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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10. Oktober.

Ich hab's ja vorausgesehen mit Casimir. Der Mensch ist mein Verhängnis. Ich hab's gewußt, daß er sich nicht halten wird. Schon seit Wochen war er liederlich, kam erst in der Nacht nach Hause, besoff sich und ich konnte nicht herauskriegen, wo er sich herumtreibt. Sonntag vor acht Tagen war ich bei Frau X . . . . in Schlachtensee zum Geburtstag eingeladen und hatte hinterlassen, daß ich wahrscheinlich etwas später, also nicht vor zehn, nach Haus kommen würde. Wäre ich nur nicht hingegangen, ich hatte wirklich solche Ahnung, daß etwas passieren werde und gar keine Ruhe, und wenn die alte Frau nicht so angehalten hätte, daß ich zum Abendessen dabliebe, 181 wäre ich gern schon um sieben heimgefahren. Also wie ich ein Viertel nach zehn in die Wohnung trete, kommt mir das Zimmermädchen ganz verstört entgegen und sagt, der Herr habe Besuch, eine Dame sei da, sie habe vorhin Kaffee kochen und nachher Wein und Aufschnitt besorgen müssen, und sie sei immer noch da . . . Mir schwebte gleich nichts Gutes vor, und ich ging hinein und fand niemand im Eßzimmer und mein Schlafzimmer war verschlossen, da wußte ich gleich Bescheid, aber ich machte so lange Spektakel und drohte mit der Polizei, bis sie aufmachten. Da lag das Frauenzimmer entkleidet in meinem Bett und rauchte, und Casimir lief im Bademantel umher und war total betrunken und konnte kaum sprechen. Das Frauenzimmer lachte mich höhnisch an, als ich sie ebenso ruhig als bestimmt aufforderte, aufzustehen und sich fortzuscheren und sagte, sie wäre jetzt auch Pensionärin der Pension Osdorff, ihr Freund, der Herr Osdorff, zahle die Pension für sie. Na, ich wußte aus Erfahrung, daß bei dem Kraut nichts als die Anwendung sanfter Gewalt angebracht ist, und rief mir das Mädchen zu Hilfe, so peinlich es mir war, und da haben wir sie aus dem Bett geschmissen, und ich drohte, daß ich sie in ihrem Evakostüm die Treppen hinunterwerfen werde, worauf sie es denn vorzog, schleunigst in ihre Kleider zu fahren und zu verduften, nicht ohne fürchterlich zu fluchen und zu schimpfen, wobei Casimir ihr assistierte und mir in Gegenwart des Mädchens zuschrie, ich sei ja nichts Besseres, im Gegenteil, und so und so, ach, es war furchtbar, ich plötzlich so bloßgestellt vor dem Mädchen, ich hätte den Menschen umbringen mögen. Ich entsinne mich nicht, die Person je gesehen zu haben, nachher erfuhr ich, daß sie in der Elsässerstraße wohnt und Casimir schon lange mit ihr geht, und ich wußte ja auch gleich, daß damit unser Schicksal besiegelt ist. Und so war es. Ein paar Tage später klingelt es. Ein feiner 182 Herr wünscht mich zu sprechen. Das Mädchen führt ihn in den Salon und ruft mich. Ich denke, es ist ein Mieter, gehe hinein, und – – stehe dem schachen Friedrich gegenüber. Er war schon etwas angetrunken und will mich umarmen und versichert mir, daß er sich rein tot nach mir gegrämt habe, und ich wäre ja wie vom Erdboden verschwunden gewesen usw. und alle Freunde und Freundinnen hätten Sehnsucht nach mir – und ich – ich weiß nicht, was über mich kam, ich vergaß alle Klugheit und Vorsicht und verbat mir seine Intimität und wies ihm die Tür. Hätte ich es nur nicht getan. Es war ja so unklug! Als er hinaus war, wußte ich schon, was mir blühte. Richtig, drei Abende später kommt Casimir in Begleitung eines Zuhälters und zweier Mädels nach Hause. Sie machen es sich im Eßzimmer bequem und verlangen Abendessen. Diesmal war ich klüger, biß die Zähne zusammen und gab ihnen, was sie wollten. Im Laufe des Abends kamen dann zehn Personen und es wurde ein wüstes Gelage, sie gingen über Tische und Stühle, und vollführten einen Lärm, daß meine sämtlichen Pensionäre zusammenliefen und sich entsetzt erkundigten, was los sei; sie brüllten wie die Wahnsinnigen, und ich wußte mir nicht zu helfen und schickte in meiner Herzensangst zum Doktor, der kam auch gleich, wußte aber auch nicht gleich was anfangen und wollte die Polizei holen. Das mochte ich aber wieder nicht, denn ich dachte daran, daß sie mir auch geholfen hatten, als die Polizei mir auf dem Hals war, und wußte, daß es nicht gut getan ist, sich ganz mit diesen Leuten zu verfeinden. Der Doktor aber blieb bei mir, bis sie endlich – gegen sechs Uhr morgens – gingen.

Meine Wohnung sah furchtbar aus, der Axminsterteppich schwamm in Punsch und Bier, die Lederstühle waren zerkratzt und beschmutzt von den Stiefeln, viel Geschirr zerbrochen. Das muß ich Markiewicz nun alles 183 ersetzen; ich bin ihm ohnehin noch dreihundert Mark schuldig. Ich bin so vielen Leuten Geld schuldig, daß mir graust, früher habe ich nie Schulden gekannt. Wir haben die Wohnung nun neun Monate und in der kurzen Zeit habe ich alle meine Wertsachen zugesetzt und mich so in Schulden geritten, es ist greulich.

* * *

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