte, sondern ohne umständlichere Erklärung auch unverständlich war. Vor allem aber brachte es die Verschiedenheit dieser Berufe mit sich, daß jeder gezwungen war, seinen Beruf den andern immer wieder darzustellen, denn die Darstellungen wurden von den andern, weil sie doch nur schwache Menschen waren, nicht gründlich genug aufgefaßt, gerade deshalb aber und auch aus guter Freundschaft immer wieder verlangt.

Weibergeschichten wurden dagegen selten vorgenommen, denn wenn auch Samuel für seine Person an ihnen Geschmack gefunden hätte, so hütete er sich, zu verlangen, daß sich die Unterhaltung nach seinen Bedürfnissen einrichte, wobei ihm öfters das alte Mädchen, welches das Bier holte, als eine Mahnung erschien. Gelacht wurde aber so viel an diesen Abenden, daß Max auf dem Nachhauseweg sagte, dieses ewige Lachen sei eigentlich bedauerlich, weil man dadurch alle ernsten Sachen vergesse, von denen doch jeder gerade genug zu tragen hätte. Während man lache, denke man, für den Ernst sei noch Zeit genug. Das sei aber nicht richtig, denn der Ernst stelle natürlich größere Ansprüche an den Menschen, und es sei doch klar, daß man in Gesellschaft der Freunde auch größeren Ansprüchen zu genügen fähig sei als allein. Lachen solle man im Bureau, weil man dort nicht mehr zustande bringe. Diese Meinung war gegen Robert gerichtet, der in seinem durch ihn sich verjüngenden Kunstverein viel arbeitete und gleichzeitig in dem alten die komischesten Dinge bemerkte, mit denen er seine Freunde unterhielt.

Schon wenn er anfing verließen die Freunde ihre Plätze, stellten sich zu ihm oder setzten sich auf den Tisch und lachten, besonders Max und Franz, so selbstvergessen, daß Samuel alle Gläser auf ein Seitentischchen hinübertrug. War man vom Erzählen ermüdet, setzte sich Max mit plötzlich neuer Kraft zum Klavier und spielte, während Robert und Samuel ihm zur Seite auf dem Bänkchen saßen, Franz dagegen, der nichts von Musik verstand, allein am Tisch Samuels Ansichtskartensammlung durchsah oder die Zeitung las. Wenn die Abende wärmer wurden und das Fenster schon offenbleiben konnte, kamen wohl alle vier zum Fenster und sahen, die Hände auf dem Rücken, in die Gasse hinunter, ohne sich von dem freilich schwachen Verkehr in ihrer Unterhaltung beirren zu lassen. Nur hie und da ging einer zum Tisch zurück, um einen Schluck zu machen, oder zeigte auf die Lockenfrisuren zweier Mädchen, die unten vor ihrer Weinstube saßen, oder auf den Mond, der sie leicht überraschte, bis endlich Franz sagte, es sei kühl, man solle das Fenster schließen.

Im Sommer trafen sie einander manchmal in einem öffentlichen Garten, setzten sich an einen Tisch ganz am Rande, wo es dunkler war, tranken einander zu und merkten im Gespräch, die Köpfe beisammen, das ferne Blasorchester kaum. Arm in Arm, in gleichem Schritt, gingen sie dann durch die Anlagen nach Hause. Die zwei am Rande drehten die Stöckchen oder schlugen in die Gebüsche, Robert forderte sie zum Singen auf, sang dann aber allein, gut für vier, der zweite in der Mitte fühlte sich dabei besonders sicher aufgehoben.

An einem solchen Abend sagte Franz und drückte seine zwei Nachbarn näher an sich, es wäre doch so schön, beisammen zu sein, daß er nicht verstehn könne, warum sie nur einmal in der Woche zusammenkämen, während es doch sicher leicht einzurichten wäre, wenn nicht öfters, so wenigstens zweimal wöchentlich einander zu sehn. Alle waren dafür, selbst der vierte, der von außen Franzens leises Sprechen nur undeutlich verstanden hatte. Ein solches Vergnügen sei sicher die kleine Mühe wert, die es hie und da einem machen würde. Franz schien es, als bekomme er zur Strafe dafür, daß er ungebeten für alle rede, eine hohle Stimme. Aber er ließ nicht ab. Und wenn einer wirklich einmal nicht kommen könne, so sei es eben sein Schaden, und er könne nächstens getröstet werden, aber müßten denn deshalb die andern aufeinander verzichten, seien nicht drei füreinander genug und wenn es sein muß, auch zwei? »Natürlich, natürlich«, sagten alle. Am Rande löste sich Samuel los und ging knapp vor den drei andern, weil sie so einander näher waren. Dann aber schien es ihm wieder nicht so und er hing sich lieber ein.

Robert machte einen Vorschlag: »Wir kommen jede Woche zusammen und lernen italienisch. Italienisch zu lernen sind wir entschlossen, denn schon voriges Jahr haben wir in dem kleinen Stückchen Italien, wo wir waren, gesehn, daß unser Italienisch nur dazu ausreicht, nach dem Weg zu fragen, wenn wir uns, erinnert euch, zwischen den Weingartenmauern der Campagna verirrt hatten. Und selbst dazu hat es doch nur unter größter Anstrengung der Gefragten ausgereicht. Lernen müssen wir also, wenn wir heuer wieder nach Italien wollen. Da hilft nichts. Und ist es da nicht das beste, zusammen zu lernen?«

»Nein«, sagte Max, »wir werden zusammen nichts erlernen. Das weiß ich ebenso bestimmt, wie daß du, Samuel, für das gemeinsame Lernen bist.«

»Und ob!« sagte Samuel. »Wir werden sicher sehr gut zusammen lernen, ich bedauere es nur immer, daß wir nicht schon auf der Schule beisammen waren. Wißt ihr eigentlich, daß wir einander erst zwei Jahre lang kennen?« Er beugte sich vor, um alle drei zu sehn. Sie hatten ihren Schritt verlangsamt und die Arme gelockert.

»Erlernt haben wir aber zusammen noch nichts«, sagte Franz. »Mir gefällt es ja sehr gut so. Ich will gar nichts lernen. Wenn wir aber italienisch lernen müssen, dann ist es besser, jeder lernt es für sich.«

»Das versteh' ich nicht«, sagte Samuel. »Zuerst willst du, daß wir jede Woche zusammenkommen, dann willst du es wieder nicht.«

»Aber geh«, sagte Max, »ich und Franz wollen doch nur, daß unser Zusammensein nicht durch das Lernen und unser Lernen nicht durch das Zusammensein gestört wird, sonst nichts.«

»No ja«, sagte Franz.

»Es ist ja auch nicht mehr viel Zeit«, sagte Max, »jetzt ist Juni und im September wollen wir fahren.«

»Deshalb will ich gerade, daß wir zusammen lernen«, sagte Robert und machte große Augen auf die zwei, die gegen ihn waren. Besonders sein Hals wurde gelenkig, wenn man ihm widersprach.

Man denkt, man beschreibt ihn richtig, aber es ist nur angenähert und wird vom Tagebuch korrigiert.

Es liegt wahrscheinlich im Wesen der Freundschaft und folgt ihr schattengleich – einer wird es begrüßen, der andere bedauern, der dritte gar nicht merken ...

 

26. September. Der Zeichner Kubin empfiehlt als Abfuhrmittel Regulin, eine zerstampfte Alge, die im Darm aufquillt, ihn zum Zittern bringt, also mechanisch wirkt, zum Unterschied von der ungesunden, chemischen Wirkung anderer Abführmittel, die bloß den Kot durchreißen, ihn also an den Darmwänden hängenlassen.

Er ist mit Hamsun bei Langen zusammengekommen. Er (Hamsun) feixt grundlos. Während des Gespräches, ohne daß er es unterbrochen hätte, hob er seinen Fuß aufs Knie, nahm vom Tisch eine große Papierschere und schnitt rundherum die Fransen seiner Hose ab. Schäbig angezogen, mit irgendeinem wertvolleren Detail, zum Beispiel Krawatte.

Geschichten von einer Künstlerpension in München, wo Maler und Veterinärärzte wohnten (die Schule der letzteren war in der Nähe) und wo es so verlottert zuging, daß die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, von wo man eine gute Aussicht hatte, vermietet wurden. Um diese Zuseher zu befriedigen, sprang manchmal ein Pensionär auf das Fensterbrett und löffelte in Affenstellung seinen Suppentopf auf.

Ein Erzeuger falscher Altertümer, der die Verwitterung durch Schrotschüsse erzeugte und der von einem Tisch sagte: Jetzt müssen wir noch dreimal auf ihm Kaffee trinken, dann kann er ans Innsbrucker Museum weggeschickt werden.

Kubin selbst: sehr stark, aber etwas einförmig bewegtes Gesicht, mit der gleichen Muskelanspannung beschreibt er die verschiedensten Sachen. Sieht verschieden alt, groß und stark aus, je nachdem er sitzt, aufsteht, bloßen Anzug oder Überzieher hat.

 

27. September. Gestern auf dem Wenzelsplatz zwei Mädchen begegnet, zu lange den Blick auf einer gehalten, während gerade die andere, wie sich zu spät zeigte, einen häuslich weichen, braunen, faltigen, weiten, vorn ein wenig offenen Mantel trug, zarten Hals und zarte Nase hatte, das Haar war in einer schon vergessenen Weise schön. – Alter Mann mit locker hängenden Hosen auf dem Belvedere. Er pfeift; wenn ich ihn anschaue, hört er auf; schaue ich weg, fängt er wieder an; endlich pfeift er, auch wenn ich ihn anschaue. – Der schöne große Knopf, schön angebracht unten auf dem Ärmel eines Mädchenkleides. Das Kleid auch schön getragen, über amerikanischen Stiefeln schwebend. Wie selten gelingt mir etwas Schönes, und diesem unbeachteten Knopf und seiner unwissenden Schneiderin gelingt's. – Die Erzählerin auf dem Weg zum Belvedere, deren lebhafte Augen unabhängig von den augenblicklichen Worten zufrieden ihre Geschichte bis an ihr Ende überblickten. – Mächtige halbe Halswendung eines starken Mädchens.

29. September. Goethes Tagebücher. Ein Mensch, der kein Tagebuch hat, ist einem Tagebuch gegenüber in einer falschen Position. Wenn er zum Beispiel in Goethes Tagebüchern liest: »11. 1. 1797. Den ganzen Tag zu Hause mit verschiedenen Anordnungen beschäftigt«, so scheint es ihm, er selbst hätte noch niemals an einem Tag so wenig gemacht.

Reisebetrachtungen Goethes anders als die heutigen, weil sie aus einer Postkutsche gemacht und mit den langsamen Veränderungen des Geländes sich einfacher entwickeln und viel leichter selbst von demjenigen verfolgt werden können, der jene Gegenden nicht kennt. Ein ruhiges, förmlich landschaftliches Denken tritt ein. Da die Gegend unbeschädigt in ihrem eingeborenen Charakter dem Insassen des Wagens sich darbietet und auch die Landstraßen das Land viel natürlicher schneiden als die Eisenbahnstrecken, zu denen sie vielleicht im gleichen Verhältnis stehn wie Flüsse zu Kanälen, so braucht es auch beim Beschauer keiner Gewalttätigkeiten, und er kann ohne große Mühe systematisch sein. Augenblicksbeobachtungen gibt es daher wenige, meist nur in Innenräumen, wo bestimmte Menschen gleich grenzenlos einem vor den Augen aufbrausen, zum Beispiel österreichische Offiziere in Heidelberg, dagegen ist die Stelle von den Männern in Wiesenheim der Landschaft näher, »sie tragen blaue Röcke und mit gewirkten Blumen verzierte weiße Westen« (nach dem Gedächtnis zitiert). Viel über den Rheinfall bei Schaffhausen niedergeschrieben, mitten drin in größeren Buchstaben: »Erregte Ideen«.

Kabarett Lucerna. Lucie König stellt Photographien mit alten Frisuren aus. Abgeschabtes Gesicht. Manchmal gelingt ihr etwas mit der von unten her gehobenen Nase, mit dem emporgehaltenen Arm und einer Wendung aller Finger. Waschlappiges Gesicht. – LongenLongen schrieb später eine Biographie Jaroslav Hašeks, des Verfassers des Buches ›Der brave Soldat Schwejk‹. – Der in derselben Notiz erwähnte Grünbaum ist der bekannte Komiker. (Maler Pittermann) mimische Scherze. Eine Leistung, die offenbar ohne Lust ist, und doch so lustlos nicht gedacht werden kann, da sie doch dann nicht jeden Abend durchgeführt werden könnte, besonders da sie selbst bei ihrer Erfindung so lustlos war, daß sich kein genügendes Schema ergeben hat, welches das genug häufige Eintreten des ganzen Menschen ersparen würde. Hübscher Clownsprung über einen Sessel weg ins Leere der Seitenkulisse. Das Ganze erinnert an eine Vorführung in einer Privatgesellschaft, wo man einer mühseligen, unbedeutenden Leistung aus dem geselligen Bedürfnis heraus besonders applaudiert, um mit Rücksicht auf das Minus der Leistung durch das Plus des Beifalls etwas Glattes, Abgerundetes zu erhalten. Sänger Vaschata. So schlecht, daß man sich in seinem Anblick verliert. Aber weil er ein starker Mensch ist, hält er doch mit einer, sicher nur mir zum Bewußtsein kommenden tierischen Kraft die Aufmerksamkeit des Publikums halbwegs gesammelt.

Grünbaum wirkt mit der angeblich nur scheinbaren Trostlosigkeit seiner Existenz.

Odys, Tänzerin. Steife Hüften. Richtige Fleischlosigkeit. Rote Knie passen nur zum Tanz ›Frühlingsstimmung‹.

 

30. September. Das Mädchen im Nebenzimmer vorgestern (H. H.). Ich lag auf dem Kanapee und hörte auf dem Rande des Halbschlafs ihre Stimme. Sie kam mir besonders stark angezogen vor, nicht nur in ihre Kleider, sondern auch in das ganze Nebenzimmer, nur ihre geformte, nackte runde, starke dunkle Schulter, die ich im Bad gesehen hatte, kam gegen ihre Kleider auf. Einen Augenblick schien sie mir zu dampfen und das ganze Nebenzimmer mit ihren Dämpfen zu füllen. Dann stand sie im Mieder von aschgrauer Farbe, das unten so weit vom Körper abstand, daß man sich daraufsetzen und so gewissermaßen reiten konnte.

Noch Kubin: Die Gewohnheit, die letzten Worte des andern auf jeden Fall in billigendem Tone nachzusprechen, wenn sich auch durch die daran gesponnene eigene Rede herausstellt, daß man mit dem andern durchaus nicht übereinstimmt. Ärgerlich. – Im Anhören seiner vielen Geschichten kann man vergessen, was er wert ist. Plötzlich wird man daran erinnert und erschrickt. Es war davon die Rede, daß ein Lokal, in das wir gehn wollten, gefährlich sei; er sagte, da gehe er nicht hin; ich fragte ihn, ob er ängstlich sei, darauf antwortete er und war zudem noch in mich eingehängt: »Natürlich, ich bin jung und habe noch viel vor.«

Den ganzen Abend sprach er oft und meiner Meinung nach ganz ernsthaft von meiner und seiner Verstopfung. Gegen Mitternacht sah er aber, als ich meine Hand vom Tischrand hängen ließ, ein Stück meines Armes und rief: »Aber Sie sind ja wirklich krank.« Behandelte mich von da ab noch viel nachgiebiger und wehrte auch später den andern, die mir zureden wollten, auch mit ins B. zu gehen. Als wir uns schon verabschiedet hatten, rief er mir noch aus der Ferne zu: »Regulin!«

Tucholsky und Szafranski. Das gehauchte Berlinerisch, in dem die Stimme Ruhepausen braucht, die von »nich« gebildet werden. Der erste ein ganz einheitlicher Mensch von einundzwanzig Jahren. Vom gemäßigten und starken Schwingen des Spazierstocks, das die Schulter jugendlich hebt, angefangen bis zum überlegten Vergnügen und Mißachten seiner eigenen schriftstellerischen Arbeiten. Will Verteidiger werden, sieht nur wenige Hindernisse gleichzeitig mit der Möglichkeit ihrer Beseitigung: seine helle Stimme, die nach dem männlichen Klang der ersten durchredeten halben Stunde angeblich mädchenhaft wird – Zweifel an der eigenen Fähigkeit zur Pose, die er sich aber von größerer Welterfahrung erhofft – endlich Angst vor einer Verwandlung ins Weltschmerzliche, wie er es an ältern Berliner Juden seiner Richtung bemerkt hat, allerdings spürt er vorläufig gar nichts davon. Er wird bald heiraten.

Szafranski, Schüler Bernhards, macht während des Zeichnens und Beobachtens Grimassen, die mit dem Gezeichneten in Verbindung stehn. Erinnert mich daran, daß ich für meinen Teil eine starke Verwandlungsfähigkeit habe, die niemand bemerkt. Wie oft mußte ich Max nachmachen. Gestern abend auf dem Nachhauseweg hätte ich mich als Zuschauer mit Tucholsky verwechseln können. Das fremde Wesen muß dann in mir so deutlich und unsichtbar sein wie das Versteckte in einem Vexierbild, in dem man auch niemals etwas finden würde, wenn man nicht wüßte, daß es drin steckt. Bei diesen Verwandlungen möchte ich besonders gern an ein Sichtrüben der eigenen Augen glauben.




1.Oktober. Alt-Neu-Synagoge gestern. Kol NidreEinleitungsgebet am Vorabend des Versöhnungstages. . Gedämpftes Börsengemurmel. Im Vorraum Büchse mit der Aufschrift: »Milde Gaben im stillen besänftigen den Unwillen.« Kirchenmäßiges Innere. Drei fromme, offenbar östliche Juden. In Socken. Über das Gebetbuch gebeugt, den Gebetmantel über den Kopf gezogen, möglichst klein geworden. Zwei weinen, nur vom Feiertag gerührt? Einer hat vielleicht nur wehe Augen, an die er das noch gefaltete Sacktuch flüchtig legt, um das Gesicht gleich wieder nahe an den Text zu halten. Nicht eigentlich oder hauptsächlich wird das Wort gesungen, aber hinter dem Wort her werden Arabesken gezogen aus dem haardünn weitergesponnenen Wort. Der kleine Junge, der ohne die geringste Vorstellung des Ganzen und ohne Orientierungsmöglichkeit, den Lärm in den Ohren, sich zwischen den gedrängten Leuten hinschiebt und geschoben wird. Der scheinbare Kommis, der sich beim Beten rasch schüttelt, was nur als Versuch einer möglichst starken, wenn auch vielleicht unverständlichen Betonung jedes Wortes zu verstehen ist, wobei die Stimme geschont wird, die überdies in dem Lärm eine klare große Betonung nicht zustande brächte. Die Familie des Bordellbesitzers. In der Pinkassynagoge war ich unvergleichlich stärker vom Judentum hergenommen.

Vorvorgestern. Die eine, Jüdin mit schmalem Gesicht, besser: das in ein schmales Kinn verläuft, aber von einer ausgedehnt welligen Frisur ins Breite geschüttelt wird. Die drei kleinen Türen, die aus dem Innern des Gebäudes in den Salon fuhren. Die Gäste wie in einer Wachtstube auf der Bühne. Getränke auf dem Tisch werden ja kaum angerührt. Die Flachgesichtige im eckigen Kleid, das erst tief unten in einem Saum sich zu bewegen anfängt. Einige hier angezogen wie die Marionetten für Kindertheater, wie man sie auf dem Christmarkt verkauft, das heißt mit Rüschen und Gold beklebt und lose benäht, so daß man sie mit einem Zug abtrennen kann und daß sie einem dann in den Fingern zerfallen. Die Wirtin mit dem mattblonden, aber zweifellos ekelhaften Unterlagen straff gezogenen Haar, mit der scharf niedergehenden Nase, deren Richtung in irgendeiner geometrischen Beziehung zu den hängenden Brüsten und dem steifgehaltenen Bauch steht, klagt über Kopfschmerzen, die dadurch verursacht sind, daß heute, Samstag, ein so großer Rummel und nichts daran ist.

Zu Kubin: Die Geschichte von Hamsun ist verdächtig. Solche Geschichten könnte man aus seinen Werken zu Tausenden als erlebt erzählen.

Zu Goethe: »Erregte Ideen« sind bloß die Ideen, die der Rheinfall erregt. Man sieht das aus einem Brief an Schiller. – Die vereinzelte Augenblicksbeobachtung »Kastagnettenrhythmus der Kinder in Holzschuhen« hat eine solche Wirkung gemacht, ist so allgemein angenommen, daß es undenkbar ist, daß jemand, wenn er auch diese Bemerkung niemals gelesen hätte, diese Beobachtung als eigene Originalidee fühlen könnte.

2. Oktober. Schlaflose Nacht. Schon die dritte in einer Reihe. Ich schlafe gut ein, nach einer Stunde aber wache ich auf, als hätte ich den Kopf in ein falsches Loch gelegt. Ich bin vollständig wach, habe das Gefühl, gar nicht oder nur unter einer dünnen Haut geschlafen zu haben, habe die Arbeit des Einschlafens von neuem vor mir und fühle mich vom Schlaf zurückgewiesen. Und von jetzt an bleibt es die ganze Nacht bis gegen fünf so, daß ich zwar schlafe, daß aber bald starke Träume mich gleichzeitig wachhalten. Neben mir schlafe ich förmlich, während ich selbst mit Träumen mich herumschlagen muß. Gegen fünf ist die letzte Spur von Schlaf verbraucht, ich träume nur, was anstrengender ist als Wachen. Kurz, ich verbringe die ganze Nacht in dem Zustand, in dem sich ein gesunder Mensch ein Weilchen lang vor dem eigentlichen Einschlafen befindet. Wenn ich erwache, sind alle Träume um mich versammelt, aber ich hüte mich, sie zu durchdenken. Gegen früh seufze ich in den Polstern, weil für diese Nacht alle Hoffnung vorüber ist. Ich denke an jene Nächte, an deren Ende ich aus dem tiefen Schlaf gehoben wurde, und erwachte, als wäre ich in einer Nuß eingesperrt gewesen.

Eine schreckliche Erscheinung war heute in der Nacht ein blindes Kind, scheinbar die Tochter meiner Leitmeritzer Tante, die übrigens keine Tochter hat, sondern nur Söhne, von denen einer einmal den Fuß gebrochen hatte. Dagegen waren zwischen diesem Kind und der Tochter Dr. Ms. Beziehungen, die, wie ich letzthin gesehen habe, auf dem Wege ist, aus einem hübschen Kind ein dickes, steif angezogenes kleines Mädchen zu werden. Dieses blinde oder schwachsichtige Kind hatte beide Augen von einer Brille bedeckt, das linke unter dem ziemlich weitentfernten Augenglas war milchgrau und rund vortretend, das andere trat zurück und war von einem anliegenden Augenglas verdeckt. Damit dieses Augenglas optisch richtig eingesetzt sei, war es nötig, statt des gewöhnlichen über das Ohr zurückgehenden Halters, einen Hebel anzuwenden, dessen Kopf nicht anders befestigt werden konnte als am Wangenknochen, so daß von diesem Augenglas ein Stäbchen zur Wange hinunterging, dort im durchlöcherten Fleisch verschwand und am Knochen endete, während ein neues Drahtstäbchen heraustrat und über das Ohr zurückging.

Ich glaube, diese Schlaflosigkeit kommt nur daher, daß ich schreibe. Denn so wenig und so schlecht ich schreibe, ich werde doch durch diese kleinen Erschütterungen empfindlich, spüre besonders gegen Abend und noch mehr am Morgen das Wehen, die nahe Möglichkeit großer, mich aufreißender Zustände, die mich zu allem fähig machen könnten, und bekomme dann in dem allgemeinen Lärm, der in mir ist und dem zu befehlen ich nicht Zeit habe, keine Ruhe. Schließlich ist dieser Lärm nur eine bedrückte, zurückgehaltene Harmonie, die freigelassen mich ganz erfüllen, ja sogar noch in die Weite spannen und dann noch erfüllen würde. Jetzt aber verursacht mir dieser Zustand neben schwachen Hoffnungen nur Schaden, da mein Wesen nicht genug Fassungskraft hat, die gegenwärtige Mischung zu ertragen, bei Tag hilft mir die sichtbare Welt, in der Nacht zerschneidet es mich ungehindert. Immer denke ich dabei an Paris, in dem zur Zeit der Belagerung und später bis zur Commune die dem Pariser bis dahin fremde Bevölkerung der nördlichen und östlichen Vorstädte in der Zeit von Monaten förmlich von Stunde zu Stunde durch die verbindenden Gassen stockend wie Uhrzeiger in das Innere von Paris rückte.

Mein Trost ist – und mit ihm lege ich mich jetzt nieder –, daß ich so lange nicht geschrieben habe, daß sich daher dieses Schreiben in meine gegenwärtigen Verhältnisse noch nicht einordnen konnte, daß dies jedoch bei einiger Männlichkeit wenigstens provisorisch gelingen muß.

Ich war heute so schwach, daß ich sogar meinem Chef die Geschichte von dem Kind erzählte. – Jetzt erinnerte ich mich, daß die Brille im Traum von meiner Mutter stammt, die am Abend neben mir sitzt und unter ihrem Zwicker während des Kartenspiels nicht sehr angenehm zu mir herüberschaut. Ihr Zwicker hat sogar, was ich früher bemerkt zu haben mich nicht erinnere, das rechte Glas näher dem Auge als das linke.

 

3. Oktober. Die gleiche Nacht, nur noch schwerer eingeschlafen. Beim Einschlafen ein vertikal gehender Schmerz im Kopf über der Nasenwurzel, wie von einer zu scharf gepreßten Stirnfalte. Um möglichst schwer zu sein, was ich für das Einschlafen für gut halte, hatte ich die Arme gekreuzt und die Hände auf die Schultern gelegt, so daß ich dalag wie ein bepackter Soldat. Wieder war es die Kraft meiner Träume, die schon ins Wachsein vor dem Einschlafen strahlen, die mich nicht schlafen ließ. Das Bewußtsein meiner dichterischen Fähigkeiten ist am Abend und am Morgen unüberblickbar. Ich fühle mich gelockert bis auf den Boden meines Wesens und kann aus mir heben, was ich nur will. Dieses Hervorlocken solcher Kräfte, die man dann nicht arbeiten läßt, erinnern mich an mein Verhältnis zur B. Auch hier sind Ergießungen, die nicht entlassen werden, sondern im Rückstoß sich selbst vernichten müssen, nur daß es sich hier – das ist der Unterschied – um geheimnisvollere Kräfte und um mein Letztes handelt.

Auf dem Josefsplatz fuhr ein großes Reiseautomobil mit einer fest aneinander sitzenden Familie an mir vorüber. Hinter dem Automobil ging mir mit dem Benzingeruch ein Luftzug von Paris über das Gesicht.

Beim Diktieren einer größeren Anzeige an eine Bezirkshauptmannschaft im Bureau. Im Schluß, der sich aufschwingen sollte, blieb ich stecken und konnte nichts als das Maschinenfräulein K. ansehn, die nach ihrer Gewohnheit besonders lebhaft wurde, ihren Sessel rückte, hustete, auf dem Tisch herumtippte und so das ganze Zimmer auf mein Unglück aufmerksam machte. Der gesuchte Einfall bekommt jetzt auch den Wert, daß er sie ruhig machen wird, und läßt sich, je wertvoller er wird, desto schwerer finden. Endlich habe ich das Wort »brandmarken« und den dazu gehörigen Satz, halte alles aber noch im Mund mit einem Ekel und Schamgefühl, wie wenn es rohes Fleisch, aus mir geschnittenes Fleisch wäre (solche Mühe hat es mich gekostet.) Endlich sage ich es, behalte aber den großen Schrecken, daß zu einer dichterischen Arbeit alles in mir bereit ist und eine solche Arbeit eine himmlische Auflösung und ein wirkliches Lebendigwerden für mich wäre, während ich hier im Bureau um eines so elenden Aktenstückes willen einen solchen Glückes fähigen Körper um ein Stück seines Fleisches berauben muß.




4. Oktober. Ich bin unruhig und giftig. Gestern vor dem Einschlafen hatte ich links oben im Kopf ein flackerndes kühles Flämmchen. über meinem linken Auge hat sich eine Spannung schon eingebürgert. Denke ich daran, so scheint es mir, daß ich es im Bureau auch dann nicht aushalten könnte, wenn man mir sagte, daß ich in einem Monat frei sein werde. Und doch tue ich im Bureau meist meine Pflicht, bin recht ruhig, wenn ich der Zufriedenheit meines Chefs sicher sein kann, und empfinde meinen Zustand nicht als einen schrecklichen. Gestern abend habe ich mich übrigens mit Absicht dumpf gemacht, war spazieren, habe Dickens gelesen, war dann etwas gesünder und hatte die Kraft zu der Traurigkeit verloren, die ich als berechtigt ansah, wenn sie mir auch etwas in die Ferne gerückt schien, wovon ich mir einen bessern Schlaf erhoffte. Er war auch ein wenig tiefer, aber nicht genug, und oft unterbrochen. Ich sagte mir zum Trost, daß ich zwar die große Bewegung, die in mir gewesen war, wieder unterdrückt hatte, daß ich mich aber nicht aus der Hand geben wollte, wie früher immer nach solchen Zeiten, sondern daß ich mir auch der Nachwehen jener Bewegung genau bewußt bleiben wolle, was ich früher nie getan hatte. Vielleicht könnte ich so eine verborgene Standhaftigkeit in mir finden.

Gegen Abend im Dunkel in meinem Zimmer auf dem Kanapee. Warum braucht man längere Zeit, um eine Farbe zu erkennen, wird dann aber nach der entscheidenden Biegung des Verständnisses rasch immer überzeugter von der Farbe. Wirkt auf die Glastür von außen her das Licht des Vorzimmers und jenes der Küche gleichzeitig, so gießt sich grünliches oder besser, um den sichern Eindruck nicht zu entwerten, grünes Licht die Scheiben fast ganz hinab. Wird das Licht im Vorzimmer abgedreht und bleibt nur das Küchenlicht, so wird die der Küche nähere Scheibe tiefblau, die andere weißlich blau, so weißlich, daß sich die ganze Zeichnung auf dem Mattglas (stilisierte Mohnköpfe, Ranken, verschiedene Vierecke und Blätter) auflöst.

Die von dem elektrischen Licht auf der Straße und Brücke unten auf die Wände und die Decke geworfenen Lichter und Schatten sind ungeordnet, zum Teil verdorben, einander überdeckend und schwer zu überprüfen. Es wurde eben bei der Aufstellung der elektrischen Bogenlampen unten und bei der Einrichtung dieses Zimmers keine hausfrauenmäßige Rücksicht daraufgenommen, wie mein Zimmer zu dieser Stunde vom Kanapee aus ohne eigene Zimmerbeleuchtung aussehen wird.

Der von der unten fahrenden Elektrischen an die Decke emporgeworfene Glanz fährt weißlich, schleierhaft und mechanisch stockend die eine Wand und Decke, in der Kante gebrochen, entlang. – Der Globus steht im ersten frischen, vollen Widerschein der Straßenbeleuchtung auf dem oben grünlich rein überleuchteten Wäschekasten, hat einen Glanzpunkt auf seiner Rundung und ein Aussehn, als sei ihm der Schein doch zu stark, obwohl das Licht an seiner Glätte vorüberfährt und ihn eher bräunlich, lederapfelartig zurückläßt. – Das Licht aus dem Vorzimmer bringt einen großflächigen Glanz an der Wand über dem Bett hervor, der in einer geschwungenen Linie vom Kopfende des Bettes aus begrenzt wird, das Bett im Augenblick niederdrückt, die dunklen Bettpfosten verbreitert, die Zimmerdecke über dem Bette hebt.

 

5. Oktober. Zum erstenmal seit einigen Tagen wieder Unruhe, selbst vor diesem Schreiben. Wut über meine Schwester, die ins Zimmer kommt und sich mit einem Buch zum Tisch setzt. Abwarten der nächsten kleinen Gelegenheit zum Losgehn dieser Wut. Endlich nimmt sie eine Visitkarte vom Behälter und stochert mit ihr zwischen den Zähnen herum. Mit abfahrender Wut, von der mir nur ein scharfer Dampf im Kopf zurückbleibt, und beginnender Erleichterung und Zuversicht fange ich zu schreiben an.

Gestern abend Cafe Savoy. Jüdische Gesellschaft.Es handelt sich um eine Wandertruppe ostjüdischer Schauspieler, die von da an für Kafkas Leben und Entwicklung bedeutsam wird. Die Truppe benutzte ein kleines, wenig angesehenes Café als Theatersaal. Wir beide hatten schon 1910 (im Mai) ähnliche Aufführungen einer andern Truppe in demselben Café gesehen. – Frau K. »Herrenimitatorin«. Im Kaftan, kurzen schwarzen Hosen, weißen Strümpfen, einem aus der schwarzen Weste steigenden dünnwolligen weißen Hemd, das vorn am Hals von einem Zwirnknopf gehalten ist und dann in einen breiten, losen, langauslaufenden Kragen umschlägt. Auf dem Kopf, das Frauenhaar umfassend, aber auch sonst nötig und von ihrem Mann auch getragen, ein dunkles randloses Käppchen, darüber ein großer weicher schwarzer Hut mit hochaufgebogenem Rand. – Eigentlich weiß ich nicht, was für Personen das sind, die sie und ihr Mann darstellen. Wollte ich sie jemandem erklären, dem ich meine Unwissenheit nicht eingestehn will, würde ich sehn, daß ich sie für Gemeindediener halte, für Angestellte des Tempels, bekannte Faulenzer, mit denen sich die Gemeinde abgefunden hat, irgendwie aus religiösen Gründen bevorzugte Schnorrer, Leute, die infolge ihrer abgesonderten Stellung gerade ganz nahe am Mittelpunkt des Gemeindelebens sind, infolge ihres nutzlosen aufpasserischen Herumziehns viele Lieder kennen, die Verhältnisse aller Gemeindemitglieder genau durchschauen, aber infolge ihrer Beziehungslosigkeit zum Berufsleben nichts mit diesen Kenntnissen anzufangen wissen, Leute, die in einer besonders reinen Form Juden sind, weil sie nur in der Religion, aber ohne Mühe, Verständnis und Jammer in ihr leben. Sie scheinen sich aus jedem einen Narren zu machen, lachen gleich nach der Ermordung eines edlen Juden, verkaufen sich einem Abtrünnigen, tanzen, die Hände vor Entzücken am Wangenhaar, als der entlarvte Mörder sich vergiftet und Gott anruft, und doch alles nur, weil sie so federleicht sind, unter jedem Druck auf dem Boden liegen, empfindlich sind, gleich mit trockenem Gesicht weinen (sie weinen sich in Grimassen aus), sobald der Druck aber vorüber ist, nicht das geringste Eigengewicht aufbringen, sondern gleich in die Höhe springen müssen.

Sie müßten daher einem ernsten Stück, wie es der ›Meschumed‹›Meschumed‹. ›Der Getaufte‹ (wörtlich: ›Der Vernichtete‹). – Man wird wohl nicht mit Unrecht in den beiden hier geschilderten Figuren, die eine Art Chorus bilden, die erste Skizze der beiden »Gehilfen« im Roman ›Das Schloß‹ erblicken. von Lateiner ist, eigentlich viel Sorge machen, da sie immer in ganzer Größe und oft auf den Fußspitzen mit beiden Beinen in der Luft vorn auf der Bühne sind und die Aufregung des Stückes nicht lösen, sondern zerschneiden. Nun wickelt sich aber der Ernst des Stückes in so geschlossenen, selbst in der möglichen Improvisation abgewogenen, von einheitlichem Gefühl gespannten Worten ab, daß, selbst wenn die Handlung nur im Hintergrund der Bühne vor sich geht, sie sich ihre Bedeutung immer wahrt. Eher werden hie und da die zwei im Kaftan unterdrückt, was ihrer Natur entspricht, und man sieht trotz ihrer ausgebreiteten Arme und schnippenden Finger nur hinten den Mörder, der, das Gift in sich, die Hand an seinem eigentlich zu weiten Kragen, zur Türe wankt.

Die Melodien sind lang, der Körper vertraut sich ihnen gerne an. Infolge ihrer gerade verlaufenden Länge wird ihnen am besten durch das Wiegen der Hüften, durch ausgebreitete, in ruhigem Atem gehobene und gesenkte Arme, durch Annäherung der Handflächen an die Schläfen und sorgfältige Vermeidung der Berührung entsprochen. Erinnert etwas an den Schlapak.Tschechischer Volkstanz.

Bei manchen Liedern, der Ansprache »jüdische Kinderlach«, manchem Anblick dieser Frau, die auf dem Podium, weil sie Jüdin ist, uns Zuhörer, weil wir Juden sind, an sich zieht, ohne Verlangen oder Neugier nach Christen, ging mir ein Zittern über die Wangen. Der Regierungsvertreter, der vielleicht mit Ausnahme eines Kellners und zweier links von der Bühne stehenden Dienstmädchen einzige Christ im Saal, ist ein kläglicher Mensch, mit einem Gesichts-Tic behaftet, der besonders in der linken Gesichtshälfte, und auch in die rechte stark einreißend, das Gesicht mit der fast schonungsvollen Geschwindigkeit, ich meine Flüchtigkeit des Sekundenzeigers, aber auch seiner Regelmäßigkeit zusammenzieht und läßt. Wenn er über das linke Auge hinfährt, löscht er es fast aus. Für dieses Zusammenziehen haben sich in dem sonst ganz verfallenen Gesicht neue kleine frische Muskeln entwickelt.

