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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18. September 1894.

Gestern war ich mit dem Doktor in der Ausstellung. Wir fuhren mit einer Droschke hinaus und wanderten durch die Säle. Ich sehe gern schöne Gemälde, überhaupt alles, was schön ist. Besonders gefiel mir ein Bild, ein Kornfeld mit sehr viel überwucherndem Mohn, so daß man eigentlich nur das grelle Rot der Fackeln sieht und das Gold der Ähren darunter verschwindet.

»Das soll wohl eine allegorische Darstellung sein,« sagte ich.

»Wieso?« sagte der Doktor und rückte seinen Kneifer etwas höher.

»Ich meine, der Künstler will damit andeuten, daß der Mohn des Vergessens am besten über das Brot des furchtbar nüchternen und schwerfälligen Lebens hinausflammen und es mit seinem brennenden Rot gleichsam bengalisch beleuchten soll,« sagte ich. »Mohn ist alles. Hier Illusion, da Vergessen, Betäubung – manchmal ist das Opium des Mohns, den der Wind säet und den niemand hegt, unentbehrlicher, als das nahrhafte Brot aus der Ackerfrucht des sorglichen Landmanns . . .«

Er antwortete nicht; nachher saßen wir oben auf der Terrasse und speisten zu Nacht. Auf einmal legte der Doktor Messer und Gabel hin und sah mich an. »Sagen Sie mal, Thymian, Sie haben einst bessere Tage gesehen! Sie sind aus anständiger Familie. Sie haben 169 eine gute Schulbildung genossen. Sie haben ungewöhnliche Kenntnisse. Wie kamen Sie in dieses Leben?«

»Unsinn,« sagte ich. »Mein Vater war Portier und meine Mutter Waschfrau, und ich sollte dienen, aber da mir das Leben als Magd nicht gefiel und ich keine große Dame werden konnte, wählte ich die Mittelstraße und ernähre mich schlecht und recht als Halbweltdame.«

»Nein!« sagte er bestimmt, »das ist nicht wahr. Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, denn Sie werden wohl Grund haben, über Ihre Vergangenheit zu schweigen, aber ein Proletarierkind sind Sie nicht, darauf will ich Gift nehmen. Schon Ihr Äußeres spricht dagegen. Sie sind eine rassige Schönheit, wie man sie in ganz niederen Lebenssphären selten, fast nie findet: Sie haben Geist und Gemüt, und Kenntnisse genug, daß beide sich nicht brach verstecken, sondern immer wieder wie aus den Facetten eines kunstgerecht geschliffenen Edelsteins farbenfunkelnd hervorbrechen. Ich will Sie nicht mit meiner Neugierde belästigen. Ich bin nicht neugierig, aber Sie interessieren mich in meiner Eigenschaft als Arzt und Mensch. Ich verstehe nicht, wie man mit Geistes- und Herzensgaben, wie Sie sie unzweifelhaft besitzen, und mit so scharfen intellektuellen Augen in die Sackgasse des tiefsten moralischen Jammers geraten und darin verharren kann. Das ist mir ein psychologisches Rätsel, das ich gelöst haben möchte.« So sprach er, ich aber antwortete nicht gleich. Ich sah in den roten Wein, der im Glase schimmerte, und sah über die Menschen hin, die unten im Schein des elektrischen Lichts an den Tischen saßen und ihr Abendbrot verzehrten. Es war ein warmer Abend, und der Garten noch ziemlich besetzt; die Stadtbahnzüge rasselten vorüber, es sah malerisch aus, wie lange Ketten kleiner Glühwürmchen mit den erleuchteten Fenstern. Die Musik spielte: ›Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, die 170 letzten roten Astern hol herbei!‹ – Ich weiß nicht, wie mir war, meine Augen wurden schwer und dunkel, ich fühlte den Blick des Doktors auf mir ruhen und sah immer starr vor mich nieder in den roten Wein.

