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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12. Dezember.

Der Doktor ließ sich vier Wochen lang nicht bei mir sehen. Seine zweitälteste Tochter war sehr krank und darüber hatte er alles und auch mich vergessen. Im vorigen Monat hatte ich ein heiteres Erlebnis. Wir hatten uns in einem Lokal zu sechsen zusammengefunden, der schache Friedrich und ein anderer seiner Sorte, den sie seiner Haare wegen den roten Schorsch nennen, und vier Damen, und da der rote Schorsch viel Geld hatte, Gott weiß woher, lud er uns zu einem Bummel auf seine Kosten ein und haben wir bei Dressel gegessen und sind nach elf in ein Café in der Friedrichstraße. Und wie wir da sitzen, kommt eine Frau herein und sieht sich verlegen nach allen Seiten um und drückt sich zwischen den Tischen hindurch – und ich seh mir die Person an und denk': die mußt du doch kennen. Sie sah so komisch aus, ein billiges Jackett voriger Herbstmode und dazu einen knallroten Hut, der auf den glattgescheitelten Haaren durchaus nicht sitzen will und hin und her wackelt wie ein Lämmerschwanz, und im ganzen überhaupt so, so – – auffallend und ohne Schick, alles nach kleinstädtischer Devise: hübsch, billig und geschmacklos. Mit einemmal fällt mir's ein! Das ist doch die verheiratete älteste Tochter von Frau Stadtrat Lütke aus G . . ., eine Frau Christiansen und ihr Mann ist Viehkommissionär und 173 ist oft in Berlin. Und wie sie nun endlich an einem Tisch allein Platz genommen hat, kommt der Kellner und sagt ihr, was ich ihr auch hätte verraten können, daß nach elf Uhr an Damen ohne Begleitung nichts verabreicht wird. Und sie natürlich aufgestanden und hoch rot, und man sieht's ihr an, daß sie unter den vielen neugierigen, lächelnden Blicken am liebsten vor Scham in die Erde gesunken wäre. Da spürte ich denn doch ein menschliches Rühren, stand auf und ging zu ihr, und forderte sie auf, an unserem Tische Platz zu nehmen.

»Sie kennen mich nicht, Frau Christiansen? Eine Landsmännin – Thymian Gotteball aus G . . . .«

»Ah, Fräulein Gotteball,« sagte sie erleichtert und kommt mit mir, und ich stellte natürlich großartig vor: Dr. jur. Fernror, Herr Ingenieur Schultze (natürlich keinen Tripel), Frau so und so . . . Fräulein so und so . . . Und sie sah sich die eleganten Herren mit den Lackstiefeln und Cylindern und die noch eleganteren Damen der Reihe nach an, und ihre Augen wurden immer größer und runder, und wie sie mich betrachtete, die Brillanten an meinen Fingern und Armen sah, verdummte ihre Miene vollends.

»In G. sagen sie, es ginge Ihnen nicht gut, aber ich sehe, daß das alles Klatscherei ist,« platzte sie heraus.

»Wie Sie sehen, geht es mir brillant,« sagte ich lachend. Wir unterhielten uns gut. Es machte mir Spaß, die lady patronesse der kleinen ehrbaren Bürgerfrau aus G . . . . zu spielen. Ich hatte sie auch bald im Fahrwasser. Nach Vater fragte ich sie natürlich nicht, aber sonst bekam ich allen Tratsch und Klatsch im Nest zu wissen. Friedrich machte ihr den Hof nach Noten und schwelgte in gnädigen Betitelungen in allen Steigerungen bis zum Superlativ »Gnädige Frau! Gnädigste, Allergnädigste!« Sie lächelte geschmeichelt, wurde aber unruhig, als ihr Mann, mit dem sie sich nach dem Theater um elf hier treffen wollte, um zwölf noch nicht da war. Der war wohl auf Abwege geraten; wenn diese Hinterwäldler nach Berlin kommen, sind sie ja wie losgelassen. Um halb eins stand sie auf, wir natürlich mit, und Friedrich erbot sich, die gnädige Frau in ihr Hotel zu bringen. Ganz stolz zog sie am Arm des eleganten Herrn ab. Na, die wird was erzählen zu Hause! – – –