Die talmudische Melodie genauer Fragen, Beschwörungen oder Erklärungen: In eine Röhre fährt die Luft und nimmt die Röhre mit, dafür dreht sich dem Befragten aus kleinen fernen Anfängen eine große, im ganzen stolze, in ihren Biegungen demütige Schraube entgegen.




6. Oktober. Die zwei alten Männer vorn bei dem langen Tisch an der Bühne. Der eine stützt sich mit beiden Armen auf den Tisch und hat nur sein Gesicht, dessen falsche gedunsene Röte mit einem unregelmäßig viereckigen, verfilzten Bart darunter sein Alter traurig verheimlicht, rechts zur Bühne emporgewendet, während der andere, der Bühne gerade gegenüber, sein vom Alter richtig trocken gewordenes Gesicht frei vom Tisch zurückhält, an den er sich nur mit dem linken Arm lehnt, und seinen rechten Arm in der Luft gebogen hält, um die Melodie besser zu genießen, der seine Fußspitzen folgen und der die kurze Pfeife in seiner Rechten schwach nachgibt. »Tateleben, so sing doch mit«, ruft die Frau bald dem ersten, bald dem zweiten zu, indem sie sich ein wenig bückt und die Arme antreibend vorstreckt.

Die Melodien sind dazu geeignet, jeden aufspringenden Menschen aufzufangen und, ohne zu zerreißen, seine ganze Begeisterung zu umfassen, wenn man schon einmal nicht glauben will, daß sie sie ihm geben. Denn besonders die zwei im Kaftan eilen zum Singen hin, als strecke es ihnen den Leib nach seinem eigentlichsten Bedürfnis, und das Händezusammenschlagen während des Gesanges zeigt offenbar das beste Wohlsein des Menschen im Schauspieler an. – Die Kinder des Wirtes in einer Ecke bleiben mit der Frau K. auf der Bühne in kindlicher Beziehung und singen mit, den Mund zwischen den sich aufstülpenden Lippen voll von der Melodie.

Das Stück: Seidemann, ein reicher Jude, hat sich, in offenbarer Verdichtung aller seiner verbrecherischen Instinkte auf dieses Ziel hin, taufen lassen, schon vor zwanzig Jahren, und hat seine Frau damals, da sie sich zur Taufe nicht zwingen ließ, vergiftet. Seitdem hat er sich angestrengt, den Jargon zu vergessen, der freilich ohne Absicht in seiner Rede unten mitklingt, besonders am Anfang, damit es sich die Zuhörer merken und weil die herankommenden Vorgänge dazu noch Zeit lassen, und äußert immerfort einen großen Ekel vor allem Jüdischen. Seine Tochter hat er für den Offizier Dragomirow bestimmt, während sie, die ihren Vetter, den jungen Edelmann, liebt, in einer großen Szene sich in einer ungebräuchlichen, erst in der Taille gebrochenen steinernen Stellung aufrichtend, ihrem Vater erklärt, daß sie fest am Judentum halte, und die einen ganzen Akt mit einem verächtlichen Lachen über den ihr angetanen Zwang beendet. (Die Christen des Stückes sind: ein braver polnischer Diener Seidemanns, der später zu seiner Entlarvung beiträgt, brav vor allem deshalb, weil um Seidemann die Gegensätze versammelt sein müssen, der Offizier, mit dem sich das Stück, abgesehen von der Darstellung seiner Verschuldung, wenig abgibt, weil er als vornehmer Christ niemanden interessiert, ebenso wie ein später auftretender Gerichtspräsident, und endlich ein Gerichtsdiener, dessen Bösartigkeit über die Anforderung seiner Stellung und die Lustigkeit der zwei Kaftanleute nicht hinausgeht, obwohl ihn Max einen Pogromisten nennt.) Dragomirow kann aber aus irgendwelchen Gründen nur heiraten, wenn seine Wechsel ausgelöst werden, die der alte Edelmann besitzt, die dieser aber, obwohl er vor der Abreise nach Palästina steht und obwohl sie Seidemann mit Bargeld bezahlen will, nicht hergibt. Die Tochter ist gegen den verliebten Offizier stolz und rühmt sich ihres Judentums, obwohl sie getauft ist, der Offizier weiß sich nicht zu helfen und sieht, die Arme schlaff, die Hände unten lose verschlungen, hilfesuchend den Vater an. Die Tochter entflieht zu Edelmann, sie will den Geliebten heiraten, wenn auch vorläufig im geheimen, da ein Jude nach dem weltlichen Gesetz eine Christin nicht heiraten darf und sie offenbar ohne Zustimmung ihres Vaters nicht zum Judentum übergehen kann. Der Vater kommt hin, sieht ein, daß ohne List alles verloren wäre, und gibt äußerlich seinen Segen zu dieser Ehe. Alle verzeihen ihm, ja fangen ihn so zu lieben an, als wären sie im Unrecht gewesen, sogar der alte Edelmann und er besonders, obwohl er weiß, daß Seidemann seine Schwester vergiftet hat. (Diese Lücke ist vielleicht durch eine Kürzung entstanden, vielleicht aber auch dadurch, daß das Stück hauptsächlich mündlich von einer Schauspielertruppe zur andern verbreitet ist.) Durch diese Versöhnung erlangt Seidemann vor allem die Wechsel des Dragomirow, denn »weißt du«, sagt er, »ich will nicht, daß dieser Dragomirow schlecht von den Juden spricht«, und Edelmann gibt sie ihm umsonst, dann ruft ihn Seidemann zu der Portiere im Hintergrund, angeblich um ihm etwas zu zeigen, und sticht ihm von hinten ein Messer durch den Schlafrock tödlich in den Rücken. (Zwischen der Versöhnung und dem Mord war Seidemann eine Zeitlang von der Bühne entfernt, um sich den Plan auszudenken und das Messer zu kaufen.) Dadurch will er den jungen Edelmann an den Galgen bringen, denn auf ihn muß der Verdacht fallen, und seine Tochter wird frei für Dragomirow. Er entläuft, Edelmann liegt hinter der Portiere. Die Tochter tritt mit dem Brautschleier auf, am Arm des jungen Edelmanns, der das Gebethemd angezogen hat. Der Vater ist, wie sie sehn, leider noch nicht da. Seidemann kommt und scheint glücklich über den Anblick des Brautpaares. Da erscheint ein Mann, vielleicht Dragomirow selbst, vielleicht bloß ein Schauspieler und eigentlich ein uns unbekannter Detektiv, und erklärt, eine Hausdurchsuchung vornehmen zu müssen, da man »in diesem Hause seines Lebens nicht sicher sei«. Seidemann: »Kinder, macht euch keine Sorgen, das ist natürlich ein Irrtum, selbstverständlich. Es wird sich alles aufklären.« Die Leiche Edelmanns wird gefunden, der junge Edelmann von seiner Geliebten gerissen und verhaftet. Einen ganzen Akt lang instruiert Seidemann mit großer Geduld und sehr gut betonten kleinen Zwischenbemerkungen (Ja, ja, ganz gut. Aber das ist falsch. Ja, das ist schon besser. Allerdings, allerdings) die beiden im Kaftan, wie sie vor Gericht die angebliche jahrelange Feindschaft zwischen dem alten und dem jungen Edelmann bezeugen sollen. Sie kommen schwer in Gang, es gibt viele Mißverständnisse, so treten sie bei einer improvisierten Probe der Gerichtsszene vor und erklären, Seidemann habe ihnen aufgetragen, die Sache in folgender Weise darzustellen – bis sie sich endlich so sehr in jene Feindschaft einleben, daß sie sogar – Seidemann kann sie nicht mehr aufhalten – zu zeigen imstande sind, wie der Mord selbst sich ereignet hat und der Mann die Frau mit Hilfe eines Kipfels niedersticht. Das ist natürlich wieder mehr, als nötig sein wird. Trotzdem ist Seidemann mit den beiden genügend zufrieden und erhofft mit ihrer Hilfe einen guten Ausgang des Prozesses. Hier greift für den gläubigen Zuhörer, ohne daß es irgendwie ausgesprochen würde, weil es selbstverständlich ist, Gott selbst an Stelle des zurückweichenden Schriftstellers ein und schlägt den Bösen mit Verblendung.

Im letzten Akt sitzt als Gerichtspräsident wieder der ewige Dragomirow-Schauspieler da (auch darin zeigt sich die Mißachtung des Christlichen, ein jüdischer Schauspieler kann gut drei christliche Rollen spielen, und wenn er sie schlecht spielt, macht es auch nichts) und neben ihm als Verteidiger mit großem Haar- und Schnurrbartaufwand, bald erkannt, Seidemanns Tochter. Man erkennt sie zwar bald, hält sie aber lange mit Rücksicht auf Dragomirow für einen Schauspielerersatz, bis man gegen die Mitte des Aktes einsieht, daß sie sich verkleidet hat, um ihren Geliebten zu retten. Die zwei im Kaftan sollen jeder einzeln Zeugenschaft ablegen, das wird ihnen aber sehr schwer, da sie es zu zweit eingeübt haben. Auch verstehen sie das Hochdeutsch des Präsidenten nicht, dem allerdings der Verteidiger, wenn es zu arg wird, aushilft, wie er ihm auch sonst einsagen muß. Dann kommt Seidemann, der schon früher die im Kaftan durch Amkleidzupfen zu dirigieren versucht hat, macht durch seine fließende bestimmte Rede, durch seine verständige Haltung, durch richtige Ansprache des Gerichtspräsidenten gegenüber den früheren Zeugen einen guten Eindruck, der in einem schrecklichen Gegensatz ist zu dem, was wir von ihm wissen. Seine Aussage ist ziemlich inhaltlos; er weiß leider sehr wenig von der ganzen Sache. Jetzt kommt aber im letzten Zeugen, dem Diener, der sich dessen nicht ganz bewußte eigentliche Ankläger Seidemanns. Er hat den Messereinkauf Seidemanns beobachtet, er weiß, daß Seidemann in der entscheidenden Zeit bei Edelmann war, er weiß schließlich, daß Seidemann die Juden und besonders Edelmann haßte und seine Wechsel wollte. Die zwei im Kaftan springen auf und sind glücklich, das alles bekräftigen zu können. Seidemann wehrt sich als ein etwas verwirrter Ehrenmann. Da kommt die Rede auf seine Tochter. Wo ist sie? Zu Hause natürlich und gibt ihm recht. Nein, das tut sie aber nicht, behauptet der Verteidiger und will es beweisen, wendet sich zur Wand, nimmt die Perücke ab und kehrt sich dem entsetzten Seidemann als seine Tochter zu. Strafend sieht das reine Weiß der Oberlippe aus, als sie auch den Schnurrbart entfernt. Seidemann hat Gift genommen, um der irdischen Gerechtigkeit zu entgehn, gesteht seine Übeltaten, aber kaum mehr den Menschen, sondern dem jüdischen Gott, zu dem er sich jetzt bekennt. Inzwischen hat der Klavierspieler eine Melodie angeschlagen, die zwei im Kaftan fühlen sich von ihr ergriffen und müssen lostanzen. Im Hintergrund steht das vereinigte Brautpaar, sie singen, besonders der ernste Bräutigam, die Melodie nach alter Tempelgewohnheit mit.

Erster Auftritt der zwei im Kaftan. Sie kommen mit Sammelbüchsen für Tempelzwecke in das Zimmer Seidemanns, sehn sich um, fühlen sich unbehaglich, sehn einander an. Fahren die Türpfosten mit den Händen entlang, finden keine MesusaWörtlich: Türpfosten. An der Wohnungstür jedes orthodoxen Juden ist eine Hülse mit einer Pergamentrolle darin angebracht, die bestimmte biblische Stücke enthält. . Auch bei den andern Türen nicht. Sie wollen es nicht glauben und springen an verschiedenen Türen in die Höhe und schlagen, wie beim Fliegenfangen, sich erhebend und niederfallend, immer wieder ganz oben auf die Türpfosten, daß es klatscht. Leider alles umsonst. Bisher haben sie kein Wort gesprochen.

Ähnlichkeit zwischen der Frau K. und der vorjährigen Frau W. Frau K. hat vielleicht ein um eine Kleinigkeit schwächeres und einförmigeres Temperament, dafür ist sie hübscher und anständiger. Die W. hatte den ständigen Witz, ihre Mitspieler mit ihrem großen Hintern anzustoßen. Überdies hatte sie eine schlechtere Sängerin neben sich und war uns ganz neu.

»Herrenimitatorin« ist eigentlich eine falsche Benennung. Dadurch, daß sie in ihrem Kaftan steckt, ist ihr Körper ganz vergessen. Nur durch ihr Schulterzucken und Rückendrehn, das wie unter Flohbissen geschieht, erinnert sie an ihren Körper. Die Ärmel müssen, obwohl sie kurz sind, jeden Augenblick ein Stückchen hinaufgezogen werden, wovon sich der Zuschauer für die Frau, die so viel herauszusingen und auch in talmudischer Weise zu erklären hat, eine große Erleichterung verspricht und selbst aufpaßt, daß es geschieht.

Wunsch, ein großes jiddisches Theater zu sehn, da die Aufführung doch vielleicht an dem kleinen Personal und ungenauer Einstudierung leidet. Auch der Wunsch, die jiddische Literatur zu kennen, der offenbar eine ununterbrochene nationale Kampfstellung zugewiesen ist, die jedes Werk bestimmt. Eine Stellung also, die keine Literatur, auch nicht die des unterdrückten Volkes, in dieser durchgängigen Weise hat. Vielleicht geschieht es bei andern Völkern in Kampfzeiten, daß die nationale, kämpferische Literatur hochkommt und andere, ferner stehende Werke durch die Begeisterung der Zuhörer einen in diesem Sinne nationalen Schein bekommen, wie zum Beispiel ›Die verkaufte Braut‹, hier scheinen aber nur die Werke der ersten Art, und zwar dauernd, zu bestehen.

Der Anblick der einfachen Bühne, die die Schauspieler ebenso stumm erwartet wie wir. Da sie mit ihren drei Wänden, dem Sessel und dem Tisch allen Vorgängen wird genügen müssen, erwarten wir nichts von ihr, erwarten mit unserer ganzen Kraft vielmehr die Schauspieler und sind daher widerstandslos von dem Gesang hinter den leeren Wänden angezogen, mit dem die Vorstellung eingeleitet wird.

 

9. Oktober. Sollte ich das vierzigste Lebensjahr erreichen, so werde ich wahrscheinlich ein altes Mädchen mit vorstehenden, etwas von der Oberlippe entblößten Oberzähnen heiraten. Die oberen Mittelzähne des Fräulein K., die in Paris und London war, sind gegeneinander verschoben, wie Beine, die man in den Knien flüchtig kreuzt. Vierzig Jahre alt werde ich aber kaum werden, dagegen spricht zum Beispiel die Spannung, die sich mir über die linke Schädelhälfte öfters legt, die sich wie ein innerer Aussatz anfühlt und die auf mich, wenn ich von den Unannehmlichkeiten absehe und nur betrachten will, den gleichen Eindruck macht wie der Anblick der Schädelquerschnitte in den Schullehrbüchern oder wie eine fast schmerzlose Sektion bei lebendem Leibe, wo das Messer, ein wenig kühlend, vorsichtig, oft stehenbleibend und zurückkehrend, manchmal ruhig liegend, blätterdünne Hüllen ganz nahe an arbeitenden Gehirnpartien noch weiter teilt.

Traum von heute nacht, den ich selbst früh noch nicht für schön hielt, abgesehen von einer kleinen, aus zwei Gegenbemerkungen bestehenden komischen Szene, die jenes ungeheuerliche Traumwohlgefallen zur Folge hatte, die ich aber vergessen habe.

Ich ging – ob gleich am Anfang Max dabei war, weiß ich nicht – durch eine lange Häuserreihe in der Höhe des ersten bis zweiten Stockwerkes, so wie man in Durchgangszügen von einem Waggon zum andern geht. Ich ging sehr rasch, vielleicht auch, weil manchmal das Haus so gebrechlich war, daß man schon deshalb eilte. Die Türen zwischen den Häusern fielen mir gar nicht auf, es war eben eine riesige Zimmerflucht, und doch war nicht nur die Verschiedenheit der einzelnen Wohnungen, sondern auch der Häuser zu erkennen. Es waren vielleicht lauter Zimmer mit Betten, durch die ich kam. Es ist mir ein typisches Bett in der Erinnerung geblieben, das seitwärts links von mir an der dunklen oder schmutzigen, vielleicht dachbodenartig schiefen Wand steht, einen niedrigen Aufbau von Bettwäsche hat und dessen Decke, eigentlich nur ein grobes Leintuch, zusammengetreten von den Füßen dessen, der hier geschlafen hat, in einem Zipfel hinunterhängt. Ich fühlte mich beschämt, zu einer Zeit, wo noch viele Leute in den Betten lagen, durch ihre Zimmer zu gehn, ging daher auf den Fußspitzen mit großen Schritten, durch die ich irgendwie zu zeigen hoffte, daß ich nur gezwungen durchgehe, alles möglichst schone und schwach auftrete, daß mein Durchgehn förmlich gar nicht gelte. Deshalb drehte ich auch im gleichen Zimmer niemals den Kopf und sah nur entweder das, was rechts zur Gasse zu oder was links zur Rückwand zu lag.

Die Reihe von Wohnungen war öfters von Bordellen unterbrochen, durch die ich aber, obwohl ich scheinbar ihretwegen diesen Weg machte, besonders rasch ging, so daß ich mir nichts als ihr Dasein gemerkt habe. Das letzte Zimmer aller Wohnungen war aber wieder ein Bordell, und hier blieb ich. Die der Tür, durch die ich eintrat, gegenüberliegende Wand, also die letzte Wand der Häuserreihe, war entweder aus Glas oder überhaupt durchbrochen und ich wäre beim Weitergehn hinuntergefallen. Es ist sogar wahrscheinlicher, daß sie durchbrochen war, denn es lagen gegen den Rand des Fußbodens die Dirnen. Klar waren mir zwei, auf der Erde, der einen hing der Kopf ein wenig über die Kante hinaus in die freie Luft hinunter. Links war eine feste Wand, dagegen war die Wand rechts nicht vollkommen, man sah in den Hof hinunter, wenn auch nicht bis auf seinen Grund, und eine baufällige graue Treppe führte in mehreren Abteilungen hinunter. Nach dem Licht im Zimmer zu schließen war der Plafond so wie in den andern Zimmern.

Ich hatte hauptsächlich mit der Dirne zu tun, deren Kopf hinabhing, Max mit der links neben ihr liegenden. Ich betastete ihre Beine und blieb dann dabei, ihre Oberschenkel regelmäßig zu drücken. Mein Vergnügen dabei war so groß, daß ich mich wunderte, daß man für diese Unterhaltung, welche doch gerade die schönste war, noch nichts zahlen müsse. Ich war überzeugt, daß ich (und ich allein) die Welt betrüge. Dann erhob die Dirne bei ruhenden Beinen ihren Oberleib und wandte mir den Rücken zu, der zu meinem Schrecken mit großen siegellackroten Kreisen mit erblassenden Rändern und dazwischen versprengten roten Spritzern bedeckt war. Jetzt bemerkte ich, daß ihr ganzer Körper davon voll war, daß ich meinen Daumen auf ihren Schenkeln in solchen Flecken hielt und daß auch auf meinen Fingern diese roten Partikelchen wie von einem zerschlagenen Siegel lagen.

Ich trat zurück unter eine Anzahl Männer, die an der Wand, nahe der Mündung der Treppe, auf der ein kleiner Verkehr stattfand, zu warten schienen. Sie warteten so, wie Männer auf dem Land am Sonntagmorgen auf dem Markt zusammenstehn. Deshalb war auch Sonntag. Hier spielte sich auch die komische Szene ab, indem ein Mann, vor dem ich und Max Grund hatten, sich zu fürchten, wegging, dann die Treppe heraufkam, zu mir trat, und während ich und Max mit Angst irgendeine schreckliche Drohung von ihm erwarteten, eine lächerlich einfältige Frage an mich stellte. Dann stand ich dort und sah besorgt zu, wie Max ohne Angst in diesem Lokal irgendwo links auf der Erde saß und eine dicke Kartoffelsuppe aß, aus der die Kartoffeln als große Kugel heraussahen, hauptsächlich eine. Er drückte sie mit dem Löffel, vielleicht mit zwei Löffeln in die Suppe hinein oder wälzte sie bloß.

 

10. Oktober. Einen sophistischen Artikel für und gegen die Anstalt in die ›Tetschen-Bodenbacher Zeitung‹ geschrieben.

Gestern abend auf dem Graben. Mir entgegen drei Schauspielerinnen, die aus der Probe kamen. Es ist so schwer, sich in der Schönheit von drei Frauen rasch auszukennen, wenn man auch noch zwei Schauspieler ansehn will, die hinter ihnen in dem allzu schwingenden und auch noch beschwingten Schauspielerschritt herankommen. Die zwei, von denen der linke mit seinem jugendlich fetten Gesicht, dem offenen, um die starke Gestalt schlagenden Überzieher charakteristisch genug für beide ist, überholen die Damen, der linke auf dem Trottoir, der rechte in der Fahrbahn unten. Der linke faßte seinen Hut hoch oben, greift mit allen fünf Fingern hinein, hebt ihn hoch und ruft (jetzt erst erinnert sich der rechte): Auf Wiedersehn! Gute Nacht! Während aber dieses Überholen und Grüßen die Herren auseinandergebracht hat, gehn die gegrüßten Frauen, wie geführt von der zur Fahrbahn nächsten, die die schwächste und längste, aber auch jüngste und schönste zu sein scheint, ganz unbeirrt mit leichtem, ihr abgestimmtes Gespräch kaum unterbrechendem Gruß ihren Weg weiter. Das Ganze schien mir im Augenblick ein starker Beweis dafür zu sein, daß die hiesigen Theaterverhältnisse geordnet und gut geführt sind.

Vorgestern bei den Juden im Café Savoy. Die ›Sejdernacht‹ von Feimann. Zuzeiten griffen wir (im Augenblick durchflog mich das Bewußtsein dessen) nur deshalb in die Handlung nicht ein, weil wir zu erregt, nicht deshalb, weil wir bloß Zuschauer waren.




12. Oktober. Gestern bei Max am Pariser TagebuchVorarbeiten zu der gemeinsamen Arbeit ›Richard und Samuel‹ (vgl. ›Erzählungen und Kleine Prosa‹). – R. ist die im ersten Kapitel unter dem Namen »Dora Lippert« geschilderte Dame. geschrieben. Im Halbdunkel der Rittergasse die in ihrem Herbstkostüm dicke warme R., die wir nur in ihrer Sommerbluse und dem dünnen blauen Sommerjäckchen gekannt haben, in denen ein Mädchen mit nicht ganz fehlerlosem Aussehn schließlich ärger als nackt ist. Da hatte man erst recht ihre starke Nase in dem blutleeren Gesicht gesehn, in dessen Wangen man lange die Hände hätte drücken können, ehe sich eine Rötung gezeigt hätte, den starken blonden Flaum, der sich auf der Wange und der Oberlippe häufte, den Eisenbahnstaub, der sich zwischen Nase und Wange verflogen hatte, und das schwächliche Weiß im Blusenausschnitt. Heute aber liefen wir ihr respektvoll nach, und als ich mich an der Mündung eines Durchhauses vor der Ferdinandstraße verabschieden mußte wegen Unrasiertheit und sonstigen schäbigen Aussehns, fühlte ich nachher einige kleine Stöße von Zuneigung zu ihr. Und wenn ich nachdachte warum, mußte ich mir immer nur sagen: weil sie so warm angezogen war.




13. Oktober. Kunstloser Übergang von der gespannten Haut der Glatze meines Chefs zu den zarten Falten seiner Stirn. Eine offenbare, sehr leicht nachzuahmende Schwäche der Natur, Banknoten dürften nicht so gemacht sein.

Die Beschreibung der R. hielt ich nicht für gelungen, sie muß aber doch besser gewesen sein, als ich glaubte, oder mein vorgestriger Eindruck von der R. muß so unvollständig gewesen sein, daß ihm die Beschreibung entsprach oder ihn gar überholte. Denn als ich gestern abend nach Hause ging, fiel mir augenblicksweise die Beschreibung ein, ersetzte unbemerkt den ursprünglichen Eindruck, und ich glaubte, die R. erst gestern gesehn zu haben, und zwar ohne Max, so daß ich mich vorbereitete, ihm von ihr zu erzählen, gerade so wie ich sie mir hier beschrieben habe.

Gestern abend auf der Schützeninsel, meine Kollegen nicht gefunden und gleich wieder weggegangen. Ich machte einiges Aufsehen in meinem Röckchen mit dem zerdrückten weichen Hut in der Hand, denn draußen war kalt, hier aber heiß von dem Atem der Biertrinker, Raucher und der Bläser des Militärorchesters. Dieses Orchester war nicht sehr erhöht, konnte es auch nicht sein, weil der Saal ziemlich niedrig ist, und füllte das eine Ende des Saals bis an die Seitenwände aus. Wie eingepaßt war die Menge von Musikern in dieses Saalende hineingeschoben. Dieser Eindruck des Gedrängtseins verlor sich dann ein wenig im Saal, da die Plätze nahe beim Orchester ziemlich leer waren und der Saal sich erst gegen die Mitte füllte.

 

Geschwätzigkeit des Dr. K. Ging zwei Stunden hinter dem Franz-Josefs-Bahnhof mit ihm herum, bat ihn von Zeit zu Zeit, mich wegzulassen, hatte die Hände vor Ungeduld verflochten und hörte so wenig zu als möglich war. Es schien mir, daß ein Mensch, der in seinem Beruf Gutes leistet, wenn er sich in Berufsgeschichten hineinerzählt hat, unzurechnungsfähig werden muß; seine Tüchtigkeit kommt ihm zu Bewußtsein, von jeder Geschichte ergeben sich Zusammenhänge, und zwar mehrere, er überblickt alle, weil er sie erlebt hat, muß in der Eile und aus Rücksicht auf mich viele verschweigen, einige zerstöre ich ihm auch durch Fragen, bringe ihn aber dadurch auf andere, zeige ihm dadurch, daß er auch weit in mein eigenes Denken hinein herrscht, seine Person hat in den meisten Geschichten eine schöne Rolle, die er nur andeutet, wodurch ihm das Verschwiegene noch bedeutungsvoller scheint; nun ist er aber meiner Bewunderung so sicher, daß er auch klagen kann, denn selbst in seinem Unglück, seiner Plage, seinem Zweifel ist er bewunderungswürdig, seine Gegner sind auch tüchtige Leute und erzählenswert; in einer Advokatenkanzlei, die vier Konzipisten und zwei Chefs hat, war eine Streitsache, in der er allein dieser Kanzlei gegenüberstand, durch Wochen das Tagesgespräch der sechs Juristen. Ihr bester Redner, ein scharfer Jurist, stand ihm gegenüber – daran fügt sich der Oberste Gerichtshof, dessen Urteile angeblich schlecht, einander widersprechend sind; ich sage im Ton des Abschieds eine Spur von Verteidigung dieses Gerichtes, nun bringt er Beweise, daß dieses Gericht nicht verteidigt werden kann, und wieder muß man die Gasse hinauf und hinab, ich wundere mich sofort über die Schlechtigkeit dieses Gerichtes, darauf erklärt er, warum das so sein muß, das Gericht ist überbürdet, warum und wieso, gut ich muß weg, nun ist aber der Kassationshof besser und der Verwaltungsgerichtshof noch viel besser und warum und wieso, endlich bin ich nicht mehr zu halten, nun versucht er es mit meinen eigenen Angelegenheiten, wegen deren ich zu ihm gekommen bin (Gründung der Fabrik) und die wir schon längst durchgesprochen haben, er hofft unbewußt, mich auf diese Weise zu fangen und zu seinen Geschichten wieder verlocken zu können. Nun sage ich etwas, halte aber während meiner Worte die Hand ausdrücklich zum Abschied hin und werde so frei.

Er erzählt übrigens sehr gut, in seinem Erzählen mischt sich das genaue Ausgebreitetsein der Schriftsätze mit der lebhaften Rede, wie man sie öfters bei so fetten, schwarzen, vorläufig gesunden, mittelgroßen, von fortwährendem Zigarettenrauchen erregten Juden findet. Gerichtliche Ausdrücke geben der Rede Halt, Paragraphen werden genannt, deren hohe Zahl sie in die Ferne zu verweisen scheint. Jede Geschichte wird von Anfang an entwickelt, Rede und Gegenrede wird vorgebracht und durch persönliche Zwischenbemerkungen förmlich geschüttelt, Nebensächliches, an das niemand denken würde, wird zuerst erwähnt, dann nebensächlich genannt und beiseite geschoben (»ein Mann, wie er heißt, ist Nebensache« –), der Zuhörer wird persönlich herangezogen, ausgefragt, während die Geschichte nebenan sich verdichtet, manchmal wird der Zuhörer sogar vor einer Geschichte, die ihn gar nicht interessieren kann, natürlich nutzlos ausgefragt, um irgendeine provisorische Beziehung herzustellen, eingeschobene Bemerkungen des Zuhörers werden nicht sofort, was ärgerlich wäre (Kubin), sondern zwar bald, aber doch erst im Laufe der Erzählung an richtiger Stelle eingelegt, was als sachliche Schmeichelei den Zuhörer in die Geschichte hineinzieht, weil es ihm ein ganz besonderes Recht gibt, hier Zuhörer zu sein.

 

14. Oktober. Gestern abend im Savoy ›Sulamith‹ von A. Goldfaden. Eigentlich eine Oper, aber jedes gesungene Stück heißt Operette, mir scheint schon diese Kleinigkeit auf ein eigensinniges, übereiltes, auch aus falschen Gründen heißgewordenes, die europäische Kunst in einer zum Teil zufälligen Richtung durchschneidendes künstlerisches Bestreben zu deuten.

Die Geschichte: Ein Held rettet ein Mädchen, das sich in der Wüste verirrt (»ich bet dir großer, starker Gott«) und vor Durstqualen in eine Zisterne gestürzt hat. Sie schwören einander Treue (»meine Teuere, meine Liebste, mein Brillant, gefunden in der Wüste«) unter Anrufung des Brunnens und einer rotäugigen Wüstenkatze. Das Mädchen, Sulamith (Frau Ts.), wird von Cingitang, dem wilden Diener Absolons (P.), nach Bethlehem zu ihrem Vater Manoach (Ts.) zurückgeführt, während Absolon (K.) noch eine Reise nach Jerusalem macht; dort aber verliebt er sich in Awigail, ein reiches Mädchen aus Jerusalem (Fr. K.), vergißt Sulamith und heiratet. Sulamith wartet auf den Geliebten zu Hause in Bethlehem. »Viele Menschen gehen nach Jeruscholajim und kommen beschulim.« »Er, der Feiner, will mir untreu werden!« Durch verzweifelte Ausbrüche erwirbt sie sich eine auf alles gefaßte Zuversicht und beschließt, sich wahnsinnig zu stellen, um nicht heiraten zu müssen und warten zu können.»Mein Wille ist von Eisen, mein Herz mach' ich zur Festung.« Und noch in dem Wahnsinn, den sie jetzt jahrelang spielt, genießt sie traurig und laut mit erzwungener Erlaubnis aller die Erinnerung an den Geliebten, denn ihr Wahnsinn handelt nur von der Wüste, dem Brunnen und der Katze. Durch ihren Wahnsinn vertreibt sie gleich ihre drei Freier, mit denen Manoach nur durch Veranstaltung einer Lotterie in Frieden auskommen konnte: Joel Gedoni (U.), »ich bin der stärkste jüdische Held«, Avidanov, den Gutsbesitzer (R. P.) und den bauchigen Priester Nathan (Löwy), der sich über allen fühlt, »Gebt sie mir, ich sterb nach ihr«. Absolon hatte Unglück, ein Kind ist ihm von einer Wüstenkatze totgebissen worden, das zweite fällt in einen Brunnen. Er erinnert sich seiner Schuld, gesteht Awigail alles. »Mäßige dein Gewein.« »Hör auf mit dein Wort, mir mein Herz zu spalten.« »Leider ist alles Emes, was ich sage.« Einige Gedankenkreise bilden sich um beide und vergehn. Soll Absolon zu Sulamith zurück und Awigail verlassen? Auch Sulamith verdient Rachmones. Endlich entläßt ihn Awigail. In Bethlehem klagt Manoach über seine Tochter: »Wehe, o meine alten Jahre.« Absolon heilt sie mit seiner Stimme. »Das übrige, Vater, werde ich dir schon später erzählen.« Awigail versinkt dort unten im Weingarten Jerusalems, Absolon hat als Rechtfertigung nur sein Heldentum.

Am Schluß der Vorstellung erwarten wir noch den Schauspieler Löwy, den ich im Staub bewundern möchte. Er soll wie üblich »annoncieren«: Liebe Gäste, ich danke Ihnen in unser aller Namen für Ihren Besuch und lade Sie herzlich zur morgigen Vorstellung ein, in welcher das weltberühmte Meisterwerk – von – zur Aufführung kommen wird. Auf Wiedersehn!« Ab mit Hüteschwenken.

Statt dessen sehen wir den Vorhang einmal fest zugehalten, dann wieder versuchsweise ein Stückchen auseinandergezogen werden. Es dauert ziemlich lange. Endlich wird er weit auseinandergezogen, in der Mitte hält ihn ein Knopf zusammen, dahinter sehn wir Löwy seinen Schritt zur Rampe machen und sich nur mit den Händen, das Gesicht uns, dem Publikum, zugewendet, gegen jemanden wehren, der ihn von unten angreift, bis plötzlich der ganze Vorhang mit seiner obern Drahtbefestigung von Löwy, der einen Halt haben will, heruntergerissen und Löwy vor unsern Augen in den Knien einknickend von P., der den Wilden gespielt hat und der sich noch, als sei der Vorhang vorgezogen, gebückt hält, umfaßt und förmlich mit dem Kopf vom Podium seitwärts hinuntergestoßen wird. Man läuft im seitlichen Saaltrakt zusammen. »Den Vorhang vorziehn!« ruft man auf der fast ganz enthüllten Bühne, auf der Frau Ts. mit dem bleichen Sulamithgesicht so beklagenswert steht, kleine Kellner auf Tischen und Sesseln bringen den Vorhang halbwegs in Ordnung, der Wirt sucht den Regierungsvertreter zu beruhigen, der nur den einzigen Wunsch hat, wegzukommen, und durch diesen Beruhigungsversuch aufgehalten wird, hinter dem Vorhang hört man Frau Ts.: »Da wollen wir von der Bühne dem Publikum Moral predigen ...« Der Verein jüdischer Kanzleidiener ›Zukunft‹, der den morgigen Abend in eigener Regie übernommen und vor der heutigen Vorstellung eine ordentliche Generalversammlung abgehalten hat, beschließt, wegen dieses Vorfalls binnen einer halben Stunde eine außerordentliche Versammlung einzuberufen, ein tschechisches Vereinsmitglied prophezeit den Schauspielern infolge ihres skandalösen Benehmens vollständigen Untergang. Da sieht man plötzlich Löwy, der wie verschwunden war, vom Oberkellner R. mit den Händen, vielleicht auch mit den Knien zu einer Tür hingestoßen werden. Er soll einfach hinausgeworfen werden. Dieser Oberkellner, der vor jedem Gast, auch vor uns, früher und später wie ein Hund dasteht, mit hündischer Schnauze, die sich über einen großen, von demütigen Seitenfalten geschlossenen Mund senkt, hat sein ...

 

16. Oktober. Anstrengender Sonntag gestern. Dem Vater hat das ganze Personal gekündigt. Durch gute Reden, Herzlichkeit, Wirkung seiner Krankheit, seiner Größe und frühern Stärke, seiner Erfahrung, seiner Klugheit erkämpft er sich in allgemeinen und privaten Unterredungen fast alle zurück. Ein wichtiger Kontorist, F., will Bedenkzeit, bis Montag, weil er unserem Geschäftsführer, der austritt und das ganze Personal in sein neuzugründendes Geschäft hinüberziehen möchte, das Wort gegeben hat. Am Sonntag schreibt der Buchhalter, er könne doch nicht bleiben, der R. lasse ihn nicht aus dem Wort.

Ich fahre zu ihm nach Žižkov. Seine junge Frau, mit runden Wangen, länglichem Gesicht und einer kleinen, groben Nase, wie sie tschechische Gesichter nie verdirbt. Zu langer, sehr loser, geblümter und fleckiger Morgenrock. Er wird besonders lang und lose, weil sie besonders eilige Bewegungen macht, um mich zu begrüßen, zur letzten Verschönerung das Album auf dem Tisch richtig zu legen und zu verschwinden, um ihren Mann holen zu lassen. Der Mann mit ähnlichen, vielleicht von der sehr abhängigen Frau nachgeahmten, eiligen, bei vorgebeugtem Oberkörper stark pendelnden Bewegungen, unterdessen der Unterleib auffallend zurückbleibt. Eindruck eines seit zehn Jahren gekannten, oft gesehenen, wenig beachteten Menschen, mit dem man plötzlich in nähere Beziehung kommt. Je weniger ich mit meinem tschechischen Zureden Erfolg habe (er hatte ja schon einen unterschriebenen Kontrakt mit R., nur war er Samstag abend durch meinen Vater so bestürzt geworden, daß er vom Kontrakt nicht gesprochen hatte), desto katzenmäßiger wird sein Gesicht. Ich spiele gegen Schluß ein wenig mit sehr behaglichem Gefühl, so schaue ich mit etwas langgezogenem Gesicht und verkleinerten Augen stumm im Zimmer herum, als verfolgte ich etwas Angedeutetes ins Unsagbare. Bin aber nicht unglücklich, als ich sehe, daß es wenig Wirkung hat, und ich, statt von ihm in einem neuen Tone angesprochen zu werden, von neuem anfangen muß, in ihn hineinzureden. Eingeleitet wurde das Gespräch damit, daß auf der andern Gassenseite ein anderer T. wohnt, beschlossen wurde es bei der Tür mit seiner Verwunderung über meinen leichten Anzug bei der Kälte. Bezeichnend für meine ersten Hoffnungen und schließlichen Mißerfolg. Ich verpflichtete ihn aber, nachmittag zum Vater zu kommen. Meine Argumentation stellenweise zu abstrakt und formell. Fehler, die Frau nicht ins Zimmer gerufen zu haben.

