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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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29. Januar 98.

Gestern bin ich von einer achttägigen Reise von Dresden zurück; mein Versorger hatte mir in einer Anwandlung von Großmut gestattet, die Zeit, in der er auf seinem Gut verweilte – auch genau acht Tage – bei meiner Freundin in Dresden zuzubringen.

Ich kannte Emmys pekuniäre Verhältnisse nicht, aber da sie doch sehr hübsch ist und immer hochelegante Toilette macht, glaubte ich, daß es ihr sehr gut geht. Aber 218 das scheint doch nicht der Fall zu sein, sie scheint eben ihr Vermögen in Gestalt der Toilette auf dem Leib zu tragen und mindestens drei Viertel von ihren Brillanten sind unecht; sie sagte mir, daß sie Pech mit ihren Schätzen hat, sie schnappen ihr immer zu rasch ab. Darüber kann ich mich nicht beklagen; die Männer hängen mir an wie die Kletten. Alle kann ich sie haben, nur den einen, den ich haben möchte, krieg' ich nicht, der will mich nicht.

Also Emmy bewohnt bei einer Wäscherin ein kleinbürgerlich einfaches Zimmer, dessen Hauptschmuck ein überlebensgroßes Öldruckporträt von Lassalle ist. Nämlich der Mann der Wäscherin ist ein großer Sozialdemokrat, der immer hochtönige Reden im Maul führt, sich als »Mann der Arbeit« aufspielt, in Versammlungen große Vorträge mit schwulstigen Redensarten vom Stapel läßt, und in Wirklichkeit ein fauler Tagedieb ist, der sich seit Jahren von dem armen Weib füttern und unterhalten läßt. Was ich darüber erfuhr, war mir sehr interessant. In Dresden sind nämlich ganz andere Verhältnisse als bei uns. Und die Sittenpolizei arbeitet da in einer mittelalterlichen Weise, die einen normalen, unter den Segnungen preußischer Kultur erwachsenen Menschen seltsam anmutet. Zum Beispiel hält die Behörde es für ihre heilige Pflicht, alle Konkubinate zu vereiteln und Tag und Nacht auf dem Posten zu sein, um die Schächer in flagranti zu ertappen.

Diese Wäscherin ist eine arme, anständige Frau, die sich ihr Leben lang rechtschaffen geplagt hat, und der ihre saure Arbeit niemals Zeit ließ, auf Abwege zu geraten. Vor sieben Jahren lernte sie diesen Kerl kennen und nahm ihn zu sich und lebte mit ihm, weil seine »Grundsätze« gegen das Heiraten waren, und er sich nicht zu dem Gang aufs Standesamt verstehen wollte. Aber die Polizei mischte sich natürlich wieder hinein und tat alle 219 naselang Haussuchung, und erwischte ihn mehreremal in der Wohnung, und das arme Weib wurde jedesmal zu einigen Tagen Gefängnis verurteilt. Sechsmal erfolgt die Bestrafung und beim siebentenmal wird die Betreffende ausgewiesen. Einmal hat Emmy da ein kritisches Intermezzo miterlebt. Da dringt die Polizei nachts – aber ausgerechnet mitternachts, in die Wohnung, und die Frau klopft bei Emmy an und bittet sie um Himmelswillen, doch den Mann bei sich im Zimmer zu verstecken und Emmy fühlt denn auch ein menschliches Rühren und läßt ihn ein und er versteckt sich zwischen der Verbindungstür und dem Kleiderschrank, und sie legt sich wieder ins Bett; gleich darauf dringt die Polizei, drei Mann stark, in die Wohnung, untersucht alle Räume und fordert dann Emmy auf, zu öffnen. Sie will erst nicht, aber im »Namen des Gesetzes« muß sie sich natürlich schließlich doch bequemen. Und da kommen sie herein und durchsuchen jeden Winkel, und Emmy sagt, sie hätte sich nicht das Lachen verbeißen können, als einer der Schutzleute sich auf die Erde legt und unter die kaum handbreite Lücke unterm Kleiderschrank guckt, wo der Mann, der darunter Platz gefunden hätte, platt wie ein Pfannkuchen hätte sein müssen und nicht zwei Zentner schwer, wie in Wirklichkeit, und dem Schutzmann ist dabei sein Raupenhelm auf den Fußboden gerutscht, was wirklich sehr komisch ausgesehen haben muß. Aber der Mann, der da in fürchterlicher Enge hinten eingekeilt stand, muß unwillkürlich eine Bewegung gemacht haben, genug, die Tür hinter ihm, die nicht richtig eingeklinkt war, geht knarrend zurück und da hatten sie ihn, und die Frau wäre nun unfehlbar ausgewiesen, wenn sie nicht rasch geheiratet hätten. Die Hochzeit soll großartig gewesen sein, zwölf kleine Mädchen in blutroten Kleidern, rote Nelken streuend voran, und so aufs Standesamt. Viel ergattert hat die arme Frau nicht mit der Heirat; sie 220 muß, wie gesagt, den »Mann der Arbeit« vollständig ernähren, er liegt den lieben, langen Tag auf der Bärenhaut und schwingt abends in den Wirtschaften »schweißtriefende« Reden. Ich bin dem Herzen nach auch gewiß Demokratin, aber in gewisser Hinsicht ist es lehrreich, einmal zu sehen, welche Elemente sich unter den größten Schreiern und Hervortuern der Partei befinden. Ein Kerl, der niemals Schwielen in den Händen gehabt hat und der sich von einem Weib ernähren läßt, will sich als Anwalt der »Sklaven«, der »Unterdrückten und Enterbten« aufspielen. Das ist ja die reine Ironie.

