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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Silvester . . .

Eben ist D. fort. Er hatte noch eine Einladung in einer Familie, wo er sich anstandshalber wenigstens sehen lassen muß. Ich kann aber noch nicht schlafen, und habe deshalb mein Buch hervorgesucht, um nach langer Zeit wieder mal etwas zu schreiben. Die letzte Eintragung war im April, seitdem ist vieles anders geworden. Anfang Mai blieb Casimir eines Nachts wieder aus, worüber ich mich etwas beunruhigte, da er in den letzten Monaten, seitdem er krank ist, doch ziemlich solide geworden war. Allerdings hatte ich mich gewundert, daß er oft Geld hatte, von dem ich nichts wußte, woher es stammt, ein paarmal sogar Goldstücke, aber in den Kreisen, in denen er verkehrt, geht es ja so, und das Geld klebt den Leuten nicht an den Fingern, wenn sie es haben, und es war nicht ausgeschlossen, daß ihm mal gelegentlich jemand aus Mitleid oder für eine Gefälligkeit zehn Mark schenkte. Also machte ich mir darüber keine Gedanken.

Aber die Nacht war's mir nicht wohl bei seinem Ausbleiben, und am nächsten Morgen denk' ich, mich rührt der Schlag, als mir ein Schutzmann in die Wohnung kommt, und mir sagt, daß Casimir am Abend vorher verhaftet ist, weil sie ihn bei einer unerhörten Schweinerei ertappt haben. So war nichts zu machen, und die Sache ging ihren Gang. Die Zuhälter brachten zweitausend Mark zusammen als Kaution, aber das Gericht ging nicht darauf ein, und sechs Wochen später war die Verhandlung in Moabit, zu der ich auch als Zeugin geladen war. Ich verweigerte aber meine Aussage, und im übrigen war er überwiesen, daß er sich Männern angeboten hatte und noch anderem und wurde zu sechs Wochen Gefängnis 189 verurteilt, und das soll ein unverhältnismäßig sehr gelindes Urteil gewesen und nur gefällt sein, weil sein Verteidiger nachgewiesen hat, daß er ein geistig minderwertiger Mensch war.

Am Tage darauf stand es in allen Zeitungen. Unter der Spitzmarke: »Von Stufe zu Stufe« oder »Ein verfehltes Leben« ungefähr so: »Unter dem Ausschluß der Öffentlichkeit wurde gestern vor der Strafkammer des Landgerichts I gegen den Grafen Casimir Edmund Maria Osdorff wegen Sittlichkeitsvergehungen verhandelt. Der Angeklagte ist der vierte Sohn des verstorbenen ehemaligen Reichstagsabgeordneten Graf Knut Osdorff; er besuchte ein auswärtiges Gymnasium und ist später, nachdem er es hier mit den verschiedensten standesgemäßen Berufen erfolglos versucht hatte, nach Amerika gegangen. Auf Veranlassen seiner früheren Geliebten, einer in der Berliner Lebewelt wegen ihrer Schönheit und Anmut sehr bekannten und begehrten »Dame« – kam er wieder nach Deutschland zurück, lebte eine Zeitlang mit ihr in freier Gemeinschaft und heiratete sie dann. Die junge Frau, die es klugerweise verschmähte, den Titel ihres Mannes zu führen, und sich bescheiden Frau Osdorf nennt, scheint sich dann nicht mehr viel um ihren angetrauten Gatten bekümmert zu haben, denn der geistes- und willensschwache Mensch, der längst jeden moralischen Halt verloren hatte, geriet nun gänzlich auf lasterhafte Wege. Der gestrige Termin endete mit der Verurteilung des Angeklagten zu einer Gesamtstrafe von drei Monaten Gefängnis, wobei ihm die Untersuchungshaft in Abrechnung gebracht wurde.« – –

Also gegen die Verurteilung war nicht anzukommen, und der Anwalt riet von einer Berufung ab. Ich hätte Casimir nun gerne frei gehabt, um ihm die Möglichkeit, nach Z . . . . zu kommen, zu verschaffen. Denn daß er es in einem regelrechten Gefängnis nicht aushielt, 190 wußte ich gleich. Das Gericht lehnte aber unseren Antrag auf vorläufige Haftentlassung wegen Fluchtverdacht ab. Wohin der arme Teufel hätte flüchten sollen, ist mir ein Rätsel.

