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Tagebücher 1910-1924

Erich Mühsam: Tagebücher 1910-1924 - Kapitel 1
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authorErich Mühsam
titleTagebücher 1910-1924
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editorChris Hirte
year1994
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1910

Château d'Oex la Soldanelle, 22. August 1910, Montag.

Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen. Es soll mein Tagebuch sein. Ich glaube kaum, daß ich es in der Art führen werde wie damals im Gefängnis.1910 Anklage wegen Geheimbündelei und mehrwöchige Untersuchungshaft in Berlin: Mühsam hatte, um das »Lumpenproletariat« für die Ziele des von Gustav Landauer ins Leben gerufenen Sozialistischen Bundes zu gewinnen, die Gruppe Tat gegründet. Der Prozeß endete mit Freispruch, weil ihm konspiratives Vorgehen nicht nachzuweisen war. ›Tagebuch aus dem Gefängnis‹ in: ›Kain‹, 1911/12. Dazu gibt's hier bei aller Beschäftigungslosigkeit und bei aller Langeweile zuviel zu tun; dazu habe ich auch hier bei aller Zeitbindung und bei aller Willensbeschränkung noch immer zuviel Freiheit. Ich werde schwerlich jeden Tag zu Eintragungen kommen – und jedenfalls kaum je zu ausführlichen. So werde ich mich also einrichten müssen.

Daß ich hier bin, ist merkwürdig genug. Eine Sanatoriumskur hielt ich schon während des Prozesses (22. bis 25. Juni) und vorher für nötig. Im Juli mußte ich noch erst für die zweite Monatshälfte nach Frankfurt ans Cabaret; nach acht Tagen mit Krach fort. Dann Berlin, wo ich sämtliche Geschwister traf. Unterzeichnung eines ärgerlichen Familienkontraktes in der großväterlichen Erbschaftsangelegenheit. (Ich sage zu allem »Ja«, bis sich eines Tages die Achse dreht.) Papa,Siegfried Seligmann Mühsam (1838-1915), Apotheker in Lübeck. der im April einen schweren Herzschwächeanfall hatte und zur Rekonvaleszenz nach Kudowa Kurort in Niederschlesien. geschickt war, kam über Berlin zurück. Mehrere Tage dort mit ihm zusammen. Für beide Teile gleich qualvoll. Immer wieder die gleiche Taktik: Wir vermeiden Anstößiges, wir vermeiden, miteinander allein zu sein, wir gehen vorsichtig umeinander herum. Er sucht manchmal Gelegenheit zu spitzen Anzüglichkeiten. Ich halte das Maul.

Nach seiner Abreise untersuchten mich Hans und Julius,Hans Mühsam (1876-1956?) Bruder von E. M., Arzt in Berlin. Julius Joel (1867–1933), Schwager Mühsams, Arzt in Lübeck. stellten Herzerweiterung fest und angehende Arterienverkalkung. Sanatorium: dringendes Erfordernis. Ich wollte statt dessen nach Aeschi zu Johannes.Johannes Nohl (1882-1963), Publizist, nach 1945 Professor der Philologie in Weimar. Seit 1903 mit Mühsam befreundet, gemeinsame Reisen bis etwa 1908; Mitbegründer der Gruppe Tat. Mühsam unterstützte ihn finanziell bis etwa 1914. Ausführlich über Nohl in: ›Ascona‹ (1905) und ›Unpolitische Erinnerungen‹ Nein: Geld gibt's nur für reguläres Sanatorium. Nach langen Schwierigkeiten setze ich durch, daß ich in die Schweiz kann, suche Château d'Oex aus dem Bäderalmanach heraus. Meine Geschwister haben ganze 300 Mark bewilligt (mit was für Opfergeschrei!). Reise usw. – alles auf eigene Kosten. Leider habe ich mich in der Wahl des Ortes, wo ich seit Freitagabend bin, anscheinend geirrt. Erstens ist er noch so weit von Aeschi, daß an häufiges Beisammensein mit dem Freund nicht zu denken ist, dann sind die übrigen Kurgäste (fast lauter französisch sprechende Damen) ganz unzugänglich und ich fortgesetzt allein, und schließlich langweilt mich auch die Landschaft. Hohe Berge, Triften, Matten – Ansichtskartenschönheit. Und kein bißchen Wasser! – Ich glaube nicht, daß ich länger als eine Woche hier bleiben werde.

Auf der Herreise besuchte ich Johannes in Aeschi, traf ihn riesig wohl an, kaum verändert gegen früher, aber gesünder und weniger romantisch überspannt. Iza (seine Frau! – daß ich nicht lache!) ist verreist. Er liebt sie wirklich, und ich freue mich sehr, daß diese furchtbare Not von ihm genommen scheint.Johannes Nohl war homosexuell veranlagt. Im Geheimbundprozeß wurde Mühsam daher »Päderastie« vorgeworfen. Eben schicke ich ihm das Reisegeld hierher. Käme er doch rasch! (...)

Johannes gab mir drei Bände der Tagebücher Varnhagens von EnseKarl August Varnhagen von Ense (1785-1858), liberaler Publizist und Politiker des Vormärz, ›Tagebücher‹ in 14 Bänden, 1861-70. mit, die ich gierig lese. Damals lohnte es noch, Tagebücher zu schreiben. Trotz der Armseligkeit der vormärzlichen Politiker – welche bewegte Zeit! Welche Beziehung zwischen Geistigkeit und Öffentlichkeit! Welche Teilnahme der großen Geister (Varnhagen, Humboldt, Tieck, Bettina v. Arnim usw.) an den Geschehnissen des Tages! – Und heute? Unsere Zeit ist bei Gott nicht minder armselig, unsere Regierungen nicht minder jämmerlich, unsere Politik nicht minder schikanös, knechtschaffen und vormärzlich. Nur eins unterscheidet unsere Tage von Varnhagens: heut ist auch das Volk interesselos, und die Geistigkeit nimmt schon gar nicht teil an allem, was vorgeht! – Ich werde in dies Tagebuch nicht viel Zeitprophetisches zu vermerken haben.

Château d'Oex, Dienstag, 23. August 1910

(...) Während des Essens war allgemeiner Aufstand, da plötzlich Alpenglühen sichtbar wurde. Ich war recht enttäuscht davon. Die Bergspitzen waren hell erleuchtet, was ohne Eindruck auf mich blieb. Wahrscheinlich hätte dasselbe Phänomen viel stärker gewirkt, wenn die Gipfel beschneit gewesen wären. Es ist seltsam, daß ich zu den Bergen bei all ihren einzelnen Reizen keine wärmere Fühlung gewinnen kann. Sie verbauen mir den Ausblick. Ich finde sie patzig und frech und sehne mich nach Meer oder Heide.

Varnhagens Tagebücher halten mich in großer Spannung. Ich erlebe alle Erregungen des Jahres 1844 mit. Gewiß: die Zeit war kläglich genug. Und doch – wie beneide ich die Menschen, die in ihr lebten. Denn inmitten aller Kläglichkeit war doch die große und allgemeine revolutionäre Sehnsucht, das Wissen um ein nahe bevorstehendes Ereignis, vor allem die Teilnahme aller an allem Geschehen und an allen neuen Ideen. Und heute? Die gleiche Kläglichkeit und Jämmerlichkeit – nur ohne jeden Pfad, der hinausführt. Gleichgültigster Stumpfsinn in allen Schichten des Volkes. Und was das Schlimmste ist, alles was neu ist und zukunftsträchtig, wird vertuscht, unterdrückt, totgeschwiegen oder zur Unkenntlichkeit gefälscht. Das ist der Triumph der Preßfreiheit, die damals erkämpft wurde, daß die Presse selbst über alles, was geistiger Wert heißt, eine Zensur übt, die viel ärger ist als die schlimmste Polizeizensur. Über mein Bestreben, dem fünften StandBezeichnung für Subproletariat. Mühsam rechnete dazu Verelendete, Obdachlose, Landstreicher, Gelegenheitsarbeiter, Kriminelle und Prostituierte. sozialistische Ahnung einzuflößen, das doch durch den Geheimbundprozeß wahrlich den stärksten Anspruch auf Öffentlichkeit erhielt, ist kein Mensch orientiert worden. Die gesamte Presse – ausnahmslos! – hat es vorgezogen, die Prozeßberichte so zu fälschen und zu entstellen, daß ich lächerlich dastehe, ohne meine Absicht auch nur irgendwo wiedergegeben zu sehen. Der ›Sozialist‹,›Organ des Sozialistischen Bundes‹, herausgegeben von Gustav Landauer; erschien halbmonatlich von 1909 bis 1915. das bestgeschriebene und bestgeleitete Blatt, das zur Zeit in Deutschland erscheint, wird nie und nirgends erwähnt. Alles trottet im alten Stumpfsinn weiter. Und die Sozialdemokratie hütet ihre Lämmer am bravsten, auf daß sie nicht etwa auf die Idee kommen mögen, es gäbe außer dem allgemeinen Wahlrecht in Preußen noch Dinge, die eines Kampfes wert sind.

