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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich denke viel krauses, wunderliches Zeug zusammen, das ich zu niemand aussprechen kann, weil die Leute mich verrückt erklären würden. Ich meine immer, ich lebe nicht mehr lange, und die Schwindsucht steckt in mir, weil ich bei jeder Erkältung den schmerzhaften Husten und etwas Auswurf habe, und meine Mutter doch daran gestorben ist. Julius sagt freilich, es ist eine fixe Idee von mir, meine Lunge wäre gesund, und ich glaube nicht, daß er mich belügt. Aber ich werde den Gedanken nicht los.

Ich war im Vorsommer, als ich von Nizza zurückkam, wieder in Elster, und der Professor wunderte sich, daß die Kur keinen Erfolg gehabt hat. Aber ich möchte jetzt nicht einmal mehr ein Kind haben. Was sollte werden, wenn ich davon abstürbe?! Es würde untergehen, wie ich untergegangen bin, seitdem sie meine gute Mutter begraben haben.

Das heißt, immer habe ich nicht solche schwermütige Anwandlungen, nur zeitweilig, wenn ich darüber nachdenke, wie nutzlos eigentlich ein Leben wie das meine ist, und wie nicht die leiseste Spur hinter einem zurückbleibt, wenn man eines Tages davongeht. Vorm Sterben fürchte ich mich nicht, nur vor dem langsamen Abwelken und Dahinsiechen. Mein Freund würde mich ja nicht 230 verlassen, dazu ist er zu sehr Ehrenmann und Kavalier, doch mir selber wäre es fatal, nur so aus Gnade und Barmherzigkeit empfangen zu müssen.

Ich habe jetzt auch eine Freundin, wie ich mir lange wünschte. Als mein Graf mich von Elster abholte, fuhren wir ins Engadin und nachher zur großen Woche nach Baden und von da nach Berlin, und da der Graf dann noch eine Reise nach Norwegen machte, war ich im September allein und ging nachmittags viel in den Zoologischen zum Konzert. Da saß mir eines Tages eine junge Frau gegenüber, die auch allein war, und die mir durch ein gewisses je ne sais quoi auffiel. Jünger als ich, drei- oder vierundzwanzig, schön, mit tief über die Ohren gekämmtem Schwarzhaar, und mit feinstem Geschmack angezogen. Sie sah mich an, ich sie, und wir fühlten uns wohl beide voneinander angezogen. Nachher, als ich noch ein bißchen im Garten umherspazierte, traf ich sie am Bärenzwinger wieder und wir kamen in ein Gespräch und machten uns bekannt. Sie ist eine Frau Maria von O . . . und wohnt am Nollendorfplatz, und ihr Mann, der fünfundzwanzig Jahre älter ist als sie, ist viel auf Reisen, und da hat sie auch viel überflüssige Zeit, zumal sie jahrelang von Berlin fort war und deshalb wenig Bekannte hier hat. Wir unterhielten uns so gut, daß wir beschlossen, den Abend zusammen im Zoo zu essen, und es war sehr hübsch. Sie kennt auch Paris und Wien und war auch schon oft in Monte Carlo, und wir schlossen Freundschaft und verkehrten seitdem fast täglich zusammen, gehen oder fahren morgens im Tiergarten zusammen spazieren, sind häufig abends im Theater und besuchen uns oft gegenseitig. Sie ist ebenso schön eingerichtet wie ich, hat aber eine große Wohnung von acht Zimmern.

Ich will nicht behaupten, daß ich eine große Menschenkennerin bin, aber ich habe ein gewisses feines 231 Gefühl, das mich noch nicht irreführte, und dieser untrügliche Instinkt, der mich zu Maria hinführte, – wir nennen uns beim Vornamen und duzen uns –, sagt mir, daß ihre Vergangenheit auch nicht ganz kapitelfest ist, und daß irgend etwas bei ihr nicht stimmt. So habe ich es zum Beispiel noch nicht herausbringen können, was ihr Mann eigentlich ist, und was er treibt. Augenblicklich ist er in Monaco. Sie ist eine geborene Berlinerin, Tochter eines Postbeamten, führt immer nur Hunderte und Tausende und Geheimräte, Barone und Grafen im Munde, und dabei entschlüpfen ihr zuweilen Worte und Ausdrücke, die nur in den ganz niedrigen Volksschichten gebräuchlich sind.

