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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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September.

Mein Graf wollte mich diesen Sommer um sich behalten. Wir waren wieder eine Zeitlang auf seinem Schloß in Schlesien, und dann fuhr ich mit ihm nach Holstein und wohnte in Gremsmühlen, während er auf einem Gute bei Plön war. Im Hotel waren viele Hamburger, aber meist spießbürgerliche Leute, und keine Bekannten von früher. Nur zu allerletzt traf ich eine Frau aus Borgfelde, deren Schwester auf der Uhlenhorst wohnt, und diese Schwester, die auch ein paar Tage in Gremsmühlen war, kennt Ludwig und seine Frau, aber sie wußte nicht viel von ihnen. Kinder haben sie nicht.

Ich lernte dort einen netten älteren Herrn aus Altona kennen, einen Regierungsrat a. D., und später auch seinen Neffen, einen sehr schneidigen, noch ganz jugendlichen Hauptmann. Wir machten zusammen öfters Partien in der Umgegend, die wirklich reizend ist, und suchten alle Plätze auf, die in Voß' »Luise« vorkommen. Anfang August fuhren die Herren nach Zoppot, und sie forderten mich auf, mitzukommen, was ich nur allzu gern tat, da auch Julius mit seiner Familie dort im August ist. Es traf sich so glücklich, daß der Graf im August mit einem Freund nach dem Rhein mußte, um dort ein Besitztum, das dieser kaufen wollte, zu besichtigen, und so konnte ich hinfahren, wohin ich wollte.

Wir nahmen zusammen im Kurhaus Wohnung. Julius wohnte mit seiner Familie in einer Villa im Ort. Schon in den nächsten Tagen traf ich sie am Strande. Ich hatte seine Frau nur einmal vorher gesehen, vor Jahren im Apollotheater, und da sah sie so blaß und leidend und 276 unbedeutend aus; ich erkannte sie nicht wieder, eine so hübsche, elegante Frau ist sie. Das gab mir einen Stich durchs Herz, denn nun verstehe ich, warum er mir nichts als freundschaftliche Gefühle geben kann. Wenn ich ihn an der Seite der anmutigen Frau, und die beiden umgeben von ihren Kindern – wovon die älteste ein bildschönes Mädel ist – sah, war mein Herz voll Neid, Groll und Bitterkeit, und ich mußte mir Gewalt antun, um meine Empfindungen nicht zu verraten. Ich reiste deshalb auch schon Mitte August wieder ab und habe hier in Berlin wieder meine Vereinstätigkeit aufgenommen und war vorige Woche auf einem Gartenfest bei einer Baronin L . . . . zum Besten der mutterlosen Säuglinge, und verkaufte Rosen.

»Sie sind ja noch wie ein junges Mädchen, liebe Frau Osdorff,« sagte die alte Dame, die sich übrigens dadurch auszeichnet, daß sie keine Similiwohltätigkeit ausübt, sondern wirklich große Summen ausgibt. »Von Ihnen werden die Herren schon Rosen kaufen – –«

Na, daran lag es denn auch nicht. Ich bekam zehn und zwanzig Mark für jeden Stengel und konnte einen ansehnlichen Batzen abliefern. –

Mein kleines Kapital ist schon stark zusammengeschmolzen. Macht nichts.

* * *

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