Nachmittag nach Radotin, um den Kontoristen zu halten. Komme dadurch um das Zusammensein mit Löwy, an den ich fortwährend denke. Im Waggon: Nasenspitze der alten Frau mit fast noch jugendlicher, gespannter Haut. Endet also die Jugend auf der Nasenspitze und fängt dort der Tod an? Das Schlucken der Passagiere, das den Hals heruntergleitet, die Mundverbreiterung als Zeichen, daß sie die Eisenbahnfahrt, die Zusammensetzung der anderen Passagiere, ihre Sitzordnung, die Temperatur im Waggon, selbst das Heft des ›Pan‹, das ich auf den Knien habe und das einige von Zeit zu Zeit anschauen (da es immerhin etwas ist, was sie im Coupé unmöglich haben voraussehn können), als einwandfrei, natürlich, unverdächtig beurteilen, wobei sie noch glauben, daß alles auch viel ärger hätte sein können.

Auf und ab im Hof des Herrn H, ein Hund legt eine Pfote auf meine Fußspitze, die ich schaukle. Kinder, Hühner, hie und da Erwachsene. Ein zeitweise auf der PawlatscheDas tschechische Wort pavlaè bedeutet Balkon und ist ins Prager, auch ins Wiener Deutsch als Bezeichnung für die charakteristischen, an der Hofseite eines Hauses in ganzer Stockwerklänge verlaufenden offenen oder verglasten Flurgänge übergegangen. heruntergebeugtes oder hinter einer Tür sich versteckendes Kindermädchen hat Lust auf mich. Ich weiß unter ihren Blicken nicht, was ich gerade bin, ob gleichgültig, verschämt, jung oder alt, frech oder anhänglich, Hände hinten oder vorn haltend, frierend oder heiß, Tierliebhaber oder Geschäftsmann, Freund des H. oder Bittsteller, den Versammlungsteilnehmern, die manchmal in einer ununterbrochenen Schleife aus dem Lokal ins Pissoir zurückgehn, überlegen oder infolge meines leichten Anzugs lächerlich, ob Jude oder Christ usw. Das Herumgehn, Naseabwischen, hie und da im ›Pan‹ Lesen, furchtsam mit den Augen die Pawlatsche Meiden, um sie plötzlich als leer zu erkennen, dem Geflügel Zuschauen, sich von einem Mann Grüßenlassen, durch das Wirtshausfenster die flach und schief nebeneinandergestellten Gesichter der einem Redner zugewandten Männer Sehn, alles hilft dazu. Herr H., der von Zeit zu Zeit aus der Versammlung kommt und den ich bitte, seinen Einfluß auf den Kontoristen, den er in unser Geschäft gebracht hat, für uns auszunützen. Schwarzbrauner Bart, Wangen und Kinn umwachsend, schwarze Augen, zwischen Augen und Bart die dunklen Tönungen der Wangen. Er ist Freund meines Vaters, ich kannte ihn schon als Kind, und die Vorstellung, daß er Kaffeeröster war, hat mir ihn immer noch dunkler und männlicher gemacht als er war.

 

17. Oktober. Nichts bringe ich fertig, weil ich keine Zeit habe und es in mir so drängt. Wenn der ganze Tag frei wäre und diese Morgenunruhe in mir bis zum Mittag steigen und bis zum Abend sich ermüden könnte, dann könnte ich schlafen. So aber bleibt für diese Unruhe nur höchstens eine Abenddämmerungsstunde, sie verstärkt sich etwas, wird dann niedergedrückt und gräbt mir die Nacht unnütz und schädlich auf. Werde ich es lange aushalten? Und hat es einen Zweck, es auszuhalten, werde ich denn Zeit bekommen?

 

Wenn ich an diese Anekdote denke: Napoleon erzählt bei der Hoftafel in Erfurt: Als ich noch bloßer Lieutenant im fünften Regiment war ... (die königlichen Hoheiten sehn einander betreten an, Napoleon bemerkt es und korrigiert sich), als ich noch die Ehre hatte, bloßer Lieutenant ...; schwellen mir die Halsadern vor leicht nachgefühltem, künstlich in mich eindringendem Stolz.

 

Weiter in Radotin: ich ging dann allein, frierend im Wiesengarten herum, erkannte dann im offenen Fenster das mit mir auf diese Seite des Hauses gewanderte Kindermädchen –

 

20. Oktober. Den 18. bei Max; über Paris geschrieben. Schlecht geschrieben, ohne eigentlich in das Freie der eigentlichen Beschreibung zu kommen, die einem den Fuß vom Erlebnis löst. Ich war auch dumpf nach der großen Erhebung des vorigen Tages, der mit der Vorlesung Löwys geendet hatte. Am Tage war ich noch in keiner außergewöhnlichen Verfassung gewesen, war mit Max seine von Gablonz angekommene Mutter holen, war mit ihnen im Kaffeehaus und dann bei Max, der mir aus dem ›Mädchen von Perth‹ einen Zigeunertanz vorspielte. Ein Tanz, in dem sich seitenlang nur die Hüften mit eintönigem Ticken wiegen, und das Gesicht einen langsamen, herzlichen Ausdruck hat. Bis dann gegen Ende kurz und spät die angelockte innere Wildheit kommt, den Körper schüttelt, ihn überwältigt, die Melodie zusammendrückt, daß sie in die Höhe und Tiefe schlägt (besonders bittere, dumpfe Töne hört man heraus) und dann einen unbeachteten Schluß macht. Am Anfang und unverlierbar während des Ganzen ein starkes Nahesein dem Zigeunertum, vielleicht weil ein im Tanz so wildes Volk sich ruhig nur dem Freunde zeigt. Eindruck großer Wahrheit des ersten Tanzes. Dann in ›Aussprüche Napoleons‹ geblättert. Wie leicht wird man augenblicksweise ein Teilchen der eigenen ungeheuren Vorstellung Napoleons! Darm ging ich schon kochend nach Hause, keiner meiner Vorstellungen konnte ich standhalten, ungeordnet, schwanger, zerrauft, geschwollen, in der Mitte meiner um mich herum rollenden Möbel; überflogen von meinen Leiden und Sorgen, möglichst viel Raum einnehmend, denn trotz meines Umfanges war ich sehr nervös, zog ich im Vortragssaal ein. Aus der Art, wie ich zum Beispiel saß, und sehr wahrhaftig saß, hätte ich als Zuschauer meinen Zustand gleich erkannt.

Löwy las von Scholem Aleichem Humoresken, dann eine Geschichte von Perez, ein Gedicht von Bialik (nur hier hat sich der Dichter, um sein den Kischinewer Pogrom für die jüdische Zukunft ausbeutendes Gedicht zu popularisieren, aus dem Hebräischen in den Jargon herabgelassen und sein ursprünglich hebräisches Gedicht selbst in Jargon übersetzt), die ›Lichtverkäuferin‹ von Rosenfeld. Ein dem Schauspieler natürliches, wiederkehrendes Aufreißen der Augen, die nun ein Weilchen so stehengelassen werden, von den hochgezogenen Augenbrauen umrahmt. Vollständige Wahrheit der ganzen Vorlesung; die schwache, von der Schulter aus veranlaßte Hebung des rechten Armes, das Rücken am Zwicker, der ausgeborgt scheint, so schlecht paßt er auf die Nase; die Haltung des Beines unter dem Tisch, das so ausgestreckt ist, daß besonders die schwachen Verbindungsknochen zwischen Ober- und Unterschenkel in Tätigkeit sind; die Krümmung des Rückens, der schwach und elend aussieht, da sich der Beobachter einem einheitlichen, einförmigen Rücken gegenüber im Urteil nicht betrügen läßt, wie dies beim Anschauen des Gesichtes durch die Augen, die Höhlungen und Vorsprünge der Wangen oder auch durch jede Kleinigkeit und sei es eine Bartstoppel geschehen kann. Nach der Vorlesung, schon auf dem Nachhauseweg, fühlte ich alle Fähigkeiten gesammelt und klagte deshalb meinen Schwestern, zu Hause sogar der Mutter.

Am 19. bei Dr. K. wegen der Fabrik. Die leichte theoretische Feindseligkeit, die bei Vertragsabschlüssen zwischen den Kontrahenten entstehen muß. Wie ich mit den Augen das Gesicht H.s absuchte, das dem Doktor zugewendet war. Diese Feindseligkeit muß um so mehr zwischen zwei Menschen entstehen, die sonst nicht gewohnt sind, ihr gegenseitiges Verhältnis zu durchdenken, und sich daher an jeder Kleinigkeit stoßen. – Die Gewohnheit des Dr. K., diagonal im Zimmer herumzugehn, mit dem gespannten, salonmäßigen Nachvorneschwanken des Oberkörpers, dabei zu erzählen und häufig am Ende einer Diagonale die Asche seiner Zigarette in einen der drei im Zimmer verteilten Aschenbecher abzuschütteln.

Heute früh bei Firma N. N. Wie sich der Chef mit dem Rücken seitlich in seinen Lehnstuhl stemmt, um Raum und Stütze für seine ostjüdischen Handbewegungen zu bekommen. Das Zusammenspiel und gegenseitige Sichverstärken des Hände- und Mienenspiels. Manchmal verbindet er beides, indem er entweder seine Hände ansieht oder sie zur Bequemlichkeit des Zuhörers nahe beim Gesicht hält. Tempelmelodien im Tonfall seiner Rede, besonders beim Aufzählen mehrerer Punkte führt er die Melodie von Finger zu Finger wie über verschiedene Register. Dann am Graben den Vater mit einem Herrn Pr. getroffen, der hebt sogar die Hand, damit der Ärmel etwas zurückfällt (selbst will er den Ärmel doch nicht zurückziehn) und macht mitten am Graben die mächtigen Schraubenbewegungen mit dem ausgleitenden Öffnen der Hand und Ausspreizen der Finger.

Ich bin wahrscheinlich krank, seit gestern juckt mich der Körper überall. Nachmittag hatte ich ein so heißes, verschiedenfarbiges Gesicht, daß ich beim Haareschneiden fürchtete, der Gehilfe, der doch mich und mein Spiegelbild immerfort sehn konnte, werde an mir eine große Krankheit erkennen. Auch die Verbindung zwischen Magen und Mund ist teilweise gestört, ein guldengroßer Deckel steigt entweder auf und ab oder liegt unten und strahlt mit einer sich verbreitenden, die Brust an der Oberfläche überziehenden, leicht drückenden Wirkung empor.

 

Weiter in Radotin: Lud sie ein, herunterzukommen. Die erste Antwort war ernst, obwohl sie bisher mit dem ihr anvertrauten Mädchen zu mir hinüber so gekichert und kokettiert hatte, wie sie es von dem Augenblick an, da wir bekannt waren, nie gewagt hätte. Wir lachten dann viel zusammen, obwohl ich unten und sie oben beim offenen Fenster fror. Sie drückte ihre Brüste an die gekreuzten Arme und alles mit offenbar gebeugten Knien an die Fensterbrüstung. Sie war siebzehn Jahre alt und hielt mich für fünfzehn- bis sechzehnjährigKafkas wirkliches Alter war damals achtundzwanzig Jahre. , wovon sie durch unser ganzes Gespräch nicht abgebracht wurde. Ihre kleine Nase ging ein wenig schief und warf daher einen ungewöhnlichen Schatten auf die Wange, der mir allerdings nicht helfen könnte, sie wiederzuerkennen. Sie war nicht aus Radotin, sondern aus Chuchle (die nächste Station gegen Prag), was sie nicht vergessen lassen wollte. Dann Spaziergang mit dem Kontoristen, der auch ohne meine Reise in unserem Geschäft geblieben wäre, im Dunkel auf der Landstraße aus Radotin heraus und zurück zum Bahnhof. Auf der einen Seite wüste, von einer Zementfabrik für ihren Kalksandbedarf ausgenützte Anhöhen. Alte Mühlen. Erzählung von einer durch Windhose aus der Erde gequirlten Pappel samt ihren zuerst steil aus der Erde gehenden, dann sich ausbreitenden Wurzeln. Gesicht des Kontoristen: Teigartiges rötliches Fleisch auf starken Knochen, sieht müde, aber in seinen Grenzen kräftig aus. Staunt nicht einmal im Tonfall darüber, daß wir hier zusammen spazierengehn. Auf einem großen, von einer Fabrik vorsichtsweise angekauften, vorläufig brachgelassenen, mitten im Ort liegenden, von stark, aber nur stellenweise von elektrischem Licht beworfenen Fabriksgebäuden umgebenen Feld klarer Mond, von Licht erfüllter, daher wolkiger Rauch aus einem Kamin. Zugsignale. Rascheln von Ratten neben dem langen, das Feld kreuzenden, gegen den Willen der Fabrik von der Bevölkerung eingetretenen Weg.

Beispiele für die Kräftigung, die ich diesem im ganzen doch geringfügigen Schreiben verdanke:

Montag, den 16., war ich mit Löwy im Nationaltheater bei ›Dubrovnická trilogie‹›Trilogie aus Ragusa‹, von Ivo Vojnoviè. . Stück und Aufführung waren trostlos. Im Gedächtnis bleibt mir aus dem ersten Akt der schöne Klang einer Kaminuhr; das Singen der Marseillaise einziehender Franzosen vor dem Fenster, immer wieder wird das verhallende Lied von den neu Herankommenden aufgenommen und steigt an; ein schwarzgekleidetes Mädchen zieht ihren Schatten durch den Lichtstreifen, den die untergehende Sonne auf das Parkett legt. Aus dem zweiten Akt bleibt nur der zarte Hals eines Mädchens, der aus rotbraungekleideten Schultern zwischen Puffärmeln zum kleinen Kopf sich dehnt und spannt. Aus dem dritten Akt der zerdrückte Kaiserrock, die dunkle Phantasieweste mit goldener quergezogener Uhrkette eines alten gebückten Nachkommens der früheren Gospodaren. Viel ist das also nicht. Die Sitze waren teuer, ich hatte als schlechter Wohltäter hier Geld hinausgeworfen, während er in Not war; endlich langweilte er sich noch etwas mehr als ich. Kurz, ich hatte wieder das Unglück bewiesen, das alle Unternehmungen haben, die ich allein anfange. Während ich aber sonst mich mit diesem Unglück untrennbar vereinige, alle früheren Unglücksfälle zu mir herauf-, alle spätem zu mir herunterziehe, war ich jedesmal fast vollständig unabhängig, ertrug alles als etwas Einmaliges ganz leicht und fühlte sogar zum erstenmal im Theater meinen Kopf als einen Zuschauerkopf aus dem gesammelten Dunkel des Fauteuils und Körpers in ein besonderes Licht hochgehoben, unabhängig von der schlechten Veranlassung dieses Stückes und dieser Aufführung.

Ein zweites Beispiel: Gestern abend reichte ich meinen beiden Schwägerinnen in der Mariengasse gleichzeitig beide Hände mit einer Geschicklichkeit, wie wenn es zwei rechte Hände wären und ich eine Doppelperson.

 

21. Oktober. Ein Gegenbeispiel: Meinem Chef kann ich, wenn er mit mir Bureauangelegenheiten berät (heute die Kartothek), nicht lange in die Augen schauen, ohne daß in meinen Blick gegen allen meinen Willen eine leichte Bitterkeit kommt, die entweder meinen oder seinen Blick abdrängt. Seinen Blick flüchtiger, aber öfter, da er sich des Grundes nicht bewußt ist, jedem Anreiz wegzuschauen nachgibt, gleich aber den Blick zurückkehren läßt, da er das Ganze nur für eine augenblickliche Ermattung seiner Augen hält. Ich wehre mich dagegen stärker, beschleunige daher das Zickzackartige meines Blickes, schaue noch am liebsten seine Nase entlang und in die Schatten zu den Wangen hin, halte das Gesicht in seiner Richtung oft nur mit Hilfe der Zähne und der Zunge im geschlossenen Mund – wenn es sein muß, senke ich zwar die Augen, aber niemals tiefer als bis zu seiner Krawatte, bekomme aber gleich den vollsten Blick, wenn er die Augen wegwendet und ich ihm genau und ohne Rücksicht folge.

 

Die jüdischen Schauspieler: Frau Tschissik hat Vorsprünge auf den Wangen in der Nähe des Mundes. Entstanden teils durch eingefallene Wangen infolge der Leiden des Hungers, des Kindbetts, der Fahrten und des Schauspielens, teils durch ruhende ungewöhnliche Muskeln, die sich für die Schauspielbewegungen ihres großen, ursprünglich sicher schwerfälligen Mundes entwickeln mußten. Als Sulamith hatte sie meist die Haare gelöst, die ihre Wangen verdeckten, so daß ihr Gesicht manchmal wie ein Mädchengesicht aus früherer Zeit aussah. Sie hat einen großen, knochigen, mittelstarken Körper und ist fest geschnürt. Ihr Gang bekommt leicht etwas Feierliches, da sie die Gewohnheit hat, ihre langen Arme zu heben, zu strecken und langsam zu bewegen. Besonders als sie das jüdische Nationallied sang, in den großen Hüften schwach schaukelte und die parallel den Hüften gebogenen Arme auf und ab bewegte, mit ausgehöhlten Händen, als spiele sie mit einem langsam fliegenden Ball.

 

22. Oktober. Gestern bei den Juden. ›Kol Nidre‹ von Scharkansky, ziemlich schlechtes Stück mit einer guten witzigen Briefschreibszene, einem Gebet der nebeneinander mit gefalteten Händen aufrecht stehenden Liebenden, dem Anlehnen des bekehrten Großinquisitors an den Vorhang der Bundeslade, er steigt die Stufe hinauf und bleibt dort, den Kopf geneigt, die Lippen am Vorhang, stehn, hält das Gebetbuch vor seine klappernden Zähne. Zum erstenmal an diesem vierten Abend meine deutliche Unfähigkeit, einen reinen Eindruck zu bekommen. Schuld daran war auch unsere große Gesellschaft und die Besuche beim Tisch meiner Schwester. Trotzdem, so schwach hätte ich nicht sein dürfen. Mit meiner Liebe zu Frau Ts., die nur dank Max neben mir saß, habe ich mich elend aufgeführt. Ich werde aber wieder hinaufkommen, schon jetzt ist es besser.

 

Frau Tschissik (ich schreibe den Namen so gern auf) neigt bei Tisch auch während des Gansbratenessens gern den Kopf, man glaubt unter ihre Augenlider mit dem Blick zu kommen, wenn man zuerst vorsichtig die Wangen entlang schaut und dann sich kleinmachend hineinschlüpft, wobei man die Lider gar nicht erst heben muß, denn sie sind gehoben und lassen eben einen bläulichen Schein durch, der zu dem Versuch verlockt. Aus der Menge ihres wahren Spiels kommen hie und da Vorstöße der Faust, Drehungen des Armes, der unsichtbare Schleppen in Falten um den Körper zieht, Anlegen der gespreizten Finger an die Brust, weil der kunstlose Schrei nicht genügt. Ihr Spiel ist nicht mannigfaltig: das erschreckte Blicken auf ihren Gegenspieler, das Suchen eines Auswegs auf der kleinen Bühne, die sanfte Stimme, die in geradem kurzem Aufsteigen nur mit Hilfe größeren innerlichen Widerhalls ohne Verstärkung heldenmäßig wird, die Freude, die durch ihr sich öffnendes, über die hohe Stirn bis zu den Haaren sich ausbreitendes Gesicht in sie dringt, das Sichselbstgenügen beim Einzelgesang ohne Hinzunahme neuer Mittel, das Sichaufrichten beim Widerstand, das den Zuschauer zwingt, sich um ihren ganzen Körper zu kümmern; und nicht viel mehr. Aber da ist die Wahrheit des Ganzen und infolgedessen die Überzeugung, daß ihr nicht die geringste ihrer Wirkungen genommen werden kann, daß sie unabhängig ist vom Schauspiel und von uns.

 

Das Mitleid, das wir mit diesen Schauspielern haben, die so gut sind und nichts verdienen und auch sonst bei weitem nicht genug Dank und Ruhm bekommen, ist eigentlich nur das Mitleid über das traurige Schicksal vieler edler Bestrebungen und vor allem der unseren. Darum ist es auch so unverhältnismäßig stark, weil es sich äußerlich an fremde Leute hält und in Wirklichkeit zu uns gehört. Trotzdem ist es aber mit den Schauspielern immerhin so eng verbunden, daß ich es nicht einmal jetzt von ihnen lösen kann. Weil ich es erkenne, bindet es sich zum Trotz noch mehr an sie.

 

Die auffallende Glätte der Wangen der Frau Tschissik neben ihrem muskulösen Mund. Ihr etwas unförmiges kleines Mädchen.

Mit Löwy und meiner Schwester drei Stunden spazieren.

 

23. Oktober. Die Schauspieler überzeugen mich durch ihre Gegenwart immer wieder zu meinem Schrecken, daß das meiste, was ich bisher über sie aufgeschrieben habe, falsch ist. Es ist falsch, weil ich mit gleichbleibender Liebe (erst jetzt, da ich es aufschreibe, wird auch dieses falsch), aber wechselnder Kraft über sie schreibe und diese wechselnde Kraft nicht laut und richtig an die wirklichen Schauspieler schlägt, sondern dumpf sich an dieser Liebe verliert, die mit der Kraft niemals zufrieden sein wird und deshalb dadurch, daß sie sie aufhält, die Schauspieler zu schützen meint.

 

Streit zwischen Tschissik und Löwy. Ts.: Edelstatt ist der größte jüdische Schreiber. Er ist erhaben. Rosenfeld ist natürlich auch ein großer Schreiber, aber nicht der erste. Löwy: Ts. ist Sozialist und weil Edelstatt sozialistische Gedichte macht (er ist Redakteur einer sozial-jüdischen Zeitung in London), deshalb hält ihn Ts. für den größten. Aber wer ist Edelstatt, seine Partei kennt ihn, sonst niemand, aber Rosenfeld kennt die Welt. – Ts.: Auf die Anerkennung kommt es nicht an. Alles von Edelstatt ist erhaben. – L.: Ich kenne ihn ja auch genau. Der ›Selbstmörder‹ zum Beispiel ist sehr gut. – Ts.: Was hilft der Streit? Einigen werden wir uns nicht. Ich werde meine Meinung bis morgen sagen und du auch. – L.: Ich bis übermorgen.

 

Goldfaden, verheiratet, Verschwender auch in großer Not. An hundert Stücke. Gestohlene liturgische Melodien volkstümlich gemacht. Das ganze Volk singt sie. Der Schneider bei seiner Arbeit (wird nachgemacht), das Dienstmädchen usw.

 

Bei so kleinem Raum fürs Anziehn muß man, wie Ts. sagt, in Streit kommen. Man kommt aufgeregt von der Szene, jeder hält sich für den größten Schauspieler, tritt da einer dem andern zum Beispiel auf den Fuß, was nicht zu vermeiden ist, so ist nicht nur ein Streit fertig, sondern ein großer Kampf. Ja, in Warschau, da waren fünfundsiebzig kleine Einzelgarderoben, jede beleuchtet.

 

Um sechs Uhr traf ich die Schauspieler in ihrem Kaffeehaus um zwei Tische herum, nach den zwei feindlichen Gruppen geordnet, sitzen. Auf dem Tisch der Ts.-Gruppe war ein Buch von Perez. Löwy hatte es eben geschlossen und stand auf, um mit mir wegzugehn.

 

Bis zu zwanzig Jahren war Löwy ein Bocher, der studierte und seines wohlhabenden Vaters Geld ausgab. Es war da eine Gesellschaft gleichaltriger junger Leute, die gerade am Samstag in einem abgesperrten Lokal zusammenkamen und im Kaftan rauchten und sonst gegen die Feiertagsgebote sündigten.

 

»Der große Adler«, der berühmteste jiddische Schauspieler aus New York, der Millionär ist, für den Gordin den ›Wilden Menschen‹ geschrieben hat und den Löwy in Karlsbad gebeten hat, ja nicht zur Vorstellung zu kommen, da er vor ihm auf ihrer schlecht ausgestatteten Bühne zu spielen nicht den Mut hätte. – Nur Dekorationen, nicht diese elende Bühne, auf der man sich nicht bewegen kann. Wie werden wir den ›Wilden Menschen‹ spielen! Dort braucht man einen Diwan. Im Kristallpalast Leipzig war es großartig. Fenster, die man aufmachen konnte, die Sonne schien herein, man brauchte im Stück einen Thron, gut, da war ein Thron, ich ging durch die Menge zu ihm hin und war wirklich ein König. Da ist viel leichter zu spielen. Hier beirrt einen alles.

 

24. Oktober. Die Mutter arbeitet den ganzen Tag, ist lustig und traurig, wie es kommt, ohne mit eigenen Zuständen im geringsten in Anspruch zu nehmen, ihre Stimme ist hell, zu laut für das gewöhnliche Sprechen, aber wohltätig, wenn man traurig ist und nach einiger Zeit plötzlich sie hört. Seit längerer Zeit klage ich schon, daß ich zwar immer krank bin, niemals aber eine besondere Krankheit habe, die mich zwingen würde, mich ins Bett zu legen. Dieser Wunsch geht sicher zum größten Teil darauf zurück, daß ich weiß, wie die Mutter trösten kann, wenn sie zum Beispiel aus dem beleuchteten Wohnzimmer in die Dämmerung des Krankenzimmers kommt, oder am Abend, wenn der Tag einförmig in die Nacht überzugehn anfängt, aus dem Geschäft zurückkehrt und mit ihren Sorgen und raschen Anordnungen den schon so späten Tag noch einmal anfangen läßt und den Kranken aufmuntert, ihr dabei zu helfen. Das würde ich mir wieder wünschen, weil ich dann schwach wäre, daher von allem überzeugt, was die Mutter täte, und mit der deutlicheren Genußfähigkeit des Alters kindliche Freuden haben könnte. Gestern fiel mir ein, daß ich die Mutter nur deshalb nicht immer so geliebt habe, wie sie es verdiente und wie ich es könnte, weil mich die deutsche Sprache daran gehindert hat. Die jüdische Mutter ist keine »Mutter«, die Mutterbezeichnung macht sie ein wenig komisch (nicht sich selbst, weil wir in Deutschland sind), wir geben einer jüdischen Frau den Namen deutsche Mutter, vergessen aber den Widerspruch, der desto schwerer sich ins Gefühl einsenkt. »Mutter« ist für den Juden besonders deutsch, es enthält unbewußt neben dem christlichen Glanz auch christliche Kälte, die mit Mutter benannte jüdische Frau wird daher nicht nur komisch, sondern fremd. Mama wäre ein besserer Name, wenn man nur hinter ihm nicht »Mutter« sich vorstellte. Ich glaube, daß nur noch Erinnerungen an das Getto die jüdische Familie erhalten, denn auch das Wort Vater meint bei weitem den jüdischen Vater nicht.

 

Heute stand ich vor dem Rat L., der sich unerwartet, ungebeten, kindisch, lügenhaft lächerlich und zum Ungeduldigwerden nach meiner Krankheit erkundigte. Wir hatten schon lange oder vielleicht noch überhaupt nicht so intim gesprochen, da fühlte ich, wie sich mein, von ihm noch nie so genau betrachtetes Gesicht für ihn in falsche, schlecht aufgefaßte, aber ihn jedenfalls überraschende Partien eröffnete. Für mich war ich nicht zu erkennen. Ich kenne ihn ganz genau.

 

26. Oktober. Donnerstag. Gestern hat Löwy den ganzen Nachmittag ›Gott, Mensch, Teufel‹ von Gordin und dann aus seinen eigenen Tagebüchern von Paris vorgelesen. Vorgestern war ich bei der Aufführung des ›Wilden Menschen‹ von Gordin. Gordin ist deshalb besser als Lateiner, Scharkansky, Feimann usw., weil er mehr Details, mehr Ordnung und mehr Folgerichtigkeit in dieser Ordnung hat, dafür ist hier nicht mehr ganz das unmittelbare, förmlich ein für allemal improvisierte Judentum der andern Stücke, der Lärm dieses Judentums klingt dumpfer und daher wiederum weniger detailliert. Es werden allerdings dem Publikum Konzessionen gemacht und manchmal glaubt man sich recken zu müssen, um über die Köpfe des New Yorker jüdischen Theaterpublikums weg das Stück zu sehn (die Gestalt des wilden Menschen, die ganze Geschichte der Frau Selde), schlimmer aber ist, daß auch irgendeiner geahnten Kunst greifbare Konzessionen gemacht werden, daß zum Beispiel im ›Wilden Menschen‹ die Handlung einen ganzen Akt flattert, infolge von Bedenken, daß der wilde Mensch menschlich undeutliche, literarisch aber so grobe Reden hält, daß man lieber die Augen schließt, ebenso ist das ältere Mädchen in ›Gott, Mensch, Teufel‹. Sehr mutig ist teilweise die Handlung des ›Wilden Menschen‹. Eine junge Witwe heiratet einen alten Mann, der vier Kinder hat, und bringt gleich ihren Liebhaber, den Wladimir Worobeitschik, mit in die Ehe. Nun ruinieren die zwei die ganze Familie, Schmul Leiblich (Pipes) muß alles Geld hergeben und wird krank, der älteste Sohn Simon (Klug), ein Student, verläßt das Haus, Alexander wird ein Spieler und Säufer, Lise (Tschissik) wird Dirne und Lemech (Löwy), der Idiot, wird gegenüber der Frau Seide von Haß, weil sie an Stelle seiner Mutter tritt, und von Liebe, weil sie die erste ihm nahe junge Frau ist, in einen idiotischen Wahnsinn gebracht. Die so weit getriebene Handlung löst sich mit der Ermordung der Seide durch Lemech. Alle andern bleiben dem Zuschauer in unvollendeter hilfloser Erinnerung. Die Erfindung dieser Frau und ihres Liebhabers, eine Erfindung, die niemanden um seine Meinung fragt, hat mir unklares verschiedenartiges Selbstvertrauen gegeben.

Der diskrete Eindruck des Theaterzettels. Man erfährt nicht nur die Namen, sondern etwas mehr, aber doch nur so viel, als der Öffentlichkeit, und selbst der wohlwollendsten und kühnsten, über eine ihrem Urteil ausgesetzte Familie bekanntwerden muß. Schmul Leiblich ist ein »reicher Kaufmann«, es wird aber nicht gesagt, daß er alt und kränklich, ein lächerlicher Weiberfreund, ein schlechter Vater und ein pietätloser Witwer ist, der am Jahrzeittag seiner Frau heiratet. Und doch wären alle diese Bezeichnungen richtiger als jene des Theaterzettels, denn am Ende des Stückes ist er nicht mehr reich, weil ihn die Seide ausgeraubt hat, er ist auch kaum ein Kaufmann mehr, da er sein Geschäft vernachlässigt hat. Simon ist auf dem Theaterzettel »ein Student«, also etwas sehr Vages, was unseres Wissens viele Söhne unserer entferntesten Bekannten sind. Alexander, dieser charakterlose junge Mann, ist nur »Alexander«, von »Lise«, dem häuslichen Mädchen, weiß man auch nur, daß sie »Lise« ist. Lemech ist leider »ein Idiot«, denn das ist etwas, was sich nicht verschweigen läßt. Wladimir Worobeitschik ist nur »Seldes Geliebter«, aber nicht der Verderber einer Familie, nicht Säufer, Spieler, Wüstling, Nichtstuer, Parasit. Mit der Bezeichnung »Seldes Geliebter« ist zwar viel verraten, mit Rücksicht auf sein Benehmen aber ist es das wenigste, was man sagen kann. Nun ist überdies der Ort der Handlung Rußland, die kaum gesammelten Personen sind über ein ungeheures Gebiet verstreut oder auf einem kleinen nicht verratenen Punkt dieses Gebietes gesammelt, kurz, das Stück ist unmöglich geworden, der Zuschauer wird nichts zu sehn bekommen.

Trotzdem beginnt das Stück, die offenbar großen Kräfte des Verfassers arbeiten, es kommen Dinge zutage, die den des Theaterzettels nicht zuzutrauen sind, die ihnen aber mit der größten Sicherheit zukommen, wenn man nur dem Peitschen, Wegreißen, Schlagen, Achselnbeklopfen, Ohnmächtigwerden, Halsabschneiden, Hinken, Tanzen in russischen Stulpenstiefeln, Tanzen mit gehobenen Frauenröcken, Wälzen auf dem Kanapee glauben wollte, weil dies doch Dinge sind, wo keine Widerrede hilft. Es ist jedoch nicht einmal der erinnerungsweise erlebte Höhepunkt der Zuschaueraufregung nötig, um zu erkennen, daß der diskrete Eindruck des Theaterzettels ein falscher Eindruck ist, der sich erst nach der Aufführung bilden kann, jetzt aber schon unrichtig, ja unmöglich ist, der nur in einem müde Abseitsstehenden entstehen kann, da für den ehrlich Urteilenden nach der Vorstellung zwischen Theaterzettel und Vorstellung nichts Erlaubtes mehr zu sehen ist.

Vom Strich angefangen mit Verzweiflung geschrieben, weil heute besonders lärmend Karten gespielt werden, ich beim allgemeinen Tische sitzen muß, die O. mit vollem Mund lacht, aufsteht, sich setzt, über den Tisch hingreift, zu mir spricht und ich zur Vollendung des Unglücks so schlecht schreibe und an die guten, mit ununterbrochenem Gefühl geschriebenen Pariser Erinnerungen Löwys denken muß, die aus selbständigem Feuer kommen, während ich wenigstens jetzt, sicher hauptsächlich deshalb, weil ich so wenig Zeit habe, fast ganz unter Maxens Einfluß stehe, was mir manchmal zum Überfluß auch noch die Freude an seinen Arbeiten verdirbt. Weil es mich tröstet, schreibe ich mir eine autobiographische Bemerkung von Shaw her, trotzdem sie eigentlich das Gegenteil von Trost enthält: Als Knabe war er Lehrling im Kontor eines Grund- und Bodenagenten in Dublin. Er gab diesen Posten bald auf und reiste nach London und wurde Schriftsteller. In den ersten neun Jahren von 1876-1885 verdiente er im ganzen hundertvierzig Kronen. »Aber trotzdem ich ein starker junger Mensch war und meine Familie sich in üblen Umständen befand, warf ich mich nicht in den Kampf des Lebens; ich warf meine Mutter hinein und ließ mich von ihr erhalten. Ich war meinem alten Vater keine Stütze, im Gegenteil, ich hing mich an seine Rockschöße.« Schließlich tröstet es mich ein wenig. Die Jahre, die er frei in London verbracht hat, sind für mich schon vorüber, das mögliche Glück geht immer mehr ins unmögliche über, ich führe ein schreckliches ersatzweises Leben und bin feig und elend genug, Shaw nur soweit zu folgen, daß ich die Stelle meinen Eltern vorgelesen habe. Wie mir dieses mögliche Leben mit Stahlfarben, mit gespannten Stahlstangen und luftigem Dunkel dazwischen vor den Augen blitzt!

 

27. Oktober. Löwys Erzählungen und Tagebücher: wie ihn Notre Dame erschreckt, wie ihn der Tiger im Jardin des Plantes ergreift, als eine Darstellung des Verzweifelten und Hoffenden, der Verzweiflung und Hoffnung im Fraße sättigt; wie ihn sein frommer Vater in der Vorstellung befragt, ob er nun Samstag spazieren könne, ob er jetzt moderne Bücher zu lesen Zeit habe, ob er an den Fasttagen essen dürfe, während er doch Samstag arbeiten muß, überhaupt keine Zeit hat und mehr fastet, als je eine Religion vorgeschrieben hat. Wenn er an seinem Schwarzbrot kauend durch die Gassen spaziert, sieht es von der Ferne aus, als esse er Schokolade. Die Arbeit in der Mützenfabrik und sein Freund, der Sozialist, der jeden für einen Bourgeois hält, der nicht genau so arbeitet wie er, zum Beispiel Löwy mit seinen feinen Händen, der sich sonntags langweilt, der das Lesen als etwas Üppiges verachtet, selbst nicht lesen kann und Löwy mit Ironie bittet, ihm einen Brief vorzulesen, den er bekommen hat.

 

Das jüdische Reinigungswasser, das in Rußland jede jüdische Gemeinde hat, das ich mir als eine Kabine denke, mit einem Wasserbecken von genau bestimmten Umrissen, mit vom Rabbiner angeordneten und überwachten Einrichtungen, das nur den irdischen Schmutz der Seele abzuwaschen hat, dessen äußerliche Beschaffenheit daher gleichgültig ist, das ein Symbol, daher schmutzig und stinkend sein kann und auch ist, aber seinen Zweck doch erfüllt. Die Frau kommt her, um sich von der Periode zu reinigen, der Thoraschreiber, um sich vor dem Aufschreiben des letzten Satzes eines Thoraabschnittes von allen sündigen Gedanken zu reinigen.

 

Sitte, gleich nach dem Erwachen die Finger dreimal in Wasser zu tauchen, da die bösen Geister sich in der Nacht auf dem zweiten und dritten Fingerglied niederlassen. Rationalistische Erklärung: Es soll verhindert werden, daß die Finger gleich ins Gesicht fahren, da sie doch im Schlaf und Traum unbeherrscht alle möglichen Körperstellen, die Achselhöhlen, den Popo, die Geschlechtsteile, berührt haben können.