Ich habe früher oft heimlich gewünscht, daß Casimir sterben möchte, weil ich ein gar so großes Kreuz mit ihm hatte, aber trotzdem tat er mir furchtbar leid, und als ich ihn im Gefängnis besuchte, und er mir so abgemagert und elend gegenübertrat, schwand aller Groll, und ich fühlte nichts als Mitleid mit ihm. Er sah schrecklich aus und klagte, daß er Hunger litte, da er das Essen nicht vertragen könne, es sei geradezu miserabel, den blauen Heinrich breche er regelmäßig wieder aus. Ich bat den Direktor, ihn doch ins Lazarett zu schicken, da er doch krank ist, aber es half nichts. Etwa acht Tage nach Casimirs Verurteilung meldete das Mädchen eines Morgens einen alten Herrn. Die Friseuse war gerade da und er mußte ein bißchen warten, und ich zog in einer instinktiven Ahnung rasch den weißen Morgenrock an, der mir so ausgezeichnet steht.

Als ich eintrat, sah ich gleich, daß es ein vornehmer Herr war. Ich sah auch, daß er stutzte, als er mich erblickte. Dann stellte er sich vor: Graf Y., Casimirs ehemaliger Vormund. Ich kalkuliere, daß er gekommen war, mir recht von oben herab seine hochadlige Meinung zu sagen, aber ich spielte mein liebenswürdigstes Gesicht aus, und das hat noch nie seine Wirkung versagt. Auch dann nicht. Er sagte: Die Familie Osdorff hätte keine Ahnung gehabt, daß Casimir wieder in Deutschland ist. Sie hätten ihn für tot gehalten und durch das deutsche Konsulat drüben schon Nachforschungen anstellen lassen. Nun hätten sie zu ihrer Bestürzung durch die Zeitung von der Gerichtsverhandlung erfahren, Casimirs Mutter sei vor einem halben Jahr gestorben, aber die Geschwister leben noch alle, es sei ihnen allen natürlich unendlich 191 fatal, und sie würden dafür sorgen, daß er nach Verbüßung seiner Strafe in eine Nervenheilanstalt komme, und vielleicht sei ich mit einer gerichtlichen Trennung einverstanden. Ich antwortete: »Verehrter Herr Graf! Auf die Wünsche der Familie Osdorff nehme ich nicht die allermindeste Rücksicht. Als die Familie Casimir nach Amerika schickte, hat sie nicht danach gefragt, was aus ihm wird, obgleich sie genau wissen mußte, daß er sich drüben ebensowenig wie hier ernähren kann und elend umkommen wird. Ich bin diejenige, die sich über ihn erbarmte. Ich habe ihm das Geld zur Reise geschickt, ich habe während der verflossenen Jahre für seine Kleidung, Wohnung und Obdach gesorgt, und wollte uns durch die Heirat wieder eine bürgerlich geachtete Existenz verschaffen. Das habe ich alles aus reiner Anhänglichkeit und weil uns die Erinnerung an unsere gemeinsamen Schuljahre verbindet, für Casimir getan, und habe nichts dafür gehabt als Last und Undank. Habe ich's aber so lange durchgemacht und getragen, so trage ich's auch noch zu Ende und danke für die Unterstützung der Familie. Casimir ist mein Mann, und ich sorge für ihn und damit basta.« So sprach ich, und der Graf nickte und sagte, daß die Familie ja gewiß alles, was ich für Casimir getan habe, anerkenne, aber es sei doch auch für mich schrecklich, an solchen Menschen gebunden zu sein.

