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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wie wir Montag abend beim Sacher soupieren, saßen uns gegenüber ein Herr und eine Dame in Weiß. Die Dame wandte uns den Rücken, aber von hinten kam sie mir mit ihrem französisch rot gefärbten Haar und in ihrer Haltung bekannt vor. Der Graf machte mich auf ihre seltsame Art, Obst zu essen, aufmerksam. Ich sah hin – na ja, den Rummel kennt man ja; es wird überall mit Wasser gekocht in der Welt. Sie ließ sich die 212 kostbarsten Früchte kommen, faustgroße Pfirsiche, köstliche Riesenerdbeeren, Trauben usw., wovon das Stück 2 bis 4 Gulden kostet, biß hinein und warf sie hin, und nahm andere, und der Kavalier muß nachher selbstredend alles zahlen. Das sind so kleine Nebensporteln, wenn man sich mit dem Oberkellner gut steht und man zehn Prozent oder je nachdem von der Zechrechnung abkriegt.

Als sie sich einmal umwandte, erkannte ich sie, nämlich die schöne Emmy, eine Busenfreundin von den Ponys, die 94 in Berlin viel gefragt wurde, dann aber Heimweh nach ihrem geliebten »Dräsden«, was ihre Geburtsstadt ist, bekam, und dahin zurückkehrte. Sie erkannte mich sofort – – und ich glaube, der Wunsch mit mir zu sprechen, war ebenso brennend in ihr, wie in mir, aber wir durften uns mit Rücksicht auf unsere Kavaliere nicht erkennen und begrüßen. Da erhob ich mich und ging in die Toilette, und sie folgte mir gleich, und wie wir uns sahen, umarmten und küßten wir einander und freuten uns beide über das Wiedersehen. Sie erzählte mir rasch, daß der Zahlkellner beim Sacher ihr Schatz ist, und sie ist mit einem Herrn nach Wien, um ihn zu besuchen, er war vordem Oberkellner im Linkschen Bad in Dresden, und nächste Woche fährt sie mit dem Herrn wieder heim. Sie fragte mich, ob ich schon von den Ponys gehört hätte, – natürlich nicht – und erzählte mir rasch, daß Molly sich vor sechs Wochen mit Phosphor vergiftet hat, sie war zur Beerdigung hin, und da wir nicht so lange ausbleiben konnten, verabredeten wir uns für den nächsten Tag früh in einem Café an der Votivkirche. Da bekam ich den ganzen Roman der Ponys zu hören. Sie hatten sich doch ein Tapisseriegeschäft in dem kleinen Thüringer Nest eingerichtet und es ging ihnen sehr gut, und sie waren anfangs sehr geachtet, aber wie das so geht, einmal fingen sie doch wieder ein bißchen an zu techtelmechteln, und da war 213 das Geschwätz gleich im Gange, und kein Mensch kaufte mehr von ihnen, und sie mußten das Geschäft aufgeben. Nachher wars ihnen dann auch einerlei, da an ihrem Ruf doch nichts mehr zu verderben war. Im vorigen Herbst heiratete Dolly einen Landwirt, der auch Lohnfuhrwerk hält, und Molly blieb allein im Häuschen, das sie sich gekauft hatten. Da passierte ihr das Unglück, sich in einen jungen Arzt, der sie in der Influenza behandelte, zu verlieben, aber so Hals über Kopf zu verlieben, daß sie gar nicht mehr ohne ihn leben konnte. Der Doktor war aber heimlich verlobt mit einer Honoratiorentochter, und die Eltern der Braut haben ja wohl auf ihn eingewirkt, daß er die Behandlung der anrüchigen Patientin aufgab und sie an einen Kollegen verwies, und das hat das arme Ding sich so zu Herzen genommen, daß sie sich vor sechs Wochen mit Phosphor vergiftete. Sie fanden sie morgens in Krämpfen auf dem Fußboden, und in ein paar Stunden war sie tot. Na, ihr ist wohl, aber es ist doch sehr traurig, und Emmy stürzten die Tränen aus den Augen, wie sie es mir erzählte. Sie war eigens zum Begräbnis hingefahren und sie sagte, daß ich Dolly sicher nicht wiedererkennen würde, so dick und schlampig soll sie in einem Jahre geworden sein. Ich mußte Emmy versprechen, sie diesen Winter in Dresden zu besuchen, und sie will auch mal zu mir nach Berlin kommen. Sie ist riesig schick; in dem weißen, gestickten Tuchkleid mit dem großen weißen Federhut sah sie aus wie eine Prinzessin.

* * *

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