Wenn wir uns unterhalten, sind wir beide voreinander auf der Hut und wissen es, und das muß in Zukunft noch anders werden. Ich mag sie gern leiden, aber die Maske vorm Gesicht ist mir lästig; wenn ich eine wirkliche Freundin haben soll, muß ich mich vor ihr nicht zu genieren brauchen, sonst ist die Geschichte langweilig.

Einmal war ich bei ihr zum Abendessen eingeladen und mit mir ein Postsekretär mit seiner Frau und deren Schwester, und es wurde ein exquisites Souper von einem ersten Berliner Traiteur serviert. Man sah es den Leuten an, daß sie die meisten Gerichte gar nicht kannten und sich zuzulangen genierten, weil sie sie nicht zu essen verstanden. Mir wurde zuerst serviert und sie sahen auf mich, wie ich es machte, und versuchten es mir nachzutun, worüber man sich eigentlich ja auch nicht zu wundern braucht, denn wieso sollte auch ein Postsekretär mit seiner Familie auf normalem Wege zur Kenntnis solcher Delikatessen kommen, wie Maria sie uns an dem Abende auftafelte. Sie stocherten in den Speisen, wie der Storch im Gurkensalat, und mit dem Hummer wußten sie gar nichts anzufangen und pokten drin herum und konnten das Fleisch nicht herausbringen, bis der Postmensch zuletzt aus Verzweiflung die Herrgottsgabeln zu Hilfe nahm. Also ihre tölpelhafte Manier zu essen wunderte mich nicht weiter, aber ihre Anwesenheit an sich gab mir zu denken. Die Damen duzten Maria, und das Mädchen, ein naseweises Ding in Marias Alter mit impertinent blondem Haar und etwas proletarierhaftem Wesen, betrug sich nach meiner Ansicht geradezu ungezogen gegen Maria, fiel ihr fortwährend ins Wort, machte patzige Bemerkungen, hohnlächelte konsequent und gab sich mit einem Wort sehr unliebenswürdig. Im Lauf der Unterhaltung erfuhr ich, daß Maria und sie Schulkameradinnen waren. Das ist auch sonderbar, wo bei Maria die Menschheit doch erst beim Geheimrat anfängt und man annehmen muß, daß ihr Vater mindestens geheimer Postrat war. Ich freilich denke mein Teil; mich macht keiner so leicht dumm. Nächste Woche kommt Herr v. O. nach Hause; ich bin sehr gespannt. Maria sagt, daß sie dann oft Gesellschaft geben, da ihr Mann einen großen Kreis von Herrenbekannten aus seiner Junggesellenzeit hat. Mich geht das alles ja auch nichts an, aber ich mag nicht gern soviel Heimlichtuerei. Daß Maria vor ihrer Verheiratung auch kein Unschuldsschwan war, darauf möchte ich sieben heilige Eide schwören.

* * *

Januar.

Der Zufall spielt doch eine große Rolle im Leben. Zweimal hat er mir in den letzten Monaten ein niedliches Intermezzo herbeigeführt. Vor einiger Zeit war ich abends im Berliner Theater. Wie ich in der Pause aus der Loge heraustrat, verwurstelt sich meine Lorgnonkette im Schlüssel, und ich kann nicht fort, bis ein Herr hinzutrat und mir half, und dieser Herr war kein anderer als D . . . ., den ich in zwei Jahren nicht mehr gesehen 233 habe. Ich wurde dunkelrot, denn ich genierte mich wirklich ein bißchen vor ihm, wo ich ihn damals doch so schnöde sitzen ließ, aber er war sichtlich erfreut, mich wiederzusehen und schüttelte mir die Hand, und versicherte mir ein über das andere Mal, daß ihm nichts Angenehmeres als dies überraschende Wiederfinden passieren konnte, und nahm ungeniert meinen Arm und wir promenierten auf und ab, und ich mußte ihm erzählen, wie es mir in den zwei Jahren ergangen ist. Er hatte sich im vorigen Jahre verlobt, aber die Verlobung ist wieder in Stücke gegangen.

