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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dezember.

Viel ist nachzuholen.

Die Sommermonate waren gräßlich. Der Graf konnte nicht fort, weil er amtlich in Berlin festgehalten wurde, und ich mochte auch nicht reisen. Meine Wohnung ist schön kühl und ich hatte überhaupt gar keine Lust, und Julius war auch nur ein paar Wochen fort. Und ich fühlte mich immerzu matt und krank . . . Ende August war der kritische Tag . . .

Es hatte geregnet, und die Luft war so schön frisch und angenehm und ich ging gegen fünf aus und nach dem Tiergarten und hielt mich dort fast zwei Stunden auf und freute mich noch, weil mir an dem Tag viel wohler war. Und freute mich über die Kinder, die da spielten und das Gras funkelte von Tropfen und die Sonne schien so herrlich und ich dachte wieder, wie schön doch die Welt im Grunde ist. Wie ich aus dem Tiergarten kam, war ich so in Gedanken, daß ich auf nichts achte, und wie ich die Siegesallee überschreite, gleite ich plötzlich aus und in demselben Augenblick kommt eine Equipage dahergerast und ich weiß nicht mehr, was passiert ist, als daß ich einen furchtbaren Stoß gegen den Leib bekam und ohnmächtig wurde. Dann haben sie mich aufgehoben und für tot auf die Unfallstation gebracht und von da bin ich, da sie Karten mit meiner Adresse bei mir fanden, bewußtlos in meine Wohnung transportiert.

Dann habe ich lange, lange im Fieber gelegen und wußte nicht, was mit mir geschehen war, und in den wenigen lichten Augenblicken meinte ich immer, ich sei zu Hause und hätte alles geträumt, was ich in den vielen 246 Jahren erlebt habe, und rief nach Vater, und hielt die Schwester, die mich pflegte, für die Schwester Anna, die damals Mutter von Davos heimbegleitete.

Dann wurde ich allmählich besser und fand mich in die Wirklichkeit und erkannte Julius, der oft lange an meinem Bette saß.

»Was hat mir denn gefehlt,« sagte ich endlich, denn ich konnte mich noch immer nicht recht besinnen, so hatte mein Gedächtnis gelitten.

»Ja, was hat dir gefehlt, mein armes Kind!« sagte Julius, »das weißt du wohl am besten selbst. Denke nur mal nach. Wenn wir davon eine Ahnung gehabt hätten! Warum hast du denn kein Wort davon gesagt?«

»Ach, ich bin überfahren worden, jetzt weiß ich's,« sagte ich – – »Und das andere – –! Jetzt ist alles überstanden . . .«

Ich wußte nicht, was er meinte, und da sagte er mir, daß ich in Hoffnung gewesen sei und zwar wahrscheinlich schon fast bis zur Hälfte und durch den schrecklichen Stoß sei es zu einer Fehlgeburt gekommen. Und von dem allen wußte ich nichts, gar nichts. Denn es war immer alles ziemlich in Ordnung gewesen. Es regte mich auch nicht besonders auf; ich glaube, es ist das beste so, was hätte ich mit dem Kinde anfangen sollen? Aber ich hatte viel dabei gelitten, und es wurde Spätherbst, bis ich wieder aufstehen konnte.

Sie waren alle sehr gut zu mir. Und die Geldangelegenheit ist jetzt auch soweit in Ordnung. Das heißt, Julius und ich sind übereingekommen, daß ich den größten Teil meiner Brillanten verkaufe und mit dem Erlös einen Teil der Schulden abstoße. Dann will ich zum April eine kleinere Wohnung nehmen und die überflüssigen Möbel verkaufen. Was brauche ich auch fünf Zimmer. Drei tun's auch, und dann schaffe ich die Köchin ab und 247 spare von meinem monatlichen Geld, das mir der Graf gibt, so viel, daß ich nach und nach alles tilgen kann.

Die Kaufwut muß mit meinem Zustand zusammengehangen haben, denn jetzt ist es aus damit, und ich bin wieder wie früher.

Von Maria habe ich nichts mehr gehört.

Mitte Juni ist sie fort nach Ostende, und im Juli ist der Haushalt hier aufgelöst, und Markiewicz hat die Möbel zurückgeholt und ist kein Lebenszeichen von ihr direkt gekommen.

Aber ein indirektes Lebenszeichen habe ich doch erhalten. Denn im November, als ich schon wieder auf war, kam mein Graf eines Nachmittags zu mir und gab mir einen Brief, den er erhalten hatte, der Anfang Juli in Köln aufgegeben war und der so lautete in schlechter Orthographie:

Hochgeehrter Herr Graf!

Eine, die es nicht mit ansehen kann, wie Sie von derjenigen, die Ihnen alles verdankt, betrogen werden, warnt Sie, auf Ihrer Hut zu sein. Thymian ist durch und durch schlecht und verdorben. Sie kokettiert mit anderen Männern, hat ein Verhältnis mit einem Arzt und eins mit einem Kaufmann, mit denen sie hinter Ihrem Rücken verkehrt und Sie betrügt. Das ist der Dank für Ihre große Güte zu der Frau. Sie kokettiert mit jedem Mann, der ihr über den Weg läuft. Sie kann gar nicht anders, die Schlechtigkeit liegt ihr im Blut. Lassen Sie sie durch einen Detektiv beobachten, der wird Ihnen noch anderes aufnotieren.

Eine aufrichtige Freundin.

