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TagebŁcher 1896-1906. AuszŁge

Oscar Adolf Hermann Schmitz: TagebŁcher 1896-1906. AuszŁge - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorOscar Adolf Hermann Schmitz
titleTagebŁcher 1896-1906. AuszŁge
publisherAufbau-Verlag
editorWolfgang Martynkewicz
year2006
isbn3351030975
correctorreuters@abc.de
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1906

 

Paris, den 21. Februar 1906.

Mein Konflikt mit Louisa ist folgender: Ihre Instinkte sind lebendig, soweit es sich um gemütliches handelt, dagegen künstlerisch, ästhetisch, geistig hat sie überhaupt keinen Instinkt, sondern nur schülerhaft guten Willen, der alles in Lektionen lernen möchte, und wenn er das eine begreift, das andere wieder vergißt. Daher sind alle ihre Äußerungen, die über das ganz gewöhnliche hinausgehen, so unnatürlich. Sie verliert sich dann in leeren Allgemeinheiten, wie in ihren Briefen, wenn sie anderes, als gemütvolles ausdrücken will. Sehr charakteristisch für sie ist dies: sie spielt ganz nett Klavier, aber sie ist nicht imstande, mit einigen improvisierten Akkorden ein Instrument zu prüfen, das hat sie nicht »gelernt«. Überhaupt Mangel an Ausdrucksfähigkeit. Das wird nun mir gegenüber besonders schlimm, da meine Art sie nicht ermutigt, sondern erst recht verwirrt. Sie kann in meiner Gegenwart nicht französisch sprechen, während es sonst vielleicht ganz gut geht. Sie fürchtet jedes spontane Heraustreten, ja sie gesteht, jede selbständige Liebkosung, da sie immer Angst hat, mein Formgefühl zu beleidigen, was ja allerdings oft genug geschieht. Sie fühlt sich nun einmal häßlich. Wie ausgezeichnet würde sie für einen Mann passen, der auch vorwiegend Gemütsmensch wäre, der alles Unvollkommene an ihr liebte. Ich dagegen bin eine Gleichung von Gemüt und ästhetischem Menschen. Reine Gemütsmenschen ohne Formgefühl stoßen mich ebenso sehr ab, als reine Ästheten ohne Gemüt. Trotzdem fühlt sich die Gemütsseite in mir so stark an Louisa gefesselt, daß ich nicht ohne Tränen an eine Trennung denke, und doch, muß sie nicht kommen? Neben mir wird Louisa sich stets erniedrigt fühlen, und da sie wahrhaftig besseres verdient, wird das Ressentimentgefühle wecken und, wie sie selbst oft sagt, ihren Charakter verschlechtern. Ich aber werde immer und immer wieder mich für andere Frauen erwärmen, und wenn das auch durchaus in platonischen Grenzen bleibt, es wird mich – gerade darum – verbittern und auf sie zurückwirken. Wir müssen uns beide gegenseitig unterschätzen. Ich halte sie oft für zu dürftig, sie hält mich für zu kalt und gemütlos, weil mir das Gefühl schlechthin nicht genügt. Da sie sich von Kindheit auf mit Kunst beschäftigt hat, aber in dieser mit dem Geschmack garnicht verwandten Art, die so oft in deutschen bürgerlichen Häusern besteht, hielt ich sie für ästhetisch entwickelbar. Aber warum bäumte sich ihr Instinkt nicht gegen mich auf, als ich ihre Ausdrucksformen schon während der Verlobungszeit gelegentlich kritisierte? Sie hätte sich das entweder nicht gefallen lassen dürfen oder mich verstehen müssen. Aber auch ich bin ja blind gewesen.

 

25. Februar.

Was in mir vielleicht wirklich wertvoll ist, meine grausame Aufrichtigkeit gegen mich selbst, scheint Louisa als Kälte, Härte, Zerstörungstrieb. Fuchs schien ihr stets als der Inbegriff des tiefen Gemütsmenschen mit vulkanischen Ausbrüchen. Er lebte in sehr behaglicher Familiengemeinschaft mit seiner Frau und seiner Stieftochter Louisa, von beiden verehrt. Ich hätte mir bei solchem Leben täglich gesagt: Genieße dieses Schöne, solange es da ist, aber vergiß nicht, daß Louisa einmal heiraten wird, daß es jeden Tag zu Ende sein kann. Aber der Gemütsmensch ist viel egoistischer. Fuchs nahm als selbstverständlich an, daß Louisa nur für ihn da sei und flehte sie an: Verlasse uns nicht. Ich hätte mich nie so tief in ein solches Gefühl verlieren können, und zwar aus Altruismus, denn niemals würde ich von einem Menschen verlangen, mir sein Glück zu opfern und mich deshalb nicht zu verlassen. Aber auch der vulkanische Ausbruch bei unserer Verlobung war nur sehr kurz bei Fuchs. Mit entsetzlich feierlichen und hohlen Worten gab er mir gleich darauf Louisa als ein Stück von sich selbst und schien sich dabei groß und märtyrerhaft. Worunter ich jetzt am meisten leide, ist mein wahnsinniges Mitleid für Louisa, aber weil ich dabei klar sehe, scheine ich kalt, intellektuell.

Louisa sagt, sie hätte sich unendlich über meine erste Liebeserklärung gewundert, über ihre Kühle. Ich sagte ihr nämlich eines Tages, nachdem wir nur miteinander gespielt, sehr ernst, daß ich sie liebe. Daß man so etwas sagen kann, mit einem Sessel zwischen beiden Personen stehend, begreift sie nicht. Aber ich werde es immer so machen, ich werde immer, wenn ich eine ernste Liebe fühle, mich aus der Distanz erklären, damit die Frau sicher ist, ich will in diesem Augenblick keinen Angriff auf sie machen. Anders bei einer leichtfertigen Liebe, da ist man stürmisch und will gleich besitzen. Louisa war jedenfalls theoretisch in das Fahrwasser der leichten Liebe geraten. Sie war bereit, evtl. auch ein ganz leichtsinniges Verhältnis mit mir einzugehen, und daß sie dazu fähig gewesen wäre, macht es mir unmöglich, mich jetzt ganz ernst zu attachieren. (Spätere Randbemerkung: Der Grund war vielmehr der, daß ihre Frivolität bei ihrer furchtbaren Schwerfälligkeit so unästhetisch wirkte und mich darum so abstieß.) Sie ist mir nicht Dame genug, nicht gehalten, nicht Lady genug, zu sehr Mädel. Und immer klarer wird mir, daß ich bei der Frau Haltung suche und mit meinen Instinkten nicht aus der Klasse herauskann, in der ich erzogen bin. Nur diese unsinnigen, modernen künstlerischen Boheme-Ideen, deren Opfer ich ja lange Zeit gewesen bin, haben in mir dies nie so recht zum Bewußtsein kommen lassen, als jetzt, wo ich mich Louisa gegenüber befinde. Wenn sie auch gewiß rein in ihren Empfindungen ist und vor allem treu, mir sind diese Empfindungen zu billig, zu leicht zu haben gewesen. Ich hätte sie gern errungen. Das hindert mich nicht, sie als Mensch zu ehren, zu rechtfertigen, ja, liebzuhaben, mich auch nach ihr zu sehnen. Aber ich begehre sie nicht als Weib, und unsere Instinkte treffen sich nicht. Sie ist natürlich nicht daran schuld, denn durch die höchst sonderbare Verwickeltheit meiner Natur und meiner Schicksale komme ich selbst erst jetzt dazu trotz aller Bewußtheit und Selbstbeobachtung meine Instinkte klar zu kristallisieren und selbst ihrer bewußt zu werden.

 

25. [?] Februar.

Was mich oft empört, ist, wie selbstverständlich es Louisa erscheint, wenn sich ein Mädchen ohne weiteres einem Manne in die Arme wirft aus dem einzigen Grunde, weil sie ihn zu lieben glaubt. Ich meine, bei einer Frau von Selbstgefühl müßte zunächst die Frage auftauchen: wie kann aber auch ein Mädchen sich gleich so wegwerfen? Dann erst müßte sie die Überlegung und Würdigung des speziellen Falles zu milderem Urteil stimmen. Louisa kennt von Hause aus keine Reserve, und das hat meine sexuellen Instinkte ihr gegenüber so schnell getötet. Der Mann geht in der Liebe expansiv aus sich heraus, und das ist auch meine Natur. Aber die Frau muß einen Damm um sich errichten. Wir streiten uns darüber oft anläßlich moderner literarischer Werke, z. B. ›Zapfenstreich‹, ›Jugend‹ und dergl. Durch ihre laxe Art werde ich dann zu Verdammungen und Härten getrieben, die garnicht in meiner Natur liegen, zu lieblosen, philiströs scheinenden Urteilen, die nur ihrer großen Bereitwilligkeit widersprechen sollen. Hier ist ein Punkt, wo mich das Zusammensein mit Louisa direkt schlecht beeinflußt. Sie provoziert mich zu Übertreibungen und Karikaturen meiner eigenen Ideen. Ich muß ewig zügeln, der ich viel lieber expansiv sein möchte.

 

4. März.

Unser Fehler war, daß wir von der Sinnlichkeit ausgingen. Da mußte Louisa freilich abfallen gegenüber dem, was ich vorher, z. B. mit K. B. erlebte. Erst langsam fanden wir dann den gemütlichen Zugang zueinander, seit Weihnachten: Das Sinnliche trat ganz zurück, war für mich sogar durch die Erinnerungen unseres ersten Verkehrs wie mit einem Fluch beladen. Obwohl ich mich nachher ganz zufrieden fühlte, konnte ich mich immer nur zögernd dazu entschließen, ihr körperlich beizuwohnen. Die Schuld an dieser Heirat liegt teils an mir, meine Instinkte waren vor einem Jahr durch Schwabing etwas verlottert. Es lag aber auch an Louisa. Insofern war Louisas Fehler schwerer, als solche Sachen bei Frauen schwerer sind. Der Mann mag verwildern, die Frau aber soll wissen, was sich ziemt, und ihn dann wieder zähmen. Infolge der Auffassung, die sie durch ihre Mutter kennengelernt, war ihre Sinnlichkeit nicht etwa zu stark, sondern nur zu entblößt, zu wach für ein junges Mädchen, das noch nichts eigentlich erlebt hat. Unbewußt konkurrierte sie mit Verhältnismädchen, und da mußte sie unterliegen, während sie unbedingt gesiegt hätte, wenn sie ihrer großen Eigenschaften bewußt, sich besser gehütet und gehalten hätte. Eine Frau soll nicht mit den früheren Geliebten des Mannes konkurrieren wollen, sondern ihn auf ganz andere Art reizen. Ihre Sinnlichkeit hat für mich etwas von abgestandenem Sekt.

 

9. März.

Louisas Mangel ist das Fehlen der Rasse. Nichts ist ausgesprochen überzeugend in ihr, dabei im einzelnen unendlich viel Gutes und Echtes. Schon ihrem Körper mangelt die Rasse. Es ist kein Mädchenkörper und doch auch kein Frauenkörper. Dabei hat sie noch so viel Kindisches in ihrer Art. Ob sich dies alles noch festigen und einen wird? Durch irgend ein geheimnisvolles, kaum merkliches ›Mehr‹ könnte alles plötzlich überzeugend und gut werden.

 

12. März.

Oft denke ich, wie heute Louisas Mutter schrieb: Warum können wir nicht unvernünftig glücklich sein ohne zu denken? Oft bin ich versucht, es wieder zu probieren, da ich Louisa doch lieb habe und uns so vieles gefühlsmäßig verbindet. Aber es geht nicht, sie ist geistig zu wenig, zu langweilig. Ich habe noch keine selbständige Äußerung von ihr gehört, immer nur das, was sie gelesen oder von mir vorher gehört hat, oder was ihr Fuchs oder andere suggeriert haben. Ich werde mich immer bei ihr langweilen und andere Gesellschaft suchen. Bei allen Menschen, die ich ins Haus bringe, fühlt sie sich unterlegen, besonders bei der reizenden Baronesse Possanner. Louisa leidet unter ihrer Inferiorität, und ich habe dann Mitleid mit ihr. Eine Kette von Qualen. Kaum sind wir in Gesellschaft, so wird sie furchtbar unnatürlich und sagt stets das Falsche. Sie kann in Kreisen, die mich interessieren, nicht aufkommen, und was in ihr gut ist, kommt erst recht nicht zum Ausdruck. Vielleicht gibt ihr selbständige Tätigkeit die Festigung, die alles das gut macht.

Oft nennt sie mich einen Verstandesmenschen. Aber sie ist selbst viel mehr Verstandesmensch, als ich. Sie will alles mit dem Verstand, wie ein Schulmädchen im Unterricht, erfassen und schreibt alle ihre Mängel ihrem Fehlen an Erziehung zu. So faßt sie es nie. Um Verstandesmensch zu sein, braucht man nämlich noch gar keinen besonders guten Verstand zu haben. Verstandesmensch heißt nur ein Mensch, bei dem der Verstand sich vordrängt. Über seine Qualität ist damit garnichts gesagt. Obwohl mein Verstand wahrscheinlich beträchtlicher ist, bin ich doch viel weniger Verstandesmensch, als sie, da ich ihn immer erst nachher in Aktion setze, im Augenblick aber unbefangen bin.

 

14. März.

Louisas Empfindlichkeit läßt sie zu Äußerungen der Kleinlichkeit kommen, sowie ein Jähzorniger Brutalitäten begehen kann, die eigentlich nicht in seiner Natur liegen. Denn Louisas Natur ist weder kleinlich, noch frauenzimmerlich, wenn ja wohl auch nicht hervorragend umfassend und weitsichtig.

Der Kampf zwischen Mann und Weib mit der Frage: Wer ist der Stärkere? hat sich zwischen uns garnicht vollzogen, sondern Louisa ging entweder immer gleich zu mir über oder setzte mir Widerstand entgegen durch Meinungen, die sie von anderen hatte. Ich will entweder überzeugen oder überzeugt werden, aber nicht überreden.

 

15. März.

So lieb ich Louisa als Mensch habe, so schwer mir jetzt der Abschied werden wird, so gewiß ich mich nach ihr kranksehnen werde, unser Verhältnis war nie eine Ehe. Ich habe nicht, wie ich anfangs glaubte, eine körperliche Abneigung gegen sie, im Gegenteil, ich berühre sie gern. Ich habe aber eine sexuelle Abneigung. Bei sexuellen Umarmungen habe ich stets mit ihr vor zu starken Intimitäten zurückgeschreckt. Auch möchte ich keine Kinder von ihr haben. Ich liebe ihr Blut, ihre Rasse nicht. Alles, was mit ihrer Familie zusammenhängt, ist mir verhaßt. Ich schreibe dies so schroff auf, damit ich es nie vergesse und nicht eher die Ehe mit ihr erneuere, bis diese Gefühle in das Gegenteil umschlagen, wenn so etwas möglich ist.

 

16. März.

Folgendes Mißverständnis typisch: infolge ihrer Empfindlichkeit glaubt Louisa sich oft beleidigt, darunter leidet sie bis zum Weinen. Tränen haben für mich etwas überzeugendes. Ich unternehme also, ihr Leiden wegzuschaffen, indem ich ihm den Grund nehme, d. h. ich suche ihr zu zeigen, daß sie gar nicht beleidigt worden ist. Zum Beispiel gestern besuchte mich Lampe und machte mir einige diskrete Mitteilungen im Flüsterton, während wir allein im Zimmer waren bei geschlossenen Türen. Louisa hörte im Nebenzimmer, daß geflüstert wurde, fühlte sich deshalb gekränkt. Vorwürfe, Tränen, nervöse Zustände usw. Wenn ich ihr nun zu erklären suche, daß darin zwar eine Beleidigung läge, wenn sie im Zimmer gewesen wäre, keineswegs aber, wenn es in einem anderen Zimmer geschah, so erklärt sie das für Rechthaberei, als wollte ich recht haben um meinetwillen und nicht, um sie von ihrer schmerzvollen Einbildung zu befreien. Dazu kommt wohl im Geheimen der Arger, daß die Nadelstiche ihrer Empfindlichkeit mich nicht zum Kampf reizen, sondern zu ruhiger Erklärung. Diese Ruhe aber demütigt sie. Sie nennt sie »beleidigende Großmut«. Ich fürchte, daß es gerade meine guten Eigenschaften sind, die Louisa mißversteht.

 

18. März.

Wenn bei unseren Gesprächen über Kunst und anderes, worin sie sich vervollkommnen möchte, Louisa einen Irrtum macht, nehme ich sie gewöhnlich beim Wort und führe sie langsam durch Schlußfolgerungen bis zu der Stelle, wo ihr Trugschluß liegt. Darüber ist sie empört. Sie empfindet es als Bosheit und Schikane, nennt mich sophistisch usw. (Argument der Schwäche) Ich glaube, daß es sich auch hier wieder nur darum handelt, daß gerade eine gute Eigenschaft in mir, Klarheit des Denkens und des Ausdrucks, von ihr als eine schlechte aufgefaßt wird. Das ist einfach hoffnungslos. Ist das nun bei Louisa Dummheit, Frauenzimmerlichkeit oder nur Verwirrtheit ihres augenblicklichen Entwickelungszustandes? Abwarten!

 

20. März.

Wie einen doch die Objektivität über einander wieder näher bringt und ein neues Band knüpft! Es ist wie eine Blinddarmentzündung. Man muß erst die Heilung abwarten und dann erst, wenn man gesund ist, wird man operiert. Die Stürme unserer Ehe sind vorbei. Wir leben jetzt sehr friedlich, fast liebend nebeneinander. Aber in 8 Tagen kommt die Trennung. Blieben wir nun doch zusammen, weil es jetzt so gut geht, so wäre in 8 Tagen die Entzündung wieder da. Ich fürchte aber doch manchmal, die Trennung wird entgiltig sein.

 

21. März.

Man kann einer Frau, von der man loskommen will, sagen: Ich bin hineingefallen mit Dir; wenn Du mich in Frieden läßt, zahle ich Dir zeitlebens eine Rente. Ich habe mit meiner ersten Frau ein anderes System vorgezogen und werde es mit Louisa ebenso machen, wenn es dazu kommen sollte. Was ich ihr geben konnte in dieser Ehe, gab ich ihr; sie war ein Wesen, das nicht wußte, wo ein noch aus, das in die Welt wollte, lernen wollte, sich finden wollte. Ich ging mit ihr ein Jahr nach Frankreich und Spanien, gab ihr Wissen, Klarheit, Lektüre, Kunst, wertvolle Menschen. Nun lasse ich sie erzogen und pekuniär gesichert, von Kopf bis zu Fuß hübsch ausgestattet an den Ort gehen, wo sie ihren längst geplanten aber schlecht vorbereiteten Beruf gründlich lernen kann, nach Berlin. Dann führe ich sie noch bis dahin, wo sie in selbständiger Stellung allein stehen kann. Das ist gewiß besser, als sie zu einem Leben des Müßiggangs mit einer sicheren Rente zu ermutigen und entspricht auch mehr meinen Verhältnissen. Daß ich ihr nicht die ersehnte Liebe schenken konnte, ist nicht meine Schuld; daß ich sie zu unzulänglich fand – freilich, auch ihre Schuld ist es nicht.

 

23. März.

Wenn Louisa oberflächliches Zeug redet oder über sexuelle Dinge in ihrer laxen Art spricht, müßte ich eigentlich »Dumme Gans« oder »Wie ekelhaft« sagen. Das würde sie weniger beleidigen, als wenn ich darüber nur gereizt bin und dann sage, ich wüßte, daß das nicht ihre eigene Natur ist, sondern die Beeinflussung durch ihr früheres Milieu. Ich sage: »Du bist doch gar nicht oberflächlich, du bist doch auch nicht ein Mensch von laxer Gefühlsweise, warum also solche Reden?« Das nimmt sie viel übler, weil es ein versteckter Vorwurf ihrer Unselbständigkeit und Beeinflußbarkeit ist. Ein Zornausbruch wäre ihr lieber. Diese Reden kommen immer wieder, und dann jedesmal dieselbe Gekränktheit, wenn ich das von ihrem eigenen Wesen trennen will. Das ist rätselhaft frauenzimmerlich.

Sie gehört zu den Menschen, die im Leben stets Publikum sind, nie aus eigener Persönlichkeit etwas sind oder überzeugen und dadurch eine Atmosphäre schaffen. Sie muß stets gehoben werden durch gute Kleidung, durch korrektes Benehmen. Darum gehe ich so ungern mit ihr auf schlechte Plätze im Theater, auf Demimondebälle, darum leide ich mit ihr unter unseren engen Verhältnissen, an die ich von Haus aus nicht gewöhnt bin, denn sie ist niemals sie selbst und kann niemals dem Ort selbst die Atmosphäre geben, sodaß dieser gleichgiltig wird, nimmt vielmehr immer die Farbe der Umgebung an. Sind die Baronessen P. dabei, so fasse ich unsere billigen Plätze im Theater mit Humor auf. Mit Louisa zusammen empfinde ich es als eine Verbannung in ein Milieu, wo ich nicht hingehöre. Und ich habe sie zu heiraten gewagt, weil ich glaubte, mit ihr sei enge Kleineleutehaftigkeit unmöglich, um sie sei immer Sonntag.

Louisa sagt, ich liebe zu wenig sie selbst, immer nur meine Frau in ihr, soweit sie dies sein kann, und wenn sie mir als meine Frau in irgend etwas unzulänglich erscheine, so vergesse ich die Liebe zu ihr. Sie hat gar nicht Unrecht. Was zwischen uns steht, ist doch in erster Linie die soziale Kultur, die zu verschieden ist. Ihr hat stets die soziale Grundlage gefehlt, die es auch dem nicht gerade hervorragenden Individuum leicht macht, sich zu einer gewissen Festigkeit zu entwickeln. Wie wichtig diese soziale Kultur ist, habe ich jetzt erst im Verkehr mit Louisa gemerkt. Früher war sie mir vollkommen selbstverständlich. Bei Nina dagegen konnte ich sie vergessen, weil ich durch meine Leidenschaft für sie für alles andere blind war.

Louisa ist für mich auch in vieler Hinsicht die Überwindung des Darmstädter Kunstkreises, speziell der Wolfskehlschen Ideenwelt. Ich kam als Suchender mit 20 Jahren etwa hinein, akzeptierte alles kritiklos und suchte alles mir Fremde durch mein Nichtverstehen zu rechtfertigen. Je mehr ich reifte, desto weniger konnte ich mich mit den Wolfskehlschen Ideen vertragen. Die Gespräche mit Louisa bilden nun die Schlußrechnung. Es war notwendig, daß ich eine Verkörperung dieser Darmstädter Ideen in meinem eigenen Hause als Frau hatte, um ihre ganze Haltlosigkeit und gelegentliche Verlogenheit zu erkennen und zu überwinden. Geblieben ist meine Verehrung für George, die anfangs aus meinem Instinkt kam, der ja auch richtig war. So wird Louisa für mich doch wohl nur eine Episode sein. Zwar bin ich neben ihr augenblicklich sehr produktiv, was ich kaum verstehen kann. (Spätere Randbemerkung: Was ich damals schrieb, die erste Bearbeitung von Montmartre, hat auch ganz und gar nichts getaugt.)

Es gibt wohl eine innere, nicht bewußte Verlogenheit der weiblichen Natur überhaupt, wofür natürlich Louisa als Individuum nicht verantwortlich zu machen ist. Der Verstand erkennt etwas, aber das Bedürfnis nach blauem Dunst, worin man seine eigene Schwäche vergessen kann, bleibt doch bestehen. Ich finde ein hierher passendes Wort bei La Rochefoucauld: Les personnes faibles ne peuvent être sincères.

 

15. Mai 1906.

Seit einigen Tagen lebe ich wieder. Die ersten wirklich warmen Tage, mattblauer Himmel der Isle de France, milchige Blumenkohlwolken, schwüle Gewitter und dann feuchter Frühling unter blühenden Kastanienbäumen. Gelber Sportanzug mit kurzen Hosen, der mich jung macht, wie ein Zauberkleid. Panama, neue hellgelbe, amerikanische Stiefel. Alles dieses äußerliche erfreut mich, ich fühle mich wie neugeboren. Morgens gegen 11 Uhr kommt Franzl herunter und liest mir, während ich meinen schwedischen Tee trinke, aus seinen Arbeiten und Tagebüchern vor. Ich erfahre, daß das gute Kätchen ihn mit mir und mich mit ihm betrogen hat, aber das beeinträchtigt nicht im geringsten meine Dankbarkeit und Erinnerungen an die schönen Tage, die ich dem süßen Geschöpf 1904 verdankte. Ich sauge das Leben ein, und ich glaube, ich strahle es aus, wie nicht mehr seit Schwabinger Frühjahren und Karnevalen. Dann lese ich Franzl vor, was ich tags vorher schrieb: »Bemerkungen zur französischen Kultur« (später: französ. Gesellschaftsprobleme). Das Buch macht mir Spaß und noch mehr die Korrekturen des »Gläsernen Gott«, sowie der Gedanke an den »sentimentalen Roman«, den ich schreiben will.

Ich werde die gespenstische Erinnerung an Louisa los, deren Briefe mich momentan ärgern und die ich gemäßigt beantworte, um ihr armes Selbstgefühl zu schonen. Ich kann ihr jetzt nicht antun, die Scheidung von ihr zu verlangen. Ich warte lieber, bis sie in ihrem Beruf etwas erreicht hat oder sie von mir verlangt. Wie wohl wird ihrem Selbstgefühl diese Selbständigkeitsgebärde tun, die ich ihr ja von Herzen gönne. Sie hat es gut gemeint, aber sie ist die Unzulänglichkeit selbst. Über Mittag Arbeit, nachmittags oft und jeden Abend mit Irene, der Herrscherin dieser Tage und noch hoffentlich recht vieler, vieler. Abends 10 Uhr am Marignytheater, wo ich sie abhole. Frühlingsnächte in den Champs-Elysées. Kastanienbäume, schwer von weißen Blüten, Mondschein, Bogenlampen, Balkons voll eleganter Leute, tolle Frauenhüte, bunte Girandolen um Restaurants und Theater. Weicher, feuchter Sandboden, geräuschlose Equipagen. Zwischen dunklen Büschen huschen die Kokotten in weißen fliegenden Abendmänteln. Auf der Hauptallee schnaufen Autos, Mondschein, schlankes Gezweig, bunte Lampen, wie ein japanisches Nachtfest. Und das jeden Abend. Anfangs abends mit Lampe auf Liddy und Irene wartend, Lampe ist nun fort. Ich bin meist mit Irene allein unter den Bäumen, später vor einem nahen Caféhaus. Einmal mit Roche, Liddy und Irene im »Rabelais«. Dort Cancanmädchen mit rasend sinnlicher Lust an sich selbst, schlagen sich auf Brüste und Beine. In den Champs-Elysées will eine elegant verschnürte Vettel allabendlich eine zwölfjährige Blondine mit kurzen Wadenstrümpfchen verkaufen. L. war einmal mit oben, sah den rührenden kleinen Leib mit den künstlich entwickelten Brüsten, zahlte und ging.

Irene ist ein kleines vollkommenes Ding. Das Bischen, was sie ist, ist sie ganz, verteidigt sich gut, keine Literatur, eine ganze Sicherheit, während Louisa tausend Möglichkeiten bot und nichts sicher. O keine Literatur, sie wird keine Zeile meiner Bücher je verstehen und wird das ruhig zugeben. Louisa weiß nie, was sie versteht und meint, sie versteht alles, weil sie nicht weiß, was Verstehen überhaupt ist. Irene auch körperlich vollkommen. Louisa vielleicht auch körperlich größer angelegt, aber im einzelnen so verdorben. Ich ziehe die kleine Vollkommenheit der großen Unzulänglichkeit vor. Was nützt der gute Wille der anderen, wenn man selbst die Augen des Reifen besitzt! Auch Irene war ja anfangs von mir befremdet, ein bischen Angst, ich sei oft so finster, fremd, so steif. Das will sie erst begreifen, ehe sie sich mir ganz gibt. Louisa gab sich, ohne zu begreifen. Deshalb hatte ich nie rechten Respekt vor ihr. Irene zwingt mich, vorher mich ihr verständlich zu machen. So muß ich sie anerkennen. Oft kleine bewußte Winkelzüge, die mich entzücken. Sie verteidigt sich. Louisa konnte nie nein sagen. Was ist dann ihr »Ja« wert? Sonntags mit Franzi um halb fünf am Marigny. Irene, Liddy und Berta. Irene schmollt im Metro, weil es sie nervös macht, Bois de Boulogne, sonntägliches Gewühl. Franzi erzählt niedliche Geschichten. Berta dankbar, Liddy denkt: »Ist mir doch wurscht.« Die richtige Berlinerin aus Berlin O. Ich mit Irene in steter Spannung der letzten Tage vor der Entscheidung. Im Café de la Cascade Dr. Stern, kommt vom Rennen. Liddy kann nicht mehr gehen. Sie gehört im Grund ins Bordell, nicht in die Natur: auf dem Polster liegen, »futtern«, »pennen«, das sind ihre Freuden, wie sie sie nennt. Sie läßt sich lieben, weil ja alles egal ist. Aber sie ist schön, blond und jung. Wir dinieren in Suresnes im Garten an der Seine. Liddy »frißt«, Stern erzählt Münchener Geschichten. Heimfahrt auf dem Dampfer. Stern knutscht Liddy und bildet sich ein, es macht ihr Spaß. Franzl erzählt Berta drollige Geschichten. Sie ist ein Herz von Gold, sieht aber aus, wie ein Dienstmädchen. In der Dämmerung läßt mir Irene ihre schöne Hand. Wir singen leise Schnadahüpfln und italienische Lieder. Dann Dauerlauf vom Landeplatz zum Marigny. Stern will noch einmal zu Nacht essen. Franzl und ich solange unter den Bäumen. Die braune garstige Berta rührt ihn. Er erkennt Irene gut: fein, zart, lieblich. Ich nenne sie eine verkappte Prinzessin. Er betont ihre Bewußtheit der Verteidigung, die ihn gegenüber der Haltungslosigkeit der Schwabingerinnen erstaunt, die er aber würdigt. Wir treffen Stern in einen großen weißen Käse versenkt. Er meint, Irene sei materiell berechnend, Franzl und ich protestieren. Berechnend ja als Verteidigerin ihrer Natur, die sich nicht wegwerfen will. Aber allen Geldfragen ist sie bisher ausgewichen. Um 10 Uhr am Marigny. Hessel, ich, Irene und Berta im Cafe. Irene sieht, daß ich nicht allein so bin, daß es auch mehr so bizarre Leute gibt, denn Hessel geht mit Paradoxen ziemlich ins Zeug. Heimweg mit Franzi. Wir sprechen über Stern. Er kann nicht ganz mit. Liddy wütend auf Stern, weil er so frech sei, will ihn nicht wiedersehen.

Gestern Bummeltag. Ich hole Irene um 2 Uhr ab. Liddy und Grete ineinander verkrochen auf dem Divan. Berta steht häßlich herum. Liddy heult um Lampe und lacht dann über sich selbst. Irene und ich auf dem Schiff nach St. Cloud. Schokolade im Pavillon bleu. Im Park beginnt es zu regnen. Mein Plan, mich, auf dem Rasen neben ihr liegend, deutlicher zu erklären, gestört. Wir gehen in feuchten Alleen: Goldregen, lila Blumen, kleine Schnecken, verschwommene Blicke auf Paris und sonnengestreifte Baumgänge. Daß ich sie lieb habe, rief ich ihr neulich im »Rabelais« beim Champagner ins Ohr. Nun fragte ich sie, während wir einen Hügelhang hinunter gingen, ob sie mich auch ein bischen lieb haben könnte, und ich hörte ein lautes vernehmliches Ja, dessen Sicherheit mich etwas frappierte. Küsse. Jemand kommt hinter uns. Sie hätte mich sogar sehr lieb, könnte garnichts anderes mehr denken, habe sich dagegen gewehrt usw. Sie sagte das alles so ruhig, wie eine Tatsache, über die sie sich klar ist, die sie eine Zeitlang verschweigen mußte, und nun, wenn sie sie sagen will, auch laut sagen kann. Rückfahrt oben auf der Tram. Ich möchte Dich jetzt küssen, sagte sie auf einmal und faßte manchmal schnell mein Kinn. Nie hatte Louisa diese Unbefangenheit. Sie fürchtete immer, unschön zu wirken, und es wäre auch bei ihr unschön gewesen. Meine Augen sehen zu scharf für die arme Louisa. Aber je schärfer sie bei Irene sehen, desto mehr schönes entdecken sie dort. Unterwegs verbietet mir ein Betrunkener, deutsch zu sprechen. Ich fertige ihn ab, die ganze Gesellschaft auf meiner Seite, der ich Komplimente über die »hospitalité de la France« mache, die ich genug kennte, um zu wissen, daß dieses Individuum eine Ausnahme ist. Er krakehlt mit anderen weiter. Heißhunger. Wir essen nahe bei der Jeanne d'Arc. Irene ins Marigny. Ich nach Hause, ziehe mich um für ein Nachtrestaurant, von dem aus ich hoffe, Irene zu mir zu bekommen. Im Hause Brief von Roché, der Liddy »succulente« findet, sie wiedersehen will und mir zu Irene, als »femme supérieure« gratuliert. Dann Marigny. Ich gehe mit den 4 Mädels heim. Während sich Irene im Nebenzimmer anzieht, rauchen wir. Grete, rührend, sehnsüchtig, erzählt von Peter Altenberg; die anderen mögen sie nicht, sie sei falsch und schmeichlerisch. Ich glaube es nicht. Auch ihre Schrift ist einfach, klar, aufrecht. Liddy »säuft aus der Milchpulle«, wie sie sagt. Sie konsumiert jeden Tag 2 Liter. »Is mir doch wurscht«, ist der Refrain ihrer Konversation. »Ick hab noch nie jemand geliebt«, sagt sie. »Als meene Mutter starb, hab ick jeheult, aber jetzt merke ick schon jarnischt mehr davon. Meene Mutter, die war ooch für die Ruhe, sie saß am liebsten zu Hause und trank Kaffe. Ick bin nich für det viele Erzählen, deshalb haben Walter und ick so gut zusammen gepaßt.« Die Ahnungslose. Dagegen interessieren mich Gretes sehnsüchtige Augen und ihre weichen Lippen. Ich muß mich hüten, Irene nicht eifersüchtig zu machen. Ich fahre mit Irene durch heftigen Wind nach Montmartre. Wir sind sehr müde. Sie will nicht mit zu mir kommen. Sehr kategorisch. Aber ich merke die Ursache. Sie ist unwohl. Wir sitzen ziemlich still in einem Café, verschieben das Nachtbummeln auf ein anderes Mal. Heimfahrt im geschlossenen Fiaker. Einige Küsse. Ich überzeuge mich von der Vollendung ihrer Formen und küsse immer wieder den kleinen Einschnitt über dem Mund. Beim Abschied faßte sie mir ans Kinn und sagte: »Du Lieber Du.« Ihre Liebkosungen, sonst eine sehr gefährliche Klippe für meine Gefühle – Louisa weiß davon – entzücken mich. Heute wieder kühler bedeckter Himmel.

 

18. Mai.

Gestern Abend bei Irene. Einen Moment mit ihr im Café. Dann kam sie mit zu mir, sicher und natürlich, wie immer. Etwas verschämt, aber kein Getu und kein Gezier. Während des Entkleidens muß ich mich umdrehen. Aber dann springt sie ganz tapfer von selbst ins Bett. Ihr Körper vollendet, »une fausse maigre«. Entzückender Duft ihrer Haut. Ihre Extase echt. Sie wirkte ganz unverdorben, doch ihre Sinne sind wach. Sie gesteht mir, daß ihre frühere Liebe, ein Leutnant in Ansbach, wo sie an der Bühne war, ganz verblasse. Noch nie habe ihr jemand so sehr die Sinne verwirrt. Meine große Zurückhaltung sei ihr sehr aufgefallen, umsomehr habe sie dann meine Stürmischkeit erschreckt, als ich mir endlich Freiheiten erlaubte. Ihre Geständnisse und Liebkosungen wirken so natürlich. Um 5 Uhr früh will sie nach Hause. Ich bin einverstanden, kann so noch auf einige Stunden Schlaf rechnen und verliere meinen Vormittag nicht, der mir doch so kostbar ist. Draußen blauer Morgenhimmel, die Straßen noch öde. Alle Droschken von heimkehrenden kleinen Damen besetzt mit bunten Hüten und welken Blumen vom Vorabend. Irene traurig, sie schämt sich. Ich setze sie in einen Fiaker und gehe heim. Ich muß bei diesem sonnigen Frühmorgengang an jene Heimfahrt von einem Frühlingsfest im Jahre 1904 denken. Lampe, Dr. Müller mit Braut, Kätchen und ich auf einem Bauernkarren in München einfahrend. Warme Semmeln beim Bäcker. Ich bin heute verliebter in Irene als je. Sie versucht mich nicht, Sachen von ihr zu verlangen, die sie doch nicht geben könnte, wie die Schwabingerinnen. Aber was sie gibt, ist vollendet. Das Weibliche in ihr sitzt am rechten Fleck.

 

19. Mai.

Gestern Abend war Irene nicht ganz wohl. Nach dem Theater bei ihr, wir essen Orangen. Im Zimmer ist sie am reizvollsten. Von ihrer ersten Liebe, dem Leutnant, hat sie vieles angenommen, aber es ist ihr Fleisch und Blut geworden. Nie hört man aus ihr den »Herrn Leutnant« reden, so wie aus Louisa den Georg Fuchs oder den Franz Lambert. Sie ist immer sie und wird auch durch mich nie literarisch werden. In der Sinnlichkeit ist ihr noch alles neu, z. B. daß ich in ihren Duft verliebt bin und ihr Taschentuch tagsüber bei mir trage. Ich erzähle ihr von den indischen Liebespaaren, die morgens, ehe sie sich bis zum Abend trennen, ihre Hemden tauschen. Das entzückt sie. Du hältst mich wohl für ein bischen verrückt, frage ich sie, – »nein, nur für verliebt«, ist ihre Antwort. Zum ersten Mal, daß ich in meinem Leben das Weib, das ich liebe, nicht erdrücke. Ihre Weiblichkeit kann neben mir bestehen, zur Geltung kommen, ja, in gewissem Sinn herrschen, denn ihre Weiblichkeit ist vollendet und pfuscht nicht in meine Gebiete des Geistigen. Wie grundunecht war doch Louisa. Bei allzugeistigen Frauen sollte man immer mißtrauisch fragen: wo ist der Knick in ihrer Seele, das muß doch einen Grund haben, daß sie durch Geistigkeit anziehen wollen. Für welches Fehlen ist dies das Surrogat? –

 

Abends 6 Uhr.

Roché und Hessel sind bei mir und ziehen sich um für den Bal des 4 z'arts. Ich war eben bei Irene. Sie ist besser, sie lag auf dem Sofa. Ich las ihr ein bischen aus dem Père Goriot vor. Liddy und Grete erwarteten ungeduldig 2 Schweden, die sich ernstlich für sie interessieren. Endlich fuhren sie vor. Liddy springt herum wie ein junges Kalb. Ich sehe vom Fenster aus die 2 Schweden: einen kleinen Dickbauch im Zylinder und einen gesunden und blonden Recken. Nach einer halben Stunde kommen beide Mädchen vom Regen durchnäßt zurück. Sie sprechen etwas geringschätzig von ihren Liebhabern. Dann sagen sie zu Irene: »Warum schaust du uns so verächtlich an.« Sie haben großen Respekt vor ihr und darum auch vor dem, den sie, die stets Zurückhaltende, nun liebt. Ich höre auf, die »Wurzen« zu sein und sehe einmal solche Geschichten hinter den Coulissen.