»Nicht wahr, gnädige Frau, wir soupieren mal wieder zusammen?« fragte er. Ich sagte ihm, daß dies nicht angeht und fragte ihn, ob er mir denn nicht böse sei wegen des schlichten Abschiedes, den er damals von mir erhalten hatte. Er verneinte aber.

»Ich konnte es Ihnen nicht verdenken. Es liegt in der Natur der Dinge, daß jedermann sich das Leben so zuschneidet, wie es ihm am besten auf den Leib paßt,« sagte er. »Aber bedauert – aufrichtig bedauert habe ich damals, daß ich nicht als Millionär auf die Welt gekommen bin, und Ihrem alten Mäcen den Rang ablaufen konnte.« Ich schwieg, und das Blut stieg mir zu Kopfe. Es gibt immer noch Momente in meinem Leben, wo ich es furchtbar empfinde, wenn jemand mich so ausschließlich nach Geldeswert abschätzt und es stillschweigend voraussetzt, daß keine edleren und feineren Seelenregungen in mir sind, die sich gegen den Handel aufbäumen. D . . . . wollte mich sicher nicht beleidigen, wie kann man überhaupt »so eine« beleidigen!! – außerdem ist er kein roher, sondern ein sympathischer, gebildeter Mann, aber in dem Augenblick haßte ich ihn wegen dieser Äußerung und mußte mir Gewalt antun, ihm das nicht zu zeigen. Ich hätte mich ja nur lächerlich gemacht.

Er drang in mich, ihm meine Adresse zu nennen, 234 und da er sie aus dem Adreßbuch ja doch erfahren hätte, sagte ich sie ihm, bat ihn aber, mich nicht zu besuchen, was er mir versprach. Aber da ich allein im Theater war, bestand er darauf, daß wir nachher zusammen essen, ich wollte durchaus nicht, aber um Ruhe zu haben, willigte ich endlich doch ein, und dann sind wir zusammen zu Höhne und haben im chambre séparée soupiert, und es tat mir nachher nicht leid, es waren ein paar vergnügte Stunden. D . . . behauptet, ich sei noch hübscher und noch schlanker geworden, aber ich sähe ein klein wenig leidend aus.

»Ihr Gesicht kommt mir direkt verändert vor – ich möchte sagen, viel durchgeistigter als früher,« sagte er. »Was 'n Wunder! Wo ich jetzt ganz platonisch lebe,« sagte ich.

»Na, darauf Prost,« sagte er. »Es lebe die platonische Liebe! –« Um ein Uhr brachte er mich nach Hause.

Also nun zu meiner Freundin Maria. Ihr Mann, der Herr v. O., kam Anfang Dezember nach Hause, ich hätte bald was an mich gekriegt, als ich den Kerl zum erstenmal sah. Mit dem armen, seligen Casimir war gewiß kein Staat zu machen, aber mit dem Herrn »Baron«, wie v. O. sich schimpfen läßt, konnte er den Vergleich noch aushalten. Seine siebzig Jährchen hat O. sicher schon auf dem Buckel, ein ganz vertrockneter, ausgemergelter Lebegreis mit einer Platte wie eine halbierte Billardkugel, hinten ein paar dünne Fransen von Haar, und ebensolch ein weißes, dürftiges Ziegenbärtchen. Maria war etwas verlegen und sah sich veranlaßt, mir heimlich zuzuraunen, daß ihr Gatte zwar nicht jung und hübsch sei, es aber in sich habe, nämlich ein gutes Herz.

Das glaube ich ihr aufs Wort, und ich glaube, sie hätte diesem Herzen noch ein Prädikat mehr geben dürfen. Es ist zweifelsohne nicht nur gut, sondern auch weit.