(...)

Château d'Oex, Freitag, d. 26. August 1910

Der Doktor hat mich gestern von neuem untersucht und gewogen. Es ergab sich, daß ich in den sechs Tagen meines Aufenthaltes hier zwei Kilo zugenommen habe (ich wiege jetzt 59,4 Kilo). Die Harnuntersuchung hatte ein günstiges Resultat: weder Eiweiß noch Zucker. Die Nieren sind also gesund. Alles in allem fühle ich mich schon viel kräftiger und besser als bei meiner Ankunft. Ich habe nach Rücksprache mit dem Arzt vorläufig beschlossen, bis zum 5. September hierzubleiben. Dann gehe ich für acht bis vierzehn Tage zu Johannes nach Aeschi zur Nachkur – dann nach München. Ich habe große Furcht, daß dort der alte DallesHebr.-jidd. für: Mangel, Geldnot. wieder einsetzen wird und denke daran, in diesen Tagen an Roda RodaEigentlich Sandor Friedrich Rosenfeld, (1872-1945), österr. Schriftsteller; Reportage und Satire, u. a. für ›Simplicissimus‹, verkehrte in der Münchner Boheme. zu schreiben, ob er nicht etwa etwas zur Einrenkung meiner Beziehungen zur ›Jugend‹Die ›Jugend‹ druckte 1909 häufig Gedichte von Mühsam ab. Er wirkte auch als Lieferant von Glossen, Aphorismen und Bildtexten. Nach dem Geheimbundprozeß wurde Mühsam die Mitarbeit bei der ›Jugend‹ und anderen Zeitschriften verweigert, weil der im Prozeß erhobene Vorwurf der Homosexualität publik geworden war. tun will. Dort ist UliUli Trolsch, verbunden mit dem Münchner Maler und Zeichner Richard Seewald., dem geholfen sein will. Sehr möglich, daß HardyFerdinand Hardekopf (1876-1976), Schriftsteller und Publizist des Expressionismus. mir EmmyEmmy Hennings (1885-1948), Malerin, Schriftstellerin, Kabarettistin, emigrierte 1915 in die Schweiz, ab 1916 verheiratet mit Hugo Ball. übergibt. LotteLotte Pritzel (1887-1952), auch »Puma« genannt, Puppenkünstlerin und Bildhauerin. will mal durch kleine Geschenke erfreut sein, und das PeterleSohn von Otto und Frieda Gross, geb. 1907. In diesem Jahr lebte Mühsam mit Frieda Gross. möchte ich dort auch nicht ganz vernachlässigen müssen, zumal er nun auch noch ein Schwesterchen kriegen soll. Dabei ist Cilla noch in München, ich soll mich um die Wiederbelebung der Gruppe Tat kümmern, muß monatlich die 40 Mark an Johannes schicken und will doch auch selbst leben und jeden Abend das Geld für die Torggelstube übrig haben. Gestern erhielt ich eine Reihe von Briefen. LandauerGustav Landauer (1870, ermordet 1919 in München), anarchistischer Schriftsteller und Gelehrter, Freund und Mentor Mühsams seit 1901, Gründer des Sozialistischen Bundes, der sich die ethische Erneuerung des Menschen in anarchistischen Siedlungen zum Ziel setzte. gab mir in einem ausführlichen Brief Ratschläge für mein Verhalten. Er sieht meine Hypochondrie, die aus dem letzten Brief an ihn sprach, für unbegründet an. Freilich war die taube Stimmung der ersten Tage wohl hauptsächlich eine Folge der plötzlichen Zigarrenenthaltsamkeit. Dann wiederholt er den Wunsch des Herrn Berndl in Bern, mich kennenzulernen. Er sei ein junger Philosoph, der sich direkt an ihn – Landauer – gewendet habe, weil er sich mit MargretMargarete Faas-Hardegger (1892-1963), Schweizer Anarchistin; Beiträge für Landauers ›Sozialist‹, 1909 Zusammenarbeit mit Mühsam in der Gruppe Tat. überworfen hat. Merkwürdig, daß die Frau mit keinem Menschen auf die Dauer auskommt!

(...) Das Konzertbüro Guttmann, das für den Herbst eine Vortragstournee durch Deutschland für mich arrangieren wollte, teilt mir mit, daß es ihm vorläufig nicht gelungen sei, die Sache zu machen. Es werde sich aber weiterhin anstrengen und mir Bescheid geben. Ich begrabe diese Hoffnung. Zugleich schreibt mir der Rechtsanwalt Dr. Böhm, dem ich die Klage gegen den Kgl. Operninspizienten in München, Reichmann, übergeben hatte, weil er von den 120 Mark, die ich für drei Chansons kriegen sollte, nach langem Würgen und Zögern erst 50 herausgerückt hatte, daß mein Schuldner mit noch viel mehr Verpflichtungen nach Ostende verschwunden sei. Dabei mahnt mich der Anwalt gleich um 20 Mark, die er mir persönlich gepumpt hatte und mir von den einzutreibenden 70 Mark abziehen wollte. Ich werde ihm nun noch einmal schreiben und ihn anfragen, ob man nicht der kleinen Tochter Reichmanns, wenn sie die Chansons öffentlich in Deutschland singe, die 70 Mark von der Gage pfänden kann. (Da das Mädel mit 1000 Mark monatlich in Hamburg Kontrakte hat – Reichmann hat's mir seinerzeit selbst gezeigt –, wird's ihr ja nicht so schmerzlich sein.) Andernfalls möchte ich das Singen der Lieder bis zur Bezahlung einfach verbieten, und zwar deswegen, weil ich wenigstens eins davon noch anderweitig gut verwenden kann. Ich erhielt anfangs Juli in München von einer Baronin v. Ruthenberg den Auftrag, ihr für 500 Mark fünf Chansons zu machen. Soviel Geld habe ich mein Lebtag noch nicht gehabt. Aber die Sache macht mir große Kopfschmerzen. Denn zwei habe ich erst fertig, und die Zeit drängt. Könnt ich jetzt eins der kleinen Reichmann wieder abnehmen, so wäre das immerhin schon eine erhebliche Erleichterung.

Aber es ist doch toll, wie mir alles schiefgeht. Guttmann hatte mir in der Vertragssache soviel Hoffnungen gemacht, und in der Reichmann-Angelegenheit habe ich nun statt Geld neue Schulden. Von Ehberk, der mir in zwei bis drei Tagen Antwort geben wollte, wie er sich wegen der Herausgabe meiner ›Elf Moritaten‹ mit Zeichnungen von H. Zille entschließen könnte, ist jetzt, über eine Woche nach dieser Zusage, noch kein Bescheid da. Es wird wohl auch nichts werden. Die verschiedenen Bühnen, die meine ›Freivermählten‹›Die Freivermählten. Polemisches Schauspiel in drei Aufzügen‹, entstanden 1909, erschienen 1914 im Kain-Verlag, München. angeblich lasen, schweigen trotz aller Mahnungen anhaltend. Kurz, ich kann anfassen, was ich will – nichts will mir glücken! Es ist, als ob an meiner Hand von Natur aus Pech klebte. Ich muß geradezu mit dem linken Fuß zuerst aus dem Mutterleib gestiegen sein. Denn am Ende habe ich doch alles: Talent, Fleiß, Intelligenz und bin ein leidlich netter Mensch. Aber trotzdem! – Und ebenso mit den Frauen! Jede hat mich gern, aber keine liebt mich! – Wenn ich an den lieben Gott glaubte, – wie müßte ich ihn hassen!

