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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war hübsch in Nauheim, obgleich der Doktor sein Versprechen nicht gehalten hat, sondern mit seiner Familie nach Zoppot gereist ist. Die Bäder haben mir sehr gut getan, und ich wäre noch gern länger da geblieben, aber 167 das Geld ging mir aus, es läppert sich an solchem Ort höllisch zusammen. Ich habe mich sehr erholt und freute mich, in meiner Wohnung einen großen Strauß Rosen vom Doktor als Willkommengruß vorzufinden. Aber das dicke Ende kam nach. Der Casimir ist mir in den Wochen total verludert, hat sich, wie mir meine Wirtin erzählte, jede Nacht außer dem Hause mit Frauenzimmern herumgetrieben und hat tagsüber besoffen zu Bett gelegen. Gott, ist das ein Mensch! Eigentlich nur 'n Stück Vieh. Hat sich der Kerl da so eine Sechserkalle aus der Chausseestraße zugelegt; ich fahr Montag hin, um sie aufzusuchen. Sie soll ihn nur ganz als Louis nehmen, ich bin ja froh, wenn ich 'n quitt bin. Leider traf ich sie nicht an, sie war vor ein paar Tagen verschüttgegangen und im Weibergefängnis X. Bei der Wirtin in der Küche saßen zwei armselige Geschöpfe, die am Morgen aus dem Frauengefängnis entlassen waren und die klagten doch so gotteserbärmlich, wie schlecht sie es gehabt hätten. Die Aufseherin soll sie nie anders als »Schwein« und »Hure« und so weiter angeredet haben. Die eine hatte ein Lager gehabt, das von einer Vorgängerin in unglaublichem Zustand verlassen war, und auf dem sie so liegen mußte. Und hungern hätten sie auch müssen. Ich muß ja sagen, mir klang das ganze ein bißchen dick aufgeschmiert, ich kann mir nicht denken, daß in solcher Anstalt, wo doch Hilfskräfte genug zur Verfügung stehen, eine derartige Schweinerei herrschen kann. Aber was den Hunger anbelangt, so illustrierte die Gier, mit der sie in die trockenen Schrippen einhieben, ihre Klage. Sie taten mir so leid, daß ich jeder von ihnen drei Mark schenkte, obgleich ich momentan auch abgebrannt und noch für 14 Tage Miete schuldig bin. Mein großes Zimmer war ja in der Zeit, wo ich weg war, vermietet; als ich wiederkam, hat die Wirtin der anderen aber gleich gekündigt und mich wieder rein genommen. Ich bin nur immer bange, daß 168 der Casimir auch mal eine Dummheit macht und sich zu etwas verleiten läßt, was ihm ein paar Wochen Dunkelkammer einbringt. Für Geld kann man in der Welt alles haben. Ich muß mich jetzt sachte dran halten, um wieder zu Geld zu kommen. Es ist gräßlich. Der Doktor gab mir gestern hundert Mark, aber das schlägt ja nicht viel an.

* * *

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