 

20. Mai.

Diese Nacht war der Bal des 4 z'arts. (Später: Ich habe ihn genau in meinem Buch beschrieben.) Stern war in großer Angst, man würde doch bei dem allgemeinen Humor sein Selbstgefühl verletzen. Hessel hatte Angst, man würde ihn auf dem Balle entkleiden. Aber in Wirklichkeit waren dort nur die Damen nackt. Die Männer waren mit Ausnahme einiger widerlicher Kerle kostümiert. Wir kamen erst am anderen Morgen zurück. Zuletzt erschien Stern im weißen Turban und Überzieher: der Bankrott der Philosophie. Roché kam mit zu mir herauf, zog sich bei mir um. Um 7 Uhr lag ich im Bett. Ich habe nie etwas so farbiges gesehen, der coup d'œil ist unübertroffen und dispensiert von allen künftigen Prozessionen, Aufzügen, Schauspielen, wenn man nur das gesehen hat.

 

Abends 8 Uhr.

Im Café bei den »Champs-Elysées«, während Irene im Theater ist. Eben mit Irene auf den Capucines gespeist. Sie beglückt mich immer mehr. Gestern war sie etwas verstimmt gewesen, dazu kam meine Absage für den Abend. Natürlich sagte ich ihr nicht, wo ich die Nacht verbracht habe. Ich gab ein Abschiedsessen von Freunden an. Ob sie den folgenden Tag mit mir essen wolle? Antwort: »Wenn dir deine Freunde Zeit lassen.« Ich sehr ruhig: »So etwas darfst du nicht sagen.« Heute sagte sie mir, der Ton, in dem ich das sagte, sei so gewesen, daß sie mir nicht böse sein konnte. Alle Mißlaune war fort. Und dabei behauptete Louisa stets, mein schrecklicher Ton mache das Auskommen mit mir so schwer. Eben, weil mich ihre empfindliche Frauenzimmerart zum Widerspruch und dadurch zur Schroffheit reizte. Wieviel klüger und sicherer ist doch diese viel weniger gebildete Irene.

 

21. Mai.

Die Nacht Irene bei mir. Der gemütliche und der ästhetische Reiz, der von ihr ausgeht, in steter Harmonie, keine Schwüle. Wenn alle Funktionen der Seele und des Leibes sich glatt vollziehen, so nennt man das Glück. Das Leben der 4 Mädchen gräßlich, ungefällig. Besonders Berta, die nichts besorgen will. »Bin ich euer Dienstmädchen?« fragt sie. Allerdings sieht sie so aus, und darum hat sie besondere Angst, es zu scheinen. Die anderen brauchen diese Angst nicht zu haben und sind darum gefälliger. Grete hingegen wird verkannt. Ich finde sie rührend. Gestern hat sie stillschweigend Irenes Trikot gestopft, während diese mit mir soupierte. Liddy und Grete prostituieren sich einfach, aber Grete leidet darunter. Sie hat eine Sehnsucht nach etwas anderem. Traurige Augen, sehnsüchtige Lippen.

 

Abends 8 Uhr im Café Marigny:.

Irene ist jetzt im Theater. Heute begannen die Gehässigkeiten. Ich ärgere mich schon lange über die Taktlosigkeiten und Respektlosigkeiten vor dem Menschlichen bei diesen Mädels untereinander, worunter besonders Irene leidet, vielleicht auch Grete. Berta gehört zu den Leuten, die stets sagen: »ich gehe jetzt«, und dann noch eine Stunde sitzen bleiben. Sie kommt, ohne anzuklopfen in Irenes Zimmer, wenn ich dabei bin. Aber sie versteht meine Blicke und bleibt »nun gerade«. Gestern machte ich zu ihr eine Bemerkung, daß man Irene stets ihren Schlaf nehme, weil alle 3 immer bei ihr sitzen. Sie hat das nun weiter geklatscht. Heute große Szenen darüber, von denen mir Irene nichts recht Greifbares erzählt. Am ersten wird Irene allein wohnen. Berta, ein böser, kleiner Ressentimentmensch, den alles Schöne nur an die eigene Häßlichkeit erinnert.

 

22. Mai.

Nun beginnen die Gehässigkeiten der 3 gegen mich. Mir liegt nur daran, Grete zu versöhnen, der ich sage, daß ich nicht das mindeste gegen sie habe, mich nur über Bertas Aufdringlichkeit ärgere. Dann mit Irene im Regen zu mir gefahren. Sie hat sich meine Goyaradierungen angesehen. Beim Abschied war Irene sehr müde. Ich wünschte ihr den Zauberring, den man dreimal am Finger drehen muß, um hinzufliegen, wohin man will, damit sie in ihr Bett fliegen könne. »Ach, auch noch dreimal«, sagte sie enttäuscht und schläfrig, »nur einmal.«

Brief von Louisa. Sie spricht von Scheidung. Das kommt mir gelegen, denn ich will ihr das nicht antun. Ich wünsche aber, daß sie mir es antut. Meine Anschauungen (solange unsere Verhältnisse es nicht erlauben, Kinder zu wollen) machten die Ehe unhaltbar, schreibt sie. Wie egoistisch ist doch das Weib durch sein Geschlecht. Übrigens finde ich das entschuldbar. Ich habe sie aus Armut in Wohlstand versetzt, habe ihr halb Europa gezeigt, ihre verwahrloste Bildung geordnet, ihre ganze gesellschaftliche Erziehung gemacht, und nun soll ich noch, weil ihre Natur Kinder verlangt, in eine enge Mittelstandsexistenz einwilligen, mein Vermögen aufbrauchen, überhaupt mein ganzes Künstlertum, das sozialer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit bedarf, auf das Spiel setzen. Dabei gebe ich ihr noch die Möglichkeit, ihren längst geplanten, aus mangelnden Mitteln vernachlässigten Beruf endlich gründlich vorzubereiten. Alles dies geschieht mir, weil ich ein armes Mädchen heiratete, der ich gleich bei der Verlobung sagte, daß zwar für die Ehe, nicht aber für Kinder vorläufig die Mittel reichen, und daß wir damit warten müßten, bis ich einmal einen großen Erfolg hätte. Ihr Egoismus aber will das heute nicht mehr sehen, während sie es damals vollkommen begriff. Ich nehme es ihr nicht übel, dann soll sie mich verlassen und mich nicht damit quälen. Verstehen kann ich sie sehr gut, aber das ist kein Grund, warum nun ich darunter zu leiden haben soll.

 

Abends:.

Heute mit Irene beim Zahnarzt. 10 Zähne sind zu machen. Anfangs hatte sie furchtbare Angst. Als ich ihr die Gefahr des Häßlichwerdens schilderte, bekam sie plötzlich Mut, der nach einmaligem Entschluß nun auch anhält. Sie ist nicht eine Spur hysterisch.

 

22. [?] Mai.

Louisa hat mich nicht geliebt, sie war als Provinzialin nur durch mich verblüfft. Sie wollte durch mich die Liebe »kennen lernen«. Daß sie mich liebte, das würde ich schon machen, dachte sie. Sie hat es selbst gestanden. Also ist sie rein verstandesmäßig vorgegangen, während sie mich doch immer den Verstandesmenschen nennt. Diese Instinkte müssen bei der Frau festsitzen, sonst wird sie widerlich, ein Literatur- oder Malweib, Verstandesmensch mit schlechtem Verstand.

 

23. Mai.

Heute Abendessen mit Stern und Franzl im Coucou. Kleiner dämmeriger, einsamer Platz hoch auf dem Montmartre. Wir sitzen im Freien, vor uns werden Pferde angeschirrt. Italienische Küche und der schwarze Barbera machen uns lustig. Wir erzählen »storie grasse« und freuen uns wie drei Klosterbrüder darüber. Von Stern entfremde ich mich und Hessel trete ich immer näher. Auch er ist los von München. Ich fürchte fast Dülbergs Kommen. Ich lese Nerval, Femmes du Caire; möchte einmal wieder hinaus aus europäischer Kultur, Komfort, Sentimentalität und Familienbehagen. Franzl und ich machen Pläne für Biskra, vielleicht schon im Winter, träumen von afrikanischen Dächern und Nomadenunabhängigkeit. Es ist Irene, der ich alle diese Frische und Lebensfrohheit verdanke. Aber meine Pläne und meine Lebendigkeit gehen schon wieder über Irene hinaus.

 

24. Mai.

Gestern Nachmittag mit Irene in einer Ausstellung von Vuillard. Niemand malt so gut Zimmerluft. Es war ihr alles fremd, wenig Verständnis. Sie hat den Mut, es zu sagen und macht kein »Geschnas«.

Gestern Nacht kam Liddy, wie oft, betrunken heim und schwatzte Irene aus dem Schlaf. Sie war mit einem Franzosen zusammen, den sie nicht verstand. Er mußte ihr das Rendezvous aufschreiben. Dieses Wesen ist die Fleisch gewordene Direktionslosigkeit und Anarchie, aber ganz unbewußt.

O, wenn ich erst mit dem Franzl auf den Dächern von Cairo oder Damaskus sitze!

Himmelfahrt: Ich las Aurélie von Nerval. Das erste mystische Buch, das mich wirklich packt, meine Mystik, Fortunio, Zweiheit. Wieder habe ich eine Periode abgeschlossen und will nun Schalen aufstellen, in die das Neue tropft, ganz leidend, für Fortunio. Der Orient wird wohl die letzten Schlüssel geben. Ich muß erst durch diese Welt ganz durch. Ich höre das Leben brausen, so schnell geht es jetzt weiter, um mich und in mir. Alles Symbol, auch Irene. Die dunklen Gründe für einige Zeit hinter mir, so wie sie im Lothar dargestellt sind. Ich will nur Schönheit, Vollkommenheit, nichts Zweideutiges, Verstohlenes. Mir fällt ein, wie unbewußt meine Dunkelheitserlebnisse mit dem Dämon doch stets sind, so bewußt ich sie später umgrenze. Treffe ich Typen, die mich dort berauschen würden, im gewöhnlichen Leben auf der Straße, als Dienende etc., so denke ich nicht einen Augenblick daran. Und erinnert mich mein Verstand daran, die Sinne würden schweigen. Ich fühle wieder mehr als je das Rätselhafte meiner Natur, das ich Schritt für Schritt zu entdecken habe. Ich bin auf dem Weg, und eben geht es schnell. Ich fühle mich jünger als je und vertraue meinem Schicksal.

 

25. Mai.

Wenn man einmal einer Frau gegenüber gefühlt hat: Dumme Gans, dann ist eigentlich alles aus. Bei Louisa habe ich es bisweilen gefühlt. Bei Irene könnte ich höchstens fühlen: »Dummes Mädel«, und das macht nichts.

Heute mit Irene ein wahrer Unglückstag. Alles was wir sprachen, nahm eine unangenehme Wendung. Sie weinte schließlich, sie verstünde mich doch nicht, ich hätte sie nicht lieb usw. Dann zärtliche Versöhnung. Ein süßes Ding. Aber ist dies der Anfang vom Ende? –

 

Sonntag, den 27. Mai.

Gestern mit Stern, Dr. Oberwarth, Hessel, Irene im Moulin de la Galette. Sie, ein bischen berlinisch, findet: »Schön ist anders.« Dann in der »Abbaye de Thélème«. Viel Champagner, spanische Tänze, ein betrunkener alter Herr, wie ein deutscher Oberst aussehend, mit einem Stich in das Falstaffische, ein Kerl, an dem man seine Freude haben kann, von sich nicht gegenseitig befehdenden Instinkten, der gewiß sein ganzes Leben auslebt. Irene stillverwundert über alles dies und sehr lieb. Blaue Morgendämmerung auf der Place Pigalle, wie ich sie oft vor 9 Jahren sah. Zuhause drei Briefe. Erstens meine ganze Börsen-Couverture, mit der ich hier an der Börse spekuliert habe, gezwungen durch die Enge, in welche mich das Leben mit Louisa brachte, verloren, zweitens Louisa verlangt Scheidung, drittens gleichzeitig Brief ihres Anwalts. Sehr sonderbar, daß sie gleich den Anwalt hineinzieht, das ist ein Grenzmoment. Wenns gut geht, wird nun bald wieder alles klar.

Bei einigen stilistisch etwas preziösen Stellen meines Balsoramen grinst der Franzi und ruft: »Alter Gauner«.

 

28. Mai.

Im Café de la Régence beim Apéritif: Gestern Abend kamen Tilly und Ludwig an. Sie ist sehr hübsch, sehr klug, sehr lieb. Wir speisten in der Brasserie Universelle. Die Familienwärme tat mir wohl. Dann eine Stunde bei Irene, in einem weißen Spitzenpeignoir, ganz aus Spitzen. Sie war entzückend, noch ganz hingerissen von der letzten Nacht in der Abbaye. Aber man muß sie in ihrem Interieur gesehen haben. Sie ist mir doch viel in dem Nomadentum meines jetzigen Daseins mit seinen Ungewißheiten. Heute allgemeine körperliche Verstimmung. Warum? Schwüle Frühjahrswärme.

Ich las auf Sterns Rat Lipps, Ethische Grundfragen. Einige uns längst in Fleisch und Blut übergegangene moderne Erkenntnisse wieder entfleischt und entblutet, von einem Philister in einen abstrakten Philosophenstil geklemmt.

Irene heute wieder reizend.

 

29. Mai.

Fast möchte ich glauben: das Moralischste ist stets das, was einem am meisten Vergnügen macht, falls man ein gut organisierter Mensch ist. Falls man es nicht ist, hilft auch die Moral nicht viel. Daß ich die Liaison mit Irene habe, ist ein Ehebruch, der mich aber dem ganzen Leben gegenüber so gutartig, »bon enfant« macht, daß es nicht nur alle spüren, die mir nahen, auch das Buch, das ich gerade schreibe, wird milder, sonniger, versöhnlicher. Ich komme um die Klippe herum, bei der Kritik deutscher Zustände ungerecht bitter zu werden.

Mit Tilly, Ludwig und Franzi ein Abendessen im italienischen Restaurant oben auf dem Montmartre. Dann im »Carillon« und bei Maxim. Wenn ich Tilly am Arme habe, ist sie kaum wie meine Schwester, sondern wie eine fremde schöne Frau. Sie konstatiert die Rassenähnlichkeit von uns 4 Geschwistern. Derselbe Geschmack, besonders in der Pflege des Körpers. Ich füge hinzu: Ressentimentlosigkeit, Streben nach Klarheit ohne Nüchternheit, Selbstgefühl ohne eigentliche Eitelkeit, ästhetisches Gefühl, sich keinen blauen Dunst vormachen lassen, Bewußtheit.

 

30. Mai.

Die Bedrückung über Irene und mir wird immer fühlbarer. Sie ist chronisch krank und pflegt sich nicht, Darmkatarrh. Ich kann das nicht mit ansehen. Was ich ihr sage, tut sie wohl, aber hat gar keine Initiative. Das drückt mich nieder, zu sehen, wie sie sich zu Grunde richtet.

 

1. Juni.

Endlich wohnt Irene allein, ebenso Grete, die jetzt einen silberhaarigen Brasilianer hat, den sie Liddy ausgespannt hat. Liddy, das Kalb, wohnt bei Berta, der Ziege, die Hure teilt das Bett der Jungfrau, die Hure aus Dummheit und die Jungfrau aus Dummheit. Zwei widerliche Verkörperungen von Klein-Berlin. Nihilismus. Für Liddy ist doch alles »Quatsch« und deshalb gibt sie sich jedem. Übrigens nicht aus Verzweiflung oder Enttäuschung. Auch Berta ist alles »wurscht«, und darum hat sie keinen Liebhaber. Berta, etwas klüger, aber voll Neid und Ressentiment. Liddy ressentimentlos, aber ohne Verstand, ohne Seele, ohne Nerven, ohne Instinkte. Sie watschelt wie eine Ente. Ein starker Körper auf schwachen Füßen. Berta läuft kerzengrade wie eine aufgezogene Gliederpuppe, blickt nicht rechts und nicht links. »Es geschieht euch ganz recht, wenn ich keinen Schatz habe«, denkt sie offenbar. Eine gewisse klein-berlinische Phantasielosigkeit stört mich wohl auch an Irene. Gestern auf dem Blumenkorso. Ich machte Betrachtungen über den Reichtum des Landes. »Welche Bedürfnisse müssen erst befriedigt sein, was muß schon alles da sein, daß man einen solchen Blumenwagen bezahlen kann!« sagte ich. »Wird schon da sein«, erwiderte sie. »Warum regst Du Dich über so etwas auf?« Wenn ich mich für etwas interessiere, sagt sie: »Du mußt aber auch wirklich alles wissen.« Wenn ich etwas tadele, erwiderte sie: »Wenn Du es gemacht hättest, wäre es gewiß besser.« Oder: »Man hat erst gewartet, bis Du kommst.« Franzi stellt fest, daß deutsche Mädchen von unregelmäßigem Leben stets etwas besseres sein wollen. Die ganze Gipsgruppe, so nennen wir die 4 Mädels wegen ihrer Vorführungen im Marigny-Theater, ist eigentlich keine Gipsgruppe. Jede meint, daß sie eigentlich nicht dazu gehöre.

 

3. Juni.

Der Verkehr zwischen Irene und mir wird lahmer. O diese deutsche Passivität, die dabei doch stark sinnlich ist. Das ist mir alles viel zu brav und ängstlich. Immerhin nicht das Gräßliche, unbewußt Schamlose, wie bei Louisa. Nur eben doch etwas zu harmlos. Liegt das nur an ihrer Unerfahrenheit, muß sie erst das Liebkosen lernen? Jedenfalls tut sie nichts Häßliches, was mich stört, wie Louisa. Aber es ist mir alles zu bleich. Franzl sagt, sie haben eben einen polygamen P... Der Leutnant muß ja ein unsäglich primitiver Mensch gewesen sein. Seelisch ist ihm jedenfalls die Defloration nicht gelungen.

Ich warte nun schon 8 Tage mit viel Unruhe auf Louisas Brief, um ihr Verhalten in der Scheidung zu erfahren. Ich traue ihr nicht zu, daß sie gemeine Ausbeutung versuchen wird, aber ich hätte doch gern Klarheit.

 

4. Juni.

Wie traurig sind nun meine Diners mit Irene. Sie darf ihres Darmkatarrhs wegen fast nichts essen und ißt natürlich nur das ihr Ungesunde gern. Nach Tisch muß sie immer gleich ins Theater, und wir haben uns nichts mehr zu sagen. Gestern kam es zu einer Aussprache, in der nichts Wesentliches gesagt wurde, die aber dennoch meine Zärtlichkeit wieder steigerte. Sie leidet unter meiner Korrespondenz mit Louisa, deren Inhalt sie nicht kennt. Hätte ich jetzt nicht Mitleid mit ihr, ich glaube, ich würde mich frei machen. So erwarte ich die Lösung von den Verhältnissen.

Ich fühle den Grund meines Lebens so unglücklich, daß ich in tiefe Melancholie verfiele, wenn nicht das dichte Netz meiner zufällig sehr ausgefüllten bunten Tage über den Abgrund gespannt wäre. Eigentlich müßte es umgekehrt sein, der Grund glücklich, den vielfachen Unbilden des Alltags Widerstand leistend, denn das gäbe Zuversicht. Was aber werde ich, wenn plötzlich das Leben um mich verarmt? Andererseits ist es doch auch Lebenskraft, der Melancholie mit Hilfe dieses Netzes zu widerstehen.

Irene geht im Sommer mit der Gipsgruppe nach England. Ich wollte mitgehen, aber nun werde ich es nicht tun. Wie es ihr sagen? Ich möchte mit Franzl den ganzen Sommer im Wald von Fontainebleau sitzen, von Zeit zu Zeit auf ein bis 2 Tage nach Paris kommen. Das lockt mich nun viel mehr.

 

7. Juni.

Gestern nach vielem Wetterwechsel echter Sommer. Seltsame Straßenerregung, Buntheit, Sonne, Dämon. Nachmittags jetzt täglich in der Bibliothèque Nationale. Ich treibe französische Geschichte, sehr befriedigt. Abends sehr lahme Unterhaltung beim Essen mit Irene, die wieder indisponiert ist. Dann in der Dämmerung allein über die Seine, Eiffelturm, Ecole Militaire. Um 10 Irene im Café Marigny. Lahmes Schweigen. Ich sage, ich könne wohl nicht mit nach England, Grund: meine finanziellen Verhältnisse. Das kann ihre Eigenliebe am wenigsten verletzen. Sie ist sehr erregt, will nach Hause. Dann bei ihr: ich sei sie wohl müde, ob sie mir nicht genüge. Ich hätte geheuchelt. Wenn sie sich doch nur nicht mit mir eingelassen hätte etc. Ich beruhige sie, meine Lage sei auch nicht beneidenswert. Versöhnung. Sie bittet um Verzeihung, sie habe nur an sich gedacht. Was ist sie doch für ein liebes gutes Wesen. Aber wenn wir uns doch nichts mehr zu sagen haben! Ich hoffe, die letzten 3 Wochen werden nun noch hübsch werden, da der Zwang von außen fortgenommen ist.

 

8. Juni.

Gestern 10 Uhr abends mit Franzl, Tilly, Ludwig Moulin de la Galette. Tilly ohne Hut, nur mit Spitzentuch, da sie aus einer Gesellschaft kam, und wir einen Hallenbummel vorhatten. Im Moulin werden femmes en cheveux nicht eingelassen. Der maître de plaisir verlangte, sie solle ihren Hut aufsetzen, begnügte sich dann aber mit dem Spitzentuch. Alle Mädchen schauen, aber Tilly sieht reizend aus, sie fügt sich mit viel Humor in die Situation, sodaß sie ein Recht zum Auffallen hat. Sie genießt überhaupt diese ihr fremde Atmosphäre immer aus dem Kontrast, stets sie selbst bleibend. Wie widerwärtig war mir, mit Louisa an solche Orte zu gehen, da sie immer sinnlos in alles hineintappte, alles wundervoll fand, nie sie selbst war und darum zu nichts die richtige Stellung hatte. Ludwig sehr lahm und langweilig. Ich hätte mit Tilly lieber allein sein mögen. Wir fahren nach den Hallen, Caveau des Innocents. Zwei Stock unter der Erde, Verbrecherkeller mit verkritzelten Wänden, ein furchtbares Dröhnen des Klaviers. Ein kleines Herrchen mit Schnurrbart, ein Geck aus dem tiefsten sozialen Stockwerk singt schlecht sentimentale Lieder und moquiert sich über einen rothaarigen häßlichen Jungen, der Ähnlichkeit mit Richard hat. Wulstige Lippen, wie ein ganz geringer Arbeiter gekleidet, blaue Hosen, offenes Hemd. Doch singt er mit ausgezeichneter Stimme und erschütterndem Ausdruck Lieder, die meist etwas wie verschmähte Liebe ausdrücken. (»Soyez clémente« etc.) Ich lade ihn zu einem Bock ein. Er erzählt, er war früher Kirchensänger, man wollte ihn zum Theater lancieren, aber es fehlte an Geld und Protektion. Jetzt arbeitet er von 4 Uhr früh ab mit seinen Eltern an den Hallen. Abends ist er Coulissenschieber an einem Theater. Er schien aufrichtig. Wir blickten dann noch in zahlreiche andere Lokale ohne viel Leben. Ludwigs Lahmheit entmutigt mich. Dann mit Franzl zu Fuß nach Haus. Einzigartig der blaue Pariser Morgen über den finsteren Pariser Gassen, deren schwarze Firstlinien gespenstische Umrisse zeigen.

 

9. Juni.

In einer niedrigen Dirnengasse sah ich zwischen elenden Vetteln in einer Mauernische ein siebzehnjähriges blondes Mädchen, die Hände im Schoß, in die untergehende Sonne schauen. Ich blickte sie an, aber sie schaut weg. Eine grauhaarige Alte dagegen macht mir Zeichen. Als ich Franzi davon erzähle, meint er: »es war vielleicht meine Muse«.

 

Sonntag, den 10. Juni.

Mit Franzi in Isle-Adam bei Dreyfus. Wir haben eine kleine Sommerwohnung dort genommen.

 

12. Juni.

Immer mehr fühle ich in diesem Jahr, daß mein Beruf eine Berufung ist, die mich für die Welt in manchem Sinne untauglich macht. Warum kann ich nicht mit Irene, die mich liebt, ganz dumm glücklich sein und ihr den Sommer in das englische Seebad folgen? Statt dessen ziehe ich vor, 3 Monate in einem kleinen Landstädtchen zu sitzen, wo das einzige Vergnügen der Wald und das Flußbad ist, und zu arbeiten. Gestern beklagte sie sich wieder, wie wenig sie von mir hat. Nie hätte ich Zeit für sie. Wir waren abends mit Hessel und Grete in der Taverne Royale. Ich hätte nur Blicke für Grete gehabt. Hessel verliebt sich ein bischen in Irene. Es ist schade für Irene. Sie meint, alles müsse lange dauern und vergißt deshalb das Schöne, das nur kurz war. Sie fühlt, daß ich nur noch zu ihr komme, weil ich nicht brutal brechen will, da sie ja in 3 Wochen doch abreist. Wie müde bin ich das alles, und dabei ist sie ein rührend liebes Geschöpf.

 

13. Juni.

Ich lese abends, während ich im Café Marigny auf Irene warte, in den Wahlverwandtschaften. Das ist die reifste Weltbetrachtung, welche denkbar ist, das was wir heute erstreben. Das satteste, vollste Leben, das mich fast verzweifeln läßt an meiner unsteten Existenz. Wie erinnert es mich an Deutschland und den Beginn mancher Liebe. So gut Ottilie dichterisch ist, bis jetzt ist sie mir persönlich nicht sympathisch, dieses ewig unvollkommene Wesen, das sich in Eduard, den Weltmann, verliebt. Das ist ja mein ewiges Schicksal, von unvollkommenen Wesen geliebt zu werden, die in mir gewisse Eigenschaften lieben, weil sie ihnen neu und allzu glänzend erscheinen. Es liegt darin immer etwas von Gretchen und Faust. Ein oder zweimal sehr hübsch, aber dann unsäglich langweilig. Man fühlt sich in mancher Hinsicht so überschätzt, in eine glänzende Rolle geschoben und muß sie nun spielen, wird darum grausam, ja verachtend (Louisa).

Ich traf Irene zum Abendessen. Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Sie liebe mich so sehr, daß sie diese Quälerei nicht mehr aushalte. Ihr Leben sei vernichtet und dergl. Ich hatte die Absicht, den Abend in die Closerie des Lilas zu gehen, wo ich wichtige Besprechungen hatte, aber sie tat mir zu leid. Ich ging um 10 wieder an das Theater und holte sie ab. Ich habe sie lieber, als sie glaubt, als ich selbst glaubte. Das kleine Prinzeßchen werde ich sehr vermissen, aber wenn mich jemand so ganz haben will, dann muß ich mich zurückziehen. Vielleicht loderten meine Gefühle deshalb wieder auf, weil sie sagte, wir wollten uns lieber nicht mehr sehen. Sie war glückselig, mich unerwartet am Theater zu finden, und ich freute mich auch. Abends noch etwas im Café, dann zu ihr nach Hause, große Zärtlichkeit.

Der Franzi und die Grete haben sich nun auch glücklich gefunden.

 

14. Juni.

Vorgestern Abend beim Abschied küßte ich im Scherz Grete in Gegenwart Franzis und Irene. Grete hat gestern dies Berta erzählt, diese kommt höhnisch zu Irene. »Das ist ja schön, die Männer sind doch alle gleich«, sagt sie zu ihr. Grete, ein bischen böses Gewissen, bringt Irene Blumen. Irene in äußerster Aufregung nennt Grete falsch und bösartig, hält es mit der giftigen Berta. Abends läßt sie mich beim Essen vergebens warten. Ich treffe sie am Theater, nun sei alles aus. Um 10 hole ich sie ab, sie spielt die Gekränkte, tut, als wolle sie mich nicht herauflassen. Ich habe Mitleid mit ihr, will sie nicht in dem Zustand allein lassen, gehe mit ihr nach Hause. »Was kränkt Dich so?« frage ich, »der Kuß oder das Geschwätz der Mädels?« »Das Geschwätz«, antwortet sie. Der Kuß paßte ihr wohl auch nicht, schien aber verzeihlich. »Aber an dem Geschwätz bin ich doch unschuldig«, erwiderte ich. Ich suchte ihr das Harmlose der unüberlegten Grete und die Bosheit Bertas klarzumachen und ihre eigene Torheit, den beiden Sachen solche Wichtigkeit beizulegen. Sie beruhigt sich. Zärtliche Versöhnung. Welche Niederungen des Lebens – Gipsgruppe! Warum konnte sie nicht zu Tisch kommen und mir abseits sagen: Hör mal, Du hast mir da mit dem Kuß eine unangenehme Geschichte gemacht usw. usw. Ich hätte begriffen, mein Bedauern ausgedrückt und den anderen gegenüber Irene rehabilitiert blos durch mein Verhalten. Warum müssen die Frauen alles hintenherum machen? Warum sagen sie: »Küsse sie nur, mir ist es recht«, wenn sie meinen: »Um Gottes Willen, küsse sie nicht.« Mir ist das alles ekelhaft.

 

15. Juni.

Abends mit Franzl, Louisas Schwester Milli und der Baronin Possanner zum Essen bei dem Italiener oben auf dem Montmartre. Spaghetti, Filet Montevideo, Sabaione. Dann im Lapin Agile. Wir singen Volkslieder, Schnadahüpfln und dergl. Die Baronin schön, klug, hart und gemütlos. Es scheint, daß sie mich gern mag. Wenn ich solch eine Frau heiratete, würde alles Weiche und Gutmütige in mir vielleicht zur Entwickelung kommen, während ich jetzt den weichen Frauen gegenüber immer meine Härte und Schroffheit entwickele. (Spätere Randbemerkung: Vielleicht wäre aber auch das Gegenteil der Fall gewesen!) Leider ist die Zeit, da ich die Baronin liebte, vorbei. Anfangs war ich wirklich sehr für sie eingenommen. Um eine Vernunftehe zu schließen, ist sie zu unerfahren und auch wieder zu vermögenslos. Sie erwartet wohl noch viel von der Liebe. Auch Franzl war dabei. Wir kauften den Damen Zuckerstengel. Franzl sang das Lied: »Weib, Weib, sollst heim gahn.« Die Baronin entzückt, errät immer die folgenden, naheliegenden Reime. Milli kann das garnicht begreifen, und fragt: »Kennen Sie denn das Lied?« Dieselbe Phantasielosigkeit und das Staunen, wie bei Louisa, wenn jemand etwas aus dem Kopfe improvisierte. Milli langweilig und gewöhnlich, wie immer. Sie weiß nicht, wo man lachen, wo man weinen muß. Sie arbeitet täglich ihre 9 Stunden in einem Geschäft. Die eine freie Stunde, die sie nach Tisch hat, sitzt sie in der Bibliothek und liest Racine. Das ist allerdings rührend.

 

18. Juni.

Früh nüchtern auf den Franzi wartend. Vorgestern, Samstag Abend 8 Uhr nach Isle-Adam gefahren, um Vorbereitungen zu treffen für die Ankunft Franzis, Gretes und Irenes nach dem Theater. Ich verbrachte den Abend bei Frau Dreyfus, die allein war. Wir sprachen ziemlich intim über Ehen, meine Ehe. Sie ist ganz intelligent, erzählt, daß Louisa ihr gegenüber einmal gewisse Gemeinheiten der Else Plötz dadurch verteidigte, daß sie sagte, sie bewunderte Else Plötz gerade, weil sie nicht wußte, daß das Gemeinheiten waren. Das ist die ganze gallertartige Louisa, von nichts was wissen wollen und dann alles instinktiv tun dürfen. Frau Dreyfus klagt mir stets über die Ehe. Sie leidet darunter, kommt nicht zum Malen und kann wirklich etwas in dieser Kunst. Sie macht mir große Komplimente über meine Bücher u.s.w. Wenn ich diese weiche, zarte Frau geheiratet hätte, so wäre dasselbe Unglück da, obwohl sie an sich viel mehr ist, als Louisa.

Um 12 kamen die anderen am dunklen einsamen Bahnhof an. Durch eine Trivialität wurde die ganze Angelegenheit verpfuscht. Natürlich bin ich in dem Verkehr mit Irene immer sehr vorsichtig gewesen. Nun hat sie das für diese Vorsicht notwendige Instrument nicht mitgebracht. Sie behauptete, es vergessen zu haben. Ich merke aber wohl, daß es in Wirklichkeit diese mir so verhaßte frauenzimmerliche Art ist, die ich falsche Schamhaftigkeit nenne. Sie hat das Instrument nicht eingepackt, damit ich nicht denken solle, daß sie diese Dinge erwartet. Das verpflichtet uns nun zu einer Nacht der Keuschheit. Nun ist sie natürlich sehr bestürzt und niedergeschlagen darüber. Sie will gerade unvorsichtig sein. Ich aber danke dafür. Ich bin stumm, verärgert. Daheim erklärt sie plötzlich, sie könne nicht hierbleiben. Das macht mich wütend und ich fahre sie an: »Ich kann nicht, ich kann nicht, ewig dieses Ich kann nicht. Ich kann nicht essen, ich kann nicht sprechen. Man kann alles, was man will.« Sie ist darüber sehr erschrocken, fällt mir um den Hals, ich solle nicht so böse sein. Ich bitte um Verzeihung, wir legen uns versöhnt, aber verärgert nieder und schlafen schlecht nebeneinander. Dazu verschaffte mir der Satan im Traum, was mir in der Wirklichkeit in dieser Nacht versagt war. Am anderen Morgen matt und zerschlagen infolgedessen. Franzl und Grete dagegen hatten eine angenehme Nacht. Gemeinsames Frühstück um 11 Uhr. Dann zusammen ins Freie. Hessel singt und recitiert lustige und traurige Sachen. Wir sitzen am Waldrain, vor uns suchen die Mädchen Blumen. Später liegen wir an einer Waldlichtung. Die liebenswürdige Grete regt mich sehr an. Im Ganzen lag über uns eine stumpfe, aber poetische Trauer, von der Natur und der schönen Aussicht gemildert und von der Erwartung, den Sommer hier allein zu sein. Irene bleich, blutarm, elend, verliert allen Reiz für mich. Ich glaube auch nicht an ihre große Liebe. Viel davon ist auch das konventionelle Pathos, das für sie zur Liebe einmal gehört. Wie mich überhaupt all dieses Gemachte stört. Grete dagegen ist einfach sinnlich und liebenswürdig, will wie ein kleines Mädel geliebt sein, sonst nichts, und nimmt nichts zu ernst. Franzl ließe sie mir gern und nähme gern zur Abwechselung Irene. Grete wäre wohl auch einverstanden. Aber Irene? Am liebsten hätte ich gestern Schluß gemacht. Aber immer wieder habe ich dieses verdammte Mitleid, da es ja ohnehin nur noch 14 Tage dauern kann. Um 6 fuhren wir nach Paris, brachten die Mädchen heim, dann waren wir frei, atmeten auf und genossen unser Alleinsein. Wir speisten sehr nett in einem kleinen Restaurant im Freien auf dem Boulevard Malesherbes und fuhren dann oben auf der Tram nach Neuilly zur Messe. Wir bummeln zwischen bunten Lichtern, Karoussellärm und essen einige gemeine Süßigkeiten, etwas matt. Ich meine auf solchen Messen immer, das eigentliche Leben sei nicht in der Mitte, sondern im Dunklen hinter den Buden. So geht es mir im ganzen Leben.

 

18. [?] Juni.

Mit Franzl Boulevard Montparnasse diniert, dann eine Stunde allein im südlichen Viertel. Franzl im Café Rotonde wiedergetroffen. Der Berliner Bondy. Auf dem Omnibus heimgefahren. Wir planen künftige Haushaltungsgemeinschaft mit netten gebildeten Mädchen, wie Louise Bücking, ohne sexuelle Beziehungen à la Kaulbachstraße, aber mehr Ordnung. Auch die Baronin kommt in Frage, die ja jetzt nach Rom geht, wo ein Zusammenleben mit ihr entzückend wäre.

 

20. Juni.

Irene ist plötzlich vernünftig geworden. Sie hatte gestern einen neuen Panama auf und sagte, sie habe in Isle-Adam ihre Seele verloren, schlafe nun sehr gut und fühle sich wohl. Das heißt, sie hat begriffen, daß sie sich die Tragik der ganzen Geschichte nur eingeredet hat und daß man sich gerade so gut das Gegenteil einreden kann. Natürlich möchte sie mich noch ein bischen ärgern. Alles sei eine Art Hypnose gewesen, nun sei alles vorbei usw. Aber sie ahnt nicht, wie froh ich bin, sie aus ihrer Selbstqual befreit zu sehen. Sie denkt auch nicht mehr daran, jetzt keinen Mann mehr lieben zu können, träumt von ihrem früheren Schatz, der tot sei und den sie wachküßt, dann gleicht er auf einmal mir, und sie läuft erschreckt davon. Das hat sie mir erzählt. Es reizt sie noch ein bischen, ärgert sie, daß mich das alles nicht verletzt, sondern bei mir nur ein gutmütiges Lachen hervorruft.

Es folgt ein etwas verdrossener müder Abend mit Franzl. Erst in der Closerie, dort Moréas, Paul Fort und andere französische Dichter. Langweilig, cliquenhaft, schlecht erzogen, wie immer. Ich gehe nicht mehr zu den Leuten. Zuletzt noch eine Stunde in La Chapelle.

 

21. Juni.

Gestern den ganzen Nachmittag und Abend dem Dämon gefolgt. Erst in Vincennes, dann Essen mit Franzi im Restaurant Coquet, dann Grenelle, Boulevard d'Italie, Gare d'Orléans, Boulevard Charonne. Schließlich La Chapelle. Wurde für einen Agent de mceurs gehalten und flößte Furcht ein.

Das einzige, was bei mir vollkommen gut geht nun, ist meine Arbeit, sonst bin ich in allem zerrissen. Meine Nervosität kann noch jeden Augenblick Charakter, Stimmung, Gesundheit, Kraft, gerechtes Urteil in Frage stellen, nur nicht mehr die Arbeit.

Nachts: ich stehe nun seit 3 Wochen unter der Einwirkung von Louisas dummem und wohl auch brutalem Verhalten. Ich kann nicht dahinter kommen, was sie eigentlich will, befürchte aber, daß sie mich in München verleumdet hat usw. Die Familie behandelt in ihrer gewohnten Vornehmheit die Sache öffentlich. Alle Leute wissen davon. Nach Richards Brief scheint die Scheidungsklage nur eine Drohung zu sein. Ich verstehe nicht und überrasche mich in jedem müßigen Moment bei Entwürfen zu evtl. Briefen an Louisa, ihre Familie oder an Freunde, die vermitteln könnten, zu meiner Verteidigung. Obwohl ich nicht eigentlich Schlimmes fürchte, beschäftigt mich die Sache maßlos und raubt mir die Ruhe zum Einschlafen. Daher auch tagsüber oft Ermattung und Schlaffheit, die so schön überwunden war. Franzi mein einziger Trost.