Nach allem, was ich bis jetzt in diesem Hause 235 beobachtet habe und soweit ich es beurteilen kann, ist Herr v. O. wohl gerade kein gewöhnlicher Hochstapler, aber das, was gleich dahinter kommt. Und jetzt weiß ich auch, wozu sie die große Wohnung gebrauchen. Sie haben jeden Donnerstag einen Herrenabend, wo dann feste gejeut wird und Herr v. O. meist immer die Bank hält. An den Donnerstagabenden, wo ich da war, fanden sich an dreißig Herren ein, und sie haben ein kleines Roulette aufgelegt und einige haben Poker und Pharao gespielt, wobei das Zuschauen ganz unterhaltsam ist. Beim Roulette habe ich auch mal mein Glück versucht und zweihundert Mark gewonnen, was mir viel Spaß machte. Es sind lauter Herren aus den ersten Kreisen, viele Offiziere, und jeder hat ein bestimmtes Kennwort, das er demjenigen, der in diesen Kreis eingeführt wird, mitteilt, und das dieser dann dem Hausherrn unauffällig bei der Begrüßung ausspricht, worauf Herr v. O. genau weiß, wer für den Ankömmling garantiert.

Sehr interessant ist mir die Beobachtung gewesen, wie die Leidenschaft des Spiels gegen alles andere abstumpft. Meine Anziehungskraft bewährt sich immer nur vor Beginn der Partie, sobald das Spiel anfängt, haben sie für nichts anderes mehr Augen und Ohren als für die roten und schwarzen Kugeln oder die Karten; es ist dann, als ob ihre Sinne förmlich erstarrt sind in der Gier nach dem Gold, das sie mühelos zu erringen hoffen. Dabei sind es offenbar durchweg alles Leute, die genug von dem runden Zeug haben. Merkwürdig. Ich verstehe nicht, welchen Reiz diese reinen Glückszufallspiele für denkende Menschen haben können. Da hat doch noch ein solider Skat oder ein einfaches Sechsundsechzig, mit 'n Trommler und Pfeifer, wie sie es in meiner Kinderzeit zu Hause spielten, mehr in sich. Man spielt doch dabei, während bei diesen lediglich der Zufall entscheidet.

Wie ich Maria vor einigen Wochen besuchte, fand 236 ich sie sehr erregt und merkwürdig entstellt. Ihr Gesicht war voll roter Flecke, als ob sie Scharlach hätte, und ihre Augen sahen verweint aus. Ich dachte, sie hätte sich mit ihrem Mann verzankt, obgleich er immer sehr liebevoll zu ihr ist; auf meine diskrete Nachfrage erfuhr ich, daß sie sich über ihre Freundin, Fräulein Wiegand, die Schwägerin des Postsekretärs, geärgert habe.

»Eine solch ausverschämte Person,« sagte sie, »man tut alles mögliche für sie, und anstatt zu danken, ist sie frech. Das kommt davon, wenn man sich mit solchen Leuten einläßt.«

»Ja freilich,« sagte ich und mußte innerlich lachen über die sprachlichen Schnitzer der gnädigen Frau, »ich war überhaupt erstaunt, daß du dir die Unarten des Mädchens so bieten läßt. Was hat es denn gegeben –?«

»Ach, Dummheiten. Aber man fuchst sich doch darüber,« sagte Maria, »wir sind als Kinder miteinander zur Schule gegangen und haben in demselben Hause gewohnt und zusammen gespielt, und da kann ich nicht so sein und sie hochmütig abweisen, wenn sie sich an mich herandrängen.«

»Was war denn ihr Vater?« erkundigte ich mich.

»Barbiergehilfe. Ganz arme Leute.« –

»Ach, da wohnten sie wohl bei euch im Hinterhause – –«

»Natürlich,« sagte Maria und wurde dunkelrot, weil sie sich doch verplaudert hatte.

Ich dachte schon längst nicht mehr an das kleine Intermezzo. Aber wie ich gestern mir bei H . . . in der Leipzigerstraße ein Pfund Pralinés kaufe, redet mich plötzlich eine Verkäuferin mit Namen an, und wie ich aufsehe, erkenne ich Marias ehemalige Schulfreundin, das 237 impertinent blonde Fräulein Wiegand. Sie ist auch ganz rot und sagt:

