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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18. August 93.

Eine Hitze zum Bersten. Das Pflaster brennt förmlich. Die Luft ist wie Feuerqualm. Ich beneide alle, die fortkönnen, an die See, aufs Land. Ich kann nicht reisen, weil ich kein Geld habe. Ich komme mir vor, wie eine Fregatte, die Schiffbruch gelitten hat und nun abgetakelt wird, um ein ruhmloses Ende als Kohlenfahrer zu finden. Wenn ich mich nur erst soweit hätte, daß ich mich wirklich nur mehr als Kohlenschute fühle. Das ist ja meine Tragik, daß ich noch immer nicht in die moralische Narkose hineingerate, die zu einem Leben, wie die Ponys es führen, unbedingt notwendig ist. Mit vollem Bewußtsein und wachen Sinnen kann man es nicht, ist es ganz unmöglich.

So ziemlich meine sämtlichen Schmucksachen sind auf dem Leihamt. Jede Woche wandert ein neues Stück hin, ich weiß nicht, was werden soll. Ich hatte ein paar Schülerinnen und Schüler, aber nach den ersten Stunden schickten sie mir mein Honorar und blieben weg. Das Milieu hier schien ihnen nicht zuzusagen, was ich ihnen 143 allerdings nicht verdenken konnte. Ich bin auch immer noch nicht richtig besser. Die Hitze bringt mich ganz herunter. Ich sehe elend aus, ganz abgemagert. Ein paarmal nahm ich einen Anlauf, mir »Kundschaft« zu kapern. Aber es wurde nichts. Woran es liegt, weiß ich nicht. Die Ponys sagen, ich sehe zu vornehm aus, es traut sich keiner an mich 'ran. Möglich.

Ich bin so schlaff und hinfällig von der Hitze. Tagsüber liege ich halb angekleidet auf der Chaiselongue und dämmere so hin. Ich lebe so sparsam als möglich, um mit meinem Geld zu reichen, aber man muß doch satt werden. Die Miete reißt so sehr ins Geld. Mich graut vor der Zukunft. Die Beidatsch ist manchmal kurz angebunden und führt anzügliche Redensarten. Wahrscheinlich fürchtet sie, es wird bald mit dem Zahlen mit mir hapern, eine eigentlich grundlose Sorge, da sie immer pränumerando ihr Geld fordert, und ich unfehlbar herausfliegen würde, wenn ich am Ersten nicht berappte.

Der Linksanwalt schwänzelt zuweilen um mich herum und möchte mich anfeuern, bald loszugehen.

Gestern abend war er bei mir und kohlte allerlei zurecht. »Eine so schöne Dame wie Sie, mit so feinen, eleganten Sachen und solch internationalen Allüren muß auf die Linden gehen oder auf den Kurfürstendamm,« sagte er, »da liegt das Geld auf der Straße für eine, die gescheit ist. Die meisten Mädels hier sind ja Viecher . . .« Ich habe an K. und F. geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Bei denen heißt's auch: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Wenn nur die verdammte Hitze nicht wäre. Manchmal geht eine furchtbare Sehnsucht nach der lange entschwundenen Zeit meiner Jugend durch mich hin. Ich komme mir schon so furchtbar alt vor. Ein rasendes Heimweh nach unserem schönen, stillen Garten, in dem der Mond auf weiße Lilienstauden und rote Centifolien 144 scheint, ergreift mich, Heimweh nach Mutters Grab, Heimweh nach dem weiten, grünen Land, mit dem silbernen Nebelgebrodel, wo es abends so schön kühl und feierlich ruhig ist, wo die Leute, wie bei Onkel Dirk, abends unter den breitästigen Linden, am Graft sitzen und schnacken und schwatzen, während von der Fenne her hier und da ein Pferd aufwiehert und ein verschlafenes Rind brüllt . . . Weg, weg, weg . . . Alles vorüber. Alles hin. Alles verloren.

* * *

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