Emmy will im nächsten Herbst ihren Oberkellner heiraten, und sie wollen sich dann eine Wirtschaft oder ein Kaffeehaus einrichten; sie ist sehr glücklich in der Hoffnung, und ich glaube auch gewiß, daß sie sich hält. Wenn ich zur rechten Zeit einen ordentlichen Mann gefunden hätte, an dem ich eine Stütze gehabt hätte, wäre ich auch zufrieden gewesen und würde mich für eine Rückkehr in die früheren unsicheren Verhältnisse bedankt haben.

Ich habe für alle die Mädchen Sympathien, die durch eine Verkettung unglücklicher Verhältnisse in dieses Leben kamen. Emmy ist auch aus anständiger Familie, die Tochter eines Feldwebels, der aus dem Feldzug 1870/71 dauerndes Siechtum heimbrachte und 1879 starb. Sie war die Älteste von sechs Geschwistern und eben eingesegnet, als die Mutter starb. Die kleinen Geschwister kamen ins Waisenhaus, Emmy zu einer alten Großmutter, die sie sehr streng hielt, um sie vor dem Schicksal ihrer Tante, der Mutter Schwester, die auch zu den »Verlorenen« gehörte, zu bewahren. Diese Tante war zurzeit von einem bayerischen Prinzen aus dem Buff geholt und mit nach München genommen worden, wo sie zu 221 dem Range einer hoheitlichen Maitresse avancierte. Also Emmy hatte es sehr streng bei der Alten, aber sie fand doch dann und wann Gelegenheit, durchzubrennen. Eine etwas ältere Nachbarstochter, die damals schon mit allen Hunden gehetzt war, weihte sie in alle Kniffe ein und nahm sie öfters mit auf den Bummel, und da Emmy schon damals ein auffallend hübsches Mädchen war, fand sie Nachläufer und Freier genug. Später kam sie in ein Hotel, um kochen zu lernen, und dort bändelte der Chef mit ihr an und überredete sie dazu, sich ein Zimmer zu mieten, damit er sie oft besuchen könnte. Und von da ab ging's denn tripp, tripp, bergab . . .

Ja, ja . . . ja, ja . . . So ist das Leben!

Ich amüsierte mich recht gut die Woche. Es war mir eine Wohltat, mal wieder mit jemanden zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Wir waren eines Abends mit einem Bekannten von Emmy, einem Hotelier, und noch einem Herrn, einem sehr schneidigen Amerikaner, im Englischen Garten, und der letztere, Mister Staack, machte mir auf Leben und Tod den Hof; als er beim Nachhauseweg aber zudringlich wurde, wies ich ihn energisch ab. Nicht weil ich etwas gegen ihn hatte, sondern weil's mir meinem gräflichen Freund und Beschützer gegenüber wie eine Schlechtigkeit vorgekommen wäre. Er hatte mir diese Reise erlaubt, weil er meinem Versprechen, ihm treu zu bleiben, vertraute, und ein Versprechen habe ich noch nie gebrochen und ein Vertrauen noch nie getäuscht.

* * *

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