 

22. Juni.

Seit gestern wieder Freude an der französischen Erotik. Abends vergeblich mit Franzi Gesellschaft zum Abendessen gesucht, heute in der Mittagsglut in die Petits Carreaux. Eigentlich sollte man nur wahrhaft verliebt sein oder an solche Orte gehen. Das sind die zwei Vollkommenheiten, alles andere flaue Kompromisse. Ein blau verhängtes Gemach, Spiegel, 2 elektrische Birnen. Lucienne köstlich, eine große Braune. Ich verlasse das Haus sehr zufrieden. Den ganzen Nachmittag ruhig in der Bibliothek gearbeitet und jetzt etwas matt. Zum ersten Mal habe ich auch den Reiz der Schminke empfunden. Le rouge qui efface l'individualité de la bouche. Ist das bei solchen Frauen nicht das allerwünschenswerteste, dieses Leben von dem Individuellen ganz zu lösen? Das eine würde das andere stören. Die gute Maison de passe in Paris wirklich eine Vollkommenheit.

 

26. Juni.

Samstag Abends mit Franzi nach Isle-Adam gefahren. Abends bei Dreyfus im Garten. Wir bewohnten, wie schon am vorigen Sonntag mit den Mädchen, unser neues Haus. Sonntag ein nasser, trauriger Morgen. Rudern unmöglich, Baden unmöglich. Alle hübschen Plätze sind propriété privée. Ich möchte mich endlich einmal wieder ausdehnen können, meine Seele an die Außenwelt hingeben, nicht wie jetzt schon solange sie umspinnen mit tausend Plänen, Hoffnungen, Gedanken und Arbeiten, um mich gegen die Außenwelt zu schützen. Das Leben sollte wieder einmal selbst etwas sein. Nachmittags mit Dreyfus in schöner Flußlandschaft in Heuhaufen ausgeruht, abends bei ihnen im Garten. Ich war sehr matt und etwas verstimmt, habe, glaube ich, infolgedessen mißfallen. Andere erwecken in solcher Stimmung Teilnahme, ich mindestens Befremden, wenn nicht Abneigung.

Gestern unangenehme Aufregung in der Scheidungssache. Man will mir zur verdammten Pflicht machen, was ich ja gern freiwillig täte, nämlich für Louisa zu sorgen, bis sie ihre Ausbildung in dem neuen Beruf vollendet hat. In Franzis Beisein schreibe ich abends an Louisa. Dann erzählt er mir seine schlechten Erfahrungen in der Kaulbachstraße. Suchocki hat ihn schofel genannt, nachdem er 3 Jahre von ihm gelebt und am Schluß eine Kleinigkeit nicht nach seinem Wunsche erhielt. Die vollkommene Besitzlosigkeit scheint doch zur Rancune und zum Undank zu prädisponieren. Was habe ich alles für Louisa getan! Aber nun ist das alles selbstverständlich und von Dank keine Spur. Ein klein wenig, genügend zur Unabhängigkeit muß man doch offenbar besitzen, um ein Gentleman, d. h. ein bis ins Kleinste anständiger Mensch sein zu können.

 

27. Juni.

Auf der Heimfahrt von Isle-Adam fielen mir in Erinnerung an unsere Winterwohnung in der Rue Bonaparte die Verse ein: »Dunkles Haus, in deinen Scheiben spielt ein Abendrot. Ich muß harren, ich muß bleiben, bis die Stunde tot. Mein Glück ward wie in einem Sarg hinausgetragen ...«

Gestern sprach ich in der Bibliothek die Baronin. Natürlich ist sie von Milli über die Scheidung unterrichtet. Über die Familie Fuchs hat sie offenbar meine Meinung. Die Alte hat ihr einen gewöhnlichen Eindruck gemacht. »Was wollen Sie, bei der Erziehung«, sagt sie, als ich mich über die schamlose Öffentlichkeit beklage, mit der Louisa die Sache behandelt. Milli bespricht alles an der Table d'hôte des Hauses, wenn Briefe von ihrem heimlichen Bräutigam kommen und dergl. Die vornehme Entschiedenheit der Baronin tut mir wohl. Die Frau muß wissen, was sich ziemt. Der Mann kann dann ihren Standpunkt mildern, wenn er zu schroff ist, denn für ihn heißt es: »Erlaubt ist, was gefällt.« Bei Louisa mußte ich immer sagen, was sich ziemt, eine sehr undankbare Rolle für den Mann, der dadurch zum Pedanten und Schulmeister wird. Seit ich nun einmal mit einer Lady über die Sache gesprochen und ihre Übereinstimmung mit mir erfuhr, ist mir wieder bedeutend wohler. Sie will übrigens ohne Milli nach Isle-Adam manchmal herauskommen.

Gestern Abend. Ein zweites Mal am Tag ein Schwimmbad. Glühender Sonnenuntergang, im Staub der Stadt gebrochen. Alles preßt sich geschwitzt und arbeitsmüde in den Métro, ein rothaariges, gräßliches, schmutziges Frauenzimmer mir gegenüber beißt mit einem Raubtiergebiß auf die Messingstange, an der sich Tag für Tag alle die schweißigen Hände reiben. Das ist entsetzlich und hat, wenn ich die Augen schließe, etwas aufreizendes, als ob doch in meinem Allerinnersten ich solch ein Weib begehren könnte, nur gehindert würde durch anerzogene Reinlichkeit und Schönheitsbedürfnis. Die Rache des Volkes für unsere Verfeinerung.

Hessel allein verstellt, daß es gerade bei mir eine Lebensstärke, nicht eine leichtsinnige Schwäche ist, daß ich mich so leicht zur Scheidung entschließe. Täte ich es nicht, so wäre es Müdigkeit. Aber vorläufig bin ich noch absolut. Das Bild dessen, was mein Leben ist und werden kann, steht so klar vor mir, daß ich jedes Wesen von mir abtrennen muß, das dieses Leben durch seinen persönlichen Jammer zu hemmen, zu trüben sucht. Ich bin immer noch nicht enttäuscht, immer wieder zu Versuchen bereit, wenn sie auch noch ein paar mal ungünstig ausfallen, glaube aber wohl, daß eine Ehe dauern würde zwischen mir und einer Frau auf gleicher gesellschaftlicher und Bildungsstufe und in derselben Vermögenslage. Wird daraus keine ideale Ehe, so kann daraus mindestens eine ideale Lebensgemeinschaft werden, womöglich mit Kindern. Das würde mich nicht hemmen und die Frau sogar fördern. (Spätere Randbemerkung: Diese Gedanken haben sich in mir immer mehr gefestigt. Mein Mitleid, das im Oberbewußtsein lebt, will eine Frau vielleicht schonen. Ich kann bereit sein, mich ihr zu opfern. Trotzdem kommt der Tag, wo ich, wenn sie mich stört, sie von mir abtrennen muß. Es ist wie ein schmerzhafter Verband, den ich beim Einschlafen gewillt bin, zu ertragen; wenn ich morgens erwache aber, habe ich ihn im Traum abgerissen. Es ist keine Brutalität, sondern ein nicht zu bekämpfender Instinkt. Wer meinem Werk und meinem Leben hemmend in den Weg tritt, der muß fort, ob ich es bewußt will oder nicht.)

 

29. Juni.

Auf den äußeren Boulevards umhergeirrt. In La Chapelle einen Arbeiter zum Bier eingeladen. Er erwartete seine Frau, die sich bei ihrer Schwester wohl verschwatzt hat. Ich hatte ihn anders beurteilt. Ich erzähle ihm, ich mache Landkarten und erfahre, daß er italienischer Tiroler ist. Wir sprechen etwas italienisch. Später auf dem Boulevard la Chapelle verfolgt mich eine Bande, die mir zuruft: Est-ce que tu vas comme ça jusqu'à la Bastille dans tes pantalons courts? Ich hatte Kragen und Kravatte in die Tasche gesteckt, um in diesem Viertel nicht aufzufallen. Später zog ich sie wieder an und traf um ½ 12 Uhr nachts in der Nouvelles Athènes Franzi mit einer ganz interessanten Amerikanerin, die sehr auf Nicht-Kokotte sich benimmt, aber klug lächelnd alles zu verstehen scheint. Ich rufe ein kleines Koköttchen Solange herbei. Da wir mit der Amerikanerin englisch sprechen, erkläre ich Solange, Madame sei Ägypterin, die Sprache, die wir mit ihr sprechen, sei ägyptisch. Furchtbar amüsant die Leichtgläubigkeit dieser kleinen Französinnen. Wir schwindeln ihr von fabelhaften Reisen vor auf Kamelen, aus deren Magen wir mit durch das Fell gebohrten Strohhalmen Wasser tranken. Eine Blumenhändlerin bietet seidene Rosen an, die eine große Kokotte bestellt, aber nicht abgeholt habe. Sie verlangt lächerliche Preise, kommt aber dann von selbst und steckt die Rose Solange an. Die Verkäuferin ist ein vierzehnjähriges Mädchen. Ich zahle ihr schließlich den von mir zuerst gebotenen Preis. Solange erzählt, daß die Vierzehnjährige »fait la noce depuis 2 ans«. Sie ist glücklich über ihre Rosen. Der Kellner sagt »eine Schweinerei«. Solange ruft ihm zu: »Ah quel salaud.« Solange bietet mir an, nicht als miche mit ihr zu gehen. Heute Abend aber muß sie hinauf ins Restaurant, »il faut, qu'elle s'occupe«. Sie hat einen kaum geheilten Riß vom Ohr bis zum Kinn, den man aber doch kaum sieht. Eine andere hat ihn ihr aus Eifersucht mit dem Messer gemacht. Sie zeigt mir ein spitzes Messer, das sie nun extra bei sich trägt, um sich zu rächen, falls sie der anderen begegnet. Die Polizei fürchtet sie nicht, »parce qu'entre les femmes il n'y a jamais rien avec la police, même quand on se tue. La femme ne vaut rien à Paris.« So sagt sie.

Eben mittags 12 Uhr kommt Franzi mit der Amerikanerin herunter, welche die Nacht bei ihm geblieben ist. Wir gehen zusammen aus. 3 Uhr: Soeben mit Solange gefrühstückt. Stumpfnäschen, kleiner lüsterner Mund, schweigsam wie ein Kätzchen. Ein bischen vulgär. Kleine Differenz mit dem Kellner. Sie sehr energisch: »Je te défends que tu lui donnes plus.« Um 3 erwartet sie »quelqu'un«, der ihr die Miete zahlt. Sie verabschiedet mich mit den Worten: »Eh bien, quand se reverra-t-on pour faire l'amour ensemble?« Morgen um 2 erwartet sie mich. Ich gehe heim, etwas unbehaglich, ein um diese Stunde mir ungewohntes Mittagessen im Leib. Es ist windig und kühl nach einer Reihe glühender Tage. Zu Hause finde ich die Autoren-Exemplare vom »Gläsernen Gott«.

 

30. Juni.

Gestern Abend Abschied von Irene und Grete. Mit Franzi erst noch einmal im Café Marigny, dann 10 Uhr am Theater. Irene muß erst etwas mit einem fremden Herrn sprechen, flattert in ihrem weißen Abendmantel zwischen den Leuten umher. Er sei ein Maler, höre ich später, der sie malen will. Sie ist sicher entzückt, mir das anzutun, aber mir tut es nicht viel. Wir gehen in die Taverne Royale. Irene so reizend, daß ich mich beinahe von neuem in sie verliebe. Immer noch ein wenig gekränkt, daß es bei mir so kurz gedauert hat. Ich erkläre ihr von neuem, daß sie mich in einer Zeit der Verzweiflung mit ihrer Liebe rettete. Mit Grete ist sie wieder einmal zerkriegt. Sie redet einiges mit dem Hochmut kleiner Leute, Grete sei ihr viel zu wenig, an unserer Liebe liege ihr schon garnichts mehr und dergl. Es wird ein bischen langweilig. Wir gehen, unterwegs traurig. Energisch lehnt sie jedes Geldanerbieten ab. Franzl geht zu Grete hinauf. Irene geht allein. Dann ruft sie mich auch noch hinauf. Sie müsse mir doch noch einen Kuß geben. Oben große Zärtlichkeit, etwas Sentimentalität. Ich habe das kleine Geschöpfchen doch gern gehabt und habe sie noch gern. Ich nenne sie immer klein, obwohl sie eigentlich sehr groß von Gestalt ist. Ich las ihr aus dem Anfang dieses Tagebuchs die Aufzeichnung über den Beginn unserer Liebe vor, um ihr zu zeigen, wieviel sie mir war. Das Spätere natürlich las ich nicht vor. Dann ruft plötzlich Franzl. Wir gehen zusammen hinunter. Trauriger, aber doch entzückender Abschied. Ich gehe sehr zufrieden heim, wiederum leicht in sie verliebt und doch überzeugt, daß ein Wiederanfangen unmöglich wäre. Auf alle Fälle ist Irene ein ganz ausgezeichnetes kleines Geschöpf, das sich nicht wegwirft, eine kleine Vollkommenheit, wie ich anfangs sagte, aber in ihrer Kleinheit zu schnell für mich übersichtlich. Aber wenigstens habe ich am letzten Abend noch das Vollkommene in ihr gefühlt und die tiefe Anständigkeit ihres Charakters. Mittwoch reisen sie zusammen nach England. Franzi hat inzwischen dem Gretchen noch ein kleines Gedicht gemacht, welches heißt: »Welch Mädchen ist lieber und klüger, als Gretchen Krüger

Eben ist plötzlich die rätselhafte Amerikanerin, die Gaby heißt, wieder erschienen, von der wir nicht wissen, ob sie eine Kokotte ist oder eine Dame, die nur ein bischen Kokotte spielt. Jedenfalls erzählt sie die sonderbarsten Dinge, geht mit Franzl in den Louvre, wo sie Wäschebestellungen im Werte von mehreren hundert Francs erwartet, gibt als Adresse das Grand-Hôtel an und nennt sich eine intime Freundin von der Otero, mit der sie jeden Abend Karten spiele.

 

Isle-Adam, 1. Juli 1906.

Es ist halb ein Uhr nachts. Um 8 sind wir angekommen. Dreyfus in Paris. Frau Dreyfus kann uns nicht empfangen. Wundervoller Abendgang mit Franzl auf der beiderseits von Wald begrenzten Chaussée. Fast Gebirgskühle. Wir reden aber vorzugsweise von der mich immer mehr quälenden Scheidungssache. Daheim gleich alles ausgepackt. Das Zimmer tut mir wohl. Ich spüre etwas wie Zufriedenheit langsam in diesem Raum über mich kommen, während mich das Zimmer, das jetzt Franzl hat, die beiden letzten Male mit und ohne Irene beengte, mir etwas unheimlich schien.

 

Halb vier Uhr:.

Heute Nacht zum zweiten Mal in kurzer Zeit geträumt, ich sei mit meiner Mutter verheiratet, was meine Scheidung von Louisa erheblich erschwere. Der Traumdeuter erklärt Heirat mit der Mutter als Sicherheit in Geschäften.

Eben kommt Dreyfus und erzählt, daß halb Isle-Adam entsetzt ist über Franzl und mich, weil wir zwei Damen hier hatten. Dreyfus's Wirtin hat Frau Dreyfus einen wahrhaften Kondolenzbesuch gemacht, weil ihre Freunde das getan hatten. »Wie finden Sie das?«, hat sie gefragt, und die arme eingeschüchterte Frau

Dreyfus sagte im Augenblick: »Scandaleux!« »Voilà le mot«, antwortete die andere.

 

3. Juli.

Gestern ein guter Tag. Früh Brief von Lampe, der mir zeigt, daß er ebenso wie Heiselers den Wühlversuchen der Familie Fuchs gegenüber gewappnet ist. Vier Stunden Arbeit (französische Kultur), dann mit Franzi auf den Fluß rudern. Sonnenuntergang. Abends langer Gang mit Dreyfus.

Im Wald suchte ich einen großen braun und blauen Vogel zu greifen, der verwundet war, er biß mich aber fest in den Zeigefinger.

 

4. Juli.

Gaby kam nachmittags zu Franzl auf Besuch. Bei trübem Himmel gemeinsamer Waldspaziergang. Sie wirft sich von seinem Arm in meinen. Aber ihre kraftlose Dünnheit interessiert mich nicht. Bei Tisch kommen ihr auf einmal Familienerinnerungen, sie sei die Nichte Carnegies. Später kommt Dreyfus herüber. Wir sitzen in meinem Zimmer, sie auf der Chaiselongue. Große Lustigkeit, aber über ihren Kopf hinweg, denn sie selbst ist wenig originell. Sie blieb nachts bei Franzl.

 

5. Juli.

Regen. Nachmittags kommt Dreyfus mit Roché und einem aufgequollenen französischen Dramatiker namens Perier. Wir gehen zu Dreyfus zum Tee. Man hat nichts von einander, zu viele Leute. Ich rette mich mit Franzl hinaus. Der Regen hat aufgehört. Ich rudere ihn noch eine Stunde in der Dämmerung. Nebel über dem Fluß. Wir reißen einige gelbe Nenuphar mit lederartigen großen Blättern aus dem Grund und bringen sie Frau Dreyfus.

An beiden Ufern der Oise sitzen einsame Fischer. Wenn ich mein Buch fertig habe, will ich es einmal mit dem Fischen probieren. So einen ganzen Nachmittag zwischen den Weiden am Fluß sitzen, was mag einem da alles durch den Kopf gehen! Ganz zwecklos dasitzen geht nicht. Dann wärs ein absichtliches Warten auf Zustände, die nicht kommen. Ein bischen Zweck will die Natur wohl. Und da ist das Fischen offenbar sehr geeignet.

 

7. Juli.

Gestern Nacht bei Dreyfus bis um 2 Uhr. Musik gemacht. Ungarische, deutsche, italienische, spanische, französische und Negerlieder. Eine Oper improvisiert als Parodie. Er spielt hübsch Violine. Franzl und sie tanzten zu unserem gemeinsamen Spiel. Sie machte mir als Ungarin das Kompliment, noch nie einen Nicht-Ungarn ungarische Tänze so spielen gehört zu haben.

Franzl ist ein Zustandsmensch, ich ein Entwickelungsmensch. Er lebt in seinem Behagen und kristallisiert sich langsam. Die Entwickelung dagegen ist stets qualvoll. Kein Mensch kann wissen, was aus mir noch wird.

Wir leben ganz einförmig, stehen zwischen 9 und 11 auf. Vor dem Frühstück Korrespondenz, Tagebuch, Zettel usw. Dann trinken wir schwedischen Tee. Dann 3 bis 4 Stunden Arbeit. Dann bisweilen Vorlesen. Franzls Münchener Tagebuchroman äußerst lebendig. Dann nehmen wir eine kleine Milchmahlzeit und gehen dann rudern und schwimmen. Um 7 die einzige wirkliche Mahlzeit des Tages. Dann eine Stunde Lektüre und dann noch Spaziergang in der Nacht oder bei Dreyfus.

 

8. Juli.

Gestern Abend spracht Dreyfus über mein letzterschienenes Buch (»Der gläserne Gott«). Er verkennt, daß das nicht individuelle Erleben z. B. dem Mailänder Mädchen gegenüber Absicht ist. Lothar will gerade das Volk, die Dirne, die Stadt als Ganzes, als Typen erleben. Dreyfus verkennt das Triebhafte in ihm, hält es der Bewußtheit wegen für Wissenschaft. Habe ich vielleicht in allen diesen elementar dämonischen Erlebnissen das sexuelle Moment zu wenig betont? Dreyfus erblickt als Konsequenz des dort geschilderten Zustandes den Selbstmord und findet den Trost in der Natur zu provisorisch und leicht gegenüber der in Verzweiflung enden müssenden Menschen- und Erdverlassenheit Lothars, dem gegenüber selbst Herr Sauer noch menschlich sei. Er meint, Lothar ginge an allen Erlebnissen nur interessiert vorbei, würde aber nie erschüttert und durchgewalkt. Er sei zu bewußt, es fehle das notwendige Machen von Dummheiten. Ist das letzte nicht ganz mein Problem von 1899 bis 1900? Ich habe inzwischen krasse Dummheiten gemacht, aber ich bin doch wieder unversehrt herausgekommen. Ich war einen Augenblick von Dreyfus's Auseinandersetzungen wie zerschmettert. Aber Dreyfus sucht ein bischen den Künstler gegen mich, den Bourgeois, auszuspielen, und das ist wieder der alte Schwindel, den ich schon so gut kenne. Als ob er ganz dem Augenblick lebte, ohne jedes vernünftige Überlegen und nicht auch in seiner Weise thesaurierte? Nur der hat ein Recht, dem bewußt Lebenden die Schönheit des Aufgehens im Augenblick entgegenzuhalten, der nun aber auch wirklich, wie der reiche Jüngling in der Bibel, alles weggibt und alles Seinige in sich trägt. Aber das tut Dreyfus ebensowenig, wie irgend einer von jenen Künstlern, welche die voraussetzungslose künstlerische Weltanschauung predigen. Auf dem Heimweg meinte Franzl, ich nähme mich überhaupt noch zu pathetisch. Komisch, daß ich dabei doch viel Scherz über meine Person ertrage. Freilich ist dies ein Produkt der Selbsterziehung; ein gewisses Unbehagen empfinde ich doch, wenn man sich über mich etwas moquiert. Franzl gesteht, daß er selbst seine Liebe zu Louise Bücking gelegentlich ironisch nehme. Man hält mich für kälter und lebloser, weil ich meine Konflikte nicht so sehr zeige. Warum schreibe ich immer mehr optimistisch das Aufsteigende auf, warum bekenne ich mich nicht zu meinen Verzweiflungen, aus denen ich mich zu Hessels Verwunderung, wenn sie selbst wie Vernichtung erscheinen, so schnell erhebe, oft in einer Nacht? Ist das Stärke oder dem Leben aus dem Weg gehen, was Dreyfus mir und Lothar vorwirft? Franzl sagte seinerzeit im Schwabinger Beobachter parodistisch von mir: »der überlebt euch alle, kriecht aus dem Labyrinth, wie aus der Mausefalle. Er wandelt sich in Wesen, wie Geschlecht und, paßt mal auf, zuletzt behält er recht.« Das ist vielleicht das Beste, was je ein Mensch über meine Probleme gesagt hat.

Aus der Verzweiflung eines gemein empfundenen Briefes, den ich eben von Louisa bekam, flüchte ich mich in die Formung dieser Gedanken, die anfangs auch eine Verzweiflung waren, jetzt aber eine Klarheit sind. Etwas zwingt mich stets zu provisorischem Abschluß, mit dem sich fürs Erste weiterleben läßt. So auch gestern. Dieses provisorisch eine schwierige Situation abschließen Können läßt mich oft oberflächlich erscheinen, denn wenn ich eine Sache durch irgend eine Formulierung fürs Erste abgeschlossen habe, kann ich, so ernst sie ist, unter Umständen einen Abend sehr vergnügt sein und die Nacht gut schlafen.

 

Abends:.

Totmüde von einem rechten Sonntagsspaziergang zurück, über Land. Flache Gegend, wie in Franken. Der Weg zwischen Hafer- und Weizenfeldern, bewaldete Gründe und ganz sanfte Hügel. Cirruswölkchen in ganz langen Streifen. Ein wenig verstimmt durch Louisas Brief vom Morgen. Franzl sagte unterwegs, die Schuld, daß ich mich mit meinen Frauen schlecht vertrug, liege zwar an mir, in meiner Wahl zu weicher, unvollkommener Frauen, die mich trotz meiner Fremdheit lieben, während er nach ganz in sich geschlossenen widerstandsfähigen Frauen tendiert, die ihn trotz seiner Vertrautheit mit ihnen nicht lieben. Bin ich dann aber mit der Frau verbunden, so sei die Schuld am Zwist die ihre. Sie stets zu unbedeutend, ressentimentvoll, beleidigt, überhaupt zu klein, und dann wie Louisa, zu gemein. Nie habe ich ein armes gutes Geschöpf quälen wollen, für die anderen sähe es immer so aus: »Warum hat er sich wieder einmal solch eine Frau auf den Rücken geladen?«

Unsere Madame Dolo, der das Haus gehört, hat nicht schreiben gelernt, und einiges nur aufgeschnappt. Jeden Abend präsentiert sie uns ihre Rechnungen. Die Worte sind phonetisch geschrieben, aber nach was für einer Aussprache! Sie selbst versucht sie dann oft mit ihrer Lupe vergeblich zu entziffern, zum Beispiel serie soll cerise heißen, pomedé = pomme de terre, für œuf macht sie einfach den Buchstaben f. Die Preise schreibt sie in Sous. Langsam haben wir uns daran gewöhnt. Sie ist 65 Jahre alt, hat sehr guten Willen und große Angst vor uns, macht aber ihre Sache recht gut. Wir lachen uns manchmal tot über sie.

Heute nachmittag kam Dreyfus in einem rohseidenen Anzug und roch unangenehm nach Schweiß. Merkwürdig, sein Geruch ist an sich nicht unangenehm, sondern gesund. Derselbe Geruch würde mir bei einer Frau vielleicht sogar gefallen. Aber daß es Dreyfus ist, der so riecht, oder Stern, der ähnlich riecht, das ist das Unerträgliche. Bei H. ist eine Form genau den Forderungen im Reich des Dämons entsprechend, aber daß es H. ist, macht dies ganz undämonisch und läßt es mich nur durch den Verstand als Kuriosum konstatieren.

 

10. Juli.

Brief von Dülberg, der mich besonders erfreut, wie alle Sympathiebezeugungen während dieser widerwärtigen Verhandlungen mit Louisa. Er glaubt an den sicheren Erfolg meines letzten Buches (Gläs. Gott) (Spätere Bemerkung: Er ist ausgeblieben.) und schlägt Zusammentreffen in Holland für den Herbst vor. Ich denke sehr daran, auf 14 Tage hinzugehen.

 

11. Juli.

Regennachmittag. Auf der Rue de Paris die Trauer eines Umzuges. Warum ist ein Umzug so traurig, auch wenn er einen garnichts angeht? Vielleicht weil man angesichts solcher Mühen das Gefühl hat, als ob die Leute sich einbilden, dadurch würde irgend etwas besser.

Habe dem Franzl nun mein erstes neues Kapitel vorgelesen (französische Kultur). Er findet, daß ich mein Bestes selbst zerstöre. Ich empfinde impressionistisch, denke aphoristisch und zwinge dies dann in eine rationalisierende Form. Wie er schon sagte, ich müsse Einakter schreiben, nicht Dramen. Ich glaube, er hat Recht. Wir brauchten lange, bis wir endlich im Boot den Grund seines Mißfallens fanden. Nun werden die Rosinen herausgeholt und alle Überleitungen fallen weg. Ich freue mich schon auf diese neue Arbeit.

Dreyfus und Frau speisten bei uns. Champagner, nach Tisch Lustigkeit. Dann in Franzis Zimmer auf Chaiselonguen ausgestreckt. Es wird Rilke vorgelesen, dessen Gedichte mir nicht sehr zusagen. Ich totmüde, wache auf, als von Frauen und Ehe geredet wird, rede einiges Bitterböse über Frauen, fürchte angestoßen zu haben, aber im Gegenteil, Frau Dreyfus hat offenbar Mitgefühl mit meinem Pech mit Louisa.

 

12. Juli.

Gestern und vorgestern müde, nervös, offenbar etwas überarbeitet. Heute mache ich Feiertag, vielleicht noch die nächsten Tage. Wenn man sehr systematisch arbeitet, muß man offenbar spätestens am 7. Tage einen Ruhetag machen. Der Franzl fährt heute nach Paris zu Maria Deveaux, die ich einmal heiraten sollte, wie Mathis geplant hatte.

Ich erlebe mehr Freude, als Lustigkeit, jedoch mehr Ärger, als Schmerz, Hessel dagegen erlebt mehr Schmerz als Ärger, in der Freude aber ist er mir ähnlich.

Wir planen beim Bootfahren, noch lange ein Wanderleben zusammen zu führen, nicht eine Reise zu machen, sondern in die Welt zu gehen, ziellos. Irgendwo ankommen, nicht wissen, ob wir Stunden oder Monate bleiben, einfach leben, dann in Großstädten wieder ein üppigeres Dasein. Hier und da in Städten Rendezvous mit Freunden. Italien, Spanien, Nordafrika. Abreise nächstes Frühjahr von München.

Ich ertrage die Einsamkeit nur mit einem lebenden Wesen um mich, wie Hessel. Sich zwingen, abends allein zu Hause zu sein, ist sinnlos. Ich habe es oft getan. Solange es noch bitter ist, macht das Einsamsein nur steril. So ist es mit allem Zwang. Tun, was einem Spaß macht, arbeiten, was man gut kann.

Abends bei der reizenden Frau Dreyfus. Er ist in Paris mit dem Franzi. Wir sprechen über Frauen, Scheidung usw. Sie will so vieles wissen, z. B. wie das kommen kann, daß man von der Frau in der ersten Nacht enttäuscht ist, wie ich es war. Franzl glaubt in ihr die Frage zittern zu sehen: ob er wohl auch von mir enttäuscht wäre? Ich lasse sie sich einen Mann vorstellen, den sie sich hart und geschlossen dachte und der sich nun weich anfühlt, dessen Bart ihr zart vorkam, aber der nun struppig ist und ähnliches. Das versteht sie alles sehr gut. Wir tranken dazu Orangenblütentee.

 

13. Juli.

Gegen Morgen träumte ich: ich gerate auf einer Straße unter eine Seiltänzergesellschaft, darunter ein fettes, behaartes, Gewichte tragendes Paar, ein junger nackter Mensch mit rosa Schurz. Er spricht deutsch, lehnt sich an mich. (P) Dann stehe ich an der Grenze von Deutschland, Rußland und Norwegen, beim Kaukasus, wo ein Sieg durch Trinken von den drei Völkern gefeiert wird. Man stößt über die Grenzen mit den Völkern, den neuen Brüdern an. Neben mir steht Goethe, gegenüber Knut Hamsun und Georg Brandes. Es wird regnerisch, alle gehen heim. Ich drehe mich um, an der Stelle der Grenze ist eine neue Seinebrücke, über die zum ersten Mal ein Zug läuft. Ich warte darauf, daß sie einstürzt. In der Luft schwebt aufpassend das Gespenst eines französischen Schutzmannes mit schwarzem Knebelbart.

Seit einigen Tagen habe ich ein Zahngeschwür, das mir die Tage etwas verdirbt.

Franzl sagte heute auf dem Wasser, das Charakteristische für meine beiden Frauen läge in dem Wort: legt mir keine Eier und frißt mir mein Brot. Das ist allerdings etwas offenherzig, aber alles gesagt.

 

14. Juli.

Nach einem arbeitsreichen Tage (Umarbeitung des ersten Kapitels) ein matter Abend, nervös, schlechte Verdauung. Bin bei Dreyfus beim Tee ungesellig. Franzl macht mir Vorwürfe. Dann gehen wir an den mattsonnigen Waldrain. Ein traumhafter Abend, aber ich komme nicht hinein. Goldgelbe Sonne über ganz bunten Haferfeldern und wildem wolligem Kraut. Wir gehen den Steinbruch entlang, der mich an die Latomien in Syracus erinnert. Wegen des Nationalfestes konnten wir heute kein Boot bekommen.

Wenn ich über mich nachdenke, sehe ich, daß ich mich jetzt, seitdem ich das Gymnasium verlassen habe, in der dritten Entwickelungsepoche befinde. Die erste dauerte vom Abitur bis zu meiner Bekanntschaft mit Wolfskehl, die zweite ist mit der Trennung von Louisa abgelaufen, für die dritte finde ich vorläufig das Stichwort exakte Mystik, d. h. das Mystische, Dämonische als Tatsache hinnehmen und sich über seine Bedeutung in der Welt klar werden. Ich habe endlich den Mut zu mir selbst. Erstes Symptom: mein Buch über französische Kultur, äußere Zeichen: Tagebuch, Zettelkasten, Tageseinteilung ohne Mittagessen und dergl. Die erste Periode war naturalistischer Rohstoff, die zweite war romantisch, ideologisch und formal, die dritte findet mich im Besitz der Form, die eine Selbstverständlichkeit geworden ist, und mit der ich mich nun ganz anders in der Wirklichkeit zurechtfinde, die mich plötzlich wieder als Stoff mit neuen Augen gesehen unendlich anzieht.

 

15. Juli.

Vom sonntäglichen Waldspaziergang zurück. Seit ich entschlossen bin, ab 1. Januar wieder in München eine Wohnung, wenn auch nur als Absteigequartier zu nehmen, freue ich mich auf so vieles, besonders auf meine Möbel, und daß altes, durch die Ehe abgerissenes Glück wieder kommen kann. Wenn nichts neues dazwischen kommt, könnte ich jetzt einige Jahre weise genießen, befreit von vielen Stacheln. Meines Leidens bin ich Herr. Meine Heiratsnervosität ist vorbei. Durch meine Ökonomie, die ich gelernt habe, komme ich mit meinem Geld aus, habe manche Verweichlichung aufgegeben, mich selbst gefunden, bin sicherer und pfeife auf vieles, worauf ich früher unsicher Rücksicht nahm. Wenn die Scheidungsgeschichte vorbei ist, dann kann mein Leben so gut werden, wie nie.

 

16. Juli.

Daß bei mir doch Frauenerlebnisse fast immer gleichartig verlaufen: das, was eine Zeitlang glühendes, stärkendes Leben war, verblaßt zum Gespenst. Da ich nicht wehthun will, versuche ich, rücksichtsvoll auszuharren, mich zu trösten mit gewissen Annehmlichkeiten äußerer Art, die doch immer noch geblieben sind. Aber das Gespenst wird zum Vampyr, um mir Blut zu entsaugen. In solchen Zeiten bin ich körperlich stets matt und beschwert, bis dann ein Ruck die Befreiung bringt. Dann kommt regelmäßig eine Zeit intensivsten aufatmenden Lebens. Arbeit und starkes Lebensgefühl und bunter Genuß. Wegen des Anfangs und der Folgen lohnen sich daher solche Geschichten immer noch, besonders, falls ich lernen würde, stets rechtzeitig Schluß zu machen.

 

18. Juli.

Mir träumte: großer Streit mit Franzl, ganz wider seine Natur machte er mir eine Szene. Er will unser Zusammenleben plötzlich aufgeben. Der nur halb ausgesprochene Grund: ich hätte den Moment taub vorbeigehen lassen, wo wir uns hätten ganz nahe treten können. Mit mir sei es überhaupt nichts rechtes. Ich bin wie vernichtet. Auch ganz gegen meine Natur schreie und weine ich. Mir ist, als sei ich seelisch zum Tod verurteilt. Franzl, dem ich diesen Traum erzähle, nennt dies einen Ergänzungstraum. Gerade das, was wir im Leben nie täten, das Gegenteil unserer Natur, ergänze der Traum.

Definitiver Brief Louisas. Sie demaskiert sich. Sie will ein möglichst gutes Geschäft machen und aus mir herausschlagen, was sie überhaupt kann. Ich will diese Dinge nicht in den Kern meines Lebens eindringen lassen, sie peripherisch behandeln, mich darin üben, über Äußerlichkeiten erhaben zu werden. Ich wundere mich, wie wenig mich das Ganze doch relativ innerlich aufregt gegenüber meiner Arbeit und meinem momentan wieder sehr starken inneren Entwickelungsprozeß. Was kann mir schließlich passieren, solange ich nicht wieder heiraten will: Verlust von ein paar tausend Mark mehr oder weniger. Bleibt nur das Gefühl, etwas Unsauberes, Unklares mit sich herumzuschleppen. Vielleicht sind solche Erfahrungen nötig, um den Wert zu fühlen von dem, was unsereiner außer dem Materiellen besitzt. Während andere verbittern und sich verärgern, wenn das Materielle scheitert, wird es vielleicht grade für uns ein Vorwand, souveräne Heiterkeit zu entwickeln, die Widerstandskraft zu stärken, die sich dann auch bewährt gegen die vielen kleinen Scherereien des Lebens, denen ich noch viel zu viel Macht über mich gelassen habe. Übrigens ist draußen ein glänzender weicher warmer Sommertag, der es mir heute leicht macht, froh zu sein. Weißer Anzug. Ich freue mich auf das Schwimmen und den Fluß.

 

Abends 11 Uhr:.

Ich drücke es in die Ecke, aber es frißt doch an mir. Nun werde ich es heute Abend mit einer Autosuggestion der Heiterkeit versuchen.

 

20. Juli.

Gestern mit Franzl in Chantilly. Sehr aufnahmefähig vor den Bildern im Schloß. Nichts von Sommermattigkeit, wie in den zwei letzten Jahren. Dann Spaziergang durch den erst dünnen, langweiligen, dann hübschen Wald nach Coye. Eisenbahn, daheim sehr müde. Abends wieder Autosuggestion. Es hilft.

 

21. Juli.

Franzl in Paris. Regnerisch, schwül. Allein im Boot auf der Oise. Hängende schwarze Wolken über silberweißem Abendhorizont. Abends zu Tisch kommen Davray und Frau. Liebe einfache Leute. Später noch Dreyfus und Frau. Im Garten reges, aber unwesentliches französisches Gespräch. Bei Tisch erzählte ich Davray von meiner Scheidung. Ihm war Louisas ›mollesse‹ auch als nicht zu mir passend aufgefallen. Ich rede ganz ruhig davon.

 

Sonntag, den 23. Juli.

Waldspaziergang mit Franzl. Farren, Spinneweben zwischen den Bäumen. Abends mit den Dreyfus's auf dem Fest von Isle-Adam. Athletenbude. Vier wilde Kerle, wie alte Gallier, fordern zum Kampf heraus, halbnackt. Mehrere Liebhaber kommen; Gewühl und Gedräng der nackten Rümpfe in der engen Arena. Wir kaufen einige ausgezeichnete Süßigkeiten. Langsam heim. Frau Dreyfus ganz besonders reizend. Er ist doch zu primitiv, fürchtet durch Form, Schule und dergl. werde seine Impulsivität gehemmt werden. Arme Impulsivität! In der Arena geriet Franzl in heftige Aufregung und drängte sich an mich und sagte: »O ist das kräftig!« Er war mir im Moment widerwärtig. Das Unschöne seiner Bewegungen stört mich wieder manchmal, wie vor vielen Jahren.

Regenspaziergang im schwül-feuchten, durchdunsteten Wald. Traumhaft üppige Farren, naß und groß. Abends verregneter Jahrmarkt, Heimweg bei Wolkenbruch. Ich bin wohl wieder etwas überarbeitet.

 

24. Juli.

Mit Frau Dreyfus allein Boot gefahren. Sie erzählt, wie schwer Dreyfus arbeitet, wie ihm oft aller Antrieb und Lebendigkeit fehle. Was man dagegen tun könne? Ich lobe ihn ein bischen, seine oft geistvollen, kritischen Bemerkungen. Aber er ist doch eine ohnmächtige Natur. Sie fühlt es wohl. Er braucht sie, sie ist sein Einziges. Nun hat sie das Kind und scheint nicht viel Geld zu haben. Sie möchte wohl lieber für sich sein und wieder mehr malen. Dann sprachen wir von gebildeten Mädchen, die sich hingeben, daß die meisten doch nur Demi-vierges sind. Ich erzähle von der kleinen Haiger. Dann gehen wir in den Wald und reißen einige Farren aus für den Garten

 

25. Juli.

Franzl nicht ganz wohl, allein auf dem Fluß. Eine Privat-Yacht voll junger Mädchen mit einem Priester. In der Kajüte singt eine rotlockige Schöne zu eigener Klavierbegleitung mit hübscher Stimme. Ich höre immer nur die Worte: »Amour, amour.« Rote Nachmittagsbeleuchtung. Auf dem Wasser fallen mir neue Szenen für »Montmartre« ein, das mich seit gestern wieder beschäftigt. Die Lösung endlich gefunden. Heimweg durch den rotdurchleuchteten Hochwald an einem endlosen Gemäuer entlang. Viel Hoffnung, nun mit »Montmartre« doch Erfolg zu haben. Falls ich durchdringe, plane ich, jahrelang nicht systematisch zu arbeiten, noch von den guten Jahren zu profitieren, die dann viel reicher sein werden, zu leben, zu schauen, und nur für später Notizen zu machen.