Château d'Oex, Sonntag, 28. August 1910

Vorgestern beim Mittagessen wurde mir ein Telegramm gebracht, in dem sich Johannes Nohl anmeldete. Ich holte ihn um halb fünf von der Bahn, und bis gestern nachmittag war er hier. Wir hatten unendlich viel miteinander zu sprechen. Über Literatur, Philosophie, Religion und besonders Persönliches. Auch der Prozeß wurde noch einmal durchgesprochen und die unangenehme Situation, in der sich der Freund befindet, da der Steckbrief gegen ihn noch nicht aufgehoben ist und zu befürchten steht, daß, wenn auch die Geheimbundsache endgiltig aus der Welt ist, doch gleich ein neues Verfahren nach § 175 gegen ihn in Gang gesetzt wird. Es scheinen da einige von den Prozeßzeugen belastende Aussagen gegen ihn getan zu haben. Ich werde ihm heute einen Brief an den Staatsanwalt aufsetzen, damit er erfährt, ob und wieweit er noch gefährdet ist. Während unseres Gespräches über Landauer merkte ich, daß die Stellung dieses Freundes in meinem Innern nicht mehr die ist, die sie fast zehn Jahre lang war. Ich habe Landauer stets als Mentor und väterlichen Freund verehrt. Sein Tarnowska-Artikel›Tarnowska‹ in: ›Der Sozialist‹, März 1910. im ›Sozialist‹, der mit großer Engherzigkeit die sexuelle »Zuchtlosigkeit« bekämpfte und der sich zum Teil gegen Johannes wandte (Landauer scheint die tatsächlichen Vorgänge, die ihm durch CaroscheHugo Caro, Rechtsanwalt Mühsams und Verteidiger im Geheimbundprozeß. Indiskretionen aus den Gerichtsakten bekannt geworden sind, öffentlich kritisiert zu haben), dieser Artikel, in dem ich auch mich selbst verletzt fühlte, gab dem Verhältnis zu ihm den ersten Stoß. Nach dem Prozeß gingen wir mit Lotte und StrichFritz Strich (1883-1963), Philologe, Herausgeber der Werke Heines und Wedekinds. zusammen von Kochel aus zum Herzogstand hinauf. Dabei bemerkte ich, wie unfrei Landauer der ironischen und freien Art Lottes gegenüber sich benahm. Während er den Berg hinaufstieg, all in seiner unheimlichen Länge, vornüber gebeugt, sich auf den Bergstock stützend und den Rucksack auf dem Rücken, entfuhr mir Lotte gegenüber die erste unehrerbietige Bemerkung über ihn: Ich machte sie auf das »Bergkamel« aufmerksam. Darin lag gewiß nichts Verächtliches, aber ich hätte doch früher nie so respektlos über ihn geredet, trotz der unglaublichen Treffsicherheit des Vergleichs, den ich im Hinblick auf sein groteskes Aussehen zog. Lotte spricht seitdem von Landauer bloß noch als Bergkamel. Auch ärgerte mich damals vorher Landauers schulmeisterliches Benehmen gegen Margarete Faas, die er vor soundsoviel Menschen, die er eben erst kennenlernte, ganz pedantisch über die Tonart zurechtwies, in der sie mit ihm zu reden habe.

(...)

Den Varnhagen habe ich nun – soweit ich ihn hier habe – ausgelesen und bin schon seit vorgestern beim Exzerpieren. (Landauer schrieb mir, daß er Exzerpte im ›Sozialist‹ bringen möchte). Im dritten Band fand ich eine Stelle, bei der ich sehr frappiert war. Varnhagen berichtet dort über ein Buch ›Berlin‹, das eben (1846) erschienen sei. Er selbst komme darin schlecht weg. Man nenne ihn darin einen »Leisetreter«. »Tut nichts!« fügt er dem hinzu. Aber merkwürdig! Im Augenblick stand der Mann in total anderem Licht vor mir, als ich ihn bisher gesehen hatte. Er war wirklich ein Leisetreter. Diese scharfe Kritik, die er im stillen Kämmerlein in sein Tagebuch zu schreiben wußte und dabei immer die Ausflüchte und Entschuldigungen vor sich selbst, daß er nicht selbst eingriff, nichts aber auch gar nichts tat, was die Zustände der Regierung hätte bessern oder den Ausbruch der Revolution hätte beschleunigen können!

(...)

HansJohannes Nohl. brachte mir zwei Bücher als neue Lektüre mit: Hermann Hesses Roman ›Unterm Rad‹ und einen Band der Schriften von Ludwig Tieck. Hesses Roman habe ich schon durchgelesen: die Tragödie eines Kindes, eines begabten Knaben, der durch unsinnige Erziehung durch Vater und Lehrer zu Tode gemartert wird. Das Buch enthält manches Schöne. Aber ich liebe diesen Hermann Hesse nicht. Schon sein Stil ist mir unerträglich. Er sucht Kühnheiten. Er schleimt. Er salbadert. Und ganz grauenhaft ist es mir, daß er mitten in der Erzählung anfängt, seine persönliche Meinung über die Probleme, die da angeschnitten werden, kundzutun. Wie häßlich! Wie unkünstlerisch! – Dabei hat seine Prosa überall diesen verdächtigen Erdgeruch, vielmehr Erdparfüm der Heimatkünstler. – Ich erinnere mich mit wahrem Wohlbehagen einer Szene mit Hardekopf. Ich hatte ihn mit einer Äußerung geärgert. Er wies mich heftigst zurück und wünschte seiner ärgerlichen Rede noch ein Ausrufungszeichen in Gestalt eines Schimpfworts anzuhängen. Ich erwartete schon ein »Idiot«, »Rindvieh«, »Schweinehund« oder ähnliches. Hardy wurde aber noch viel gröber. Er würgte nämlich erst in voller Wut, und stieß dann heraus: »Du – du – du – Heimatkünstler!« – was ich mir dann aber doch verbat.

(...)

Der Wunsch der Frau Dr. Delachaux, meine Gedichte kennenzulernen (ich brachte sie ihr gestern abend), regte mich an, mir heute selbst noch einmal fast den ganzen ›Krater‹›Der Krater‹, Mühsams zweiter Gedichtband, Berlin 1909. durchzulesen. Ich glaube nicht größenwahnsinnig zu sein, wenn ich behaupte, daß es nicht viel Gedichtbücher gibt, in denen schönere Verse, und auch nur wenige, in denen mehr schöne Verse stehen. Es ist ein wahrer Skandal, daß ich nicht viel mehr anerkannt werde. – Hier habe ich noch nicht ein einziges lyrisches Gedicht gemacht. Ich glaube, daß das an der plötzlichen und völligen Zigarrenentwöhnung liegt.

Château d'Oex, Dienstag, d. 30. August 1910

(...) Im ›Matin‹Maßgebliche Pariser Tageszeitung. (das ›Berliner Tageblatt‹ ist bei der Zeitungsfrau am Bahnhof immer noch nicht eingetroffen) las ich von einer neuen Rede Wilhelms II. über sein Gottesgnadentum, die er in Königsberg gehalten hat. Im November 1908 versprach er fortan nicht mehr Reden, sondern das Maul zu halten, es ist ihm aber doch auf die Dauer zu schwergefallen. Nun ist er gleich wieder ganz üppig geworden. Wenn er übrigens in der Rede sagt, er sei das Instrument des Herrn und weder Parlamenten noch Volksbeschlüssen, sondern nur dem lieben Gott verantwortlich, so hat er von seinem Standpunkt aus völlig recht. Sein Titel ist: »Von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen« usw. Wer solchen Titel führt, müßte von seinem Beruf eine verdammt schlechte Meinung haben, wenn er sich nicht über das konstitutionelle Gesindel, das tagaus, tagein auf dem Arsch um ihn herumrutscht, tausendmal überlegen fühlte. Was die liberalen Blätter zirpen (der ›Matin‹ bringt große Auszüge aus sehr vielen deutschen Blättern), der Standpunkt des Kaisers sei unhistorisch, er sei ein konstitutioneller Fürst etc., ist alles Unsinn. Eine konstitutionelle Monarchie ist eine contradictio in adjecto. Daß das letzte Jahrhundert diese Einrichtung geschaffen hat, beweist nur wieder den unlogischen feigen Geist unserer Zeiten, der jede radikale Konsequenz fürchtet. Daß Wilhelm selbst noch die alte historische Idee von seinem Gewerbe hat, spricht für ihn. Mir ist der Mann aus anderen Gründen unsympathisch, gerade deshalb, weil in seiner Natur so gar nichts Majestätisches ist. Er ist ein nationalliberaler Schwätzer im Grunde seiner Seele, ein geschmackloser Banause und ein beschränkter Wichtigtuer. In seinem Munde wird die Gottesgnadenfanfare einfach komisch. – Die deutschen Zeitungen haben nun wieder mal für eine Weile Gelegenheit, oppositionellen Mut zu markieren. Spuckt Wilhelm aber deswegen vor ihnen aus, so prügeln sie sich um die Ehre, seinen Speichel auflecken zu dürfen.

