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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Tante Frieda kalfaktort nach wie vor in unserem Haushalt herum. Elisabeth war ihr von Anfang an zu jung für uns, und sie sagte ihr das schon am ersten Tage gerade vor den Kopf. »Ein junges, hübsches, alleinstehendes Mädchen sollte sich immer in den Schutz einer Familie begeben,« sagte sie in ihrer bissigen Weise. »Wissen Sie, Fräulein, daß das Haus eines unverheirateten Mannes ein heißer Boden für ein schutzloses Mädchen ist? Sehen Sie sich man vor, daß Sie nicht in Anfechtung kommen – – –«

Elisabeth war ganz erschrocken, aber ich beruhigte sie und sagte, sie sollte sich nichts dabei denken. Tante Frieda wäre ein bißchen verrückt. Nun scheint Tante 37 Frieda sich allmählich an Elisabeth gewöhnt zu haben, denn sie ist sehr nett zu ihr und ladet sie oft zu sich ein, wie Elisabeth überhaupt bei allen Leuten, die sie kennen, sehr beliebt ist, auch bei unseren Verwandten. Wir beide werden auch hin und wieder zum Kaffee eingeladen. Vorgestern waren wir bei Tante Wiebke, der Frau Senator Henning, da war großer Kaffeeklatsch, zweiundzwanzig Damen; Elisabeth ging Tante beim Servieren zur Hand, und ich hörte, wie die älteren Damen sie sehr wohlwollend kritisierten.

»Eine reizende Person, so bescheiden –« sagte Frau Senator Jens. »Und so tüchtig und gebildet,« sagte Frau Doktor Henning, Tante Wiebkes Schwägerin, »sie spricht fließend französisch und spielt allerliebst Klavier und alle Handarbeit kann sie.« – »Sogar schneidern,« setzte Tante Frieda hinzu, »Thymians Bluse aus lauter Einsätzen und Spitzen hat sie ganz allein genäht –« »Ach, nicht möglich.« »Ich habe sie auch schon im stillen bewundert und dachte, sie wäre aus Hamburg.« »Nein, solche Perle.« »Ja, da hat mein Bruder in den Glückstopf gegriffen, als er die kriegte,« raunte und murmelte es von allen Seiten, und dann wurde die Bluse besehen und bewundert, und Elisabeth bekam auch noch ein paar laute Lobpreisungen ab.

Die Damen hatten alle eine Handarbeit mitgebracht, und wenn eine Pause im Gespräch eintrat, häkelten und strickten und stichelten sie drauf los, als ob der Deibel dahinter wäre. Kuchen gab es en masse, ich zählte vierundzwanzig Körbe mit verschiedenem Backwerk und nach dem Kaffee gab es Schokolade mit Windbeuteln und Schlagsahne, und ich habe bei einer Dame vier Tassen Kaffee und fünf Tassen Schokolade und sechs Windbeutel gezählt, die sie vertilgte, dazu unzählbares anderes Gebäck, wenn die kein Magendrücken gekriegt hat, weiß ich es nicht. Geklatscht wird gar nicht, denn es hat vor 38 Jahren hier mal eine eklige Geschichte gegeben. Da hatten sie eine Frau, die angeblich ihren Mann hinterging, heruntergehobelt und nichts davon gewußt, daß eine, die dabei war, mit der betreffenden bekannt war. Die hat es der Beklatschten nachher wiedererzählt und diese hat alle Damen, die über sie gesprochen haben, beim Schiedsmann verklagt. Da hat es Heulen und Zähneklappern gegeben, und seitdem wird über niemand mehr geschimpft beim Kaffeeklatsch. Allerlei Tagesneuigkeiten wurden durchgehechelt. Vor allem die Geschichte vom alten Hinze. Das war ein alter Schuster von siebzig Jahren, der unten am Tiefschiff wohnt, und niemals einer Fliege etwas zuleide getan hat. Von seiner Stallmauer war ein kleines Stück abgebröckelt, und da sie eben dabei sind, ein neues Posthaus hinter seinem Garten zu bauen, und dort Tausende von Ziegelsteinen liegen, dachte er sich nichts dabei und holte sich ein paar zur Reparatur und dachte nicht daran, daß die Steine dem Fiskus gehören. Irgend ein Lumpenhund von Aufseher zeigte es an, und vorige Woche wurde der arme alte Mann wegen Diebstahl zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. Er wäre gewiß nicht zu sitzen gekommen, der Kaiser hätte ihn sicher begnadigt. Aber er wollte es nicht darauf ankommen lassen, und hing sich abends in seiner Werkstatt auf; als sie ihn andern Morgens fanden, war er schon tot. Es ist furchtbar traurig, daß so etwas passieren kann. Mich dünkt, es müsse noch ein besonderer Gesetzesparagraph gemacht werden, der doch einen Unterschied zwischen Nehmen und Stehlen setzt, denn das war doch nur genommen und nicht gestohlen. Sehr feinfühlig scheinen die Leute, die die Gesetze schreiben, nicht zu sein, sonst würden sie solchen Fall wie diesen in Betracht gezogen haben, und dann lebte der alte brave Schuster Hinze heute noch.

* * *

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