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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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39 Wenn man hinter der Portiere in der besten Stube sitzt, kann man alles hören, was im Wohnzimmer, und wenn man in diesem am Guckfenster steht, kann man alles hören, was in der besten Stube gesprochen wird. Seit ein paar Tagen hab' ich das heraus. Ich wollte mir aus der besten Stube ein Buch holen und hörte nebenan Tante Frieda mit Vater plaudern. Für gewöhnlich hypnotisiert, mich Tante Friedas holde Stimme nicht besonders, aber ich fing ein paar Brocken auf, die mich interessierten, und da horchte ich.

»Ich weiß nicht, was du willst,« sagte Tante Frieda, »sie ist ein braves, tüchtiges Mädchen aus anständiger Familie mit tadelloser Vergangenheit und Thymi ist ihr auch sehr zugetan. Es ist das allerbeste, du heiratest sie, dann ist dir geholfen, und Thymi hat dann auch Anhalt und alle Schwätzerei hat ein Ende . . .«

»Aha,« dachte ich, »Vater soll Elisabeth heiraten. Na, meinswegen. Wenn sie ihn will.« – Dann sprach Vater: Er dächte gar nicht daran, noch mal zu heiraten, er hätte gerade genug gehabt von der Ehekrüppelei all die Jahre mit der siechen Frau. Außerdem sei sie ihm auch zu jung. Da könnte er gewärtig sein, daß ihm noch ein halbes Dutzend Kinder ins Haus geschneit kämen. Das könnte er schon mir gegenüber nicht verantworten. Und wenn er schon überhaupt noch mal heirate – vielleicht in späteren Jahren, wenn ich versorgt sei, eine ältere –, käme nur eine sehr vermögende Frau in Betracht. Die Apotheke sei zu stark belastet. Soweit hörte ich. Nachher interessierte mich das Gespräch nicht mehr.

Ich machte mir meine eigenen Gedanken über das Gehörte und freute mich königlich, daß ich mehr weiß als sie denken. Übrigens dünkt mich Tante Friedas Idee gar nicht mal so übel. Elisabeth wünscht sich nichts anderes, als ein eigenes Heim. Das können wir ihr bieten. 40 Und dann haben wir sie fest, so müssen wir uns fürchten, daß sie uns mal weggeht. Ich habe mirs vorgenommen, Vaters Bedenken zu zerstreuen und ein bißchen die Vorsehung zu spielen. Wenn sie wirklich noch ein halbes Dutzend Kinder kriegten, sehe ich doch nicht ein, was mich das angeht. Zu hüten werde ich sie wohl nicht brauchen und im übrigen habe ich kleine Kinder furchtbar gern. Ich will aber doch lieber noch nichts verlauten lassen und nur heimlich beobachten und Schutzengel spielen. Ach ja, das ist reizend, ich will sie beide glücklich machen. Ich habe sie beide so schrecklich lieb, und es würde uns gar nicht schwer fallen, zu Elisabeth Mama zu sagen. Aber auch nur Mama – denn eine Mutter hat man nur einmal. Und die meine ist beim lieben Gott – – –

* * *

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