Heute ist ein kleiner schwarzer Hund gebracht worden, den wir Herr Peter genannt haben. Er ist drei Monate alt und soll im Winter das Haus bewachen. Madame Dolo hat ihn früh in den Hühnerstall gesperrt aus Angst, er könne uns stören. Dort hat er einige Stunden gejammert, bis ich ihn befreite. So wenig ich Hunde liebe, er hat durch seine Drolligkeit mein Herz gewonnen. Ich fasse ihn sogar gern an, als wäre es eine saubere Katze.

 

27. Juli.

Gestern Ruhetag. Morgens mit Franzl beim Arzt. Es scheint aber doch nichts zu sein. Der Arzt, gebildet, spricht deutsch. Villa, geschnitzter Rococobücherschrank voll moderner Literatur: Régnier, Rebell usw. Nachmittags kommt Dreyfus. Wir sprechen von seinen Sachen. Ich sage ihm, daß er zu verstandesmäßig an die interessanten gut erfaßten Probleme geht, daß er aber dann die architektonischen Gerippe nicht mit starken Symbolen ausfüllt, sondern mit Sentiments behängt. Daher kommt es, daß er, der zu verstandesmäßig arbeitet, doch im Gefühl zu zerfließen scheint. Abends saßen wir dann bis Mitternacht bei ihnen im Garten. Er liest seine Gedichte, und ich bin erstaunt über die Fülle von Anschauung und Melodik, die hier wieder in Trivialitäten und Commentaren über Weib und Liebe eingebettet sind. Ich halte weder mit superlativischem Lob noch Tadel zurück. Franzl sekundiert. Das macht ihm und ihr anfangs starken Eindruck. Dann aber stellt er sich wieder auf die Hinterbeine und verteidigt die Liebesimpulsivität als einzigen höchsten Stoff gegen George, Platen, Hölderlin und Goethe. Schade für ihn, er hat gute Ansätze.

Nachmittags allein auf der Oise. Ich fuhr einmal stromabwärts an einer bewaldeten Insel mit beschattetem, terrakottafarbigem Landhaus vorbei, grüne Läden, ein Zelt an der Landzunge der Insel. Ein singendes Mädchen im weißen Hut. Ich fahre bis in die Schleuse, dann zurück. Sonnenuntergang. Alles grau, und das Schilf duftet. Flußleben, Boote mit Fischern, eine Gesellschaft mit vielen hellgekleideten Mädchen setzt eine Dame am Ufer ab. Sie geht durch die Felder. Ich halte eine Zeitlang mit ihr Tempo. In prachtvoller Ermüdung komme ich heim.

Heute beim Frühstück noch voller Verve von dem gestrigen Ausflug. Ich gehe an meine eigenen alten Sachen, lese dem Franzl einiges daraus vor, finde manches gut, aber in zu George'sches Pathos gespannt. Das muß gelöst werden. Dann Geschäfte, Bankabrechnungen, verringertes Einkommen, Ärger über die Scheidung.

 

29. Juli.

Stadttraum: Gasse, wo mir eine bräunliche Dirne zublinzelt, die ein Wägelchen schiebt, mich dann offenbar auslacht. Schmale Steintreppen führen in niedere Gassen. Dann abschüssige Straße, links ein großes Bordell. Heute Nacht wieder ein Bordelltraum, aber in Berlin. Abends dort mit Damen der Gesellschaft und Pariser Bekannten. Wir trinken Tee. Die Mädchen sitzen brav da, hell angezogen. Ein bischen wie Chansonetten, meist langweilig, einige hübsch. Am nächsten Tag gehe ich wieder hin, suche mir eine aus. Sie beginnt die Unterhaltung mit den Worten: Weißt du, manche geben 150 Mark. Ich werfe sie hinaus und verlange eine andere. Es kommt ein blutarmes, bleiches, dünnarmiges Ding mit schwarzer Brille auf. Ich schicke sie weg, auch eine dritte mag ich nicht, schimpfe ein bischen auf französisch. Inzwischen habe ich mich aber schon entkleidet und mein Geld nach Metallen geordnet auf den Tisch ausgebreitet. Gegenüber ein graubärtiger Herr, der bis dahin alles, was ich tat, lächelnd zu billigen schien. Er setzt sich zu mir an den Tisch, berührt mein Geld. Ich untersage es ihm. Er wirft es scheinbar zum Spaß durcheinander. Ich raffe auf, was ich kann. Geldstücke bleiben an seinen Fingern hängen.

Dieser Monat war sehr wesentlich für die Entwickelung meiner Arbeit. Ich habe zuerst das aphoristische Prinzip als meine Denk- und Ausdrucksform für den Essay gefunden. Ferner sind mir über meine dramatische Form die Augen aufgegangen. Gestern morgen bin ich nun auch wieder an meine Gedichte gegangen, finde auch endlich unmittelbar einfachen Ausdruck, frei von George. Dazu die kleinen Dialoge über Frauen.

Viel Ärger mit Dreyfus, dessen beschränkte Kunstrichtung mich immer zum Widerspruch reizt und mich schärfere Dinge sagen läßt, als ich möchte, und die ich dann bereue. Ich komme nun einmal nicht aus mit Menschen, die schwächer sind, als ich. Ohne zu wollen beleidige ich sie immer, auch wenn ich gar nichts sage.

 

30. Juli.

Gestern nachmittag, Sonntag, viel »ennui«. Plötzlich voll Ärger über Louisa. Franzl immer noch leidend. Wir schleppen uns ein wenig zwischen Feldern am Waldrand umher, beschließen, mit Alkohol gegen diese Verstimmung anzukämpfen. Bei der Witwe Cassan trinken wir einen guten Bordeaux, der bald die nötige Stimmung bringt. Heimkehr im roten Abend, sehr lustig. Abends bei Dreyfus zum Essen. Nach Tisch große Müdigkeit. Franzl sagt Wunderhornlieder. Ich ziehe mich früh zurück.

Heute seit früh 5 Uhr von dem Scheidungsärger befallen und finde einen Ausweg. Ich stelle die Alternative: entweder eine einmalige Abfindung oder Wiederherstellung des Haushaltes, wobei ich sie aber dann nicht mehr als Frau, sondern nur noch als Haushälterin behandeln kann. Jetzt muß es sich entscheiden. Das scheint mir der Wendepunkt. Eine Stunde darauf schrieb ich den Aktschluß des zweiten Akts von »Montmartre«. Damit scheint auch hier der Ehealp, der dies Stück nicht aufkommen ließ, gehoben. Es scheint doch Schicksalszusammenhänge zu geben. Was uns geschieht, geschieht gleichzeitig in verschiedenen Ebenen, aber wieviel Mühen und wohl auch Ärger stehen mir noch in beiden Ebenen bevor! Aus diesem Grunde haben wir entweder lauter Unglück auf einmal oder lauter Glück. Die Ursache dieselbe, doch auf verschiedenem Gebiet wirksam.

 

31. Juli.

Wieder Stadttraum: Unterirdische Schänke. Ich steige eine Treppe nach der Straße hinauf. Es begegnet mir ein hagres Volksweib in weißem, langem Hemd. Ich entsinne mich, sie einmal besessen zu haben. Dann auf einem promenadeartigen Platz. Unser Bootsmann, der uns nachmittags immer den Kahn ablöst, hat einen ermordet, gibt mir das leicht blutige Messer. Auf einem Sockel liegen nebeneinander ein Paar ganz hohe Stulpenstiefel, wie abgeschnittene Beine. Ich lege das Messer in einen der Stiefel, damit man glauben soll, ihr Besitzer sei der Mörder gewesen. Dann in durch dämmeriges Taglicht trüb erleuchtetem Steinraum am Wirtshaustisch, auf dem ich meine Manuskripte ausbreite. Der Mörder sitzt nervös bei mir am Tisch, rückt aber dann auf der Bank weg und beteiligt sich jauchzend am Tanz einer Schar von Volkstypen in der Mitte des Raumes.

 

1. August.

Sicher gibt es auch bei Tieren die Abendschwermut. Wenn es dämmerig wird, legt sich der Peter auf die Schwelle. Er kommt nicht ins Haus, weil er weiß, daß er das nicht darf. Ich nehme ihn dann auf den Arm und trage ihn in den Hühnerstall auf sein Lager und streichle ihn. Da bleibt er dann wie ein zu Bett gebrachtes Kind. Aber nie wird er ohne diese Art von Gutenachtkuß allein dorthin gehen. Er würde dann wohl auf der Steinschwelle einschlafen.

Eins der treffendsten Argumente der Pessimisten gegen die Welt ist doch das, daß alles durch die Gewohnheit reizlos wird. Gestern Abend zu ungewohnter Stunde à la selle. Wie wiedergeboren. Gewöhnte ich mir diese Stunde an, so wäre es nichts besonderes, genau so, wie jetzt jeden Morgen.

Gestern Abend allein mit den Dreyfusens auf dem Wasser. Franzl noch immer krank. Fiebrig verschleierter Mond. Ganz flaches, unbewegtes Wasser, gespenstische Spiegelbilder der Erlenbüsche und Ulmenwände. Heimweg durch den Wald, durch enge verwachsene Schneisen. Zweige und Spinnweben streifen einem das Gesicht. Totmüde nach Haus. Um 1 Uhr nachts stieß ich im Schlaf einen lauten Schrei aus, träumte, ich läge draußen am Treppenabsatz und häßliche Reptile näherten sich mir, ich aber sei bewegungslos. In der Nacht viele Träume. Kubins und Richard bewohnten irgendwo ein modernes Mietshaus. Als ich Richard zum Essen rufen soll, ist er im Garten von 6 bis 8 menschengroßen, aufrecht gehenden, gelbbraunen, zottigen Tieren umgeben (Lieflamm!) mit teils menschenähnlichen Gesichtern. Eins sieht ihm ähnlich. Er nennt es deshalb Richard. Ich frage ihn, ob denn diese Anschaffung nicht sehr teuer gewesen sei. Er erwidert, das sei ja gerade das Schöne, Liebhabereien müßten immer Geld kosten. Ich frage mich, woher er es nimmt, da ich doch sein Geld zu verwalten habe. Dann im Haus bei Agnes. Sie liegt im Bett, ist etwas dicker geworden und hat harte, scharfe Züge, wie eine norddeutsche Beamtenfrau, und ziemlich große, unschöne Hände. Auf dem Rückweg zu Kubin's verliere ich mich im Treppenhaus. Dann wieder in Spanien. Man stellt mir einen jungen Kerl zur Verfügung, der mir die Nachtseiten des städtischen Lebens zeigen soll. Andere machen mir Vorwürfe, daß ich mit diesem ginge. Er sei homosexuell. Einmal berührt er mich tatsächlich und ich entdecke, daß ich eine Gonorrhoe bekomme. Dann bald in einer Klasse, bald im Bureau eines Hotels. Manchmal ist es Spanien, manchmal Japan. Ich werde politischer Umtriebe verdächtigt, Verhör in der Klasse. Noch drei Deutsche. Für die Japaner bedeuten wir nur Holzschnittfiguren, sagt der Lehrer. Ich denke, wie keck doch diese Japaner seit ihren Siegen geworden sind. Dann sagt der Geschäftsführer des Hôtels, ich hätte mit einem Orgelspieler radikaler Richtung neulich in einem Konzert mich durch Blicke sofort verständigt. Ich sei auch betrunken gewesen. Ich antwortete: »Das ist ja unmöglich, Sie waren ja den ganzen Vormittag bei mir.« »Ja, betrunken vor Nervosität«, meint er. Wir sprechen spanisch. Dann sagt ein anderer, wenn ich mich nicht verdächtigen wolle: »perdez d'abord l'habitude de sortir quand il fait noir«. Nun schlage ich auf den Schreibtisch und schreie, das täte ich seit 15 Jahren. Auf meinen Abendspaziergängen kämen mir meine besten Inspirationen. Ich würde mich an Pérez Galdós, den großen Schriftsteller wenden, der schon seinen Kollegen schützen wird. Ich nenne ihn aber Rezzonico. Das machte großen Eindruck.

Heute Ruhetag. Schwül, bedeckter Himmel. Eben mit Frau Dreyfus und dem kleinen Gigi auf der Waldwiese. Wir sprechen von ihm, während Gigi stets Erde essen will, die seine Mutter ihm mühsam wieder aus dem Mund holt. Sie kennt ihres Mannes Schwächen so gut, daß er alles subjektiv nimmt, nichts objektiviert. Das hält er nun für besondere Unmittelbarkeit und Impulsivität. Darin dünkt er sich gewiß auch Franzl und mir überlegen, die er sonst für sehr gescheit und interessant hält, aber uns fehlt doch nach seiner Meinung die Hauptsache. Wir sind ihm zu »lebensfern«. Später fuhr ich nach Paris. Um halbvier dort. Bank, Besorgungen, traf die Baronin in der Bibliothek. Sie hatte ganz flockiges Haar, wie frisch gewaschen, und roch gut, drückte mir fest die Hand und bot mir einen Sessel neben sich an. Es sei wirklich keine konventionelle Zimperlichkeit, daß sie noch nicht in Isle-Adam war. Ich glaube es aber doch. Sie geht sehr erfreut auf ein Rendezvous nächsten Mittwoch in Paris ein, um den Abend zusammen zu verbringen. Dann gehe ich auf das linke Ufer, Buchhandlungen. Mein Köfferchen bringe ich auf den Bahnhof zurück. Dann schlendere ich zu Fuß die Rue Lafayette hinunter, 6 Uhr, schaue den Mädchen nach, finde aber nichts besonderes. Vor der Galerie Lafayette stauen sie sich, aber alles, was hübsch ist, scheint aufs Land entführt. Hinter der Oper herum, Rue de la Paix überall dasselbe. Vor dem Café de la Paix kommt eine große Brünette, ungeschminkt, sonnenverbrannt, blaue Augen, Panamahut, durchschimmernde weiße Bluse, kein Korsett. Ich rede sie an, sie ist fast schüchtern, geht aber ohne Ziel auf den Boulevards spazieren. Sie komme von New York, wo man sie aber nicht ans Land gehen ließ: »On n'y aime pas les femmes, surtout les françaises.« Apéritif vor dem Grand-Cafe. Sie will um halb acht zum Diner zu Haus sein. Ob ich vorher einen Moment mitkommen will. So zwischen Apéritif und Suppe. Paßt mir nicht, nehme Abschied. Durch die Rue Royale, Champs-Elysées, esse im Alcazar d'éte in herrlichem Grün, darüber Vollmond. Aber während ich esse, merke ich, daß ich das Bulletin für mein Handköfferchen verloren habe. Omnibus nach dem Bahnhof durch die abendlichen Champs-Elysées und die großen Boulevards. Wie voll Genuß ist die Stadt und wie tonisch wirkt sie, wenn man sie nur als Gast besucht. Am Bahnhof viele Formalitäten, die Beamten vollendet höflich. »Ah vous allez à Isle-Adam«, sagte der Chef des bagages, »que vous avez raison, c'est un bel endroit, j'y ai une sœur mariée et j'y vais souvent pour la pêche à la ligne.« Auf die großen Boulevards zurück. Ecke Rue Poissonnière taghelle Beleuchtung des Matin, Kinematograph. Auf den Trottoirs hocken Reihen von Arbeitern und Weibern und schauen zu. Auf einigen Sandhaufen liegen durcheinander Menschen und atmen die staubige Pariser »Abendfrische« und ergötzen sich an dieser Gratisvorstellung. Furchtbare Schwüle, Asphalt-Petroleumgeruch und Patschouli dazwischen. Rue Poissonnière, rotbeleuchtetes Haus. Emma, große starke Blondine mit kleiner schöner Brust, rosaseidene Strümpfe, tüchtig, aber nicht ersten Ranges. Dann Wagen zur Bahn. Im Coupé ein hübsches, aber etwas muffiges Blondinchen aus Isle-Adam. Als ich sehe, sie fürchtet sich ein bischen mit mir allein in dem trüb erleuchteten Coupé, frage ich sie, aber etwas ironisch, ob ihr das Zusammensein sehr unangenehm sei, und setze sie dann, als sie ausweichend antwortet, durch ausgesuchte Höflichkeit etwas in Verlegenheit. Sehr amüsante Stimmung.

 

2. August.

Eine Postkarte mit entzückendem Bildchen von Irene aus England. Warum müssen solche Mädchen, solange man sie liebt, einen so stark mit Beschlag belegen, daß man sie nach 14 Tagen müde wird, während man nach kleinen Abständen sie immer wieder gern sähe. Ich habe heute geradezu Sehnsucht nach Irene.

Ob ich nicht doch eines Tages daran denken werde, die Baronin zu heiraten? Ich brauche stets Menschen, die mir etwas sagen können, die sich formulieren. Darum war die schöne, aber immer verschwiegene Louise Bücking so garnichts für mich. Wenn auch die Baronin nicht viel Geld hat, so wird man bei ihr doch niemals das Gefühl haben, wie bei Louisa, eine Plebejerin erhoben zu haben. Freilich, in der Enge möchte ich auch mit ihr nicht leben. Warten wir auf den Erfolg meines Stückes! Wie sie wohl zu mir steht? Sie muß noch erfahren, daß in mir nur eines fest ist, der Geist, und auch der Wille, der ihn bedient. Alles andere schwankt und schillert. Gesundheit, Gefühle, Betragen, Formen.

 

Nachts:.

Ein schrecklicher Nachmittag, dumpfe Schwüle. Brief von Richard, aus dem ich sehe, daß er mit etwas Klugheit und Teilnahme für mich die ganze Scheidungsgeschichte hätte günstig gestalten können, da sich die Familie Fuchs an ihn gewendet hat, und nur durch sein törichtes Gerede Frau Fuchs die Illusion gewann, sie habe meine Familie auf ihrer Seite. Ich war zeitweise der Verzweiflung nahe über diese mangelnde Liebe, denn ich finde, auch bei Hedwig hat ihre Trägheit und ihre Nerven mehr vermocht, als ihre Neigung zu mir. (Spätere Randbemerkung: Später allerdings muß ich das zurücknehmen, denn Hedwig war in dieser Zeit schwer krank und lag im Krankenhaus.) Endlich nach Tisch setzte ich mit Franzl einen Brief auf, den dieser morgen an Richard schickt, damit man endlich erfährt, was denn geschieht. Seit es schwarz auf weiß steht, bin ich, wie immer, ruhiger. Gegen Abend 7 Uhr ging ich noch an den Fluß, um schnell zu baden, wurde von plötzlichem Gewitter und Regen überrascht, während ich nackt vor meinen Kleidern stehe, in die ich naß krieche. Rette mich in eine dämmerige Kneipe, wo zwei alte Leute über »ce sale petit temps« reden, als sei so etwas seit 5000 Jahren nicht vorgekommen.

 

3. August.

Brief von Hedwig, der doch etwas beruhigender ist.

Auf dem Weg zum Schwimmen zwei Damen, eine wie ein ziemlich gute Geschäfte machendes Fräulein aus dem Quartier Latin gekleidet, ziemlich elegant, auffällig, schlank. Bizarres Gesicht, dünne, offene Lippen, darauf zwei dünne dunkelrote Streifen. Hoffentlich nur heute wegen aufgesprungener Haut. Reizende blaue Augen und kastanienblondes Haar. Ich rede sie an, – Lächeln. Die andere, »insignifiante«, entfernt sich. Sie ist Malerin, sie lebt allein, sehr zurückhaltend. Sie will gehen, zögert aber wieder, während ich sie zurückhalte, verspricht mir, zu schreiben. Sie ist hier seit einem Monat en villeggiature, kann nicht gut bei sich empfangen, fürchtet das Geschwätz der Leute.

Gestern Ansichtspostkarte erhalten mit dem Text: »L'inconnue d'hier.«

 

Sonntag, den 5. August.

Zum Tee bei Dreyfus. Oppenheim und Schwester, Studentin der Anthropologie, wirklich klug. Lachende Augen, schöner Mund, schlanke Gestalt, aber Judenhände und Judennase. Zu klug und weiß darum die Hauptsachen des Lebens doch nicht. Nichts strömendes.

Ich denke viel an die Baronin. Wenn ich mit meinem Stück etwas verdiene, dann wäre doch an eine Ehe zu denken. Franzl sagt, das sei die rechte Frau für mich.

 

7. August.

Gestern mit Franzl im Theater auf der Messe. La Mascotte. In einer Bude wird Theater gespielt. Man hört von draußen die verschiedenen Musiken der Messe, wogegen vergeblich das abgespielte Klavier, das als Orchester dient, ankämpft. Die Spielerin der Mascotte verwachsen, mit geschwollenen Gelenkknochen an Armen und Händen. Rheumatismus oder Knochenfraß. Daß das Gesicht entfernt an gewisse Hübschheiten erinnert, macht sie geradezu gespensterhaft, eine Parodie auf das Leben. Es gibt eine Art Mißratenheit, die durch einzelne Vorzüge noch verschlimmert wird. Darum ist Sentimentalität gerade dann so furchtbar, wenn eine Spur Echtheit dabei ist.

Denke fortwährend an die Baronin. ›Montmartre‹ fertig. Beifall von Franzl und Dreyfus.

 

9. August.

Gestern war ich mit der Baronin in Paris verabredet. Heute Absagetelegramm, sie erwarte stündlich Depesche, die sie nach Osterreich zurückruft. Ich fahre doch nach Paris, finde sie in der Bibliothek. Sie lädt mich ein, zu ihr zu kommen. Wir essen dann im ›Lucullus‹ im Freien, reizende Aprèsdinerstimmung bei Zigaretten. Immer, wenn ich bei ihr bin, ist sie liebenswürdig, vertraulich, kaum bin ich fort, sucht sie sich durch Ausflüchte weiteren Verabredungen zu entziehen durch nur allzu durchsichtige Lügen. Die Unterhaltung entzückend. Sie ist eine der interessantesten Frauen, die ich kenne. Mischung von Sonne und Saturn. Ich sagte ihr das beim Abschied auf den Kopf zu und sagte, sie fände gewiß in ihrer Hand die Sonnenlinie, sie sah nach und es fand sich eine wahre Grube. Wir sprechen über Ehe und Liebe, als ob so etwas zwischen uns beiden ganz ausgeschlossen wäre. Sie gibt die kameradschaftliche Ehe zu, ohne eigentliche Liebe, aber die Liebe vonseiten des Mannes müsse stärker sein. Später meint sie, in jeder Frau stecke ein Stück Courtisane. Wenn sie sich in schlechten Momenten pessimistisch beurteile, sei sie doch blos sentimental und sinnlich. Ich erwidere: Gewiß als Disposition, aber die Leidenschaft könnte diese Sinnlichkeit und Sentimentalität aktiv werden lassen und veredeln. Den Franzl mag sie nicht leiden. Er ist ihr physisch unangenehm. Ich prophezeie, sie wird mit ihm nach 2 oder 3 längeren Unterhaltungen intim befreundet sein. Im nächsten Winter ist sie in Wien. Im Sommer will sie in Italien umherziehen und in den Bibliotheken der einzelnen Städte arbeiten, im übernächsten Winter Rom. Wie das alles mit meinen Plänen stimmt. Trotzdem, ich bin nicht verliebt, aber außerordentlich von ihr angezogen.

 

11. August.

Gestern schnell entschlossen nach Paris. Petits Carreaux, Germaine, große schlanke Blondine, kecke, spitze Brüste, keckes, hohes Kinn. Übererregt, denn vorher eine Stunde Dämon in La Chapelle. Um 1 Uhr vor der Abfahrt Aperitif vor einem Café in Isle-Adam. Provinziale Alltagsstimmung. Leere Gassen. Drei Vagabunden gehen von Haus zu Haus und singen alle 10 Schritte von neuem ›O sole mio‹ in französischem Text. Niemand gibt ihnen etwas. Gelangweilte Weiber kommen an die Fenster. Ein kleines Mädchen mit einem Geléebrot kommt vorbei, führt einen kleinen Jungen in langen Hosen, der sich ein Geléebrot über die Backen schmiert. In einer Droschke kommt eine gelbe aufgedunsene Witwe angefahren, bewegt sich schwerfällig aus dem Wagen und geht ins Haus. Dem Kutscher wird ein Bock gebracht. Das Pferd zuckt mit der Haut, um sich von den Fliegen zu befreien. Eine scharfe Sonne dringt häufig durch schwere, zähe Wolkenballen.

 

12. August.

Peter ist ein trivialer, dicker Hund geworden. Wir mögen ihn nicht mehr leiden.

 

13. August.

Gestern Abend bei Dreyfus. Er liest was Schlechtes, Dilettantisches von sich selbst vor. Dann erzählt sie, auf den Divan gekauert, in ihr weites weißes Kleid verkrochen, mit süßer Kindlichkeit wundervolle selbsterfundene Märchen, von deren wahrhaftem Wert sie nichts ahnt.

 

14. August.

Ich möchte 100 Jahre lang ein reiches ausgefülltes Leben führen, ohne Krankheit, und eines natürlichen Todes sterben, d. h. weil die Kräfte aufgebraucht und alle Möglichkeiten erfüllt sind. Der Tod zwischen 50 und 60 kann nicht natürlich sein, er beruht stets auf Krankheit, die ein unnatürliches Leben entwickelt hat.

Gestern in Paris, Nationalbibliothek, die Baronin. Seinefahrt mit ihr nach Bellevue. Bis in die Dämmerung auf der Terrasse von Meudon. Blick in die sanftverhüllten Täler und über die Hügel, die bisweilen die Abendsonne blaß übergoldet. Abendessen im Park unter hohen Bäumen. Heimfahrt auf dem dunklen Schiff. Abends um 11 am Bahnhof. Dort treffe ich Hessel etwas beschwipst, der eine kleine Bordellreise hinter sich hat. Ich bin einig mit der Baronin über viele Fragen. Sie sagt, alles in ihr sei bewußt, aber aufrichtig. Zwei junge Leute in einer Augustnacht unter alten Bäumen allein. So sitzen wir und verdammen prinzipiell die Gefühle und die Liebe. Ich, weil ich so schlecht damit gefahren bin, sie, weil sie sie nicht kennt. Sie verfehlt keine Gelegenheit, gegen diese Dinge zu sprechen, und ich bestärke sie darin und sage, ich erwartete für den Rest meines Lebens mehr von der Freundschaft, als von der Liebe. Ich bekämpfe die Gefühle jetzt prinzipiell. Brechen sie trotz allem hervor; so seien sie dann wirklich stark und echt, das sei eine Probe. Man müßte sie scheinbar auf vernünftiger Kameradschaftlichkeit heiraten, sie aber heimlich wirklich lieben und sie dann gewinnen. In den glühendsten Nächten nie mit ihr von Liebe reden, sondern manchmal halb ironisch versichern, alles, was man fühle, sei nur Freundschaft, Verehrung, vielleicht ästhetischer Reiz, sich gegenseitig seine Gefühle verbergen und sie dadurch um so höher anstacheln. Der Gedanke macht mich zittern. Auf dem Schiff komme ich auf einiges aus meiner ›Diesseitsmystik‹. Sie geht teils darauf ein, teils versteht sie nicht. Ich sage ihr, man muß erst sein Herz töten, über alles Individuell-sentimental-Novellistische erhaben sein, um das Leben in seiner Einheit zu fassen. Hessels Gedichte gefallen ihr. Er sei ihr schon fast sympathisch geworden.

 

15. August.

Gestern, als wir zum Fluß gingen, Gespräch mit Hessel. Er leugnet den wesentlichen Wert unserer Zeit. Der Baumeister eines gothischen Domes habe stärkere Lebensgefühle gehabt, als wir. Gerade unsere Vielseitigkeit sei unsere Beschränkung. Ich glaubte das früher auch. Aber es ist ein romantisches Märchen. Heidnische Zeiten ausgenommen, gegen die wir blaß sind, wüßte ich keine Zeit, die eine so unvoreingenommene Lebensschwingung ermöglicht hätte, wie unsere. Daß wir Gothik lieben können, ohne das moderne Französische zu lästern, daß wir nicht mehr nach irgend welchen Prinzipien urteilen, daß wir überall das Lebendige suchen, die gewordene Form überall erkennen, daß wir ohne Rousseausche Formeln die Natur lieben und deshalb doch nicht die ›Gesellschaft‹ zu verachten brauchen, das Volk lieben ohne populär zu werden, daß wir wissen, daß wir nichts wissen, sondern mit dem Leben schwingen können, das ist alles erst möglich, seit Nietzsche von einigen verdaut ist. Aber auch Nietzsche hat noch nicht alles geahnt.

Der bedeutende Künstler ohne Mitwelterfolg, eine fast nur deutsche Erscheinung, weil er durch die unglückliche Form seines Werkes es nur dem engeren Kreise möglich macht, ihn zu würdigen. Für die Nachwelt wird er dann durch Kritiker interpretiert. Wer die nötige Qualität mit der Quantität der Werke vereint und eine klare Form findet, muß schließlich die Besten seiner Zeit doch mitreißen. Lothar konnte nicht weiter, als auf Kenner wirken, erstens, weil das Problem nicht erschöpft ist, also Fragment bleibt, zweitens, weil zu dem eigentlichen Problem noch so vieles andere, an sich vielleicht Gute hinzugefügt wurde, was aber die Linie stört. Ein reines klares Lotharbuch oder ein reines Legendenbuch, wie der König, oder ein Burleskenbuch, wie »der gläserne Gott« müßte wirken. So aber habe ich mir stets durch ein Zuviel, durch Vielseitigkeit den klaren geraden Weg unmöglich gemacht. Dülberg macht es wieder anders. Statt seine komplizierten Innenprobleme klar herauszukristallisieren, behängt er sie mit sozialen banalen Symbolen, die aber erst recht das Publikum irreführen, das lieber das ganz Abstruse sich gefallen läßt, vorausgesetzt, daß es konsequent bleibt. Wer kann es dem Publikum übel nehmen, daß es sich nicht die Mühe nimmt, aus Hessels Gedichten die paar vorzüglichen auszuwählen, sich durch die vielen dunklen Seiten durchzuwinden? Alle wirklich bedeutenden französischen Autoren hatten zu Lebzeiten Erfolg, außer einigen zweifelhaften modernen. Bei Flaubert freilich ist zuviel Langeweile, bei Laforgue zu viel Dunkelheit, die nicht implicite dazu gehört, und das ist eher deutsch.

Heute Nacht träumte ich, ich sei auf meiner Hochzeit mit Louisa, aber wir lagen gleichzeitig in Scheidung. Ich ärgerte mich über die ordinäre Behaglichkeit, mit der sich die Familie Fuchs amüsierte. Ich ließ mich kaum im Saal sehen, sondern suchte nach Papa, der, um Zithern und Guitarren zu prüfen, mit jemand in einen Seitenraum gegangen war. Als ich unterwegs nach ihm fragte, sagte mir jemand, er habe sich erschossen, offenbar aus Verzweiflung über meine Scheidung. Ich schrie vor Verzweiflung laut auf, als ich ihn durch eine Tür meinen Namen rufen hörte. Im Zimmer lag er, verbunden an Händen und Gesicht, er versicherte, nur leicht verwundet zu sein. Ich versprach ihm weinend, ich würde die Außenwelt aufgeben und wieder bei ihm und Mama leben.

 

17. August.

Gestern in Paris mit Numa Praetorius. Wie dünn und arm das Leben dieser Art Menschen. Seine Sinne befriedigt er in Straßburg mit 4 bis 5 Professionellen, die er kennt. Er fühlt die Leere, nichts, wie er sagt, »fürs Herz« zu haben. Das Beste, was er finden kann, rekrutiert sich aus dem mittleren Handelsstand. Nachmittags führte er mich in eines seiner Dampfbäder hinter der Bastille. Fantomale dunkle Gestalten in dem fast dunklen Dampfraum; abends auf dem Boulevard zeigte er mir die widerlichen Gestalten, denen die sogenannten »Tanten« nachlaufen. Übrigens hat er mir sein juristisches Gutachten über meinen Prozeß gegeben und mich von einem Alp befreit, der mich seit ein paar Tagen wieder drückte. Er selbst ist Amtsrichter. Wie fehlt dieser Praetorius'schen Richtung das Mysteriös-abenteuerliche. Reine Banalität, noch banaler, als das Vulgär-normale.

 

20. August.

Es ist seit einigen Tagen Herbst. Mehrere kalte Regentage. Dazwischen Wind und rauhe Bläue. Jetzt schöne kühle Herbstklarheit, leider noch zu früh im Jahr. Gestern, Sonntag, mit Franzl und Dreyfus über Land. Hügellandschaft mit weiten Blicken über wellige Gegenden. Abgeerntete Acker, Abendessen in Nesles in einer Landherberge. Rotwein, sehr lustige Nachtischstimmung. Heimweg singend auf dunkler Landstraße, alle vier Arm in Arm, ich neben der niedlichen Frau Dreyfus.

 

21. August.

Wieder Hochsommer. Gestern in Paris. Mit der Baronin gegen Abend auf dem Seineschiff nach Boulogne gefahren. Spaziergang im Bois de Boulogne bei Longchamp. Abendrot und Schwäne auf Teichen. Abendessen in Suresnes am Wasser. Dann zu Fuß durch das stichdunkle Bois. Im Métro zurück. Auf dem Schiff empörte sie sich über eine freilich sehr häßliche säugende Frau. Dieser Vorgang ist ihr an sich widerlich, ebenso, wie Kinderkriegen und dergl., obwohl sie es für die Ehe doch für sehr wünschenswert hält, aber im Grunde dégoût vor dem Physiologischen, wie Frau Lampe und viele andere moderne Frauen. Das enttäuscht mich sehr. Wenn ich auch von Louisa keine Kinder haben wollte, so war das nicht aus physiologischen, sondern rein aus ökonomischen Gründen. Später fing sie immer wieder von Mystik zu sprechen an. Ich warne sie vor Büchern. Sie soll ihre eigenen glühenden Augenblicke festhalten und keinem wärmebedürftigen Vampyr erlauben, sich von ihrer Wärme zu stehlen.

Gegen Mitternacht Petits Carreaux: Lucienne. Gelbseidenes Zimmer, brav, gewohnheitsmäßig. Dann bei Pousset Hessel mit Bruder getroffen, der das schlechtrassige Hesselsche Element zu haben scheint, ohne Franzis feine Individualität. Vorstehende Oberzähne, die dem Gesicht eine dauernde grinsende Freundlichkeit verleihen. In später Nacht Heimfahrt mit Franzl.

 

23. August.

Gestern Franzls Bruder und Dreyfusens bei uns zu Tisch. Doktor Hessel langweilig, erzählt aber nett von Bologneser Gesellschaft und Frauen, macht mir große Lust, meine mit Franzl geplante nächstjährige Reise in Bologna zu beginnen. Frau Dreyfus wieder entzückend. Nach Tisch im dunklen Garten. Sie ausgestreckt auf der Chaiselongue. Ich verliebe mich ein bischen in sie.

Die gewiß unbewußte Absicht Wolfskehls und des Darmstädter Kreises war, mich am vollen Aufkommen zu hindern, da man instinctiv meine Erkenntnis ihrer Haltlosigkeit und Grundlosigkeit fürchten mußte, andererseits mich aber doch zu karessieren, da meine für diesen Kreis ungewohnten Eigenschaften der Weltkenntnis, Sicherheit und Energie nicht für sie verloren gehen sollten. Außerdem unterhielt ich sie und schmeichelte ihnen, ohne zu wollen. Erst die Ehe mit Louisa ließ mich die ganze Entwickelungslosigkeit und Faulheit dieser Richtung durchkosten und befreite meine Entwickelung von zehnjährigem Zwang. Darum Louisa doch eine Notwendigkeit für mich gewesen.

 

26. August.

Vorgestern war Franzl in Paris. Allein mit Dreyfusens Spaziergang nach der Abbaye du Val und nach Stores. Alle Felder sind abgemäht, überall Heuschober (meules) in der Abendsonne.

Gestern fand ich unter meinen Briefen die Photographie von Louisa, Stern und mir aus Granada und las einige alte Briefe von ihr. Die alte Rührung, die sie mir so oft einflößte, ergriff mich wieder. Ich hätte sie in die Arme schließen und ruhig fragen können: Warum tust Du das alles Dir und mir an? – Am Nachmittag Karte von Hedwig, auf deren Vermittelungsvorschlag sie überhaupt nicht geantwortet hat.

 

27. August.

Gestern, Sonntag Nachmittag, Waldspaziergang mit Franzl und seinem Bruder. Erst erzählt er von seinen Liebesgeschichten als Student, platonischen und anderen mit kleinen Mädchen. Überall wundere ich mich über das Reizende, oft Poetische, oft rührend Amüsante seiner Situationen. Eine Münchener Wirtin, die ihn bemuttert, die ihm verschiedene Mädchen verbietet, weil sie ihn ausbeuten wollen, dann aber mit der »Richtigen« zu seinem Wohl gemeinsame Sache macht. Sie ist 2 Jahre älter als der junge Student, Direktrice, hat stets mehr Geld, als er, hält ihn streng, läßt ihn nicht allein ausgehen, überrascht ihn auf einer Redoute, nimmt ihn aus dem Arm einer anderen weg und führt ihn nach Hause, wie einen unartigen Buben.

Später kamen wir auf theoretische Gebiete, und da zeigte er sich dumm und verkehrt. Eine wissenschaftliche Logik, die alles sterilisiert. So findet er auch z. B., daß die Prostitution, von der er ausgiebigen Gebrauch macht, so wie sie ist, ganz ausgezeichnet geregelt sei und nicht anders geregelt werden könne. Er hat die prinzipielle Logik des Wissenschaftlers, die nichts anderes als Nihilismus ist.