 

Die Garderobe hinter ihrer Bühne ist so schmal, daß, wenn einer zufällig hinter dem Türvorhang der Szene vor dem Spiegel steht und ein zweiter an ihm vorbeikommen will, er jenen Vorhang heben und sich wider Willen einen Augenblick lang dem Publikum zeigen muß.

 

Aberglaube: Trinkt man aus einem unvollkommenen Glas, bekommen die bösen Geister Eingang in den Menschen.

 

Wie wund mir die Schauspieler nach der Vorstellung vorkamen, wie ich mich fürchtete, sie mit einem Wort zu betupfen. Wie ich lieber nach einem flüchtigen Händedruck rasch wegging, als wäre ich böse und unzufrieden, weil die Wahrheit meines Eindrucks auszusprechen so unmöglich war. Alle schienen mir falsch außer Max, der ruhig einiges Inhaltslose sagte. Falsch aber war der, welcher sich nach einem unverschämten Detail erkundigte, falsch der, welcher eine scherzhafte Antwort auf eine Bemerkung des Schauspielers gab, falsch der Ironische, falsch der, welcher seinen mannigfaltigen Eindruck aufzulösen begann, alles Gesindel, das, richtigerweise in die Tiefe des Zuschauerraumes gedrückt, jetzt spät in der Nacht aufstand und seinen Wert wieder bemerkte. (Sehr weit vom Richtigen.)

 

28. Oktober. Ein ähnliches Gefühl hatte ich zwar, aber vollkommen schien mir an jenem Abend bei weitem weder Spiel noch Stück. Gerade dadurch aber war ich zu einer besonderen Ehrfurcht vor den Schauspielern verpflichtet. Wer weiß bei kleinen, wenn auch vielen Lücken des Eindrucks, wer die Schuld an ihnen trägt. Frau Tschissik trat einmal auf den Saum ihres Kleides und wankte einen Augenblick lang in ihrem prinzeßartigen Dirnenkleid, wie eine massige Säule, einmal versprach sie sich und wandte sich, um die Zunge zu beruhigen, in starker Bewegung der Rückwand zu, trotzdem dies den Worten gerade nicht entsprach; es beirrte mich, aber es verhinderte nicht den Anflug von Schauern oben auf den Wangenknochen, den ich immer beim Hören ihrer Stimme fühle. Weil aber die andern Bekannten einen viel unreineren Eindruck erhalten hatten als ich, schienen sie mir zu einer noch größeren Ehrfurcht verpflichtet als ich, auch deshalb, weil meiner Meinung nach ihre Ehrfurcht viel wirkungsvoller gewesen wäre als meine, so daß ich einen doppelten Grund hatte, ihr Benehmen zu verfluchen.

 

›Axiome über das Drama‹ von Max in der ›Schaubühne‹. Hat ganz den Charakter einer Traumwahrheit, wofür auch der Ausdruck »Axiome« paßt. Je traumhafter sie sich aufbläst, desto kühler muß man sie anfassen. Es sind folgende Grundsätze ausgesprochen:

Das Wesen des Dramas liegt in einem Mangel, ist die These.

Das Drama (auf der Bühne) ist erschöpfender als der Roman, weil wir alles sehn, wovon wir sonst nur lesen.

Das ist nur scheinbar, denn im Roman kann uns der Dichter nur das Wichtigste zeigen, im Drama sehn wir dagegen alles, den Schauspieler, die Dekorationen, daher nicht nur das Wichtige, also weniger. Im Sinne des Romans wäre daher das beste Drama ein ganz anregungsloses zum Beispiel philosophisches Drama, das von sitzenden Schauspielern in einer beliebigen Zimmerdekoration vorgelesen würde.

Und doch ist das beste Drama jenes, das in Zeit und Raum die meisten Anregungen gibt, sich von allen Anforderungen des Lebens befreit, sich nur auf die Reden, auf die Gedanken in Monologen, auf die Hauptpunkte des Geschehens beschränkt, alles andere durch Anregungen verwaltet und, hochgehoben auf einen von Schauspielern, Malern, Regisseuren getragenen Schild, nur seinen äußersten Eingebungen folgt.

Fehler dieser Schlußfolgerung: Sie wechselt, ohne es anzuzeigen, den Standpunkt, sieht einmal die Dinge vom Schreibzimmer, einmal vom Publikum. Zugegeben, daß das Publikum nicht alles im Sinne des Dichters sieht, daß ihn selbst die Aufführung überrascht (29. Oktober, Sonntag), so hat er doch das Stück mit allen Details in sich gehabt, ist von Detail zu Detail weitergerückt und nur, weil er alle Details in den Reden versammelt, hat er ihnen die dramatische Schwere und Gewalt gegeben. Dadurch gerät das Drama in seiner höchsten Entwicklung in eine unerträgliche Vermenschlichung, die herabzuziehn, erträglich zu machen, Aufgabe des Schauspielers ist, der die ihm vorgeschriebene Rolle gelockert, zerfasert, wehend um sich trägt. Das Drama schwebt also in der Luft, aber nicht als ein vom Sturm getragenes Dach, sondern als ein ganzes Gebäude, dessen Grundmauern mit einer heute noch dem Irrsinn sehr nahen Kraft aus der Erde hinauf gerissen worden sind.

 

Manchmal scheint es, daß das Stück oben in den Soffitten ruht, die Schauspieler Streifen davon abgezogen haben, deren Enden sie zum Spiel in den Händen halten oder um den Körper gewickelt haben, und daß nur hie und da ein schwer abzulösender Streifen einen Schauspieler zum Schrecken des Publikums in die Höhe nimmt.

Ich träumte heute von einem windhundartigen Esel, der in seinen Bewegungen sehr zurückhaltend war. Ich beobachtete ihn genau, weil ich mir der Seltenheit der Erscheinung bewußt war, behielt aber nur die Erinnerung daran zurück, daß mir seine schmalen Menschenfüße wegen ihrer Länge und Gleichförmigkeit nicht gefallen wollten. Ich bot ihm frische, dunkelgrüne Zypressenbüschel an, die ich eben von einer alten Züricher Dame (das Ganze spielte sich in Zürich ab) bekommen hatte, er wollte sie nicht, schnupperte nur leicht an ihnen; als ich sie aber dann auf einem Tisch liegen ließ, fraß er mir sie so vollständig auf daß nur ein kaum zu erkennender kastanienähnlicher Kern übrig blieb. Später war die Rede davon, daß dieser Esel noch nie auf Vieren gegangen sei, sondern sich immer menschlich aufrecht halte und seine silbrig glänzende Brust und das Bäuchlein zeige. Das war aber eigentlich nicht richtig.

Außerdem träumte ich von einem Engländer, den ich in einer Versammlung, ähnlich jener der Heilsarmee in Zürich, kennenlernte. Es waren dort Sitze wie in der Schule, unter der Schreibplatte war nämlich noch ein offenes Fach; als ich einmal hineingriff, um etwas zu ordnen, wunderte ich mich, wie leicht man auf der Reise Freundschaften schließt. Damit war offenbar der Engländer gemeint, der kurz darauf zu mir trat. Er hatte helle, lose Kleider, die in sehr gutem Zustand waren, nur hinten an den Oberarmen war statt des Kleiderstoffes, oder wenigstens über ihm festgenäht, ein grauer, faltiger, ein wenig hängender, streifig zerrissener, wie von Spinnen punktierter Stoff, der sowohl an die Ledereinlagen in Reithosen als auch an den Ärmelschutz der Näherinnen, Ladenmädchen, Kontoristinnen erinnerte. Sein Gesicht war gleichfalls mit einem grauen Stoff bedeckt, der sehr geschickte Ausschnitte für Mund, Augen, wahrscheinlich auch für die Nase hatte. Dieser Stoff war aber neu, gerauht, eher flanellartig, sehr schmiegsam und weich, von ausgezeichnetem englischem Fabrikat. Mir gefiel das alles so, daß ich begierig war, mit dem Mann bekannt zu werden. Er wollte mich auch in seine Wohnung einladen, da ich aber schon übermorgen wegfahren mußte, zerschlug sich das. Ehe er die Versammlung verließ, zog er sich noch einige offenbar sehr praktische Kleidungsstücke an, die ihn, nachdem er sie zugeknöpft hatte, ganz unauffallend machten. Trotzdem er mich nicht zu sich einladen konnte, forderte er mich doch auf, mit ihm auf die Gasse zu gehn. Ich folgte ihm, wir blieben gegenüber dem Versammlungslokal an einer Trottoirkante stehn, ich unten, er oben, und fanden wiederum nach einigem Gespräch, daß aus der Einladung nichts werden konnte.

Dann träumte ich, daß Max, OttoMein Bruder und Freund, der Dichter Otto Brod. Zu dritt machten wir 1909 die Reise nach Riva und Brescia. und ich die Gewohnheit hatten, unsere Koffer erst auf dem Bahnhof zu packen. Da trugen wir zum Beispiel die Hemden durch die Haupthalle zu unsern entfernten Koffern. Trotzdem dies allgemeine Sitte zu sein schien, bewährte es sich bei uns nicht, besonders deshalb, weil wir erst knapp vor dem Einfahren des Zuges zu packen anfingen. Dann waren wir natürlich aufgeregt und hatten kaum Hoffnung, noch den Zug zu erreichen, wie erst gute Plätze zu bekommen.

Obwohl die Stammgäste und Angestellten des Kaffeehauses die Schauspieler lieben, können sie sich doch den Respekt zwischen den niederwerfenden Eindrücken nicht bewahren und verachten die Schauspieler als Hungerleider, Herumfahrende, Mitjuden ganz wie in historischen Zeiten. So wollte der Oberkellner den Löwy aus dem Saal werfen, der Türöffner, ein früherer Bordellangestellter und gegenwärtiger Zuhälter, schrie die kleine Tschissik nieder, als diese in der Aufregung ihres Mitgefühls beim ›Wilden Menschen‹ irgend etwas den Schauspielern gereicht haben wollte, und als ich vorgestern Löwy zum Kaffeehaus zurückbegleitete, nachdem er mir im Kaffee City den ersten Akt von ›Elieser ben Schevia‹ von Gordin vorgelesen hatte, rief ihm jener Kerl zu (er schielt und hat zwischen der gekrümmten spitzigen Nase und dem Mund eine Vertiefung, aus welcher heraus ein kleiner Schnurrbart sich sträubt): »Komm schon, Idiot. (Anspielung auf die Rolle im ›Wilden Menschen‹.) Man wartet. Ein Besuch ist heute da, wie du ihn wirklich nicht verdienst. Sogar ein Freiwilliger von der Artillerie ist da, schau hier.« Und er zeigt auf eine der verhängten Kaffeehausscheiben, hinter der jener Freiwillige angeblich sitzen soll. Löwy fährt sich mit der Hand über die Stirn: »Von Elieser ben Schevia zu diesem.«

Der Anblick von Stiegen ergreift mich heute so. Schon früh und mehrere Male seitdem freute ich mich an dem von meinem Fenster aus sichtbaren dreieckigen Ausschnitt des steinernen Geländers jener Treppe, die rechts von der Čechbrücke zum Quaiplateau hinunterführt. Sehr geneigt, als gebe sie nur eine rasche Andeutung. Und jetzt sehe ich drüben über dem Fluß eine Leitertreppe auf der Böschung, die zum Wasser führt. Sie war seit jeher dort, ist aber nur im Herbst und Winter durch Wegnahme der sonst vor ihr liegenden Schwimmschule enthüllt und liegt dort im dunklen Gras unter den braunen Bäumen im Spiel der Perspektive.

Löwy: Vier Jugendfreunde wurden im Alter große Talmudgelehrte. Jeder aber hatte ein besonderes Schicksal. Einer wurde irrsinnig, einer starb, Rabbi Elieser wurde mit vierzig Jahren Freidenker und nur der Älteste von ihnen, Akiba, der erst mit vierzig Jahren zu studieren angefangen hatte, kam zur vollständigen Erkenntnis. Der Schüler Eliesers war Rabbi Meir, ein frommer Mann, dessen Frömmigkeit so groß war, daß ihm der Unterricht des Freidenkers nicht schadete. Er aß, wie er sagte, den Nußkern, die Schale warf er fort. Am Samstag machte einmal Elieser einen Spazierritt, Rabbi Meir folgte zu Fuß, den Talmud in der Hand, allerdings nur zweitausend Schritt, denn weiter darf man am Samstag nicht gehn. Und hier entstand aus dem Spaziergang eine symbolische Rede und Gegenrede. »Komm zurück zu deinem Volke«, sagte Rabbi Meir. Rabbi Elieser weigerte sich mit einem Wortspiel.

 

30. Oktober. Dieses Verlangen, das ich fast immer habe, wenn ich einmal meinen Magen gesund fühle, Vorstellungen von schrecklichen Wagnissen mit Speisen in mir zu häufen. Besonders vor Selchereien befriedige ich dieses Verlangen. Sehe ich eine Wurst, die ein Zettel als eine alte harte Hauswurst anzeigt, beiße ich in meiner Einbildung mit ganzem Gebiß hinein und schlucke rasch, regelmäßig und rücksichtslos, wie eine Maschine. Die Verzweiflung, welche diese Tat selbst in der Vorstellung zur sofortigen Folge hat, steigert meine Eile. Die langen Schwarten von Rippenfleisch stoße ich ungebissen in den Mund und ziehe sie dann von hinten, den Magen und die Därme durchreißend, wieder heraus. Schmutzige Greislerläden esse ich vollständig leer. Fülle mich mit Heringen, Gurken und allen schlechten alten scharfen Speisen an. Bonbons werden aus ihren Blechtöpfen wie Hagel in mich geschüttet. Ich genieße dadurch nicht nur meinen gesunden Zustand, sondern auch ein Leiden, das ohne Schmerzen ist und gleich vorbeigehn kann.

Es ist meine alte Gewohnheit, reine Eindrücke, ob sie schmerzlich oder freudig sind, wenn sie nur ihre höchste Reinheit erreicht haben, nicht sich wohltätig in mein ganzes Wesen verlaufen zu lassen, sondern sie durch neue, unvorhergesehene, schwache Eindrücke zu trüben und zu verjagen. Es ist nicht böse Absicht, mir selbst zu schaden, sondern Schwäche im Ertragen der Reinheit jenes Eindrucks, die aber nicht eingestanden wird, sondern lieber unter innerlicher Stille durch scheinbar willkürliches Hervorrufen des neuen Eindrucks sich zu helfen sucht, statt daß sie, was allein richtig wäre, sich offenbarte und andere Kräfte zu ihrer Unterstützung riefe.

So war ich zum Beispiel Samstag abend nach dem Anhören der guten Novelle des Fräulein T.Ich schrieb damals gemeinsam mit dem Mädchen, das ich später heiratete, die Novelle ›Weiberwirtschaft‹. – Im Folgenden ist ›Richard und Samuel‹ gemeint. , die doch Max mehr gehört, ihm zumindest in größerem Umfange mit größerem Anhang gehört als eine eigene, dann nach dem Anhören des ausgezeichneten Stückes ›Konkurrenz‹ von Baum, in welchem dramatische Kraft genau so ununterbrochen bei der Arbeit und in der Wirkung gesehen werden kann wie im Erzeugnis eines lebendigen Handwerkers, nach dem Anhören dieser beiden Dichtungen war ich so niedergeworfen und mein durch mehrere Tage schon ziemlich leeres Innere ziemlich unvorbereitet mit so schwerer Trauer angefüllt, daß ich Max auf dem Nachhauseweg erklärte, aus ›Robert und Samuel‹ könne nichts werden. Zu dieser Erklärung war damals weder mir noch Max gegenüber auch nicht der geringste Mut nötig. Das folgende Gespräch verwirrte mich ein wenig, da ›Robert und Samuel‹ damals bei weitem nicht meine Hauptsorge war und ich daher auf Maxens Einwände nicht die richtigen Antworten fand. Als ich dann aber allein war und nicht nur die Störung meiner Trauer durch das Gespräch, sondern auch der fast immer wirkende Trost von Maxens Gegenwart entfallen war, entwickelte sich meine Hoffnungslosigkeit so, daß sie mein Denken aufzulösen begann (hier kommt, während ich eine Nachtmahlpause mache, Löwy in die Wohnung und stört mich und freut mich von sieben Uhr bis zehn). Statt jedoch zu Hause abzuwarten, was weiter geschehe, las ich unordentlich zwei Hefte der ›Aktion‹, ein wenig in den ›Mißgeschickten‹Roman von Wilhelm Schäfer. Kafka hatte große Verehrung für diesen Autor, der leider später mit den Nationalsozialisten sympathisierte. , endlich auch in meinen Pariser Notizen und legte mich ins Bett, eigentlich zufriedener als früher, aber verstockt. Ähnlich war es vor einigen Tagen, als ich von einem Spaziergang in heller Nachahmung Löwys zurückkam, mit der äußerlich meinem Ziel zugewendeten Kraft seiner Begeisterung. Auch da las ich und redete zu Hause vieles durcheinander und verfiel.

 

31. Oktober. Trotzdem ich heute im Fischerschen Katalog, im ›Insel-Almanach‹, in der ›Rundschau‹ hie und da gelesen habe, bin ich mir jetzt dessen ziemlich bewußt, alles entweder fest in mich aufgenommen zu haben oder zwar flüchtig, aber unter Abwehr jeder Schädigung. Und ich würde mir für heute abend, wenn ich nicht wieder mit Löwy ausgehn müßte, genug zutrauen.

Vor einer Heiratsvermittlerin, die heute mittag einer Schwester halber bei uns war, fühlte ich eine die Augen niederdrückende Verlegenheit aus einigen durcheinandergehenden Gründen. Die Frau hatte ein Kleid, dem Alter, Abgenutztheit und Schmutz einen hellgrauen Schimmer gaben. Wenn sie aufstand, behielt sie die Hände im Schoß. Sie schielte, was scheinbar die Schwierigkeit vermehrte, sie beiseite zu lassen, wenn ich zu meinem Vater hinsehen mußte, der mich einiges über den ausgebotenen jungen Mann fragte. Dagegen verringerte sich meine Verlegenheit wieder dadurch, weil ich mein Mittagessen vor mir hatte und auch ohne Verlegenheit mit dem Herstellen der Mischungen aus meinen drei Tellern genug beschäftigt gewesen war. Im Gesicht hatte sie, wie ich zuerst nur partienweise sah, so tiefe Falten, daß ich an das verständnislose Staunen dachte, mit welchem Tiere solche Menschengesichter anschauen müßten. Auffallend körperlich war die kleine, besonders im etwas erhobenen Abschluß kantige Nase aus dem Gesicht gestreckt.

Als ich Sonntag nachmittag, drei Frauen knapp überholend, in Maxens Haus trat, dachte ich: Noch gibt es ein, zwei Häuser, in denen ich etwas zu tun habe, noch können Frauen, die hinter mir gehn, mich an einem Sonntagnachmittag zu einer Arbeit, einem Gespräch, zweckmäßig, eilig, nur ausnahmsweise es von dieser Seite schätzend, in ein Haustor einbiegen sehn. Lange muß das nicht mehr so sein.

Die Novellen von Wilhelm Schäfer lese ich besonders beim lauten Vorlesen mit dem ebenso aufmerksamen Genuß, wie wenn ich mir einen Bindfaden über die Zunge fuhren würde. ValliEine der drei Schwestern Kafkas, dem Alter nach die mittlere. konnte ich gestern nachmittag zuerst nicht sehr gut leiden, als ich ihr aber die ›Mißgeschickten‹ geborgt hatte, sie schon ein Weilchen darin las und schon ordentlich unter dem Einfluß der Geschichte sein mußte, liebte ich sie wegen dieses Einflusses und streichelte sie.

Um es nicht zu vergessen, für den Fall, daß mich mein Vater wieder einmal einen schlechten Sohn nennen sollte, schreibe ich mir auf, daß er vor einigen Verwandten ohne besonderen Anlaß, sei es nun, um mich einfach zu drücken, sei es, um mich vermeintlich zu retten, Max einen »meschuggenen Ritoch«Dieser Jargonausdruck wäre etwa mit »verrückter Brausekopf« zu übersetzen. nannte und daß er gestern, als Löwy in meinem Zimmer war, mit ironischem Körperschütteln und Mundverziehn von fremden Leuten sprach, die da in die Wohnung gelassen werden, was an einem fremden Menschen interessieren könne, wozu man so nutzlose Beziehungen anknüpfe usw. – Ich hätte es doch nicht aufschreiben sollen, denn ich habe mich geradezu in Haß gegen meinen Vater hineingeschrieben, zu dem er doch heute keinen Anlaß gegeben hat und der, wenigstens wegen Löwy, unverhältnismäßig groß ist, im Vergleich zu dem, was ich als Äußerung meines Vaters niedergeschrieben habe, und der sich daran noch steigert, daß ich an das eigentlich Böse im gestrigen Benehmen des Vaters mich nicht erinnern kann.

 

1. November. Heute ›Geschichte des Judentums‹ von Graetz gierig und glücklich zu lesen angefangen. Weil mein Verlangen danach das Lesen weit überholt hatte, war es mir zuerst fremder, als ich dachte, und ich mußte hie und da einhalten, um durch Ruhe mein Judentum sich sammeln zu lassen. Gegen Schluß ergriff mich aber schon die Unvollkommenheit der ersten Ansiedlungen im neu eroberten Kanaan und die treue Überlieferung der Unvollkommenheit der Volksmänner (Josuas, der Richter, Elis).

 

Gestern abend Abschied von Frau Klug. Wir, ich und Löwy, liefen den Zug entlang und sahen Frau Klug hinter einem geschlossenen Fenster des letzten Waggons im Dunkel herausschauen. Rasch streckte sie den Arm gegen uns noch drinnen im Coupé, stand auf, öffnete das Fenster, in dem sie einen Augenblick breit mit dem offenen Überkleid stand, bis ihr gegenüber der dunkle Herr Klug sich erhob, der den Mund nur groß und verbittert öffnen und ihn nur knapp, wie für immer, schließen kann. Ich habe Herrn Klug in den fünfzehn Minuten nur wenig angesprochen und vielleicht nur zwei Augenblicke angeschaut, sonst konnte ich unter schwachem, ununterbrochenem Gespräch die Augen von Frau Klug nicht abwenden. Sie war vollständig von meiner Gegenwart beherrscht, aber mehr in ihrer Einbildung als wirklich. Wenn sie sich an Löwy mit der wiederkehrenden Einleitung: »Du, Löwy« wendete, sprach sie für mich, wenn sie sich an ihren Mann drückte, der sie manchmal nur mit ihrer rechten Schulter beim Fenster ließ und ihr Kleid und den aufgebauschten Überzieher preßte, strengte sie sich an, mir damit ein leeres Zeichen zu geben.

Der erste Eindruck, den ich bei den Vorstellungen hatte, daß ich ihr nicht besonders angenehm war, wird wohl der richtige gewesen sein, mich forderte sie selten zum Mitsingen auf, wenn, so ohne Laune, wenn sie mich etwas fragte, antwortete ich leider falsch (»verstehn Sie das?«, ich sagte »ja«, sie wollte aber »nein«, um zu antworten, »ich auch nicht«), ihre Ansichtskarten bot sie mir zum zweitenmal nicht an, ich bevorzugte Frau Tschissik, der ich zum Schaden der Frau Klug Blumen geben wollte. Zu dieser Abneigung aber kam die Achtung vor meinem Doktorat, die sich durch mein kindliches Aussehn nicht abhalten ließ, ja sich eher dadurch vergrößerte. Diese Achtung war so groß, daß sie aus ihrer zwar häufigen, aber gar nicht besonders betonten Ansprache »Wissen Sie, Herr Doktor« derartig klang, daß ich halb unbewußt bedauerte, sie viel zuwenig zu verdienen, und mich fragte, ob ich nicht Anspruch hätte, von jedem eine genau gleiche Ansprache zu bekommen. Da ich aber von ihr als Mensch so geachtet war, war ich es als Zuhörer erst recht. Ich glänzte, wenn sie sang, ich lachte und sah sie an, die ganze Zeit, während sie auf der Bühne war, ich sang die Melodien mit, später die Worte, ich dankte ihr nach einigen Vorstellungen; dafür konnte sie mich natürlich wieder gut leiden. Sprach sie mich aber aus diesem Gefühl an, war ich verlegen, so daß sie sicher mit dem Herzen zu ihrer ersten Abneigung zurückkehrte und bei ihr blieb. Desto mehr mußte sie sich anstrengen, mich als Zuhörer zu belohnen, und sie tat es gern, da sie eine eitle Schauspielerin und eine gutmütige Frau ist.

Besonders wenn sie dort oben im Coupéfenster schwieg, sah sie mich mit einem vor Verlegenheit und List verzückten Mund und mit blinzelnden Augen an, die auf den vom Mund herkommenden Falten schwammen. Sie mußte glauben, von mir geliebt zu sein, wie es auch wahr gewesen ist, und gab mir mit diesen Blicken die einzige Erfüllung, die sie als erfahrene, aber junge Frau, gute Ehefrau und Mutter, einem Doktor ihrer Einbildung geben konnte. Diese Blicke waren so dringend und von Wendungen wie: »es gab hier so liebe Gäste, besonders einzelne« unterstützt, daß ich mich wehrte, und das waren die Augenblicke, in denen ich ihren Mann ansah. Ich hatte, wenn ich beide verglich, eine grundlose Verwunderung darüber, daß sie gemeinsam von uns wegfahren sollten und doch sich nur um uns bekümmerten und keinen Blick füreinander hatten. Löwy fragte, ob sie gute Plätze hätten; »ja, wenn es so leer bleibt«, antwortete Frau Klug und sah flüchtig in das Innere des Coupés, dessen warme Luft der Mann mit seinem Rauchen verderben wird. Wir sprachen von ihren Kindern, denen zuliebe sie wegfahren; sie haben vier Kinder, darunter drei Jungen, der älteste ist neun Jahre alt, sie haben sie schon achtzehn Monate nicht gesehn. Als ein Herr in der Nähe rasch einstieg, schien der Zug wegfahren zu wollen, wir nahmen in Eile Abschied, reichten einander die Hände, ich hob den Hut und hielt ihn dann an die Brust, wir traten zurück, wie man es bei der Abfahrt von Zügen tut, womit man zeigen will, daß alles vorüber ist und man sich damit abgefunden hat. Der Zug aber fuhr noch nicht, wir traten wieder heran, ich war ganz froh darüber, sie erkundigte sich nach meinen Schwestern. Überraschend fing der Zug langsam zu fahren an. Frau Klug bereitete ihr Taschentuch zum Winken vor, ich möge ihr schreiben, rief sie noch, ob ich ihre Adresse wisse, sie war schon zu weit, als daß ich ihr mit Worten hätte antworten können, ich zeigte auf Löwy, von dem ich die Adresse erfahren könnte, das ist gut, nickte sie mir und ihm rasch zu und ließ das Taschentuch flattern, ich hob den Hut, zuerst ungeschickt, dann, je weiter sie war, desto freier.

Später erinnerte ich mich daran, daß ich den Eindruck gehabt hatte, der Zug fahre nicht eigentlich weg, sondern fahre nur die kurze Bahnhofstrecke, um uns ein Schauspiel zu geben, und versinke dann. Im Halbschlaf am gleichen Abend erschien mir Frau Klug unnatürlich klein, fast ohne Beine, und rang die Hände mit verzerrtem Gesicht, als ob ihr ein großes Unglück geschehen wäre.

 

Heute nachmittag kam der Schmerz über meine Verlassenheit so durchdringend und straff in mich, daß ich merkte, auf diese Weise verbrauche sich die Kraft, die ich durch dieses Schreiben gewinne und die ich zu diesem Ziel wahrhaftig nicht bestimmt habe.

 

Sobald Herr Klug in eine neue Stadt kommt, merkt man, wie seine und seiner Frau Schmucksachen im Versatzamt verschwinden. Gegen die Abfahrt zu löst er sie langsam wieder ein.

 

Lieblingssatz der Frau des Philosophen Mendelssohn: Wie mies ist mir vor tout l'univers!

 

Einer der wichtigsten Eindrücke beim Abschied der Frau Klug war, daß ich immer glauben mußte, als einfache bürgerliche Frau halte sie sich mit Gewalt unter dem Niveau ihrer wahren menschlichen Bestimmung und bedürfe nur eines Sprunges, eines Aufreißens der Tür, eines aufgedrehten Lichtes, um Schauspielerin zu sein und mich zu unterwerfen. Sie stand ja auch wirklich oben und ich unten wie im Theater. – Sie hat mit sechzehn Jahren geheiratet, ist sechsundzwanzig Jahre alt.

 

2. November. Heute früh zum erstenmal seit langer Zeit wieder die Freude an der Vorstellung eines in meinem Herzen gedrehten Messers.

 

In den Zeitungen, im Gespräch, im Bureau verfuhrt oft das Temperament der Sprache, dann die aus einer gegenwärtigen Schwäche geborene Hoffnung auf plötzliche, desto stärkere Erleuchtung schon im nächsten Augenblick, oder starkes Selbstvertrauen ganz allein oder bloße Nachlässigkeit oder ein großer gegenwärtiger Eindruck, den man um jeden Preis auf die Zukunft abwälzen will, oder die Meinung, daß gegenwärtige wahre Begeisterung jede Zerfahrenheit in der Zukunft rechtfertige, oder die Freude an Sätzen, die in der Mitte durch ein oder zwei Stöße gehoben sind und den Mund allmählich zu seiner ganzen Größe öffnen, wenn sie ihn auch viel zu rasch und gewunden sich schließen lassen, oder die Spur der Möglichkeit eines entschiedenen, auf Klarheit angelegten Urteils oder das Bestreben, der eigentlich beendeten Rede noch weiterhin Fluß zu geben, oder das Verlangen, das Thema in Eile zu verlassen, wenn es sein muß, auf dem Bauch, oder Verzweiflung, die einen Ausweg für ihren schweren Atem sucht, oder die Sehnsucht nach einem Licht ohne Schatten – all dies kann zu Sätzen verführen wie: »Das Buch, das ich eben beendet habe, ist das schönste, das ich bisher gelesen habe« oder »ist so schön, wie ich noch keines gelesen habe.«

 

Um zu beweisen, daß alles, was ich über sie schreibe und denke, falsch ist, sind die Schauspieler (abgesehen von Herrn und Frau Klug) wieder hiergeblieben, wie mir Löwy, den ich gestern abend getroffen habe, erzählte; wer weiß, ob sie nicht aus dem gleichen Grunde heute wieder weggefahren sind, denn Löwy hat sich im Geschäft nicht gemeldet, trotzdem er es versprochen hat.

 

3. November. Um zu beweisen, daß beides falsch war, was ich aufgeschrieben hatte, ein Beweis, der fast unmöglich scheint, kam Löwy gestern am Abend selbst und unterbrach mich im Schreiben.

 

Die Gewohnheit N.s, alles mit gleichem Stimmklang zu wiederholen. Er erzählt jemandem eine Geschichte aus seinem Geschäft, zwar nicht mit so vielen Details, daß sie an sich die Geschichte endgültig erledigen würden, aber immerhin in einer langsamen und nur dadurch gründlichen Weise als eine Mitteilung, die nichts anderes sein will und daher mit ihrer Beendigung auch abgetan ist. Ein Weilchen vergeht mit einer andern Sache, er findet unversehens einen Übergang zu seiner Geschichte und zieht sie in ihrer alten Form, fast ohne Ergänzung, aber auch fast ohne Weglassung, wieder hervor, mit der Harmlosigkeit eines Menschen, der ein ihm meuchlings am Rücken angeheftetes Band im Zimmer umherführt. Nun lieben ihn meine Eltern besonders, fühlen daher seine Gewohnheiten stärker, als sie sie bemerken, und so trifft es sich, daß sie, meine Mutter vor allem, unbewußt ihm Gelegenheit zu Wiederholungen geben. Wenn der Augenblick für die Wiederholung einer Geschichte an einem Abend nicht recht kommen will, so ist die Mutter da, die fragt, und zwar mit einer Neugierde, die selbst nach getaner Frage nicht aufhört, wie man erwarten sollte. Und hinter Geschichten, die schon wiederholt sind und aus eigener Kraft nicht mehr kommen könnten, jagt förmlich mit ihren Fragen die Mutter noch nach Abenden. Die Gewohnheit N.s ist aber eine so regierende, daß sie oft Kraft hat, sich vollständig zu rechtfertigen. Kein Mensch kommt mit einer so regelmäßigen Häufigkeit in die Lage, eine Geschichte, die im Grunde alle angeht, einzelnen Familienmitgliedern zu erzählen. Die Geschichte muß dann dem in solchen Fällen langsam in Zwischenräumen immer nur um eine Person anwachsenden Familienkreise fast so oft erzählt werden, als Personen da sind. Und weil ich derjenige bin, der N.s Gewohnheit allein erkannt hat, bin ich auch meist derjenige, der die Geschichte zuerst hört und dem die Wiederholungen nur die kleine Freude der Bestätigung einer Beobachtung machen.

 

Neid über einen angeblichen Erfolg Baums, den ich doch so liebe. Hierbei das Gefühl, mitten im Leib einen Knäuel zu haben, der sich rasch aufwickelt, mit unendlich vielen Fäden, die er vom Rande meines Leibes zu sich spannt.

Löwy. Mein Vater über ihn: »Wer sich mit Hunden zu Bett legt, steht mit Wanzen auf.« Ich konnte mich nicht halten und sagte etwas Ungeordnetes. Darauf der Vater besonders ruhig (allerdings nach einer großen Pause, die anders ausgefüllt war): »Du weißt, daß ich mich nicht aufregen darf und geschont werden muß. Komm mir also noch mit solchen Sachen. Ich habe der Aufregungen gerade genug, vollständig genug. Also laß mich mit solchen Reden.« Ich sage: »Ich strenge mich an, mich zurückzuhalten und fühle beim Vater wie immer in solchen äußersten Augenblicken das Dasein einer Weisheit, von der ich nur einen Atemzug erfassen kann.«

Tod des Großvaters von Löwy, eines Mannes, der eine offene Hand hatte, einige Sprachen kannte, größere Reisen tief nach Rußland gemacht hatte und der einmal Samstag bei einem Wunderrabbi in Jekaterinoslaw zu essen sich weigerte, weil ihm das lange Haar und ein farbiges Halstuch des Sohnes jenes Rabbi die Frömmigkeit des Hauses verdächtig machte.

Das Bett war mitten im Zimmer aufgestellt, die Kerzenhalter der Freunde und Verwandten waren ausgeliehen, das Zimmer also voll Licht und Rauch der Kerzen. An vierzig Männer standen den ganzen Tag um sein Bett, um sich an dem Sterben eines frommen Mannes aufzurichten. Er war bis zu seinem Ende bei Bewußtsein und fing im richtigen Augenblick, die Hand auf der Brust, an, die Gebete aufzusagen, die für diese Zeit bestimmt sind. Während seines Leidens und nach seinem Tode weinte die Großmutter, die bei den im Nebenzimmer versammelten Frauen war, unaufhörlich, während des Sterbens aber war sie ganz ruhig, weil es ein Gebot ist, dem Sterbenden den Tod nach Kräften zu erleichtern. »Mit seinen eigenen Gebeten ging er hin.« Um diesen Tod nach einem so frommen Leben wurde er viel beneidet.

Pessachfest. Eine Vereinigung reicher Juden mietet eine Bäckerei, ihre Mitglieder übernehmen alle Verrichtungen bei der Herstellung der sogenannten Achtzehn-Minuten-Mazzes für die Oberhäupter der Familien: das Holen des Wassers, das Kaschern, das Kneten, das Schneiden, das Durchlochen.

 

5. November. Gestern geschlafen, nach ›Bar Kochba‹ von sieben ab mit Löwy, Brief seines Vaters vorgelesen. Abend bei Baum. Ich will schreiben, mit einem ständigen Zittern auf der Stirn. Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohnung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich. Der Vater durchbricht die Türen meines Zimmers und zieht im nachschleppenden Schlafrock durch, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche gekratzt, Valli fragt ins Unbestimmte, durch das Vorzimmer, wie durch eine Pariser Gasse rufend, ob denn des Vaters Hut schon geputzt ist, ein Zischen, das mir befreundet sein will, erhebt das Geschrei einer antwortenden Stimme. Die Wohnungstür wird aufgeklinkt und lärmt wie aus katarrhalischem Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem kurzen Singen einer Frauenstimme und schließt sich mit einem dumpfen männlichen Ruck, der sich am rücksichtslosesten anhört. Der Vater ist weg, jetzt beginnt der zartere, zerstreutere, hoffnungslosere Lärm, von den Stimmen der zwei Kanarienvögel angeführt. Schon früher dachte ich daran, bei den Kanarienvögeln fällt es mir aber von neuem ein, ob ich nicht die Türe bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden meine Schwestern und ihr Fräulein um Ruhe bitten sollte.