»Ich habe mir das so gewählt und will es so,« sagte ich, »ich gebe meinen Mann trotz allem nicht heraus.« Der Graf strich mit der Hand durch seinen grauen Vollbart – er ist so Mitte fünfzig, ein hübscher alter Herr mit blauen Augen – und musterte mich mit Kennerblicken, etwa so, wie ein Sportsman ein vorgeführtes Rennpferd; ich habe eine feine Witterung, und wußte genau, was er dachte. Wir unterhielten uns über eine Stunde lang, ich erzählte ihm, wie ich Casimir kennen 192 lernte, und von meinen vergeblichen Anstrengungen, mich mit der Pension über Wasser zu halten.

»Also sind Sie verheiratet und doch einsam. Eine alleinstehende Frau, völlig isoliert in ihrem Kampf ums Dasein,« sagte er, und nachher erzählte er mir, daß er auch schon seit Jahren Witwer sei, und sein einziger Sohn als Leutnant in einem Posenschen Regiment steht. Als er ging, versprach er, gelegentlich wieder nach uns zu sehen, und drückte mir die Hand, und ich wußte, daß er freundliche Gesinnungen für mich hegt und daß – vielleicht in diesem hübschen, vornehmen alten Kavalier meine Zukunft liegt, wenn ich gescheit bin und das Eisen schmiede, solange es warm ist.

Als Casimir nach Hause kam, legte er sich gleich. Er wurde von Tag zu Tag elender und konnte sich zuletzt nicht allein im Bett aufrichten und nicht helfen und ich habe so unsäglich viel mit ihm durchgemacht, daß ich das Anerbieten der Familie doch schließlich in Erwägung zog, weil es einfach über meine Kraft ging, das noch lange durchzuführen. Seine Freundinnen und Freunde haben ihn, was ich zu ihrer Ehre konstatieren muß, auch nicht im Stich gelassen. Ob in den bürgerlichen Kreisen auch soviel Anhänglichkeit und Opferfreudigkeit der Befreundeten und beruflich Verbundenen unter einander herrscht, möchte ich dahingestellt sein lassen. Was er nur wünschte und haben wollte, wurde herbeigeschafft, ganze Körbe voll Sekt und Südweine, und das teuerste Obst und alle Stärkungsmittel und ist kaum einer jemals mit leeren Händen gekommen. Und in der Zeit, wo es am schlechtesten mit ihm ging, so Anfang bis Mitte September, und wir ihn nachts nicht allein lassen konnten, sind sie abwechselnd gekommen und haben bei ihm gewacht, und ich habe niemals ein unanständiges und rohes Wort an Casimirs Krankenbett gehört. Im Gegenteil! Ich habe in der Zeit erfahren, 193 daß es unter den Leichen auch Menschen gibt, Menschen mit fühlenden Herzen und werktätiger Nächstenliebe. Einigen unter ihnen bin ich in der schweren Zeit näher gerückt als vorher, so der weißen Doris, die Kellnerin in einem Nachtlokal der Friedrichstraße ist, und von der ich vorher nicht glaubte, daß überhaupt ein anständiges Wort aus ihrem Munde kommen könnte. Wie wir abends zusammensaßen, erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte, von dem schauerlichen Elend, in dem sie erwachsen ist. Die Mutter kam wegen schwerer Kuppelei ins Zuchthaus und nachher in eine Korrektionsanstalt. Der Vater war ein Trunkenbold, und sie und ihr Bruder wurden im Arbeitshaus erzogen. Nachher, als sie mit ihrem Vater wieder zusammenging, mußte sie flüchten, weil der eigene Vater und der eigene Bruder sie vergewaltigen wollten. Ach, lieber Himmel, welches Elend hat die erst durchgekostet. Für mich fanden sich doch immer reiche, mindestens wohlhabende Herren, die mich anständig behandelten, aber sie, die keine anderen Reize als ihr apartes, fast schneeweißblondes Haar besitzt, mußte nehmen, was sich ihr bietet, und da ist es kein Wunder, daß sie nach außen hin verroht und halb vertiert ist. Daß in ihrer Seele aber auch gute Eigenschaften und Treue und Selbstlosigkeit wohnen, habe ich derzeit erfahren.

Casimir schleppte sich dann noch bis Ende November so hin, dann wurde er eines Nachts so arg, daß er keine Luft mehr bekam, und wir mußten zum Arzt rennen, der ihm eine Kampfereinspritzung machte, aber auch das half nichts, und um halb sechs morgens war es plötzlich aus mit ihm.

