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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8. März 94.

Die letzten Wochen machte ich brillante Geschäfte. Ich hatte einen Engländer, der im Hotel Bristol wohnte und der rein verrückt nach mir war und das Geld händevollweis zum Fenster hinauswarf, wenn er mit mir ausging; einmal hat er für vierhundert Mark Sekt in einem Ballhaus bezahlt, wovon ich zehn Prozent vom Oberkellner abkriegte. Gekauft hat er mir, was los und fest war, bei Wertheim haben wir an einem Nachmittag für zwölfhundert Mark Waren genommen, lauter 159 Toilettengegenstände, die ich zum Teil nicht mal brauchen konnte und gleich wieder verkloppt habe. Jeden Abend bekam ich zwei Hundertmarkscheine, wovon ich zwei an Osdorff geschickt habe zur Überfahrt. Ich hätte ihm gern mehr geschickt, aber ich war bange, daß der mir dann das Geld versäuft und doch nicht kommt. So reicht's gerade zum Zwischendeck. Sonst liegt mir gar nichts am Geld, es rutscht mir doch nur so durch die Finger, zum Sparen komme ich doch nicht mehr. Vor etwa einer Woche wär's mir bald mies gegangen. Irgend so'n verfluchter Spitzel muß hinter mir her gewesen sein, denn ich wurde aufs Polizeiamt zitiert, und der Kommissar oder was er für ein Kerl war, fuhr mich barsch an, und ich sollte angeben, von was ich lebe. »Na, von Sprachunterricht,« sagte ich. »Das haben Sie uns nachzuweisen –«, schreit er mich an – und so weiter. Ich soll also das Zeugnis von mindestens drei einwandfreien Personen bringen, daß ich mit Sprachunterricht so viel verdiene, um existieren zu können. Mir war gar nicht gut zumute dabei. Denn woher sollte ich die »einwandfreien« Personen kriegen. Am Abend erzählte ich es dem schachen Friedrich, weil der doch so 'n bißchen von der Juristerei versteht, und der sagt's den andern, und auf einmal erörtern die andern meine Sache, als ob's die ihre wäre und sie mich gar nichts anging. Na, was soll ich sagen. Drei Tage später hatte ich meine drei »einwandfreien« Zeugen, die die eidesstattliche Versicherung abgegeben haben, daß sie bei mir Sprachstunden, die Stunde zwei Mark, nehmen, und ist alles glatt gegangen, aber vorsehen muß ich mich natürlich doch. So ist es ganz nett, die Leute springen hier gegenseitig feste füreinander ein, wenn's klemmt. Man kann so ziemlich für alle Lebenslagen in diesen Kreisen haben, was man braucht. Es gibt auch eine Menge Frauen, die nur vom Anmelden leben; das heißt, sie melden die betreffende Person als bei ihnen zu Besuch 160 an und bekommen drei Mark dafür, während die Betreffende in Wirklichkeit ganz wo anders wohnt. Mir hatte kürzlich eine mein Portemonnaie mit vierzig Mark und zwei Abonnements für Frisur und Maniküre gemopst, und ich war hinter ihr her und konnte sie erst nicht finden, weil sie auch maskiert angemeldet war, nachher erwischte ich sie, aber wiederbekommen habe ich doch nichts. Mit Gewalt läßt sich nichts machen. Die Zimmervermieterinnen machen immer noch das beste Geschäft. Erst ziehen sie die hohen Mieten und dann fallen auch sonst noch eine Menge Sporteln ab. Zum Beispiel, wenn eine in Verlegenheit ist, wird sie meistens doch erst der Wirtin ihre Wertsachen zum Verkauf anbieten, die zieht es für ein Ei und ein Butterbrot ein und hängt es nachher andern, und zwar meistens auch wieder Mädchen, – natürlich mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag und mehr – auf. Die Beidatsch hat auch bald ihr Schäfchen im Trocknen. Sie hat mehr Brillanten als ich. Sie will nächstens das Geschäft aufgeben und sich eine kleine Wohnung in Pankow mieten. Ich ziehe auch, sobald Casimirchen da ist. Für später hätte ich auch Lust, Zimmer zu vermieten.

* * *

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