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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mai 1899.

Ich weiß nicht, was mit mir ist. Ich bin krank und doch nicht krank. Die ewige Unruhe in mir treibt stärker und stärker nach einer Betätigung.

Es ist seit einiger Zeit über mich gekommen, diese Lust zum Geldausgeben, zum Kaufen und Verschenken und ich weiß nicht, was daraus werden mag, wenn es so weiter geht. Es ist tatsächlich wie eine Krankheit.

Ich bin doch sonst nicht so gewesen. In dieser Hinsicht habe ich doch eine solide Ader von meiner guten Mutter geerbt. Ich habe immer Angst vor Schulden gehabt. Ich denke noch mit Schaudern an die Zeit in der Schellingstraße mit der Pension und was ich da ausgestanden hab' mit meinen Schulden, als ich nicht wußte, wo ich sie bezahlt kriegen soll. Borgen macht Sorgen. Nur nicht mehr und nichts anderes kaufen, als wofür und wozu man Geld hat, war stets mein Prinzip.

Aber seit einiger Zeit kann ich nicht anders als kaufen und immer kaufen. Und wenn ich mir's tausendmal verschwör': heut geb' ich kein Geld aus – sobald ich die Leipziger- oder die Friedrichstraße hinunter bummle, zieht's mich in die Läden und ich kaufe und kaufe, und es ist, als ob ich betrunken wäre vor lauter Kauflust, und kaufe oft Sachen en masse, die ich gar nicht gebrauchen kann. Meine Köchin und Stubenmädchen wissen wahrhaftig nicht mehr, wohin mit den Blusen und Jupons und Schürzen und Hüten, die ich ihnen kaufe und schenke. Und habe plötzlich solche Neigung für Nippes und Bronzen und seidene Teppiche, und kaufe und kaufe, und bezahle, soweit ich kann, und lasse mir das andere auf Borg 240 schicken. So kam es, daß ich diesen Monat am 8. mit meinem Geld fertig war bis auf drei Mark zweiundzwanzig Pfennig, und die Rechnungen stopf ich alle in eine Schreibtischschublade und habe nicht das Herz, sie durchzusehen, und es werden täglich mehr, weil ich nie ausgehe, ohne zu kaufen. Da hatte ich neulich zwölf Meißner Puppen gekauft für zusammen neunhundertundachtzig Mark und als sie geschickt wurden und ich die Rechnung sah, ergriff mich eine große Angst, daß der Graf sie sieht und mich zur Rede stellt, und in meiner Verzweiflung habe ich sie alle zerschlagen und die Rechnung in die Schublade gestopft. Desgleichen war mit einem kleinen, seidenen Teppich aus einer Kunsthandlung in der Wilhelmstraße von unvergleichlicher Farbenschönheit zu achthundert Mark, und ich wußte auch nicht, wo ihn verstecken und habe ihn dann aus lauter Angst zerschnitten, und dabei überraschte Julius mich und war ganz entsetzt über den Vandalismus.

»Um Gottes willen, Thymian, was machst du denn da?« Ich war halb gelähmt vor Schreck und murmelte: »Nur, um ihn aus der Welt zu schaffen. Wenn der Graf ihn sieht, krieg' ich geschimpft!« Er schüttelte den Kopf und sagte, ich sei hypernervös, und ich müsse eine Zeitlang in ein Sanatorium für Nervenkranke gehen. Aber da wurde ich wild und schrie, ich bin nicht verrückt und brauche nicht in ein Irrenhaus und er soll sich nur selbst ins Narrenhaus scheren – aber er blieb gelassen und kommt nach wie vor jeden Tag und einmal sah ich, wie er mit dem Graf zusammen tuschelte, und da wurde ich so wahnsinnig böse, daß ich am liebsten beide geprügelt hätte und die Tür hinter mir zuschlug und mich einriegelte. Am letzten Ende ist D . . . . noch mein treuester Freund und ich habe ihn mir auch eingeladen. Ich wollte ja selbst, daß ich diese Kaufkrankheit los wäre, aber in eine Nervenheilanstalt gehe ich nicht, ich 241 bin doch nicht verrückt, ich weiß genau, was ich will und was ich tue.

