Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Margarete Böhme >

Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Wenn ich einmal wieder etwas Geld zusammengebracht habe, schicke ich Osdorff Reisegeld und laß ihn mir rüber kommen, das habe ich mir fest vorgenommen. Dem armen Kerl geht es elend. Er leidet Hunger. Seine Familie schickt ihm nichts mehr, jedenfalls, weil sie ihn nicht hier auf dem Hals haben wollen. Ich finde das gemein und erbärmlich. Er schreibt mir die kläglichsten Briefe. Sobald ich Geld habe, kriegt er zweihundert hin. Andere halten sich einen Hund oder Vogel, warum soll ich mir nicht solchen armen Kerl für den Hausgebrauch nehmen. Immerhin wird mir Casimirchen bequemer sein, als so'n gewöhnlicher Louis, der sich unsereinen gegenüber als Herr aufspielen möchte. Ich bin losgegangen. Mir blieb nichts übrig.

Die Kindermann hat anderthalb Jahre Gefängnis bekommen. Sie haben ihr die Kuppelei nicht positiv nachweisen können, so kam sie noch eben mit knapper Not am Zuchthaus vorbei.

Mir geht es wieder leidlich. Ein Teil meiner Sachen habe ich aus dem Pfandhaus ablösen können. Meine alte Anziehungskraft bewährt sich wieder. Ich habe so viel Kundschaft, daß ich oft noch davon abgebe. Abends bei Keck oder im National schwirren sie um mich herum, wie die Fliegen um den Honigtopf. Ich habe damals, 145 nachdem ich endgültig eingesehen hatte, daß ich doch nicht wieder hochkomme, den Ballast der letzten Bedenken über Bord geworfen. Ich bilde mir oft ein, daß ich gestorben bin. Die Menschen, unter denen ich jetzt lebe, sind alle Leichen. Sie haben ihre Seelen ausgehaucht und beweisen durch ihre Existenz, daß man auch ohne ein solches Instrument dasein – – ich schreibe absichtlich nicht leben kann.

Meine Sprachkenntnisse kommen mir doch sehr zustatten, ich bekomme dadurch oft sehr reiche Ausländer, die gut zahlen und das ist jetzt für mich die Hauptsache. Gestern abend hatte ich einen Russen, der kein Wort Deutsch sprach, und der mir dreihundert Mark gab. Die Ponys haben übrigens Glück gehabt. Molly lernte im Oktober in einer Bar einen Amerikaner kennen, der ihr ein festes Jahresengagement anbot. Sie erklärte ihm aber, daß sie nicht von ihrer »Schwester« abgehe und da engagierte er sie alle beide, d. h. er hat ihnen eine eigene Wohnung in der Taubenstraße eingerichtet und gibt ihnen monatlich vierhundert Mark. Dabei ist er nur vier Monate jährlich in Berlin, die andere Zeit haben sie für sich.

Ich habe wirklich noch vieles lernen müssen. Zuerst war's mir gräßlich, obgleich ich schon bei Anna Kindermann eine ganz gute Vorschule durchgemacht hatte. In dieser Welt der Leichen stinkt es nach Verwesung, daran muß man sich gewöhnen. Der Brechreiz gibt sich dann allmählich.

Die Mädchen mit ihren Männern haben ihre ganz bestimmte Organisation untereinander, und im großen ganzen herrscht eine gewisse Solidarität unter ihnen. Zwischen den Kontrollierten und uns Halbseidenen ist äußerlich kein wahrnehmbarer Unterschied. Jede 146 Halbseidene umgeht natürlich die Sitte wie die Pest, obgleich bei den Kontrollierten eben diese wahnsinnige Angst vor dem Abgefangenwerden fortfällt. Die Untersuchungen an sich sind ja nicht so schlimm, aber wiederum hält es auch furchtbar schwer, die Sitte wieder abzuschütteln. Und dann das Unterkommen! Das ist ein furchtbarer Punkt. Hält es schon für uns schwer, ein Logis zu finden, bei den Kontrollierten ist es geradezu ein Dilemma, auf die Wohnungssuche zu gehen. Ich wohne wirklich noch billig. Die meisten bezahlen sieben oder zehn Mark Miete pro Tag, oft noch mehr. Die Hauswirte haben ein zu großes Risiko dabei, da sie, wenn ein Mädel mit der Polizei in Konflikt kommt, immer Gefahr laufen, sich eine Kuppeleianklage zuzuziehen.