Die Bitterheit, die ich gestern abend fühlte, als Max bei Baum meine kleine Automobilgeschichte vorlas. Ich war gegen alle abgeschlossen, und gegen die Geschichte hielt ich förmlich das Kinn an die Brust gedrückt. Die ungeordneten Sätze dieser Geschichte mit Lücken, daß man beide Hände dazwischenstecken könnte; ein Satz klingt hoch, ein Satz klingt tief, wie es kommt; ein Satz reibt sich am andern wie die Zunge an einem hohlen oder falschen Zahn; ein Satz kommt mit einem so rohen Anfang anmarschiert, daß die ganze Geschichte in ein verdrießliches Staunen gerät; eine verschlafene Nachahmung von Max (Vorwürfe gedämpft – angefeuert) schaukelt hinein, manchmal sieht es aus wie ein Tanzkurs in seiner ersten Viertelstunde. Ich erkläre es mir damit, daß ich zuwenig Zeit und Ruhe habe, um die Möglichkeiten meines Talentes in ihrer Gänze aus mir zu heben. Es kommen daher immer nur abreißende Anfänge zutage, abreißende Anfänge zum Beispiel die ganze Automobilgeschichte durch. Würde ich einmal ein größeres Ganzes schreiben können, wohlgebildet vom Anfang bis zum Ende, dann könnte sich auch die Geschichte niemals endgültig von mir loslösen, und ich dürfte ruhig und mit offenen Augen, als Blutsverwandter einer gesunden Geschichte, ihrer Vorlesung zuhören, so aber läuft jedes Stückchen der Geschichte heimatlos herum und treibt mich in die entgegengesetzte Richtung. – Dabei kann ich noch froh sein, wenn diese Erklärung richtig ist.

Aufführung von ›Bar-Kochba‹ von Goldfaden. Falsche Beurteilung des Stückes im ganzen Saal und auf der Bühne.

Ich hatte für Frau Tschissik einen Strauß mitgebracht mit einer angehängten Visitkarte mit der Inschrift »aus Dankbarkeit« und wartete auf den Augenblick, wo ich ihr ihn überreichen lassen könnte. Nun hatte die Vorstellung spät angefangen, die Hauptszene der Frau Tschissik war mir erst für den vierten Akt versprochen, vor Ungeduld und Angst, die Blumen könnten welken, ließ ich durch den Kellner schon während des dritten Aktes (es war elf Uhr) die Blumen auspacken, nun lagen sie seitwärts auf einem Tisch, das Küchenpersonal und einige schmutzige Stammgäste reichten sie einander und rochen an ihnen, ich konnte nur besorgt und wütend hinschauen, sonst nichts, während ihrer Hauptszene im Gefängnis liebte ich Frau Tschissik und drängte sie doch innerlich, Schluß zu machen, endlich war der Akt, für meine Zerstreutheit unbemerkt, zu Ende gegangen, der Oberkellner reichte die Blumen, Frau Tschissik nahm sie zwischen den zusammenschlagenden Vorhängen, sie verbeugte sich in einer kleinen Spalte des Vorhanges und kam nicht mehr zurück. Niemand bemerkte meine Liebe, und ich hatte sie allen zeigen und dadurch für Frau Tschissik wertvoll machen wollen, kaum daß man den Strauß bemerkte. Dabei war schon zwei Uhr vorüber, alles war müde, einige Zuschauer waren schon früher weggegangen, ich hatte Lust gehabt, ihnen mein Glas nachzuwerfen.

Mit mir war der Kontrolleur P. aus unserer Anstalt, ein Christ. Er, den ich sonst gern habe, störte mich. Meine Sorge waren die Blumen, nicht seine Angelegenheiten. Dabei wußte ich, daß er das Stück schlecht auffasse, während ich keine Zeit, Lust und Fähigkeit hatte, ihm eine Hilfe aufzudrängen, die er nicht zu brauchen glaubte. Endlich schämte ich mich vor ihm, daß ich selbst so schlecht achtgab. Auch störte er mich im Verkehr mit Max und sogar durch die Erinnerung daran, daß ich ihn vorher gern gehabt hatte, nachher wieder gern haben würde und daß er mein heutiges Benehmen nicht übelnehmen könnte.

Aber nicht nur ich war so gestört. Max fühlte sich wegen seines Lobartikels in der Zeitung verantwortlich. Den Juden in Bergmanns Begleitung war es zu spät. Die Mitglieder des Vereins Bar Kochba waren wegen des Namens des Stückes gekommen und mußten enttäuscht sein. Da ich Bar Kochba nur aus diesem Stücke kenne, hätte ich keinen Verein so genannt. Hinten im Saal waren zwei Ladenmädchen in ihrem Dirnenabendkleid mit den Liebhabern und mußten während der Sterbeszenen durch laute Rufe zur Ruhe gebracht werden. Endlich schlugen Leute auf der Gasse gegen die großen Scheiben aus Ärger darüber, daß sie so wenig von der Bühne sahen.

Auf der Bühne fehlten die Klugs. – Lächerliche Statisten. »Rohe Juden«, wie Löwy sagte. Geschäftsreisende, die übrigens auch kein Honorar bekamen. Sie hatten meistens nur damit zu tun, ihr Lachen zu verbergen oder zu genießen, wenn sie es auch sonst gut meinten. Ein Rundbackiger mit blondem Bart, demgegenüber man sich kaum vor Lachen beherrschen konnte, lachte infolge der Unnatur des angeklebten, sich schüttelnden Vollbartes, der seine Wangen bei dem allerdings nicht vorgesehenen Lachen falsch begrenzte, besonders komisch. Ein zweiter lachte nur, wenn er wollte, aber dann viel. Als Löwy singend starb, in den Armen dieser zwei Ältesten sich wand, langsam mit dem abschwellenden Gesang zur Erde gleiten sollte, steckten sie hinter seinem Rücken die Köpfe zusammen, um sich endlich einmal, vom Publikum ungesehen (wie sie meinten), sattlachen zu können. Noch gestern, als ich mich beim Mittagsmahl daran erinnerte, mußte ich lachen.

Frau Tschissik muß im Gefängnis dem sie besuchenden betrunkenen römischen Statthalter (der junge Pipes) den Helm abnehmen und sich dann selbst aufsetzen. Als sie ihn abnimmt, fällt ein zusammengedrücktes Handtuch heraus, das Pipes offenbar hineingestopft hat, weil ihn der Helm zu sehr drückte. Obwohl er jedoch wissen mußte, daß ihm der Helm auf der Bühne abgenommen wird, schaut er Frau Tschissik, seine Betrunkenheit vergessend, vorwurfsvoll an.

Schönes: wie Frau Tschissik unter den Händen der römischen Soldaten (die sie allerdings erst zu sich reißen mußte, denn sie fürchteten sich offenbar, sie anzurühren) sich wand, während die Bewegungen der drei Menschen durch ihre Sorge und Kunst fast, nur fast, dem Rhythmus des Gesanges folgten; das Lied, in dem sie die Erscheinung des Messias ankündigt und, ohne zu stören, nur infolge ihrer Macht, Harfenspiel durch Bewegungen der Violin-Bogenführung darstellt; im Gefängnis, wo sie beim öfteren Herannahen von Schritten ihren Trauergesang unterbricht, zur Tretmühle eilt und sie bei einem Arbeiterlied dreht, dann wieder zu ihrem Gesang wegläuft und wieder zur Mühle, wie sie im Schlaf singt, als Papus sie besucht, und ihr Mund geöffnet ist wie ein blinzelndes Auge, wie überhaupt ihre Mundwinkel beim Sichöffnen an die Winkel der Augen erinnern. – Im weißen Schleiertuch, wie im schwarzen war sie schön.

Neu an ihr erkannte Bewegungen: Drücken der Hand in die Tiefe des nicht sehr guten Mieders, kurzes Zucken der Schultern und Hüften beim Hohn, besonders wenn sie dem Verhöhnten den Rücken zukehrt.

Sie hat die ganze Vorstellung geleitet wie eine Hausmutter. Sie hat allen eingesagt, selbst aber niemals gestockt; sie hat die Statisten belehrt, gebeten, endlich gestoßen, wenn es sein mußte; ihre helle Stimme mischte sich, wenn sie nicht auf der Bühne war, in den schwachen Chorgesang auf der Bühne; sie hielt die spanische Wand (die im letzten Akt eine Zitadelle darstellen sollte), welche die Statisten zehnmal umgeworfen hätten.

Ich hatte gehofft durch den Blumenstrauß meine Liebe zu ihr ein wenig zu befriedigen, es war ganz nutzlos. Es ist nur durch Literatur oder durch den Beischlaf möglich. Ich schreibe das nicht, weil ich das nicht wußte, sondern weil es vielleicht gut ist, Warnungen oft aufzuschreiben.

 

7. November. Dienstag. Gestern sind die Schauspieler mit Frau Tschissik endgültig weggefahren. Ich begleitete Löwy am Abend zum Kaffeehaus, wartete aber draußen, wollte nicht hinein, wollte nicht Frau Tschissik sehn. Aber wie ich auf und ab ging, sah ich sie die Tür öffnen und mit Löwy herauskommen, ich ging ihnen grüßend entgegen und traf sie in der Mitte der Fahrbahn. Frau Tschissik dankte mir mit den großen, aber natürlichen Vokabeln ihrer Aussprache für meinen Strauß, erst jetzt hätte sie erfahren, daß er von mir sei. Dieser Lügner Löwy hatte ihr also nichts gesagt. Ich hatte Angst um sie, weil sie nur eine leichte dunkle Bluse mit kurzen Ärmeln trug, und ich bat sie – bald hätte ich sie angerührt, um sie zu treiben – ins Lokal hineinzugehn, damit sie sich nicht verkühle. Nein, sagte sie, sie verkühle sich nicht, sie habe ja einen Shawl, und sie hob ihn ein wenig, um ihn zu zeigen und zog ihn dann enger um die Brust zusammen. Ich konnte ihr nicht sagen, daß ich nicht eigentlich Angst um sie hätte, sondern nur froh sei, ein Gefühl gefunden zu haben, in dem ich meine Liebe genießen könnte, und deshalb sagte ich ihr wieder, ich hätte Angst.

Inzwischen war auch ihr Mann, ihre Kleine und Herr Pipes herausgekommen und es zeigte sich, daß es durchaus nicht bestimmt war, daß sie nach Brünn reisen sollten, wie mir Löwy eingeredet hatte, vielmehr war Pipes sogar entschlossen, nach Nürnberg zu fahren. Das sei das beste, ein Saal sei leicht zu bekommen, die Judengemeinde sei groß, weiterhin die Reise nach Leipzig und Berlin sehr bequem. Übrigens hätten sie den ganzen Tag beraten, und Löwy, der bis vier geschlafen habe, hätte sie einfach warten und den Brünner Halbacht-Zug versäumen lassen. Unter diesen Argumenten gingen wir ins Lokal und setzten uns an einen Tisch, ich Frau Tschissik gegenüber. Ich hätte mich so gerne ausgezeichnet, an und für sich war es nicht schwer, ich hätte nur einige Zugsverbindungen kennen, die Bahnhöfe unterscheiden, die Entscheidung zwischen Nürnberg oder Brunn herbeiführen, vor allem aber den Pipes niederschreien müssen, der sich wie sein Bar Kochba aufführte und dessen Geschrei Löwy sehr vernünftig, wenn auch ohne Absicht, ein sehr rasches, nicht zu unterbrechendes, für mich wenigstens damals ziemlich unverständliches mittelstarkes Schwätzen entgegenstellte. Statt mich nun auszuzeichnen, saß ich zusammengesunken in meinem Sessel, sah von Pipes zu Löwy hinüber, und nur hie und da auf diesem Weg traf ich die Augen der Frau Tschissik, wenn sie aber mit einem Blick mir antwortete (sie mußte mir zum Beispiel nur zulächeln, wegen der Aufgeregtheit von Pipes), sah ich weg. Sinnlos war das nicht. Zwischen uns konnte es kein Lächeln über des Pipes Aufgeregtheit geben. Dazu war ich ihrem Gesicht gegenüber zu ernst und von diesem Ernst ganz müde. Wenn ich über irgend etwas lachen wollte, konnte ich über ihre Schulter weg die dicke Frau anschauen, die in Bar Kochba die Statthalterin gespielt hatte. Aber ich konnte sie eigentlich auch nicht ernst ansehn. Denn das hätte geheißen, daß ich sie liebe. Sogar der junge Pipes hinter mir in seiner ganzen Unschuld hätte das erkennen müssen. Und das wäre wirklich unerhört gewesen. Ich, ein junger Mensch, den man allgemein für achtzehn Jahre alt hält, erklärt vor den Abendgästen des Café Savoy, im Kreis der herumstehenden Kellner, vor der Tischrunde der Schauspieler, einer dreißigjährigen Frau, die kaum jemand auch nur für hübsch hält, die zwei Kinder von zehn und acht Jahren hat, deren Mann neben ihr sitzt, die ein Muster von Ehrbarkeit und Sparsamkeit ist – erklärt dieser Frau seine Liebe, der er ganz verfallen ist, und – jetzt kommt das eigentlich Merkwürdigere, das allerdings niemand mehr bemerkt hätte – verzichtet sogleich auf die Frau, so wie er selbst dann auf sie verzichten würde, wenn sie jung und ledig wäre. Soll ich dankbar sein oder soll ich fluchen, daß ich trotz allem Unglück noch Liebe fühlen kann, eine unirdische, allerdings zu irdischen Gegenständen.

Schön war Frau Tschissik gestern. Die eigentlich normale Schönheit der kleinen Hände, der leichten Finger, der gewalzten Unterarme, die in sich so vollkommen sind, daß selbst der doch ungewohnte Anblick dieser Nacktheit nicht an den übrigen Körper denken läßt. Das in zwei Wellen geteilte, vom Gaslicht hell beleuchtete Haar. Die ein wenig unreine Haut um den rechten Mundwinkel. Wie zu kindlicher Klage öffnet sich ihr Mund, oben und unten in zart geformte Buchtungen verlaufend, man denkt, daß diese schöne Wortbildung, die das Licht der Vokale in den Worten verbreitet und mit der Zungenspitze die reine Kontur der Worte bewahrt, nur einmal gelingen kann und staunt das Immerwährende an. Niedrige weiße Stirn. Das Pudern, dessen Verwendung ich bisher gesehen habe, hasse ich, wenn aber diese weiße Farbe, dieser niedrig über der Haut schwebende Schleier von etwas getrübter Milchfarbe vom Puder herrührt, dann sollen sich alle pudern. Sie hat gern zwei Finger am rechten Mundwinkel, vielleicht hat sie auch die Fingerspitzen in den Mund gesteckt, ja vielleicht hat sie sogar einen Zahnstocher in den Mund geführt; ich habe diese Finger nicht genau angesehn, es sah aber fast so aus, als hätte sie einen Zahnstocher in einen hohlen Zahn geführt und ließe ihn dort eine Viertelstunde lang ruhen.

 

8. November. Den ganzen Nachmittag beim Doktor (Advokat) wegen der Fabrik.

 

Das Mädchen, das nur deshalb, weil es in ihren Geliebten eingehängt ging, ruhig umhersah.

 

Die Kontoristin bei N. erinnerte mich an die Darstellerin der Manette Salomon im Odéon in Paris vor eineinhalb Jahren. Zumindest wenn sie saß. Ein weicher, mehr breiter als hoher, von wolligem Stoff gedrückter Busen. Ein bis zum Mund breites, dann aber schnell sich verschmälerndes Gesicht. In einer glatten Frisur vernachlässigte natürliche Locken. Eifer und Ruhe in einem starken Körper. Die Erinnerung verstärkte sich, wie ich jetzt merke, auch daran, daß sie fest arbeitete (an ihrer Schreibmaschine flogen die Stäbchen – Oliviersystem – wie die Stricknadeln in alter Zeit), auch hin und her ging, aber kaum ein paar Worte in einer halben Stunde sprach, als halte sie Manette Salomon in sich.

 

Als ich beim Doktor wartete, sah ich das eine Schreibmaschinenfräulein an und dachte darüber nach, wie schwer ihr Gesicht selbst während des Anblicks festzustellen sei. Besonders die Beziehung zwischen einer auseinandergezogenen, ringsherum fast in gleicher Breite über den Kopf vorragenden Frisur zu der meist zu lang erscheinenden geraden Nase verwirrte. Bei einer auffallenderen Wendung des gerade ein Aktenstück lesenden Mädchens wurde ich durch die Beobachtung fast betroffen, daß ich durch mein Nachdenken dem Mädchen fremder geblieben war, als wenn ich mit dem kleinen Finger ihren Rock gestreift hätte.

Als der Doktor im Vorlesen des Vertrages zu einer Stelle kam, die von meiner möglichen künftigen Frau und den möglichen Kindern handelte, bemerkte ich mir gegenüber einen Tisch mit zwei großen Sesseln und einem kleineren um ihn herum. Bei dem Gedanken, daß ich niemals imstande sein werde, diese oder beliebige drei Sessel mit mir, meiner Frau und meinem Kind zu besetzen, bekam ich ein von allem Anfang an so verzweifeltes Verlangen nach diesem Glück, daß ich aus dieser gereizten Aktivität meine während des langen Vorlesens einzig bleibende Frage an den Doktor stellte, die sofort mein vollständiges Mißverstehen einer größeren gerade vorgelesenen Partie des Vertrages enthüllte.

 

Der weitere Abschied: An Pipes bemerkte ich, weil ich mich von ihm unterdrückt fühlte, vor allem die gekerbten und dunkel punktierten Enden seiner Zähne. Endlich bekam ich einen halben Einfall: »Warum so weit bis nach Nürnberg in einem Zuge fahren?« fragte ich, »warum nicht in einer kleineren Zwischenstation ein, zwei Vorstellungen geben?« »Kennen Sie eine solche?« fragte Frau Tschissik, bei weitem nicht so scharf, wie ich es schreibe, und zwang mich dadurch, sie anzusehn. Ihr ganzer über dem Tisch sichtbarer Körper, die ganze Runde von Schultern, Rücken und Brust war weich, trotz ihres auf der Bühne im europäischen Kleid knochigen, fast rohen Baues. Ich nannte lächerlicherweise Pilsen. Stammgäste am Nebentisch nannten sehr vernünftig Teplitz. Herr Tschissik wäre für jede Zwischenstation eingetreten, er hat nur Vertrauen zu kleinen Unternehmungen, Frau Tschissik ebenso, ohne daß sie sich viel miteinander verständigten, außerdem fragt sie ringsherum nach den Fahrpreisen. Öfters sagten sie: es wäre ja genug, wenn man auf parnusseParnusse. Jiddische Form des hebräischen Wortes parnassah; das zum Lebensunterhalt Notwendige. verdiene. Ihr Mädchen reibt die Wange an ihrem Arm; sie fühlt es sicher nicht, aber für den Erwachsenen ergibt sich die kindliche Überzeugung, daß einem Kind bei seinen Eltern, selbst wenn sie wandernde Schauspieler sind, nichts geschehen kann und daß sich die wirklichen Sorgen so nahe an der Erde nicht vorfinden, sondern erst in der Gesichtshöhe der Erwachsenen. Ich war sehr für Teplitz, weil ich ihnen einen Empfehlungsbrief für Dr. P. mitgeben und mich so für Frau Tschissik einsetzen konnte. Unter Widerspruch des Pipes, der selbst die Lose für die drei möglichen Städte herstellte und die Verlosung mit Lebhaftigkeit leitete, wurde Teplitz zum dritten Male gezogen. Ich ging zum Nebentisch und schrieb aufgeregt den Empfehlungsbrief. Mit der Ausrede, daß ich nach Hause gehen müßte, um die genaue Adresse des Dr. P. zu erfahren, die übrigens nicht nötig war und die man auch zu Hause nicht kannte, empfahl ich mich. Verlegen spielte ich, während Löwy sich bereit machte, mich zu begleiten, mit der Hand der Frau und dem Kinn ihres Mädchens.

9. November. Vorgestern geträumt:

Lauter Theater, ich einmal oben auf der Galerie, einmal auf der Bühne, ein Mädchen, die ich vor ein paar Monaten gern gehabt hatte, spielte mit, spannte ihren biegsamen Körper, als sie sich im Schrecken an einer Sessellehne festhielt; ich zeigte von der Galerie auf das Mädchen, das eine Hosenrolle spielte, meinem Begleiter gefiel sie nicht. In einem Akt war die Dekoration so groß, daß nichts anderes zu sehen war, keine Bühne, kein Zuschauerraum, kein Dunkel, kein Rampenlicht; vielmehr waren alle Zuschauer in großen Mengen auf der Szene, die den Altstädter Ring darstellte, wahrscheinlich von der Mündung der Niklasstraße aus gesehn. Trotzdem man infolgedessen den Platz vor der Rathausuhr und den kleinen Ring eigentlich nicht hätte sehen dürfen, war es doch durch kurze Drehungen und langsame Schwankungen des Bühnenbodens erreicht, daß man zum Beispiel vom Kinskypalais aus den kleinen Ring überblicken konnte. Es hatte dies keinen Zweck, als womöglich die ganze Dekoration zu zeigen, da sie nun schon einmal in solcher Vollkommenheit da war und da es zum Weinen schade gewesen wäre, etwas von dieser Dekoration zu übersehn, die, wie ich mir wohl bewußt war, die schönste Dekoration der ganzen Erde und aller Zeiten war. Die Beleuchtung war von dunklen, herbstlichen Wolken bestimmt. Das Licht der gedrückten Sonne erglänzte zerstreut in dieser oder jener gemalten Fensterscheibe der Südostecke des Platzes. Da alles in natürlicher Größe und ohne sich im Kleinsten zu verraten ausgeführt war, machte es einen ergreifenden Eindruck, daß manche der Fensterflügel vom mäßigen Wind auf- und zugeweht wurden, ohne daß man wegen der großen Höhe der Häuser einen Laut gehört hätte. Der Platz war stark abfallend, das Pflaster fast schwarz, die Teinkirche war an ihrem Ort, vor ihr aber war ein kleines Kaiserschloß, in dessen Vorhof alles, was sonst an Monumenten auf dem Platz stand, in großer Ordnung versammelt war: die Mariensäule, der alte Brunnen vor dem Rathaus, den ich selbst nie gesehen habe, der Brunnen vor der Niklaskirche und eine Plankeneinzäunung, die man jetzt um die Grundaushebung für das Hus-Denkmal aufgeführt hat.

Dargestellt wurde – oft vergißt man im Zuschauerraum, daß nur dargestellt wird, wie erst auf der Bühne und in diesen Kulissen – ein kaiserliches Fest und eine Revolution. Die Revolution war so groß, mit riesigen, den Platz aufwärts und abwärts geschickten Volksmengen, wie sie wahrscheinlich in Prag niemals stattgefunden hatte; man hatte sie offenbar nur wegen der Dekorationen nach Prag verlegt, während sie eigentlich nach Paris gehörte. Vom Fest sah man zuerst nichts, der Hof war jedenfalls zu einem Feste ausgefahren, inzwischen war die Revolution losgebrochen, das Volk war ins Schloß eingedrungen, ich selbst lief gerade über die Vorsprünge der Brunnen im Vorhof ins Freie, die Rückkehr ins Schloß aber sollte dem Hofe unmöglich werden. Da kamen die Hofwagen von der Eisengasse her in so rasender Fahrt an, daß sie schon weit vor der Schloßeinfahrt bremsen mußten und mit festgehaltenen Rädern über das Pflaster schleiften. Es waren Wagen, wie man sie bei Volksfesten und Umzügen sieht, auf denen lebende Bilder gestellt werden, sie waren also flach, mit einem Blumengewinde umgeben, und von der Wagenplatte hing ringsherum ein farbiges Tuch herab, das die Räder verdeckte. Desto mehr wurde man sich des Schreckens bewußt, den ihre Eile bedeutete. Sie wurden von den Pferden, die sich vor der Einfahrt bäumten, wie ohne Bewußtsein im Bogen von der Eisengasse zum Schloß geschleppt. Gerade strömten viele Menschen an mir vorüber auf den Platz hinaus, meist Zuschauer, die ich von der Gasse her kannte und die vielleicht gerade jetzt angekommen waren. Unter ihnen war auch ein bekanntes Mädchen, ich weiß aber nicht welches; neben ihr ging ein junger eleganter Mann mit einem gelbbraunen kleinkarierten Ulster, die Rechte tief in der Tasche. Sie gingen zur Niklasstraße zu. Von diesem Augenblick an sah ich nichts mehr.

Schiller irgendwo: Die Hauptsache ist (oder ähnlich) »den Affekt in Charakter umzubilden«.

 

11. November. Samstag. Gestern den ganzen Nachmittag bei Max. Die Reihenfolge der Aufsätze für die ›Schönheit häßlicher Bilder‹ festgesetzt. Ohne gutes Gefühl. Gerade dann aber liebt mich Max am meisten oder scheint es mir nur, weil ich mir meines geringen Verdienstes so deutlich dann bewußt bin. Nein, er liebt mich wirklich mehr. Er will in das Buch auch mein Brescia aufnehmen. Alles Gute in mir wehrt sich dagegen. Ich sollte heute mit ihm nach Brünn. Alles Schlechte und Schwache in mir hat mich zurückgehalten. Denn daß ich morgen wirklich etwas Gutes schreiben sollte, kann ich nicht glauben.

Die von ihren Arbeitsschürzen besonders hinten fest umspannten Mädchen. Eine bei Löwy & Winterberg heute vormittag, bei der die Lappen der nur auf dem Hintern geschlossenen Schürze sich nicht wie gewöhnlich aneinanderfügten, sondern übereinander hinweggingen, so daß sie eingewickelt war wie ein Wickelkind. Sinnlicher Eindruck dessen, wie ich ihn auch unbewußt immer von Wickelkindern hatte, die so in ihre Windeln und Betten gepreßt und mit Bändern zugeschnürt sind, ganz wie zur Befriedigung einer Lust.

Edison hat in einem amerikanischen Interview über seine Reise durch Böhmen erzählt, seiner Meinung nach beruhe die verhältnismäßig höhere Entwicklung Böhmens (in den Vorstädten sind breite Gassen, Gärtchen vor den Häusern, bei der Fahrt durchs Land sieht man Fabriken bauen) darauf, daß die Auswanderung der Tschechen nach Amerika so groß ist und daß die einzelweise von dort Zurückkehrenden neues Streben von dort mitbringen.

Sobald ich irgendwie erkenne, daß ich Übelstände, zu deren Beseitigung ich eigentlich bestimmt wäre (zum Beispiel das äußerst zufriedene, von mir aus gesehen trostlose Leben meiner verheirateten Schwester), auf sich beruhen lasse, verliere ich auf einen Augenblick das Gefühl meiner Armmuskeln.

Ich werde versuchen, allmählich alles Zweifellose an mir zusammenzustellen, später das Glaubwürdige, dann das Mögliche usw. Zweifellos ist in mir die Gier nach Büchern. Nicht eigentlich sie zu besitzen oder zu lesen, als vielmehr sie zu sehn, mich in der Auslage eines Buchhändlers von ihrem Bestand zu überzeugen. Sind irgendwo mehrere Exemplare des gleichen Buches, freut mich jedes einzelne. Es ist, als ob diese Gier vom Magen ausginge, als wäre sie ein irregeleiteter Appetit. Bücher, die ich besitze, freuen mich weniger, dagegen Bücher meiner Schwestern freuen mich schon. Das Verlangen, sie zu besitzen, ist ein unvergleichlich kleineres, es fehlt fast.

12. November. Sonntag. Gestern Conference Richepin: ›La légende de Napoléon‹ im Rudolfinum. Ziemlich leer. Wie zur Prüfung der Manieren des Vortragenden ist auf dem Weg vom Eingangstürchen zum Vortragstisch ein großes Klavier aufgestellt. Der Vortragende kommt herein, will, mit dem Blick ins Publikum, auf dem kürzesten Weg zu seinem Tisch, kommt daher dem Piano zu nahe, staunt, tritt zurück und umgeht es sanft, ohne mehr ins Publikum zu schauen. In der Begeisterung des Abschlusses seiner Rede und im großen Beifall hat er das Piano natürlich längst vergessen, da es sich während des Vortrags nicht bemerkbar gemacht hat, er will möglichst spät, die Hände auf der Brust, dem Publikum den Rücken kehren, macht daher einige elegante Schritte seitwärts, stößt natürlich ein wenig an das Piano und muß auf den Fußspitzen den Rücken ein wenig durchbiegen, ehe er wieder in freies Terrain kommt. So hat es wenigstens Richepin gemacht.

Ein großer starker Fünfziger mit Taille. Die steif umherwirbelnde Frisur (Daudets zum Beispiel) ist, ohne zerstört zu sein, ziemlich fest an den Schädel gedrückt. Wie bei allen alten Südländern, die eine dicke Nase und das zu ihr gehörige breite faltige Gesicht haben, aus deren Nasenlöchern ein starker Wind wie durch Pferdeschnauzen gehn kann und denen gegenüber man genau weiß, daß dies der nicht mehr zu überholende, aber noch lang andauernde Endzustand ihres Gesichtes ist, erinnerte mich auch sein Gesicht an das Gesicht einer alten Italienerin hinter einem allerdings sehr natürlich gewachsenen Bart.

Die neu gestrichene hellgraue Farbe des hinter ihm aufsteigenden Konzertpodiums beirrte anfangs. Das weiße Haar klebte sich förmlich an dieser Farbe fest und ließ keine Kontur zu. Wenn er den Kopf zurückbeugte, kam die Farbe in Bewegung, sein Kopf versank fast in ihr. Erst gegen die Mitte des Vortrags, als sich die Aufmerksamkeit ganz konzentrierte, hörte die Störung auf, besonders als er beim Rezitieren mit dem großen schwarzgekleideten Körper aufstand und mit geschwungenen Händen die Verse führte und die graue Farbe verjagte. – Am Anfang war er zum Verlegenwerden, so sehr machte er Komplimente nach allen Seiten. Bei der Erzählung von einem napoleonischen Soldaten, den er noch gekannt und der siebenundfünfzig Wunden gehabt hatte, bemerkte er, die Mannigfaltigkeit der Farben auf dem Oberkörper dieses Mannes hätte nur ein großer Kolorist wie sein anwesender Freund Mucha nachahmen können.

Ich bemerkte an mir ein Fortschreiten im Ergriffensein durch Menschen auf dem Podium. Ich dachte nicht an meine Schmerzen und Sorgen. Ich war in die linke Ecke meines Fauteuils, eigentlich aber in den Vortrag hineingedrückt, die gefalteten Hände zwischen den Knien. Ich spürte eine Wirkung Richepins auf mich, wie sie König David hat spüren müssen, als er junge Mädchen ins Bett nahm. Ich hatte sogar eine leichte Vision Napoleons, der in einer systematischen Phantasie auch aus dem Eingangstürchen trat, trotzdem er doch aus dem Holz des Podiums oder aus der Orgel hätte treten können. Er drückte den ganzen Saal, der in diesen Augenblicken dicht gefüllt war, nieder. So nah ich ihm eigentlich war, ich hatte und hätte auch in Wirklichkeit niemals Zweifel an seiner Wirkung gehabt. Ich hätte jede Lächerlichkeit seines Aufzuges vielleicht bemerkt, wie auch bei Richepin, aber dieses Bemerken hätte mich nicht gestört. Wie kühl war ich dagegen als Kind! Ich wünschte mir oft, dem Kaiser entgegengestellt zu werden, um ihm seine Wirkungslosigkeit zu zeigen. Und das war nicht Mut, nur Kühle.

Gedichte rezitierte er wie Reden in der Kammer. Er schlug auf den Tisch, als ohnmächtiger Zuseher von Schlachten, mit schwingenden gestreckten Armen machte er den Garden eine Gasse mitten durch den Saal, »Empereur!« rief er nur mit dem gehobenen, zur Fahne gewordenen Arm und gab ihm in einer Wiederholung förmlich das Echo durch ein unten in der Ebene rufendes Heer. Bei einer Schlachtbeschreibung stieß irgendwo ein Füßchen auf den Boden auf, man sah nach, es war sein Fuß, der sich zuwenig getraut hatte. Es störte ihn aber nicht. – Bei den ›Grenadieren‹, die er in einer Übersetzung von Gérard de Nerval vorlas und besonders ehrte, war am wenigsten Beifall.

In seiner Jugend wurde das Grab Napoleons einmal im Jahr geöffnet, und den Invaliden, die im Zug vorübergeführt wurden, wurde das einbalsamierte Gesicht gezeigt, mehr ein Anblick des Schreckens als der Bewunderung, weil das Gesicht aufgedunsen und grünlich war; man schaffte daher später dieses Graböffnen ab. Richepin sah das Gesicht aber noch auf dem Arm seines Großonkels, der in Afrika gedient hatte und für den der Kommandant das Grab eigens öffnen ließ.

Ein Gedicht, das er rezitieren will (er hat ein untrügliches Gedächtnis, wie es bei starkem Temperament eigentlich immer vorhanden sein muß), kündigt er lange vorher an, bespricht es, die künftigen Verse machen schon ein kleines Erdbeben unter diesen Worten, beim ersten Gedicht sagte er sogar, er werde es mit seinem ganzen Feuer vortragen. Es geschah.

Beim letzten Gedicht hatte er dann die Steigerung, unvermerkt in die Verse zu kommen (Verse von Victor Hugo), langsam aufzustehen, auch nach den Versen sich nicht mehr zu setzen, die großen Rezitationsbewegungen mit der letzten Gewalt seiner Prosa aufzunehmen und zu erhalten. Er schloß mit dem Schwur, daß auch nach tausend Jahren jedes Stäubchen seines Leichnams, falls es Bewußtsein hätte, bereit sein würde, dem Rufe Napoleons zu folgen.

Das Französisch, kurzatmig mit seinen rasch aufeinanderfolgenden Ventilen, hielt selbst den einfältigsten Improvisationen stand, zerriß nicht einmal dann, wenn er öfters von den Dichtern sprach, die das Alltagsleben verschönern, von seiner Phantasie (Augen geschlossen) als der eines Dichters, von seinen Halluzinationen (Augen widerwillig in die Ferne aufgerissen) als denen eines Dichters usw. Hierbei verhüllt er auch manchmal die Augen und enthüllte sie langsam, einen Finger nach dem andern wegführend. – Er hat gedient, sein Onkel in Afrika, sein Großvater unter Napoleon, er sang sogar zwei Zeilen eines Kriegsliedes. –

13. November. Und dieser Mann ist, wie ich heute erfahren habe, zweiundsechzig Jahre alt.

 

14. November. Dienstag. Gestern bei Max, der von seiner Brünner Vorlesung zurückkam.

Nachmittag beim Einschlafen. Als hätte sich die feste Schädeldecke, die den schmerzlosen Schädel umfaßt, tiefer ins Innere gezogen und einen Teil des Gehirns draußen gelassen im freien Spiel der Lichter und Muskeln.

Erwachen an einem kalten Herbstmorgen mit gelblichem Licht. Durch das fast geschlossene Fenster dringen und noch vor den Scheiben, ehe man fällt, schweben, die Arme ausgebreitet, mit gewölbtem Bauch, rückwärtsgebogenen Beinen, wie die Figuren auf dem Vorderbug der Schiffe in alter Zeit.

Vor dem Einschlafen

Es scheint so arg, Junggeselle zu sein, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, wenn man einen Abend mit Menschen verbringen will, sein Essen in einer Hand sich nach Hause zu tragen, niemanden mit ruhiger Zuversicht faul erwarten können, nur mit Mühe oder Ärger jemanden beschenken können, vor dem Haustor Abschied nehmen, niemals mit seiner Frau sich die Treppen hinaufdrängen zu können, kranksein und nur den Trost der Aussicht aus seinem Fenster haben, wenn man sich aufsetzen kann, in seinem Zimmer nur Seitentüren haben, die in fremde Wohnungen führen, die Fremdheit seiner Verwandten zu spüren bekommen, mit denen man nur durch das Mittel der Ehe befreundet bleiben kann, zuerst durch die Ehe seiner Eltern, dann, wenn deren Wirkung vergeht, durch die eigene, fremde Kinder anstaunen müssen und nicht immerfort wiederholen dürfen: ich habe keine, da keine Familie mit einem wächst, ein unveränderliches Altersgefühl haben, sich im Aussehn und Benehmen nach den ein oder zwei Junggesellen unserer Jugenderinnerungen ausbilden. Das alles ist wahr, nur begeht man leicht dabei den Fehler, die künftigen Leiden so sehr vor sich auszubreiten, daß der Blick weit über sie hinweggehn muß und nicht mehr zurückkommt, während man doch in Wirklichkeit heute und später selbst dastehen wird, mit einem Körper und einem wirklichen Kopf, also auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen.

Jetzt eine Skizze zur Einleitung für ›Richard und Samuel‹ versuchen.

 

15. November. Gestern abend schon mit einem Vorgefühl die Decke vom Bett gezogen, mich gelegt und wieder aller meiner Fähigkeiten bewußt geworden, als hielte ich sie in der Hand; sie spannten mir die Brust, sie entflammten mir den Kopf, ein Weilchen wiederholte ich, um mich darüber zu trösten, daß ich nicht aufstand, um zu arbeiten: »Das kann nicht gesund sein, das kann nicht gesund sein«, und wollte den Schlaf mit fast sichtbarer Absicht mir über den Kopf ziehn. Immer dachte ich an eine Mütze mit Schirm, die ich, um mich zu schützen, mit starker Hand mir in die Stirne drücke. Wieviel habe ich gestern verloren, wie drückte sich das Blut im engen Kopf, fähig zu allem, und nur gehalten von Kräften, die für mein bloßes Leben unentbehrlich sind und hier verschwendet werden.

Sicher ist, daß alles, was ich im voraus selbst im guten Gefühl Wort für Wort oder sogar nur beiläufig, aber in ausdrücklichen Worten, erfunden habe, auf dem Schreibtisch beim Versuch des Niederschreibens trocken, verkehrt, unbeweglich, der ganzen Umgebung hinderlich, ängstlich, vor allem aber lückenhaft erscheint, trotzdem von der ursprünglichen Erfindung nichts vergessen worden ist. Es liegt natürlich zum großen Teil daran, daß ich frei vom Papier nur in der Zeit der Erhebung, die ich mehr fürchte als ersehne, wie sehr ich sie auch ersehne, Gutes erfinde, daß dann aber die Fülle so groß ist, daß ich verzichten muß, blindlings also nehme, nur dem Zufall nach, aus der Strömung heraus, griffweise, so daß diese Erwerbung beim überlegten Niederschreiben nichts ist im Vergleich zur Fülle, in der sie lebte, unfähig, diese Fülle herbeizubringen, und daher schlecht und störend ist, weil sie nutzlos lockt.