Château d'Oex, Mittwoch, 31. August 1910

Über meinen Plan, die im ›Krater‹ enthaltenen ›schlichten Gesänge‹ mit den inzwischen entstandenen Bänkelromanzen von Zille illustriert als ›Elf Moritaten‹ erscheinen zu lassen, ist jetzt, wie es scheint, endgiltig der Sargdeckel zugeschnappt. Zille schreibt mir nämlich, was ich schon wußte, daß Ehberk, in Firma ›Concordia, Deutsche Verlagsanstalt‹, »abgewinkt« habe. Aber er fügt hinzu, daß er jetzt so eilige Arbeiten vorhabe, daß er sich, selbst wenn ich noch einen anderen Verlag bereit finden sollte, nicht mit unserer Sache befassen kann. Heut kriegte ich denn auch die teuer abgetippten Manuskripte von ihm wieder. Als Trost schickte er mir seine traurige Mitteilung auf einer prächtigen und für mich extra signierten Zille-Postkarte.

(...)

Château d'Oex, Freitag, 2. September 1910

Meines Vaters 72. Geburtstag. Das Datum weckt in mir Gefühle, die fernab sind von kindlicher Freude und fröhlicher Mitfeier. Bei allen guten Gefühlen, die ich mir noch für meinen Vater erhalten habe, bei allem Respekt vor vielen Zügen seines Charakters, bei aller Sympathie, die wohl im Blut liegt, bei allem Mitleid an den mancherlei Nöten, die er trägt, an denen selbst, zu denen ich Ursache bin – das Gefühl der Dankbarkeit, das doch im Empfinden der Kinder gegen die Eltern als das natürlichste gilt, ist mir völlig verlorengegangen. Wenn ich mich frage, wofür soll ich ihm danken?, so fällt mir in der Tat nichts ein außer der Tatsache, daß er mich gezeugt hat, und die Gedanken, die sich hieran anschließen, sind so bitter, daß sie mir Franz Mohrsche Betrachtungen nahelegen. Wahrhaftig! Daß er mich ernährt hat, erhebt ihn, der es ohne Not konnte, nicht über andere Menschen, nicht über arme Tagelöhner, die viele Kinder vor Hunger schützen und liebend betreuen. Daß er mir einige Schulbildung ermöglichte, so lange, bis ich selbst mich voll Ekel aus der Schule davonmachte, das ist kein Grund zu Dankgesängen. Tat er es doch gewiß nicht, um mich zu dem zu machen, was ich werden wollte und mußte, zu dem, was ich ward. Für seine Erziehung? Es steigt etwas wie Haß in mir auf, wenn ich daran zurückdenke, wenn ich mir die unsagbaren Prügel vergegenwärtige, mit denen alles, was an natürlicher Regung in mir war, herausgeprügelt werden sollte. Man kannte meine Neigung, Bücher zu lesen. Nie erhielt ich welche geschenkt, und als man dahinterkam, daß ich nachts heimlich aufstand, an den Bücherschrank der Eltern ging und mir die Werke Kleists, Goethes, Wielands, Jean Pauls herausholte, da verschloß man den Schrank und nahm mir auch die einzige Möglichkeit, meine heiße Sehnsucht zu befriedigen. Geld bekam ich nie in die Hand. Als ich es mir dadurch erschwindelte, daß ich vorgab, hier und da Schreibhefte, Bleistifte usw. zu gebrauchen, da wurde ich in der grauenhaftesten Weise geschlagen. Ich denke mit wahrem Grauen an die Tage, wo ich herumschlich, angstvoll auf die versprochenen Keile zu warten. Denn mir war für ein so schreckliches Verbrechen, daß ich zwanzig, dreißig Pfennige »unterschlagen« hatte (denn mein Vater drückte sich in solchen Fällen gern möglichst juristisch aus), eine dreifache Auflage von Prügeln zudiktiert worden, das heißt, ich hatte an drei Tagen hintereinander mich zum Empfang der Strafe zu melden. Etwas Haarsträubenderes an viehischer Grausamkeit ist wohl nie ausgesonnen worden, und ich war wohl zwölf, dreizehn Jahre alt, voll kindlicher erwachender Sehnsucht und tiefer empfindend als andere Jungen. In der Schule war ich faul wie die Sünde. Nie kam jemand auf den Gedanken, daß ich, dessen Gewecktheit und leichte Auffassung jeder bemerken mußte, falsch angefaßt wurde. Hätte ich verständnisvolle Lehrer – womöglich Privatlehrer – gehabt, ich hätte gern und mit Hingebung gelernt. So wurde ich immer nur gehauen und gestraft, gestraft auch seelisch damit, daß ich nie teilnehmen durfte an Ausfahrten oder anderen Vergnügungen der Geschwister, gestraft durch geringschätzige Behandlung und wahrhaft raffinierte Mittel, ein kindliches Gemüt zu kränken. Und dabei stets der Stolz des Vaters auf seine Erziehungsmethode, der Stolz dieses Mannes, der nicht erkennen konnte, daß seine Kinder nicht alle gleichgeartet waren, daß drei so waren, wie er sie haben wollte, brav, fleißig, gehorsam, und nur ich aus der Art schlug. Alles immer in der besten Absicht, in wahrhaft gutem Bestreben für mich. Und ich ging hinaus und hielt mich schadlos für alles durch ausgelassene Streiche, durch alle möglichen Erfindungen des Unfugs, und immer wieder gab es Strafen und Tadel, und das Lernen wurde mir zum Ekel und das Leben so früh schon zum Überdruß. Und immer wußte ich doch dabei, wer ich war. Stets fühlte ich den Erlesenen in mir, den, dem unter allen Großes vorbehalten war. Einmal – da mag ich wohl an fünfzehn Jahre gewesen sein, vertraute ich – nur in Andeutungen – meiner Mutter,Rosalie Mühsam (1849-1899), geb. Cohn. wie ehrgeizig ich sei, und mir schien damals, als verstände sie mich und glaubte mir. Aber sie war eine schwache Frau, und der Vater führte unbedingtes Regiment im Hause und war ihr selbst absolute Autorität. So ließ sie es geschehen, daß er mich mit seiner fürchterlichen Erziehungsmethode nach Schema F mißhandelte. Als ich Quartaner war, sollte ich Musikunterricht haben. Das Instrument durfte ich selbst wählen und wählte das Cello. Ein Vierteljahr hatte ich Stunden, dann aber brachte ich ein schlechtes Zeugnis heim, und es hieß, die Musik halte mich von den Schularbeiten zurück. So wurden die Celli-Stunden eingestellt, und ich kann bis zum heutigen Tag kein Instrument spielen. So strafte mich mein Vater für ein schlechtes Zeugnis fürs ganze Leben. Dann machte ich den dummen Streich, der meine Relegation aus der Untersekunda zur Folge hatte. Herrgott, waren das Tage zu Hause! Wie ein Verfemter wurde ich angesehen. Und als ich dann einmal in den Ferien zu Hause war und kam von einem LachswehrkonzertLübecker Volksfest. erst um viertel nach zehn zurück, da machte mein Vater selbst die Korridortür auf und empfing mich – den achtzehnjährigen Menschen, weil ich eine Viertelstunde zu lange ausgeblieben war, mit einer schallenden Ohrfeige! Die brennt mir heut noch im Gesicht, wenn ich daran denke. Ach, und später! Ich wollte Schriftsteller werden, beichtete ich meiner Mutter, als ich glaubte, ich würde es in der Apothekerlehre nicht mehr aushalten. Tränen, Begütigungen, Aufregungen. Schließlich hieß es: Gut, mach dein Gehilfenexamen, dann darfst du Schriftsteller werden. Die Mutter starb. Um den Vater in seinem Gram nicht zu kränken, gab ich meiner Schwester MargaretheÄltere Schwester Mühsams, verh. mit Julius Joel. das heilige Versprechen, bis zum Examen würde ich mich von aller Literatur und allen Interessen, die mich bewegten, fernhalten, bis zum Gehilfenexamen. Ich hielt das Versprechen. Was es mich gekostet hat, kann kein Mensch ermessen. Ich machte auch das Examen. Dreiviertel Jahre darauf tat ich, was ich tun wollte und mußte. Ich ging nach Berlin als Gehilfe und sprang von dort heraus – in die Neue Gemeinschaft. Sozialethischer Verein in Berlin, gegründet 1900 von Heinrich und Julius Hart und Gustav Landauer. Ausführlich in: ›Unpolitische Erinnerungen‹.