Ich möchte allen armen Leuten helfen, möchte alle Hungrigen sättigen, alle Nackten kleiden und bin unglücklich, daß ich es nicht kann und weine oft stundenlang deshalb. Wenn ich ein armes Kind auf der Straße sehe, nehme ich es mit und kaufe ihm Schuhe und Wäsche und Kleider und lasse die Rechnung zu mir schicken, und die Leute borgen mir alle, weil ich doch die große Wohnung am Kronprinzenufer als Rentiere bewohne und man mich teils in den Geschäften auch schon mit dem Grafen gesehen hat, der ja als Millionär bekannt ist. Wenn es mir nachts so einfällt, daß viele hundert arme Leute in Berlin nachts keine Stätte haben, wo sie ihr Haupt hinlegen können und kein Dach überm Kopf, geht eine Unruhe durch mich, daß ich nicht wieder zum Einschlafen komme und am liebsten alles, was ich besitze, verkaufen und den Armen geben und selber wieder auf die Straße gehen möchte.

Am elften Mai war ich zu einem Herrenabend bei O . . . s. Es war der letzte in diesem Jahr; Herr v. O. ist jetzt wieder in Paris. Sie spielten Pharao, und ich saß neben einem dicken italienischen Bankier, der kein Wort Deutsch sprach, mir aber in seiner Muttersprache fürchterlich die Kur schnitt. Er gewann stark, und ich raffte, da ich neben ihm saß, alles Geld und Banknoten in den Schoß, und fragte ihn nachher scherzhafterweise, ob ich für mein Glücksitzen nun auch Prozente bekäme. Da sagte er: »Certamente, Signora, è tutto per Ella e sono veramente felice di poter metterlo ai suoi piedi!«

Na, ich sah nicht ein, weshalb ich mich zieren sollte, den Gewinn anzunehmen und sagte nur: »Grazie, o Signore,« und steckte das Geld ein. Dabei sah ich Maria, die uns gegenüber saß, an und erschrak, denn ich hatte sie nie so gesehen, ganz grün sah sie aus und 242 hatte so böse Augen. Ich stand auf und ging hinaus und sie kam mir nach und zitterte vor Wut und sagte: »Ich bin außer mir, Thymian. Wie kannst du als vornehme Frau dich nur so weit wegwerfen und von einem wildfremden Mann so viel Geld annehmen?«

»Lieber viel als wenig,« sagte ich, »übrigens habe ich mich noch nie als »vornehme Frau« aufgespielt.«

»Dann solltest du auf uns und unsern Namen Rücksicht nehmen,« sagte sie und warf sich in die Brust. »Du bist doch nicht bei Krethis und Plethis, sondern bei Baron und Baronin O. zu Gast.«

Ich hatte das Geplänkel zuerst für Spaß genommen, aber ihre Hochmutsmiene ärgerte mich doch.

»Als Frau Osdorf kannst du ja für dich machen, was du willst,« sagte sie noch, »aber wir wissen, was wir unserem Namen schuldig sind –«

»Na, du,« sagte ich, »wenn ich das wollte und auf solchen Klimbim Wert legte, könnte ich mich Gräfin schimpfen, und könnte mir kein Mensch was darum anhaben, weil mein Mann ein waschechter Graf war. Aber ich bedanke mich. Ja, wenn ich auf meinem Rittergut säße und Pferd und Wagen hätte und zu Hofe ginge – dann allenfalls ja, so aber, wie die Verhältnisse liegen, würde ich mir geradezu als Hochstaplerin vorkommen. Und im übrigen, ob dein Mann den Herren nun im Spiel das Geld abnimmt, oder ich lasse es mir schenken, das kommt wohl auf eins aus. Brauchen können wir's alle beide, ich will dir aber 'nen Vorschlag machen. Wir teilen uns den Raub. Ganz schwesterlich, halb und halb. Ja oder nein?«

»Ja,« sagte sie kurz und wir teilten und hatten jede tausendzweiundachtzig Mark.

Es ist mir ganz so, als ob Maria es auf den Italiener abgesehen hat und auf mich eifersüchtig ist. Da hat sie lange Zeit. Mich zieht's in letzter Zeit überhaupt nicht 243 mehr zu den Männern. Ich möchte nur immer kaufen, den ganzen Tag kaufen und schenken und fröhliche Gesichter machen. Und immerlos kaufen.

* * *

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