16. November. Heute mittag vor dem Einschlafen, ich schlief aber gar nicht ein, lag auf mir der Oberkörper einer Frau aus Wachs. Ihr Gesicht war über dem meinen zurückgebogen, ihr linker Unterarm drückte meine Brust.

Drei Nächte nicht geschlafen, bei dem kleinsten Versuche, etwas zu machen, gleich auf dem Grunde meiner Kraft.

Aus einem alten Notizbuch:Bezieht sich auf das Studium vor den juristischen Staatsprüfungen und Rigorosen. »Jetzt abend, nachdem ich von sechs Uhr früh an gelernt habe, bemerkte ich, wie meine linke Hand die rechte schon ein Weilchen lang aus Mitleid bei den Fingern umfaßt hielt.«

 

18. November. Gestern in der Fabrik. Mit der Elektrischen zurückgefahren, in einem Winkel mit ausgestreckten Beinen gesessen, Menschen draußen gesehn, angezündete Geschäftslampen, Mauern durchfahrener Viadukte, immer wieder Rücken und Gesichter, aus der Geschäftsstraße der Vorstadt hinausführend eine Landstraße mit nichts Menschlichem als nach Hause gehenden Menschen, die schneidenden, in das Dunkel eingebrannten elektrischen Lichter des Bahnhofgeländes, niedrige, stark sich verjüngende Kamine eines Gaswerks, ein Plakat über das Gastspiel einer Sängerin de Treville, das sich an den Wänden hintastet bis in eine Gasse in der Nähe der Friedhöfe, von wo es dann wieder mit mir aus der Kälte der Felder in die wohnungsmäßige Wärme der Stadt zurückgekehrt ist. Fremde Städte nimmt man als Tatsache hin, die Bewohner dort leben, ohne unsere Lebensweise zu durchdringen, so wie wir ihre nicht durchdringen können, vergleichen muß man, man kann sich nicht wehren, aber man weiß gut, daß das keinen moralischen und nicht einmal psychologischen Wert hat, schließlich kann man oft auch auf das Vergleichen verzichten, da die allzu große Verschiedenheit der Lebensbedingungen uns dessen enthebt.

Die Vorstädte unserer Vaterstadt aber sind uns zwar auch fremd, doch hier haben Vergleiche Wert, ein halbstündiger Spaziergang kann es uns immer wieder beweisen, hier leben Menschen teils im Innern unserer Stadt, teils am ärmlichen, dunklen, wie ein großer Hohlweg zerfurchten Rande, trotzdem sie alle einen so großen Kreis gemeinsamer Interessen haben wie keine Menschengruppe sonst außerhalb der Stadt. Darum betrete ich die Vorstadt stets mit einem gemischten Gefühl von Angst, von Verlassensein, von Mitleid, von Neugier, von Hochmut, von Reisefreude, von Männlichkeit und komme mit Behagen, Ernst und Ruhe zurück, besonders von Žižkov.

 

19. November. Sonntag. Traum:

Im Theater. Vorstellung ›Das weite Land‹ von Schnitzler, bearbeitet von UtitzDer Philosoph Emil Utitz, später Universitätsprofessor, war im Gymnasium ein Mitschüler Kafkas. . Ich sitze ganz vorn in einer Bank, glaube in der ersten zu sitzen, bis sich schließlich zeigt, daß es die zweite ist. Die Rückenlehne der Bank ist der Bühne zugekehrt, so daß man den Zuschauerraum bequem, die Bühne erst nach einer Drehung sehen kann. Der Verfasser ist irgendwo in der Nähe, ich kann mit meinem schlechten Urteil über das Stück, das ich offenbar schon kenne, nicht zurückhalten, füge aber dafür hinzu, daß der dritte Akt witzig sein soll. Mit diesem »soll« will ich wieder sagen, daß ich, wenn von den guten Stellen gesprochen wird, das Stück nicht kenne und mich auf das Hörensagen verlassen muß; dafür wiederhole ich diese Bemerkung noch einmal, nicht nur für mich, aber doch von den andern nicht beachtet. Rings um mich herum ist ein großes Gedränge, alles scheint in seinen Winterkleidern gekommen zu sein und füllt daher die Plätze übermäßig aus. Leute neben mir, hinter mir, die ich nicht sehe, sprechen auf mich ein, zeigen mir Neuankommende, nennen die Namen, besonders werde ich auf ein durch eine Sesselreihe sich drängendes Ehepaar aufmerksam gemacht, da die Frau ein dunkelgelbes, männliches, langnasiges Gesicht hat und überdies, soweit man im Gedränge, aus dem ihr Kopf ragt, sehen kann, Männerkleidung trägt; neben mir steht merkwürdig frei der Schauspieler Löwy, dem wirklichen aber sehr unähnlich, und hält aufgeregte Reden, in denen das Wort »principium« sich wiederholt, ich erwarte immerfort das Wort »tertium comparationis«, es kommt nicht. In einer Loge des zweiten Ranges, eigentlich nur in einem Winkel der Galerie, von der Bühne aus rechts, die sich dort an die Loge anschließt, steht irgendein dritter Sohn der Familie Kisch,Es ist die Familie von Egon Erwin Kisch, dem »rasenden Reporter«. Sein Bruder Paul Kisch studierte Germanistik. hinter einer sitzenden Mutter, und redet in das Theater, angezogen in einen schönen Kaiserrock, dessen Flügel ausgebreitet sind. Die Reden des Löwy haben eine Beziehung zu diesen Reden. Unter anderem zeigt Kisch hoch oben auf eine Stelle des Vorhangs und sagt, dort sitzt der deutsche Kisch, damit meint er meinen Schulkollegen, der Germanistik studiert hat.

Als der Vorhang aufgeht, das Theater sich zu verdunkeln anfängt und Kisch sowieso verschwinden würde, zieht er, um dies deutlicher zu machen, mit seiner Mutter in die Galerie aufwärts und weg, wieder alle Arme, Röcke und Beine sehr ausgebreitet.

Die Bühne liegt etwas tiefer als der Zuschauerraum, man schaut hinunter, das Kinn auf der Rückenlehne. Die Dekoration besteht hauptsächlich in zwei niedrigen dicken Säulen in der Mitte der Bühne. Ein Gastmahl wird dargestellt, an dem sich Mädchen und junge Männer beteiligen. Ich sehe wenig, denn obgleich mit Beginn des Spiels viele Leute gerade aus den ersten Bänken weggegangen sind, offenbar hinter die Bühne, verdecken die zurückbleibenden Mädchen, mit großen, flachen, meist blauen, über die ganze Länge der Bank hin- und herrückenden Hüten, die Aussicht. Einen kleinen zehn- bis fünfzehnjährigen Jungen sehe ich jedoch auf der Bühne besonders klar. Er hat trockenes, gescheiteltes, gerade geschnittenes Haar. Er weiß nicht einmal richtig die Serviette auf seine Oberschenkel zu legen, muß zu diesem Zweck aufmerksam hinunterschauen und soll in diesem Stück einen Lebemann spielen. Infolge dieser Beobachtung habe ich kein großes Vertrauen zu diesem Theater mehr. Die Gesellschaft auf der Bühne erwartet nun verschiedene Ankömmlinge, die aus den ersten Zuschauerreihen auf die Bühne hinuntersteigen. Das Stück ist aber auch nicht gut einstudiert. So kommt eine Schauspielerin Hackelberg eben an, ein Schauspieler spricht sie, weltmännisch in seinem Fauteuil lehnend, mit »Hackel-« an, bemerkt jetzt den Irrtum und korrigiert sich. Nun kommt ein Mädchen an, das ich kenne (Frankel heißt sie, glaube ich), sie steigt gerade an meinem Platz über die Lehne, ihr Rücken ist, als sie hinübersteigt, ganz nackt, die Haut nicht sehr rein, über der rechten Hüfte ist sogar eine aufgekratzte, blutunterlaufene Stelle, in der Größe eines Türknopfes. Sie spielt dann aber, als sie sich auf die Bühne wendet und mit reinem Gesicht dasteht, sehr gut. Nun soll ein singender Reiter aus der Ferne im Galopp sich nähern, ein Klavier täuscht das Hufeklappern vor, man hört den sich nähernden stürmischen Gesang, endlich sehe ich auch den Sänger, der, um dem Gesang das natürliche Anschwellen des eilend Herannahenden zu geben, die Galerie oben entlangläuft, zur Bühne. Noch ist er nicht bei der Bühne, auch mit dem Lied noch nicht zu Ende, und doch hat er das Äußerste an Eile und schreiendem Gesang hergegeben, auch das Klavier kann nicht mehr deutlicher die auf die Steine schlagenden Hufe nachahmen. Daher lassen beide ab und der Sänger kommt mit ruhigem Gesang heran, nur macht er sich so klein, daß nur sein Kopf über die Galeriebrüstung ragt, damit man ihn nicht so deutlich sieht.

Damit ist der erste Akt zu Ende, aber der Vorhang geht nicht hinunter, auch das Theater bleibt dunkel. Auf der Bühne sitzen zwei Kritiker auf dem Boden und schreiben, mit dem Rücken an einer Dekoration lehnend. Ein Dramaturg oder Regisseur mit blondem Spitzbart kommt auf die Bühne gesprungen, im Flug noch streckt er eine Hand zu einer Anordnung aus, in der andern Hand trägt er eine Weintraube, die früher auf einer Obstschale des Gastmahls lag, und ißt von ihr.

Wieder dem Zuschauerraum zugewendet, seh ich, daß er mit einfachen Petroleumlaternen beleuchtet ist, die wie in Gassen auf einfachen Kandelabern aufgesteckt sind und jetzt natürlich nur ganz schwach brennen. Plötzlich, unreines Petroleum oder eine schadhafte Stelle im Docht wird die Ursache sein, spritzt Licht aus einer solchen Laterne und Funken gehn in breitem Stoße auf die Zuschauer nieder, die für den Blick nicht zu entwirren sind und eine Masse, schwarz wie Erde, bilden. Da steht ein Herr aus dieser Masse auf, geht förmlich auf ihr näher zur Laterne hin, will offenbar die Sache in Ordnung bringen, schaut aber zuerst zur Laterne hinauf, bleibt ein Weilchen so neben ihr stehn, und als nichts geschieht, geht er ruhig wieder zu seinem Platz zurück, in dem er versinkt. Ich verwechsle mich mit ihm und neige das Gesicht ins Schwarze.

Ich und Max müssen doch grundverschieden sein. Sosehr ich seine Schriften bewundere, wenn sie als meinem Eingriff und jedem andern unzugängliches Ganzes vor mir liegen, selbst heute eine Reihe kleiner Buchbesprechungen, so ist doch jeder Satz, den er für ›Richard und Samuel‹ schreibt, mit einer widerwilligen Konzession von meiner Seite verbunden, die ich schmerzlich bis in meine Tiefe fühle. Wenigstens heute.

Heute abend war ich wieder voll ängstlich zurückgehaltener Fähigkeit.

 

20. November. Traum eines Bildes, angeblich von Ingres. Die Mädchen im Wald in tausend Spiegeln oder eigentlich: Die Jungfrauen usw. Ähnlich gruppiert und luftig gezogen wie auf Vorhängen der Theater, war rechts im Bild eine Gruppe dichter beisammen, nach links hin saßen oder lagen sie auf einem riesigen Zweig oder einem fliegenden Band oder schwebend aus eigener Kraft in einer gegen den Himmel langsam ansteigenden Kette. Und nun spiegelten sie sich nicht nur gegen den Zuschauer hin, sondern auch von ihm weg, wurden undeutlicher und vielfacher; was das Auge an Einzelheiten verlor, gewann es an Fülle. Vorn aber stand ein von den Spiegelungen unbeeinflußtes nacktes Mädchen, auf ein Bein gestützt, mit vortretender Hüfte. Hier war Ingres Zeichenkunst zu bewundern, nur fand ich eigentlich mit Wohlgefallen, daß zuviel wirkliche Nacktheit auch für den Tastsinn an diesem Mädchen übriggeblieben war. Von einer durch sie verdeckten Stelle ging ein Schimmer gelblich blassen Lichtes aus.

Sicher ist mein Widerwille gegen Antithesen. Sie kommen zwar unerwartet, aber überraschen nicht, denn sie sind immer ganz nah vorhanden gewesen; wenn sie unbewußt waren, so waren sie es nur am äußersten Rande. Sie erzeugen zwar Gründlichkeit, Fülle, Lückenlosigkeit, aber nur so wie eine Figur im Lebensrad;Das »Lebensrad« war ein Spielzeug; durch einen Schlitz sah man auf einem sich drehenden Kreisband die aufeinanderfolgenden Positionen einer Figur. Es entstand die Illusion einer Bewegung. unsern kleinen Einfall haben wir im Kreis herumgejagt. So verschieden sie sein können, so nuancenlos sind sie, wie von Wasser aufgeschwemmt wachsen sie einem unter der Hand, mit der anfänglichen Aussicht ins Grenzenlose und mit einer endlichen mittlern, immer gleichen Größe. Sie rollen sich ein, sind nicht auszudehnen, geben einen Anhaltspunkt, sind Löcher im Holz, sind stehender Sturmlauf, ziehn, wie ich gezeigt habe, Antithesen auf sich herab. Möchten sie nur alle auf sich herabziehn und für immer.

Für das Drama: Englischlehrer Weiß, wie er mit geraden Schultern, die Hände stark in den Taschen, mit dem in Falten gespannten gelblichen Überrock einmal abends auf dem Wenzelsplatz über die Fahrbahn mit mächtigen Schritten knapp an der allerdings noch stehenden, aber schon läutenden Elektrischen vorübereilt. Von uns weg.

E. Anna!

A. aufschauend: Ja.

E. Komm her.

A. große ruhige Schritte: Was willst du?

E. Ich wollte dir sagen, daß ich seit einiger Zeit mit dir unzufrieden bin.

A. Aber!

E. Es ist so.

A. Dann mußt du mir eben kündigen, Emil.

E. So rasch? Und du fragst gar nicht nach der Ursache?

A. Ich kenne sie.

E. So?

A. Das Essen schmeckt dir nicht.

E. steht rasch auf, laut: Weißt du, daß Kurt heute abend wegfährt oder weißt du es nicht?

A. innerlich unbeirrt: Aber ja, leider fährt er weg, deshalb hast du mich nicht herrufen müssen.

21. November. Mein gewesenes Kinderfräulein, die im Gesicht schwarzgelbe, mit kantigem Nasenrand und einer mir damals so lieben Warze irgendwo auf der Wange, war heute zum zweitenmal in kurzer Zeit bei uns, um mich zu sehn. Das erstemal war ich nicht zu Hause, diesmal wollte ich in Ruhe gelassen sein und schlafen und ließ mich verleugnen. Warum hat sie mich so schlecht erzogen, ich war doch folgsam, sie sagt es jetzt selbst im Vorzimmer zur Köchin und zum Fräulein, ich war von ruhiger Gemütsart und brav. Warum hat sie das nicht für mich ausgenützt und mir eine bessere Zukunft vorbereitet? Sie ist eine Ehefrau oder Witwe, hat Kinder, hat eine lebhafte Sprache, die mich nicht schlafen läßt, denkt, daß ich ein großer gesunder Herr im schönen Alter von achtundzwanzig Jahren bin, gern an meine Jugend zurückdenke und überhaupt etwas mit mir anzufangen weiß. Nun liege ich aber hier auf dem Kanapee, mit einem Fußtritt aus der Welt geworfen, passe auf den Schlaf auf, der nicht kommen will, und wenn er kommt, mich nur streifen wird, die Gelenke habe ich wund vor Müdigkeit, mein dürrer Körper zittert sich zugrunde in Aufregungen, derer er sich nicht klar bewußt werden darf, im Kopf zuckt es zum Erstaunen. Und da stehen die drei Frauen vor meiner Tür, eine lobt mich, wie ich war, zwei, wie ich bin. Die Köchin sagt, ich werde gleich, sie meint: ohne jeden Umweg, in den Himmel kommen. So wird es sein.

Löwy: Ein Rabbi im Talmud hatte das in diesem Falle sehr gottgefällige Prinzip, nichts, nicht einmal ein Glas Wasser von jemandem anzunehmen. Nun traf es sich aber, daß der größte Rabbi seiner Zeit ihn kennenlernen wollte und ihn also zum Essen einlud. Die Einladung eines solchen Mannes ablehnen, das war nicht möglich. Traurig machte sich daher der erste Rabbi auf den Weg. Aber weil sein Prinzip so stark war, schob sich zwischen die beiden Rabbi ein Berg.

Anna sitzt bei Tisch und liest in der Zeitung.

Karl geht im Zimmer herum, sobald er zum Fenster kommt, bleibt er stehn und schaut hinaus, einmal öffnet er sogar das innere Fenster.

Anna : Bitte laß das Fenster zu, es friert doch.

Karl schließt das Fenster: Wir haben eben verschiedene Sorgen.

22. November.

Anna : Du hast aber eine Gewohnheit angenommen, Emil, eine ganz abscheuliche. An jede Kleinigkeit kannst du anknüpfen und mit ihrer Hilfe eine schlechte Eigenschaft an mir finden.

Karl reibt sich die Finger: Weil du keine Rücksicht nimmst, weil du überhaupt unbegreiflich bist.

 

Sicher ist, daß ein Haupthindernis meines Fortschritts mein körperlicher Zustand bildet. Mit einem solchen Körper läßt sich nichts erreichen. Ich werde mich an sein fortwährendes Versagen gewöhnen müssen. Von den letzten wilddurchträumten, aber kaum weilchenweise durchschlafenen Nächten bin ich heute früh so ohne Zusammenhang gewesen, fühlte nichts anderes als meine Stirn, sah einen halbwegs erträglichen Zustand erst weit über dem gegenwärtigen und hätte mich einmal gerne vor lauter Todesbereitschaft mit den Akten in der Hand auf den Zementplatten des Korridors zusammengerollt. Mein Körper ist zu lang für seine Schwäche, er hat nicht das geringste Fett zur Erzeugung einer segensreichen Wärme, zur Bewahrung inneren Feuers, kein Fett, von dem sich einmal der Geist über seine Tagesnotdurft hinaus ohne Schädigung des Ganzen nähren könnte. Wie soll das schwache Herz, das mich in der letzten Zeit öfters gestochen hat, das Blut über die ganze Länge dieser Beine hin stoßen können. Bis zum Knie wäre genug Arbeit, dann aber wird es nur noch mit Greisenkraft in die kalten Unterschenkel gespült. Nun ist es aber schon wieder oben nötig, man wartet darauf, während es sich unten verzettelt. Durch die Länge des Körpers ist alles auseinandergezogen. Was kann er da leisten, da er doch vielleicht, selbst wenn er zusammengedrängt wäre, zu wenig Kraft hätte für das, was ich erreichen will.

 

Aus einem Brief Löwys an seinen Vater: Wenn ich nach Warschau komme, werde ich in meinen europäischen Kleidern zwischen euch herumgehn wie »eine Spinne vor den Augen, wie ein Trauernder unter Brautleuten«.

 

Löwy erzählt von einem verheirateten Freunde, der in Postin lebt, einer kleinen Stadt in der Nähe von Warschau, und sich in seinen fortschrittlichen Interessen einsam und daher unglücklich fühlt. »Postin, ist das eine große Stadt?« – »So groß«, er hält mir seine flache Hand hin. Sie ist mit einem gerauhten gelbbraunen Handschuh bekleidet und stellt eine wüste Gegend vor.

 

23. November. Am 21., dem hundertsten Todestag Kleists, ließ die Familie Kleist einen Kranz auf sein Grab legen mit der Aufschrift: »Dem Besten ihres Geschlechts.«

 

Von was für Zuständen ich durch meine Lebensweise abhängig werde! Heute nacht habe ich etwas besser als in der letzten Woche geschlafen, heute nachmittag sogar ziemlich gut, ich habe sogar jene Verschlafenheit, die auf mittelguten Schlaf folgt, infolgedessen befürchtete ich, weniger gut schreiben zu können, fühle, wie sich einzelne Fähigkeiten tiefer ins Innere schlagen, und bin auf alle Überraschungen vorbereitet, das heißt sehe sie schon.

 

24. November. ›Schhite‹ (der, welcher die Schächterkunst lernt). Stück von Gordin. Darin Talmudzitate, zum Beispiel:

Wenn ein großer Gelehrter abends oder in der Nacht eine Sünde begeht, so darf man sie ihm am Morgen nicht mehr vorwerfen, denn in seiner Gelehrsamkeit hat er sie sicher schon selbst bereut.

Stiehlt man einen Ochsen, so muß man zwei zurückgeben, schlachtet man den gestohlenen Ochsen, so muß man vier zurückgeben, schlachtet man aber ein gestohlenes Kalb, so muß man nur drei zurückgeben, weil angenommen wird, daß man das Kalb wegtragen mußte, also eine schwere Arbeit getan hat. Diese Annahme bestimmt die Strafe auch dann, wenn man das Kalb bequem fortgeführt hat.

 

Ehrenhaftigkeit schlechter Gedanken. Gestern abend fühlte ich mich besonders elend. Mein Magen war wieder verdorben, ich hatte mit Mühe geschrieben, der Vorlesung Löwys im Kaffeehaus (das zuerst still war und von uns geschont werden mußte, das sich dann aber belebte und uns nicht in Ruhe ließ) hatte ich mit Anstrengung zugehört, meine traurige nächste Zukunft erschien mir nicht wert, in sie einzutreten, verlassen ging ich durch die Ferdinandstraße. Da kamen mir an der Mündung des Bergsteins wieder die Gedanken an die spätere Zukunft. Wie wollte ich sie mit diesem aus einer Rumpelkammer gezogenen Körper ertragen? Auch im Talmud heißt es: Ein Mann ohne Weib ist kein Mensch. Gegenüber solchen Gedanken blieb mir an diesem Abend keine andere Hilfe; als daß ich mir sagte: »Jetzt kommt ihr, schlechte Gedanken, jetzt, weil ich schwach bin und verdorbenen Magen habe. Gerade jetzt wollt ihr euch durchdenken lassen. Nur darauf, was euch wohltut, habt ihr es abgesehn. Schämt euch. Kommt ein andersmal, wenn ich kräftiger bin. Nützt meinen Zustand nicht so aus.« Und tatsächlich, ohne andere Beweise auch nur abzuwarten, wichen sie zurück, zerstreuten sich langsam und störten mich nicht mehr auf meinem weitern, natürlich nicht übermäßig glücklichen Spaziergang. Sie vergaßen aber offenbar, daß sie, wenn sie alle meine schlechten Zustände respektieren wollten, selten an die Reihe kommen werden.

Durch den Benzingeruch eines vom Theater her fahrenden Automobils wurde ich darauf aufmerksam, wie sichtbar auf die mir entgegenkommenden Theaterbesucher, die mit letzten Griffen ihre Mäntel und hängenden Gucker in Ordnung bringen, eine schöne Häuslichkeit wartet (und sei sie auch nur von einer Kerze beleuchtet, so ist es ja vor dem Schlafengehn recht), wie sie aber auch aus dem Theater nach Hause geschickt erscheinen, als untergeordnete Personen, vor denen der Vorhang zum letztenmal niedergegangen ist und hinter denen sich die Türen geöffnet haben, durch die sie vor Anfang oder während des ersten Aktes hochmütig wegen irgendeiner lächerlichen Sorge eingetreten sind.

 

25. November. Den ganzen Nachmittag im Café City M. überredet, eine Erklärung zu unterschreiben, daß er nur Kommis bei uns war, also nicht versicherungspflichtig, und der Vater nicht verpflichtet wäre, die große Nachtragszahlung für seine Versicherung zu leisten. Er verspricht es mir, ich rede ein flüssiges Tschechisch, besonders meine Irrtümer entschuldige ich elegant, er verspricht, die Erklärung Montag ins Geschäft zu schicken, ich fühle mich von ihm, wenn nicht geliebt, so doch respektiert, aber am Montag schickt er nichts, ist auch nicht mehr in Prag, sondern weggefahren.

Abends matt bei Baum, ohne Max. Vorlesung der ›Häßlichen‹, einer noch zu ungeordneten Geschichte, das erste Kapitel ist mehr der Lagerplatz einer Geschichte.

26. November. Mit Max ›Richard und Samuel‹ vormittag und nachmittag bis fünf. Dann zu N., Sammler aus Linz, von Kubin empfohlen, fünfzig Jahre, riesig, turmartige Bewegungen; wenn er längere Zeit schweigt, beugt man den Kopf, da er ganz schweigt, während er sprechend nicht ganz spricht; sein Leben besteht aus Sammeln und Koitieren.

Sammeln: Mit einer Sammlung von Briefmarken fing er an, ging dann zur Graphik über, sammelte dann alles, sah dann die Nutzlosigkeit dieser sich niemals abrundenden Sammlung ein und beschränkte sich auf Amulette, später auf Wallfahrtsmedaillen und Wallfahrtsblätter von Niederösterreich und Südbayern. Es sind dies Medaillen und Blätter, die separat für jede Wallfahrt neu aufgelegt werden, im Material und auch künstlerisch meist wertlos sind, oft aber gemütliche Darstellungen enthalten. Darüber fing er nun auch fleißig zu publizieren an, und zwar zum erstenmal über diesen Gegenstand, für dessen Systemisierung er erst die Gesichtspunkte feststellte. Natürlich empörten sich die bisherigen Sammler dieser Dinge, die es versäumt hatten, zu publizieren, mußten sich dann aber doch zufrieden geben. Jetzt ist er anerkannter Sachverständiger für diese Wallfahrtsmedaillen, aus allen Gegenden kommen Bitten um Bestimmung und Begutachtung dieser Medaillen, seine Stimme gilt. Im übrigen sammelt er auch noch alles andere, sein Stolz ist ein Jungferngürtel, der, wie auch alle seine Amulette, auf der Dresdner hygienischen Ausstellung ausgestellt gewesen ist. (Jetzt war er eben dort und hat alles zum Transport verpacken lassen.) Dann ein schönes Ritterschwert vom Falkensteiner. Mit einer schlechten, nur durch Sammeln erreichbaren Klarheit verhält er sich zur Kunst.

Aus dem Kaffeehaus im Hotel Graf führte er uns in sein überheiztes Zimmer hinauf, setzt sich aufs Bett, wir auf zwei Sessel um ihn, so daß wir eine ruhige Versammlung bilden. Seine erste Frage: »Sind Sie Sammler?« – »Nein, nur arme Liebhaber.« – »Das macht nichts.« Er zieht seine Brieftasche und bewirft uns förmlich mit Exlibris, eigenen und fremden, untermischt mit einem Prospekt seines nächsten Buches ›Zauberei und Aberglaube im Steinreich‹. Er hat schon viel geschrieben, besonders über ›Mutterschaft in der Kunst‹, den schwangern Körper hält er für den schönsten, er ist ihm auch am angenehmsten ... Auch über Amulette hat er geschrieben. Er war auch in Stellung in den Wiener Hofmuseen, hat Ausgrabungen in Braila an der Donaumündung geleitet, ein, nach ihm benanntes Verfahren zum Binden ausgegrabener Vasen erfunden, ist dreizehnfaches Mitglied von gelehrten Gesellschaften und Museen, seine Sammlung ist dem Germanischen Museum in Nürnberg vermacht, oft sitzt er bis ein oder zwei Uhr an seinem Schreibtisch in der Nacht und um acht Uhr früh wieder. Wir müssen etwas in das Stammbuch einer Freundin eintragen, das er auf die Reise mitgenommen hat, um es füllen zu lassen. Selbstproduzierende kommen an den Anfang. Max trägt einen komplizierten Vers ein, den Herr N. mit dem Sprichwort »auf Regen kommt Sonnenschein« zu übersetzen versucht. Vorher hat er es mit einer hölzernen Stimme vorgelesen. Ich schreibe: Kleine Seele springt im Tanze usw.

Er liest wieder laut, ich helfe, schließlich sagt er: »Ein persischer Rhythmus? Wie heißt das nur? Ghasele? Nicht?« Da können wir nicht zustimmen, und was er meint, auch nicht erraten. Endlich zitiert er ein Ritornell von Rückert. Ja, also Ritornell hat er gemeint. Das ist es allerdings auch nicht. Gut, aber einen gewissen Wohlklang hat es.

Er ist Freund Halbes. Er möchte gern über ihn reden. Wir viel lieber über Blei. Über den ist aber nicht viel zu reden, er wird in der Münchner literarischen Gesellschaft wegen literarischer Schweinereien mißachtet, von seiner Frau, die als Zahnärztin ein besuchtes Atelier hatte und ihn erhielt, ist er geschieden, seine Tochter, sechzehn Jahre, blond, mit blauen Augen ist das wildeste Mädel von München. In Sternheims ›Hose‹ – N. war mit Halbe im Theater – spielte Blei einen alternden Lebemann. Als ihn N. am nächsten Tag traf, sagte er: »Herr Doktor, Sie haben gestern den Dr. Blei gespielt.« – »Wieso? Wieso?« sagte er verlegen, »ich habe doch den und den gespielt.« – Beim Weggehn zerwirft er das Bett, damit es vollständig sich der Zimmerwärme angleiche, außerdem ordnet er weiteres Einheizen an.

 

Aus dem Talmud: Geht ein Gelehrter auf Brautschau, so soll er sich einen Amhorez[Amhorez. Ein ungebildeter Mann. – Diese und alle ähnlichen Notizen machte sich Kafka auf Grund seiner langen Gespräche mit dem Schauspieler [Jizchak] Löwy. mitnehmen, da er, zu sehr in seine Gelehrsamkeit versenkt, das Notwendige nicht merken würde.

Die Telephon- und Telegraphendrähte um Warschau sind durch Bestechungen zu einem vollkommenen Kreis ergänzt, der im Sinne des Talmud aus der Stadt ein abgegrenztes Gebiet, gewissermaßen einen Hof bildet, so daß es auch dem Frömmsten möglich ist, am Samstag innerhalb dieses Kreises sich zu bewegen, Kleinigkeiten (wie Taschentücher) bei sich zu tragen.

Die Gesellschaften der Chassidim, bei denen sie sich fröhlich über Talmudfragen unterhalten. Stockt die Unterhaltung oder beteiligt sich einer nicht, entschädigt man sich durch Gesang. Melodien werden erfunden, gelingt eine, werden Familienglieder hereingerufen und mit ihnen repetiert und studiert. Ein Wunderrabbi, der öfters Halluzinationen hatte, versenkte bei einer solchen Unterhaltung plötzlich sein Gesicht in die auf den Tisch gelegten Arme und verblieb so unter allgemeinem Schweigen drei Stunden. Als er erwachte, weinte er und trug einen ganz neuen lustigen militärischen Marsch vor. Es war dies die Melodie, mit welcher Totenengel eben die Seele eines zu dieser Zeit in einer weitentfernten russischen Stadt verstorbenen Wunderrabbis zum Himmel begleitet hatten.

Nach der Kabbala bekommen am Freitag die Frommen eine neue, vollkommen himmlische, zartere Seele, die bis Samstagabend bei ihnen bleibt.

Am Freitagabend begleiten jeden Frommen zwei Engel vom Tempel nach Hause; der Hausherr begrüßt sie stehend im Spielzimmer; sie bleiben nur kurze Zeit.

 

Immer hatte die Erziehung der Mädchen, ihr Erwachsensein, die Gewöhnung an die Gesetze der Welt, einen besonderen Wert für mich. Sie laufen dann einem, der sie nur flüchtig kennt und gern mit ihnen flüchtig reden möchte, nicht mehr so hoffnungslos aus dem Weg, sie bleiben schon ein wenig stehn und sei es auch nicht gerade an der Stelle des Zimmers, wo man sie haben will, man muß sie nicht mehr halten mit Blicken, Drohungen oder der Macht der Liebe; wenn sie sich abwenden, tun sie es langsam und wollen damit nicht verwunden, dann ist auch ihr Rücken breiter geworden. Was man ihnen sagt, geht nicht verloren, sie hören die ganze Frage an, ohne daß man sich beeilen müßte, und antworten, zwar scherzhaft, jedoch genau auf die gestellte Frage. Ja, sie fragen sogar selbst mit erhobenem Gesicht, und ein kleines Gespräch ist ihnen nicht unerträglich. Sie lassen sich in der Arbeit, die sie gerade vorgenommen haben, durch einen Zuschauer kaum mehr stören und berücksichtigen ihn also weniger, doch darf er sie auch länger anschauen. Nur zum Ankleiden ziehn sie sich zurück. Es ist die einzige Zeit, während der man unsicher sein kann. Sonst aber muß man nicht mehr durch Gassen laufen, bei Haustoren abfangen und immer wieder auf einen glücklichen Zufall warten, trotzdem man doch schon erfahren hat, daß man die Fähigkeit nicht besitzt, ihn zu zwingen.

Trotz dieser großen Veränderung aber, die mit ihnen vorgegangen ist, ist es keine Seltenheit, daß sie bei einer unerwarteten Begegnung mit einer Trauermiene uns entgegenkommen, die Hand flach in die unsere legen und mit langsamen Bewegungen uns wie einen Geschäftsfreund zum Eintritt in die Wohnung laden. Schwer gehn sie im Nebenzimmer auf und ab; wie wir aber auch dort eindringen, aus Lüsternheit und Trotz, hocken sie in einer Fensternische und lesen die Zeitung, ohne einen Blick für uns zu haben.

 

30. November. Drei Tage lang nichts geschrieben.

 

3. Dezember. Ich habe jetzt ein Stück in Schäfers ›Karl Stauffers Lebensgang, eine Chronik der Leidenschaft‹ gelesen und bin von diesem großen, in mein nur in Augenblicken erhorchtes Innere dringenden Eindruck so befangen und festgehalten, dabei aber durch das von meinem verdorbenen Magen mir auferlegte Hungern und durch die übliche Aufregung des freien Sonntags so ins Weite getrieben, daß ich ebenso schreiben muß, wie man sich bei äußerer, durch Äußeres erzwungener Aufregung nur durch Fuchteln mit den Armen helfen kann.

 

Das Unglück des Junggesellen ist für die Umwelt, ob scheinbar oder wirklich, so leicht zu erraten, daß er jedenfalls, wenn er aus Freude am Geheimnis Junggeselle geworden ist, seinen Entschluß verfluchen wird. Er geht zwar umher mit zugeknüpftem Rock, die Hände in den hohen Rocktaschen, die Ellbogen spitz, den Hut tief im Gesicht, ein falsches, schon eingeborenes Lächeln soll den Mund schützen, wie der Zwicker die Augen, die Hosen sind schmäler, als es an magern Beinen schön ist. Aber jeder weiß, wie es um ihn steht, kann ihm aufzählen, was er leidet. Kühle weht ihn aus seinem Innern an, in das er mit der noch traurigen andern Hälfte seines Doppelgesichts hineinschaut. Er übersiedelt förmlich unaufhörlich, aber mit erwartender Gesetzmäßigkeit. Je weiter er von den Lebenden wegrückt, für die er doch, und das ist der ärgste Spott, arbeiten muß wie ein bewußter Sklave, der sein Bewußtsein nicht äußern darf, ein desto kleinerer Raum wird für ihn als genügend befunden. Während die andern, und seien sie ihr Leben lang auf dem Krankenbett gelegen, dennoch vom Tode niedergeschlagen werden müssen, denn wenn sie auch aus eigener Schwäche längst selbst gefallen wären, so halten sie sich doch an ihre liebenden starken gesunden Bluts- und Eheverwandten, er, dieser Junggeselle bescheidet sich aus scheinbar eigenem Willen schon mitten im Leben auf einen immer kleineren Raum, und stirbt er, ist ihm der Sarg gerade recht.

 

Wie ich letzthin meinen Schwestern die Selbstbiographie Mörikes vorlas, schon gut anfing, aber noch besser fortsetzte und schließlich, die Fingerspitzen aufeinander gelegt, mit meiner ruhig bleibenden Stimme innere Hindernisse bezwang, einen immer mehr sich ausbreitenden Ausblick meiner Stimme verschaffte und schließlich das ganze Zimmer rings um mich nichts anderes aufnehmen durfte als meine Stimme. Bis dann meine aus dem Geschäft zurückkehrenden Eltern läuteten.

 

Vor dem Einschlafen das Gewicht der Fäuste an den leichten Armen auf meinem Leib gespürt.

 

8. Dezember. Freitag, lange nicht geschrieben, nur war es diesmal doch halbwegs aus Zufriedenheit, da ich das erste Kapitel von ›Richard und Samuel‹ selbst beendet habe und besonders die anfängliche Beschreibung des Schlafes im Coupé als gelungen ansehe. Noch mehr, ich glaube, daß sich an mir etwas vollzieht, das jener Schillerschen Umbildung des Affekts in Charakter sehr nahesteht. Über alles Wehren meines Innern muß ich das aufschreiben.

 

Spaziergang mit Löwy zum Statthalterschloß, das ich die Zionsburg nannte. Eingangstore und die Himmelsfarbe gingen sehr klar zusammen.

Ein anderer Spaziergang zur Hetzinsel. Erzählung von Frau Tschissik, wie man sie aus Mitleid in Berlin in die Gesellschaft aufnahm, eine zuerst wertlose Duettistin in altfränkischem Kleid und Hut. Vorlesen eines Briefes aus Warschau, in dem ein junger Warschauer Jude über den Niedergang des jüdischen Theaters klagt und schreibt, daß er lieber in die ›Nowosti‹, das polnische Operettentheater, gehe, als in das jüdische, denn diese elende Ausstattung, die Unanständigkeiten, die »verschimmelten« Couplets usw. seien unerträglich. Man denke nur an den Haupteffekt einer jüdischen Operette, der darin besteht, daß die Primadonna mit einem Zug kleiner Kinder hinter sich durch das Publikum auf die Bühne marschiert. Alle tragen kleine Thorarollen und singen: toire is die beste schoire – die Thora ist die beste Ware.

