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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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November.

Wir werden beide falb, mein Büchelchen, du und ich. Deine Blätter gehen zu Ende und mein Leben ginge am besten auch zu Ende, aber da wir beide nicht zusammen ausreichen, werde ich dir einen neuen Blätteranhang einheften. Ja, ja, viel Gutes hast du von mir nicht zu wissen bekommen. Ich habe heute nachmittag alles durchgelesen und es war mir dabei, als ob ich alles 259 noch einmal durchlebte. Vielleicht hätte ich noch mehr schreiben können, aber ich hatte nicht immer Zeit und Lust, gleich alles zu registrieren. Wehmut beschlich mein Herz, als ich die kindlichen Eintragungen aus meiner ersten Jugendzeit las – –

Breit' aus die Flügel beide – – o Jesu meine Freude – –
Und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan es verschlingen, so laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzbar sein! – – – –

Gute Tante Frieda, ahnungsvoller Engel! Kein guter Stern stand über deinem Haupte und kein gefälliger Heiliger trug deine fromme Bitte zu deinem Jesus, als du für dein armes, mutterloses Küchlein betetest.

Satan hat es verschlungen. Es ist untergegangen, verspeist von Satan Welt, den es allezeit nach jungem, süßem, schmackhaftem Menschenfleisch hungert.

Ach, diese Reise nach Hause hat alles wieder so aufgewühlt in mir. Ich wäre besser nicht hingefahren.

Schon als ich hinter Hamburg kam und das heimatliche Idiom wieder in meinen Ohren klang, wurde es mir schwer und traurig ums Herz. So fremd klang es mir, als wäre ich ein Menschenleben lang fort, und nicht erst elf Jahre. Der Menschenschlag ist dort so ganz anders, so viel derber, gerader, alltäglicher, einfacher, eine unüberbrückbar tiefe Kluft trennt mich von meiner Heimat und ihren Menschen.

Es war schon dunkel, als ich anlangte, ein trüber, kalter Herbstabend. Über dem flachen Land, das sich weit um das Städtchen ausbreitet, lag ein düsteres, rotes Licht, über das Wolken wie schwarze Nachtvögel zogen. Ich ließ meinen Handkoffer in den »Deutschen Hof« bringen und mir dort ein Zimmer geben. Mein Abendessen nahm ich auf meiner Stube ein, und nachher wanderte ich im Dunkeln noch eine Zeitlang durch die Straßen. Als ich über den Marktplatz ging und vor unserer Apotheke 260 stand, zitterten meine Knie, und das Herz stand mir fast still vor Aufregung, und ein rasendes Verlangen, hineinzutreten, überfiel mich, und ehe ich es mir überlegte, war ich die Stufen hinauf und stand im Flur und von da trat ich in die Apotheke und verlangte Pfefferminzplättchen. Ich hatte einen dichten Schleier vor das Gesicht gebunden, aber der junge Mensch, der mich bediente, hätte mich auch so nicht gekannt. Die Tür zum Kontor stand halb angelehnt, und am Pult stand Meinert. Ich sah ihn deutlich. Sein Haar ist spärlicher und seine Züge sind schärfer geworden. Sonst ist er der alte geblieben.

Im Flur sah es wüst aus. Die Lene hatte in den Tagen ihren Umzug. Der Kleiderschrank aus Vaters Schlafzimmer und das Vertikow aus der guten Stube standen auf dem Flur, und Kisten und Kasten lagen wild übereinandergestapelt umher. Ich stand ein Weilchen still, und ich kann nicht so genau wiedergeben, was in mir vorging. Blitzschnell zogen eine Menge Bilder an meinen Augen vorüber, ich sah mich als Kind über den Flur laufen, dachte an den Abend, als Meinert mich auf seinen Schultern da die Treppe hinauftrug, sah Mutters Sarg zu der Flügeltür hinaustragen und durchlebte noch einmal die Stunde, als ich an dem schauerlichen Abend nach Elisabeths Selbstmord die dämmrige Treppe hinaufschlich – – an dem Abend, als mein Verhängnis seinen Anfang nahm. Und wie ich zur Tür hinausging, wußte ich, daß ich zum letztenmal in meinem Leben die Schwelle meines Elternhauses überschreite . . .