 

28. August.

Gestern Louisas Brief, der Hedwigs Vermittelung ablehnt. Langes Gespräch mit Franzl während des Ruderns auf dem herrlich beleuchteten Fluß. Der Herbst ist doch unwiderruflich da. Kühle, klare Sonnentage. Franzl meint, ich liebe meine Geschwister mehr, als sie mich. Ich sei ihnen nicht bequem, und darum haben sie mich, ohne Böses zu wollen, instinktiv bei Frau Fuchs nicht genug in Schutz genommen, die dadurch in ihrer Feindseligkeit gegen mich bestärkt wurde. Sie halten mich für einen Tyrannen, und dabei bin ich blos überlegen, leide selber unter diesem Überlegenheitsgefühl, wie Hessel erkennt, möchte, daß alle Leute mir gleichwertig sind. Meine Not nach ihrer Liebe wirkt daher nur peinlich auf sie. Ich glaube, meine Beziehungen zu den Menschen können nur durch einen großen künstlerischen Erfolg geregelt werden. Erstens wird mich das liebenswürdiger machen, vorläufig bin ich der Gebärde nach wie ein Grand Seigneur ohne die nötigen materiellen Fonds. Ich könnte mit dem Untergrund allgemeiner Anerkennung mich viel sicherer entfalten und äußerlich bescheidener erscheinen. Zweitens wird der Ruhm die Uninteressiertheit meiner Liebe zu anderen klar erkenntlich machen, wenn sie erst sehen, daß ich sie nicht brauche und sie dennoch liebe und in alter Anhänglichkeit zu ihnen komme. Indessen heißt es Stoiker, Herr meines Gedankenlebens sein und den Dingen, die außer mir liegen, eine fatalistische Gleichgiltigkeit entgegenstellen. (Spätere Randbemerkung: Wie unglaublich richtig ich diese Dinge damals gefühlt habe und wie sie sich genau so erfüllten, als der Erfolg kam.) Was meine Stellung unter den Menschen bisher überhaupt ermöglicht hat, (früher täuschte mich meine jugendliche Lebenslust über meine Vereinsamung) ist doch das bischen Erfolg, das ich jetzt schon habe und die Leute daran erinnert, daß ich doch jemand bin, den man nicht so ohne weiteres abtun kann.

 

30. August.

Gestern Paris. Kurz die Baronin in der Bibliothek gesprochen, die sich seit einer Woche langweilt und offenbar eine Karte von mir mit der Bestimmung eines Rendezvous erwartet hat. Schließlich aber hat sie sich selbst zu einer reizenden Karte entschlossen, die ich heute früh bekam. Später Diner, als Gäste von Dr. Hessel mit Franzl bei Noël-Peters. Essen mäßig. Dr. Hessel ein zu stumpfer Mensch. Er sucht immer Zwiespälte, ohne Bosheit übrigens, anstatt liebenswürdige Einigkeit. Dann einen Augenblick bei Germaine, die mit Lucienne Freitag nach Isle-Adam kommen will. Was wird das geben! Es ist wieder sommerlich warm.

 

31. August.

Gestern wieder in Paris. Die Baronin. Aperitif gegenüber Moulin Rouge mit ihr. Abendessen oben beim Italiener. Leichter Barberarausch, Vollmond. Durch die alten Montmartregassen nach Moulin de la Galette. Unter Lampen tanzen besonders hübsche Mädchen, alle in übermütigen Panamas. Oben bei der Mühle weiche Sommernacht. Paris liegt in tiefem Dunst. Die Baronin ganz elektrisiert, möchte mehr mittun können, sich hineinstürzen, trällert »Bonjour Mimi« und wird leicht annähernd, plötzlich hat sie genug, spricht von leichtem Dégoût. Der kleine Lamprecht vom Bal des 4 z'arts kommt auf mich zu. Dann treffen wir Franzl im Café. Ich etwas nervös, gebe den geplanten Hallenbummel lieber auf, da erst um 5 Uhr der erste Zug zurückgeht. Franzl bringt mir einen Brief von Lampe mit, der mich in der Scheidungssache etwas beruhigt und heiter macht. Wir bringen die Baronin in ihren Omnibus und nehmen selbst den letzten Zug nachhause. Um halbdrei im Bett. (Spätere Randbemerkung: Es ist denkbar, daß in dieser Nacht die Baronin ganz anderes von mir verlangt hat. Aus dieser Situation ist später der Plan zu Don Juanito entstanden.)

 

1. September.

Die Unsicherheit in der Scheidungssache wirft mich aus einer Stimmung in die andere. Bald Hoffnung auf baldige Freiheit und Rückkehr nach München zu meinen alten Bekannten, bald das Gefühl, daß ein Netz im Begriff ist, gewebt zu werden, um mich zu ersticken, meine Vermögenslage zu erschüttern, mich gesellschaftlich durch Verleumdung und Intriguen zu ruinieren, wenigstens auf eine Zeitlang, und mich zu einem unfreiwilligen Umherirren im Ausland zu verdammen.

Ich konstatiere, daß der Dämon doch zurücktritt. Es scheint, daß jeder Akt Larven schafft, die uns zu ähnlichen Akten verführen. Die relativ befriedigende Regelmäßigkeit der letzten Monate hat nun die dämonischen Larven zurückgedrängt. Dieser Zustand ist gut. Ich möchte nur noch bei besonderer Gelegenheit die dämonischen Larven hervorkommen lassen und stets ihrer Herr sein.

 

2. September.

Ansichtskarte von der Baronin aus Deutsch-Avricourt. Und morgen wollten wir noch in Paris zusammensein. Zwei Telegramme rufen sie zurück??? Dramatik?? Erwartete sie im Moulin de la Galette mehr Entgegenkommen von mir? Wollte sie den Abschied vermeiden? Ihre Karte ist kühl, ohne die Wiener Adresse anzugeben. Aber sie wird sicher noch von sich hören lassen, denn sie ist mir eine ganze Kleinigkeit Geld schuldig, und wie ich sie kenne, wird ihr das keine Ruhe lassen.

 

4. September.

Gestern früh Franzl beim Arzt. Seine schlimmsten Befürchtungen erfüllen sich. Ich bewundere seinen Gleichmut. Er tut jedenfalls, als ob er gemütlich nicht darunter leide. Ich gestern Paris. La Grenelle. Den ganzen halben Nachmittag, lasse dann, besseres hoffend, Gelegenheit vorübergehen. Die alte Dummheit. Derbes Sauerkraut- und Knoblauchessen in naher Brasserie. Abends Place d'Italie, umsonst. 11 Uhr Heimfahrt. Zuhause 0.

Heute den ganzen Vormittag Briefe in der Scheidungssache an Frau Fuchs und Hedwig.

Schon Louisa gegenüber empfand ich, wieviel brutaler als der Mann die Frau ist. Selbst die zarte Irene gab einmal ein Beispiel. Ich bat sie um eine Photographie und sagte, sie besitze doch auch meine. Die könnte ich wieder haben, erwiderte sie. Sie nahm das ja allerdings gleich zurück und sagte sogar beim Abschied, die Photographie sei ihr ein teures Andenken, ich erhielte doch noch eine von ihr. Aber immerhin, wann würde ein Mann eine so grobe Bemerkung machen!

 

7. September.

Ganz entzückender Brief von Tilly, die zwecks Aufführung von Montmartre dreimal zum Intendanten in Frankfurt gegangen ist. Sie hat genau die Art von Gefälligkeit und Güte, wie ich. Es macht ihr Freude und nicht viel Mühe, für andere zweckdienliche Schritte zu tun, sie gilt aber nicht offiziell als gütig, eher das Gegenteil. Hedwig dagegen ist vielmehr die gute Frau, in Wahrheit aber nicht spontan gefällig. Erst die reflektierende Gerechtigkeit bewegt sie, und dabei wird sie noch oft schlecht gelaunt, wenn sie einem einen Gefallen tut. Im Gegensatz zu Tilly ist sie stets zunächst bereit, mir Unrecht zu geben, läßt sich dann allerdings oft vom Gegenteil überzeugen.

Gestern kam endlich das Klavier, das wir zusammen mieteten, zu Dreyfus. Wir spielten Violinsonaten von Beethoven den ganzen Abend. Dann ich allein die Arlésienne. So wird es nun jeden Abend gehen. Zu sagen haben wir uns nicht mehr viel. Und er spielt besser, als er redet.

 

9. September.

Dreyfus verreist. Gestern holten wir seine Frau zum Rudern ab. Schöne warme Tage, aber schon vor 7 Uhr Dämmerung, und wenn wir heimkommen, ist es dunkel. Apéritif bei der Witwe Cassan. Abends bei Frau Dr. Ich spielte Klavier, sie erzählte, wie immer, ausgezeichnete Geschichten. Ihre Schwester am Tage vor der Konfirmation verzweifelt, weil sie in einem fort, wider ihren Willen denken muß: Der Herrgott ist eine dreckige Sau!

 

11. September.

Viel Hypochondrie wegen der Scheidung. Franzl sagt: An Ihnen bleibt nichts hängen, was wird Ihnen noch alles passieren, aber Sie kommen aus allem heil heraus. Sie verdauen alles, haben keine Restbestände, fressen nichts in sich hinein, müssen sich darum aussprechen. Und es hilft. Hypnotisieren sich selbst. Das alles macht Sie freilich leichtsinnig. Sie lassen sich zu leicht in viele Dinge ein.

 

12. September.

Schlaflose Nacht, fürchte die schlimmsten Intriguen in der Scheidungssache. Hoffentlich war das die Krisis.

 

13. September.

Herbst. Frühe Abende auf dem Heimweg vom Rudern. Bauernwagen mit Laternen. In Franzls Zimmer brennt schon die Lampe, wenn ich zurückkomme. Die eingeatmete Luft erinnert mich an unbestimmte Vergangenheiten, als es auch Herbst war. Und sie verspricht behagliche Winter in der Stadt: Ofen, Tee. Aber mir alles nicht so gewiß. Ich schaue in das Dunkel der Ungewißheit. Trotzdem ist es schön, heimzugehen und sich bei Licht an das Essen zu setzen. Oft riecht es auch verbrannt in der Luft.

Unsere Madame Dolo liebt uns nicht mehr. Dissonanzen wegen des Hundes. Als ich heute morgen in mein Zimmer trete und sie frage, ob sie fertig mit Aufräumen sei, sieht sie aus, als lächle sie mich freundlich an. In Wahrheit ein nervöses Zucken um ihren alten Mund. Das ist gräßlich. Sie sagte neulich, daß sie nie Stuhlgang hat, vielleicht alle 14 Tage einmal. »Je ne voyage presque jamais«, sagt sie, und sie grinst dazu. Ich hasse Leute, die sich aus Trägheit so lebendig verfaulen lassen.

Brief vom Anwalt. Er verlangt rund heraus ein Fünftel meines Vermögens. Das ist ungeheuerlich, und doch wird mir wieder ruhiger und wohler angesichts dieses wenigstens fest bestimmten Maximums. Ich zähle noch auf Lampes Vermittelung, der wie mein guter Engel in der Sache ist. Die Leute haben mich dadurch in der Hand, daß ich ja selber die Scheidung will. Verweigere ich diese Summe, so habe ich Louisa wieder am Bein. Zahle ich sie, so ist meine unabhängige Situation ruiniert. Das Paradoxe ist, daß ein Prozeß gegen mich geführt wird, den ich garnicht gewinnen will, denn das hieße ja Wiederherstellung der Ehe.

 

Abends 7 Uhr.

Ein grauer wehmütiger Herbstnachmittag. Spaziergang im Wald mit Franzl und Frau Dreyfus. Anfangs Gigi und Georgette bei uns, die bald umkehren, ich sehr bedrückt wegen der Scheidungsangelegenheit. Frau Dreyfus erzählt von ihrem interessanten Ödenburger Geschichten, von einem Bankrotteur, den die geschädigten Leute in Scherben begraben wollten. Sie soll doch ihren Roman schreiben mit Franzl oder mit mir. Das Wetter wirkt wie auflösend. Abendliche Herbstlandstraße. So ein Tag müßte der Todestag sein. Dann denke ich, ich werde jetzt ein Wanderleben führen, immer da leben, wo angenehme Menschen sind, in Wien mit der Baronin, in Berlin mit Lampe. Jetzt wäre ich gern in Florenz mit Tilly zusammen. So wird einem niemand müde, weil man nie zulange bleibt. Ich fühle mich unsäglich vereinsamt. Von Hedwig eine Karte, nicht gerade ausgesprochen unliebenswürdig. An die Baronin Kondolenzbrief geschrieben, da ihr Vater plötzlich gestorben ist.

 

11 Uhr abends:.

Franzl hat bei Frau Dreyfus aus seinem bunten Roman gelesen. Ich werde ruhiger mit trauriger Grundstimmung, fühle zum erstenmal meine Unannehmlichkeiten fruchtbar werden. Weisheit; ich gewöhne mich, daß es nicht geht, wie man will. Was kann einem viel geschehen? Mehr in der Gegenwart leben, was ich vor rosigen Zukunftsplänen so oft versäumte. Und dann, – ist denn die Welt nicht übrig? Se laisser doucement entraîner par la fatalité.

 

15. September.

Las in Louisas alten Briefen. Schilderung ihrer Zusammenkünfte im Frühjahr mit meinen Geschwistern in München. Von diesen weiß ich, daß sie damals schon feindlich gegen mich war. Sie erzählt, wie sie gegen Agnes französische Malerei gegen deutsche verteidigte. Ich sehe sie, wie sie, am Körper keine Faser, die ich ihr nicht schenkte, im Mund keinen Gedanken, der nicht aus meinem Hirn kommt, sich zurückgesetzt und mißhandelt glaubt, weil ich mit ihrer Mittelmäßigkeit nicht glücklich sein kann. Ist das allgemein weiblich?

Franzl hinkt im Haus herum, die Krankheit macht ihn lahm und dyspeptisch. Aber keine Spur von Hypochondrie in ihm. Ich würde unbedingt die Schwitzkur ohne Quecksilber vorziehen. Für mich würde das Qu. selber zum Gespenst.

Dreyfus zurück, sehr nett, als sei in den paar Tagen etwas von der Meerluft an ihm hängen geblieben. Überhaupt die besondere Liebenswürdigkeit aller, die von der Reise zurückkommen.

Nun wird das Leben, nachdem wir zweieinhalb Monate hier sind, doch ein bischen einförmig, um einen Halt zu bieten gegen die mich belagernden Gespenster. Seit die Baronin fort ist, bin ich widerstandsloser. Kaum läßt mich Arbeit, Lektüre, angeregte Unterhaltung oder Schlaf los, so stehen die Gedanken da und warten. Es ist ein fortgesetztes Überlisten. Ich hätte Louisa nie einer solchen hinterhältigen Infamie für fähig gehalten. Ich habe ihr in mehreren Briefen angeboten, wir wollten uns persönlich über die Geldfrage auseinandersetzen. Sie möchte mir einen Überschlag dessen machen, was sie vermutlich noch brauchen wird, bis sie in ihrem Beruf selbständig ist, und ich sei überzeugt, ich würde ihr die Summe nicht zu kärglich bemessen, sondern nach oben abrunden. Aber sie geht auf alles das nicht ein und behauptet, ich sei ein kalter Zahlenmensch, der alles in Ziffern drängen will. Sie möchten mich dahin bringen, daß ich auf eine Scheidung mit meiner Schuld einginge und mich darauf verlasse, daß sie nachher von mir nicht mehr Geld annehmen, als unbedingt nötig ist; in diese Falle aber krieche ich nicht. Nicht eher willige ich ein, bis die Summe, welche sie haben wollen, fest bestimmt und notariell beglaubigt ist. Denn daß ich mich einer Räuberbande gegenüber befinde, die aus mir herauspressen will, was sie nur kriegen kann, das unterliegt jetzt keinem Zweifel mehr. Zwar sage ich mir auch jetzt immer theoretisch: Im Grunde ist nichts verloren, aber das Leben müßte auch einmal in der Gegenwart beweisen, wie schön es sein kann. Dieser Sommer wäre an sich vielleicht einer der schönsten meines Lebens gewesen, ohne diese Prozeßgeschichte im Hintergrund, die sich stets als unerwünschter Gegenstand jeden Nachdenkens einstellen mußte.

Gestern mit Franzl in Paris zum Tee bei Maria Deveaux, die Mathis vor 3 Jahren mit mir verheiraten wollte, als sie sich plötzlich mit ihrem jetzigen Mann verlobte. Ich bin von ihr entzückt, obwohl sie gerade einer Geburt entgegensieht und einen kleinen Schoßhund hat, zwei Umstände, die ich sonst bei Frauen nicht sehr anziehend finde. Die Wohnung ist nicht sehr behaglich und herbstkalt. Eine Mischung von französisch und deutsch in der Einrichtung. Maria ist das Glück, das an mir vorübergegangen ist, weich, liebenswürdig und dabei doch von eigener Art, klug, ohne geistreich zu sein, für mich sinnlich ungemein reizvoll und dabei doch ganz Lady. Große Ähnlichkeit mit Louise Bücking, aber mit all der Fülle, die dem dünnen, stillen Wiesel fehlt. Wir tranken Tee, das Gespräch plätschert erst ziellos umher, dann kommen wir auf die große moderne Liebesenttäuschung, die jeder erlebt. Auch sie hat viele sich befreiende Mädchen aus guten Familien beobachtet, aber gesehen, daß die freie Liebe für sie immer schlecht endet, Kind, Elend, Krankheit. Dagegen aber welche Langeweile und Qual in den meisten Ehen! Sie scheint in falschen Händen zu sein; den Franzl erkennt sie als Zuschauer des Lebens, mich als Mitspieler. Meine ganze Verbitterung des Augenblicks kommt heraus. Sie schaut mich oft so aufmerksam an, als frage sie sich: wie wäre es mir wohl mit ihm gegangen! Wir verlassen sie vor ihrem einsamen kalten Abendessen in dem ungeheizten herbstlichen Salon. Ich ging sehr deprimiert; mein Leben verpfuscht, dicht am Glück vorbei. Wir essen in dem stillen Restaurant Boeuf à la Mode. Franzl übersetzt: »Das Rindvieh nach dem Zeitgeschmack«. Ich lasse Franzl abends auf dem Boulevard allein und gehe zu Lucienne, nur um meiner Melancholie physisch ein Ventil zu öffnen, was, wie ich heute merke, sehr klug gewesen ist. La Paresseuse. Mit Franzl zum Bahnhof. Er erzählt von der kleinen Maja. Sie und Frau Dreyfus haben den Geniekuß empfangen, das läßt mich ihnen gern zuhören, wenn Franzl sie zu seltsamen Erzählungen anregt. Aber Maria Deveaux ganz Dame, versetzt mich selbst in Aktivität. Ich will ihr gefallen. Bei den kleinen und unkomplizierten Frauenzimmerchen dagegen nehme ich von vornherein an, sie können nichts mit mir anfangen. Bewundern sie dennoch etwas in mir, entweder Geist oder den homme du monde, so gibt mir das keine rechte Befriedigung, läßt mich ihre Frauenzimmerlichkeit und formale Unvollkommenheit erst recht fühlen. Dem Juden Franzi ist die Tatsache »Christenmädchen« allein über vieles hinwegführend. Ich kenne das zwar auch und konnte darum zwei so subalterne Ehen schließen. Da ich aber nur halb Semit bin, konnte die andere Hälfte nicht mit. Für mich gibt es kein Heil außerhalb der Gesellschaft, aus der ich stamme. Ich will lieber die Dame auf die süßen und reizenden Spezialitäten des Lebens aufmerksam machen, auf das Aparte, als ein apartes Wesen auf die Schönheit und Notwendigkeit der gesellschaftlichen Form. Ich würde z. B. auch die kleine Dreyfus vollkommen aus dem Konzept bringen.

In der Eisenbahn hatte ich einen wahren Wutausbruch gegen Louisa, die ich nicht mehr entschuldige durch den bösen Einfluß ihrer Mutter. Umgekehrt, die Mutter ist gar nicht so schlimm, sie hilft einfach instinktiv ihrer Tochter und hat auch gar keinen Grund, mich zu schonen. Louisa aber hat allen Grund, mir dankbar zu sein. Es ist nur Louisas Schuld, wenn ihre Mutter die Geschichte falsch sieht. Louisa konnte wissen, daß man bei mir mit Anständigkeit alles erreichen kann. Statt dessen verleumdet sie mich und jedes Mittel ist ihr recht, Geld aus mir herauszuschlagen, der ich ja gern bereit bin, von selbst welches zu geben, wenn auch nicht in der übertriebenen Menge, wie diese Leute es meinen, da sie jetzt einmal einen in ihren Netzen zappeln haben, der nach ihrer Ansicht gründlich bezahlen muß.

In Paris regnete es. Alles war herbstlich. Auf der Place Malherbes neues helles Laub an den Kastanienbäumen und frische Blüten, wie im Frühling in den Champs-Elysées. Aber auf dem Boden welke Blätter, die der Wind verweht.

 

17. September.

Gestern, Sonntag, Spazierfahrt mit Dreyfusens durch die Herbstlandschaft. Mir ist wieder besser. Ich suggeriere mir jeden Abend Gelassenheit und s'attacher aux agréments de l'heure qui pourraient être assez grands dans ce moment s'il n'y avait pas la crainte de mon avenir.

Heute Regenwellen zwischen den Baumwipfeln. Ich möchte in einem Gebirgswirtshaus sein, wo ich den Sommer verbracht hätte, in der geheizten Wirtsstube. Der Regen läßt die Leute am Ofen ruhen, die bei gutem Wetter zu tun haben. In der Ecke säße meine blonde Geliebte und schriebe aus ihrem zierlichen, mit der Umgebung kontrastierenden Schreibzeug Briefe mit blassen frierenden Fingerchen und ich ginge ungeduldig aus und ein, schauend, ob das Wetter sich nicht aufklärt, und frage die Leute am Ofen über ihre Meinung.

 

18. September.

Gestern Paris, Zahnarzt. Zwei Vorderzähne zu plombieren. Dann Bad rue Oberkampf Martial. Dämmerige Heißluftzelle. Alles Individuelle verwischt. Giton. Sehr zufrieden, aber heute merke ich, daß wieder ein kleiner Teufel in meine Atmosphäre aufgenommen ist, der lange ruhig war. Abendessen Rue Lepic. Die Herbsttrauer frißt meine einzelnen Ennuis auf. 9 Uhr Gare du Nord.

 

19. September.

Die Stürme der letzten Tage vorbei, Äquinoctien. Gestern Neumond. Heute sich aus dem Dunst klärender schließlich sonniger Herbstmorgen. Daher gleich Morgenspaziergang mit Franzi nach Stores und Mériel an der Oise zurück.

 

20. September. Nachts halb zwölf.

Über die Einzelheiten meiner Prozeßgeschichte wachse ich seit ein paar Tagen hinaus. Franzl wundert sich über meine Ruhe, aber es liegt ein zähes, schweres Gewölk über mir.

 

21. September.

Warum macht einem das ruhige Dasein an sich nicht mehr Spaß. Müßte man dazu etwa noch müder sein, wie ich? Aufatmend fern von der Stadt mit dreihundert Mark monatlich. Ein Zimmer gut zu heizen, im Sommer gut zu beschatten. Ein gutes Bett, schmackhafte leichte Mahlzeiten und froh sein, daß man sich über nichts ärgern muß. Warum genügt das nicht? Wir brauchen den Wechsel, sonst langweilen wir uns. Sein ohne Werden und Vergehen gibt es nicht. Ein konstruiertes Nichts, Nirwana. Die Sehnsucht danach ist eigentlich der Bankrott meiner Weltanschauung, aber ich denke, diese Sehnsucht ist vorübergehend.

Auf allen Feldern sieht man jetzt pflügende Bauern. Gestern ganz im Nebel. Das Glück. Der Mann geht, im Erd- und Nebelgeruch eingehüllt gegen außen, den Acker hinter dem Pflug auf und ab, denkt höchstens, heute Abend muß dir aber die Alte eine Halbe Bier holen, ob sie schimpft oder nicht. Und wenn er auch nie die Energie haben wird, dies ernstlich zu verlangen, so redet er es sich jetzt vor und bei jedem gepflügten Streifen wird der Entschluß fester. Manchmal ein Crepitus dazwischen. Das sind die Bohnen vom Mittag. Seine Gedanken zwischen den Bohnen vom Mittag und dem Bier vom Abend.

Ich komme immer mehr zu den antiken, reifen, etwas müden Philosophien: Stoa und Epicur. Wir können an den Dingen nichts ändern, aber wir haben ihre Wirkung auf uns in der Hand. Sich stoisch in seinen Philosophenmantel hüllen, mag kommen, was will; ich bin ich, solange ich mein Innenleben habe, und wenn dieses sich verwirrt, so spüre ich nichts mehr. Dabei aber nicht die angenehmen Stimulantien eines gemäßigten Vergnügens verschmähen, wie feine Diners, leichte Frauen, Theater, Reiz. Aber il ne faut pas compliquer sa vie.

 

22. September.

Gestern Dülberg in Paris. Zuerst wühlt er mich aufs Tiefste auf durch seine Münchener Erzählungen. Dort allgemeine Stimmung gegen mich. Es wäre unrecht von mir gegen die Frau u. s. w. Man meint, der Scheidungsantrag ginge von mir aus. Ich täte der Frau dies an, was ich doch gerade nicht wollte. Aber Louisas Verleumdungen haben die Sache verdreht. Man weiß nichts von ihren feindseligen Ausbeutungsversuchen. Die haben sie geheim gehalten. Von »Montmartre« und »Gläserner Gott« will er nichts wissen. Auch Wolfskehl urteile ungünstig. Was beweist dies alles? Vor allem, was ist daran neu? Und dennoch regt mich dieses Gespenst auf, dieser allgemeine Glaube, es ginge mit mir bergab. Ich muß sofort nach München, mich zeigen, den Stier bei den Hörnern fassen, die Mäuler stopfen und beweisen, daß ich keine Angst habe. Ich reise, sobald mein Buch fertig ist, in 3 bis 4 Wochen.

Wir essen bei Véfour im Palais Royal. Ihm geht es recht gut. Er fühlt sich offenbar sehr im Aufschwung. Ich beruhige mich, denn ich merke, daß er schließlich etwas ernstlich Beunruhigendes garnicht gesagt hat, beauftrage ihn, meine törichte Differenz mit Stern in Ordnung zu bringen, und über die Scheidungssache einstweilen Klarheit zu verbreiten. Wir sitzen abends bei Pousset, er sagt einige amüsante Sachen, z. B. zwei Regeln zum Heiraten: Erstens, man kann eigentlich doch nur sein Verhältnis heiraten, zweitens, man kann doch eigentlich nicht sein Verhältnis heiraten. Aus diesem Dilemma kommen alle Dummheiten.

 

23. September.

Gestern Paris. Mit Mathis im Grand-Café. Apéritif. Er ist sprachlos über meine Scheidungsgeschichte. Nach langem Wägen und Fragen hält er ganz zu mir, hält einen Vergleich für unausbleiblich und beruhigt mich durch seine Sicherheit so, als sei alles schon entschieden. Dann sprechen wir, in den Straßen spazierengehend, von Maria Deveaux. Plötzlich sagt er, um ihretwillen allein lebe er noch, arbeite er sich so ab, schluchzt einen Augenblick und weint, lacht sich dann selber aus, bittet um Entschuldigung, er sei nervös, überarbeitet. Ich ahnte ja garnichts davon. Wir gingen zu Vian essen. Er sei sicher, daß sie noch seine Frau werden wird. Er arbeitet 13 Stunden täglich in seiner Mühle und denkt an nichts anderes. Anni, seine Geliebte, noch immer schwach und krank. Ich habe ihn doch sehr gern, wie kaum jemand anderes hier in Paris. Dann gingen wir in die Bar Lafitte. Wir treffen Dülberg mit einem Schwanz von gräßlichen jungen Leuten, Nasse und dessen sich immer mehr ins Unbedeutende abstufende Freunde. Mathi's Schwester Marise, seit 14 Tagen verheiratet, in Berlin, mit dem Münchener Ingenieur und Automobilfabrikanten Müller, dem ich im Winter einmal in Juvisy traf und der mir ziemlich vulgär, aber witzig und intelligent schien.

 

24. September.

Gestern, Sonntag, mit Franzl und Dreyfus in Auvers. Rennboot à coulisses auf der Oise. Mit einem anderen als Dreyfus als Partner könnte zwischen Ruderer und Steuermann eine Art orchestraler Harmonie der Bewegung erzielt werden. Aber Dreyfus wie immer untüchtig, unstet, ruckweise, aber temperamentvoll, was er für einen großen Vorzug hält. Düstere herbstabendliche Flußlandschaft.

 

26. September.

Gestern Paris. Diner Brasserie Universelle. Mein Nachbar, ein Holländer, erzählt von Indien, Japan und macht mir Lust auf Tropenreisen. Dann in der Comédie-Française, wo der »Marquis de Priola« von Lavedan gespielt wird. Viel Cabotinage, aber auch viel Wahres darin. Le Bargy manieriert und oft unverständlich. Im Foyer kommt mir die Idee zu Don Juanito, die mich in der Eisenbahn stark beschäftigt und auch noch zuhause. Ich lösche mein Licht um 3 Uhr aus, der Plan des Stückes ist fertig.

Alles tun, alles verwirklichen! Aber niemals die Ironie vergessen. Ironie hält die Waage, ist die Versöhnung zwischen Weltbejahung und Weltverneinung. Kein Quietismus, denn sie erlaubt allen Kräften, sich zu regen, aber auch keine unechte Übertreibung.

 

27. September.

Ich arbeite seit 2 Tagen mit Entzücken an dem Szenarium des neuen Stückes. Ich denke nicht mehr an den Prozeß. Es ist wie eine Krankheit, von der ich zwar noch nicht geheilt bin, aber deren Schmerzen ich durch Autosuggestion niederhalten kann.

Wie fremd ist mir doch Dülberg geworden, enfermé dans son égotisme.

Brief von Lampe. Frau Heiseler will Louisa brieflich zur Vernunft bringen.

 

28. September.

Ich träumte, ich treffe Alfred auf einem französischen Bahnhof, Cylinder, Gehrock. Er sagt, Hedwig sei gestorben.

 

29. September.

Gestern mit Franzl in Paris. Zahnarzt. Brasserie Universelle. Mit Mathis diniert. Im offenen Wagen nach der Gare de Lyon, wo er seinen Koffer holt, um nach Straßburg zu fahren. Sehr nervös, sodaß der Zahnarzt nicht arbeiten konnte. Dann bei der Mère Jeanne. Renée etwas dick und ältlich, aber freundlich.

Brief von der Baronin. Zurückhaltend, fast konventionell, aber voll Fragen, d. h. Fortsetzung der Korrespondenz erwünscht.

 

30. September.

Abends meist Musik mit Dreyfus. Es geht von Tag zu Tag besser. Bald haben wir die ganzen Beethoven'schen Violinsonaten durch. Gestern und vorgestern Kreutzersonate. Ich fühle mich wieder stark in Beethoven hinein. Merkwürdig, wie ich mich bisweilen der deutschen Musik entfremde, um immer wieder zu ihr zurückzukommen.

 

2. Oktober.

Gestern Paris. Wieder ziemlich deprimiert. Hoffnungslos, Einsamkeitsgefühle. Bei Druet für Hedwigs Geburtstag einen Gauguin gekauft. Dampfbad, Place des Ternes. Abends Vaudeville. Dummes Stück, aber anregend für Don Juanito. Um Mitternacht im Café gegenüber Gare du Nord. Geburtstagsbrief an Hedwig. Nach vierzehntägigem Sonnenschein und kühler, klarer Luft begann diese Nacht der Herbstregen und dauert noch an. Traum: Ich finde Irene nackt in einer fremden Stadt, in einem schlechten Haus mit einem etwas bäuerlich derben, aber bürgerlich gekleideten Mann mit Vollbart. Sie will nicht mit mir kommen, weil sie meint, ich würde ihr doch nicht die amüsanten Orte zeigen, und sie will etwas sehen, da sie nur vorübergehend da ist.

 

3. Oktober.

Der Kern meines Lebens wird immer sein Einsamkeit in der Buntheit der Erscheinungen.

 

4. Oktober.

Die beiden Novellen im »gläsernen Gott« von Lothar im Ton verfehlt. Dieses Thema unmöglich in objektiv bejahender Sicherheit, muß wieder Tagebuch werden voll Zweifel und Selbstironie.

Überall liebe ich die Vollkommenheit, außer beim Schauspieler. Gestern Abend mit Franzl, Mathis und Anni in der Comédie. Lavedan, le Duel. Diese Vollendung ist für mich Cabotinage: ich werde euch einmal zeigen, wie man vollendet stirbt! Anni zum ersten Male seit dem Kindbett wieder aus nach 6 Monaten, und ist wieder hübscher und rosiger, mehr wie einst in München an jenem lustigen Abend im Café Stefanie. Ich warte täglich auf die Entscheidung durch Frau Heiseler, ob ich wegen Prozeß nach München muß, möchte sonst gern mit Franzl noch 1 bis 2 Monate Herbst im Quartier Montparnasse erleben.

 

5. Oktober.

Bedeckter Himmel, lauwarme, feuchte Herbsttage. Wir rudern jetzt an einer anderen Stelle des Flusses auf leichteren Schiffen.

 

7. Oktober.

Gestern Paris. Bain Oberkampf. Martial. Comédie-Française, L'énigme von Hervieu. Gut gemacht, aber wie finster ernst, modern, gegen die fröhliche Menschlichkeit von Le voyage de Mr. Perrichon von Labiche.

Heute halb eins »Gedanken über Frankreich« (französ. Gesellschaftsprobleme) fertig geworden!

 

8. Oktober.

Gestern, Sonntag, Oppenheims bei Dreyfus; nachmittags Spaziergang nach Champagne. Landschaft wie beim Altkönig. Beim Abendessen viele Judenwitze, Oppenheim hat viel derben Humor. Es ist besser, mit solchen Leuten, wie er oder wie Mathis, zu verkehren, als über den gezwungenen, oft ächzenden Witz der Schwabinger zu lachen. Erfrischend. Dann machten wir wieder eine Opernimprovisation als Parodie. Ich am Klavier, Oppenheim Violine, Frau Dreyfus Hauptsängerin, Franzl spielte den Chor. Nach kurzer Zeit einigten wir uns ganz von selbst auf einen melodischen Stil. Es ging musikalisch alles sehr gut zusammen.

 

10. Oktober.

Bei Dreyfus gestern allgemeine Verstimmung. Um 8 Uhr läuft der schlecht gezogene Gigi aus dem Haus, fällt, verwundet sich, brüllt. Frau Dreyfus aus dem ihr so nötigen Schlaf geweckt, kündigt Georgette, die unschuldig ist. Er ratlos, möchte ohnehin gern nach Paris im Herbst, aber zu umständlich, mit Frau und Kind umzusiedeln. Im Hause ein heilloses Durcheinander. Sie kümmert sich um nichts. Nie ist das Essen in Ordnung. Im Salon liegen Kartoffeln auf der Erde. Das Kind ist von beispielloser Ungezogenheit. Sie hat bei all ihrer Güte und Liebenswürdigkeit keine Ahnung von dem, was man Pflicht nennt. Und ihn kostet das ein Heidengeld. Neulich hat sie in Paris für 15 Francs ein Paar wertlose Ohrringe aus schlechtem Material gekauft, nur zum Spaß, wie sie sagt, denn tragen kann man sie nicht. Sie meint, es ist so gut, in Läden zu gehen und was zu kaufen. Er trägt das alles mit einem Takt, vor dem ich entschieden Respekt habe.

 

11. Oktober.

Gestern Paris. Salon d'Automne. Gauguin. Zum ersten Mal seine Altmeisterlichkeit ganz empfunden. Das erinnert an Giotto, Signorelli, Michelangelo, oft ist er ihnen ganz nahe gekommen, ohne daß sie seine Vorbilder waren. Ich treffe den Dr. Ernst Meyer. Er hat in München von meiner Scheidung gehört. Was mag da wieder geredet worden sein! Im Kunstwart eine schlechte Kritik über den ›Gläs. Gott‹. Bisher bin ich gegen Kritiken gleichgiltig gewesen, jetzt deprimiert es mich plötzlich. Das ist zum ersten Mal, daß ein Buch von mir schlecht aufgenommen wird. Die schlechten Kritiken häufen sich nun. Gleich hatte ich wieder ein Gefühl, als könne die Welt mit mir doch nichts anfangen. Vereinsamung. Und dann wieder, als sei das nur noch so ein bischen Unglück dicht vor dem bevorstehenden großen Erfolg. Dann Dampfbad Rue Poncelet. Franzi im Restaurant Italien, passage de l'Opéra. Er hat Wohnung im Montparnasse-Viertel genommen. Dann gehen wir zusammen ins Athénée und sehen das amüsante Stück Triplepatte. Man kann daraus lernen, wie man einen ernsten Charakter komisch gibt. Sehr wichtig für Juanito. Findet man dann doch ernstes darin und daß es im Grund gar nicht komisch ist, tant mieux. Besser, als ernst angelegt und dann unfreiwillig komisch. Diese Befürchtung gab mir früher eine gewisse Steifheit. Im Theater die Dreyfusens, Oppenheims mit ihrer alten jüdischen Mutter. Es kam ein Brief von Käti.

 

12. Oktober.

Gestern allein gerudert. Warme sonnige Herbsttage. Warte immer noch auf Entscheid, ob ich nach München muß oder nächste Woche nach Paris übersiedeln kann. Ich korrigiere und versende mein Manuskript an verschiedene Zeitschriften.

 

14. Oktober.

Gestern Nachmittag und in der Dämmerung ein Spaziergang mit Franzl durch die Dörfer jenseits der Oise. In Jouy-le-Comte. Wir geraten in die versprengte Jagd des Fürsten Murat. Plötzlich Regen. Apéritif in einer Dorfkneipe.

Gestern Sonntagsspaziergang mit Franzl. In Auvers, Mériel. Kalter heller Herbst. Ich bin mit dem Packen beschäftigt. Übermorgen nach Paris auf mindestens noch 14 Tage.

Lese Gauguin Noa-Noa. Ganz hingerissen von dem Gedanken einer primitiven Liebe zu solchen süßen, braunen, halbwilden Geschöpfen. Ich träume die ganze Nacht davon und plane Reise nach Samoa.

 

16. Oktober.

Gestern in Paris Wohnung genommen, Rue de la Grande Chaumière 9, Zimmer 7.

Abends zu einem Bankett zu Ehren Gauguins auf dem Boulevard St. Denis. Recht lebendig. Neben mir Dr. Meyer und ein Mr. Cornu. Dann Dr. Epstein, vis-à-vis Dreyfus, der norwegische Maler Diriks und ein Bildhauer Löhr. Heimfahrt nachts mit Dreyfus.

 

17. Oktober.

Die kleine Frau Dreyfus will mich zum Schluß noch malen. Gestern erste Sitzung. Madame Boucher, der das Haus gehört, wo Dreyfusens wohnen, wollte uns gern spielen hören, und da Dreyfus darauf rechnet, daß sie ihm eine ihrer Antiquitäten einmal schenkt oder vermacht, gaben wir ihr ein kleines Konzert, das wir das Erbschleichkonzert nannten. Sie brachte einige Freunde mit. Konventionelle französische Gespräche. »Ah quelle belle distraction la musique!« usw. »Beethoven etait le compositeur favori de feu mon mari.« Ich habe, glaube ich, nie so gut gespielt. Nach Tisch, aber ohne Publikum, spielten wir die Kreutzersonate zum Abschied. Dann eine Flasche Champagner, die wir aber dadurch verdarben, daß das Gespräch auf Gigi kommt, über den sich jetzt alle ärgern, weil er so schlecht gezogen ist. Dreyfus machte seiner Frau sanfte Vorwürfe, und ich kann nicht anders, ich muß ihm Recht geben. Franzl schweigt dazu.

 

Paris, den 18. Oktober.

Mitten im Auspacken. Gestern nach 2 Stunden Portraitsitzung bei Frau Dreyfus um 5 Uhr nach Paris gefahren. Ärger mit dem Gepäck am Nordbahnhof. Eine Bücherkiste ist abhanden gekommen. Unfreundlicher Eindruck des Hôtels. Abendessen mit Franzl bei Jouven, dann trister Gang Boulevard St. Michel. Zuhause Schlaf nur möglich mit Antiphon. Die beiden letzten Nächte P. Diesmal mit Nina! Heute sehr verstimmt. Im ganzen Haus wird überall Musik gemacht.

