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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Meine Ankunft in B. erfolgte unter nicht sehr günstigen Auspizien. Ich hatte einen tüchtigen Schnupfen, Husten und etwas Fieber. Die Nacht brachte ich im Hotel Bellevue zu, anderen Tages machte ich mich auf den Weg zu Frau Beidatsch in der Zimmerstraße. Das 136 Haus macht schon von außen keinen sehr noblen Eindruck, und der Eingang ist geradezu scheußlich, dunkle Treppen mit abgetretenen Linoleumläufern, ordinäre Türen, kurz alles proletarierhaft. Frau Beidatsch wohnt im zweiten Stock, neben ihrem Namensschild waren drei Visitenkarten angeheftet (jetzt sind's mit meiner vier). Heinrich Beidatsch, Rechtskonsulent, Geschwister Blunck, Schönheitspflege, Massage, Maniküre; Ella Ronach, Tänzerin. Ich klingelte. Frau B. öffnete selbst. Eine dicke Person in einer hellen Kattunjacke, mit sehr starkem Leib, schlaffen, gelben Gesichtszügen, in denen sich ein Kneifer ganz drollig ausnimmt, und lange Hände, deren Magerkeit auffallend mit der Körperkorpulenz kontrastiert.

»Was wünschen Sie?« fragte sie. Ich sagte meinen Spruch auf, worauf sie mich einließ. »Ach was! Von der Pietsch Anna kommen Sie?« rief sie, »treten Sie näher, Fräulein, ist zwar ein bißchen provisorisch bei mir, man muß sich eben behelfen.« Damit ließ sie mich in eine Küche treten, auf deren Herd ein Kohlgericht schmorte und den Raum mit seinen lieblichen Düften erfüllte. An der Längswand stand ein Korbsofa mit einem Tisch davor, auf das ich genötigt wurde. »Nun erzählen Sie mal, was macht denn die Pietsch Anna?«

Ich berichtete. »Na, da muß sie es freilich dicke getrieben haben, denn die Anna war zeitlebens ein gerissener Hund. Eine ganz Ausgekochte . . .« sagte sie, »wir sind nämlich Schulkolleginnen und Nachbarkinder.«

Ich mußte die Frau ansehen und Vergleiche anstellen. Himmel, sieht die alt aus gegen die Kindermann, die, wenn sie in Toilette war, einen jugendlichen, ja fast vornehmen Eindruck machte! Während wir einander, umhüllt von den Dämpfen, die dem Kohltopf entstiegen, gegenübersaßen, bemerkte ich, wie genau sie mich 137 musterte und wie ihr schlaffes Gesicht einen immer wohlwollenderen Ausdruck annahm.

Wir sprachen über dies und jenes und endlich fragte ich sie, ob sie vielleicht ein Zimmer frei hätte.

»Für Sie?« fragte sie. Ich bejahte. »Ja, da schickt Gott Sie zur richtigen Stunde,« sagte sie, »unser allerbestes Zimmer nach der Straße zu mit separatem Eingang ist gerade frei geworden. Mir ist es ja nicht gleich, wen ich als Mieterin habe. Ich vermiete nur an bessere Damen, die nicht unter Kontrolle stehen, meine Damen sind alle beruflich tätig. Was machen Sie denn? Etwas müssen Sie angeben. Können Sie maniküren oder massieren oder wollen Sie an ein Theater, oder sich als Krankenpflegerin ausbilden?«

Ich sagte ihr, daß ich Sprachunterricht zu erteilen gedenke. Ich spräche perfekt französisch und englisch, und auch russisch und italienisch.

»Sehr gut,« sagte sie, »Sprachlehrerin ist sehr fein und schick. Da wollen wir man gleich eine Annonce im Lokalanzeiger für Sie loslassen. Mein Sohn, der Rechtsanwalt, kann sie aufsetzen. Ich will 'n nachher gleich rufen.«

Ich wollte mir nun das Zimmer ansehen, und sie wackelte voran und schloß auf.

Die Stube, in die wir traten, machte mir auf den ersten Blick einen geradezu armseligen Eindruck, obgleich sie eine gewisse schäbige Eleganz markierte. Die Vorhänge schmutzig, der Teppich zertreten und verschabt, die roten Plüschbezüge der Möbel verschossen. An der einen Längswand steht eine Chaiselongue mit einem grauweißen Fell und in der Ecke steht das Bett hinter einer spanischen Wand. Ich muß gestehen, daß mir der Gedanke, in diesem Loch zu wohnen, geradezu Entsetzen einflößte.

»Wieviel soll das Zimmer kosten?« fragte ich.

138 »Hundertachtzig Mark inklusive.«

Ich glaubte mich verhört zu haben. Hundertachtzig Mark – – dann war ja die Pension bei der K., wo ich das hochelegante Zimmer hatte, geschenkt!

»Monatlich?« fragte ich.

»Natürlich, denken Sie jährlich?« sagte sie und lachte.

»Ich finde das sehr teuer,« sagte ich.

»Teuer? Na, ich danke, Fräulein! Das ist ja doch wohl nicht Ihr Ernst. Im Gegenteil. Billig ist's. Was meinen Sie, was wir Vermieter dabei riskieren? Unter dem nimmt Sie keiner. Eine so feine Dame wird doch um ein paar Meter nicht reden.«

Ich überlegte. Im Hotel konnte ich nicht lange bleiben, vielleicht war's für die erste Zeit von Vorteil, sich ein ungeniertes, wenn auch einfaches Zimmer zu nehmen. Ich mietete also und ließ abends meine Sachen herbringen.

