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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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27. September.

Ich habe meine Absicht ausgeführt und eine kleine Rundreise gemacht, und es tut mir nicht leid, obwohl mein Husten sich wieder, wahrscheinlich infolge eines starken Zuges, den ich im Coupé bekam, fast bis zur Unerträglichkeit verschlimmert hat. Die vorletzte Nacht habe ich nicht vor Husten schlafen können, und ich hab' so viel Schmerzen und Seitenstechen dabei, daß ich wirklich schon Angst hatte, es könnte wieder Lungenentzündung geben, heute fühle ich mich gottlob bedeutend besser. Also ich war zuerst bei Emmy oder, wie sie jetzt heißt, Frau Häusling. Ich überzeugte mich, daß es ihr sehr gut geht, und das freut mich außerordentlich. Sie hatten mich so viel eingeladen, sie doch mal zu besuchen, 285 und ich wurde mit großer Herzlichkeit von beiden aufgenommen. Sie sind soweit ganz zufrieden miteinander, nur ist Emmy furchtbar eifersüchtig auf ihren Schani. Sie haben ein kleines feines Restaurant in der Altstadt und verschenken nur Wein und echte Biere. Emmy macht sich recht behäbig als Wirtin, sie hat sich in dem Jährchen sehr verändert, was mir Spaß machte. In der Küche und im Haushalt führt sie ein strenges Regiment über die Dienstboten, ihren Koch hat sie kurzerhand herausgeschmissen, weil er mit einem Küchenmädchen karessierte, wie sie überhaupt plötzlich sehr moralisch geworden ist, und durchaus kein Verhältnis zwischen ihren Angestellten duldet. Das kann ja nun auch jeder machen, wie er will, und ich glaube wohl, daß es unbedingt notwendig ist, in dieser Hinsicht unter dem Personal auf Ordnung zu halten, wenigstens im Hause. Aber Emmy skandalisierte auch mit dem Oberkellner, weil sie gehört hatte, daß er außer dem Hause ein »verhältnismäßiges« Leben führt, und dazu hatte sie, wie ich ihr auch sagte, nach meiner Ansicht absolut keine Berechtigung. Wirklich geärgert aber hat mich ein Auftritt. Wir saßen so gegen zehn im Lokal und tranken noch eine Flasche Wein, Emmy, ein Freund ihres Mannes und ich. Kommt da eine Dame herein, setzt sich an einen Tisch und bestellt sich ein Dutzend Austern und eine halbe Flasche Wein.

Ich sah ja auch sofort, daß sie zur Zunft gehörte, und zwar nicht zu den oberen Vierhundert, sie war scheußlich aufgetakelt und ordinär geschminkt.

Emmy hatte das Mädel kaum ins Auge gefaßt, als sie auffuhr, auf sie zurauschte und ihr ein paar Worte ins Ohr zischte. Die Person sah sich ratlos um, lächelte verlegen, erwiderte etwas, wurde aber von Emmy kurz abgefertigt. In diesem Augenblick kam der Kellner mit der Platte Austern und dem Wein. Emmy winkte ihm, 286 worauf er grinsend mit den Sachen den Rückzug zum Büfett antrat, während das Mädchen aufstand und ging.

Emmy schimpfte dann noch eine Weile mit dem Kellner und kehrte, noch ganz aufgelöst in sittlicher Entrüstung, an unseren Tisch zurück.

»Wirklich eine Unverschämtheit von dem Gesindel,« sagte sie, und schnappte vor Eifer und Empörung nach Luft.

»Ja, was war denn?« erkundigte ich mich.

»Sahst du denn das nicht?« sagte sie. »So 'n Luder von der Straße. Kommt mir nichts dir nichts in ein anständiges Lokal und will hier wahrscheinlich Kundschaft angeln. So 'n Beest.«

»Aber sie saß doch ganz ruhig da und kam niemand zu nahe,« wandte ich ein.

»Ganz einerlei. So eine jagt mir die anständige Kundschaft aus dem Lokal. Was meinst du, wenn zum Beispiel Exzellenz Geheimrat von drüben gerade mit seinen Damen zum Schoppen gekommen war, was öfters abends geschieht, und so 'n Frauenzimmer da sieht . . . Nee, das gibt's nicht, da wird nicht lange gefackelt. Der Schani ist auch so 'n alter Schafskopf, und sieht mal durch die Finger, aber ich nicht! Ich nicht!«

Ich konnte nicht gut etwas sagen, weil der fremde Herr dabeisaß, aber ich ärgerte mich wütend über so eine verfluchte Unduldsamkeit. Als wir nachher allein waren, konnte ich mich nicht enthalten, nochmals darauf zurückzukommen.