Ich traute meinen Augen nicht und las den Brief zweimal. Mein erstes vorherrschendes Gefühl war eine große Bestürzung, die fast schmerzhaft wirkte und über die Entrüstung hinauswuchs. Und daneben war ein 248 ungläubiges Gefühl, das die unerhörte Gesinnungsgemeinheit nicht fassen wollte. Ich habe dieser Frau nicht das geringste zuleide getan, wir sind als Freunde geschieden, ich bin ihr so in Freundschaft ergeben gewesen, daß ich für sie durchs Feuer gegangen wäre und mein letztes Stück Brot mit ihr geteilt hätte. Und habe ihr alles anvertraut, weil es mir nie in den Sinn gekommen ist, daß jemand so schlecht sein könnte, und ein solches Vertrauen mißbrauchen. Als ich mich aber von meiner ersten Verblüffung erholt hatte, schien es mir fast komisch; besonders der unfreiwillige Humor der Unterschrift: Eine aufrichtige Freundin. Und über alledem dachte ich gar nicht daran, daß dieser anonyme Wisch vielleicht meine Existenz bedrohen könne, das fiel mir erst nachher ein, als ich den ernsten, durchdringenden Blick des Grafen auf mir ruhen fühlte.

»Anonyme Briefe pflege ich sonst auf kürzestem Wege in den Papierkorb zu befördern,« sagte er, »das wird auch mit diesem geschehen. Aber – – fragen wollte ich dich doch – Hand aufs Herz, Thymian . . . die Wahrheit möchte ich wissen. Ist das nur Verleumdung oder – liegt ein Körnchen Wahrheit zugrunde?«

Da wurde mir erst bewußt, was hier auf dem Spiele stand. Aber es hätte mir passieren mögen, was da wolle, ich hätte in diesem Augenblick nicht lügen können.

»Ja,« sagte ich leise.

Er antwortete erst gar nicht. Er wandte mir den Rücken und trat ans Fenster und sah wohl zehn Minuten lang schweigend auf die Straße. Dann drehte er sich langsam um, und ich sah, daß es ihm nahe ging.

»Ich hätte es nicht von dir erwartet, Thymian,« sagte er leise. »Nein, ich habe dir vertraut . . . Mein Gott, es war ja töricht – – ich hätte doch denken können –« Und das letzte verstand ich nicht. Ich aber stützte den Kopf in die linke Hand und bedeckte die Augen mit der 249 rechten, und nie in meinem Leben bin ich mir so klein und verächtlich und so schlecht vorgekommen, als in dem Augenblick, und nie in meinem Leben hab ich mich so geschämt als in der Stunde. Ich war zerknirscht bis in die Seele, und ich würde es wie Befreiung empfunden haben, wenn er mich geschlagen hätte, und wenn er mir zugerufen hätte, ich solle mich fortscheren wie ich geh' und stehe, und er zieht seine Hand von mir und gibt mir keinen Pfennig mehr. Aber nichts, nichts von alledem.

»Es ist wirklich tragisch, daß man dir nicht so böse sein kann, als wie du es verdienst, Thymian,« sagte er nach einer Weile. »Ich will dir nicht mal Vorwürfe machen. Wie kann ein alter Mann wie ich auch von einem schönen, jungen Weibe wie du Treue erwarten –«

»Von einer Dirne, willst du sagen,« rief ich und konnte nicht mehr an mich halten, und brach in ein wildes Schluchzen aus. Und zum erstenmal in meinem Leben weinte ich über mich selber – – darüber, daß ich in Wahrheit und Wirklichkeit eine Dirne bin, nichts Besseres und Edleres, als die Ärmsten der Armen auf der Gasse, die um Nickel und Pfennige ihren Leib verkaufen. Denn wenn ich es nicht wäre, würde ich ihm in diesem Augenblick gelobt haben, alles abzubrechen und fortan nur ihm allein angehören, zum Dank für alles, was er an mir tut und schon getan hat. Aber ich konnte es nicht versprechen, ich konnte nicht, denn ich wußte, daß ich mein Versprechen nicht halte, und das wäre dann schlechter als schlecht, das wäre tatsächlich gemein gewesen.

Ja, wenn ich nur diese unglückliche Neigung für Julius nicht hätte. Oder wenn ich stark genug wäre, sie zu besiegen. Aber ich bin es nicht. Ich bin eine Dirne.

»Laß nur gut sein, Thymian, wir wollen nicht weiter darüber reden,« sagte der Graf, »es bleibt alles beim alten . . .«

250 Und es ist alles beim alten geblieben. Aber gerade das quält mich so entsetzlich. Ich komme mir zu elend vor. Ich mag dem alten Herrn nicht mehr in die Augen sehen, so schäme ich mich. Seine Güte erdrückt mich.

Wie ich zum ersten Male in meinem Bett aufrecht saß, und die Schwester mir das Haar aufgeflochten hatte, und die langen Strähnen über meine Schulter flossen, und ich sie durch die Finger gleiten ließ, entdeckte ich in der schwarzen Flut ein weißes Haar. Ich war zuerst erschrocken und nachher stimmte es mich wehmütig. Ich bin erst siebenundzwanzig Jahre alt und schon ein weißes Haar . . . Vielleicht bin ich mit fünfunddreißig eine Greisin. Wenn ich dann doch nur sterben könnte. Ich habe oft eine so unendliche Sterbesehnsucht im Herzen.

* * *

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