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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Gräfin Thymian Osdorff! Wie gefällt dir das?« sagte ich heute morgen dem Doktor, als ich den neuen, einfach vornehmen Morgenrock mit langer Schleppe vorm Spiegel anprobierte.

»Sehr gut und entsprechend,« sagte er lächelnd, »es dürfte auch Fürstin sein. Jedenfalls würde es niemand schwer fallen, dir die »Durchlaucht« zu geben.

»Eine nette Durchlaucht,« sagte ich. Wir mußten beide lachen. Natürlich denke ich nicht daran, den Titel zu führen. Sogar die berühmten zwei f'n habe ich mir geschenkt und nenne mich einfach Frau Thymian Osdorf. Wir annoncieren in vielen Zeitungen und ich habe auch schon vier Zimmer besetzt, aber es muß natürlich noch besser kommen, wenn die Geschichte gehen und sich rentieren soll. Vorläufig bezahlt der Doktor noch die Miete, aber ich wollte doch so gern, daß ich später alles allein machen könnte. Es kostet ja alles so viel, die hohe Möbelmiete und das Personal, eine Köchin und ein Zimmermädchen. Ich wollte gern mit der Köchin auskommen, aber es ging nicht, die Herrschaften verlangen zu viel Bedienung. Ich komme mir wie erlöst vor. Eine große Ruhe und seelische 177 Abspannung ist über mich gekommen. Ich bin manchmal ordentlich fröhlich und singe vor mich hin, was ich seit meinen Kinderjahren nicht mehr getan habe. Auf meinem Grab draußen blühen jetzt die Schneeglöckchen. Ich gehe manchmal hin. Die Pianofabrikantin kommt auch noch immer und bettelt mich ordentlich, sie doch mal zu besuchen, ich scheine ihr zu gefallen, werde auch nächstens mal hingehen. Es ist ein so seliges Gefühl, so sich endlich mal wieder als Mensch fühlen und geben zu können. Meine einzige Sorge ist Casimir, daß er aus der Rolle fällt. Ich habe mir ihn tüchtig vorgenommen und ihm eindringlich vorgehalten, daß wir mit unserer Heirat und Umsiedelung in ein neues Leben treten, und daß er gar nichts zu tun braucht, weil ich nichts von ihm verlange, als daß er sich ordentlich hält, sich nicht betrinkt und vor allem streng von den Elementen, mit denen wir früher in Berührung kamen, fernhält. Er darf ja nachmittags oder abends in einem anständigen Lokal seinen Schoppen trinken, kann ins Theater gehen, kann machen, was er will, nur nicht wieder mit den Zuhältern verkehren. Ich habe auch an sein Standesbewußtsein appelliert und ihm gesagt, daß er sich nun nicht mehr ängstlich vor seinen Verwandten zu verkriechen und immer auf der Flucht vor ihnen zu sein braucht, wir sind jetzt ordentliche Leute, verdienen unser Brot auf anständige Weise und haben keinen Grund mehr, uns vor irgend jemand zu ducken. Es wäre so gut, wenn Casimir irgendeine regelrechte Beschäftigung hätte, ich weiß nur gar nicht, was ich mit ihm anfange. So treibt er sich den lieben langen Tag so herum, schläft bis elf, frühstückt im Bett, zieht sich zwei Stunden an, putzt eine Stunde an seinen Nägeln herum, ißt, geht spazieren, rekelt sich auf dem Diwan herum, und das einzige, was ich von ihm habe, ist, daß er mich frisiert. Das macht er sehr geschickt und hat auch viel Geschmack. Ich bin immer in Ängsten, daß er 178 einem Athleten in die Arme rennt und unsere Wohnung verrät, und daß wir dann die Gesellschaft auf die Tür kriegen. Dann wäre es aus mit uns.

* * *

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