 

19. Oktober.

Wieder in Winterkleidern seit gestern. Viel Tristitia. Mit Franzl im Salon d'Automne. Gauguin. Sein Raffinement äußerste Natürlichkeit. Dann fanden wir alle Teerooms in der Nähe überfüllt. Schließlich das bei der Comédie-Francaise öd und leer. Ich sehr nervös und aufgeregt, betrage mich etwas albern. Und damit ist das Geschwür geplatzt, auf einmal herrlich gelaunt. Es kommen mir sogar 2 sehr produktive Ideen. Franzl meint, ich müßte von Zeit zu Zeit explodieren können, dann wäre alles gut. Aber warum so direktionslos? Daß es keine seelischen Dampfbäder oder Sportleistungen gibt, die quasi von schlechtem Blut befreien; daß man die Seele nicht schwitzen lassen kann! Zu Fuß nachhause, Rue de Rennes. In meinem Zimmer fühlte ich mich ganz wohl. Abends mit Franzi bei Dr. Meyer in der École Normale. Dort auch der Münchener Maler von Bartels, der Sohn. Sehr angeregte Unterhaltung. Chacun raconte l'histoire de son dépucelage.

Vormittags bei Dr. Epstein wegen Montmartre, dann fieberhaft um Trocadéro und École Militaire.

 

20. Oktober.

Gestern Nachmittags Petits Carreaux, Camilla. Abends bei Le Duc Essen. Kleiner entzückender Raum, voll von auffallend hübschen Malerinnen. Mit Franzl, der immer für die Unvollkommenen schwärmt und die Schönheit banal findet. Vorher auf der Straße Olga Markowna begegnet, die im vorigen Sommer in demselben Haus wohnte, wie wir in St. Jean de Luz. Sie sprach mich an und erriet, daß ich von Louisa getrennt bin. Abends Café du Dôme, langeweilig.

 

21. Oktober.

Besorgungen in der Stadt. An der Place St. Michel ein fürchterlicher Lärm, weil die großen Caissons des neuen Métro gelegt werden. Der Kutscher wendet sich zu mir und macht folgende sozialen Bemerkungen: »Ce bruit des ouvriers réveille les bourgeois chaque matin à cinq heures, ces parasites du proletariat qui ne se lèvent qu'à midi. Mais nous les descendrons après que le métro sera descendu. Nous les couperons en deux. Ils travaillent? Jamais ça ne travaille.« Er meint, daß alle diese Richter und Advokaten, die hier wohnen, gar nichts zu tun haben. Abends im Odéon ein langweiliges Stück gesehen. Dann ennuiertes Bummeln in der Gegend Montparnasse. Der Dämon. Beim Friedhof definitiv. Um halbdrei nach Haus. Die Klavierqual im Haus unerträglich. Vivent les antiphones!

 

22. Oktober.

Gestern mit Franz in Corbeil bei Mathis. Dort Mr. Weber, eine Ruine der verschiedensten Wollüste. Anfangs mir gräßlich. Ein verbrauchtes blondes Gesicht voll Pickel, schwarze Zähne. Dann aber zeigte er sich als ein humorvoller, ganz liebenswürdiger und kluger Globetrotter. Seine Neigung ist, in dem Bad Penthièvre sich hinzulegen und der Gesamtheit der Anwesenden gegenüber sich mit geschlossenen Augen passiv zu verhalten. Hat langsam fast ganz nach dieser Richtung umgeschwenkt, von Normalen, da es mit weniger Arbeit verbunden sei.

Mathis rät mir im Prozeß unbedingt zur Gegenklage und alles das vorzubringen, was gegen sie ausgelegt werden kann. Ich bin wieder unsicher, ob ich nach Deutschland soll oder nicht. Nach Tisch korrigierten wir meine französischen Dialoge für das Buch. Bei der Rückkehr fand ich am Bahnhof eine niedliche kleine, etwas banale Person, namens Berta. Wir tranken noch ein Glas Bier bei der Ankunft in Paris und fuhren dann mit der Trambahn zurück. Wir saßen allein auf der dunklen Impériale, wo sie mir keinen weiteren Widerstand entgegensetzte. Recht niedlich. Sie ist angestellt in einem großen Haus beim Arc de l'Etoile und will mir schreiben.

Heute morgen beginnt wieder die Klavierplage. Sobald sich entschieden hat, ob ich nach Deutschland muß, ziehe ich aus, falls ich noch hier bleibe.

 

23. Oktober.

Gestern ein Tag voll Ärger, schlechte Nachrichten usw. Epstein hat abgeschrieben. Die an die Zukunft geschickten Teile meines Buches zurück. Ärger wegen des Zimmers, das ich nur bis zum Ersten behalte. Nachmittags schleppe ich mich eine Stunde auf Bondys Atelier herum. Tüchtige, aber uninteressante Arbeiten. Riesenbild Samson und Delila. Ein brauner Italiener macht gerade im Augenblick Aktposen. Dann im Cosmopolitan tearoom. Bad. Abends mit Franzl und Roché. Nach Tisch mit beiden bis jenseits des Cimetière Montparnasse gegangen. Meinen Fall besprochen. Entwurzelt in Deutschland, nicht heimisch in Frankreich. Sexuell hin- und hergeworfen. Meine letzte Arbeit nicht anzubringen. Meine finanzielle Lage attackiert. Franzl meint, ich müsse irgendwo im Orient zwischen der poliertesten internationalen Gesellschaft und Wilden leben. Roché dagegen findet das alles sehr interessant und beneidet mich als Schriftsteller um die so interessanten Konflikte, die ich selbst erlebe, während er sie suchen müsse. Die kleine Paulette Philippi, die ich auf dem Bal des 4 z'arts kennen gelernt habe, hat zu ihm gesagt: Il est très intelligent, sympathique, mais je me ferme devant lui.

Am Abend wieder Autosuggestion. Heute bessere Stimmung.

 

24. Oktober.

Gestern über Mittag in der Nationalbibliothek. Ich lese Berthelot und Claude Bernard. Müde, zufrieden heim. Dringender Brief an den Anwalt. Spaziergang über die spätnachmittäglichen Fortifikationen. Am Boden schlafendes Volk. Park Montsouris. Märchenhafte Dämmerung. Ich träume auf der Bank am See, durch eine lange Avenue zurück. Matt in Franzls Chaiselongue. Er liest vor aus seinem Roman: Geschichte von der Hundedame, aus seinem Tagebuch: Gaby. Dann kommt Mathis. Wir essen zusammen bei Valy auf dem Boulevard Bonne Nouvelle. Ich ging dann ins Theater Renaissance. Ein hübsches Stück von Capus Les Passagères. Guitry, Roggers und Huguenet spielen vorzüglich. Dann im Café du Dôme. Flüchtig lerne ich den Schriftsteller Uhde kennen. Nachts im Bett zahlreiche Einfälle für mein Stück.

Von hier ab werde ich nicht mehr den Tag der Niederschrift, sondern den der Ereignisse als Datum notieren.

 

24. Oktober.

Nationalbibliothek. Abends Café du Dôme. Langweilig. Unaufhörlicher Regen. Noch kein Entscheid aus München.

Der Gedanke, jetzt, ehe alles vorbei ist, schon nach München zu müssen, ist gräßlich. Überhaupt, werde ich in München noch existieren können? Denke wohl nur auf einige Monate dort in meinen Möbeln zu sein. Auch über Dülberg gehen mir die Augen auf: er richtet seine Gefühle nach dem jeweiligen Kurs meines Renommées. Meine Novellen hat er anfangs Juli in zwei Superlativen Briefen gelobt, mit einigem Vorbehalt. Dann offenbar Gespräch mit Stern. Im September in Paris erklärte er dann, mit den Novellen könne er nicht mehr mitgehen. Inzwischen hat er auch die geplante Hollandzusammenkunft, die mir übrigens dann garnicht gepaßt hätte, ausweichend behandelt. Er hat eine Kritik über die Novellen für das Literarische Echo geschrieben, die mir direkt schädlich erscheint. Jetzt schreibt er auf einmal, er hätte sie völlig umgearbeitet, um neben seinen Einwänden auch allen Vorzügen des Buches gerecht zu werden. So soll sie nun erscheinen. Dabei ist er bis zu einem gewissen Grade gefällig, aber er will begönnern, Zensuren verteilen, auch kleine Prämien und Ermutigungen für seinen Freundeskreis. Aber er mag nicht, daß darin einer wirklich hervorragt. Trotzdem wird er dann aus Opportunität nicht mit einem solchen brechen. Das alles ist bei ihm durchaus keine Gemeinheit, sondern von einem naiven Selbsterhaltungstrieb diktiertes Unterliegen gegenüber der allgemeinen, ihm maßgebend scheinenden Stimmung. Ich muß jedenfalls, wenn ich nach München komme, den Kopf oben behalten können, also am besten nach dem Prozeß ab Neujahr.

 

25. Oktober.

Nachmittags Bad St. Denis. Dampf. Diner bei Valy. Im Théâtre Grevin ein Stück von Capus la Châtelaine. Ich versöhne mich ein wenig mit dem Gedanken an die Fahrt nach München. Vielleicht will mich das Schicksal wieder da haben. Spät Café du Dôme. Uhde. Wir beriechen uns. Er hatte in Deutschland den Eindruck, daß die Novellen gut gehen. Man sähe sie überall liegen. Vielleicht darum aus Protest die schlechten Kritiken. (Spätere Anmerkung: Inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, daß es ein Zeichen meiner harmlosen Unbekanntheit war, daß bis dahin alle Kritiken über mich gut gewesen sind. Schlechte Kritiken fingen bei mir an und steigerten sich, je bekannter und erfolgreicher ich im übrigen wurde. Man hielt mich auf einmal für würdig, gegen mich zu protestieren.)

 

26. Oktober.

Ein neues Gymnastik-System zusammengestellt, aus amerikanischen Vorschriften und dem sogenannten ›Müllern‹. Bibliothèque Nationale. Amiel gelesen. Dann beim Zahnarzt. Abends wurde Franzi telegraphisch für ein mysterieuses galantes Abenteuer abgerufen. Ich esse allein bei Le Duc. Bin momentan zu präoccupiert, um Einsamkeit zu ertragen. Eine phantastisch gekleidete französische Malerin mir gegenüber, die aber nicht zum Sprechen zu bringen ist. Café du Dôme. Alle gehen aufs rechte Ufer, ich bleibe allein zurück, laufe mich müde, Avenue du Maine, Observatoire und denke mit Grauen an meine Vereinsamung und was später noch daraus werden soll. Heiraten? Kaum möglich. Aber ein Kind von einem netten lieben Mädel, das ich mit Wohltaten überhäufe, ohne daß sie Rechte auf mich hätte, etwa Kätchen?

Halbeins Nachts nachhause. Am Hoffenster quer gegenüber eine weibliche Gestalt, die nicht weggeht, obwohl sie sich von mir scharf beobachtet sieht. Schließlich mache ich Zeichen, die sie nur mit intensivem Herübersehen beantwortet. Das dauert ca. dreiviertel Stunden. Als ihr Zimmernachbar heimkommt, zieht sie sich zurück. Heute morgen am selben Fenster kurz eine etwas frauliche, ich glaube hübsche, Blondine in hellblauem Morgenrock. 2 Herren bei ihr. Als sie mich sieht, zieht sie sich schnell zurück???

 

27. Oktober.

Vormittags endlich entschieden, um allem ein Ende zu machen, am 3. November nach München zu reisen. Ich habe hier jetzt doch kein Glück, bin entweder gezwungen, um meine Präoccupation zu verbergen, steif und mißmutig zu sein oder ich muß davon reden. Keine Antwort von Lampe, auch nicht vom Anwalt. Also selber aufs Schlachtfeld. Dann gleich Berlin und nach Neujahr Wohnung in München.

Abends mit Franzl bei Le Duc. Ein kleines Mädchen lacht uns an, weil sie uns vom Ansehen aus München kennt. Eine kleine Malerin. Wir nehmen sie mit bummeln. Erst auf ihrem gemütlich- dreckigen Atelier, dann zu Bullier, dann Champagner im Café d'Harcourt. Ich werde ausgelassen, müßte eigentlich öfters trinken. Um 3 Uhr nachts zuhause. Sie ist eine kleine Jüdin, mir eigentlich uninteressant, aus niederer Judenfamilie, aber stark an Arisches assimiliert. Liebliches Lächeln, aber durchaus unerzogen, sieht Austern und verlangt sofort welche. Das darf eine Kokotte tun, die sich ja auch revanchieren kann, aber nicht ein sogenanntes anständiges Mädel. Auch wenn sie, wie diese Kleine, vielleicht schon einige Stürme erlebt hat. Ungepflegt im Äußeren und burschikos. Kreis John Jack Vrieslander. Dabei umgibt sie sich mit Beardsley und dergl., bewundert Gauguin und auch Böcklin. Wo hat so ein häßliches Wesen, das sich mit Schönheit umgibt, seine wahren Instinkte? Alle ihre angeblichen Liebhabereien doch nur, weil sie gehört hat, daß es was Gutes ist. Ihre Echtheit ist die Unordnung, Unsauberkeit und Formlosigkeit. Es ist mir, glaube ich, ganz gut gelungen, ihr meine Antipathie zu verbergen, ich habe mich sehr beherrscht. Zwischendurch einiges nette Kokottengetändel. Marinette-Allumette.

 

28. Oktober.

Sonntag. Nachmittag mit Franzl in Isle-Adam. Feldspaziergang mit den Dreyfus. Tee. Gigi sehr lieb. Die 10. Sonate von Beethoven gespielt. Erinnerungsfest an den Sommer. Gänsebraten. Sanfter, etwas matter Abend. Frau Dreyfus recht angenehm, weich, liebenswürdig. Sehr hübscher Abschluß.

 

29. Oktober.

In der Bibliothek Amiel zu Ende gelesen. Ergreifendes langsames Sterben. Abend in den Bouffes Parisiens. Polaire, die beste Pariser Schauspielerin, die mich zu Tränen rührt, aber von der Kritik als nur ganz nett à côté behandelt wird.

 

30. Oktober.

Maison Penthièvre, wo ich eine sehr sonderbare Gruppe finde, die bei meinem Eintritt in den Nebenraum sich nicht im mindesten durch meine Gegenwart stören läßt. Im Salon redet mich ein kleiner alter Herr auf englisch an. Dann singt er mit einem dünnen Tenor und begleitet sich dazu auf dem Klavier. Ein etwas stallknechtartiger junger Amerikaner beginnt nun mit mir eine Konversation in Globetrotterart und sagt, er wünschte, dieser alte Herr würde nicht singen. Abends mit Roché auf den Boulevards exterieures. Immer noch keine Briefe, weder von Lampe, noch von meinem Anwalt. Verzweifelte Augenblicke. Hessel wenig sichtbar. Er ist in eine höchst sonderbare Frauenaffaire vergraben, von der er nicht spricht.

 

31. Oktober.

Palais de Glace. Frappiert durch die reine moderne Schönheit einiger auf Schlittschuhen tanzenden Paare. Aber dennoch, was ist aus dem wilden nordischen Sport geworden, der endlose Eisflächen verlangt, über die man durch die Nacht saust? Hier in eine enge köstliche Schale aufgefangen. Nirgends sah ich so gut Schlittschuhlaufen. Ich setze mich auf einen zufällig freien Stuhl am Tisch einer dummschönen Kokotte in braunem Sammt und hellblauer Seide. Sie ist sehr einsilbig auf meine Fragen. Ich sehe mich zufällig im Spiegel. Warum mache ich ein so böses entmutigendes Gesicht? Plötzlich sehe ich mich beobachtet von einer Schlittschuhläuferin, die mir glühende Blicke zuwirft. Meint sie mich oder meine Nachbarn? Ich kenne sie von Ansehen. Im Juni saß ich ihr mit Irene in der Taverne Royale oft gegenüber. Sie stets mit alten Herren, jetzt sehr ausgelassen. Typus: Lolissa. Salamanderartig. Mager, nicht mehr ganz jung, dabei ein kindliches Gesicht. Gelblicher Teint, schwarzes Haar. Äußerst zierliche Bewegungen, äußerste Eleganz. Kurzer Glockenrock. Die Schlittschuhe an weißen Stiefeln. Ich tue, als sehe ich ihre Blicke kaum, um zu sehen, ob sie dann deutlicher wird. Schaue ich zufällig hin, – nichts, habe ich nicht geschaut, wirft sie mir im Vorbeigehen hinter dem Rücken ihres Begleiters die heißesten Blicke zu. Meine Tischnachbarn gehen. Sie bleibt mit ihrem Begleiter direkt vor meinem Tisch an der Balustrade stehen, reckt und dehnt sich, aber jetzt keine Blicke mehr für mich. Ist das Zufall, se fiche-t-elle de moi? Sie ist stark mein Fall. Dann macht sie Halt vor einem alten weißbärtigen Herrn. Ihr Begleiter verläßt sie. Sie tritt aus der Bahn, ohne sich nach mir umzuschauen, geht in das Ladies-room. Ich schlendere vorbei. Jetzt ein ganz unzweideutiger Blick für mich. Ich warte verborgen, um sie beim Verlassen des Raums zu beobachten, ob sie sucht. Sie kommt heraus, sieht mich, wir gehen auf einander zu, wie alte Bekannte. Ich erinnere an die Taverne Royale, nachdem ich mich versichert, daß sie sich nicht erinnert, und mache ihr so die Anknüpfung leicht. »Ah oui, à la taverne j'étais toujours très sérieuse.« »Oui, c'était presque décourageant«, erwidere ich. Gelächter. Der alte Herr kommt und fragt autoritativ: »Eh bien allons nous?« »Vous reverrai-je, ce soir?« Sie: »Non ce soir je ne suis pas libre, c'est mon ami. Je viendrai vendredi pour patiner.« Heftiger Händedruck. Mit dem Alten davon, noch ein heftiger Blick zurück. Ihr beigefarbiger Abendmantel verschwindet. Und ich wollte Samstag Morgen abreisen. Oder werde ich nun doch bis zum Abend warten? Ich bin den ganzen Abend in bester Laune. Auch wenn die Sache damit zu Ende ist. Wieder aufgerüttelt. Ich fühle wieder meine Lebensfähigkeit. Warum wählt sie gerade mich unter Hunderten? (Spätere Randbemerkung: Wie war ich doch heruntergekommen, daß mir ein derartig banales Abenteuer solch eine Bedeutung haben konnte. Aber wenn es mir schlecht geht und ich gerade den Trost einer Frau brauche, bin ich immer für Frauen abgestorben gewesen. Kaum aber geht es mir gut, dann habe ich so viele, als ich will oder auch mehr.) Abends mit Franzi diniert. Dann in ein Montmartre-Cabaret. Sehr witzig. Jeanne Bloch in dicker Komik. Nachts im Bett schrieb ich noch mehrere Szenen zu meinem Stück. (Don Juanito)

Ich bin jetzt so weit, dem schlimmsten ruhig entgegenzusehen, Entfremdung meiner Geschwister, der Münchener Freunde, der Gesellschaft, den Eventualitäten der Scheidung. Dahin sollte ich wohl kommen, – einsehen, ohne wie vieles, das ich für notwendig hielt, sich doch noch ganz erträglich leben läßt. Ich bin nun innerlich ganz frei, je me fiche de tout. Und nun kann's wieder aufwärts gehen. Aber wenn man mir mein Vermögen nimmt und niemand meine Bücher druckt und Stücke aufführt? Am Selbstmord hindert mich das religiöse Bedenken, daß das Schicksal solche willkürlichen Eigenmächtigkeiten nicht zuläßt. Durch den, wenigstens den bewußt geplanten Selbstmord befreit man sich nicht, das muß man irgendwie jenseits bezahlen, in anderer Münze, als der des körperlichen Lebens.

 

1. November, Allerheiligen.

Strömender Regen. Packen, Korrespondenz den ganzen Tag. Diner mit Franzl bei Lavenue. Abends Grog bei Dr. Meyer. Er und von Bartels geben mir Empfehlungen für München und Berlin, die mich darum freuen, weil sie mich wieder den Kontakt mit der Menschheit fühlen lassen. Im Café du Dôme treffe ich Pascin, der angelegentlich nach Alfred fragt.

 

2. November.

Endlich Brief vom Anwalt, dessen Hauptbrief verloren gegangen ist. Wenigstens weiß ich nun, daß meine Münchenreise notwendig ist. Brief von Tilly. Manuskript von Claar zurück. Bis zum letzten Tag hier la guigne. Gut, noch mehr, wenns dann nur in Deutschland besser wird!

Nachts vor gepackten Koffern: Unglück über Unglück. Rütten & Loening schicken das Buch über Frankreich zurück. Trostloser Nachmittag. Besorgungen. Bei Druet 3 Gauguins gekauft. Diese und einige Photographien nach Maillol versetzen mich in eine kurze süße Verzückung. Zu Mère Jeanne – Renée. Praecox. Auch das muß mißlingen. Mit Mathis und Franzl Diner in der Brasserie Universelle. Sie geben mir gesunde Lektionen. Nicht zu viel den Leuten von meinen Angelegenheiten sagen, sondern: »Wenn ihr mir nichts Gutes zutraut, dann brauche ich euch überhaupt nicht.« Keine Rechtfertigungen. So werde ichs machen. Nach Deutschland gehen und keinem Erklärungen geben, der nicht dadurch, daß er sie verlangt, schon Teilnahme zeigt. Die anderen: Foutez-moi la paix! Zu Fuß nach Montparnasse. Brief von Hedwig. Allerlei Alkohol in den Lilas. Soll morgen in Straßburg Mathis' Eltern besuchen.

 

Straßburg, den 3. November.

Um 8 von Paris fort, im Coupé ein protestantischer Geistlicher, jung, der aus London kam und sich einer Missionsgesellschaft nach China anschließen will. Fabelhaft frei und aufgeklärt, modern. Warum aber dann überhaupt noch Geistlicher? Er hat sich interessiert für vieles, was ich ihm sagte; ich erzählte ihm von dem Gauguin-Idyll in Tahiti und meinte, daß das Wort auf Gauguin paßt, »die, welche das Himmelreich besitzen«. Er versteht das. Abends in Straßburg Hotel Pfeifer. Einladung von Familie Mathis zum Diner. Dort die Jungverheiratete, herrlich erblühte Marise, Dr. Burg, der für den ersten Anwalt Elsaß-Lothringens gilt. Sehr angeregte Tischunterhaltung über Spanien. Vorzügliche Bewirtung. Reizende harmonische Familie. Kaffee im Bibliothekszimmer. Konversation über die Trennung von Staat und Kirche.

Die Stadt mitteldeutsch, altertümlich. Lotharstimmungen. In einer Gasse bunte Laternen, ein buntes, halbnacktes Gemiesel quillt, mich lockend, aus einer Tür. Volksleben in den Wirtschaften, es ist Samstag Abend.

 

München, den 4. November.

In München abends Richard am Bahnhof mit dem kleinen Otto. Im Hotel Wolff eine Flut von lauter angenehmen Briefen. Baronin, Obrist, Lampe, Gräfin Reventlow, Käti. Meine gesellschaftlichen Befürchtungen schon verscheucht. Abends bei Richard. Entzückende geschmackvolle Wohnung. Agnes recht gesund, fast dick geworden. Sie ist sehr liebenswürdig, werde nun bei ihnen wohnen. Agnes' Arbeiten fast französisch impressionistisch. Auch Richards Zeichnungen machen Fortschritte. Entwickelungsfähig. Alles scheint hier zum besten zu sein. Erfahre, Louise Bücking habe vor ein paar Jahren, als ich sie in solchem Zustand wähnte, von Mathis ein Kind erwartet, das unter Franzl's Leitung nichts wurde. Richard und Agnes sind schlecht auf sie zu sprechen. Sie bummele schwabingisch herum. Als ich nach Hause ins Hotel gehe, treffe ich nachts auf der Theatinerstraße Schloß und Gaupp, die von Sternberg kommen. Keinerlei Verstimmungen. Dann noch ein Glas Bier allein im Matthäserbräu. Alte Münchener Stimmung.

 

5. November.

Morgens holte mich Otto im Hotel ab. Er ist lieb und zutraulich, will aber doch nicht, daß ich in seinem Zimmer schlafe, weil ihm das seine Gewohnheiten stört. In der Trambahn Fräulein Brentano und Fräulein Thieme. Dann bei Dülberg. Ich finde ihn im Nachthemd in seine Korrespondenz vertieft. Immer noch sein aufreizend objektiver Standpunkt. Er will's mit keinem verderben. Auf der Trambahn Edgar Steiger. Säuft sich so durch, – aus Einsamkeitsgefühl. Ich esse im vegetarischen Restaurant; dann im Café Lutz Sonneck, der ganz Amerikaner geworden ist, mit einer amerikanischen Frau, die kein Wort Deutsch kann, Goldzähne hat, freundlich und ältlich ist. Auf der Straße treffe ich Bruckmanns, die nach meiner Frau fragen. Erfahren durch mich alles. Freundliche Reserviertheit. Zwei Schritte weiter Baron Dungern. Erfährt auch alles erst durch mich. Freundschaftliche Teilnahme. Hat inzwischen auch viele unangenehme Weiberangelegenheiten gehabt, will sich in Wien habilitieren. Dann beim Anwalt. Der Prozeß muß ernstlich geführt werden, da er nicht ohne Aussicht ist. Dr. Prager dumm, aber vielleicht ein guter Anwalt. Dann treffe ich Dungern im Café Franz Joseph. Er gibt mir juristische Ratschläge. Wir fahren zusammen nach Schwabing, ich zu Obrist. Sehr herzliche Aufnahme, hat viel Verständnis für meine Lage, auch für mein geistiges Leben. Es müsse mit dem Teufel zugehen, wenn daraus nichts Reifes würde. Abendessen in der Brauerei, dann bei Richard wegen seiner Zeugenschaft, Louisas Verleumdungen betreffend. Gegen 10 im Künstlerhaus Dungern getroffen, mit dem Marquis Bayros, der einen prachtvollen Kopf hat. Außerdem Baron Seebach, der livländische Geschichten erzählt. Dann alle im Café Luitpold. Ein junger Schriftsteller von Maassen erzählt von seinen Spielerfahrungen in Ostende. Ich gehe mit Bayros zusammen heim, der, in vollkommener Armut von seinen Zeichnungen lebend, ein vollkommener Gentleman ist. Ich wohne bei Richard, schlafe im Eßzimmer.

 

6. November. Vormittags.

Richard bei Fuchsens. Sie tun plötzlich sehr versöhnlich. Nichts würde so heiß gegessen, als gekocht. Sind bereits gesellschaftlich geschnitten worden und haben Angst, ich sei daran schuld, suchen aber noch immer keine ernste Einigung. Ich gehe zur Gräfin Reventlow, sie weiß auch keine Details. Ich gebe ihr dagegen einige. Nachmittags zum Anwalt, hat bereits Gegenklage erhoben, einige mir peinliche Intima eingefügt, die ich lieber redressieren will, hält die Gründe meiner Frau für ganz aussichtslos, meine dagegen für fundierter. Abends bei der reizenden Frau Dr. Müller, ihr Mann verreist. Ich gebe ihr auch die nötigen Aufklärungen und glaube damit endgiltig alle Mäuler gestopft. Dann bei Debschitz mit Richard. Sehr angeregte, wechselnde Unterhaltung bis 1 Uhr. Sehr unangenehm war allein die Haltung Bernsteins, bei dem ich einen Augenblick in der Kanzlei war. Absicht oder momentane Münchener schlechte Laune? (Spätere Randbemerkung: Der vollkommenen Interesselosigkeit dieses Anwalts habe ich überhaupt zu verdanken, daß die Geschichte so weit gekommen ist.)

 

7. November.

Bei dem Schauspieler Ludwig Heller wegen ›Montmartre‹ im Schauspielhaus. Nennt sich meinen Bewunderer, will alles tun, telephoniert gleich der Lilli Marberg, die für ein Wiener Gastspiel eine Rolle sucht. Aber Fräulein Marberg gießt gerade ihre Palmen und hat im Augenblick keine Zeit. Abends lese ich Agnes und Richard aus dem Buch über Frankreich vor. Großer Eindruck.

 

8. November.

Nachmittags bei Helene Klages. Ich treffe sie vor ihrem Haus und gehe mit ihr in die Stadt. Sie ist gesünder, aber nicht hübscher geworden. Das Harte, Derbe ihres Gesichts akzentuiert sich. Von mir hat sie zu Louisa gesagt, ich sei im guten, wie im schlechten Sinn ein Gassenbub. Sie weiß nichts Näheres über den Prozeß. Ich sage ihr die Hauptpunkte. Um 5 bei Richard zum Tee. Stern und Gräfin Reventlow. Stern mir gegenüber erst befangen, reserviert, dann Gespräch vom Prozeß. Er geht aus sich heraus, nimmt einen freundlich objektiven Standpunkt ein, schlägt eine persönliche Entrevue zwischen Louisa und mir vor mit vorheriger Zusicherung, daß alles im Augenblick Gesagte unverbindlich sein soll. Von Irene hat er offenbar nichts geschwatzt. Ich sehr befriedigt von diesem Gespräch. Abends mit Richard im vegetarischen Restaurant, dort Schloß. Meta hat ein Kind bekommen. Gusti dumm und vergnügt, wie immer. Schloß ein guter, gemütlicher Kerl. Dann mit Richard allein im Café Leopold.

 

9. November.

Vormittags bei Dr. Hauck, den ich zur Parade begleite. Nachmittags mit Richard im Café. Schloß, Nasse, später Stern und Dülberg. Dieser reserviert, will offenbar warten, wie meine Sache ausgeht, um dann zu wissen, wessen Partei er ergreifen soll. Sobald alles in Ordnung ist, werde ich ihm meine Meinung über solche Gesinnungstüchtigkeit sagen. Beim Anwalt. Ich spreche Dr. Pflaum, den einzigen, mir sympathischen dort. Er ist überzeugt, daß ich mit Mk. 10 000,– herauskomme, daß meine einseitige Verurteilung so gut wie ausgeschlossen ist. Abends hielt Obrist Vortrag im Monistenbund. Eigentlich Geschwätz. Eine jammervolle Gesellschaft. Wir bringen Frau Obrist nachhause. Dann mit Richard und dem Maler Adler eine Stunde in der Brauerei. Niedliche Kellnerinnen, leichter Bierrausch. O München!

 

10. November.

Vormittags bei Parin. Dort Friedrich Huch mit Jüngling. Parins neue Arbeiten ganz interessant. Dann geht Huch und Begleiter fort. Gespräch mit Parin. Er will Frau von Schewitsch etwas aushören, die vermutlich von der Fuchs gegen mich bearbeitet ist. Nachmittags bei Frau Heiseler, die ein Gespräch mit Louisa in ihrer Gegenwart vorschlägt. Alles billigt meinen Standpunkt. Abends mit Bayros Parkhotel. Dort von Maassen, Dr. Hartmann mit einer netten Freundin. Dieser sehr lustige, etwas lebemännische Kreis dürfte für mich jetzt doch geeigneter sein, als Dülberg, Stern, Wolfskehl. Der letzte ist, wie Richard erzählt, äußerst erbittert gegen mich und fürchtet von mir Intriguen. Ich glaubte Schwabing endlich beruhigt und stehe der ganzen Wolfskehl-Sache so fern und ruhig gegenüber, daß ich das alles kaum verstehe.

 

Sonntag, den 11. November.

Vormittags bei Frau Heiseler. Dann erscheint Louisa, verheult, schaut mir nicht ins Gesicht. Merkwürdige Mischung: halb rührend, halb ordinär. Sie beklagt sich, daß ich ihr nur ein Drittel meiner Einkünfte schicke, rechnet uns dann vor, daß sie zehntausend Mark braucht, die ich ihr auch sofort genehmige. Ich lasse sie dann mit Frau Heiseler allein. Sie wirft mir einen Blick zum Abschied zu, der mich an alte Zeiten erinnert und tief rührt. Ich gehe heim mit der Befriedigung, daß nun alle Gemeinheiten ein Ende haben. Nachmittags bei der Gräfin Reventlow. In Suchockis Dachwohnung. Sie bietet sich mir als Zeugin für den von mir nun zu begehenden Ehebruch an. Wir verabreden une nuit galante für diese Woche. Zum Tee und Abendessen bei Debschitz. Dort Fräulein Nachtigall schöner als je. Ihre beginnende herbe Altjüngferlichkeit ist ganz verschwunden. Es liegt eine sinnliche Süßigkeit über ihr. Ich erfahre, wie gräßlich sich die kleine Glasenapp auf einen Kärntner Bauernhof verheiratet hat. Die Unterhaltung ziemlich träge. Wohlwollender Klatsch über alle Bekannten.

 

12. November.

In der Frühe Brief von Frau Heiseler. Louisa hat ihre Erklärung, sich mit einer Abfindung von zehntausend Mark zu beruhigen, von ihrer Familie beschwatzt, am Nachmittag wieder zurückgenommen. Das sieht ihr wirklich ähnlich. Ich gerate in namenlose Wut. Um 11 bei Frau Heiseler. Ihr Standpunkt ist, ich hätte doch wohl Schuld an der Ehezerrüttung, aber es sei freilich zugleich eine Pflicht für mich gewesen und eine Notwendigkeit, eine solche Ehe zu zerrütten, in der ich zugrunde gegangen wäre. Ja, es sei in höherem Sinne moralischer gewesen, die Ehe aufzuheben, als sie fortzuführen. Louisa, die Frau Heiseler für dumm, einfältig und schwächlich hält, aber doch nicht für gemein, sei eben gerade ihrer Geringwertigkeit wegen imstande, eine solche Ehe ruhig weiter zu führen. Sie rät mir daher, ich soll ihr fünfzehntausend Mark geben. Zuhause treffe ich Obrist, der bei Agnes und Richard gegen französische Kunst redet, worüber Agnes entzückt ist. Dann kommt Dr. Müller, sehr liebenswürdig, ganz auf meiner Seite, versichert, daß ich keinerlei Sympathien verloren habe, daß dagegen Familie Fuchs keine besondere gesellschaftliche Schätzung mehr genießt. Um 3 Uhr beim Anwalt, der sich nun als ganz dummer Kerl herausstellt (Dr. Prager). Ich gehe selbst ans Telephon und verhandele mit Rosenthal, Louisas Anwalt, biete zwölftausend für den Fall, daß alle meine daran geknüpften Bedingungen erfüllt werden. Er will mit Louisa reden, hatte vorher fünfzehntausend verlangt. Jedenfalls steht nun die Einigung bevor.

Dann auf der Redaktion der »Jugend«, verlange ein verlorenes Novellenmanuskript zurück, das unauffindbar ist. Dr. Sinzheimer bietet mir unaufgefordert fünfzig Mark Entschädigung an. Gumppenberg kommt dazu. Dann auf der Allgemeinen Zeitung, wo ich erfahre, daß mein Aufsatz »Französische Kultureinheit und Absolutismus« dort akzeptiert ist. Habe das Gefühl, daß nun alles wieder bergauf geht. Auf der Ludwigstraße Richard mit Dr. Landshoff im Gewühl der Leute, die den durchreisenden Kaiser sehen wollen. Landshoff, rührend liebenswürdig, bat mich auf den folgenden Tag in seine Villa in Ludwigshöhe zu kommen.

Abends friedliche Ordnung von Richards Geldverhältnissen, der nun wirklich durch die Ehe auf guten Weg gekommen ist und hübsche Sachen arbeitet. Agnes, eine zwar pimpeliche und einseitige, aber doch nicht unvornehm empfindende Frau.

Ein derartig aufreibender Tag lange nicht vorgekommen. Habe nun endlich Ruhe nötig. Frau Heiseler findet mich sehr angegriffen aussehend, aber doch nichts mehr von der alten Müdigkeit und Schlappheit. Fühle mich mit meinem Temperament und Geist sehr auf der Höhe und sicher, besonders den Anwälten gegenüber, deren Lebensauffassung doch von der meinen sehr abweicht.

 

13. November.

Nachmittags eine mögliche Wohnung gefunden. Primitiv, aber drei Südzimmer. Dann scharfer Streit bei Rosenthal. Wir einigen uns auf zwölftausend Mark. Gegen Abend zu Landshoff nach Prinz Ludwigshöhe. In der Bahn die Baronin Scheve getroffen. Verjüngt und sehr elegant mit einem glattrasierten, schlanken, etwas kammerdienerhaften Grafen So und so, den sie duzt. Sie lebte bei ihm in Florenz, jetzt er bei ihr im Grünwald in der Villa Ceconi. Sehr liebenswürdig. Wir mokieren uns über Ehe und ähnliches. Landshoffs leben in einer fast schloßartigen Villa mit großer Hall. Sie hübsch, aber häßlich biedermeierisch angezogen, Reformkleidung, große häßliche Ohrringe. Müde schleppende Unterhaltung. Dann von meiner Scheidung. Sie haben nur Schlechtes von mir gehört. Louisa sei vor der Ehe ein reizvolles Wesen gewesen, jetzt reizlos und albern. Ganz meine Meinung. Er aber versteht mich. Sie hält mich für einen großen Egoisten. Merkwürdig, obwohl ich den Egoismus bei anderen gar nicht verdamme, ist das vielleicht meine einzige Empfindlichkeit: Ich will nicht für einen Egoisten gelten. Nicht etwa, weil ich einer wäre. Ich würde mich z. B. ruhig eitel nennen lassen, was selten geschieht, obwohl ich es wirklich bin. Sie sucht dann ihre Worte abzuschwächen und sagt, wenn sie sich scheiden ließe, müsse sie sich einmal mit mir verheiraten: »Sie als Ehemann interessieren mich. Vielleicht würde ich Ihre zwei Frauen rächen!« Ich: »Gerade so etwas möchte ich erleben. Eine Frau so lieben und verehren, daß sie mich unterkriegt. Alles an ihr in Kauf nehmen, um nur sie nicht zu verlieren, aber sie muß auch danach sein!«

Die Behaglichkeit der Landshoffschen Ehe ist mir ein bischen zu langweilig. Sie nennen sich Papa und Mama und machen mit Vorliebe Anspielungen auf Physiologica.

 

14. November.

Definitiver Entschluß, Clemensstr. 20 die Wohnung zu mieten. Mit Richard dort, dann Dampfbad. Abends totmüde zu Hause. Die Münchener Luft und die Münchner Sinnlichkeit captivieren mich wieder so stark, wie je. Nur meine geistige Nahrung werde ich nicht mehr von hier beziehen. 6 Monate reisen jährlich geplant.