Jetzt war ich Schriftsteller. Mein Vater in Verzweiflung. Er wollte mich aushungern. Gott sei Dank war ich stärker. Bis jetzt – zehn Jahre lang – bin ich Sieger geblieben in dem Kampf. Hundert Mark gibt er mir monatlich. Gibt er mir? Ach, nachdem er mir das Fünf- bis Sechsfache genommen hat. Als ich mündig wurde, ließ er mich den Verzicht auf die Zinsen des großväterlichen Erbes unterschreiben, weil es unrecht sei, daß dem Vater diese Erbschaft zugunsten der Kinder entzogen sei. Konnte ich, als ich das unterschrieb, ahnen, in welche Not ich dadurch kommen würde? Gewiß, mich trifft an vielem selbst die Schuld. Wäre ich wie andere Leute ohne Sentiment für den Vater, ich hätte längst prozessiert, wäre längst zu meinem Erbteil gekommen. Müßte ich mich später auch aus dem väterlichen Reichtum mit dem Pflichtteil begnügen – das wird immer noch mehr sein, als alle meine Freunde haben –, meine besten Jugendjahre wären nicht verkümmert und versauert worden. Nun sitze ich da, mit 32 Jahren, immer noch von heute auf morgen in Angst, wovon leben? Immer noch ohne eigene Wohnung, ohne Aussicht, daß es bald besser wird. Soll ich dem Vater den Tod wünschen? Ich weiß nicht. Ich habe keine Sentimentalitäten, die mich daran hinderten. Am Ende bin ich jung und habe zwar nicht mehr das Leben (das ist verpfuscht), hoffentlich aber doch noch wertvolle Strecken des Lebens vor mir – und viele Arbeiten, zu denen ich Muße und Freiheit von Not und Entbehrung brauche. Er aber hat alles hinter sich. Schon hat sich das Alter bei ihm mit einer gefährlichen Herzschwäche gemeldet. Davon ist er wieder gesund geworden. Was ich ihm heute wünsche, ist ein heiterer Beschluß des Lebens, aber kein langes Verweilen mehr. Einmal aber vor dem Ende möge er noch in einem klaren Moment einsehen, wieviel Vorwurf und Strafe, die er mich hat kosten lassen, ihm für seine Erziehungsmethode gebührt.

(...)

Château d'Oex, Montag, d. 5. September 1910

(...) Den Sozialistenkongreß in Kopenhagen2. Internationale Konferenz der Sozialistischen Jugendorganisationen. verfolgte ich in diesen Tagen in den spärlichen Auslassungen des ›Matin‹ mit großem Interesse. Es ist doch schmachvoll, wie diese deutschen Sozialdemokraten ihren Beruf als Volksführer auffassen, mit was für Mätzchen und Kniffen sie sich um die selbstverständlichsten Pflichten herumdrücken. Von den Engländern (das ist sehr bedeutsam, denn die spielen noch gar nicht lange mit!) war der Antrag gestellt worden, jeder drohenden Kriegserklärung sei von den Arbeitern der betroffenen Länder mit dem GeneralstreikDie These, Kriegsabsichten seien mit (internationalem) Generalstreik zu beantworten, wurde von den führenden deutschen Sozialdemokraten zugunsten einer reformistischen, Staats bejahenden Politik verworfen (statt dessen Kampf um ein allgemeines und gleiches Wahlrecht). Linke Sozialdemokraten (z. B. Rosa Luxemburg) hielten länger an der Generalstreikthese fest, die dann vor allem von den Syndikalisten bis in die zwanziger Jahre als Hauptinstrument der proletarischen Revolution betrachtet wurde. zu begegnen. Da es in den auch von den Deutschen Sozis akzeptierten internationalen Beschlüssen heißt, Kriege seien mit allen Mitteln zu verhindern, wäre es ganz selbstverständlich, daß das wirksame Mittel des Generalstreiks in solchem Falle angewandt würde. Der Antrag wurde von den Franzosen nachdrücklich unterstützt. Er fiel aber, geworfen von den »Dreibund«-Mächten: Deutschland, Österreich und Italien. Die Italiener haben leicht reden. Was in Italien und den Marxisten folgt, dies Bäckerdutzend Kolonialwarenhändler und Büroschreiber, hat so wenig Macht, daß sein Kopenhagener Votum von denen, die eventuell einen Generalstreik machen können, doch nur verhöhnt wird. Aber Deutschland und Österreich! Die Herren LedebourGeorg Ledebour (1850-1947), zentristischer Sozialdemokrat, 1910-14 Mitarbeiter des ›Vorwärts‹, 1917 Mitbegründer der USPD, Mitglied des Reichstags 1920-24. und RennernKarl Renner (1870-1950), österr. Sozialdemokrat, Abgeordneter seit 1907, Staatskanzler 1918-20, 1945-50 österr. Bundespräsident. haben beweglich gestöhnt, daß ein solcher Beschluß höchst bittere Repressalien der Regierung gegen die Sozialdemokratie hervorrufen würde. So weit ist es nun also glücklich gekommen, daß die »revolutionäre« deutsche Arbeiterschaft selbst bei ihrer Abstimmung über die Dinge, die die internationale Sache des sogenannten Proletariats betreffen, nach dem Eindruck schielt, der »oben« – in der WilhelmstraßeSitz der Reichsregierung in Berlin. – erweckt wird. Es ist eine wahre Affenschande! – Aber die Ablehnung energischer Maßregeln gegen androhende Kriege muß eine Wirkung ausüben, für die jeder, der an dieser Ablehnung mitgewirkt hat, geköpft zu werden verdient. Das Votum der deutschen Sozialdemokraten kann bei der Regierung gar nicht anders verstanden werden als: »Wenn ihr Krieg führen wollt – auf uns, auf die deutsche Arbeiterschaft, könnt ihr euch verlassen!« – Die Zustimmung zu dem englischen Antrag wäre allein ein unendlich kräftiges Palliativmittel gegen den Krieg gewesen. Die Ablehnung und ihre Begründung muß alles imperialistische und kapitalistische Kriegsgelüste ermutigen und bestärken. – Die Preise der Nahrungsmittel in Deutschland stehen unglaublich hoch, die neuen Steuern sind, bis sie sich mit dem Geldkurs einigermaßen ausgeglichen haben werden, ein schandbarer Druck auf die Leistungskraft des Volkes (alles für Heer und Flotte!), und in diesem Jahre ist die Ernte allenthalben so schlecht ausgefallen, daß eine schreckliche Teuerung selbst in den allerwichtigsten Produkten wie Kartoffeln und Gemüse zu erwarten ist. Jetzt hätte ein radikaler Beschluß ihrer Mandatare sicher viel Verständnis und Zustimmung bei den Arbeitern gefunden. Aber man will sich vor den Wahlen der »Mitläufer« versichern, man ist diplomatisch um des Ehrgeizes willen, im Reichstag das Maul aufreißen zu dürfen. Pfui Deibel!

Jetzt geh ich ans Packen.