»Du Emmy, was meinst du wohl,« sagte ich. »Wenn uns früher jemand so mir nichts dir nichts aus dem Lokal geschmissen hätte? Offen gestanden, daß du so intolerant bist, verstehe ich nicht . . .«

Da sah sie mich groß an und war offenbar sehr unangenehm berührt, daß ich sie an die Vergangenheit erinnerte

287 »Was war, das war,« sagte sie kurz. »Für das Gewesene gibt der Jude nichts. Jetzt bin ich eine anständige verheiratete Frau und halte auf Reputation, besonders im Geschäft. Übrigens habe ich mich nie so straßelang herumgetrieben, wie die Sorte.«

Ich hielt es für verlorene Liebesmüh', mich mit ihr herumzustreiten. Merkwürdig und interessant, wie gedächtnisschwach die Menschen meistens in puncto dessen sind, woran sie sich nicht gern erinnern.

Von Dresden fuhr ich nach Leipzig, um die Kindermann aufzusuchen. Sie wohnt richtig in Gohlis und zwar im Parterre eines hübschen, villenartigen Hauses und ist sehr nett eingerichtet. Sie erkannte mich sofort und war sichtlich erfreut über das Wiedersehen. Hat die sich aber verändert. Sie ist schrecklich zugealtert und hat furchtbar scharfe und strenge Züge bekommen.

»Na, daß Sie Ihren Weg gemacht haben, das seh' ich Ihnen an, Thymian,« sagte sie, »da brauche ich gar nicht erst lange zu fragen. Aber angegriffen sehen Sie aus, Kind. Sie sollten jetzt bald sehen, daß Sie unter Dach kommen. Bis zu dreißig Jahren geht's ja, aber länger soll man nicht machen, sonst ist man für den Lebensrest eine Ruine. Haben Sie sich was erspart?«

Ich sagte ihr, daß ich verheiratet gewesen bin, und einen alten reichen Freund habe, der für mich sorgt, und sie nickte beifällig und lächelte verschmitzt.

»Ja, ja. Ich wußte, daß Sie vorwärts kommen, und wo die Kindermann Sie angelernt hat . . .,« sagte sie, »aber ich würde Ihnen doch raten, wieder zu heiraten. Mit den alten Herren ist das so so. Sie versprechen meistens das Blaue vom Himmel herunter, aber wenn sie sterben und nichts Schriftliches gemacht haben, was denn? Da hat man das Nachsehen. Das Klügste ist, zur rechten Zeit abzubrechen und sich eine anständige Abfindungssumme geben zu lassen und dann zu heiraten. Wenn Sie 288 z. B. nur dreißigtausend Mark bar hätten, könnte ich Ihnen eine famose Partie verschaffen.«

»So viel habe ich nicht,« sagte ich.

»Aber Sie könnten leicht so viel bekommen, wenn Ihr Freund reich ist und eine hohe Stellung bekleidet. Sie brauchen nur einen Streit vom Zaune zu brechen und aus lauter Angst, daß Sie Skandal schlagen, gibt er Ihnen was Sie wollen. Wenn Sie's gescheit anfangen, kriegen Sie fünfzigtausend heraus und noch mehr. Ich hätte mehrere Herren, die sich für Sie eigneten, einen Musikdirektor mit siebentausend Mark Einkommen und einen Buchhändler, der medizinische Werke verlegt, und einen Kunsthändler. Oder, wenn Sie Wert auf akademische Bildung legen, einen Oberlehrer; auch 'n Arzt, aber der will achtzigtausend mithaben. Lauter ansehnliche nette Herren zwischen fünfunddreißig und fünfzig. Der Arzt ist Jude, die andern sind evangelisch.«

Ich dankte für das freundliche Anerbieten; aber die K. meinte, ich würde es mir überlegen und ihr doch noch mal wiederkommen.