 

15. November.

Abschiedsbesuch bei Frau Heiseler, die sich sehr über die Einigung freut. Ihrem Einfluß ist sie mit zu danken, als Stimme der Gesellschaft. Auch sie meint, Louisa sei nun durch mich nicht mehr geschädigt. Nachmittags bei Heller. Die Marberg soll sich totlachen über die Stelle, daß Paulette Schumann »nicht auf französisch lieben kann«. Das ist echt schauspielerinnenhaft. Beim Notar mit Louisa und Dr. Rosenthal zur Unterzeichnung des Vertrages. Zwölftausenddreihundert Mark, wovon sie dreihundert als Anwaltskosten benutzen soll, die ich nominell nicht tragen will. Louisa sah rührend aus, plötzlich wieder hübscher. Sehr höflicher Verkehr, was ihr offenbar sehr recht war. Sie ist wirklich nur das zerbrechliche Gefäß, in das freilich alle Fremden Unrat füllen können, soviel sie wollen. Dann bei Rosenthal allein, der effektiv keine Scheidungsgründe gegen mich wußte, zu welchem Geständnis ich ihn lachend zwang. Ich soll also einen ehewidrigen Brief an Louisa von Berlin aus schreiben. Rosenthal hätte lieber gehabt wenn ich ad hoc einen Ehebruch begehe, darauf fragte ich ob er mir jemanden dazu empfehlen könne, ein moderner Anwalt müsse eigentlich in dieser Hinsicht etwas Auswahl haben. Mir widerstrebt das übrigens, zumal die Gräfin inzwischen Influenza bekommen hat. Schließlich einigten wir uns auf einen Brief, Rosenthal indessen weiß nicht ob das genügen wird. Er sagt der Brief müsse eben danach sein. Nun, er soll ein kleines literarisches Kunstwerk werden. Ich freue mich schon auf die Gesichter, die die Richter machen werden.

Abends im Park-Hotel. Bayros erzählt von seiner Ehe mit der Tochter von Johann Strauß in Wien. Die Ehe wurde annulliert, weil seine Frau nach der Hochzeit nicht seine Frau werden wollte. Dann kam ein Herr Köffler, ein gut gewachsener eleganter Deutsch-Amerikaner, der sehr interessant von der Großartigkeit des amerikanischen Amüsements mit Damen erzählte. In gewissen Häusern müßten die Mädchen für jedes Wort slang 5 Dollar Strafe zahlen.

Vormittags bei der Gräfin wegen des roten Fadens. Sie hustet, lungenschwach, muß wegen einer Zahnoperation morgen chloroformiert werden. Wahrhaftig, die Lust ist mir vergangen.

 

16. November.

Nachmittags bei Bayros. Seine erotischen Zeichnungen recht delikat und erregend, aber ohne viel eigene Erfindung, solid gearbeitet. Aussicht auf interessante Redoutengesellschaft für den Carneval. Abends Thee bei Dr. Müller. Die liebe Wanda Falckenberg in ausgezeichnetem lila Kleid. Er ohne Bart und hübsch, haben sich in Bruck angebaut, sind glücklich. Die Baronin Bernus war dick und schwammig. Er noch immer das Mißtrauen erweckende Spitzbubengesicht. Eine junge Livländerin, Anna von Knierim, Freundin der Susi von Zimmermann, die plötzlich Krankenpflegerin werden will. Dülberg und ich begleiten sie nach Hause. Sie ist sehr unternehmungslustig, »quatscht« aber haltlos allerlei durcheinander, will noch mit in eine Weinstube, die »Simplicissimus« heißt, kommen, dann wieder will sie nicht. Verspricht morgen Abend mit mir ausgehen zu wollen. Verlangt dann meine Adresse von mir, falls sie es sich doch noch anders überlegt und abschreiben möchte. Toll, haltlos, amüsant. Hübsche lange knabenhafte Figur, aber ihr Mund gefällt mir nicht ganz gut. Dülberg wieder sehr liebenswürdig, weil er weiß, daß meine Sache sich zu meinen Gunsten entschieden hat. Im Januar werde ich ihm einmal den Spiegel vorhalten.

 

17. November.

Früh mit der Post endlich die notarielle Ausmachung mit Louisa erhalten. Abends mit Frl. von Knierim zu Fuß zum Ratskeller gegangen. Sie befragt mich über Bohème usw., die ich als etwas Unangenehmes schildere, wegen der Öffentlichkeit dessen, was geschieht. Sie ist entsetzt über die Notwendigkeit der Verheimlichung, spricht von entwürdigenden Ketten, das alte deutsche Lied. Kommt den ganzen Abend immer wieder darauf zurück. Trinkt keinen Tropfen Wein, weil sie das »zu lustig machen würde«. Überspannt wie alle Baltinnen, aber garnicht dumm. Jedenfalls nichts für mich in ihrer unkomplizierten Offenherzigkeit.

 

18. November, Sonntag.

Zum Thee bei Frau von Schewitsch. Entzückender Empfang durch Frau von Davitschoff. Die Schewitsch krank im Nebenzimmer, giebt nur Privataudienzen. Weißes flockiges Seidenkleid, silbergestickte Pantöffelchen, jugendlicher als je, obwohl sie 70 Jahre alt sein soll. Spricht äußerst verständnisvoll von meiner Ehe, die nicht gehen konnte. Das sexuelle Element müsse stimmen, sagt diese weise alte Frau ganz von selbst, sonst ginge es nicht. Louisa soll übrigens nett von mir gesprochen haben. Ich: ich trage ihr jetzt nicht das Mindeste mehr nach. Genau das soll sie von mir gesagt haben. Heute erhielt ich übrigens eine nette Antwort Louisas auf meinen gestrigen, in Güte abschließenden Brief. Dann sehr reizvolle Konversation, zu der Frau von Schewitsch zuletzt in den Salon kommt. Ich erzähle einiges von Spanien und fühle mich sehr à mon aise.

Nachts vorm Schlafengehen plötzlich ein schauderhafter Streit mit Richard und Agnes. Sie werfen mir vor, daß ich an der Verzögerung von Agnes' Gesundung und ihrem evtl. nie Ganzgesundwerden schuld sei, da ich Richard zu geldknapp gehalten hätte. Richard, wie immer in solchen Fällen, unbeschreiblich ausfallend. Ich bin empört über diese Angelegenheit und erkläre zunächst unsere Beziehungen für gelöst. Ich habe ihm stets geschickt, was er braucht, und wenn nicht immer sehr bereitwillig, dann wegen des beleidigenden Tones seiner Briefe, die mir nie die Sachlage einfach und ruhig darstellten. Wenn ich seinerzeit die Krankheit Agnes' nicht so furchtbar ernst nahm, so geschah es nach Information von Richards eigenen Ärzten. Wir gehen trotz Agnes' netter Vermittelung ohne Abschied zu Bett, dann fällt mir mein Vorsatz ein, die Leute glauben zu lassen, was sie wollen und mich nicht mehr zu rechtfertigen. Wozu dies alles? Ich tue was mir richtig scheint, er mag denken was er will. Ich rufe ihn nocheinmal zu mir, sage ihm, bei näherer Überlegung wäre es mir nicht ehr wesentlich was er denkt. Und daraufhin reichen wir uns die Hand. Keine Versöhnung, sondern Kompromiß. Ich will die Beziehungen zu Menschen nicht mehr ernst nehmen, das schafft nur unnötige Aufregung.

 

Bamberg, den 19. November.

Richard brachte mich gegen Mittag an die Bahn, suchte seine Worte vom Vorabend abzuschwächen, versichert mich seiner brüderlichen Gefühle, ich ihn meiner Gerechtigkeit im Gegensatz zu Hedwig und Alfred, die alles aus ihrem Nervenzustand betrachten.

Der Fabrikrauch und die Türme Nürnbergs in rosigem Abendhauch. In Bamberg Kätchen an der Bahn. Schlank und niedlich, befangen ernst. Wir wissen noch nicht wie wir uns wieder stellen sollen. Im Wagen zum Hotel Bamberger Hof. Altvaterisch, noch wie vor drei Jahren, als ich hier einmal auf der Durchreise nach Wildungen verweilte. Parterrewohnung im altertümlichen Viertel am Fluß. Große, nicht sehr behagliche Räume, sogenannte Bauernstube. Ein Riesendienstmädchen serviert den Thee. Im Schlafzimmer das alte weiße Bett und die komischen Kätchen-Möbel. Tode der Hund jammert. Sie giebt dem Mädchen allerlei Aufträge, Wäsche betreffend und Geld. Ganz Dame geworden. Beim Thee tauen wir auf. Ihr Hugo, der jetzige Freund und mein Nachfolger, natürlich Jude, Kaufmann, läßt ihr völlige Freiheit und schafft pekuniäre Unabhängigkeit, bis sie als Schauspielerin was kann. Sie hat ihn ganz am Fädchen. Entzückend, wie geschickt sie das Alles macht. Dieses liebenswürdige Gaunertum, diese ewigen Lügen ohne Verlogenheit. Ich sage ihr auf den Kopf zu, daß sie mich vor zwei Jahren betrogen hat, sie giebt es ohne weiteres zu. Aber das stört mich garnicht, sie hat es gewiß sehr nett gemacht. Wie ekelhaft waren mir dagegen Louisas kleine Liebesgeschichten vor der Ehe, trotz ihrer Harmlosigkeit. Ich hätte mich zu wenig um sie gekümmert, sagt Kätchen, und sie klagt mich heftig meines Egoismus an; Endell hätte ihr gesagt, Endell, dem ich aus so mancher Geldverlegenheit geholfen habe, ich rechne mir ganz genau aus, wie liebenswürdig ich gegen den und gegen jenen sei, was mir nach Befriedigung aller meiner Bedürfnisse evtl. für andere übrig bliebe. Gefühle für andere dagegen kennte ich nicht, und das glaubt sie nun auch. Das schmerzt mich einen Moment sehr, da ich mich wieder brennend in sie verliebe. Dann aber finde ich diesen Vorwurf komisch von einem Wesen, für das ich doch auch nur ein Stein in seinem Schachbrett war, wenn auch der König. Man hat ihr immer gesagt, ich lege Geld zurück, während ich stets von meinem Kapital genommen habe, als ich mit ihr verkehrte. Auch dieser Argwohn hat sie geärgert. Aber schließlich löst sich das peinliche Gespräch in Verliebtheit auf, leichte Küsse. Es wird 8 ¼. Sie will sich umkleiden zum Ausgehen. Ich darf im Nebenzimmer bei offener Tür sitzen. Als sie die Wäsche wechselt und ich wieder diese hinreißende Büste sehe, die mir seit zwei Jahren kein Weib hübsch genug erscheinen ließ, stürze ich mich über sie und bedecke sie mit Küssen. Theerosen-Parfüm, das sich fabelhaft mit ihrem natürlichen Geruch verbindet. Sie wehrt sich, die Leute könnten hereinsehen usw. und verspricht lieber so wie sie ist ins dunkle Nebenzimmer zu kommen, wenn ich sie nur jetzt loslasse. Sie kommt, und unsere alten Beziehungen sind wieder hergestellt, nur viel schöner als je. Ich flehe sie an, mich Nachts einzulassen, sie dürfe es mir nicht abschlagen. Seit zwei Jahren sehne ich diesen Augenblick herbei und dabei fühle ich wieder diese festen geschmeidigen Glieder, das trockene dichte Haar und den wundervollen Geruch. Sie hat wohl niemals jemand von sich so hingerissen gesehen, wie mich in diesem Augenblick und verspricht mir alles. Sie zieht sich fertig an, reizend, elegant. Dunkelbraunes Sammtkleid, weiße Seidenblouse, weißer Hut und hellgelber Abendmantel. Wir essen im Bamberger Hof etwas provinzial, mäßiger Caviar, dann aber vorzüglicher Mosel. Münchener und Berliner Geschichten. Dann nach Hause. Das Riesendienstmädchen hat gut geheizt und die Hoffnungen von zwei Jahren erfüllen sich dreimal. Wir verstehen uns besser als je. Jetzt erst würdige ich, was ich an ihr habe. Alles ist reizender, raffinierter und erfahrener, als vor zwei Jahren und trotz alledem, was sie inzwischen erlebt hat, habe ich das alte Gefühl einer inneren Keuschheit und Aufrichtigkeit bei ihr; während Louisa unkeusch und unwahr war, obwohl sie gewiß viel weniger log, als dieses Kätchen, das eben in seiner Natur echt ist. Wir werden uns nun von Zeit zu Zeit sehen. Im Dezember kommt sie wohl nach Berlin. Später nach München. So sind wir völlig unabhängig von einander, ohne alle Eifersucht und ohne Möglichkeit von Konflikten. Ist das nicht gerade das was ich brauche? Um halb 3 Uhr Nachts ins Hotel zurück. Dieses Hotel im Style des 18. Jahrhunderts hat eine Art Casanovastimmung am anderen Vormittag gehabt.

 

20. November.

Vormittags während Käti in der Probe ist, Gang durch das herbstsonnige altertümliche Städtchen. Dann mit Käti in einer Weinstube zum Essen. Bei Tag sieht sie doch etwas gealtert aus, was aber meine Empfindungen nicht stört. Sie benützt einen rosa Puder, der mir nicht angenehm ist. Ausgezeichnetes Essen, Karpfen, Liebfrauenmilch. Dann zu Fuß auf die Altenburg, wo wir in der Dämmerung ankommen und in der holzgetäfelten gewölbten Gaststube Kaffee trinken. Unten in dem Thal die Lichter von Bamberg, Heimweg im Dunkeln. Wir kaufen in einem Delikatessen-Geschäft unser häusliches Abendessen ein, dazu eine Flasche Samos. Zu Haus das Musikzimmer gut geheizt. Während wir auf dem Divan ruhen sind wir vom Feuer des Ofens beschienen. Sie ist viel klüger und talentvoller für die Liebe geworden, als sie je war. Ich entdecke ein entzückendes blaues seidenes Schleifchen zwischen rotgoldenem Haar. Dann gemütliches Abendessen zusammen, eingehende Unterhaltung über ihre jetzige Lage. Sie ist, wie ich, ganz entschwabingt, von der Wirklichkeit erzogen. Die einzige Schwabingerin die Mut hatte ihr Leben zu gestalten, statt sich von Ideologenkram abspeisen zu lassen. Zunächst ist nun endlich die materielle Grundlage bei ihr da, sie erzählt von einem an ihr gescheiterten Verführungsversuch Wolfskehls in nächtlicher Droschke in München. Die Schwabinger Männer plump, unkavaliermäßig unfähig eine Frau leise in die Situation zu bringen, die sie brauchen. Kinder, die keine Männer werden wollen. Aber auch die Weiber keine Weiber. Das Kätchen imponiert mir als femme entretenue mehr, denn als Schwabinger Mädel. Nach Tisch probt sie ein bischen das Rautendelein. Dann betrachteten wir im »Amethyst« die äußerst gewagten Zeichnungen. Schon waren wir angezogen, aber nun zogen wir uns wieder aus; lange, angenehm träge Vorspiele, und schließlich Abschiedsumarmung. Dann beim Anziehen konstatieren wir, wie glücklich doch nun alles gekommen ist; damals konnte ich nicht mehr für sie eintreten, weil sie ein zu unverläßliches Wesen war und unser ganzes Verhältnis dadurch zu unentschieden. Jetzt dagegen sei es klar und entschieden. Daß der zahlende Liebhaber immer betrogen werden muß: Naturgesetz. Mehr als der Ehemann, demgegenüber sich doch in manchem Mädel das Gefühl der Pflicht regt. Zum Liebhaber, der ein Mädchen dauernd aushält, eigne ich mich nun einmal nicht. Als Gigolo bin ich viel liebenswürdiger. So sind wir materiell unabhängig voneinander, aber zu freundschaftlichen Opfern bin ich natürlich in dem Rahmen meiner Verhältnisse stets bereit. Wir trennen uns im süßesten Einverständnis müde um halb zwei Uhr. Wiedersehen in Berlin vor Weihnachten. Ich reiche ihr von außen den Schlüssel durchs Fenster zurück. Zwei vollkommene Tage.

 

Berlin, 21. November.

Fahrt von Bamberg nach Berlin, unterwegs Lektüre des Amethyst. In Korbetha wieder die ersten preußischen Beamten mit ihrem Geschnarre. Zuerst Grauen vor Norddeutschland. In Berlin im Holsteiner Hof. In den Straßen zunächst nur das Gräßliche der Großstadt ohne den Pariser Reiz. Ich bin noch zu voll von Kätchen, um mich viel um die wie es scheint hübschen Frauen zu kümmern. Ich esse wie oft vor 7 Jahren im Central-Hotel. Am Tisch große, schönarmige Berlinerin mit einem degeneriert eleganten Polen, der Paris auf Kosten von Berlin lobt, die Langweiligkeit der Berliner Lokale tadelt. Sie: »na, in Paris können sich die Leute doch auch nicht auf den Kopf stellen, alles das ist nur Einbildung«. Das ist die ganze Berliner Phantasielosigkeit.

Café Monopol. An meinen Tisch setzt sich eine jüdische Familie mit einem jungen Mädel, das krampfhaft die »Münchener Jugend« verlangt. Dann setzt sich ein Herr Studiosus Rosenthal dazu, von der Verbindung der Makkabäer und beginnt zu pussieren. Ich gehe traurig heim durch die Friedrich- und Leipziger Straße. Ich denke viel an Kätchen und sende folgendes Dankgebet empor: »Dem Himmel Dank, daß er mich von den Malerinnen und Künstlerinnen mit Persönlichkeit und ›aufrichtiger Gesinnung‹ befreit hat, daß er mir wieder ein süßes Theatermädel mit guter Wäsche gab.« Die Malerinnen dagegen sind beleidigt, wenn man ihnen einen seidenen Unterrock, oder ein Spitzenhöschen schenkt, denn erstens sind sie aus guter Familie und zweitens sind das Symbole der weiblichen Sklaverei unter der selbstherrlichen Begierde der Männer. Im Hôtel keine Decke im Bett, sondern diese primitiv norddeutschen Federbetten.

 

22. November.

Vormittags Bernburger Straße 7 Zimmer gemietet. Ich glaube im selben Haus wie vor 7 Jahren. Auf der Post finde ich die Allgemeine Zeitung mit meinem Artikel. Frühstück bei Wertheim. Dann nach dem Zollamt. Zum Thee bei Lampe, gemütliche hübsche Wohnung. Herr von Rekulé ein etwas posierender, junger Berliner giebt dann Kokotten-Erfahrungen zum Besten und wird dabei nett. Dann mit Lampe allein, erzähle ihm die Dinge mit Louisa. Abendessen. Später kommt Heiseler. Wir fahren nach dem angeblich von ersten Schauspielerinnen veranstalteten Ball der »Berliner Rangen« und finden spießigen Mittelstand und Chormädels. Wir denken schon an Weggehen, als ich die einzige hübsche, die mir schon beim Entrée auffiel, als sie mir die Schleife verkaufte, auf der Rutschbahn wieder entdecke. Am Ecktisch Sekt. Heiseler nimmt ihre abscheuliche Freundin, die, ich weiß nicht auf Grund welcher Eigenschaften, Kokotte geworden ist. Lampe irrt suchend herum. Beide gehen bald und lassen mich mit Gretel allein. Sie ist etwas üppig, aber doch schlank und flachsblond. Aus dem Tanzchor des Metropol-Theaters. Sie entpuppt sich als ein sehr lustiges und anständig empfindendes, ganz gebildetes Ding, die wie immer, eigentlich nicht in ihre Umgebung paßt. War eines Liebhabers wegen, mit dem sie nach Bordighera ging, kontraktbrüchig beim Schauspiel geworden, darum nun 3 Jahre Engagement unmöglich. So ist sie ans Metropol gekommen. Wir verstehen uns recht gut, als plötzlich die Direktorin des Metropol-Theaters, eine Frau Schulze, zu stören beginnt. Sie hat ihre Mädchen umsonst mitgenommen, damit sie die Herrn zu möglichst vielen Ausgaben veranlassen bei der Rutschbahn und den Verkaufsbuden. Kaum sitzen wir ruhig beieinander, als sie uns aufscheucht, da dabei nicht genug für sie herausspringt. Gretel beginnt zu weinen, da sie sich darüber schämt. Ich nehme die Sache komisch. Frau Schulze giebt zu verstehen, daß sie uns in Ruhe lassen wird, falls ich ihr ein Schnitzel zahle. Dies geschieht. Diese Frau soll mehrfache Millionärin sein und trägt große Brillanten an den Händen. Wir warten dann noch eine recht ungemütliche Stunde den Moment ab, um wegzugehen, und setzen uns dann ins Café Roland von Berlin, wo das Gespräch etwas »excentrisch« wird. Ich bringe sie nach Hause, wohnt ganz in meiner Nähe, Königin Augusta Ufer. Sie fürchtet sich, ich bringe sie bis in ihr Zimmer ohne weitere Zärtlichkeit, als ein Abschiedskuß auf der Treppe. Sie leuchtet mir und meint, die Situation sei wie in einem Kriminalroman.

 

23. November.

½ 2 aufgestanden, Besuch bei Prof. Bie, wegen meines Manuskripts »Französische Gesellschaft und Moral«; er ist unentschlossen, ich nehme es zurück. Dann bei Julius Bard, macht mir energischen, zuverlässigen Eindruck, will eventuell zukünftige Werke mit »Gedanken über Frankreich« beginnend, verlegen. Eine Woche Bedenkzeit. Dann bei Heiseler im Hospiz des Westens. Er erzählt, Greve soll gegen Endell direkte Erpressungen vorgenommen haben. Wenn das wahr ist, lasse ich Greve auch fallen. Will dahinterkommen. Dann ist von meiner Scheidung die Rede. Heiseler hat das für mich eingenommen, daß Louisa, als sie von Paris kam, auf ihrem Höhepunkt war, daß sie sich im Sommer unter Fuchs'schem Einfluß wieder in ihre alte Formlosigkeit verlor. Auf dem Flur begrüße ich Lou Andreas-Salomé, deren interessantes, gütiges Gesicht mich erstaunt. Abendessen in dem kahlen protestantischen Speisesaal mit Heiseler. Nach Tisch lese ich ihm das von Bie zurückerhaltene Manuskript, das ihn sehr interessiert. Um 11 ¼ treffe ich Grete an der Passage. Etwas müde im Café Roland. Dann zu mir hinauf, wo es eigentlich wider meinen Willen im ungeheizten Zimmer zu Zärtlichkeiten und allen Folgen kam. Sie hat eine wundervolle, glatte Haut, mir fast etwas zu üppig und bereits zu weiche Formen. Wimmernde Sinnlichkeit mit etwas berlinerischen Ausrufen. Ich kriege dabei doch einen kleinen Schrecken, weil das Alles so schnell gegangen ist. Mit wie vielen mag sie so gewesen sein! Ich werde etwas ängstlich und frage sie so nebenher, ob sie viel erlebe. Das verletzt sie sehr. Verstimmungen. Ich weiß nicht, ob man das ernst nehmen soll. Dann aber macht sie plötzlich eine Bemerkung, die doch auf zartes Empfinden schließen läßt: Daß Du das gerade nachher fragen konntest, ist so gräßlich! Ich suche sie zu beruhigen, ich dächte nicht schlecht von ihr usw. Ich weiß nicht, soll ich ihr ein Geschenk machen oder nicht? Wird sie beleidigt sein? Ich drücke es ihr unter ihrem Hausgang schnell in die Hand, und sie läßt es in der Manteltasche verschwinden. Ich soll sie besuchen. Zuhause finde ich ihr Korsett, das sie nicht wieder angezogen hat, in meiner Manteltasche. Ich muß es ihr heute hinbringen.

Als wir nachts mein Zimmer verließen, sprang plötzlich die Küchentüre auf, und meine Wirtstochter stürzte heraus: »Was geht denn hier vor?« Tut erschreckt, aber es war wohl nur Neugier. Heute früh ist sie wieder sehr freundlich, bittet mich, nach elf Uhr keine Damen mehr zu empfangen. Ich verspreche Nichts, sage aber, ich wolle es zu vermeiden suchen. »Nun, geben Sie sich ein bischen Mühe«, sagt sie mit der Protektionsmiene eines alten Mädchens.

 

24. November.

12 Uhr aufgestanden. Besorgungen. Dampfbad. Vegetarisch gegessen. Abends Wintergarten. Liddy von der Marigny-Gipsgruppe in Paris unterwegs auf der Friedrichstraße getroffen. Auch Irene sei da, aber im Augenblick verreist. Wintergarten roh und fürchterlich. In meiner Nähe sehe ich Herrn und Frau von Kunowski, die ich begrüße. Die berühmte Tänzerin Ruth Saint Denis. Anfangs fürchte ich Kitsch à la Schwabing, aber zum Schluß wird es prachtvoll. Sie kann wirklich tanzen. Wozu aber der ganze indische Theaterapparat, der doch mißtrauisch gegen ihre Kunst machen muß, denn das Indische an ihr ist sicher Nichts, nur das Tanzen ist echt. Dann mit Kunowskis im Café Scandinavia. Sie ist hübscher als je, er ganz der Alte, in sich und seine Apostelpläne vergraben.

Auf dem Heimweg schreit plötzlich Jemand hinter mir: »Berliner Range! Berliner Range!« Und das abscheuliche Lieschen vom gestrigen Ball rennt mir nach. Mit Mühe werde ich sie los.

 

25. November.

Grauer, nebliger Sonntag. Besuche gemacht, Niemand getroffen. Zum Tee bei Greves. Er ganz Litteratur, Theater, Verlag. Sie altert, macht sich aber gut zurecht, immer noch die prachtvolle, elegante Figur. Sie arbeiten zusammen, wobei sie ihren Courtisanenstandpunkt festhält, Alles vom Standpunkt des Vergnügens aus zu betrachten. Besonderen Spaß macht ihr, wenn er die sehr erotischen Tausend-und-eine-Nacht-Erzählungen mit ihr übersetzt, wobei sie näht und das Gefühl hat, er liest es ihr vor. Ich nehme ihn dann mit mir in die Stadt, um mir den Fall Endeil aufklären zu lassen, werde aber nicht klug daraus. Schwer Gravierendes für ihn kann ich nicht finden, aber ebensowenig für Endell. Die Erpressungsgeschichte erklärt sich so, daß Endell ihm circa 3000 M schuldig war, ihm zunächst 1500 zurückgab, um die Trauung in England zu ermöglichen, die Endell im Inland dadurch unmöglich gemacht haben soll, daß er den Ehebruch seiner Frau aus Rache als Scheidungsgrund benützt habe. Greve soll deshalb eine Revision des Prozesses angedroht haben, um beiderseitige Schuld der Gatten zu erzielen, damit das Ehehindernis wegfällt. Das betrachtete die Gegenpartei als Erpressung. Klar ist die Sache jedenfalls nicht. Endell sagte mir vor zwei Jahren in München, gerade er habe vermeiden wollen, den Ehebruch als Scheidungsgrund zu nehmen, aber sei damit an Manövern der Gegenpartei gescheitert. Endell muß jedenfalls sehr neurasthenisch gewesen sein in der Zeit der Trennung von seiner Frau, soll Greve weinend und drohend überall hin bis nach Neapel verfolgt haben, weil er nicht allein sein konnte usw. Greve versichert, ihn nicht unnötig gequält zu haben, aber schließlich sei er unausstehlich geworden. Von einer gemeinschaftlichen »freundschaftlichen« Reise nach Neapel spricht auch Endell; er habe die Beiden um Schonung und Retardierung ihres Planes gebeten, was Greve behauptet, bis zur Grenze des Möglichen berücksichtigt zu haben. Ich verzichte darauf, die Sache zu entwirren, da Tatsachensinn und das Gefühl für juristische Sachlagen beiden Parteien völlig zu fehlen scheint.

Abends Deutsches Theater, Reinhardt, Wintermärchen. Es störte mich der berlinische Tonfall vieler sonst guter Schauspieler, selbst des Fräulein Höflich.

Die vielen hübschen Frauen hier fallen mir täglich auf. Wohl tut die Mädchenhaftigkeit, die den femmes parisiennes so oft fehlt, dabei schließe ich aus Blicken und Gebärden, daß ich hier eine rara avis bin, während ich in Paris als einer von Vielen in der Menge verschwinde.

 

26. November.

Brief von Dr. Bloch, Einladung ihn in seiner Sprechstunde zu besuchen. Ein widerlicher kleiner Jude, aufdringlich, indiskret, geschwätzig. Da sehr gut dokumentiert, war die Unterhaltung doch ganz interessant. Er empfiehlt mir Brom gegen Nervosität. Nimmt mich mit in seine Wohnung, fragt mich nach Allem aus, ob ich denn bei meiner Scheidung wenigstens was gekriegt hätte. Zeigt mir eine vorzügliche Kritik des Fräulein Dr. Stöcker über Don Juan in der Zeitschrift »Mutterschutz« und macht mich telefonisch mit ihr bekannt. Chocolade im Café des Westens. Dann zu Kurt Wiegand, der »Montmartre« vertreiben will, aber offenbar keine großartigen Beziehungen hat und nicht viel Geld daran wenden will. Sonst ein reizender, feiner Mensch, offenbar unproduktive Künstlernatur, aber sicher kein Geschäftsmann. Wir unterhalten uns eine Stunde über alles Mögliche, er hat in allen europäischen Großstädten gelebt. Dann zu Oesterheld, der mir allerlei Ratschläge über mein Stück giebt. Wie fabelhaft liebenswürdig und zugänglich hier in Berlin Alles ist. Mag man gegen Berlin sagen, was man will, in dieser Stadt ist Zug und Frische. Abends im Metropoltheater Revue »Der Teufel lacht dazu«. Fast auf der Höhe von Paris. Hübsche Witze. Zeitungsannoncen: Volle Blondine sucht einen Herrn unter Chiffre 50 M. G.m.b.h'aglichkeit. Wir leben im Zeichen des durch die Polizei erschwerten Verkehrs. Die Isra-Elite. Im Foyer wieder das abscheuliche Lieschen, das Zigaretten verkauft.

 

27. November.

Vormittags Redaktion des »Tag«. Dort trübseliger, knurriger Geschäftsgeist. Allerlei Ausflüchte, meinen Aufsatz »Moderner Geist in der französischen Kultur« nicht zu nehmen, ehe sie ihn noch gelesen haben. Nachmittags in Charlottenburg bei Dr. Robert, der demnächst das Hebbeltheater eröffnen wird. Gebe ihm »Montmartre«. Dann auf der Redaktion des »Blaubuchs« wegen desselben Aufsatzes wie beim Tag. Dr. Ilgenstein. Das Urbild des Antipathischen im Germanen, blond und ungeschlacht. Er kommt mir plump und formlos mit Zigarre im Mund entgegen, als könne man die Sache auf dem Vorplatz abmachen, führt mich aber dann ins Zimmer zu zwei andern Herren. »Ja, gleich können wir Ihren Aufsatz nicht nehmen, haben schrecklich viel zu tun.« Ich spreche nur von baldiger Prüfung des Manuskripts. Als ich es wieder einstecke, sagt er, ich solle es doch dalassen. Dann kommt Kienzl und verspricht, es in zwei bis drei Wochen zu prüfen. Abends Kammerspiele. Wedekind, Frühlings Erwachen. Das Beste, was ich an Regie und Ensemble sah. Die Schauspieler aber teils schwach. Einrichtung des Hauses reizend. Publikum großenteils cultivierte Gesellschaft. Trotzdem höre ich ringsherum aus Gesprächen, daß fast Alle das Stück ablehnen. Dennoch alle Abend volle Kassen. Das ist berlinisch. Sie laufen überallhin, wo was zu sehen ist, Gutes oder Schlechtes, und so ist es garkein Verdienst des Publikums, wenn sich hier auch gute Theater bezahlt machen.

 

28. November.

Besuche bei Meydenbauer. Treffe den alten Geheimrat und seine Frau, die erzählen, daß Hans Regierungsrat in Königsberg ist, verheiratet mit einer Katholikin, was einen Bruch mit deren Familie hervorgerufen habe. Angenehme leicht bürgerliche, gute Familienatmosphäre. Abends sah ich mir das Schillertheater, ein Volkstheater, an: Frau Inge auf Österrot. Wundervolle, weise und dramatische Verführungsgeschichte, das Beste in der konfusen Intrigue, von einer sehr mädchenhaften Schauspielerin sehr blond gespielt. Überhaupt das Blond hier in Berlin!

 

29. November.

Bei Axel Juncker, den ich zum ersten Mal zu sehen bekomme. Liebenswürdige Schlafmütze. Ziemlich reduzierte Einrichtung. Ich begreife nicht, wie man ihn mir empfehlen konnte. Er erzählt viel von meinem hiesigen Ruhm und schlägt eine Vorlesung meiner Werke durch mich im »Verein für Kunst« vor, wo allerdings die besten Namen auf dem Programme stehen. Zu diesem Zwecke gehe ich gleich zu dem Leiter Herwarth Waiden und finde dessen Frau Else Lasker-Schüler, der furchtbarste Blaustrumpf, allerdings durch unfreiwillige Komik gemildert, waschechtes Berlinisch. »Ick verdiene nischt mit meinen Jedichten«, sagt sie, »wie kommt det nur?« Erzählt dann, wie wunderschön ihre Bücher sind, in denen sie mit Peter Hille Wotansfeste feiert. Abends im Kleinen Theater Wilde, ein idealer Gatte. Auffällig, wie unfähig die deutschen Schauspieler sind, gute Gesellschaft darzustellen. Wie kraftlos, geziert sie dann werden.

 

30. November.

Um 2 Uhr treffe ich im Café Klose Herrn Herwarth Walden, Vorsitzenden des Vereins für Kunst, in violetter Sammetweste, schwarzem Sammetrock mit Fransen, gelbgestreifter Lavalliere, zurückgestrichenen Borsten wie ein Stachelschwein, zwei Zwicker übereinander; in ein Glas hat sich ein langes schuppenbesetztes Haar eingeklemmt, das über seiner Nase wackelt. Schlecht rasiertes scharfes Vogelgesicht und schmutzige Nägel; das ist Else Lasker-Schülers Mann. Er will alles tun, daß mein Vortrag noch im Dezember stattfindet, sonst am 7. Februar, für welche Zeit ich aber Erstattung der Reisekosten beanspruche. Später Dampfbad, dann eine Stunde auf der Leipziger Straße spazieren gegangen und mir die Mädchen angeschaut. Im Augenblick, wo man sich auf eine bestimmte konzentrieren will, schwindet doch viel scheinbare Hübschheit dahin. Nach Tisch weiter umhergegangen und die Straßenscenen beobachtet. Auf der Friedrichstraße eine aschblonde Kokotte mit kindlich rührendem Gesicht, vollkommen in den Anblick einer Torte bei Aschinger vertieft. Dann noch eine Stunde im Café Bauer Zeitung gelesen. Sehr müde vom Dampfbad. Dann vor dem Metropol gewartet, in der Hoffnung, vielleicht Gretchen zu sehen, die nicht kommt. Werde ihr schreiben.

 

1. Dezember.

Eine Gipsbüste für Gretchen bei Wertheim gekauft, ein italienischer Kopf. Dann in den Grunewald gefahren zum Thee bei S. Fischer. Prachtvolle weiße Villa. Sehr liebenswürdiger Empfang. Er zeigt mir einen Cézanne und einen Courbet aus dem Salon d'Automne. Zum Abendessen bei Dora Hitz. Liebes kluges altes Gesicht, das man langsam unter dem süddeutschen häßlichen Bürgersfrauengesicht entdeckt. Dort Lou Andreas-Salomé, Hedwig Lachmann mit Gatte, Dr. G. Landauer, und 2 junge Leute. Ferner Frl. von Brocken, ein altes Fräulein, die mit Frl. Hitz zusammen wohnt. Lachmann und Salomé haben diese verfeinerte verinnerlichte Geistigkeit, die aber auf die Spitze getrieben ist, und mit der ich darum nichts anfangen kann. Das scheint eine ganz besondere Spezialität vom geistigen Berlin zu sein; Nachts noch im Café Austria, wo mir eine kleine Kokotte in Begleitung eines Herrn in der auffallendsten Weise zulacht und dann furchtbar erstaunt tut, als ich sie bei der Garderobe anrede.

 

Sonntag 2. Dezember.

Thee bei Julie Wolfthorn, wo man mir stets die rechte Stimmung entgegenbringt, in der ich mich dann auf der Höhe fühle. Sie ist stärker, pompöser, mehr Madame geworden. Er der Alte, sehr formell und witzig. Dort besonders Frau Erna Franck mir aufgefallen. Sie ist eine geschiedene Frau. Elegant, zierlich, sehr gewandt, etwas schwatzhaft und sehr sicher komische Geschichten erzählend. Ich verliebe mich ein klein bischen und treffe Anstalten, daß sie es auch tut. Wie mich doch immer mehr solche mondänen liebenswürdigen Tierchen reizen. Sie erzählen von einem Damenklub, der hier gegründet worden ist, Lyceum, in dem ich eine Vorlesung halten soll. Ich begleite sie nach Haus, sie lädt mich zum Thee auf Donnerstag ein. Dann nach dem Abendessen treffe ich auf dem Kurfürstendamm in einem Café Herwarth Walden mit seiner litterarischen Bohème. Meine Vorlesung im »Verein für Kunst« auf 7. Februar angesetzt. Ich komme gern noch einmal nach Berlin im Winter. Es ist an dem Tisch ganz amüsant, aber die Bohème nicht mein Fahrwasser. Nach einem Moment kommt einer, der in der ganzen Welt herumgereist ist und einige Bücher geschrieben hat, namens Hanns Heinz Ewers an den Tisch, er hat einen guten Kopf. Zu Hause fand ich einen Brief von der Baronin P.

 

3. Dezember.

4 Uhr in Schöneberg bei Grete zum Café. Sie hat sich nun eine gemütliche eigne Wohnung eingerichtet, wo sie als Privatière lebt. Ihr letztes »Verhältnis« hat sich verheiratet und schickt ihr weiter monatlich 400 Mark. Sie ist glückselig mich als Hausfrau bewirten zu können. Erst noch einige Spannung wegen neulich. Wir werden aber einig, daß wir zu früh zärtlich geworden sind, was eine vorübergehende Verstimmung verursacht hat. Ich nahm natürlich die Schuld auf mich. Wir siedeln ins Schlafzimmer über, nehmen dann später en déshabille ein kaltes Abendessen, wobei wir eigentlich erst recht auftauen. Dann noch einmal ins Schlafzimmer zurück. Sie hat die Gewohnheit, aus Raffinement sich selber Hemmungen aufzuerlegen und dadurch an Dauer zu gewinnen, was mich sehr stört und anstrengt. Obwohl sie ausgesprochen deutsch ist und wirkt, habe ich nie eine Frau kennen gelernt, die in Raffinements so weit ging wie sie. Gleichzeitig fühlte ich bei dieser fünffachen Feier, daß mir mein bisheriges unregelmäßiges Leben noch nichts geschadet hat. Ich verlasse sie in dem Gefühl, sie mir auf lange Zeit nun als kleine Freundin gewonnen zu haben, ohne daß sie Treue von mir verlangen kann, denn ich will Kätchen unter gar keinen Umständen aufgeben, mit der sie sich wieder in anderer Hinsicht durchaus nicht messen kann. Kätchen doch von ihrer Schwabinger Zeit her ein höheres Kulturniveau. So habe ich gegen keine von beiden Verpflichtungen, außer, daß ich ihnen gelegentlich materiell helfe, und beide freuen sich wenn ich da bin. Streit und Unannehmlichkeiten sind somit endlich vollkommen aus dem Weg geräumt. Ich komme etwas müde um ½ 2 nach Hause.

Grete hat vorgeschlagen, daß ich ihr keine Geldgeschenke mehr geben soll. Dafür bringe ich ihr immer etwas mit für ihre neue Wohnung.