Dann ging ich noch eine Stunde lang kreuz und quer durch die Straßen. Bei Tante Frieda waren die grünen Rouleaus mit den Watteaubildern in grau und braun niedergelassen und dahinter brannte die Lampe . . . die alte, mit dem blankgeputzten Messingfuß – ich kenne sie ja so genau – und auf dem Fensterbrett standen Töpfe mit Blattpflanzen und Blumen . . . . alles wie ehedem. 261 Und ich wußte, sie sitzt auf dem Sofa und strickt, und zählt Maschen, und liest nebenbei die Zeitung oder ein erbauliches Buch, vielleicht zieht auch gerade in dem Moment ein flüchtiger Gedanke an die Verlorene, die unten im Abendduster auf der Straße steht, durch ihre gute, kleine Altjungfernseele.

Ich schlief nur wenig in der Nacht. Morgens frühstückte ich in der Wirtsstube, und die Wirtin, eine noch ziemlich junge, mir fremde Frau, begrüßte mich, und ich knüpfte ein Gespräch mit ihr an, und fragte sie im Lauf desselben nach der Familie Gotteball – ich wäre mal früher als Kind bei derselben auf Besuch gewesen.

»Ja, das ist sehr traurig für die arme Frau Gotteball, daß sie nun so schlecht nachsitzt,« sagte die Wirtin, »und die Kinder noch so jung und kommen erst in das Alter, wo sie Geld kosten. Der Mann hat ja schrecklich ausgehalten, ehe er starb, so geht es, wenn man solch ein Leben führt . . .«

»Wieso denn?« fragte ich.

»Ach Gott, er war ja rein des Deubels nach den Frauensleuten, sie haben ihn hier allgemein – na ich will nicht sagen wie – genannt. Ehe er sich verheiratete, hat er's mit den Wirtschafterinnen toll getrieben. Eine hat sich mal ersoffen. So was rächt sich, er hat ja nachher auch genug an seiner Tochter gehabt – die von der ersten Frau, wissen Sie –«

»Ja, gewiß, Thymian. Ich bin kurze Zeit mit ihr zur Schule gegangen. Was ist aus ihr geworden? Hat sie geheiratet?«

»Die? I wo! Ich hab' sie nicht gekannt, ich bin ja erst sieben Jahre hier und da war sie schon fort. Sie soll bildhübsch gewesen sein, aber so eine, wissen Sie, an der Hopfen und Malz verloren war. Frau Gotteball hat mir's selber mal erzählt, es war natürlich für sie als Stiefmutter keine Kleinigkeit, das Mädel 262 anzunehmen. Mit eben fünfzehn Jahren hat sie sich mit dem Provisor Meinert, der jetzt die Apotheke hat, abgegeben und 'n Kind von ihm bekommen. In Hamburg hat sie abgelegt, seit der Zeit ist sie nicht mehr nach hier gekommen. Sie soll sich nachher in Hamburg und Berlin als Straßendirne 'rumgetrieben haben, was aus ihr geworden ist, weiß kein Mensch, wahrscheinlich ist sie irgendwo im Rinnstein verendet. So was krepiert ja schließlich doch im Dreck . . .«

»Ja, ja,« sagte ich, »so was krepiert todsicher im Rinnstein. Also geheiratet hat sie nicht?«

»Einmal ging hier die Rede, sie hätte in Berlin einen Grafen geheiratet, aber das ist natürlich nur Schnack. Frau Gotteball glaubt selbst nicht dran, 'n Graf wird so 'n Mensch, die ein anderer nicht mit der Feuerzange anfaßt, auch noch heiraten. Wer's glaubt, zahlt 'n Taler. Der olle Gotteball hatte auf seinem letzten Ende noch die Nucken und wollte seine Tochter herhaben, aber das hat Frau Gotteball natürlich nicht gelitten, und darin kann man sie auch nicht verdenken. So 'n Frauenzimmer möchte ich noch nicht mal in die Betten haben. Sie wußte ja auch gar nicht, wo sie sich herumtreibt und ob sie noch lebt.«