»Na, gnädige Frau, die Frau »Baronin« hat mich wohl tüchtig schlecht gemacht zu Ihnen, weil ich ihr mal ordentlich die Wahrheit geigte . . .« Ich wußte natürlich von nichts und nun legte sie los, und das Mundwerk ging wie eine Kaffeemühle, und ich kriegte Marias ganze Lebensgeschichte zu hören. Ganz wie ich mir gedacht. Ihr Vater war Briefträger und sie wohnten im Hinterhaus zwei Treppen, wo Fräulein Wiegands Eltern im Parterre wohnten. Maria war die jüngste von fünf Kindern und ihrer Schönheit wegen der Abgott ihrer Eltern. Nach ihrer Konfirmation kam sie als Lehrmädchen in ein Konfektionsgeschäft und zwei Jahre später brannte sie mit dem Prokuristen durch nach Paris; und die Eltern sollen aus Gram über sie gestorben sein. Das ist natürlich alles Kladderadatsch, wie überhaupt Fräulein Wiegands Rede so durchsetzt war von Neid, Bosheit, Schadenfreude und anderen Gemeinheiten, daß einem ordentlich schlimm wurde von soviel Klapperschlangengift in einem Behältnis. Dabei war es schlechterdings unmöglich, ihr in die Rede zu fallen, zuletzt bekam ich noch zu hören, daß an dem Baron nichts echt sei als sein Titel, sonst sei alles Schwindel und von der ganzen großartigen Einrichtung gehöre ihnen nicht ein Staubtuch, sei alles Markiewicz und ich werde noch mal erleben, wie die Geschichte da auseinanderberste . . . Maria habe auch schon ein Jahr mit dem Baron zusammengewohnt, ehe sie geheiratet hätten usw. . . ., bis ich endlich die Geschichte satt hatte und – da ich nicht zu Worte kam – ihr einfach den Rücken zudrehte und fortging. Ich hatte nichts anderes erfahren, als was ich mir längst gedacht hatte und es überraschte mich daher nicht im geringsten; ich ärgerte mich nur über die Niederträchtigkeit des Mädchens. Ich bin nämlich überzeugt, daß sie es kein Haar 238 anders als Maria gemacht hätte, wenn es ihr so geboten wäre.

Als ich das nächste Mal mit Maria zusammenkam und sie wieder anfing zu renommieren, nahm ich ihre Hand und sagte: »Maria, wir wollen einander doch nichts mehr vorflunkern. Daß mein Vater Apotheker war und der deine Briefträger, das macht keinen Unterschied zwischen uns beiden. Aber wir sind beide in des Lebens Niederungen gewandert, und wenn man bei allem Dreck und Staub, der dort um einen herumwirbelte, sich die Augen klar erhält, bekommt man den weiten Blick, der über die Enge der Dinge hinaus und ihrem Ursprung nachgeht, und man überschaut vieles, was denen in ihrem warmen, geschützten Herdwinkel ewig verborgen bleibt. Es ist leicht sprechen: Ich trotze jeder Versuchung, wenn man die Versuchung nie kennen lernte, wenn Familie und Heimat und Gesellschaft und geordnete Verhältnisse ihre Schutz- und Trutzpalisaden um uns aufpflanzen, durch die hindurch und über die hinweg kein versuchender Teufel zu uns dringen kann, – aber wir, die wir diese Schutzmauern nicht um uns herum hatten, die wir uns den Sturm um die Ohren sausen lassen mußten, weil der Tod oder das Schicksal eine Bresche in die Mauer rissen, wir wissen genau, daß nur der, der ohne Sünde ist, Steine nach einem Sünder werfen soll. Und wir sind allzumal Sünder – – –«

Maria weinte und sagte, sie hätte es sich wohl gedacht, daß die falsche Schlange, die Klara Wiegand, sie bloßstellen würde, – diese Sau, die selber – Na, ich unterbrach sie und sagte ihr, daß sie in meinen Augen nichts durch Klara Wiegands Mitteilung eingebüßt habe, im Gegenteil, ich hätte das Gefühl, als sei erst jetzt eine trennende Wand zwischen uns gefallen. Und um den Anfang zu machen, sagte ich von mir die Hauptsachen, und da taute sie auf und gestand mir, daß sie sich ja 239 auch lange nach einer Aussprache gesehnt habe und immer im Begriff gestanden hätte, mir alles zu sagen. Was ich ihr übrigens nicht so aufs Wort glaube.

* * *

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