Aeschi, Sonntag, d. 11. September 1910

(...) Wäre ich fromm und brav, ich wäre gewiß nicht in der furchtbaren äußeren Lage, die mich vorzeitig zugrunde richtet. Ich brauchte nicht davor zu zittern, daß ich wahrscheinlich sterben muß, ehe ich in der Lage war, recht zu leben. Gestern habe ich vor Johannes geweint, als mir die Trostlosigkeit meiner Situation klar wurde. Ich soll regelmäßig und gut leben – das sagt jeder Arzt –, will ich mein Leben erhalten. Jetzt habe ich noch 100 Franken – davon soll ich hier meine Rechnung bezahlen, die Reise nach München, und dort bis zum 1. Oktober auskommen, – und gut und regelmäßig leben! Daß meine Familie etwas Anständiges und Wirksames für mich tun wird und in einer Form, die mir die Annahme möglich macht, glaube ich nicht. Erst wenn es wirklich zu spät ist, werden sie aufhören, sparsam zu sein. Es ist widerlich, aber es ist Tatsache: die einzige Möglichkeit, daß ich leben könnte, wäre, wenn mein Vater stürbe. Dann könnte ich die Notwendigkeiten erfüllen, eine eigene Wohnung haben, die es mir ermöglichte, abends zu Hause zu sein, gut und regelmäßig essen, mich anständig und warm kleiden, stets die Luft atmen, die ich brauche – und dabei noch die Freunde in den Stand setzen, daß ich ihre Freundschaft verdienen würde. Gar nicht davon zu reden, daß ich für meine Arbeiten selbst etwas tun könnte, während ich so sicher auch nach meinem Tode noch von der deutschen Presse an die Wand gedrückt werde. Ich sehe schon meine Nekrologe: tausend »Boheme«-Anekdoten, Anarchist in Anführungsstrichen und »im übrigen nicht talentlos«.

(...)

Aeschi, Donnerstag, d. 15. September 1910

Ein plötzlicher Entschluß am Dienstag führte uns nachmittags nach Bern. Johannes, Cecha und mich – und Madame Arnaud schloß sich uns am Bahnhof Heustrich an.

(...) Im Hotel zum Bären aßen wir auf Kosten von Madame Arnaud und holten dann aus dem Rathause, wo Rudolf Steiner einen Vortrag über ›Das Wesen des menschlichen Schicksals‹ hielt, Berndl und Lewin ab. Bis der Vortrag zu Ende war, mußten wir vor der Saaltür antichambrieren, und ich hörte dumpf von außen die hohle, dröhnende Stimme des hohlen, dröhnenden Steiners, den ich seit fünf, sechs Jahren nicht mehr gesehen habe. Aber ich sehe ihn förmlich vor mir stehen, wie ich ihn im Jahre 1901 zuerst bei den ›Kommenden‹Berliner Kulturverein der Jahrhundertwende, zeitweilig geleitet von Rudolf Steiner. Ausführlich in: ›Unpolitische Erinnerungen‹ gesehen hatte: mit von unten ausholenden, unendlich langen Gesten seine leeren Worte über die Menge schwenkend. Ich wollte ihn noch abwarten und ihm guten Abend wünschen – aber, nachdem die Herren Berndl und seine Freunde herausgekommen waren, dauerte es mir zu lange, und so wichtig war es mir nicht. Ich hörte dann von allen, die beim Vortrage waren, daß er ganz inhaltsleer und dürftig gewesen sei und das Geschmuse von der Gnosis nur auf hysterische Seelenweibchen Eindruck machen konnte. Ich habe in der Tat Steiner von jeher im Verdacht, daß er das theosophische Fähnlein nach dem Winde gehängt hat, daß er nämlich mit diesem Köder reist und geile Weiber in seine Netze fischt.

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Aeschi, Freitag, d. 16. September 1910

(...) Zeppelins Luftschiff Nr. 6 ist in der Halle verbrannt. Unter sieben Ballons der fünfte, der zerstört ist: Aber die guten Deutschen sind so zeppelinbegeistert wie nur je. Die Apparate der Herren Gross und ParsevalAugust von Parseval konstruierte 1901-03 ein unstarres Luftschiff; Hans Gross war der Erbauer eines halbstarren Militärluftschiffs. funktionieren tadellos, aber das Volk schert sich darum nicht. Die werden ignoriert. Ein sonderbares Volk, das sich immer an der verkehrten Stelle begeistert. Als Nr. 4 bei Echterdingen ruiniert war und man in ganz Deutschland Riesensammlungen für Zeppelin machte, geriet ich bei der Überfahrt über den Bodensee – auf der Reise von Ascona nach Deutschland – einer Sammlergesellschaft in die Finger, die mit einem Teller Beiträge für eine Zeppelin-Spende schnorrte. Jeder gab etwas. Ich lehnte ab mit der Begründung, ich gäbe für militärische Zwecke kein Geld aus. Ich sehe noch die verächtlichen Mienen, mit denen ich betrachtet wurde. Die Millionen, die damals zusammenkamen – und natürlich nur, weil es einer neuen Waffe fürs »Vaterland« galt – sind inzwischen längst explodiert, verbrannt, zerschlagen und davongeflogen. Ich denke auch noch mit Empörung daran, wie SingerPaul Singer (1833-1911), Führer der deutschen Sozialdemokratie, ab 1885 Fraktionsvorsitz im Reichstag. namens der Sozialdemokraten im Reichstag erklärte, die Fraktion werde für die Luftschiffausgaben im Militäretat stimmen, weil es sich um eine kulturelle Tat handle. Die Neuerung, im Kriegsfalle eine Waffe zu stellen, die zu grauenvollsten Mordkatastrophen von oben herab dient, eine kulturelle Tat! – Die Herrschaften haben ja auch jetzt in Kopenhagen wieder gezeigt, was sie unter »Antimilitarismus« verstehen.

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München, Donnerstag, d. 22. September 1910

Ich wohne in der Pension, in der ich mit OldenBalder Olden (1882-1949) Schriftsteller und Publizist. vor einigen Monaten den ›Haifischtee‹ verfaßte, Akademiestraße 9. Olden bewohnt das Zimmer neben dem, in dem ich dies schreibe und das man mir für heute provisorisch gegeben hat. Morgen kriege ich ein besseres. Ganze Pension 130 Mark. Teuer genug. Gott sei Dank zieht Olden in diesen Tagen aus. Es ist nicht angenehm, Bekannte, die einem nicht recht nahe stehen, so auf dem Halse wohnen zu haben.

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München, Sonnabend, d. 24. September 1910

(...) Frau v. Ruthersheim will doch noch ein drittes Chanson haben und gibt mir selbst das Thema vor, das sie behandelt wissen möchte. Albern, aber sicher geeignet für die Wirkung, die beim Wiener Cabaret-Publikum damit erzielt werden soll. Die 150 Mark, die ich wenigstens nominell dafür kriegen soll, werden mich schon zu dem nötigen Tiefstand des Geistes und Gemütes bringen, um den Schmarrn herzustellen. Schweinerei, was der Dalles geistigen Menschen für Prostitution aufzwingt! Und dabei bilde ich mir noch was drauf ein, von diesem Hurentume verhältnismäßig wenig erfaßt zu sein. – Aber meine gute, ehrliche Arbeit will man nicht. Drei Bücher harren des Druckes; für meine Stücke finden sich keine Verleger und keine Bühnen, für meine Moritaten, selbst wenn Zille sie illustriert, keine Abnehmer, und somit für die vielen schönen Pläne, die ich habe, bei mir selbst keine Courage. Laufe ich an den Buchhandlungen vorbei, dann suche ich jedesmal ganz unwillkürlich unter all dem Mist, der in den Fenstern liegt, nach meinem Namen, obwohl ich doch weiß, daß ich ja seit mehr als eineinhalb Jahren nichts mehr publiziert habe – und dann packt mich Wut und Bitterkeit.

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München, Donnerstag, d. 29. September 1910

