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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18. März 1902.

Ja, mein Geliebtes, da sind wir wieder auf dem Eingangspunkte angelangt. Das Leben ist ein ewiger Kreislauf. Immer in der Runde. So rum, so rum. Mit meinen feinen Damenbekanntschaften ist es nun Essig geworden. Und das kam so: Ich war im Februar eines Abends zum Tee eingeladen bei der Frau Dr. K . . . ., die ich vom Verein her kenne, und wie wir schon alle da sind, kommt noch ein Brautpaar, Frau K.s Bruder mit seiner Braut, einem jungen, nüchternen Ding, und der Bräutigam auch so 'n junger Kerl von fünf-, sechsundzwanzig Jahren. Ich kann mich nicht entsinnen, ihn früher je gesehen zu haben, aber ich merkte sofort, daß er mich kannte, denn er stutzte zurück und klemmte sein Monocle ein und starrte mich unverschämt an. Und wie nachher musiziert wurde, drängt er sich an mich heran und flüstert mir mit einem Blick, der wohl vernichtend sein sollte, zu: »Wie kommen Sie hierher, Thymian?«

Ich sah ihn hochmütig an. »Was wünschen Sie?« fragte ich.

»Ach was, verstellen Sie sich doch nicht,« sagte er brüsk. »Ich habe Sie früher oft genug im Café Keck und National getroffen.«

Ich wandte ihm den Rücken, aber mir war trotzdem nicht wohl dabei. Ich wußte, daß er mich unmöglich machte, wenn er plauderte. Nach einer Weile steht er plötzlich wieder hinter mir und raunt mir zu: »Mein Freund Abraham kann jeden Augenblick kommen. Der kennt Sie auch. Ich will durchaus nicht, daß er Sie 278 hier bei meiner Schwester antrifft. Richten Sie sich, bitte, danach.«

Ich hätte den unverschämten Judenbengel erdolchen können. »Sie irren sich,« sagte ich, aber er schnitt mir das Wort ab.

»Machen Sie keine Wippchen, Thymian. Wenn mein Schwager wüßte, wen er hier zu Gast hat, könnten Sie sich freuen. Und wenn Sie sich nicht freiwillig zurückziehen . . .«

Ich hörte die Drohung aus seinen letzten, zwischen den Zähnen gemurmelten Worten, und ich war nicht im Zweifel, daß er sie wahr machen würde. Was blieb mir übrig, als das Feld zu räumen, wollte ich es nicht auf einen Skandal ankommen lassen. Aber es hat mich furchtbar gegiftet. Ich habe die Nacht kein Auge geschlossen.

Ein paar Tage darauf erhielt ich ein Schreiben vom Vorstand unseres Vereins, in dem ich ohne Angabe von Gründen höflich, aber sehr bestimmt ersucht wurde, mein Amt als Vorstandsdame freiwillig niederzulegen . . .

Da wußte ich genug. Der freche Judenjunge hat nicht den Mund gehalten, und ich bin abgetan in diesem Kreis, ein für allemal unmöglich. Wenn ich Israeli als Judenjunge bezeichne, will ich damit nicht sagen, daß man bei einem Juden überhaupt solche Frechheiten und Unverschämtheiten voraussetzen kann. Ich habe im Gegenteil gerade von Juden immer ein chevalereskes Verhalten konstatieren können. Julius' Eltern waren ja auch Juden, aber I. gehört zu jenen Exemplaren, die durch ihre Arroganz und Flegelhaftigkeit den Antisemitismus rechtfertigen.

Die Affäre hat mich mehr mitgenommen, als sie eigentlich wert war. Ich bekam vor Aufregung und Ärger einen Blutsturz und mußte vierzehn Tage liegen.

Julius und mein Graf sagen beide dasselbe: sie hätten 279 vorausgesehen, daß es so kommen würde, und es sei überhaupt ein Wunder, daß es so lange gut gegangen sei, ich sei eine viel zu markante Erscheinung, als daß ich unbemerkt in der Menge untertauchen könnte.

Im Grunde liegt ja auch nichts daran. Ich habe nicht allzuviel daran verloren. Richtig befreunden hätte ich mich mit diesen Damen doch nicht können. Und wenn ich Wohltätigkeit üben will, weiß ich andere Wege, auf denen ich es kann, ohne diese Vereinsmeierei. Aber schrecklich unangenehm ist es mir doch; ich geniere mich, den Frauen zu begegnen. Man sollte wirklich unverfrorener sein.

D . . . kommt wieder öfter. Die Poussage mit der Witwe ist im Sande verlaufen. Er bedauert immer, daß er mich nicht heiraten kann. Ich setze in Gedanken dann jedesmal hinzu: Warum nicht? und muß im stillen lächeln.

Wie klein sind doch die Menschen. Wie eng sind ihre Seelenkammern und wie beschränkt ihre Ansichten! Sie rennen immer mit den Köpfen gegen das hölzerne Plankwerk ihrer gesellschaftlichen Rücksichten und ihrer eigenen stocksteifen Vorurteile, mit denen sie sich selber umgeben haben; und anstatt frisch und couragiert die Planke zu überspringen und sich keck das Glück jenseits der Grenze zu holen, drücken sie sich scheu an der Mauer entlang und schielen seufzend durch die Breschen nach dem »Unerreichbaren«, »Unmöglichen« . . .

* * *

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