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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12. Juni.

Der Mensch denkt, und die Götter lenken.

Julius mußte Anfang Mai nach Basel, und da er sehr überanstrengt und nervös ist, wollte er die Gelegenheit benutzen und sich ein paar Wochen ausspannen, zumal er jetzt einen tüchtigen Assistenten zur Vertretung 280 da hat. Er wollte mich mitnehmen und ich freute mich grenzenlos, mal einige Wochen lang ihn ganz für mich zu haben. Ich war ganz selig in der Aussicht. Dem Grafen erzählte ich, daß ich zu einer Freundin nach Dresden fahre, was ich nebenbei auch beabsichtigte. Ich freue mich nämlich sehr, daß es Emmy und ihrem Schani so gut geht; sie haben im vorigen Jahr pünktlich die Zinsen bezahlt und schreiben immer so dankbar und vergnügt.

Ich war schon mächtig am Packen – es war Dienstag und Freitag wollten wir abfahren –, als ich plötzlich ans Telephon gerufen werde. Eine fremde Stimme ruft mich an, ich soll gleich in die Behrenstraße zum Grafen kommen, er wünsche mich zu sprechen. Mir fuhr gleich der Schreck in die Glieder, denn ich dachte sofort, daß es sich um etwas Besonderes handelt, sonst läßt er mich doch nicht in seine Wohnung kommen, ich war überhaupt erst einmal da.

Natürlich ging ich sofort hin und fand ihn krank.

Er hatte entsetzliche Ischiasschmerzen und war auch sonst nicht recht wohl, und nun wollte er, daß ich tagsüber bei ihm bleibe und ihn pflege und ihm Gesellschaft leiste.

Was sollte ich machen? Nein sagen durfte ich nicht und hätte ich auch ohnehin nicht getan, denn das wäre eine Gemeinheit ohnegleichen gewesen, wo er so viel für mich tut. Ich tröstete mich anfangs mit der Hoffnung, daß er wohl in einigen Tagen besser sein werde und ich dann Julius nachreisen könne, aber sein Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag.

Zuerst war mir der Gedanke, daß meine ganze Reise, auf die ich mich so unendlich gefreut hatte, ins Wasser fallen sollte, unerträglich, und ich habe geheult wie ein kleines Kind, aber nach und nach fand ich mich doch drein. Und dann war es mir fast angenehm, daß ich 281 meinem alten Freund dieses Opfer bringen konnte. Das Bewußtsein befriedigte mich unendlich, und es machte mich fast glücklich, daß ihm meine Nähe offenbar angenehm und ich ihm gewissermaßen unentbehrlich war.

»Das sind weiche pflegende Hände,« sagte der alte Sanitätsrat, der ihn behandelte, einmal galant, indem er meine Hände in die seinen nahm und sie betrachtete, »sanfte, zarte Frauenhände, wie diese, sind die besten Assistenten des Arztes.«

Es war aber doch eine schauderhafte Zeit. Der alte Herr hatte grauenhafte Schmerzen und abends hohes Fieber; mehrere Male bin ich des Nachts dageblieben. Furchtbar ist es, jemand so leiden zu sehen und daneben sitzen und nicht helfen können. In solchen Augenblicken wird man sich so recht seiner deprimierenden Ohnmacht als Mensch bewußt, man kommt sich vor wie eine Marionette, Wünsche und Wille sind nichts als Drähte in unsichtbaren Händen. Das Sklavenhafte des Menschtums wird einem bewußt. Auch kein Atomchen Macht ist einem mitgegeben. Dem Schicksal gegenüber haben wir nur Pflichten, keine Rechte.

Ein paar Tage und Nächte war ich auf das Schlimmste vorbereitet. Nach einer bösen Nacht, als mein alter Freund aus einem kurzen, unruhigen Schlummer erwachte, nahm er meine Hand und drückte sie und sagte, daß er für mich gesorgt habe, und wenn ihm etwas ankäme, sei meine Existenz doch gesichert. Aber ich möchte ihm eins versprechen: nicht wieder in das unordentliche Leben von früher zurückzukehren . . .

Ich bin keine Seelenchirurgin, daß ich meine eigenen Empfindungen immer zerlegen und analysieren könnte, und in dem Augenblick war auch wieder so ein unklares, verworrenes Durcheinander von Stimmungen und Gefühlen in mir. Ich empfand seine Bitte und seinen Wunsch als etwas tief Deprimierendes und konnte ihm 282 doch keinen Vorwurf deshalb machen, weil ich tatsächlich sein Vertrauen einmal täuschte . . . das heißt . . . Vertrauen? – – – Nein . . . Gerade, weil er mir doch nie ganz vertraute – – – na, einerlei . . . Aber das kann ich heilig beschwören, daß ich in der Zeit nicht ein einziges Mal daran dachte, was werden sollte, und was werden könnte, wenn mein alter Freund sterben sollte. Denn in diesen bangen Stunden und Tagen zitterte ich für sein Leben. Ich habe ihn nie geliebt, wie ein Weib den Mann liebt, aber meine heiße Dankbarkeit hat eine Art töchterlicher Zärtlichkeit in mir erweckt, und ich will verdammt und verflucht sein, wenn mich ein unsauberer Hinter- und Nebengedanke leitete, als ich ihn pflegte.

Als er besser wurde, ließ er mich gar nicht mehr von sich. Den Herren, die ihn hin und wieder besuchten, stellte er mich als seine Nichte und Pflegerin, Frau von Osdorff vor, und ich wurde natürlich von allen mit großer Achtung und Ehrerbietung behandelt. Nach acht Tagen, gerade an dem Tage, wo Julius von seiner Reise wieder zurückkehrte, machten wir die erste Ausfahrt in den Tiergarten und übernächste Woche reisen wir nach Wiesbaden. Auch ein vergnüglicher Aufenthalt bei der Hitze. Aber ich freue mich vor allen Dingen, daß ich meinen alten Herrn behalte; seine Krankheit und mein Pflegerinnenamt haben ihn mir eigentlich erst wieder recht lieb und teuer gemacht. Ich habe das Gefühl, daß wir beide zueinander gehören und das ist schon viel, wenn man so allein steht in der Welt wie ich. Julius meint, der Aufenthalt in Wiesbaden würde mir auch gut sein. Ich huste noch immer. Eigentlich fehlt mir jetzt nichts, aber zuweilen bin ich so unsagbar matt und abgespannt. Ich schreibe das den vielen Nachtwachen während der letzten Wochen zu. 283

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