Ich nickte und sagte: »Schließlich ist der Provisor doch schuld an dem Unglück. Und der ist in der Apotheke geblieben?«

»Ja, ja, er ist tüchtig, und der Alte war zuletzt tatterich. Na, und den Mannsleuten verdenkt man es ja auch nicht so.«

»Erbt denn die Thymian nichts von ihrer Mutter?« fragte ich. »Die war doch vermögend, soviel ich weiß.«

Die Wirtin wußte darüber nichts, woraus ich sah, daß die Lerne sich darüber wohlweislich ausgeschwiegen hat.

»Wie geht es dem alten Fräulein Gotteball?« fragte ich weiter.

263 »Ach, die ist auch höllisch stumpf geworden,« sagte die Frau, »aber sie macht doch noch immer so mit. Mit ihrem Bruder kam sie seit Jahren nicht zusammen, nur in den allerletzten Tagen ist sie dagewesen. Die Schwägerinnen können einander nicht ausstehen. Frau Gotteball ärgert sich darüber, daß die Frieda gar nichts für ihre Kinder übrig hat, wo sie doch an dem andern Mädel so 'n Narren gefressen hatte. Jetzt natürlich verflucht sie sie auch.«

»So, so, sie verflucht sie auch . . .« sagte ich und erkundigte mich nach Lenes Adresse. Sie wohnt jetzt in der Weihgasse. Um ein Uhr war ich zum Justizrat bestellt.

Ich kenne den alten Herrn von früher her. Er blitzte mich durch seine Brillengläser scharf an, aber ich bin Menschenkennerin genug, um zu bemerken, daß eine Veränderung zum Wohlwollen in seinen Zügen vorging. Seine Anrede »Frau Gräfin« verbat ich mir höflich und ersuchte ihn, mich Frau Osdorf zu nennen. Gleich darauf kam auch Meinert.

Wenn er mir höflich und gleichgültig gegenüber getreten wäre, hätte ich mit keiner Wimper gezuckt. Ich hatte ja Zeit, mich auf dieses Wiedersehen vorzubereiten, und meine einzige Empfindung für diesen Menschen ist abgrundtiefe Verachtung. Aber er lächelte höhnisch, machte mir eine ironisch tiefe Verbeugung und redete mich mit hohntriefender Stimme »Frau Gräfin« an.

Das war zuviel!!!

Ich fühlte, daß ich kreideweiß wurde. Ich zitterte. Es wurde mir dunkel vor den Augen. Ich mußte mich rasch setzen, weil sich alles um mich drehte. Ich vergaß alle Selbstbeherrschung und sagte nur ein Wort: »Schurke!«

»Was befehlen Frau Gräfin?« sagte er frech, während er das Bündel Banknoten hervorholte.

264 »Wollen Sie der Dame die Summe vorzählen?« sagte der Justizrat.

»Ja, ich werde sie der ›Dame‹ vorzählen,« wiederholte er mit einer bezeichnenden Betonung und lachte spöttisch. Da war es aus mit meiner Fassung.

»Sie – Sie Halunke,« sagte ich, »Sie – Sie hätten alle Ursache, die Augen vor mir niederzuschlagen, anstatt mich zu verhöhnen. Jawohl, in die Erde hinein schämen müßten Sie sich vor mir, wenn noch ein Funken von Gewissen und Ehrgefühl und Gerechtigkeitssinn in Ihnen wäre. Ich – ich kann vor Gott und den Menschen verantworten, was ich getan habe. Denn ich habe mir alles selber angetan und habe keinem Menschen sein höchstes Gut, seine Ehre und seinen guten Namen gestohlen, und hab' kein Menschenleben auf dem Gewissen, das ich zugrunde gerichtet hätte. Und wenn es einen göttlichen Richter gibt, und wir beide einst vor ihm stehen werden, wird er Recht sprechen zwischen uns. Ja, lachen Sie nur! Sie sind auch noch nicht zu Ende. Ich hab' in meinem Leben niemals jemand etwas Böses gewünscht und getan, aber Ihnen wünsche ich, daß Sie am eigenen Leibe, an Ihren eigenen Kindern einmal erfahren, was Sie an mir gesündigt haben. Die Sünden der Väter rächen sich an den Kindern – – – vielleicht sprechen wir uns noch mal wieder, und vielleicht würde ich dann lachen können, wenn ich so schlecht wäre wie Sie, Schurke – – –«