 

Schöner einsamer Spaziergang nach jenen gelungenen Stellen in ›Robert und Samuel‹ über den Hradschin und das Belvedere. In der Nerudagasse eine Tafel: Anna Křižová Schneiderin, ausgelernt in Frankreich durch die Herzogin-Witwe Ahrenberg geb. Prinzessin Ahrenberg. – In der Mitte des ersten Schloßhofes stand ich und sah einer Alarmierung der Schloßwache zu.

 

Max haben die letzten von mir geschriebenen Partien nicht gefallen, jedenfalls deshalb, weil er sie für das Ganze als nicht passend ansieht, möglicherweise aber auch an und für sich für schlecht hält. Dieses ist sehr wahrscheinlich, weil er mich vor dem Schreiben so langer Stellen warnte und den Effekt solchen Schreibens als etwas Gallertartiges ansieht.

 

Um mit jungen Mädchen reden zu können, brauche ich das Nahesein älterer Personen. Die von ihnen ausgehende leichte Störung belebt mir das Gespräch, die Forderungen an mich scheinen mir gleich herabgestimmt; was ich nicht überprüft aus mir heraussage, kann immer noch, wenn es für das Mädchen nicht gilt, für die ältere Person angebracht sein, aus der ich auch, wenn es notwendig wird, Hilfe in Menge herausholen kann.

 

Frl. H. Sie erinnert mich an Frau Bl., nur ihre Nase sieht in ihrer Länge, leichten Doppelbiegung und verhältnismäßigen Schmalheit wie die verdorbene Nase der Frau Bl. aus. Sonst aber hat auch sie im Gesicht eine äußerlich kaum begründete Schwärze, die nur von einem kräftigen Charakter in die Haut getrieben sein kann. Breiter Rücken, weit vorgeschrittene Anlage zu dem schwellenden Frauenrücken; schwerer Körper, der dann in der gut geschnittenen Jacke dünn wird und für den nun noch diese schmale Jacke lose ist. Nach Verlegenheiten im Gespräch bedeutet ein freies Heben des Kopfes, daß ein Ausweg gefunden ist. Ich lag ja nicht auf dem Boden in diesem Gespräch, hatte mich auch innerlich nicht aufgegeben, aber hätte ich mich nur von außen gesehn, hätte ich mein Benehmen nicht anders erklären können. Zu einer freien Aussprache mit neuen Bekanntschaften konnte ich früher deshalb nicht kommen, weil mich unbewußt das Vorhandensein sexueller Wünsche hinderte, jetzt hindert mich ihr bewußter Mangel.

Begegnung des Ehepaares Tschissik auf dem Graben. Sie trug ihr Dirnenkleid aus dem ›Wilden Menschen‹. Wenn ich ihre Erscheinung, wie ich sie damals auf dem Graben hatte, in die Details zerlege, wird sie unwahrscheinlich. (Ich sah sie nur flüchtig, denn ich erschrak bei ihrem Anblick, grüßte nicht, wurde auch nicht gesehn und wagte nicht gleich, mich umzudrehn.) Sie war viel kleiner als sonst, hatte die linke Hüfte nicht augenblicksweise, sondern ständig vorstehn, ihr rechtes Bein war eingeknickt, die Bewegung des Halses und des Kopfes, die sie ihrem Mann näherte, war sehr eilig, mit dem zur Seite gestreckten eingebogenen rechten Arm suchte sie sich in ihren Mann einzuhängen. Der trug sein Sommerhütchen mit der vorn niedergedrückten Krempe. Als ich mich umdrehte, waren sie weg. Ich erriet, daß sie ins Café Central gegangen waren, wartete ein wenig auf der anderen Grabenseite und hatte das Glück, nach einer langen Weile sie zum Fenster treten zu sehen. Als sie sich zum Tische setzte, sah man nur den Rand ihres mit blauem Samt überzogenen Pappendeckelhutes.

Im Traum war ich dann in einem sehr schmalen, auch nicht übermäßig hohen, glasüberwölbten Durchhaus, ähnlich den ungangbaren Kommunikationen auf primitiven italienischen Bildern, von der Ferne auch einem Durchhaus ähnlich, das wir in Paris gesehen haben, als eine Abzweigung der Rue des Petits Champs. Nur war jenes in Paris doch breiter und mit Geschäften angefüllt, dieses aber lief zwischen leeren Wänden hin, ließ im Anblick kaum für zwei nebeneinandergehende Personen Platz, ging man aber wirklich darin, wie ich mit Frau Tschissik, dann war überraschend viel Platz, ohne daß es uns überraschte. Während ich mit Frau Tschissik zu dem einen Ausgang hinausging, in der Richtung zu einem möglichen Beobachter des Ganzen, und Frau Tschissik sich wegen irgendeines Vergehns (es schien Trunksucht zu sein) gleichzeitig entschuldigte und mich bat, ihren Verleumdern nicht zu glauben, peitschte Herr Tschissik am andern Ende des Durchhauses einen zottigen blonden Bernhardiner, der ihm gegenüber auf den Hinterbeinen stand. Es war nicht ganz deutlich, ob Tschissik mit dem Hund nur spaßte und über ihm seine Frau vernachlässigte oder ob er ernstlich selbst von dem Hund angegriffen war oder ob er schließlich den Hund von uns abhalten wollte.

 

Mit L. auf dem Quai. Ich hatte einen leichten, mein ganzes Wesen unterdrückenden Ohnmachtsanfall, verwand ihn und erinnerte mich nach einer kleinen Weile an ihn wie an etwas längst Vergessenes.

 

Selbst wenn ich von allen sonstigen Hindernissen (körperlicher Zustand, Eltern, Charakter) absehe, erziele ich eine sehr gute Entschuldigung dafür, daß ich mich nicht trotz allem auf die Literatur einschränke, durch folgende Zweiteilung: Ich kann so lange nichts für mich wagen, solange ich keine größere, mich vollständig befriedigende Arbeit zustande gebracht habe. Das ist allerdings unwiderleglich.

 

Ich habe jetzt und hatte schon nachmittag ein großes Verlangen, meinen ganz bangen Zustand ganz aus mir herauszuschreiben und ebenso wie er aus der Tiefe kommt, in die Tiefe des Papiers hinein, oder es so niederzuschreiben, daß ich das Geschriebene vollständig in mich einbeziehen könnte. Das ist kein künstlerisches Verlangen. Als heute Löwy von seiner Unzufriedenheit sprach und von seiner Gleichgültigkeit allem gegenüber, was die Truppe tut, legte ich seinem Zustand als Erklärung laut Heimweh unter, gab ihm aber gewissermaßen diese Erklärung nicht hin, trotzdem ich sie ausgesprochen hatte, sondern behielt sie für mich und genoß sie vorübergehend für meine eigene Traurigkeit.

 

9. Dezember. Stauffer-Bern: »Die Süßigkeit der Produktion täuscht über ihren absoluten Wert hinweg.«

 

Wenn man über einem Buch mit Briefen oder Memoiren, gleichgültig von was für einem Menschen, diesmal von Karl Stauffer-Bern, still hält, nicht aus eigener Kraft ihn in sich zieht, denn dazu gehört schon Kunst und die beglückt sich selbst, sondern hingegeben – wer nur nicht Widerstand leistet, dem geschieht es bald von dem gesammelten fremden Menschen sich wegziehn und zu seinem Verwandten sich machen läßt, dann ist es nichts Besonderes mehr, wenn man durch Zuschlagen des Buches, wieder auf sich selbst gebracht, nach diesem Ausflug und dieser Erholung sich in seinem neu erkannten, neu geschüttelten, einen Augenblick lang von der Ferne aus betrachteten eigenen Wesen wieder wohler fühlt und mit freierem Kopfe zurückbleibt. – Später erst kann es uns wundern, daß jene fremden Lebensverhältnisse trotz ihrer Lebhaftigkeit unveränderlich in dem Buch beschrieben sind, obwohl wir nach unserer Erfahrung zu wissen glauben, daß von einem Erlebnis, wie es zum Beispiel die Trauer über den Tod eines Freundes ist, nichts auf der Welt weiter absteht als die Beschreibung dieses Erlebnisses. Was aber für unsere Person recht ist, ist es nicht für die fremde. Wenn wir nämlich mit unseren Briefen dem eigenen Gefühle nicht genügen können – natürlich gibt es hier eine beiderseits verschwimmende Menge von Abstufungen – wenn uns selbst in unserem besten Zustand immer wieder Ausdrücke behilflich sein müssen, wie »unbeschreiblich«, »unsagbar« oder ein »so traurig« oder »so schön«, dem dann ein rasch abbröckelnder »daß«-Satz folgt, so ist uns, wie zum Lohn dafür, die Fähigkeit gegeben, fremde Berichte mit der ruhigen Genauigkeit aufzufassen, die uns dem eigenen Briefschreiben gegenüber, zumindest in diesem Maße, fehlt. Die Unkenntnis, in der wir uns über jene Gefühle befinden, welche den vorliegenden Brief je nachdem einmal gespannt oder zerknittert haben, gerade diese Unkenntnis wird Verstand, da wir gezwungen sind, an den hier liegenden Brief uns zu halten, nur das zu glauben, was darin steht, dieses also vollkommen ausgedrückt zu finden und von einem vollkommenen Ausdruck, wie es nur gerecht ist, den Weg ins Menschlichste hinein offen zu sehen. So enthalten zum Beispiel Karl Stauffers Briefe nur den Bericht über das kurze Leben eines Künstlers ... [bricht ab]

 

10. Dezember. Sonntag. Ich muß meine Schwester besuchen gehn und ihren kleinen Jungen. Als vorgestern die Mutter um ein Uhr in der Nacht von meiner Schwester zurückkam, mit der Nachricht von der Geburt des Jungen, zog mein Vater im Nachthemd durch die Wohnung, öffnete alle Zimmer, weckte mich, das Dienstmädchen und die Schwestern und verkündete die Geburt in einer Weise, als sei das Kind nicht nur geboren worden, sondern als habe es auch bereits ein ehrenvolles Leben geführt und sein Begräbnis gehabt.

 

13. Dezember. Aus Müdigkeit nicht geschrieben und abwechselnd auf dem Kanapee im warmen und im kalten Zimmer gelegen, mit kranken Beinen und ekelhaften Träumen. Ein Hund lag mir auf dem Leib, eine Pfote nahe beim Gesicht, ich erwachte davon, aber hatte noch ein Weilchen Furcht, die Augen aufzumachen und ihn anzusehn.

›Biberpelz.‹ Lückenhaftes, ohne Steigerung abflauendes Stück. Falsche Szenen des Amts Vorstehers. Zartes Spiel der Lehmann vom Lessing-Theater. Einlegen des Rockes zwischen die Schenkel, wenn sie sich bückt. Der nachdenkliche Blick des Volkes. Heben beider Handflächen, die links vor dem Gesicht untereinander gereiht werden, wie um die Macht der leugnenden oder beteuernden Stimme freiwillig zu schwächen. Unberatenes, grobes Spiel der andern. Frechheiten des Komikers gegen das Stück (zieht einen Säbel, verwechselt die Hüte). Meine kalte Unlust. Nach Hause gegangen, aber auch schon dort gesessen mit der bewundernden Vorstellung, daß so viele Menschen für einen Abend so viel Aufregung auf sich nehmen (man schreit, stiehlt, wird bestohlen, belästigt, beklatscht, vernachlässigt), und daß in diesem Stück, wenn man es nur mit blinzelnden Augen ansieht, so viel ungeordnete Menschenstimmen und Ausrufe zusammengeworfen sind. Schöne Mädchen. Eine mit glattem Gesicht, ununterbrochenen Hautflächen, Wangenrundung, hoch oben ansetzendem Haar, in dieser Glätte verlassenen und etwas aufquellenden Augen. – Schöne Stellen des Stückes, in dem sich die Wolffen gleichzeitig als Diebin und als ehrliche Freundin der klugen, fortschrittlichen, demokratischen Menschen zeigt. Ein Wehrhahn als Zuhörer müßte sich eigentlich bestätigt fühlen. – Trauriger Parallelismus der vier Akte. Im ersten Akt wird gestohlen, im zweiten ist das Gericht, ebenso im dritten und vierten Akt.

›Der Schneider als Gemeinderat‹ bei den Juden. Ohne die Tschissiks, aber mit zwei neuen, dem Ehepaar Liebgold, fürchterlichen Menschen. Schlechtes Stück von Richter. Der Anfang molièrisch, der protzige, mit Uhren behängte Gemeinderat. – Die Liebgold kann nicht lesen, ihr Mann muß mit ihr studieren.

Es ist fast Sitte, daß ein Komiker eine Ernste und ein Ernster eine Lustige heiratet und daß überhaupt nur verheiratete oder verwandte Frauenzimmer mitgenommen werden. – Wie einmal um Mitternacht der Klavierspieler, wahrscheinlich ein Junggeselle, mit seinen Noten sich durch die Tür hinausdrückte.

 

Brahmskonzert des Singvereins. Das Wesentliche meiner Unmusikalität, daß ich Musik nicht zusammenhängend genießen kann, nur hie und da entsteht eine Wirkung in mir, und wie selten ist die eine musikalische. Die gehörte Musik zieht natürlich eine Mauer um mich, und meine einzig dauernde musikalische Beeinflussung ist die, daß ich, so eingesperrt, anders bin als frei.

Solche Ehrerbietung wie vor der Musik gibt es im Publikum vor der Literatur nicht. Die singenden Mädchen. Vielen war der Mund nur von der Melodie offengehalten. Einer mit schwerfälligem Körper flog Hals und Kopf beim Gesang.

Drei Geistliche in einer Loge. Der Mittlere mit rotem Käppchen hört mit Ruhe und Würde zu, unberührt und schwer, aber nicht steif; der rechts ist zusammengesunken, mit spitzigem, starrem, faltigem Gesicht; der links, dick, hat sein Gesicht schief auf die halb geöffnete Faust gesetzt. – Gespielt: ›Tragische Ouverture‹. (Ich höre nur langsame feierliche, einmal hier, einmal dort ausgeführte Schritte. Lehrreich ist es, den Übergang der Musik zwischen den einzelnen Spielergruppen zu beobachten und mit dem Ohr nachzuprüfen. Die Zerstörung in der Frisur des Dirigenten.) ›Beherzigung‹ von Goethe, ›Nänie‹ von Schiller, ›Gesang der Parzen‹, ›Triumphlied‹. – Die singenden Frauen, die oben an der niedrigen Balustrade standen, wie auf einer frühitalienischen Architektur.

Sicher ist, daß ich, trotzdem ich eine ziemliche Zeit in oft über mir zusammenschlagender Literatur gestanden bin, seit drei Tagen, abgesehn vom allgemeinen Glücksverlangen, kein ursprüngliches Verlangen nach Literatur fühle. Ebenso hielt ich Löwy vorige Woche für meinen unentbehrlichen Freund und entbehrte ihn jetzt drei Tage leicht.

 

Ich ziehe, wenn ich nach langer Zeit zu schreiben anfange, die Worte wie aus der leeren Luft. Ist eines gewonnen, dann ist eben nur dieses eine da und alle Arbeit fängt von vorne an.

 

14. Dezember. Mein Vater machte mir mittags Vorwürfe, weil ich mich nicht um die Fabrik kümmere. Ich erklärte, ich hätte mich beteiligt, weil ich Gewinn erwartete, mitarbeiten könne ich aber nicht, solange ich im Bureau sei. Der Vater zankte weiter, ich stand beim Fenster und schwieg. Abends aber ertappte ich mich bei dem von jenem Mittagsgespräch ausgehenden Gedanken, daß ich mich mit meiner gegenwärtigen Stellung sehr zufrieden geben könne und mich nur hüten müsse, die ganze Zeit für die Literatur freizubekommen. Kaum hatte ich diesen Gedanken näherer Beobachtung ausgesetzt, war er auch nicht mehr erstaunlich und kam mir schon gewohnt vor. Ich sprach mir die Fähigkeit ab, die ganze Zeit für die Literatur ausnützen zu können. Diese Überzeugung kam allerdings nur aus einem Augenblickszustand, aber sie war stärker als dieser. Auch an Max dachte ich wie an einen Fremden, trotzdem er heute in Berlin einen aufregenden Vorlese- und Vorspielabend hat; jetzt fällt mir ein, daß ich an ihn nur dachte, als ich der Wohnung des Fräulein Taussig mich beim Abendspaziergang näherte.

Spaziergang mit Löwy unten am Fluß. Der eine Pfeiler des aus der Elisabethbrücke sich erhebenden, innen von einer elektrischen Lampe beleuchteten Bogens sah als dunkle Masse zwischen seitlich hervorströmendem Licht wie ein Fabrikskamin aus, und der über ihm zum Himmel sich ausspannende dunkle Schattenkeil war wie steigender Rauch. Die scharf begrenzten grünen Lichtflächen zur Seite der Brücke.

Wie mir während des Vorlesens von ›Beethoven und das Liebespaar‹ von W. Schäfer verschiedene mit der vorgelesenen Geschichte gar nicht zusammenhängende Gedanken (ans Nachtmahl, an den wartenden Löwy) mit großer Deutlichkeit durch den Kopf gingen, ohne mich in dem gerade heute sehr reinen Vorlesen zu stören.

16. Dezember. Sonntag zwölf Uhr mittags. Den Vormittag vertrödelt mit Schlafen und Zeitunglesen. Angst, eine Kritik für das Prager Tageblatt fertigzustellen. Solche Angst vor dem Schreiben äußerst sich immer darin, daß ich gelegentlich, ohne beim Schreibtisch zu sein, Eingangssätze des zu Schreibenden erfinde, die sich gleich als unbrauchbar, trocken, weit vor dem Ende abgebrochen herausstellen und mit ihren vorragenden Bruchstellen in eine traurige Zukunft zeigen.

 

Die alten Künste auf dem Christmarkt. Zwei Kakadus auf einer Querstange ziehen Planeten. Irrtümer: Ein Mädchen bekommt eine Geliebte prophezeit. – Ein Mann bietet künstliche Blumen mit Versen zum Verkaufe an: To jest ruže udĕlaná z kuže. [Das ist eine Rose aus Leder gemacht.]

 

Der junge Pipes beim Gesang. Als einziges Gebärdenspiel wird der rechte Unterarm im Gelenk hin und her gekegelt, die halbgeöffnete Hand öffnet sich noch etwas weiter und zieht sich dann wieder zusammen. Der Schweiß bedeckt ihm das Gesicht, besonders die Oberlippe, wie mit Glassplittern. Flüchtig ist ein knopfloses Plastron hinter die Weste des Schlußrockes gesteckt.

Der warme Schatten im weichen Rot der Mundhöhle der singenden Frau Klug.

 

Judengassen in Paris, Rue Rosier, Abzweigung der Rue de Rivoli.

 

Wird eine ungeordnete Bildung, die in sich nur den notdürftigsten, zum bloßen unsichern Dasein unentbehrlichen Zusammenhang hat, plötzlich zu einem zeitlich eingeschränkten, daher notwendig energischen Arbeiten, zum Sichentwickeln, zum Reden aufgefordert, so erfolgt nur eine bittere Antwort, in der sich Hochmut wegen des Erreichten, das nur mit allen ungeübten Kräften ertragen werden kann, ein kleiner Rückblick auf das überrascht entfliehende Wissen, das deshalb besonders leicht beweglich ist, weil es mehr geahnt als seßhaft war, und endlich Haß und Bewunderung der Umgebung mischen.

 

Vor dem Einschlafen hatte ich gestern die zeichnerische Vorstellung einer für sich bergähnlich in der Luft abgesonderten Menschengruppe, die mir in ihrer zeichnerischen Technik vollständig neu und, einmal erfunden, leicht ausführbar schien. Um einen Tisch war eine Gesellschaft versammelt, der Erdboden verlief etwas weiter als der Menschenkreis, von allen Leuten aber sah ich vorläufig mit einer großen Gewalt des Blickes nur einen jungen Mann in altertümlichem Kleid. Den linken Arm hatte er auf dem Tisch aufgestützt, die Hand hing lose über seinem Gesicht, das spielerisch zu jemandem aufschaute, der sich besorgt oder fragend über ihn bückte. Sein Körper, besonders das rechte Bein, war mit nachlässiger Jugendlichkeit gestreckt, er lag mehr als er saß. Die zwei deutlichen Linienpaare, welche die Beine begrenzten, kreuzten und verbanden sich leicht zu den Grenzlinien des Körpers. Mit schwacher Körperlichkeit wölbten sich zwischen diesen Linien die bleich gefärbten Kleider. Vor Erstaunen über diese schöne Zeichnung, die mir im Kopfe eine Spannung erzeugte, die meiner Überzeugung nach dieselbe und zwar dauernde Spannung war, von der, wann ich wollte, der Bleistift in der Hand geführt werden könnte, zwang ich mich aus dem dämmernden Zustand heraus, um die Zeichnung besser durchdenken zu können. Da fand ich allerdings bald, daß ich mir nichts anderes vorgestellt hatte als eine kleine Gruppe aus grauweißem Porzellan.

 

In Übergangszeiten, wie es für mich die letzte Woche und zumindest noch dieser Augenblick ist, erfaßt mich oft ein trauriges, aber ruhiges Erstaunen über meine Gefühllosigkeit. Ich bin von allen Dingen durch einen hohlen Raum getrennt, an dessen Begrenzung ich mich nicht einmal dränge.

 

Jetzt am Abend, wo mir die Gedanken freier zu werden anfangen und ich vielleicht zu einigem fähig wäre, muß ich ins Nationaltheater zu ›Hippodamie‹, Uraufführung von Vrchlicky.

 

Sicher ist, daß mir der Sonntag niemals mehr nützen kann als der Wochentag, da er durch seine besondere Einteilung alle meine Gewohnheiten durcheinanderwirft und ich die überschüssige freie Zeit nötig habe, um mich in diesem besonderen Tag halbwegs einzurichten.

Meinem Verlangen, eine Selbstbiographie zu schreiben, würde ich jedenfalls in dem Augenblick, der mich vom Bureau befreite, sofort nachkommen. Eine solche einschneidende Änderung müßte ich beim Beginn des Schreibens als vorläufiges Ziel vor mir haben, um die Masse der Geschehnisse lenken zu können. Eine andere erhebende Änderung aber als diese, die selbst so schrecklich unwahrscheinlich ist, kann ich nicht absehn. Dann aber wäre das Schreiben der Selbstbiographie eine große Freude, da es so leicht vor sich ginge wie die Niederschrift von Träumen und doch ein ganz anders, großes, mich für immer beeinflussendes Ergebnis hätte, das auch dem Verständnis und Gefühl eines jeden andern zugänglich wäre.

 

18. Dezember. Vorgestern ›Hippodamie‹. Elendes Stück. Ein Herumirren in der griechischen Mythologie ohne Sinn und Grund. Aufsatz Kvapils auf dem Theaterzettel, der zwischen den Zeilen die während der ganzen Aufführung sichtbare Ansicht ausspricht, daß eine gute Regie (die hier aber nichts als Nachahmung Reinhardts war) eine schlechte Dichtung zu einem großen theatralischen Werk machen könne. Traurig muß das alles für einen nur etwas herumgekommenen Tschechen sein. – Der Statthalter, der aus seinem geöffneten Logentürchen in der Pause aus dem Gange Luft schnappte. – Die als Schattenbild zitierte Erscheinung der toten Axiocha, die bald verschwindet, weil sie, als eine erst vor kurzem Verstorbene, beim Anblick der Welt zu sehr ihr altes Menschenleid wieder empfindet.

 

Ich bin unpünktlich, weil ich die Schmerzen des Wartens nicht fühle. Ich warte wie ein Rind. Fühle ich nämlich einen wenn auch sehr unsichern Zweck meiner augenblicklichen Existenz, bin ich in meiner Schwäche so eitel, daß ich um dieses einmal vorgesetzten Zweckes halber alles gern ertrage. Wenn ich verliebt wäre, was könnte ich da tun. Wie lange wartete ich Vorjahren unter den Lauben auf dem Ring, bis die M. vorüberkam, und wenn sie auch nur mit ihrem Liebhaber vorüberging. Ich habe, teils aus Nachlässigkeit, teils aus Unkenntnis der Schmerzen des Wartens, die Zeit verabredeter Zusammenkünfte versäumt, teils aber auch um neue komplizierte Zwecke des erneuten unsichern Aufsuchens jener Personen, mit denen ich mich verabredet hatte, also auch die Möglichkeit langen unsichern Wartens zu erreichen. Schon daraus, daß ich als Kind eine große nervöse Angst vor dem Warten hatte, könnte man schließen, daß ich zu etwas Besserem bestimmt gewesen bin, daß ich aber meine Zukunft geahnt habe.

 

Meine guten Zustände haben nicht Zeit und Erlaubnis, sich natürlich auszuleben; meine schlechten dagegen haben mehr davon, als sie verlangen. Nun leide ich an einem solchen Zustand, wie ich nach dem Tagebuch berechnen kann, seit dem neunten, fast zehn Tage. Gestern legte ich mich wieder einmal mit feurigem Kopf ins Bett und wollte mich schon freuen, daß die schlechte Zeit vorüber sei, und mich schon fürchten, daß ich schlecht schlafen werde. Es ging aber vorüber, ich schlief ziemlich gut und wache schlecht.

 

19. Dezember. Gestern ›Davids Geige‹ von Lateiner. Der verstoßene Bruder, ein künstlerischer Geiger, kommt, wie in den Träumen meiner ersten Gymnasialzeit, reich geworden zurück, versucht aber zuerst im Bettlerkleid, die Füße mit Packhadern wie ein Schneeschaufler umbunden, seine niemals aus der Heimat gekommenen Verwandten: Seine ehrliche arme Tochter, den reichen Bruder, der seinen Sohn der armen Base nicht zur Frau geben und trotz seines Alters sich eine junge Frau nehmen will. Erst später enthüllt er sich durch Aufreißen eines Kaiserrockes, unter dem auf einer quergebundenen Schärpe die Orden aller Fürsten Europas hängen. Mit Violinspiel und Gesang macht er alle Verwandten und ihren Anhang zu guten Menschen und bringt ihre Verhältnisse in Ordnung.

 

Frau Tschissik spielte wieder. Ihr Leib war gestern schöner als ihr Gesicht, das schmäler schien als sonst, so daß die Stirn, die sich beim ersten Wort in Falten wirft, zu sehr auffiel. Der schön gerundete mittelstarke große Körper gehörte gestern nicht zu ihrem Gesicht, und sie erinnerte mich undeutlich an Doppelwesen, wie Seejungfrauen, Sirenen, Zentauren. Als sie dann vor mir stand, mit verzogenem Gesicht, unreinem, von der Schminke angegriffenem Teint, einem Fleck auf der dunkelblauen kurzärmeligen Bluse, war es mir, wie wenn ich im Kreise unbarmherziger Zuschauer zu einer Statue reden sollte.

Frau Klug stand neben ihr und beobachtete mich. Fräulein Weltsch beobachtete mich von links. Ich sagte so viel Dummheiten als möglich war. So ließ ich nicht ab, Frau Tschissik zu fragen, warum sie nach Dresden gefahren war, trotzdem ich wußte, daß sie sich mit den andern zerworfen hatte und deshalb weggefahren war und daß ihr daher dieses Thema peinlich war. Schließlich war es mir noch peinlicher, nur fiel mir nichts anderes ein. Als Frau Tschissik dazutrat, während ich mit Frau Klug sprach, sagte ich, indem ich mich Frau Tschissik zuwendete, zu Frau Klug »Pardon!«, wie wenn ich beabsichtigte, von jetzt an mit Frau Tschissik mein Leben zu verbringen. Wie ich dann mit Frau Tschissik sprach, merkte ich, daß meine Liebe sie eigentlich nicht erfaßt hatte, sondern sie nur, bald näher, bald weiter, umflog. Ruhe kann ihr ja nicht gegeben sein.

Frau Liebgold spielte einen jungen Mann in einem Kleid, das ihren schwangern Leib fest umschloß. Da sie ihrem Vater (Löwy) nicht folgt, drückt er ihren Oberkörper auf einen Sessel nieder und schlägt sie auf den Hintern, über dem sich die Hose äußerst spannt. Löwy sagte dann, er habe sie mit dem gleichen Widerwillen wie eine Maus angerührt. Sie ist aber von vorn gesehen hübsch, nur im Profil fährt ihre Nase zu lang, zu spitz und grausam hinab.

 

Ich kam erst um zehn Uhr hin, machte vorher einen Spaziergang und kostete die leichte Nervosität aus, einen Platz im Theater zu haben und während der Vorstellung, also während die Solisten mich herbeizusingen versuchen, spazierenzugehn. Ich versäumte auch Frau Klug, deren immer lebendigen Gesang anzuhören nichts anderes bedeutet, als die Welt auf ihre Festigkeit zu prüfen, was ich doch nötig habe.

 

Heute sprach ich beim Frühstück mit der Mutter zufällig über Kinder und Heiraten, nur ein paar Worte, aber ich bemerkte dabei zum erstenmal deutlich, wie unwahr und kindlich die Vorstellung ist, die sich meine Mutter von mir macht. Sie hält mich für einen gesunden jungen Mann, der ein wenig an der Einbildung leidet, krank zu sein. Diese Einbildung wird mit der Zeit von selbst schwinden, eine Heirat allerdings und Kinderzeugung würden sie am gründlichsten beseitigen. Dann würde auch das Interesse an der Literatur auf jenes Maß zurückgehn, das vielleicht den Gebildeten nötig ist. Das Interesse an meinem Beruf oder an der Fabrik oder an dem, was mir gerade in die Hände kommt, wird in selbstverständlicher ungestörter Größe einsetzen. Zu dauernder Verzweiflung an meiner Zukunft ist daher nicht der geringste, mit keiner Ahnung zu berührende Grund; zu zeitweiliger Verzweiflung, die aber auch nicht tief geht, ist dann Veranlassung, wenn ich wieder einmal den Magen verdorben zu haben glaube oder wenn ich, weil ich zu viel schreibe, nicht schlafen kann. Lösungsmöglichkeiten gibt es tausende. Die wahrscheinlichste ist, daß ich mich plötzlich in ein Mädchen verliebe und von ihr nicht mehr werde ablassen wollen. Dann werde ich sehn, wie gut man es mit mir meint und wie man mich nicht hindern wird. Wenn ich aber Junggeselle werde wie der Onkel in Madrid, wird es auch kein Unglück sein, weil ich in meiner Gescheitheit mich schon einzurichten wissen werde.

 

23. Dezember. Samstag. Kommt beim Anblick meiner ganzen Lebensweise, die in eine allen Verwandten und Bekannten fremde falsche Richtung führt, die Befürchtung auf und wird sie von meinem Vater ausgesprochen, daß aus mir ein zweiter Onkel Rudolf, also der Narr der neuen nachwachsenden Familie, der für die Bedürfnisse einer andern Zeit etwas abgeänderte Narr, werden wird, dann werde ich von jetzt ab fühlen können, wie in der Mutter, deren Widerspruch gegen solche Meinung im Laufe der Jahre immer kleiner wird, alles sich sammelt und stärkt, was für mich und was gegen Onkel Rudolf spricht und wie ein Keil zwischen die Vorstellungen von uns beiden fährt.

 

Vorgestern in der Fabrik. Abends bei Max, wo der Maler Novak gerade die Lithographien von Max ausbreitete. Ich wußte mich ihnen gegenüber nicht zu fassen, nicht ja, nicht nein zu sagen. Max brachte einige Ansichten vor, die er sich schon gebildet hatte, worauf sich mein Denken darum herumkugelte, ohne Ergebnis. Endlich gewöhnte ich mich an die einzelnen Blätter, legte wenigstens die Überraschung der ungeübten Augen ab, fand ein Kinn rund, ein Gesicht gepreßt, einen Oberkörper panzerhaft, er sah aber eher so aus, als trage er ein riesiges Frackhemd unter dem Straßenanzug. Der Maler brachte dagegen einiges nicht auf den ersten und nicht auf den zweiten Anlauf Verständliche vor und schwächte die Bedeutung dessen nur dadurch, daß er es gerade uns gegenüber sagte, die, wenn seines innerlich erwiesen war, den billigsten Unsinn gesprochen hatten. Er behauptete, daß es die gefühlte und selbst bewußte Aufgabe des Künstlers wäre, den Portraitierten in seine eigene Kunstform aufzunehmen.

Um dies zu erreichen, hatte er zuerst eine Portraitskizze in Farben angefertigt, die auch vor uns lag, in dunklen Farben eine tatsächlich zu scharfe trockene Ähnlichkeit aufwies (diese zu große Schärfe kann ich erst jetzt eingestehn) und von Max für das beste Portrait erklärt wurde, da es außer seiner Ähnlichkeit um Augen und Mund edle gefaßte Züge trug, die durch die dunklen Farben im richtigen Maße gestärkt wurden. Wurde man danach gefragt, konnte man es nicht leugnen. Nach dieser Skizze arbeitete nun der Maler zu Hause an seinen Lithographien, indem er, Lithographie um Lithographie verändernd, danach trachtete, immer mehr von der Naturerscheinung sich zu entfernen, dabei aber seine eigene Kunstform nicht nur nicht zu verletzen, sondern Strich für Strich ihr näherzurücken. So verlor zum Beispiel die Ohrmuschel ihre menschlichen Windungen und den detaillierten Rand und wurde ein vertiefter Halbkreiswirbel um eine kleine dunkle Öffnung. Maxens knochig schon vom Ohr an sich bildendes Kinn verlor seine einfache Begrenzung, so unentbehrlich sie scheint und so wenig für den Beschauer aus der Entfernung der alten Wahrheit eine neue wurde. Das Haar löste sich in sichern, verständlichen Umrissen auf und blieb menschliches Haar, wie es auch der Maler leugnete.

Während der Maler das Verständnis dieser Umwandlungen von uns verlangt hatte, deutete er dann nur noch flüchtig, aber mit Stolz an, daß alles auf diesen Blättern Bedeutung hatte und daß selbst das Zufällige durch seine alles Nachträgliche beeinflussende Wirkung ein Notwendiges war. So ging neben einem Kopf ein schmaler blasser Kaffeefleck fast das ganze Bild hinab, er war eingefügt, berechnet und nicht mehr wegzunehmen ohne Schaden für alle Proportionen. Auf einem andern Blatt war links in der Ecke ein großer, zerstreut punktierter, kaum auffallender blauer Fleck; dieser Fleck nun war sogar mit Absicht angebracht, der kleinen, von ihm über das Bild hingehenden Beleuchtung wegen, in welcher dann der Maler weitergearbeitet hatte. Sein nächstes Ziel war nun vor allem, den Mund, an dem schon einiges, aber nicht genug, geschehen war, und dann die Nase in die Umwandlung mit einzubeziehn, wozu er auf die Klage Maxens, daß sich die Lithographie auf diese Weise immer mehr von der schönen Farbenskizze entferne, bemerkte, daß es gar nicht ausgeschlossen sei, daß sie sich ihr wieder annähern werde.

Nicht zu übersehn war jedenfalls die Sicherheit, mit welcher der Maler in jedem Augenblick des Gesprächs auf das Unvorhergesehene seiner Eingebung vertraute und daß nur dieses Vertrauen seine künstlerische Arbeit mit dem besten Recht zu einer fast wissenschaftlichen machte. – Zwei Lithographien ›Apfelverkäuferin‹ und ›Spaziergang‹ gekauft.

 

Ein Vorteil des Tagebuchführers besteht darin, daß man sich mit beruhigender Klarheit der Wandlungen bewußt wird, denen man unaufhörlich unterliegt, die man auch im allgemeinen natürlich glaubt, ahnt und zugesteht, die man aber unbewußt immer dann leugnet, wenn es darauf ankommt, sich aus einem solchen Zugeständnis Hoffnung oder Ruhe zu holen. Im Tagebuch findet man Beweise dafür, daß man selbst in Zuständen, die heute unerträglich scheinen, gelebt, herumgeschaut und Beobachtungen aufgeschrieben hat, daß also diese Rechte sich bewegt hat wie heute, wo wir zwar durch die Möglichkeit des Überblickes über den damaligen Zustand klüger sind, darum aber desto mehr die Unerschrockenheit unseres damaligen, in lauter Unwissenheit sich dennoch erhaltenden Strebens anerkennen müssen.

 

Durch Werfels Gedichte hatte ich den ganzen gestrigen Vormittag den Kopf wie von Dampf erfüllt. Einen Augenblick fürchtete ich, die Begeisterung werde mich ohne Aufenthalt bis in den Unsinn mit fortreißen.

 

Quälendes Gespräch vorgestern abend mit WeltschEs ist der Philosoph Felix Weltsch, unser gemeinsamer Freund. Er schrieb u. a. ›Gnade und Freiheit‹, ›Das Wagnis der Mitte‹. . Meine Blicke liefen aufgescheucht eine Stunde lang auf seinem Gesicht und Hals hin und her. Einmal wußte ich mitten in einer durch Aufregung, Schwäche und Gedankenlosigkeit hervorgerufenen Gesichtsverzerrung nicht bestimmt, ob ich ohne dauernde Verletzung unseres Verhältnisses aus dem Zimmer herauskommen werde. Draußen in dem regnerischen, für schweigendes Gehn bestimmten Wetter atmete ich auf und wartete dann zufrieden eine Stunde lang vor dem ›Orient‹ auf M. Solches Warten mit langsamen Blicken auf die Uhr und gleichgültigem Hin- und Hergehn ist mir fast ebenso angenehm wie das Liegen auf dem Kanapee mit gestreckten Beinen und den Händen in den Hosentaschen. (Im Halbschlaf glaubt man dann, die Hände gar nicht mehr in den Hosentaschen zu haben, sondern sie scheinen als Fäuste oben auf den Schenkeln zu liegen.)