Ich denke manchmal, warum die Polizei durch die Kontrolle das Gewerbe eigentlich gewissermaßen sanktioniert, wenn sie den Mädchen nicht zu wohnen gestattet. Diese schwindelnden Mieten aufzubringen ist ja schrecklich schwer und für manche ganz unmöglich. Gute Toilette müssen wir doch auch machen, und das Leben kostet auch ohnehin schon sehr viel. Ich muß zum Beispiel viertausend Mark Einkommen versteuern und bin als Sprachlehrerin angemeldet. Ob sich die Steuerbehörde über das Einkommen einer Sprachlehrerin in der Zimmerstraße wirklich solche Illusionen macht? Oder ob sie sich ihr Teil denkt? – – ich weiß es nicht.

Das Verhältnis der Männer und Mädchen zueinander denken sich die Leute, die keinen tieferen Einblick in diese Kreise haben, auch meist anders, wie es in Wirklichkeit ist. Ich hatte mir unter einem Louis auch nur einen Menschen vorgestellt, der den Mädeln die Kunden zuführt, sie beschützt, rabiate oder zahlungsfaule Klienten mit sanfter Gewalt auf ihre Berappungspflicht aufmerksam macht und im übrigen im Verhältnis eines Sklavenhalters zu den Mädchen steht. Das alles kommt ja auch gewiß 147 vor, aber meistens ist das Verhältnis der Mädchen zu diesen sogenannten Zuhältern das natürliche eines Mädels zu seinem Liebhaber. Es ist ja auch erklärlich. In jedem Mädchen steckt doch das Weib mit seinem Anlehnungsbedürfnis, seiner Liebessehnsucht, die in der rein gewerbsmäßigen Handhabung des geschlechtlichen Verkehrs keine Befriedigung findet. Mir selber geht es so: Was würde ich darum geben, wenn ich einen, nur einen einzigen Menschen in der Welt hätte, der zu mir gehörte, an den ich mich anschließen könnte, von dem ich wüßte: Er ist für mich da und ich für ihn. Aber wiederum könnte ich mich nicht entschließen, einen beliebigen Menschen an mich heranzuziehen; die meisten dieser Kerle sind ja qualitativ unter aller Kanone.

Man könnte manchmal Studien machen. Diese Leute rekrutieren sich aus allen Ständen. Heruntergekommene Subjekte sind's natürlich alle. Was Anständiges wird sich nicht von 'nem Mädel unterhalten lassen. Die wenigsten haben eine Beschäftigung. Wohl aber haben sie Klubs untereinander, haben Turn- und Athletenvereine und rekeln sich die ganzen Tage in den Wirtschaften herum.

Ein paarmal versuchte solch ein Kerl sich an mich heranzuschlängeln, aber ich dankte ergebenst. Natürlich in aller Freundschaft und Höflichkeit. Im Zorn ist mit den Herren nicht gut Kirschen essen. Da ist besonders einer, der schache Friedrich, warum er so heißt, weiß ich nicht, – die Mädel wie die Männer haben die komischsten Spitznamen –, der sich immer im Café Keck zu mir setzt. Er ist eigentlich Doctor juris, – hat mir seine Papiere gezeigt! – hat sein Staatsexamen gemacht und ist als Assessor abgedankt. Weil ihn ein Weib zugrunde gerichtet hat, sagt er, ich glaube aber eher wegen seiner Versoffenheit, denn er säuft scheußlich und ist regelmäßig um Mitternacht voll wie ein Schwein. Bis er aber diesen Grad des Besoffenseins erreicht hat und 148 damit in das Stadium vollständiger Bewußtlosigkeit gelangt ist, läßt sich ganz gut mit ihm schwatzen; man merkt, daß er ein studierter Mann und ein gebildeter Mensch ist. Deshalb wundert es mich eigentlich, daß seine Schickse eine Person unter Null, eine ganz ordinäre Sechserkalle ist; ich meine so, er könnte was Besseres haben, wenn er wollte. Ich freilich bedanke mich für einen solchen Schnapsschlauch.