 

4. Dezember.

Nachmittags Ärger über meinen noch nicht angekommenen Pariser Koffer. Abends nach dem Theater in der Hamburger Straße, wo ich mir eine von den Wirtschaften ansah, die Numa Praetorius frequentiert. Öde eklige Gesellschaft. Dann nebenan in einem anderen Lokal, wo mich ein junger Mensch, der vom Land zu sein scheint, anspricht und mich die Oranienburger Straße hinaufbegleitet. Ein Kollege hat ihn eingeweiht. Er kann es noch garnicht glauben, daß es dies gibt. Halb Vergnügen, halb Geschäft. Er ist ein junger Kellner. Er erzählt mir von einer Liebe; ein Zimmermädchen in Westfalen, das morgens immer zu ihm ins Zimmer kam. Das gefiel ihm doch besser, aber er meint für die Weiber muß man immer Geld haben. Ich verlasse ihn beim Oranienburger Tor, um eine Kenntnis des Lebens reicher.

 

5. Dezember.

Zum Thee bei Lampe. Er meint ich betrachte die Menschen zu sehr als Folie für mich, nehme zu viel gesellschaftliche Rücksichten. Als ob ich nicht gerade mein Leben aufs unkonventionellste ganz nach meinem Willen eingerichtet hätte und auch gelegentlich dafür bezahlt hätte. Er sagt ferner man solle kein Mädchen verführen, da man damit Unglück anrichtet. Als ob das nicht ganz meine Ansicht sei, wodurch ich mir das beste habe entgehen lassen. Aber dadurch, daß ich alles objektiviere und das gerade in Prinzipien bringe, was mir instinktiv fehlt z. B. Rücksicht nehmen auf die Gesellschaft, reiner Machtstandpunkt gegenüber der Frau, darum werde ich immer nach meinen etwas schroffen Prinzipien beurteilt. Mein Standpunkt allerdings: schroffe Prinzipien, aber laxe Handhabung. Lampes Liebestrieb viel zerstörerischer als der meine, er liebt immer das kindliche, das er aber doch durch seine Liebe eben zu zerstören trachten würde; ich dagegen liebe die Erfahrenen und richte daher kein Unglück an. Abends bei Greve zum Thee. Er liest aus seinem recht lustigen, gut gearbeiteten Stücke »Heimlicher Adel«.

 

6. Dezember.

Um ½ 4 bei Dr. Wedekind. Prachtvolle 1. Etage in einem Palast am Kurfürstendamm. Er hat das Aussehen eines vornehmen Sportsmannes. Will »Montmartre« in Verlag und Vertrieb nehmen. Wir überlegen noch die Bedingungen. Dann kaufe ich eine große Orchidee für Frau Franck, die ich um 5 Uhr zum Thee besuche. Sie wohnt noch in einer hübschen Pension, wird sich aber bald eine Wohnung nehmen. Sie ist wirklich klug, aber doch wieder etwas zu sicher, zu fertig und zu gewandt. Das Jüdische accentuiert sich etwas. Sie liest mir einen braven Aufsatz über Rembrandt vor, den sie geschrieben hat und zeigt mir sprachgewandte aber unwahre Gedichte. Sie ist in Scheidung. Der Mann hat Unterschlagungen gemacht u. s. w. Die Mutter eine liebenswürdige gut konservierte Dame kommt dazu. Ich bleibe zu Tisch an der Pensionstafel. Nach Tisch wird die Unterhaltung schlapp. Ihre Zeichnungen, wenigstens die Köpfe sind begabt. Sie wohnen in der Pension v. Heukelum. Ich gehe eigentlich recht unverliebt nach Hause, sehe im Café noch ein tumbes teutsches lachendes Fräulein am Nebentisch und fühle wohin doch eigentlich meine Instinkte zielen. Jedenfalls nicht zu jener Jüdin.

 

7. Dezember.

Um 4 zum Thee bei Frl. Dr. Stöcker, die ein Stück aus meinem Buch über Frankreich für die Zeitschrift »Der Mutterschutz« haben will. Sie sagt einiges ganz kluge und will eine Mutterrente einführen, dann aber auch wieder die charakteristische Unlogik der Frau, die besonders bei den in der Öffentlichkeit hervortretenden Frauen so deutlich wird. Übrigens physisch unangenehm, riecht aus dem Mund. Abends holt mich Martin Meyer ab. Wir speisen gut im Hause Trarbach. Dann bei Josti. Wir sprechen von Frauen und von Philosophie. Er ist augenblicklich in die Bank seines Onkels eingetreten, will aber wieder zur Philosophie zurück. Wünscht von mir Anleitungen in Bezug auf die litterarische Form.

Dr. Wedekinds Verträge gehen mir sehr durch den Kopf.

 

8. Dezember.

Endlich mein Pariser Koffer da. Den ganzen Tag Zollamt, Bahnhof usw. Abends 8 Uhr zu einem Ball in der Pension van Heukelum wohin mich Frau Franck eingeladen hat. Sie ist sehr liebenswürdig, aber das Jüdische accentuiert sich doch immer mehr. Die blonde reizende Frau Dr. Presber, Tochter des Hauses. Voilà ce qu'il me faut. Die andere Tochter ein kluges, etwas blaustrümpfiges Mädchen lebt von offenbar sehr geschickten Übersetzungen aus dem Holländischen. Ich tanze viel herum zwischen den zahlreichen Leutnants und Backfischen. Frau Franck hat angebissen, aber ich mag nicht mehr. Um ½ 4 fuhr ich nach Haus.

 

9. Dezember. Mittags.

Probe zur Philharmonie mit Frau Franck. E dur Conzert mit Klavier von Brahms. Wie unverwässerter alter Wein. Woher kam nur früher mein Vorurteil gegen Brahms? Dann das abscheuliche unmusikalische manierierte »Heldenleben« von Richard Strauss. Regen und Schneewetter. Zu Haus geschlafen. Um fünf mit Frau Franck im Lyceum Klub. Eine alte Jungfer (Jessen) mit einem Kerl an unserm Tisch zum Thee. Sie radotieren über Kunst. Sie soll sogar Kunstkritiken für alle möglichen Blätter schreiben. Ich antwortete etwas geärgert durch diese Störung und habe mir dadurch wohl die Möglichkeit meines Vortrags im Lyceum Klub verscherzt. Ich bin auch Frau Franck ziemlich müde und habe zu ihrer Enttäuschung keine Verabredung mit ihr für diese Woche gemacht. Abends Vortrag von Hofmannsthal »über das Problem der dichterischen Persönlichkeit in dieser Zeit«. Recht interessant. Es war wohl für die Meisten unverdaulich. Angenehme, zu leise Stimme, wienerischer Tonfall.

 

10. Dezember.

Schrieb Briefe an Käti, Gretel und Irene. Nachmittags bei Else Otten, der Tochter in der Pension Heukelum, die mir recht tüchtige Ratschläge erteilt für Verlegerangelegenheiten. Dann nach Schöneberg zu Gretel zu Tisch. Vor- und nachher allerlei Tollheiten. Unterhaltung über Herrenkleidung. Die hier so beliebten angeknöpften Hemdärmel wirken auf sie anaphrodisisch. Hat deshalb einmal Jemand, der ihr sonst gefiel und sehr reich war, wieder fortgeschickt. Ihr Körper lange nicht so vollkommen, wie bei Kätchen, aber viel temperamentvoller. Von Kätchen kam heute früh ein etwas kühler Brief aus Bamberg.

 

11. Dezember.

Zum Tee bei Dora Hitz. Etwas schleppende Unterhaltung. Sehr aufeinander eingestellt sind wir nicht, obwohl ich ihre Malerei sehr bewundere. Beim Weggehen sagt sie, ich solle sie nicht »gnädiges Fräulein« anreden, wenn ich sie nicht zu meiner Feindin machen wolle. »Das ist doch nur so eine Redensart, bei der man sich Nichts denkt«, erwiderte ich. »Gerade deshalb«, sagt sie. Ich finde das klein. Abends mit Greves im Deutsch-Amerikanischen Theater, welches Endeil seinerzeit gebaut hat. Sonderbares Zusammentreffen. Das Theater recht hübsch, aber furchtbar ramponiert. Ein Stück von echt berlinischer Ursprünglichkeit wurde aufgeführt. Die Greves imponieren mir, wie sie bei ihrem angestrengten Kampf ums Dasein eine so solide, aber intensive Eleganz aufrecht erhalten.

 

12. Dezember.

Nachmittags bei Dr. Wedekind. Macht mir einen immer besseren Eindruck. Günstige Verträge über »Montmartre« und »Gedanken über Frankreich« abgeschlossen. Dampfbad, abends wie jetzt sehr häufig vegetarisch gegessen. Im Deutschen Theater treffe ich, in einem Stück von Shaw, Dr. Georg Altmann, den ich aus dem Neuen Verein in München kenne, der in Jena auf der Universität Dramaturgie studiert und Theaterdirektor werden will; er erzählt, wie man in Jena in Bezug auf Frauen auf dem Trockenen sitzt. Wir gehen noch in die Kaiserbar.

 

13. Dezember.

Vormittags Hotel Continental. Bei dem Mannheimer Hoftheaterintendanten Hagemann, bei dem Barnowskys Dramaturg, ein Dr. Lanz, war. Ich gab ihm »Montmartre« für die beiden Theater. Nachmittags einen Moment bei Lampe. Abends Diner beim Sanitätsrat Klein. Gesellschaft unangenehm, konventionell. Lauter beschränkte, aber doch sehr auf die Sinnlichkeit wirkende Frauen. Interessant nur ein Major von François, Mitglied des Reichstags und früher Gouverneur von Südwestafrika. Dann ein Hofmaler des Kaisers, namens Noster, von aufdringlicher Vulgarität. Meine Tischdame ist die Braut eines Straßburger Offiziers, die am 8. Januar heiraten wird. Alles etwas geschraubt und unkultiviert. Über alles dieses verständige ich mich in still zugestandener Ironie mit dem Fräulein von Adelstein, einer Kreuzung von Engländerin und Österreicherin, die ich vor Jahren hier in Berlin bei Daisy Neumann oft sah, und die sich nun zu großer Selbständigkeit entwickelt hat. Ich begleite sie im Wagen nach Hause. Auch sie sagt, sie sei froh, wenigstens einen Menschen dort gefunden zu haben, mit dem man ein Wort reden kann. Ich habe Etwas für ihren trockenen englischen Humor übrig, den man sonst hier nicht versteht. Ich soll sie besuchen. Sie erzählt mir die ganze Odyssee von Daisy Neumann und Julia Ginsberg, die jetzt in Rom lebt und den Marchese Santa Silié geheiratet hat.

 

14. Dezember.

Nachmittags Kontraktrevision bei Dr. Wedekind im Bureau. Dann Juncker die Sache schonend beigebracht, der mir fast leid tut in seiner Dämlichkeit. Abendessen bei Martin Meyer. Dort der Kinderschriftsteller Straßburger, ein Don Juan de bas étage, der sich angeblich Casanova zum Muster genommen hat. ½ 10 treffen wir am Potsdamer Platz zwei Berliner Mädels, die mir schon anfangs recht zuwider waren, die Straßburger bestellt hat, um mir Berlin zu zeigen. Wir gehen zusammen in den Römerkeller. Straßburger küßt und dutzt die Beiden sofort. Er erzählt ziemlich roh, wie er sich nach der Einen im Auskunftsbureau erkundigt habe. Darauf sind Beide mit Recht beleidigt. Er wirft ihnen jetzt dummerweise vor, sie hätten sich doch gleich küssen lassen und seien darum gewissermaßen nichts Besonderes. Nun nehme ich die Partei des Mädchens und mache eine Anspielung auf den allgemeinen berliner Ton. Schon nützt sie meine Teilnahme aus und spielt die Beleidigte. Um ihre Ehre zu rechtfertigen, sagt sie mir beim Hinausgehen, sie sei zwar wieder gut mit ihm, aber einen Kuß, nein, den bekäme er nicht mehr von ihr. Nach langem unschlüssigen Hin- und Herzotteln auf der Leipziger Straße geht sie doch mit ihm allein fort. Wir Andern in die Jugendsäle, dort setzen sich allerlei Kokotten an unsren Tisch; durchaus mittleren Ranges. Plötzlich finde ich aber unter all diesen, die mir mißfallen, ein zartes, schlankes Blondinchen, das eine brünette, lebhafte Schwester hat. Rheinländerinnen. Wir laden sie zum Champagner ein. Otti, die, welche Meyer mitgebracht hat, behauptet natürlich gleich, das seien ganz ordinäre Strichmädels, aber ich habe genau den entgegengesetzten Eindruck. Konstatiere in ihnen eine temperamentvolle Lustigkeit, sogar eine gewisse Feinheit und geschmackvolle Art des Benehmens, was in diesem Milieu ganz besonders auffällt. Sie sind auch Beide intelligent. Otti ärgert sich darüber halbtot. Währenddessen spinnt noch eine Nachbarin vom nächsten Tisch zwischen den Stühlen mit den Händen eine kleine Intrigue mit mir an, die ich aber nicht weiterführen kann, da wir von unseren beiden Tischen zu sehr beobachtet sind. Dann gingen wir ins Kaiser-Café. Ich saß zwischen den beiden Rheinländerinnen auf dem Sofa, gegenüber Martin Meyer und Otti. Ein rechtes rheinisches Geflunker und Geschichtenerzählen geht los. Meyer amüsiert sich sehr, Otti ärgert sich, behauptet, ich beachte sie nicht und dergl. Sie habe gehofft, es werde hübscher werden. Dann Abschied. Ich setze meine zwei Begleiterinnen in ein Auto und gehe um 4 Uhr früh nach Hause.

 

15. Dezember.

Um 1 aufgestanden. Korrespondenz bis 4. Um ½ 5 die beiden gestrigen Mädchen. Café Roland. Auf demselben Platz wie neulich mit Gretel. Ähnliche Gespräche. Sie möchten nette Verhältnisse haben und reden darüber kühl und vernünftig. Ich sage ihnen gleich, daß ich zu einem sogenannten festen Verhältnis vollkommen unfähig sei und gewinne damit scheinbar ihre Herzen. Ich sei nur für Gastrollen geeignet. Dann trennen wir uns eine Stunde, da ich mich für den Sezessionsball umziehen muß; ich treffe sie dann wieder im Frack und kaufe ihnen Blumen. Im italienischen Restaurant aßen wir zusammen, wo ich ihnen zu ihrem Erstaunen die Blumen gab, die sie für eine Balldame bestimmt hielten. Wir planen allerlei Unfug, kleine Reisen zu Dritt »mit Frau und Schwägerin« und dergleichen. Ich lasse sie merken, daß ich in Beide gleichzeitig verliebt bin und werde für sie die große Ausnahme. Gegen 10 verlasse ich sie. Dann Sezessionsball. Die kleine Franck hat sich recht häßlich zurechtgemacht. Ich bin meist mit Wolfthorns am Tisch. Viel Sekt. Berühmte und unberühmte Leute. Unter Andern treffe ich Oscar Fried wieder, der mich mit öliger Herzlichkeit seinen alten Freund nennt. Dr. Legband und Frau, die ehemalige Oppler, S. Fischer und Frau, die sich entschuldigen, noch Nichts von sich haben hören zu lassen. Julius Bard. Das Ehepaar Wille. Ich tanze viel und finde zuletzt eine Schülerin der Wolfthorn, »das Kerlchen« genannt (warum? »weil ich so aussehe«), die mich durch ihre Frische entzückt. Ein irisches Gesicht, herrliche Lippen und Zähne, blaue Augen, schwarzer, kurzhaariger Krauskopf mit weißem Rosenkranz. Aber schlechte Tänzerin. Dann Alle zusammen ins Café Kurfürstendamm, wo ein Maler Oskar Kruse, mein illegitimer Schwager (via Richard-Else Plötz), uns amüsante Geschichten erzählt, über die sich die Mädels buchstäblich wälzen. Um 6 Uhr mit Wolfthorns im Auto heim.

 

16. Dezember.

Um 1 aufgestanden. Zu Dora Hitz. Zusammen gefrühstückt beim Bankdirektor Stern, Bellevuestraße (Nationalbank). Unvornehme, stets das Wort »vornehm« im Mund führende Hebräer, aber die besten französischen Bilder an den Wänden: Monet, Gauguin, van Gogh, Manguin, Valtat etc. Sprungbrett für die berliner Gesellschaft. Meine Tischdame ein etwas überbildetes, sehr gesellschaftliches, älteres Fräulein von Bunsen, das Bücher schreibt. Ferner dort Dr. Brahm vom Lessingtheater, der Architekt Messel u. A. Um 5 mit Dora Hitz zu Fuß durch den verschneiten Tiergarten. Dann zu Julie Wolfthorn zum Sonntagsempfang. Dort wieder dieses weiche, blonde Tierchen vom gestrigen Ball: Frau Eckmann-Simon, die erzählt, wenn von George die Rede ist: »ich gehöre zum Kreis«, oder »Lechter ist mein besonderer Freund«. Dann die liebenswürdige, ältliche Paula Dehmel. Ich bleibe bis zuletzt, erzähle Einiges von Louisa, die bei Julie Wolfthorn gewesen ist. Etwas schleichende Katerstimmung. Esse um ½ 9 einsam vegetarisch. Dann Zeitungen Café Austria. Um 12 zu Bett.

 

17. Dezember.

Habe Irene und dann auch Gretel abgeschrieben, weil abends um ½ 8 Ada und Anni, das Schwesternpaar, zu mir kamen. Aber Anni indisponiert, und Ada muß um 9 zu einer Familienveranstaltung gehen. Ich habe erst den Verdacht, sie wollten mich so zu einer Entscheidung für eine von Beiden zwingen, aber sie sagen auf Mittwoch zu. Wir essen wieder im italienischen Restaurant. Ada, die mir immer besser gefällt, gleich weg. Ich sitze nun dieser rührenden, zarten Anni allein gegenüber. Sie erzählt mir ihr ganzes Leben. Bis jetzt haben sie nette, wohlhabende Verhältnisse gehabt und es fertig gebracht, in dem Leben nicht unterzugehen, stets über der Situation zu stehen. Offenbar immer an anständige Männer geraten. Es geht ihnen nicht schlecht. Sie wohnen bei Verwandten, haben noch etwas Geld von ihren letzten Verhältnissen und möchten genug zusammenbekommen, um eine Schneiderei anzufangen. Alle Männer erkennten in ihnen das sogenannte »Bessere« und hielten ihnen Moralpredigten. Die helfen ihnen aber nicht. Wir gehen ins Romanische Café, wo wir vergeblich Ada erwarten. In einer Ecke sitzt Endell. Augenblicklich hat Anni den Vorrang bei mir. In der Stadtbahn küsse ich sie, was sie etwas geniert geschehen läßt. Ich bringe sie noch in ihre Wohnung.

Seit Tagen quäle ich mich mit dem Unglücksbrief an Louisa, der ihr das Material zur Scheidung geben soll.

 

18. Dezember.

Um 5 Uhr durch Dora Hitz bei Frau Geh. Rat Dohme eingeführt. Liebenswürdige, ziemlich elegante Gesellschaft. Die Herrin des Hauses macht mir als Autor ein bischen den Hof. Gerade am Morgen war Junckers scheußlicher Verlagskatalog angekommen mit dem abscheulichen Bild (ohne Kragen) darin. Zuletzt enger Kreis. Sie, ihr etwas degenerierter, aber kluger Sohn (Assessor) und ich. Gespräch über Politik, Elsaß-Lothringen usw. Vorher noch der Maler von König und seine Freundin, die häßliche, aber pikante Französin Mme. Tardif, die hier für sehr schön gilt und in der Unterhaltung sehr liebenswürdig ist. Abends eine mittelmäßige Aufführung von Shakespeares »Sturm« in dem häßlichen Neuen Schauspielhaus. Später im Café Kurfürstendamm der kleine, rührende Spiro, der nervös, recht herunter ist, mit seiner Familie schlecht steht und nicht arbeiten kann. Ich gebe ihm ein paar gute Ratschläge. Zettelkasten, Tagebuch, keine Lyrik. Er begleitet mich bis nach Hause.

 

19. Dezember.

2 Uhr bei Ewers von Greve und Frau zum Diner geladen. Dort auch Siegfried Jacobsohn. Sehr lustige Stimmung. 5 Uhr bei Dr. Wedekind letzte Konferenz. Um 7 kommt Anni ohne Ada, die statt dessen einen reizenden Brief schickt. Offenbar genieren sie sich vor einander. Sie verspricht sich auf Februar. Wir essen in einem andern italienischen Restaurant in der Taubenstraße. Die alten Gespräche, die zwei kleinen Mädels möchten gern große Cocotten werden; dann bei mir, sie geniert sich ein bischen, will das Licht löschen, offenbar, weil sie einen Leberfleck auf der linken Brust hat; im ganzen etwas zu weich, Ängstlichkeit, die Wirtin könnte kommen, sodaß sie über eine summarische Liebenswürdigkeit nicht hinauskommt; wir gehen noch ins Café Roland und haben nachdenkliche Gespräche: sie fragt träumerisch: »wieviele Verhältnisse mag es wohl in Berlin geben?«

 

20. Dezember.

Mittwoch kommt Franzl aus Paris, rund und rosig, bringt seinen Freund von Hörner mit, ein verwahrlost aussehendes Genie, etwas an Klages erinnernd; während Franzl und ich uns erzählen, finde ich mit ihm keine Berührung, unausgesprochene leise Antipathie; sie begleiten mich durch die Stadt; der erste eiskalte Wintertag in diesem Jahr, Café Bauer; dann nach Hause. Abends Premiere im Deutschen Theater, Bahr: Ringelspiel. Das Stück sehr amüsant und am Schluß in der Verherrlichung des Lebens mit den tollen Tänzen im Badekostüm am abendlichen Meer recht ins Blut gehend.

Am Schluß ruft ein moralischer Kretin: Pfui, was als Widerspruch einen Bombenerfolg verschafft; Bahr erscheint, sieht aus wie ein italienischer Mausefallenhändler, trägt Smoking mit Lavallière; neben mir das »Kerlchen« mit Bruder; im Foyer Dr. Landauer, die gräßliche Hedwig Lachmann, Julius Bard, S. Fischer und Frau, Dr. Brahm. Am Wintergarten kommt mir die Idee, noch nach Irene zu schauen, die dort jetzt engagiert ist; dreiviertel Stunde in der Kälte auf und ab, zuerst kommt, allein und lieb, Gretchen (von d. Gipsgruppe); einige konventionelle Worte, dann hochnäsig und stumm, Liddy, dann Berta und Irene, die süßer aussieht als je. Wir gehen zusammen ins Haus Trarbach, ich verliebe mich besonders in das aschblonde Haar von Neuem; sie behauptet wieder, ich hätte sie damals hypnotisiert, in England hätte sie in der Erinnerung an mich erfahren, was einen Menschen hassen heißt; jetzt aber wäre alles gut und vorbei; inzwischen hat sie auch ihren Waldi in Ansbach wiedergesehen und ist damit sehr zufrieden; ich nehme natürlich alle Schuld auf mich, erkläre ihr, was ich damals alles durchgemacht, und so weiter und daß ich sie noch viel lieber habe, als sie glaubt; sie tut, als mache sie sich darüber lustig; wir gehen ein Stück zu Fuß, recht vergnügt durch die eisige Winternacht, dann Wagen; sie macht einen Widerstand von dreiviertel Stunden, auch noch vor dem Haus, bis sie sich küssen läßt; ich versuche es mit allen Tönen, sie nennt mich Satan, ich merke, sie liebt mich noch; sie sagt, ich sei ihr gräßlich: »nun wenn ich dir gräßlich bin, dann: Adieu«; nun ruft sie mich zurück, wir küssen uns, ich danke ihr sehr für ihre Güte und Liebe von einst und beschwöre sie, es nicht zu bereuen, denn mir habe sie damit eine unendliche Freude gemacht. Verabredung für Februar in Leipzig, wo sie im Crystallpalast engagiert ist. Ich liebe sie wirklich viel mehr als sie glaubt und bei ihren primitiven Liebesbegriffen begreifen kann; nun meint sie gewiß wieder, ich schlechter Mensch hätte sie umgarnt; warum kann sie nicht meine amie amoureuse werden wie das Kätchen; ich tue ihr selbst einen Gefallen, wenn ich ihr das tragische Pathos der Liebe ausrede; zu Hause Telegramm von Kätchen, die ich hier nun nicht mehr sehen werde, also gehört der letzte Abend Gretel; Irene ist doch eines der süßesten Geschöpfe, die ich je besaß.

Irene behauptet, der Franzl sei ein falscher, heimtückischer Mensch, er habe uns beide auseinander gebracht, indem er mich gegen sie in Paris beeinflußt habe; kleine Mädchenpsychologie. Sie bereitet sich übrigens ernstlich darauf vor, zur Bühne zurückzukehren.

 

21. Dezember.

Gepackt, dann um 5 nach Verabredung im Smoking zu Gretel gefahren, die mich kühl empfängt und ihr Schlafzimmer verteidigt, weil ich ihr am Montag abgeschrieben hatte, ich brauche dreiviertel Stunde, um durch Bitten, Überreden, Schweigen, Grollen etc. ihren Widerstand zu brechen, dann aber um so schöner; um 11 zogen wir uns an und fuhren in die Stadt, Souper im Kaiserkeller: Champagner, dann ins Linden Casino, wieder Champagner, ziemlich betrunken, aber ringsherum Berliner Steifheit und Häßlichkeit; wie vermisse ich Abbaye de Thélème und Rat mort; dann im eisigen Auto wieder nach Schöneberg zurück, wo ich den Champagnerrausch noch nicht ganz los bin; endlose Umarmung mit Gretel, einige Stunden fester Schlaf von ½ 6 – ½ 9, dann nur noch gedämmert; endlose Abschiedsumarmung, Frühstück im Smoking; nun behauptet sie plötzlich, sie liebe mich so wahnsinnig, daß sie nicht mehr mit ihrem Freund zusammen sein kann, der sie nach Constantinopel eingeladen hat; seit er verheiratet ist, liebe sie ihn nicht mehr; sie will im Januar nach München kommen; vielleicht wäre das ganz hübsch, aber vorläufig habe ich doch noch geteilte Gefühle; ich habe zu schlechte Erfahrungen gemacht mit ernsten attachements. Ich habe sie gern und sie fesselt mich durch ihr maßloses Temperament und ihre raffinierte Kühnheit, aber sie ist weder so gebildet, wie Käti, noch so ein edler Character wie Irene. Durch den frostigen sonnigen Wintermorgen mit der Stadtbahn nach Hause; zu Hause packe ich meine Koffer. Gretels Weichheit nicht mehr störend, sie paßt zu ihrer weißen Glätte. Rubens zweite Periode.

 

Weimar, 22. Dezember.

Um 3 Uhr Nachmittags von Berlin abgefahren im überfüllten Zug; mit einer Stunde Verspätung in Weimar, Eiskälte. Nach dem Essen bei Wilhelm von Scholz; wir sprechen viel von seinem neuen Stück Meroë, zu dem ich noch kein sehr großes Zutrauen habe, doch wer weiß. Van de Velde soll gesagt haben: »c'est grand, il n'y a pas de trou là dedans«. Über meine Scheidung sind sie unterrichtet, der alte Fuchs hat gesagt: ich habe ihnen doch oft genug Gelegenheit gegeben, sich vor der Ehe genau kennen zu lernen, er hat es ja aber nicht getan. Das ist characteristisch für das fuchssche Niveau.

 

Frankfurt a/M, den 22. Dezember.

Mit zweieinhalbstündiger Verspätung von Weimar nach Frankfurt, wohne bei Frau Eurich-Schreiber, die sich mit ihrer Schwester eine Pension eingerichtet hat; Abends bei Tilly & Ludwig, reizende Wohnung; Ussin ein zierliches kleines Kerlchen. Zwischen Frau Eurichs und meinem Schlafzimmer das warme Eßzimmer, nach dem die Schlafzimmertüren offen stehen. Ob sie wohl die Wiederaufnahme unserer früheren Nacht-Gewohnheiten aus der Untermainanlage wünscht? Sie ist noch immer reizvoll und sitzt, während ich dies niederschreibe, mir gegenüber auf der Chaiselongue und erzählt von einer Dolomitentour; sie ist gegen 35, aber vortrefflich erhalten.

 

24. Dezember.

Nachmittags Dampfbad; zum Tee bei Tilly, ein schmierig sentimentaler Brief Louisa's unter dem Weihnachtsbaum. Die ganze Mischpoche Spier zur Bescheerung. Ussin toll vergnügt; ich bekomme ein reizendes silbernes Cigarren-Etui von Tilly, dann gemütliches Abendessen zu dritt und Tee. Ich habe an Weihnachten immer dieses unangenehme Gefühl: ich glaube etwas zu vermissen, was ich eigentlich garnicht haben will.

 

25. Dezember.

Abends bei Ludwigs Familie, diese klein-jüdische Atmosphäre hat für mich doch immer etwas schmieriges, unappetitliches, zwei Frl. Engel, von denen die eine sogar hübsch und klug war; aber wo ist die beseligende unaussprechliche Unerschöpflichkeit, die eine rassige Deutsche besitzt? Das Fleisch hat nicht den Duft des Lebens und wenn es ihn hat, so ist mir's erst recht peinlich, dann noch mit Tilly und Ludwig im Café Bauer, wo sich mir die Trostlosigkeit der Frankfurter Atmosphäre, das Ungeistige wieder auf die Nerven legte, so wie in den Straßen zwischen der kleinlichen Architectur, die den Berliner Ungeschmack der 90er Jahre in kleineren Dimensionen nachahmt.

Beschlossen, Weihnachten nicht mehr diese unbequemen Reisen und Familienzusammenkünfte zu halten, sondern mich mit der gerade bevorzugten Dame ins verschneite Gebirge in ein geheiztes Gebirgs-Wirtshaus zurückzuziehen und mit den Bauern zur Mitternachtsmesse zu gehen.

 

26. Dezember.

Vormittags Friedhof; Nachmittags mit Spiers Spaziergang im Schnee, dann zum Tee zu einer schwedischen Familie Hafgreen; er ist Musiker; dort zwei Fräulein Brach, Töchter eines ehemaligen Heldentenors; Mary mit dem Sohn des Hauses heimlich verlobt, hübsch, sinnlich, das rechte Theaterblut, singt einige Lieder mit sehr warmer Stimme; um ihre heimliche Verlobung zu verhüllen, kokettiert sie mit dem unappetitlichen, jüdischen Blondin Julius Spier. Abends nach dem Essen bei Frau Betty Meyer, dort Frau Dormitzer. Rührende Anhänglichkeit an uns.

 

Nachts Traum:.

Ich drehe mich in meinem Bett gegen die Wand, um nicht zu sehen, wie Richard mit einer Frau, von der ich träume, sie sei mit uns blutsverwandt, zärtlich wird; dann nachdem sie sich gewaschen hat, tue ich entzückt dasselbe wie Richard; rothaarig, zarte Üppigkeit, Grübchen wie Käti, raffiniert wie Gretel, dann plötzlich alles wie auf einer Bühne, ich hinter den Kulissen, fürchte die Entdeckung, fliehe, verstecke mich im Freien, aber den Ausgang des Hauses beobachtend, um die Rothaarige nicht zu verfehlen, dann allgemeines Pistolenschießen mit Männern um das rothaarige Weib; ich schwebe in der Luft, schieße und werde selbst getroffen, bin tot und muß nun mit einigen dicken älteren Stammtischherren in der Ewigkeit zusammensitzen; ich constatiere das höhnend und zähnefletschend; langsam verwandeln sich die Herren in eine Gesellschaft sehr netter junger Herren in Berlin, die mich als Autor sehr verehren; einer heißt Herr von Princeps; sie schlagen mir vor, mich mit zu einem jüdischen Bankier zum Diner zu nehmen, der Africanus heißt und eine der schönsten Büchersammlungen besitzt.

 

27. Dezember.

Vormittags Frankfurter Zeitung. Herr Geck. »Beziehungen des französischen Menschen zum Geld« abgegeben. Nach Tisch mit Tilly langes Gespräch allein, sie meinte, daß wir beide von uns vieren uns schließlich doch am verwandtesten seien und am nächsten kämen; ich schon in Paris, besonders jetzt sehr zu meinem Vorteil verändert, wie sie meint, ruhiger, milder, unnervöser; ich vergleiche meinen früheren Zustand mit einem chronischen Katarrh, der nicht heilen wollte, bis ihn eine acute Lungenentzündung, nämlich meine Ehe mitfortnahm. Um 6 Uhr im »Pfau« Prof. Primer. Er leidet als zu früher Witwer an seiner gezwungenen Enthaltsamkeit und weiß, tragikomisch genug, nicht, wie er es anfangen soll, sich davon zu befreien; hat Angst, es in seinen Kreisen zu versuchen und fürchtet die Dirne; er ist sonst rührend; er meint, bei einem Leben, wie das meinige, sei doch stets das eine Glück versagt, das auf dem Bild geschildert sei: Landwehrmanns Heimkehr, das treue Weib usw. Ich frage ihn: »wer garantiert denn dem Landwehrmann für die Treue?« Darauf er: »dann könnte sie ihm nicht so entgegentreten.« Diese Naivität giebt es also noch. Abends zu Tisch bei Tilly; der Komponist Sekles, ein humorvoller, ziemlich derb und real angelegter Mann, der dank einer ihn bindenden und beherrschenden hysterischen Frau sich etwas zu pathetisch nimmt und ernste Musik komponiert; Mendelssohn'isch geschickt, melodiös, gefällig, aber ohne jedes Geheimnis; dagegen müßte er als Improvisator und dergleichen famos sein, aber das erlaubt ihm seine Feierlichkeit nicht. Abends 11 Uhr Café Bauer, dort Herr von Halle, recht gescheite Unterhaltung über Frauen. Er unterscheidet besonders zwischen Herz und Seele. Mangel an Herz könne groß angelegte Frauen oft zu Gemeinheiten bringen, die sie selbst nicht ahnen; Frauen, die aus einem Festsaal und einer Retirade bestehen, dazwischen eine offene Verbindungstür. Die Gemeinheit vieler Frauen im Scheidungsprozeß erklärt er so, wie der schwache Geschlagene im Augenblick zu einer momentanen Gemeinheit fähig wird, wenn er einmal plötzlich das Heft in der Hand hält. Dann erzählt er von einem Manne, der sich für seine kränkelnde Frau geradezu aufgeopfert hat, dann aber, als sie ihn betrog, im Prozeß plötzlich Geld verlangte und aus Rache ihren Ehebruch als Grund nahm, um sie am späteren Heiraten zu verhindern; um ½ 2 im nassen Schnee nach Hause.

 

28. Dezember.

Nach Tisch Muth. Ich erkläre mich einverstanden, Tilly die 50000 Mark ihres Erbteils auszuzahlen zu letztwilliger Verfügung, falls sie mir freiwillig zu ihren Lebzeiten die Verwaltung überläßt; dann mit Ludwig ein Weihnachtsgeschenk für Irene gekauft in einem En gros Geschäft, mit dessen Besitzer er befreundet ist, ein Ledertäschchen aus Seehundsfell; für Gretel bei Albersheim zu Weihnachten Parfüm und einen Baccarat Flacon gekauft; von 5-7 gearbeitet an der Novelle: das Verhängnis. Nachts Altfrankfurt, an Orten, wo ich als junger Student abenteuerte. Eine kleine dralle Person zieht mich über enge Treppen; witzlose Zoten, dabei ist sie selber überwältigend drollig. Dortmunderin, sie erzählt in einem fort. Café Bauer, von Halle getroffen mit seinem Bekannten, der in Frankfurt sogenannte Tisch der Geistreichen. Arthur Pfungst fett und schwärmerisch.

 

29. Dezember.

Von Gretelchen kam eine goldene Locke. Mit Tilly und Ludwig beim Anwalt wegen der 50 000 Mark; Nachmittags die Novelle »das Verhängnis« beendigt, dann bei Professor Primer im Pfau; lese Abends Ludwig und Tilly die Novelle vor; sie gefällt ihnen nicht, ich finde sie dennoch gut; früh zu Bett wegen der morgigen Tour.

 

30. Dezember, Sonntag.

Taunustour mit Ludwig und Frau Altheim, Tilly blieb wegen einer Mandelentzündung Ussins zu Hause. Rendezvous um 9 Uhr morgens an dem dumpf kalten Bahnhof; nach Kronberg; zu Fuß zwischen der Rodelkarawane in der sonnigen Schneelandschaft des Altkönigs; in der Mitte des Wegs verliere ich plötzlich die andern, und wate eine Stunde lang durch teils unbetretenen Schnee, in Schweiß und mit Herzklopfen, zwischen riesigen schneebedeckten Kiefern bis auf den Gipfel; dann glücklicher Abstieg mit freien Blicken in das neblige aber besonnte Tal; auf dem Fuchstanz treffe ich die zwei andern bei Kaffee und Kuchen; gemeinsamer Abstieg, unterwegs mit Frau Altmann Gespräch über Frauen, Scheidung, u. s. w.; sehr vornehm denkt sie nicht. »Als Millionärsfrau«, sagt sie, »will man auch die Hälfte der Million haben«, aber es ist famos, wie sie sich und ihre Kinder neben ihrem Trunkenbold von Mann selber erhält, den sie nicht los werden kann; sie ist lange nicht mehr so hübsch wie früher, etwas durch die Ehe verbittert, aber sie imponiert mir durch ihre Tapferkeit; um 5 Uhr zu Haus, Abends um 11 noch eine Stunde allein im Café Bauer, Brief an Hedwig.

 

31. Dezember.

Von 12–2 wieder beim Anwalt mit Tilly, die geradezu juristischen Scharfsinn bekundet; nach Tisch mit ihr Gespräch über Ludwigs entsetzliche Familie und seine subalterne Tätigkeit, in die ihn die Eltern seiner Zeit gestoßen haben. Man begreift da fast den Vorwurf des mangelnden Idealismus, der den Juden gemacht wird. Wie anders, wie warm ist dagegen selbst eine in vieler Hinsicht so törichte Familie wie Primers. Tilly behauptet, Ludwig persönlich zu lieben, aber sie will seiner Rasse wegen keine Kinder von ihm, Konflict! Um 6 Uhr Abends Café Bauer; Oppenheim, der gerade von St. Cloud kommt; dann mit Ludwig und Tilly in der Oper: die lustige Wittwe, langweilige temperamentlose Aufführung; dann lud ich beide zu einem Souper im Frankfurter Hof ein; überall hier die reduzierte Frankfurter Judengesellschaft, aber der Heidsilk machte uns bald sehr lustig; wir fahren zur Familie Brach, die wir bereits in voller Ausgelassenheit finden. Tanz, Lieder; Tilly singt den »Schimmi«. Ich sitze bald mit den beiden Mädels allein im Nebenzimmer. Küsse. Gespräch über Liebe. Schließlich allein mit Mary, die ich nun regelrecht und wie es scheint mit Erfolg belagere. Ein Brüderchen namens Hans kommt immer herein. Anfangs geniert er mich, dann machen wir ihn zum Bundesgenossen und gründen zu Dritt eine Brüderschaft, wobei wir uns natürlich duzen und küssen müssen und uns sagen, daß wir uns alle Drei sehr lieb haben, was mir ermöglicht, Mary die tollsten, sonst ganz undenkbaren Erklärungen zu machen. Sie wird bald an einem Theater engagiert sein, und dann besuche ich sie dort. Eine tolle, etwas zigeunerhafte Brünette und auch wieder, wie bei Allem, was mir außer der Ehe in die Hände kommt, eine grundanständige Seele. So traten wir das neue Jahr an. Um 4 Uhr zu Bett. Ich genieße jetzt mein Leben viel tiefer und weiter als je in früheren Jahren, wo ich mir durch Moral und Pathos das Beste verdarb.

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