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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Juni.

Der Doktor las gestern in meinem Tagebuch und meinte, ich hätte entschieden schriftstellerisches Talent. Es läse sich alles so glatt und hübsch. Mein Gott, ja, ich habe mich so daran gewöhnt, meine Erlebnisse gleichsam zu registrieren, daß es mir Freude macht, wenn ich was Besonderes habe, was ich eintragen kann. Ich wünschte nur, ich hätte mal etwas recht Gutes aufzunotieren. Augenblicklich geht das Geschäft ja. Die Zimmer sind bis auf eins besetzt, aber am nächsten Ersten wird fast alles leer, da die Leute fast alle fortgehen. Ich kann natürlich nicht weg. Wenn auch nur ein Zimmer ein paar Monate leer steht, macht das gleich einen erheblichen Ausfall. Ich fahre öfters nach Schlachtensee zu Frau X . . ., die ich auf dem Friedhof kennen lernte, sie hat eine kleine Villa, die arme Frau ist sehr einsam, und freut sich, wenn ich komme. Ich ginge gern noch öfter hin, aber ich fühle mich doch immer ein bißchen geniert, woran das liegt, weiß ich nicht, es ist so ein eigenes Gefühl, wenn man denkt: diese ehrsame Spießbürgerswitwe würde dich herausschmeißen und ihr Haus ausräuchern, wenn sie eine Ahnung hätte, wen sie sich eingeladen hat. Sie schenkt mir ein großes Wohlwollen, und ich glaube, ich könnte sie getrost anpumpen, sie tät mir auf mein ehrliches Gesicht geben, was ich verlangte, was ich aber natürlich nie tun würde. Ich hab augenblicklich ein nettes russisches Ehepaar hier, dann einen Spanier und einen Franzosen, und ein Geschwisterpaar aus Magdeburg, und eine 179 Dänin, also eine ganz internationale Gesellschaft. Mittags essen sie alle und abends teilweise bei mir. Ich muß den Dolmetscher spielen, was manchmal sehr erheiternd ist. Sie fühlen sich alle wohl bei mir und verehren mich sehr, und ich bin überzeugt, daß keiner und keine es glauben würde, wenn man ihnen erzählte, was ich vorher war. Dagegen schütteln sie oft den Kopf über Casimir, und einer der Herren sagte mir neulich geradezu, sie begriffen es alle nicht, wie eine so kluge Frau wie ich zu dem Mann gekommen sei. Ja, wenn sie wüßten . . . Ich habe so Sorge wegen der Zimmer, daß ich sie zum Ersten vermietet krieg'.

* * *

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