In der halben Welt gibt's genau soviel Kasten und Kreise wie in der ganzen. Die oberen Vierhundert sind diejenigen, die einen reichen Freund haben, der sie aushält. Zu denen sollte ich eigentlich gehören. Ich könnte es so haben, wenn Ludwig nicht auf die verrückte Idee mit der Scheidung und der Heiraterei gekommen und ich nicht so kolossal dumm gewesen wäre, ihm meine Beichte auf die Nase zu binden. Man ist wirklich manchmal zu klamm. Also von denen, die einen Freund haben und nur für diesen da sind (nach so etwas halte ich Ausschau) führen eine Menge Stufen und Stüfchen hinab zu den Ärmsten der Armen, die sich für eine Mark und noch weniger verkaufen . . . Schön ist's nirgends, »da unten aber ist's fürchterlich« . . .

Ach Gott, überhaupt die Welt . . . Wenn ich das alles so ansehe, da geht mir immer ein Zitat durch den Sinn, das nirgends so angebracht ist wie hier: Der Menschheit ganzer Jammer packt mich an.

Schließlich und am Ende liegt doch über jeder, die einmal auf diese Weide geraten ist, eine schwere, trübe Dunstwolke von Tragik und Unglück – Gewiß, es sind auch Mädchen darunter, die ganz und nur durch Leichtsinn und Schuld dazu gekommen sind, aber ich behaupte, daß keine einzige mit vollem Wissen und Bewußtsein sich in diese Tinte hineingeritten hat. Ich kenne jetzt unendlich viele, die nur von der Preisgabe ihres Körpers leben, aber ich weiß ganz sicher und bestimmt, 149 daß sich unter hundert keine fünf befinden, die nicht mit beiden Händen zugriffen, wenn sich ihnen eine Gelegenheit zur Rückkehr in geordnete Verhältnisse böte. Es gibt so viel Wohltätigkeit und Humanität in der Welt, es gibt Kinderkrippen und Altersversorgungen, Fürsorge für Sträflinge und Gott weiß was sonst noch für nützliche Institute, es wird so viel basart, gemimt, getanzt zum Wohl der leidenden Mitwelt, aber in die Welt des tiefsten Elends, der äußersten Finsternis dringt selten ein Strahl barmherziger, werktätiger Nächstenliebe hinab. Wie manche würde sich gern »retten« lassen. Freilich nicht durch Besserungsanstalten und Stadtmissionen, immer von oben herab, von dem Kothurn der überlegenen Moral: . . . »Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie andere – –« und so weiter.