Es ist etwas Erfreuliches aus der Zeitgeschichte zu vermerken. In Berlin haben große Zusammenrottungen von Arbeitern und Frauen stattgefunden, die mit den Streikbrechern bei einem Moabiter KohlenarbeiteraufstandAus einem Lohnstreik der Berlin-Moabiter Kohlenarbeiter entwickelten sich Straßenschlachten mit der Polizei, an denen zeitweise 30000 Demonstranten teilnahmen. Händel gesucht haben. Es ist zu Schießereien gekommen, die Menge hat das große Polizeiaufgebot angegriffen. – Eben fährt, wie zur Illustration der freudigen Gefühle, die mich angesichts der Volksenergie beseelen, unter großem Gepränge, an der Spitze laut blasend, eine berittene Musikkapelle, eine Batterie Artillerie unter meinem Fenster vorbei, ein endloser Zug von Kanonen und Pferden, deren Rasseln und Trappeln meinen Schreibtisch erschüttert. Das Volk bleibt gaffend stehen. Es scheint sich wenig Gedanken darüber zu machen, mit wessen Geld, zu wessen Schaden und auf wessen Knochen diese Mordinstrumente entladen werden könnten. Gott sei Dank, der ekle Zug ist vorbei... Also in Berlin hat es richtige Straßenrevolten gegeben, eine Kirche wurde von der Menge gestürmt, es wurde aus den Fenstern geschossen, Frauen haben in ihre Häuser eindringende Polizisten – die unter persönlichem Kommando des bemerkenswerten Polizeipräsidenten v. Jagow (»ich warne Neugierige«) stehen – angegriffen, eine warf solchen Burschen eine brennende Petroleumlampe an den Kopf – kurzum: einmal ein deutlicher Beweis, daß sich auch deutsche Proletarier nicht mehr alles bieten lassen. Grauenhaft ist der Gedanke an die Strafprozesse, die den Exzessen folgen werden. Es wird viele Jahre Zuchthaus geben, und natürlich macht die »liberale« Lumpenpresse vom Schlage der ›Münchner Neuesten Nachrichten‹ schon jetzt scharf. Aber trotzdem: Man kann von solchen Vorfällen ermutigt werden, wieder Vertrauen fassen zu den guten freiheitlichen Instinkten des Volkes. Besonders beglückend ist die Lehre, die sich aus der Tatsache ergibt, daß die Arbeiter so hoch über ihre Führer hinausgewachsen sind, daß sie es wagen, ihren jämmerlichen sozialdemokratischen Leithammeln diese Unannehmlichkeit zu bereiten. Wieder bestätigt sich mir, was ich immer wußte: daß die Berliner Arbeiterschaft die beste, männlichste, selbständigste und freiheitlichste in Deutschland ist.

(...)

Momentan besitze ich noch 30 Pfennige und weiß vorläufig gar nicht, wie ich's heute machen soll, daß ich in den Ausstellungspark hineinkomme, um die Aufführung des ›König Ödipus‹ zu sehn. Diese Not ist zu widerlich, ich kenne sie jetzt seit zehn Jahren fast, aber niemals werde ich mich daran gewöhnen.

München, Freitag, d. 30. September 1910

(...) Die ›Ödipus‹-Aufführung war einzig großartig. Die Riesenfesthalle, deren Zuschauerplätze sich amphitheatralisch aufbauen – es mögen gut 3000 Personen Platz finden, war völlig besetzt. Das Drama spielte sich auf den Stufen zum Palast des Königs ab. Die Bühnenbegrenzung waren vier mächtige ionische Säulen, flankiert von Kübeln mit freien Opferflammen. Die Volksmenge – Reinhardt hatte Hunderte Mitwirkende zusammengebracht – strömte aus allen Türen in die Festhalle, ergoß sich in die Gänge vor den Stufen und agierte unglaublich wirksam zwischen den Tribünen des Publikums. Dadurch wurde das bildhafte Mitwirken der Zuschauer erreicht und der Gesamteindruck gewaltig erhöht. Wegener als Ödipus war mächtig und von riesiger Kraft. Die breite, starkknochige Figur, das knorrige Gesicht, die starken Armbewegungen, die dröhnende und dabei so überlegt temperierte Stimme mit dem etwas zischenden S-Laut – das war ein majestätischer, großer Eindruck. Wegener war in dem von Ernst Stern entworfenen Kostüm das richtige Gefäß der ungeheuren sophokleischen Tragik. Tilla Durieux, die geniale Partnerin Paul Wegeners in vielen Dramen, war für die Rolle der Jokaste vielleicht zu jung. Ich hätte da lieber die Sandrock mit ihrem einseitigen Medea-Talent gesehen. Hier hätte sie hingepaßt. Winterstein als Kreon war stark, ohne genial zu sein. Er trat – und das war recht so – neben Wegener ganz zurück. Sehr zu loben ist Kühne, im Privatleben ein Gemisch von Schmierenkomödianten und Jesuitenkaplan, auf der Bühne in den Rollen, zu denen es gehört, eine sehr schätzbare Kraft. Er gab den Wortführer des Volks mit sehr schönem Pathos und sehr wirksamen Gesten. Moissi spielte den greisen Seher Theiresias, eine herrliche Leistung. Dieses unsagbare weiche, biegsame, einschmeichelnde und in der Leidenschaft doch so gewaltige Organ! Dieser Ausdruck der Worte, der Gesten, des ganzen Wesens! Im Gegenspiel gegen Wegeners knorrige Kraftfigur bot sich eine unvergeßliche, namenlos schöne und große Szene. Max Reinhardts Regieleistung war das Genialste, was ihm bisher überhaupt gelungen ist.Max Reinhardt gastierte mit seinem Ensemble 1909 bis 1911 im Münchner Künstlertheater; die Reinhardt-Schauspieler traf Mühsam nach den Vorstellungen in den Schwabinger Lokalen. Was dieser Mann dem Theater unserer Zeit bedeutet, wird eine künftige Zeit einzusehen und zu benutzen haben. – Hier in München kam ihm natürlich der vortreffliche Raum der Musikfesthalle sehr zugute. Für Berlin ist er in einigem Dilemma. Wegener möchte die Aufführung dort im Zirkus vornehmen. Ich schlug vor, lieber die Ausstellungshalle des Zoologischen Gartens zu benutzen.Die Berliner Aufführung fand im Zirkus Schumann statt. Dieser Vorschlag soll Reinhardt von einigen, die ich sprach, unterbreitet werden. Nach Schluß der Vorstellung traf ich am Ausstellungsparktor laut Verabredung Wegener und Kate Richter, und wir fuhren mit Winterstein und mit der schönen rumänischen Elisabeth Weihrauch ins Hoftheaterrestaurant, wo sich an unserem Tisch noch Bernhard v. Jacobi mit Frau, Diegelmann,Wilhelm Diegelmann (1861-1934), Schauspieler. ferner ein Schulfreund Wegeners, Arzt in Karlsbad, und schließlich Frank WedekindFrank Wedekind (1864-1918), neben G. Hauptmann bedeutendster deutscher Dramatiker der Zeit, bekannt auch für seine Bänkellieder. einfanden. Ich aß zum Abendbrot einen Rettich, weil mein Geld zu Größerem nicht reichte. – Es ist seltsam. Es hätte mich eine Andeutung gekostet, und ich hätte von Winterstein, Wegener und Jacobi ohne weiteres ein Goldstück haben können. Ich mochte nicht. Diese Leichtigkeit, von der ich so viele Jahre gelebt habe, habe ich ganz eingebüßt.

(...)

Winterstein erzählte eine hübsche Geschichte aus der Vorbereitung der Ödipus-Aufführung. Ein Herr Kühler oder Dr. Kühler (glaub ich), Mitglied des Münchner Ausstellungskomitees, hatte sich heftig gegen die Hergabe der Musikfesthalle gewendet und gefragt, wer denn dieser Sophokles eigentlich sei, ein Moderner oder was sonst? Man klärte ihn darüber auf, daß Sophokles schon vor einigen tausend Jahren gelebt und das Stück geschrieben habe. »Na sehn Sie«, meinte der kluge Herr, »da wäre in der langen Zeit gewiß schon jemand anders drauf verfallen, wenn mit dem Geschäfte zu machen wären.« – Wegener war sehr lustig, er ermahnte mich wiederholt aufs ernstlichste, auch so schöne Stücke zu schreiben, bei denen man soviel schreien kann. Ich sagte aber, auf so komplizierte Verwandtschaftsverhältnisse, wie sie in der Familie Ödipus obwalten, käme ich nicht so leicht. – Vielleicht spielt mein lieber Wegener doch noch einmal eine Rolle von mir! – Als ich mit Olden heimfuhr – SteinrückAlbert Steinrück (1872-1929), Schauspieler bei Max Reinhardt, ab 1912 Regisseur am Münchner Hoftheater. brachte uns mit der Droschke bis zur Ecke der Akademiestraße –, erzählte er mir, daß er mein Zimmernachbar geworden sei und gleich mir von dieser Nacht ab im dritten Stock wohne. Ich erklärte ihm darauf unverhüllt, daß das für mich ein Grund sein würde, ganz aus der Pension herauszuziehen. Heut früh teilte ich dies gleich der Wirtin mit, die mich nun von morgen ab in die erste Etage quartieren wird. Das ist um so erfreulicher, als ich gleich nachher mit dem Stubenmädel, einer reizenden Brünetten, ein Techtelmechtel anfing und auf meine Frage erfuhr, daß sie gleichfalls im ersten Stock wohne. Ich bin erotisch schrecklich ausgehungert. Es wäre ein Glück für mich, wenn darin endlich Regelmäßigkeit und Befriedigung einträten. Ich habe seit undenklichen Zeiten nicht mehr so viel und so gern geküßt wie heute.