In meinem Leben wird nun bald eine große Veränderung eintreten. Ich kann dies Leben nicht mehr aushalten, ich kann nicht! In vielen schlaflosen Nächten habe ich mich im Bett umhergeworfen und gesonnen und gesonnen, was zu machen ist, und hab's dann endlich heraus: Ich mach's wie die Menge und heirate den Casimir und gründe mir eine feine Fremdenpension, hochanständig, und mache Schluß mit allem. Hab's mit dem Doktor überlegt und der billigt meinen Entschluß, nur der Heirat mit Casimir stand er erst skeptisch gegenüber, aber wie ich es ihm vorstellte, daß meine Stellung als Frau doch eine viel gefestigtere sei und ich Osdorff ohnehin auf dem Hals habe, stimmte er doch zuletzt zu, und wir kamen überein, daß ich mir eine große Wohnung im Westen miete und von Markiewicz auf Abzahlung oder in Miete elegant einrichten lasse. Für die Wohnungsmiete will der Doktor aufkommen, ich verkaufe meine Brillanten und Wertsachen und habe dann einen kleinen Fonds zum Anfangen.

Mit Osdorff hatte ich allerdings erst einen fürchterlichen Kampf. Wie ich es ihm sagte, daß wir heiraten, sagte er erst schlankweg nein, das täte er nicht, auf keinen Fall. Ich war total perplex, meine natürlich, er kriegt einen Sittenrappel und frage ihn spöttisch, worin der soziale Unterschied zwischen einem Zuhälter und einer Dirne besteht. Das versteht er natürlich wieder nicht, und dann geht mir die ganze Illumination auf. Der Herr Graf mit den zwei f'n kann doch keine simple 175 Gotteball heiraten. Zuerst war's mir so lächerlich, daß ich's ins Scherzhafte zog, aber nachher merkte ich, daß es ihm todernst damit ist und da wurde ich natürlich auch gallig und sagte ihm für zwei Sechser meine Meinung. So'n Lumpenhund! So'n Schweinekerl! – Läßt sich von mir aus der Hand füttern und unterhalten, verfrißt und versauft mein Geld, und ist mir noch nicht soviel nutz wie ein großer Bernhardiner, auf dessen Treue und Anhänglichkeit man sich allenfalls doch verlassen kann. Ist faul und blöde wie'n Krokodil, und so'n Lump und Tagedieb, so'n großer Parasit will noch den Adligen herauskehren und hält sich zu gut für unsereins. Ich war so wütend, daß ich ihm die Gabel aus der Hand riß – wir saßen beim Abendessen – und ihn beim Kanthaken nahm und ihn rausschmiß und rief, er solle sich zu seinen blauen Verwandten in der Behrenstraße scheren und sich von denen füttern lassen und sich mir nicht mehr vor Augen sehen lassen. Und schloß die Tür hinter ihm zu, und er schimpfte die Treppe hinunter, er tut's und tut's nicht. Nachher gab ich der Wirtin Weisung, ihn auf keinen Fall in seine Kammer zu lassen, da ich ihn rausgeschmissen hätte. Sie meinte, ich hätte klug getan und jeder vernünftige Mensch wundere sich, daß ich das Ekel überhaupt so lange behalten hätte. Spät in der Nacht kam er besoffen heim und brüllte wie ein Löwe, als er seine Kammer verschlossen fand, aber ich ließ ihn toben und endlich wurde er still. Um sechse früh sah ich hinaus. Da lag der Kerl, bis aufs Hemd entkleidet, langweg auf der Treppe und schnarchte, ich goß ihm eine Waschkanne Wasser über den Kopf und schickte ihn ins Bett, gab ihm aber den ganzen Tag nichts zu essen. Am Abend war er schon mürbe, tat Abbitte und erklärte sich mit allem einverstanden. Ich gab ihm vierzig Pfennig zum Abendessen im »Strammen Hund« und hielt ihn noch ein paar Tage flau hin, 176 nachher bettelte er selbst um die Heirat. Da sind wir denn aufs Standesamt gegangen, und im Januar heiraten wir.

Gestern war der Doktor wieder da, wir haben alles besprochen und sind auf der Wohnungssuche. In der Schellingstraße ist eine schöne Etage von zehn Zimmern für dreitausend Mark zu haben, wahrscheinlich nehmen wir die. Der Doktor sagt, er freut sich auch, wenn ich erst ein eigenes Heim habe, um öfters ein paar Abendstunden mit mir verplaudern zu können. Wenn wir ganz allein sind, nenne ich ihn Julius. Ich liebe ihn so . . . ich wollte, ich könnte seine Frau werden. – – Was für'n Einfall! Die Sterne, die begehrt man nicht – –

* * *

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