»Sie können mich ja gar nicht beleidigen,« sagte er, »eine Dame der Straße hat Redefreiheit – –«

Der Justizrat saß an seinem Schreibtisch und blätterte in den Akten, aber auf einmal schlug er mit der Hand auf den Tisch und sprang auf und donnerte los:

»Kein Wort weiter, Herr Meinert. Ich verbitte mir jede anzügliche, beleidigende Redensart gegen die Dame – jawohl, Dame!« wiederholte er, »in meinem Bureau 265 und in meinem Beisein. Sie haben zu zahlen, und Frau Osdorff wird quittieren und damit punktum und basta.«

Meinert griente und zählte die vierzig Tausendmarkscheine auf den Tisch, und ich nahm die Feder, die der Notar mir reichte, und unterschrieb das Instrument und sah Meinert nicht mehr an. Als er schon zur Tür hinaus war, setzte ich mich wieder, ich dachte, ich wäre ohnmächtig geworden, so war mir zumute.

Der Justizrat legte mir die Hand auf die Schulter und lud mich ein, mit in sein Wohnzimmer zu kommen und eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken, und ich nahm es an, denn ich fühlte mich zum Umfallen elend. Wie ich mich drüben in dem Spiegel sah, erschrak ich vor mir selber, mein Gesicht war quittegelb und die Lippen bläulich, ich kann nicht beschreiben, wie mir zumute war.

Der heiße starke Kaffee tat mir gut. Die alte Frau Justizrat ist auch vor kaum einem Jahre gestorben. Der alte Herr war sehr nett zu mir. Ich faßte mir ein Herz und fragte ihn, ob es wahr wäre, daß Vater den Wunsch ausgesprochen hätte, mich vor seinem Tode noch mal zu sehen. »Ja,« sagte er, »das weiß ich sicher. Er hätte Sie sehr gern noch mal gesehen. Und diesen Wunsch sogar zu mir persönlich geäußert. Aber wie das ist . . . Sie standen sich nicht besonders mit der Stiefmutter, na und die Frauen in unseren kleinen Nestern – – Sie wissen ja – – – na, und dann ging es zuletzt auch sehr rasch zu Ende, viel rascher als man dachte. Sonst natürlich . . . Sie standen seinem Herzen entschieden am nächsten. Es war für ihn gut, daß es schnell zu Ende war, er hat viel gelitten.« – Gegen drei verabschiedete ich mich vom Justizrat und ging in die Weihgasse. Nach der Lene hatte ich kein Verlangen, aber die Kinder interessierten mich und ich wünschte, sie kennen zu lernen.

266 Die Lene kannte mich offenbar im Augenblick nicht und war dann etwas perplex. Sie wollte mir Kaffee kochen, aber ich dankte und blieb, bis die Kinder um vier aus der Schule kamen. Unsere Unterhaltung schleppte sich etwas einsilbig dahin, ich war nicht in der Stimmung, ein gleichgültiges Gespräch zu führen, und über das, was mir am Herzen lag, konnte ich mit der Frau nicht reden. Sie ist unförmig dick und sehr alt geworden, und sieht etwas vergrämt aus, und deshalb brachte ich es nicht über mich, mit ihr zu rechten.

Dann kamen die Kinder. Der Junge hat etwas Ähnlichkeit mit Vater, vorläufig ist er sehr häßlich, ein struwweliger Rotkopf, mit einem richtigen Flegelgesicht. Das Mädel ist ganz die Lene. Nicht sehr groß, aber robust, mit einem faustdicken, strohblonden Zopf im Nacken, einfach aber sehr propre gekleidet, ein frisches, ovales Gesicht mit groben, nicht unschönen Zügen, die nur durch eine plumpe Nase etwas verunstaltet werden.