München, Sonnabend, d. i. Oktober 1910

(...) Die Redaktion von ›Licht und Schatten‹ schickte mir meine fünf erlesen guten lyrischen Gedichte mit einem geschäftsmäßigen Wisch als »ungeeignet« zurück. Natürlich! Bessere Beiträge bekommt GumppenbergHans von Gumppenberg (1866-1928), Schriftsteller, Kabarettist und Redakteur, Mitglied der ›Elf Scharfrichter‹. von keinem seiner Mitarbeiter! Aber er hat politische Gründe, mich zu boykottieren. Er hat dazumal, als mich die ›Jugend‹ auf das leere Gerücht hin, ich sei homosexuell, aufs Pflaster setzte und als Wedekind in großer Anständigkeit SinsheimerHermann Sinsheimer (1884-1950), Schriftsteller, Redakteur bei ›Jugend‹, ›Simplicissimus‹, später beim ›Berliner Tageblatt‹. darüber seine Meinung derart klar machte, daß der seitdem nicht mehr in die Torggelstube kam, damals – während ich hilflos im Gefängnis saß – hat Herr Hanns von Gumppenberg für Sinsheimer gegen mich Partei genommen und gefunden, daß so ein Mensch nicht in einem literarischen Blatt arbeiten dürfe. Er ist also konsequent. Wir kennen uns, sitzen wir auch allabendlich noch so friedlich beieinander am Weintisch. Aber wartet nur, ihr Herren Sinsheimer und Gumppenberg. Die Rache behalte ich mir vor! Wenn ich nicht mehr abhängig und gedrückt in euren Kreisen sitze, dann werdet ihr eigenartige Dinge von mir erleben: Alle die, die mich heute büßen lassen, daß ich – denn darauf läuft alles hinaus – mich vermesse, eine Gesinnung zu haben, alle die sollen es bereuen! Wartet, ihr Hunde! Ich werde noch einmal zeigen, daß ich einer vom Alten Testament bin.

(...)

München, Sonntag, d. 2. Oktober 1910

(...) Landauers Artikel im neuen ›Sozialist‹›Von der Ehe‹ in: ›Der Sozialist‹, Oktober 1910. befriedigt mich sehr, wenn ich ihn auch nicht überall unterschreiben möchte. Er konzediert meinen Ansichten über die Freiheit in Sexualdingen mehr, als ich je erwartet hätte, und schränkt die maßlosen Schimpfereien des Tarnowska-Artikels sehr ein. Seine Verteidigung der Ehe präzisiert er dabei, daß unter Ehe auch Vielehe oder Gemeindeehe verstanden werden könne. Ferner gibt er die Einwirkung der Geschlechtlichkeit auf alles seelische Erleben zu, mithin auch in den Freundschaften von Mann zu Mann, von Frau zu Frau. Was er aber noch gegen meine Auffassung aufrecht hält, faßt er in die versöhnlichste Form, z.B. in die Frage, ob wir denn die Freiheit der »verantwortungslosen« Lust überhaupt vertragen würden. Kurzum, ein sehr lieber, verständiger Artikel, in dem fast etwas wie Reue über den früheren durchklingt. Ich bin sehr froh, keinen Groll mehr gegen diesen Freund tragen zu brauchen.

(...)

München, Montag, d. 3. Oktober 1910

Sollen diese Tagesaufzeichnungen für mich selbst als Erinnerungsstützen Wert haben, so müssen sie ehrlich sein, die notierten Ereignisse niemals fälschen und für mein gegenwärtiges Erleben wichtige Vorgänge nicht verschweigen. Die Rücksicht darauf, daß die Notizen einmal publiziert werden könnten, darf nichts entscheiden. Steht schon manches in diesem Heft, was die Veröffentlichung in den nächsten Jahrzehnten sowieso ausschließt, so werde ich mich auch nicht abschrecken lassen, Sachen einzutragen, die die Drucklegung zu meinen Lebzeiten – und vielleicht noch lange drüber hinaus – überhaupt verbieten. Ob sich in 80 oder 100 Jahren mal jemand findet, der meine Tagebücher der öffentlichen Mitteilung für wert halten und herausgeben wird, kann ich nicht wissen. Niemand, der aus dem Tagesgeschehen und -erleben heraus Notizen schreibt, kann deren Kulturdauer ermessen. Über den Wert von Tagebüchern entscheidet nicht das Talent des Verfassers – denn die Zusammenhanglosigkeit der Bemerkungen hindert doch die Entstehung eines literarischen Meisterwerks –, sondern der Rhythmus der allgemeinen und persönlichen Ereignisse, die registriert werden. Also, ich will ehrlich sein, soweit ich es vor mir selbst nur kann, und ich will auch nicht vor einer Entblößung meiner Geschlechtlichkeit haltmachen. – Mit dem Stubenmädel hier habe ich seit heute nacht ein richtiges Verhältnis. Bisher hatten wir uns nur geküßt. Gestern hatte sie Ausgang, und ich führte sie auf die Oktoberwiese, die heute geschlossen wurde, und nachts kam sie zu mir ins Zimmer. Es stellte sich die überraschende und merkwürdige Tatsache heraus, daß das zwanzigjährige Mädchen noch unberührt war, und so habe ich nun zum ersten Mal in meinem Leben eine Deflorierung vorgenommen. Und nicht minder merkwürdig ist, daß das gute Kind rasend in mich verliebt ist, ja, sich, wie sie mir beichtete, auf den ersten Blick in mich verliebt hat. Bei mir – ich glaube darin sicher zu sein – ist von Verliebtheit gar nicht die Spur vorhanden. Das Mädelchen rührt mich mit ihrer wilden Zärtlichkeit – ich bin darin so wenig verwöhnt. Es rührt mich um so mehr, als ich doch wirklich bei Frauen dieser Art ganz abfalle und mir immer eingebildet habe, es gehöre schon eine ungeheure Differenziertheit dazu, wenn eine Frau zu mir in zärtlichen Empfindungen aufglühen kann. Die Kleine ist niedlich, aber keineswegs schön. Sie küßt prachtvoll und drückt sich alle Augenblick zu mir ins Zimmer, um es tun zu können. Für mich hat dies Verhältnis den Reiz der Neuheit – und noch manchen andern Reiz. Nur daß sie Frieda heißt, ist greulich. Dieser Name hat in meinem Leben eine zu köstliche Bedeutung,Frieda Gross, geb. Schloffer (1876-1950), vgl. Eintragungen vom 26. August 1910, 7. Juni 1911 und 13. September 1912. als daß ich ihn für ein neues Erlebnis anwenden könnte. Ich werde für die Kleine schon einen Namen erfinden müssen. – Aber froh bin ich, daß ich endlich einmal – und doch hoffentlich für längere Wochen – sexuell versorgt bin.

(...)

München, Mittwoch, d. 5. Oktober 1910

(...) Mit Hardy war ich viel zusammen. Gestern las ich ihm einige Artikel von mir aus dem ›Sozialist‹, auch den Landauerschen ›Von der Ehe‹ vor. Er gab mir zu, daß so leicht kein anderes Blatt eine so ausgezeichnete Polemik enthalten könnte. Er will Abonnent werden. Dann schimpften wir gemeinsam auf die Niederträchtigkeit, daß ich bei meiner Begabung als Dichter und Essayist nicht die Möglichkeit habe, etwas an einer Stelle zu publizieren, wo es gelesen würde. Ich müßte mir schon geradezu einen andern Namen beilegen, aber das tue ich nicht. Ich werde die Bande schon zwingen, mich zu lesen und meinen Namen anzuerkennen, obwohl er eine Überzeugung bezeichnet. HadwigerVictor Hadwiger (1878-1911), frühexpressionistischer Prager Lyriker. sagte mir einmal vor Jahren schon: »Ein anständiger Mensch hat keine Gesinnung.« – Ich hielt das damals für einen Witz. Heut weiß ich, daß er in Deutschland allgemeine Geltung hat und daß man den, der unanständig genug ist, doch eine zu haben, mit dem Hungertode bestraft. (...)Die Tagebücher zwischen dem 6. Oktober 1910 und dem 6. Mai 1911 (drei Hefte) sind im Nachlaß nicht erhalten.

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