Der Graf, der sein Wort gehalten hatte, und uns dann und wann besuchte, gab mir gleich siebenhundert Mark zur Beerdigung, wofür ich den Sarg und ein Grab kaufte und die Gebühren bezahlte. Es war ein großes 194 Begräbnis, die ganze Berliner Halbwelt, und alles, was dazu gehört, beteiligte sich daran. Meine Wohnung konnte die Blumenspenden, worunter Kränze von auserlesenster Schönheit waren, kaum fassen, und der Sarg verschwand buchstäblich unter Blumen. An fünfzig Trauerequipagen folgten dem Leichenwagen, so daß der Leichenkondukt den Wagenverkehr in der Potsdamerstraße zeitweilig hemmte. Die Männer waren alle in umflortem Zylinder und die Frauen in tiefer Trauertoilette erschienen. Am Grabe sang der Kirchenchor »Wie sie so sanft ruhn«, und der Pastor hielt eine schöne Predigt, die eigentlich in ihrem Sinne den Nagel auf den Kopf traf. Er gehörte wohl der freieren kirchlichen Richtung an, denn er sprach nicht viel von Gott und dem Himmel, aber was er sagte, hatte Hand und Fuß und ging an die Nieren. Wenn wir Überlebenden an einem offenen Grabe stehen, erkennen wir eigentlich erst die Nichtigkeit aller irdischen Interessen, führte er aus, der Wind des Schicksals treibt uns über die Schaubühne dieser Welt. Und unsere Veranlagungen, unser Wille, unsere Leidenschaften bestimmen unsern Wegen die Richtung. Und über unsere Leidenschaften vergessen wir meist den einzig zuverlässigen Kompaß der menschlichen Bestimmung, dessen Zeiger unverrückt und unentwegt nach dem Ende aller Dinge, dem Grabe zeigt. Wie anders wäre manches in der Welt, und wie manches Menschenschicksal würde sich anders gestalten, wenn sich ein jeder immer vor Augen hielte, daß das Leben nichts ist, als ein kurzes, gemeinsames Wallfahrten auf der großen Straße, die zum stillen, ewigen Frieden führt. – Es war eine schöne Predigt, und man sah in der schwarzen Korona, die das Grab umstand, viele ernste, blasse Gesichter.

Es klingt wie sentimentale Renommage, aber es ist wahr, als ich nach Hause zurückkehrte, empfand ich, daß Casimirs Tod, trotz allem, eine Lücke in mein Leben 195 gerissen hatte. Ich hätte seinen Tod als eine Befreiung empfinden müssen, und tat es auch, aber dennoch, – – ich konnte nach langer Zeit nun wieder mal nachts durchschlafen, brauchte nicht mehr den Jammer anzusehen und das Stöhnen anzuhören, aber dennoch fehlte er mir. Es war so, als ob mein Leben nun seinen letzten und einzigen Inhalt verloren hätte und ich nun erst mutterseelenallein in der Welt stände.

Weinen habe ich nicht können, aber betrauert habe ich den armen Casimir doch von ganzem Herzen. –

Fünf Wochen sind seitdem verflossen. Mit dem Doktor habe ich mich im Laufe des Sommers wieder ausgesöhnt, ich hielt es nicht länger aus und bat ihn, zu kommen, aber so, wie vordem, ist es doch nicht mehr mit uns, zumal ich D . . . doch auch nicht gleich wieder den Laufpaß geben kann. Der Graf kommt, seitdem ich Witwe bin, sehr oft, und kehrt ein väterliches Wohlwollen für mich heraus. Ich habe das Empfinden, als stände ich am Vorabend meines Lebensumschwungs, aber ich will nicht vorgreifen und dem Papier anvertrauen, was ich denke und erwarte; darin bin ich abergläubisch; wenn ich fromm wäre, würde ich in dieser Silvesternacht beten: lieber Gott, laß es so kommen, wie ich hoffe. Gib mir ein paar gute, sorglose, friedliche Jahre.

* * *

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