»Es war wohl die alte Geschichte,« sagte er leise, »eine unglückliche Liebe, nicht wahr? Und dann immer einen Schritt weiter und tiefer hinein, bis der Fuß stecken blieb im Sumpf und nicht wieder raus konnte . . .«

Ich schüttelte den Kopf. Es rann mir eiskalt über den Rücken, und mein Herz klopfte langsam und schwer wie ein Eisenhammer. »Ich habe früher nie einen Mann wahrhaft geliebt,« sagte ich. »Sie liebe ich, Doktor! Ja, ich liebe Sie!« Und weiter konnte ich nicht sprechen. Ich stützte den Kopf in die Hand und preßte das Taschentuch an die Augen und sagte ihm, daß ich ihm später mal alles erzählen werde, und der Doktor schwieg, und inzwischen hatte der Kellner Sekt gebracht, und wie ich das Glas zum Munde führte, fiel eine Träne hinein, die habe ich mitgetrunken. Wir kamen nicht mehr in Stimmung und um neun gingen wir, fuhren in einer Droschke zum Tiergarten und stiegen da ab und gingen in den dunklen Wegen spazieren. Auf einmal legte der Doktor seinen Arm um meine Taille und sagte leise: »War das Ernst vorhin, Thymian? Bin ich Ihnen wirklich um meiner Persönlichkeit willen teuer? Oder war das nur so obenhin gesprochen?«

»Ich liebe Sie,« sagte ich, und mir kamen wieder Tränen in die Augen. »Ich habe Sie gleich geliebt. Ich möchte Ihnen angehören, und nur Ihnen. Mein Herz und meine Sinne drängen zu Ihnen. Ich weiß nichts, was ich für Sie nicht tun könnte . . . Ich kann von allen Geld annehmen, aber von Ihnen kostet es mich Überwindung, weil das Geld so schmutzig ist, und meine Liebe zu Ihnen so rein ist.« –

»Aber Kind, das ist ja tragisch,« sagte er weich. 171 »Wenn ich zwanzig Jahre jünger und frei wäre, würde ich mir Mühe geben, Sie wieder zu lieben und vielleicht würden wir zwei auch glücklich zusammen werden. Aber so müssen Sie sich das aus dem Kopf schlagen. Ich möchte Ihnen ein Freund sein, zu dem Sie Vertrauen haben. Wollen Sie mir nicht ein bißchen von Ihrer Vergangenheit erzählen?« Ich nickte, und während wir Arm in Arm weitergingen, sagte ich ihm alles; und obgleich er anfangs nicht sprach, merkte ich doch, daß es ihn ergriff. Dann drückte er meinen Arm etwas fester und sagte plötzlich: »Thymian! liebe Thymian! Wollen wir es nicht doch noch mal versuchen, auf ebene Bahn zu kommen? Wenn ich Ihnen als Freund meine Hand biete, wollen Sie nicht den Harrassprung ans feste Land einer ehrlichen und achtbaren Existenz wagen?« »Ach, wie gerne,« sagte ich.

»Gut. Wir werden sehen. Wenn Sie den ernsten Willen haben, wird es sich machen lassen. Wir reden noch darüber. Aber Sie müssen wollen! Sie müssen die Hypnose, in der Sie gegenwärtig befangen sind, mit einem Ruck abschütteln und wach werden.« – »Wie gern,« sagte ich, und es wurde mir ganz fröhlich und leicht ums Herz.

Wie ich nachher im Bett lag, dehnte ich nach langer Zeit zum erstenmal wieder so recht wohlig meine Glieder in den Kissen und mir wurde wieder ähnlich wie damals in Ostende, so, als ob eine reine, warme Welle über meine Seele gerieselt sei, und die Schmutzkruste davon gelöst und hinweggespült habe. Ganz selig schlief ich ein. Aber der neue Tag brachte die neuen Sorgen um die Existenz und um die vielen Dinge, die das Leben wie ein nimmersattes Ungeheuer von seinen Geschöpfen fordert. Gestern abend fand sich in der Bar ein schrecklicher Kerl zu mir, drei Zentner Nettogewicht, aber anscheinend schwer reich, der mir zweihundert Mark gab. 172 Ich habe mindestens fünfundzwanzig Glas Sekt vorher getrunken, soviel brauchte ich, um den »Mohn des Vergessens« auf mich einwirken zu lassen. Mein Gott, es ist furchtbar. Ich fühle, der Doktor hat recht in allem, was er mir vorhielt. Ich ertrage das Leben nicht mehr lange. Ich gehe nicht nur geistig, sondern auch physisch zugrunde, und es nimmt eines Tages ein Ende mit Schrecken mit mir.

* * *

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