Ich hatte allerhand für die Kinder mitgebracht, ein paar Bonbonnieren und eine schöne Puppe, und für den Jungen Spielsachen – Kinderhände sind ja so leicht gefüllt! Sie mußten mir die Hand geben und sich bedanken, und ich versuchte ein paar Worte mit ihnen zu sprechen und war froh, als ich wieder fort konnte. Dieser Besuch hatte mich über einen Punkt beruhigt: Meine kleine Halbschwester hat ganz sicher keinen Tropfen von dem wilden, heißen, leichtsinnigen Blut Claire Gotteballs in sich. Sie wird nicht fallen; sie wird auf ihren strammen Beinen fest stehen im Leben, sie ist keine Antilope, auf die die Männer Jagd machen. Wenn sie doch fallen sollte, dann wird es das Verhältnis des Borstenviehs und Metzgers sein, aber ich bin überzeugt: die fällt nicht. Die zweite Lene. Sie wird einmal eine brave Hausfrau werden und ihren Kindern dann als abschreckendes Beispiel die Mythe von der schlechten Thymian, an der 267 Hopfen und Malz verloren war, und die im »Straßendreck krepierte« – – erzählen.

Mittlerweile war es fünf geworden. Die Sonne schien in die Straßen und setzte funkelnde Lichter in die blanken Fensterscheiben und flimmerte auf den roten Ziegeldächern, und es war warm wie im Mai. Aber draußen vor der Stadt, wo die Straßenzüge in die verpachteten Gärten münden, machte sich der Herbst bemerkbar. Bunte Georginen schmiegten sich an die Planken, und das Laub war fahlfarbig und raschelte bei jedem Luftzug, wie wenn der Wind durch Totenkränze zieht.

Ich ging den schmalen Weg zwischen den Planken zur Schleuse hinüber. Es trieb mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach der Stelle, an die sich für mich die traurigsten Erinnerungen meines Lebens knüpfen. Auf der Wiese, gerade da, wo damals Elisabeths Leiche lag, spielten Knaben. Sie ließen Drachen steigen und schrien und lachten und balgten . . . Selige Kindheit. Ich aber stand lange an der Schleuse oben und sah in das Wasser, das brausend und schäumend durch die geöffneten Türen stürzt, und dachte, was geworden wäre, wenn sich damals die schwarzen Wasser über mir geschlossen hätten, ob ich dann heute ein neuer Mensch wäre . . . Ich glaube an ein Wiederkommen. Und ich möchte wissen, ob man so gar keine einzige Erinnerung sich mit in das neue Leben hinüberretten kann, so gar keinen Schimmer vom Bewußtsein, was gewesen – und wär's nur zur Warnung und zum Bessermachen.

Und dann ging ich zum Kirchhof.

An der Mauer stand der alte Ebereschenbaum im vollen Schmuck seines korallenroten Beerenbehanges, von denen wir uns als Kinder Ketten machten und dann Königin spielten. Meine Schritte wurden immer langsamer, bis ich an den Gräbern meiner Eltern stand. Was mich in dem Augenblick bewegte, das kann ich nicht in 268 Worte fassen. Ich weiß nicht, wie mir war. In den verflossenen Jahren hatte ich sozusagen vergessen, daß noch ein Mensch auf der Welt existierte, mit dem ich durch Bande des Blutes und des Herzens verbunden war. Aber in dem Augenblick stieg ein unbeschreibliches Gefühl in mir auf – und trieb mir das Wasser in die Augen, eine heiße Sehnsucht: nur ein – ein – einziges Mal Vater wiederzusehen, ihn zu umarmen, und Abschied von ihm zu nehmen.