»Wenn ich Ihren Geschäftsgeist hätte, würde ich auch etwas Selbständiges anfangen,« sagte ich, »mein Leben befriedigt mich so wenig, weil ich keine richtige Beschäftigung habe.«

»Ja leider geht Ihnen der Geschäftssinn aber total ab, liebes Kind,« sagte sie etwas zynisch. »Ich hab's ja immer gesagt: Sie sind zu ideal veranlagt. Und daß Sie mit Ihrer idealen Veranlagung noch so weit durchgekommen sind und nicht längst elend verendet sind, das ist eben Glück und kein Verdienst. Sie ahnen nicht, wie vielseitig die Liebe als Geschäftsartikel ist, und was sich alles aus ihr herausschlagen läßt. Man muß ihr nur die praktischen Seiten abgewinnen. Zuerst habe ich selbst praktisch in der Branche gearbeitet, dann nahm ich die mehr ideale Seite vor, das heißt: erst die Liebe und 289 dann das Geschäftliche und nun umgekehrt: zuerst das Geschäftliche und dann die Liebe. Ein volles Portemonnaie auf der einen und ein netter Titel oder auch nur das Ewig-Männliche auf der anderen Seite, das sind meistens schon genügend starke Magnete, um die Herzen zueinander hinzuziehen.«

Eine merkwürdige Frau, die Kindermann, aber in einer Hinsicht bewundere ich sie. Ihre Elastizität und Unverfrorenheit sind wirklich staunenswert.

Sie ließ mich den Tag nicht mehr weg. Zwischen drei und fünf hat sie ihre Sprechstunden, die an dem Tag aber nur von einem Herrn besucht wurden. Nach dem Mittagessen um sechs, das wie in Hamburg sehr reichlich und gut war, tranken wir in ihrem Wohnzimmer Kaffee. Sie bot mir Zigaretten an, aber wegen des Hustens darf ich nicht rauchen, sie selbst rauchte eine Zigarre und dabei weihte sie mich in die Mysterien ihres Geschäfts ein. Danach werden ihre Dienste meist von Herren und nur ausnahmsweise von Damen in Anspruch genommen. Sie hat eine große Anzahl von Agenten oder sogenannten Gewährsmännern, die fortwährend darauf aus sind, reiche unverheiratete oder verwitwete Damen auszukundschaften. Ihre, der Kindermann, Aufgabe ist es dann, Beziehungen zu diesen Damen zu gewinnen, was ihr bei ihrem Raffinement niemals allzuschwer wird. Wirklich staunenswert muß ihre Erfindungsgabe sein, sich unter irgendeinem Vorwand an wildfremde Leute heranzuschlängeln und ihre Heiratskandidaten einzuführen, aber sie hat, wie sie sagt, gute Erfolge. Das Interessanteste ist die Tatsache, daß die Damen fast in allen Fällen keine Ahnung von der Mache haben und nicht wissen, daß sie, anstatt geheiratet zu »haben«, »verheiratet sind« –. Die K. bekommt 4 bis 10 Prozent von der Mitgift und steht sich famos dabei. »Ich habe in den letzten Jahren so viel legitimes Glück gestiftet, daß meine 290 illegitimen Sünden dagegen vollständig verschwinden,« sagte sie lachend. »Wenn Sie mir aber kommen – Ihnen mache ich's ganz umsonst, aus alter Freundschaft, und ich such' Ihnen nebenbei noch das Schönste und Gediegenste aus, was ich in dem Artikel Mann auf Lager habe . . .«

Die Zeit verging rascher als wir dachten. Sie brachte mich selbst zur Bahn, und ich mußte ihr versprechen, sie nächste Pfingsten auf ein paar Tage zu besuchen, wo wir dann zusammen einen Abstecher in die Sächsische Schweiz machen wollen.

Als ich in meiner Wohnung ankam, war niemand da. Das Mädchen glaubte, ich käme erst mit dem letzten Zug und war ausgegangen. In meinem Wohnzimmer waren die gelben Vorhänge heruntergelassen, und der ganze Raum war voll Blumen. Der Graf hatte Rosen gesandt, und Julius hatte einen Korb mit Lilien geschickt, und D . . . . hatte einen halben Waggon Rosen gestiftet. Überall standen sie umher, in allen Vasen und Jardinièren, auf Tischen und Paneelen und Fensterbrettern und sogar auf dem Fußboden, und strömten einen betäubenden Duft aus, besonders die Lilien. Wie ich mich umsah, legte sich mir eine unheimliche Beklemmung auf die Brust. Ich mußte an eine Totenkammer denken. Ich meinte durch den Blumenduft einen leisen Verwesungsgeruch zu spüren; wahrscheinlich war das Zimmer ein paar Tage nicht gelüftet, und vielleicht kam es, weil die gelben Vorhänge eine so wunderliche Beleuchtung, die wie Kerzenlicht wirkte, schufen . . . Ganz sonderbar. Ich riß rasch die Vorhänge zurück und die Fenster auf; und wie ich den Lärm der Straße hörte, ging es vorüber. 291

* * *

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