 

24. Dezember. Sonntag. Gestern war es lustig bei Baum. Ich war dort mit Weltsch. Max ist in Breslau. Ich fühlte mich frei, konnte jede Bewegung bis zu ihrem Ende ausführen, ich antwortete und hörte zu, wie es sich gehörte, machte am meisten Lärm, und sagte ich einmal eine Dummheit, so wurde sie nicht Hauptsache, sondern war gleich fortgeschwemmt. Ebenso war der Nachhauseweg mit Weltsch im Regen; trotz Pfützen, Wind und Kälte verging er uns so rasch, als wären wir gefahren. Und beiden tat es leid, Abschied zu nehmen.

 

Als Kind hatte ich Angst und wenn nicht Angst, so Unbehagen, wenn mein Vater, wie er als Geschäftsmann öfters tat, vom Letzten oder vom Ultimo sprach. Da ich nicht neugierig war, und wenn ich auch einmal fragte, infolge langsamen Denkens die Antwort nicht rasch genug verarbeiten konnte und weil oft eine einmal aufgetauchte schwache tätige Neugierde schon durch Frage und Antwort befriedigt war, ohne auch noch einen Sinn zu verlangen, so blieb mir der Ausdruck »der Letzte« ein peinliches Geheimnis, dem infolge bessern Aufhorchens der Ausdruck »Ultimo« zur Seite trat, wenn auch nie in so starker Bedeutung. Schlimm war es auch, daß der so lange befürchtete Letzte niemals rein überwunden werden konnte, denn war er einmal ohne besondere Anzeichen, ja ohne besondere Aufmerksamkeit vorübergegangen – denn daß er immer nach beiläufig dreißig Tagen kam, merkte ich erst viel später –, und war der Erste also glücklich angekommen, fing man, allerdings nicht mit besonderem Entsetzen, was aber ohne Überprüfung zu dem andern Unverständlichen gelegt wurde, wieder vom Letzten zu reden an.

 

Als ich gestern mittag zu W. kam, hörte ich die Stimme seiner Schwester, die mich begrüßte, sie selbst aber sah ich nicht, erst bis sich ihre schwache Gestalt vom Schaukelstuhl ablöste, der vor mir stand.

Heute vormittag Beschneidung meines Neffen. Ein kleiner krummbeiniger Mann, Austerlitz, der schon zweitausendundachthundert Beschneidungen hinter sich hat, führte die Sache sehr geschickt aus. Es ist eine dadurch erschwerte Operation, daß der Junge, statt auf dem Tisch, auf dem Schoß seines Großvaters liegt und daß der Operateur, statt genau aufzupassen, Gebete murmeln muß. Zuerst wird der Junge durch Umbinden, das nur das Glied frei läßt, unbeweglich gemacht, dann wird durch Auflegen einer durchlochten Metallscheibe die Schnittfläche präzisiert, dann erfolgt mit einem fast gewöhnlichen Messer, einer Art Fischmesser, der Schnitt. Jetzt sieht man Blut und rohes Fleisch, der MouleRichtig »mohel«, Beschneider. hantiert darin kurz mit seinen langnägeligen zittrigen Fingern und zieht irgendwo gewonnene Haut wie einen Handschuhfinger über die Wunde. Gleich ist alles gut, das Kind hat kaum geweint. Jetzt kommt nur noch ein kleines Gebet, während dessen der Moule Wein trinkt und mit seinen noch nicht ganz blutfreien Fingern etwas Wein an die Lippen des Kindes bringt. Die Anwesenden beten: »Wie er nun gelangt ist in den Bund, so soll er gelangen zur Kenntnis der Thora, zum glücklichen Ehebund und zur Ausübung guter Werke.«

 

Als ich heute den Begleiter des Moule zum Nachtisch beten hörte, und die Anwesenden, abgesehn von den beiden Großvätern, die Zeit in vollständigem Unverständnis des Vorgebeteten mit Träumen oder Langeweile verbrachten, sah ich das in einem deutlichen unabsehbaren Übergang begriffene westeuropäische Judentum vor mir, über das sich die zunächst Betroffenen keine Sorgen machen, sondern als richtige Übergangsmenschen das tragen, was ihnen auferlegt ist. Diese an ihrem letzten Ende angelangten religiösen Formen hatten schon in ihrer gegenwärtigen Übung einen so unbestrittenen bloß historischen Charakter, daß nur das Verstreichen einer ganz kleinen Zeit innerhalb dieses Vormittags nötig schien, um die Anwesenden durch Mitteilungen über den veralteten frühern Gebrauch der Beschneidung und ihrer halbgesungenen Gebete historisch zu interessieren.

 

Löwy, den ich fast jeden Abend eine halbe Stunde lang warten lasse, sagte mir gestern: Seit einigen Tagen schaue ich während des Wartens immer zu Ihrem Fenster hinauf. Zuerst sehe ich dort Licht, wenn ich, wie gewöhnlich, vor der Zeit gekommen bin, da nehme ich also an, daß Sie noch arbeiten. Dann wird ausgelöscht, im Nebenzimmer bleibt das Licht, Sie nachtmahlen also; dann wird in Ihrem Zimmer wieder Licht, Sie putzen sich also die Zähne; dann wird ausgelöscht, Sie sind also schon auf der Treppe, aber dann wird wieder angezündet. –

 

25. Dezember. Was ich durch Löwy von der gegenwärtigen jüdischen Literatur in Warschau und was ich durch teilweise eigenen Einblick von der gegenwärtigen tschechischen Literatur erkenne, deutet daraufhin, daß viele Vorteile der literarischen Arbeit – die Bewegung der Geister, das einheitliche Zusammenhalten des im äußern Leben oft untätigen und immer sich zersplitternden nationalen Bewußtseins, der Stolz und der Rückhalt, den die Nation durch eine Literatur für sich und gegenüber der feindlichen Umwelt erhält, dieses Tagebuchführen einer Nation, das etwas ganz anderes ist als Geschichtsschreibung, und als Folge dessen eine schnellere und doch immer vielseitig überprüfte Entwicklung, die detaillierte Vergeistigung des großflächigen öffentlichen Lebens, die Bindung unzufriedener Elemente, die hier, wo Schaden nur durch Lässigkeit entstehen kann, sofort nützen, die durch das Getriebe der Zeitschriften sich bildende, immer auf das Ganze angewiesene Gliederung des Volkes, die Einschränkung der Aufmerksamkeit der Nation auf ihren eigenen Kreis und die Aufnahme des Fremden nur in der Spiegelung, das Entstehen der Achtung vor literarisch tätigen Personen, die vorübergehende, aber nachwirkende Erweckung höheren Strebens unter den Heranwachsenden, die Übernahme literarischer Vorkommnisse in die politischen Sorgen, die Veredlung und Besprechungsmöglichkeit des Gegensatzes zwischen Vätern und Söhnen, die Darbietung der nationalen Fehler in einer zwar besonders schmerzlichen, aber verzeihungswürdigen und befreienden Weise, das Entstehen eines lebhaften und deshalb selbstbewußten Buchhandels und der Gier nach Büchern – alle diese Wirkungen können schon durch eine Literatur hervorgebracht werden, die sich in einer tatsächlich zwar nicht ungewöhnlichen Breite entwickelt, aber infolge des Mangels bedeutender Talente diesen Anschein hat. Die Lebhaftigkeit einer solchen Literatur ist sogar größer als die einer talentreichen, denn, da es hier keinen Schriftsteller gibt, vor dessen Begabung wenigstens die Mehrzahl der Zweifler zu schweigen hätte, bekommt der literarische Streit in größtem Ausmaß eine wirkliche Berechtigung. Die von keiner Begabung durchbrochene Literatur zeigt deshalb auch keine Lücken, durch die sich Gleichgültige drücken könnten. Der Anspruch der Literatur auf Aufmerksamkeit wird dadurch zwingender. Die Selbständigkeit des einzelnen Schriftstellers, natürlich nur innerhalb der nationalen Grenzen, wird besser gewahrt. Der Mangel unwiderstehlicher nationaler Vorbilder hält völlig Unfähige von der Literatur ab. Aber selbst schwache Fähigkeiten genügen nicht, um sich von den undeutlichen Charakterzeichen der eben herrschenden Schriftsteller beeinflussen zu lassen oder die Ergebnisse fremder Literaturen einzuführen oder die schon eingeführte fremde Literatur nachzuahmen, was man schon daraus erkennen kann, daß zum Beispiel innerhalb einer an großen Begabungen reichen Literatur wie der deutschen die schlechtesten Schriftsteller sich mit ihrer Nachahmung an das Inland halten. Besonders wirkungsvoll zeigt sich die in den obigen Richtungen schöpferische und beglückende Kraft einer im einzelnen schlechten Literatur, wenn damit begonnen wird, verstorbene Schriftsteller literaturgeschichtlich zu registrieren. Ihre unleugbaren damaligen und gegenwärtigen Wirkungen werden etwas so Tatsächliches, daß es mit ihren Dichtungen vertauscht werden kann. Man spricht von den letzteren und meint die ersteren, ja man liest sogar die letzteren und sieht bloß die ersteren. Da sich jene Wirkungen aber nicht vergessen lassen und die Dichtungen selbständig die Erinnerung nicht beeinflussen, gibt es auch kein Vergessen und kein Wiedererinnern. Die Literaturgeschichte bietet einen unveränderlichen vertrauenswürdigen Block dar, dem der Tagesgeschmack nur wenig schaden kann.

Das Gedächtnis einer kleinen Nation ist nicht kleiner als das Gedächtnis einer großen, es verarbeitet daher den vorhandenen Stoff gründlicher. Es werden zwar weniger Literaturgeschichtskundige beschäftigt, aber die Literatur ist weniger eine Angelegenheit der Literaturgeschichte als Angelegenheit des Volkes, und darum ist sie, wenn auch nicht rein, so doch sicher aufgehoben. Denn die Anforderungen, die das Nationalbewußtsein innerhalb eines kleinen Volkes an den einzelnen stellt, bringen es mit sich, daß jeder immer bereit sein muß, den auf ihn entfallenden Teil der Literatur zu kennen, zu tragen, zu verfechten und jedenfalls zu verfechten, wenn er ihn auch nicht kennt und trägt.

Die alten Schriften bekommen viele Deutungen, die gegenüber dem schwachen Material mit einer Energie vorgehn, die nur gedämpft ist durch die Befürchtung, daß man zu leicht bis zum Ende vordringen könnte, sowie durch die Ehrfurcht, über die man sich geeinigt hat. Alles geschieht in der ehrlichsten Weise, nur daß innerhalb einer Befangenheit gearbeitet wird, die sich niemals löst, keine Ermüdung aufkommen läßt und durch das Sichheben einer geschickten Hand meilenweit sich verbreitet. Schließlich heißt aber Befangenheit nicht nur die Verhinderung des Ausblicks, sondern auch jene des Einblicks, wodurch ein Strich durch alle diese Bemerkungen gezogen wird.

Weil die zusammenhängenden Menschen fehlen, entfallen zusammenhängende literarische Aktionen. (Eine einzelne Angelegenheit wird in die Tiefe gedrückt, um sie von der Höhe beobachten zu können, oder sie wird in die Höhe gehoben, damit man sich oben an ihrer Seite behaupten kann. Falsch.) Wenn auch die einzelne Angelegenheit oft mit Ruhe durchdacht wird, so kommt man doch nicht bis an ihre Grenzen, an denen sie mit gleichartigen Angelegenheiten zusammenhängt, am ehesten erreicht man die Grenze gegenüber der Politik, ja man strebt sogar danach, diese Grenze früher zu sehen, als sie da ist, und oft diese sich zusammenziehende Grenze überall zu finden. Die Enge des Raumes, ferner die Rücksicht auf Einfachheit und Gleichmäßigkeit, endlich auch die Erwägung, daß infolge der innern Selbständigkeit der Literatur die äußere Verbindung mit der Politik unschädlich ist, fuhren dazu, daß die Literatur sich dadurch im Lande verbreitet, daß sie sich an den politischen Schlagworten festhält.

Allgemein findet sich die Freude an der literarischen Behandlung kleiner Themen, die nur so groß sein dürfen, daß eine kleine Begeisterung sich an ihnen verbrauchen kann, und die polemische Aussichten und Rückhalte haben. Literarisch überlegte Schimpfworte rollen hin und wieder, im Umkreis der stärkeren Temperamente fliegen sie. Was innerhalb großer Literaturen unten sich abspielt und einen nicht unentbehrlichen Keller des Gebäudes bildet, geschieht hier im vollen Licht, was dort einen augenblicksweisen Zusammenlauf entstehen läßt, führt hier nichts weniger als die Entscheidung über Leben und Tod aller herbei.

Schema zur Charakteristik kleiner Literaturen

Wirkung im guten Sinn hier wie dort auf jeden Fall. Hier sind im einzelnen sogar bessere Wirkungen,

1. Lebhaftigkeit
a) Streit
b) Schulen
c) Zeitschriften
2. Entlastung
a) Prinzipienlosigkeit
b) kleine Themen
c) leichte Symbolbildung
d) Abfall der Unfähigen
3. Popularität
a) Zusammenhang mit Politik
b) Literaturgeschichte
c) Glaube an die Literatur, ihre Gesetzgebung wird ihr überlassen.

Es ist schwer, sich umzustimmen, wenn man dieses nützliche, fröhliche Leben in allen Gliedern gefühlt hat.

 

Beschneidung in Rußland. In der ganzen Wohnung, wo sich nur Türen finden, werden handtellergroße, mit kabbalistischen Zeichen bedruckte Tafeln aufgehängt, um die Mutter in der Zeit zwischen der Geburt und der Beschneidung vor bösen Geistern zu schützen, die ihr und dem Kind um diese Zeit besonders gefährlich werden können, vielleicht weil ihr der Körper so sehr geöffnet wurde und also allem Bösen bequem Eingang bietet und weil auch das Kind, solange es nicht in den Bund aufgenommen ist, dem Bösen keinen Widerstand leisten kann. Deshalb wird auch, damit die Mutter keinen Augenblick allein bleibe, eine Wärterin aufgenommen. Zur Abwehr der bösen Geister dient es auch, daß während sieben Tagen nach der Geburt mit Ausnahme des Freitag zehn bis fünfzehn Kinder, immer andere, gegen Abend unter Führung des Belfers (Hilfslehrers) zum Bett der Mutter vorgelassen werden, dort das »Schema Israel« aufsagen und dann mit Süßigkeiten beschenkt werden. Diese unschuldigen, fünf bis acht Jahre alten Kinder sollen die bösen Geister, die gegen Abend am meisten drängen, besonders wirksam abhalten. Freitag wird ein besonderes Fest abgehalten, wie überhaupt während dieser Woche mehrere Gastmähler einander folgen. Vor dem Tag der Beschneidung werden die Bösen am wildesten, deshalb ist die letzte Nacht eine Wachnacht und man verbringt sie bis gegen Morgen wachend bei der Mutter. Die Beschneidung erfolgt meist in Gegenwart von oft über hundert Verwandten und Freunden. Der Angesehenste der Anwesenden darf das Kind tragen. Der Beschneider, der sein Amt ohne Bezahlung ausübt, ist meist ein Säufer, da er, beschäftigt wie er ist, an den verschiedenen Festessen sich nicht beteiligen kann und daher nur etwas Schnaps herunterschüttet. Alle diese Beschneider haben deshalb rote Nasen und riechen aus dem Mund. Es ist daher auch nicht appetitlich, wenn sie, nachdem der Schnitt ausgeführt ist, mit diesem Mund das blutige Glied aussaugen, wie es vorgeschrieben ist. Das Glied wird dann mit Holzmehl bedeckt und ist in drei Tagen beiläufig heil.

 

Den Juden und natürlich besonders denen in Rußland scheint nicht so sehr ein strenges Familienleben gemeinsam und bezeichnend zu sein, denn Familienleben findet sich schließlich auch bei Christen, und störend für das Familienleben der Juden ist doch, daß die Frau vom Talmudstudium ausgeschlossen ist, so daß die Frauen, wenn sich der Mann mit Gästen über gelehrte Talmuddinge, also den Mittelpunkt seines Lebens, unterhalten will, sich ins Nebenzimmer zurückziehen, wenn nicht zurückziehen müssen – so ist es für sie noch eigentümlicher, daß sie so oft bei jeder möglichen Gelegenheit zusammenkommen, sei es zum Beten oder zum Studieren oder zur Besprechung göttlicher Dinge oder zumeist religiös begründeter Festmahlzeiten, bei denen nur sehr mäßig Alkohol getrunken wird. Sie fliehen förmlich zueinander.

 

Goethe hält durch die Macht seiner Werke die Entwicklung der deutschen Sprache wahrscheinlich zurück. Wenn sich auch die Prosa in der Zwischenzeit öfters von ihm entfernt, so ist sie doch schließlich, wie gerade gegenwärtig, mit verstärkter Sehnsucht zu ihm zurückgekehrt und hat sich selbst alte, bei Goethe vorfindliche, sonst aber mit ihm nicht zusammenhängende Wendungen angeeignet, um sich an dem vervollständigten Anblick ihrer grenzenlosen Abhängigkeit zu erfreuen.

Ich heiße hebräisch Amschel, wie der Großvater meiner Mutter von der Mutterseite, der als ein sehr frommer und gelehrter Mann mit langem weißen Bart meiner Mutter erinnerlich ist, die sechs Jahre alt war, als er starb. Sie erinnert sich, wie sie die Zehen der Leiche festhalten und dabei Verzeihung möglicher dem Großvater gegenüber begangener Verfehlungen erbitten mußte. Sie erinnert sich auch an die vielen, die Wände füllenden Bücher des Großvaters. Er badete jeden Tag im Fluß, auch im Winter, dann hackte er sich zum Baden ein Loch ins Eis. Die Mutter meiner Mutter starb frühzeitig an Typhus. Von diesem Tode angefangen wurde die Großmutter trübsinnig, weigerte sich zu essen, sprach mit niemandem, einmal, ein Jahr nach dem Tode ihrer Tochter, ging sie spazieren und kehrte nicht mehr zurück, ihre Leiche zog man aus der Elbe. Ein noch gelehrterer Mann als der Großvater war der Urgroßvater der Mutter, bei Christen und Juden stand er in gleichem Ansehen, bei einer Feuersbrunst geschah infolge seiner Frömmigkeit das Wunder, daß das Feuer sein Haus übersprang und verschonte, während die Häuser in der Runde verbrannten. Er hatte vier Söhne, einer trat zum Christentum über und wurde Arzt. Alle außer dem Großvater der Mutter starben bald. Dieser hatte einen Sohn, die Mutter kannte ihn als verrückten Onkel Nathan, und eine Tochter, eben die Mutter meiner Mutter.

 

Gegen das Fenster laufen und durch die zersplitterten Hölzer und Scheiben, schwach nach Anwendung aller Kraft, die Fensterbrüstung überschreiten.

 

26. Dezember. Wieder schlecht geschlafen, schon die dritte Nacht. So habe ich die drei Feiertage, in denen ich Dinge zu schreiben hoffte, die mir durch das ganze Jahr helfen sollten, in einem hilfsbedürftigen Zustand verbracht. Am Weihnachtsabend Spaziergang mit Löwy gegen Stern zu. Gestern ›Blümale oder die Perle von Warschaus‹. Für ihre standhafte Liebe und Treue wird Blümale vom Verfasser im Titel mit dem Ehrennamen »Perle von Warschau« ausgezeichnet. Erst der freigelegte hohe zarte Hals der Frau Tschissik erklärt ihre Gesichtsbildung. Der Tränenglanz in den Augen der Frau Klug beim Singen einer gleichmäßig welligen Melodie, in welche die Zuhörer ihre Köpfe hängen lassen, schien mir in seiner Bedeutung weit über das Lied, über das Theater, über die Sorgen des ganzen Publikums, ja über meine Vorstellungskraft hinauszugehn. Blick durch die hintere Portiere in die Garderobe, gerade auf Frau Klug, die dort im weißen Unterrock und kurzärmeligen Hemd steht. Meine Unsicherheit über die Gefühle des Publikums und daher anstrengende innerliche Aufstachelung seiner Begeisterung. Meine gestrige gewandte liebenswürdige Art, mit Fräulein T. und ihrer Begleitung zu sprechen. Es gehörte mit zu dieser gestern wie auch schon Samstag gefühlten Freiheit meines guten Wesens, daß ich, trotzdem ich es auch von der Ferne nicht nötig hatte, aus einer gewissen Nachgiebigkeit gegenüber der Welt und einer übermütigen Bescheidenheit ein paar äußerlich verlegene Worte und Bewegungen gebrauchte. Ich war allein mit meiner Mutter und nahm auch das leicht und schön; sah alle mit Festigkeit.

Verzeichnis der heute leicht als altertümlich vorzustellenden Dinge: die bettelnden Krüppel auf den Wegen zu Promenaden und Ausflugsorten, der in der Nacht unbeleuchtete Luftraum, der Brückenkreuzer.

Ein Verzeichnis jener Stellen aus ›Dichtung und Wahrheit‹, die durch eine nicht festzustellende Eigenheit einen besonders starken, mit dem eigentlich Dargestellten nicht wesentlich zusammenhängenden Eindruck des Lebendigen machen, zum Beispiel die Vorstellung des Knaben Goethe hervorrufen, wie er neugierig, reich angezogen, beliebt und lebhaft bei allen Bekannten eindringt, um nur alles zu sehen und zu hören, was zu sehen und zu hören ist. Da ich jetzt das Buch durchblättere, kann ich solche Stellen nicht finden, alle scheinen mir deutlich und enthalten eine durch keinen Zufall zu überbietende Lebendigkeit. Ich muß warten, bis ich einmal harmlos lesen werde, und dann bei den richtigen Stellen mich anhalten.

Unangenehm ist es zuzuhören, wenn der Vater, mit unaufhörlichen Seitenhieben auf die glückliche Lage der Zeitgenossen und vor allem seiner Kinder, von den Leiden erzählt, die er in seiner Jugend auszustehen hatte. Niemand leugnet es, daß er jahrelang infolge ungenügender Winterkleidung offene Wunden an den Beinen hatte, daß er häufig gehungert hat, daß er schon mit zehn Jahren ein Wägelchen auch im Winter und sehr früh am Morgen durch die Dörfer schieben mußte – nur erlauben, was er nicht verstehen will, diese richtigen Tatsachen im Vergleich mit der weiteren richtigen Tatsache, daß ich das alles nicht erlitten habe, nicht den geringsten Schluß darauf, daß ich glücklicher gewesen bin als er, daß er sich wegen dieser Wunden an den Beinen überheben darf, daß er von allem Anfang an annimmt und behauptet, daß ich seine damaligen Leiden nicht würdigen kann und daß ich ihm schließlich gerade deshalb, weil ich nicht die gleichen Leiden hatte, grenzenlos dankbar sein muß. Wie gern würde ich zuhören, wenn er ununterbrochen von seiner Jugend und seinen Eltern erzählen würde, aber alles dies im Tone der Prahlerei und des Zankens anzuhören, ist quälend. Immer wieder schlägt er die Hände zusammen: »Wer weiß das heute! Was wissen die Kinder! Das hat niemand gelitten! Versteht das heute ein Kind!« Heute wurde mit der Tante Julie, die uns besuchte, wieder ähnlich gesprochen. Sie hat auch das riesige Gesicht aller Verwandten von Vaters Seite. Die Augen sind um eine kleine störende Nuance falsch gebettet oder gefärbt. Sie wurde mit zehn Jahren als Köchin vermietet. Da mußte sie bei großer Kälte in einem nassen Röckchen um etwas laufen, die Haut an den Beinen sprang ihr, das Röckchen gefror und trocknete erst abends im Bett.

 

27. Dezember. Ein unglücklicher Mensch, der kein Kind haben soll, ist in sein Unglück schrecklich eingeschlossen. Nirgends eine Hoffnung auf Erneuerung, auf eine Hilfe durch glücklichere Sterne. Er muß mit dem Unglück behaftet seinen Weg machen, wenn sein Kreis beendet ist, sich zufrieden geben und nicht weiterhin anknüpfen, um zu versuchen, ob dieses Unglück, das er erlitten hat, auf einem längern Wege, unter andern Körper- und Zeitumständen sich verlieren oder gar ein Gutes hervorbringen könnte.

 

Dieses Gefühl des Falschen, das ich beim Schreiben habe, ließe sich unter dem Bilde darstellen, daß einer vor zwei Bodenlöchern auf eine Erscheinung wartet, die nur aus dem zur rechten Seite herauskommen darf. Während aber gerade dieses unter einem matt sichtbaren Verschluß bleibt, steigt aus dem linken eine Erscheinung nach der andern, sucht den Blick auf sich zu ziehn und erreicht dies schließlich mühelos durch ihren wachsenden Umfang, der endlich sogar die richtige Öffnung, so sehr man abwehrt, verdeckt. Nun ist man aber, wenn man diesen Platz nicht verlassen will – und das will man um keinen Preis – auf die Erscheinungen angewiesen, die einem aber infolge ihrer Flüchtigkeit – ihre Kraft verbraucht sich im bloßen Erscheinen-nicht genügen können, die man aber, wenn sie aus Schwäche stocken, aufwärts und in alle Richtungen vertreibt, um nur andere heraufzubringen, da der dauernde Anblick einer unerträglich ist und da auch die Hoffnung bleibt, daß nach Erschöpfung der falschen Erscheinungen endlich die wahren emporkommen werden. Wie wenig kräftig ist das obere Bild. Zwischen tatsächliches Gefühl und vergleichende Beschreibung ist wie ein Brett eine zusammenhanglose Voraussetzung eingelegt.

 

28. Dezember. Die Qual, die mir die Fabrik macht. Warum habe ich es hingehen lassen, als man mich verpflichtete, daß ich nachmittags dort arbeiten werde. Nun zwingt mich niemand mit Gewalt, aber der Vater durch Vorwürfe, Karl durch Schweigen und mein Schuldbewußtsein. Ich weiß nichts von der Fabrik und stand bei der kommissionellen Besichtigung heute früh nutzlos und wie geprügelt herum. Ich leugne für mich die Möglichkeit, hinter alle Einzelheiten des Fabrikbetriebes zu kommen. Und wenn es durch endlose Fragerei und Belästigung aller Beteiligten gelänge, was wäre erreicht? Ich wüßte mit diesem Wissen nichts Tatsächliches anzufangen, ich bin nur zu Scheinverrichtungen geeignet, denen der gerade Sinn meines Chefs das Salz beigibt und das Ansehn einer wirklichen guten Leistung. Durch diese nichtige für die Fabrik aufgewendete Anstrengung würde ich mich auf der andern Seite aber der Möglichkeit berauben, die paar Nachmittagsstunden für mich aufzuwenden, was notwendig zur gänzlichen Vernichtung meiner Existenz führen müßte, die sich auch ohnedies immer mehr einschränkt.

Heute nachmittag bei einem Ausgang sah ich ein paar Schritte lang lauter eingebildete Mitglieder der Kommission, die mir vormittag solche Angst gemacht hatte, mir entgegenkommen oder meinen Weg kreuzen.

 

29. Dezember. Jene lebendigen Stellen bei Goethe. Seite 265: »Ich zog daher meinen Freund in die Wälder.«

Goethe, 307: »Ich hörte nun in diesen Stunden gar kein anderes Gespräch als von Medizin oder Naturhistorie und meine Einbildungskraft wurde in ein ganz anderes Feld hinübergezogen.«

 

Das Wachsen der Kräfte durch umfangreiche schlagkräftige Erinnerungen. Ein selbständiges Kielwasser wird zu unserem Schiffe hingedreht, und mit der erhöhten Wirkung steigt das Bewußtsein unserer Kräfte und sie selbst.

 

Die Schwierigkeiten der Beendigung, selbst eines kleinen Aufsatzes, liegen nicht darin, daß unser Gefühl für das Ende des Stückes ein Feuer verlangt, das der tatsächliche bisherige Inhalt aus sich selbst nicht hat erzeugen können, sie entstehen vielmehr dadurch, daß selbst der kleinste Aufsatz vom Verfasser eine Selbstzufriedenheit und eine Verlorenheit in sich selbst verlangt, aus der an die Luft des gewöhnlichen Tages zu treten, ohne starken Entschluß und äußern Ansporn schwierig ist, so daß man eher, als der Aufsatz rund geschlossen wird und man still abgleiten darf, vorher, von der Unruhe getrieben, ausreißt und dann der Schluß von außenher geradezu mit Händen beendigt werden muß, die nicht nur arbeiten, sondern sich auch festhalten müssen.

 

30. Dezember. Mein Nachahmungstrieb hat nichts Schauspielerisches, es fehlt ihm vor allem die Einheitlichkeit. Das Grobe, auffallend Charakteristische in seinem ganzen Umfange kann ich gar nicht nachahmen, ähnliche Versuche sind mir immer mißlungen, sie sind gegen meine Natur. Zur Nachahmung von Details des Groben habe ich dagegen einen entscheidenden Trieb, die Manipulationen gewisser Menschen mit Spazierstöcken, ihre Haltung der Hände, ihre Bewegung der Finger nachzuahmen drängt es mich und ich kann es ohne Mühe. Aber gerade dieses Mühelose, dieser Durst nach Nachahmung entfernt mich vom Schauspieler, weil diese Mühelosigkeit ihr Gegenspiel darin hat, daß niemand merkt, daß ich nachahme. Nur meine eigene zufriedene oder öfter widerwillige Anerkennung zeigt mir das Gelingen an. Weit über diese äußerliche Nachahmung aber geht noch die innerliche, die oft so schlagend und stark ist, daß in meinem Innern gar kein Platz bleibt, diese Nachahmung zu beobachten und zu konstatieren, sondern daß ich sie erst in der Erinnerung vorfinde. Hier ist aber auch die Nachahmung so vollkommen und ersetzt mit einem Sprung und Fall mich selbst, daß sie auf der Bühne, unter der Voraussetzung, daß sie überhaupt augenscheinlich gemacht werden könnte, unerträglich wäre. Mehr als äußerstes Spiel kann dem Zuschauer nicht zugemutet werden. Wenn ein Schauspieler, der nach Vorschrift einen andern zu prügeln hat, in der Erregung, im übergroßen Anlauf der Sinne, wirklich prügelt und der andere vor Schmerzen schreit, dann muß der Zuschauer Mensch werden und sich ins Mittel legen. Was aber in dieser Art selten geschieht, geschieht in untergeordneten Arten unzählige Male. Das Wesen des schlechten Schauspielers besteht nicht darin, daß er schwach nachahmt, eher schon darin, daß er infolge von Mängeln seiner Bildung, Erfahrung und Anlage falsche Muster nachahmt. Aber sein wesentlichster Fehler bleibt, daß er die Grenze des Spiels nicht wahrt und zu stark nachahmt. Seine dämmerhafte Vorstellung von den Forderungen der Bühne treibt ihn dazu, und selbst wenn der Zuschauer glaubt, dieser oder jener Schauspieler sei schlecht, weil er stockig herumstehe, mit den Fingerspitzen am Rand seiner Tasche spiele, ungehörig die Hände an den Hüften einknicke, zum Souffleur hinhorche, um jeden Preis, mögen sich die Zeiten auch vollständig ändern, einen ängstlichen Ernst bewahre, so ist doch auch dieser auf der Bühne herabgeschneite Schauspieler nur deshalb schlecht, weil er zu stark nachahmt, wenn er dies auch nur in seiner Meinung tut.

 

31. Dezember. Gerade weil seine Fähigkeiten so begrenzt sind, fürchtet er sich, weniger zu tun als alles. Selbst wenn seine Fähigkeit nicht gerade unteilbar klein sein sollte, will er doch nicht verraten, daß unter Umständen und bei Miteintritt seines Willens auch weniger Kunst ihm zur Verfügung stehen kann als seine ganze. (Die freie, ohne Rücksicht auf die Aufpasser im Parterre vor sich gehende, nach den rein gefühlten Bedürfnissen der Darstellung gelenkte ...) [bricht ab]

Am Morgen fühlte ich mich zum Schreiben so frisch, jetzt aber hindert mich die Vorstellung, daß ich Max am Nachmittag vorlesen soll, vollständig. Es zeigt dies auch, wie unfähig ich zur Freundschaft bin, vorausgesetzt, daß Freundschaft in diesem Sinne überhaupt möglich ist. Denn da eine Freundschaft ohne die Unterbrechungen des täglichen Lebens nicht denkbar ist, so wird, bleibe auch ihr Kern unverletzt, eine Menge ihrer Äußerungen immer wieder weggeweht. Aus dem unverletzten Kern bilden sie sich allerdings von neuem, aber da jede solche Bildung Zeit braucht und auch nicht jede erwartete gelingt, kann selbst abgesehen von dem Wechsel der persönlichen Stimmungen niemals dort angeknüpft werden, wo das letzte Mal abgebrochen wurde. Daraus muß bei tiefbegründeten Freundschaften vor jeder neuen Begegnung eine Unruhe entstehen, die nicht so groß sein muß, daß sie an sich gefühlt wird, die aber das Gespräch und das Benehmen bis zu einem Grade stören kann, daß man bewußt erstaunt, besonders da man den Grund nicht erkennt oder nicht glauben kann. Wie soll ich da M. vorlesen oder gar beim Niederschreiben des Folgenden denken, daß ich es ihm vorlesen werde.

Außerdem stört mich, daß ich das Tagebuch heute früh daraufhin durchgeblättert habe, was ich M. vorlesen könnte. Nun habe ich bei dieser Überprüfung weder gefunden, daß das bisher Geschriebene besonders wertvoll sei, noch daß es geradezu weggeworfen werden müsse. Mein Urteil liegt zwischen beiden und näher der ersten Meinung, doch ist es nicht derartig, daß ich mich nach dem Wert des Geschriebenen trotz meiner Schwäche für erschöpft ansehn müßte. Trotzdem hat mich der Anblick der Menge des von mir Geschriebenen von der Quelle des eigenen Schreibens deshalb für die nächsten Stunden fast unwiederbringlich abgelenkt, weil sich die Aufmerksamkeit im gleichen Flußlauf gewissermaßen flußabwärts verloren hat.

 

Während ich manchmal glaube, daß ich während der ganzen Gymnasialzeit und auch früher besonders scharf denken konnte und dies nur infolge der späteren Schwächung meines Gedächtnisses heute nicht mehr gerecht beurteilen kann, so sehe ich ein anderes Mal wieder ein, daß mir mein schlechtes Gedächtnis nur schmeicheln will und daß ich, wenigstens in an sich unbedeutenden, aber folgeschweren Dingen, mich sehr denkfaul benommen habe. So habe ich allerdings in der Erinnerung, daß ich in den Gymnasialzeiten öfters, wenn auch nicht sehr ausführlich – ich ermüdete wahrscheinlich schon damals leicht – mit BergmannBergmann. Hugo Bergmann [geb. 1883] wirkt heute als Professor der Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. in einer entweder innerlich vorgefundenen oder ihm nachgeahmten talmudischen Weise über Gott und seine Möglichkeit disputierte. Ich knüpfte damals gern an das in einer christlichen Zeitschrift ich glaube ›Die christliche Welt‹ – gefundene Thema an, in welchem eine Uhr und die Welt und der Uhrmacher und Gott einander gegenübergestellt waren und die Existenz des Uhrmachers jene Gottes beweisen sollte. Das konnte ich meiner Meinung nach sehr gut Bergmann gegenüber widerlegen, wenn auch diese Widerlegung in mir nicht fest begründet war und ich mir sie für den Gebrauch erst wie ein Geduldspiel zusammensetzen mußte. Eine solche Widerlegung fand einmal statt, als wir den Rathausturm umgingen. Daran erinnere ich mich deshalb genau, weil wir einander einmal vor Jahren daran erinnert haben.

Während ich mich aber darin auszuzeichnen glaubte – anderes als das Verlangen, mich auszuzeichnen, und die Freude am Wirken und an der Wirkung brachte mich nicht dazu –, duldete ich es nur infolge nicht genügend starken Nachdenkens, daß ich immer in schlechten Kleidern herumging, die mir meine Eltern abwechselnd von einzelnen Kundschaften, am längsten von einem Schneider in Nusle, machen ließen. Ich merkte natürlich, was sehr leicht war, daß ich besonders schlecht angezogen ging, und hatte auch ein Auge dafür, wenn andere gut angezogen waren, nur brachte es mein Denken durch Jahre hin nicht fertig, die Ursache meines jämmerlichen Aussehens in meinen Kleidern zu finden. Da ich schon damals mehr in Ahnungen als in Wirklichkeit auf dem Wege war, mich geringzuschätzen, war ich überzeugt, daß die Kleider nur an mir dieses zuerst brettartig steife, dann faltighängende Aussehen annahmen. Neue Kleider wollte ich gar nicht, denn wenn ich schon häßlich aussehen sollte, wollte ich es wenigstens bequem haben und außerdem vermeiden, der Welt, die sich an die alten Kleider gewöhnt hatte, die Häßlichkeit der neuen vorzuführen. Diese immer lang dauernden Weigerungen meiner Mutter gegenüber, die mir öfters neue Kleider dieser Art machen lassen wollte, da sie mit den Augen des erwachsenen Menschen immerhin Unterschiede zwischen diesen neuen und alten Kleidern finden konnte, wirkten insofern auf mich zurück, als ich mir unter Bestätigung meiner Eltern einbilden mußte, daß mir an meinem Aussehen nichts lag.

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