Ich habe in den vergangenen Jahren oft gemeint, daß er viel schuld an meinem Unglück war, aber in dem Moment, als ich an seinem Grabe stand, ging das alles unter in dem Bewußtsein, daß er mich unendlich geliebt hat. Auf seine Art geliebt. Daß diese Liebe sich nicht auf die Weise äußerte, die mir, dem heranwachsenden Mädchen, zuträglich war, war nicht seine Schuld. Sein Temperament und seine Veranlagung waren der Fluch seines eigenen Lebens; und er konnte doch nichts dafür, daß sich dieser Fluch auf mich vererbt hat.

Ich stand lange, lange vor den Gräbern. Dem eingefallenen und dem noch hügelartig gewölbten. Ich hielt Zwiesprache mit den Gräbern. Die beiden, die wiesen mich nicht ab; für die war ich nicht die »Dirne«, die verachtete Verlorene, die heimatlose Geächtete, für sie war ich nur das Kind, das nach langer Irrfahrt heimkehrt zu den Seinen.

Und wie die Dämmerung des Herbstabends die Gräber umkreiste, bildete ich mir ein, die Schatten der Verstorbenen zu sehen, wie sie emporstiegen aus dem feuchten Kirchhofsgrund und die Arme nach mir ausbreiteten, um mich aufzunehmen in ihre Ruhe, – der Heimatlosen das letzte, sicherste Heim zu geben, aus dem niemand sie wieder vertreiben kann – –

Träume!!!

Nur der Wind schütterte durch das welke Laub, und 269 die Dunkelheit legte sich wie eine verhüllende Decke über meine Gräber.

Ich mußte scheiden.

Ein wildes Trennungsweh preßte mir das Herz zusammen. Ich sank plötzlich in die Knie, und küßte unter Tränen die Erde, in der meine Lieben wohnen. Und sagte immer halb bewußtlos die zwei Worte: »Vater! Mutter!« und weiß nicht, wie lange ich da gelegen hab'; und als ich endlich aufstand, waren mir die Füße bleischwer, und ich stand, als ich aus dem Tor trat, erst eine Weile an der Mauer, weil mir das Schluchzen in der Kehle stieß, und ich nicht die Hand vor den Augen sah vor lauter Tränen. Dann ging ich rasch weg. Bei Tante Frieda brannte wieder die Lampe, als ich vorüberging; ich zauderte ein wenig, eine Sekunde schwankte ich, ob ich hineingehen sollte, aber ich unterdrückte den Wunsch. Wozu?! Es wäre ein trauriges Wiedersehen gewesen; Geschehenes ist nicht ungeschehen zu machen, und sie verflucht mich ja auch und hätte mir womöglich die Türe gewiesen.

Ich eilte ins Wirtshaus zurück, um so rasch wie möglich fortzukommen. Weder von Lene noch von Meinert war zu erwarten, daß sie schwiegen, und in ein paar Stunden konnte das ganze Nest von meiner Anwesenheit wissen, und dann konnte ich mir vergewärtigen, daß die Wirtin mich mitsamt meinen Sachen hinausschmiß, weil man »so 'n Frauenzimmer« doch nicht in die Betten haben kann.

Um halb neun fuhr ich ab und fuhr die Nacht durch und war früh in Berlin. Wie ich in meinen gemütlichen Räumen wieder anlangte, atmete ich auf, und es war alles wie ein Spuk, ein alpdruckschwerer Traum, diese traurige Reise im Oktobernebel zu den Toten. Aber Tage, ja Wochen vergingen, ehe Meinerts höhnische Fratze mich verließ, und ich an meine letzte Heimkehr denken konnte, 270 ohne daß die Erinnerung an jene fürchterliche Viertelstunde im Bureau des Justizrats mir die Galle ins Blut trieb. Jetzt bin ich ruhiger.

Nur eine stille Wehmut ist in mir zurückgeblieben. Manchmal meine ich, ich hätte Vater jetzt erst wiedergefunden. Dem Lebenden war ich entfremdet, der Tote gehört mir ganz.

Wer weiß wie lange – – –

Ich möchte fromm werden, nur um an ein Wiedersehen zu glauben . . .

* * *

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