– – Nee, auf den Schwindel fällt keine herein. – – Nein, um hier zu ändern und zu bessern, müßte schon eine neue Weltordnung, eine vollständige Umkremplung der Begriffe und Verhältnisse vorangehen. Die Menschen müßten ihren alten Adam ausziehen und ihre Vorurteile wie einen Haufen verlauster Wäsche verbrennen. Die Schranken müßten fallen. Die alten Griechen feierten ja sogar ihre Hetären und die Phönizier verehrten sie als Priesterinnen. Damals waren es die Besten, Schönsten, Klügsten, Gebildetsten ihres Geschlechts, die der Venus dienten, und diese antiken Völker standen wahrhaftig auf keiner niedrigeren Kulturstufe, als die heutige Zeit. Es sollte doch wahrhaftig jeder unbenommen sein, mit ihrem eigenen Körper zu machen, was sie will. Muß denn da notwendig noch die heilige Feme der öffentlichen Meinung sich aufspielen und den Betreffenden, der es anders macht als die andern, in einer Stinkflut von Verachtung und Schmähung ersäufen?! Wenn das Gewerbe der Hingabe aufhörte, ein verächtliches Gewerbe zu sein, würde sich das Heer »der Gewerbetreibenden,« 150 um vier Fünftel, ja, ich möchte kühn behaupten, um neun Zehntel vermindern. Ich würde zum Beispiel gern eine Stelle als Gesellschafterin oder Erzieherin annehmen, und ich will verflucht und verdammt sein, wenn ich nicht alles aufbieten würde, meinen Pflichten nachzukommen, wenn ich es mir jemals wieder einfallen ließe, mich mit einem Mann einzulassen. Aber, abgesehen davon, daß es ja wie ein Märchenwunder wäre, wenn unsereins solche Stellung kriegte, hing doch immer das Messer über einem, und sobald die Vergangenheit bekannt würde, flöge man mit einem Fußtritt hinaus und noch tiefer in den Dreck als vorher. Wenn unser Hetärendasein keine Schande wäre und die Rückkehr zu bürgerlichen Berufen uns jederzeit ungehindert freistände, würden die meisten, die nur kurze Zeit das Elend dieses Lebens gekostet hätten, wieder umkehren. So aber sind die Pforten hinter uns abgeschlossen. »Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung draußen.«

Am meisten bringt es mich immer auf, wenn diese Philister ihre Weiber mit in die Nachtcafés nehmen, und sie sitzen da und tuscheln und lachen und mokieren sich und wissen gar nicht, wie sie sich haben sollen, um so recht den Unterschied zwischen ihrer geilfetten Moralität und ihrer bürgerlich behäbigen, unantastbaren Erhabenheit uns armen Sumpfhühnern gegenüber zu betonen. Ich möcht ihnen gerad' ins Gesicht spucken, den Gänsen. Als ob eine von ihnen wüßte, was Leben und Leiden heißt. Was wissen die von den Nachtgängen des Lebens, in deren Schatten unsere armen Existenzen verkümmern. Ich möchte ihnen gerade zurufen: Seht euch nur vor, ihr seid auch noch nicht zu Ende, vielleicht habt ihr Töchter, von denen euch der Tod abruft und die hier auch einmal sitzen und von scheelen Augen höhnisch gespießt werden . . .

Ich möchte mal eine von den vielen Frauen, die in 151 christlicher Barmherzigkeit, Wohltun und Nächstenliebe machen, sehen, wenn man es ihr zumutete, eine Besucherin des Nationalcafés als Stütze oder Bonne zu engagieren. O Gott, was würde sie sich schütteln und grausen und gegen solche Zumutung protestieren.

Ich pfeif auf alle christliche Liebe und allen Wohltätigkeitsramsch. Die Menschen sind alle Bestien, Hyänen, ob sie so ein oder solch ein Fell um ihren Corpus haben.

Im National ist besonders ein Mädchen, das mich interessiert, sie nennen sie Duda, sie hat ein eigentümlich weißblondes Haar mit goldroten Spitzen und sie macht, obgleich sie nicht übel aussieht, einen sehr armen, gedrückten Eindruck. Ihr Bräutigam »sitzt«; neulich erzählte sie mir davon, er hat sie, wenn sie ihm nicht genug Geld nach Haus brachte, mit Fußtritten regaliert und ihr einmal einen so heftigen Stoß gegen den Leib versetzt, daß sie eine Gebärmutterknickung davongetragen hat. Ich bezahlte ein paarmal den Kaffee für sie. Sie hat ihr Zeugnis verweigert, aber auf die Aussage des Arztes hin hat er fünf Monate Gefängnis bekommen. Nun sitzt sie da und grault sich vor dem Augenblick, wo er wieder frei kommt und hat doch Sehnsucht nach ihm und wird saugrob, wenn irgendein Ausdruck über ihn fällt, der ihr nicht paßt.

Man sieht hier viele schicke, aber wenig wirklich schöne Mädchen. Doch für heute Schluß – – –

* * *

 << Kapitel 45  Kapitel 47 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.