Mir war so hundeelend, daß ich gar nicht zum Nachdenken kam. Im Zimmer rauchte der Ofen. Die Bettwäsche roch nach Chlor, und ich hörte während der ganzen Nacht Leute kommen und gehen. Am andern Morgen konnte ich nicht aufstehen, hatte Fieber und heftiges Seitenstechen. Frau Beidatsch brachte mir mit dem Frühstück das Manuskript des Inserates ans Bett. Das letztere schien mir etwas sonderbar abgefaßt, es lautete:

                Fräulein Thymian
Gotteball empfiehlt sich zur Erteilung von englischen und französischen sowie russischen und italienischen Sprachstunden.

Ich fragte die B., warum die ersten beiden Worte denn gleichsam als Etikett obenauf ständen.

»Ja, Fräulein, das ist doch gerade der Kniff,« sagte sie, »wie sollen die Herren sonst wissen, wieso und woran! Sonst könnten Sie ja riskieren, daß Sie lauter Rangen 139 als Sprachschüler bekämen! Hier in Berlin ist doch manches anders als in der Provinz, wozu Hamburg immerhin auch gehört.«

Ich war so matt und so krank, daß ich nicht antworten mochte. Am Abend mußte ich zum Arzt schicken, und der konstatierte Lungenentzündung.

Die ersten Tage lag ich ganz apathisch da, später verlor ich oft für Stunden das Bewußtsein. Zwischenhinein war mir furchtbar zumute. Das Fieber stieg bis zu vierzig Grad und darüber. Ganz teilnahmlos, halb bewußtlos beobachtete ich die Gestalten, die sich neben meinem Bett bewegten, als da außer Frau B. waren: zwei Mädchen, eine rot- und die andere schwarzhaarig, beide sehr wuschelköpfig und gleich gekleidet mit roten Blusen und schwarzen Röcken und noch eine kleine, sehr schmale, blonde Person. Die drei kramten ungeniert zwischen meinen Sachen herum, probierten meine Hüte auf, zogen meine Mäntel und Jacken an, und hatten sich, als ob sie sich bereits meinen Nachlaß teilten. Zum Glück waren die beiden Koffer, in denen auch meine Schmucksachen lagen, verschlossen. Als ich nach einigen Wochen etwas besser war, erfuhr ich, daß die drei meine Mitmieterinnen waren. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich übrigens konstatieren, daß die beiden Schwestern Blunck – Molly und Dolly – sich sehr nett und gefällig und teilnehmend erwiesen, mir sogar öfters Blumen und Obst brachten, und stets zu kleinen Handreichungen bereit waren. Die Tänzerin – sie ist am Apollotheater im Chor – kann ich weniger gut leiden. Ein freches Mundwerk haben sie alle drei, ich habe noch in meinem Leben nicht solche Redensarten gehört, obgleich die Kindermann, Konni und ihre anderen Freundinnen auch für ein gutes Stück raten konnten. Wenn sie in meinem Zimmer zusammensaßen, erzählten sie einander ihre Abenteuer und dabei bekam ich dann einen Einblick in 140 eine Welt und in ein Leben, von dem ich bisher doch nichts wußte. Ach lieber Gott, ist das fürchterlich. Die Herren, mit denen ich bisher zu tun hatte, waren doch alle Kavaliere, die sich keine Roheiten gegen mich herausnahmen und es mich nicht fühlen ließen, daß . . . usw. Aber hier, wo es alles auf die Marken und Groschen geht . . . entsetzlich!

Meine Genesung ging nur langsam vorwärts. Ich habe Nächte und halbe Tage lang geweint. Ich hatte allen Lebensmut verloren. Ich kam mir ganz degradiert, wie in des Lebens tiefsten Abgrund geschleudert vor in dieser Umgebung, am liebsten war ich gestorben. Dann wurde ich allmählich besser, und meine Todessehnsucht verlor sich. Als ich das erstemal aufstand, machte ich eine schreckliche Entdeckung. Einer meiner Koffer, in dem ich mein Geld verwahrte, war mit einem Nachschlüssel geöffnet und die neunhundert Mark, die ich in Hamburg von der Bank abgehoben hatte, waren daraus verschwunden, außerdem ein Brillantring (mein erster von Glimm) und eine Brillantnadel. Ich schlug natürlich Lärm, aber Frau B. machte ein großes Geschrei und rief, ich sollte mich nicht unterstehen, ihr die Polizei auf den Hals zu hetzen. Sie sei keine Diebin und hätte keine Diebe im Hause, ihre »Ehre« sei das einzige Kapital, was sie hätte (Gott, muß die arm sein!) usw. Sicher wäre es mir schon im Hotel gestohlen, wiederkriegen tät' ich es ja doch nicht. Der Koffer hätte doch immer vor meinen Augen dagestanden usw. Die Mädchen beschworen mich auch, doch nicht die Aufmerksamkeit der Polizei auf sie zu lenken, sie hatten ohnehin solche Höllenangst usw. Was sollte ich machen? Ich schwieg still; ich habe selbst nicht gern etwas mit der Polizei zu schaffen. Aber es ist doch schrecklich. Neunhundert Mark! Fast mein ganzes Barvermögen. Als ich Frau B. meine Rechnung, Arzt und Apotheker bezahlt hatte, hielt ich gerade noch 141 vier Mark zwanzig Pfennig nach. Frau B. riet mir, ein paar meiner Wintersachen, die ich in diesem Jahr doch nicht mehr brauche, zu versetzen, was ich tat. Sie selbst brachte meine Persianerjacke und den Zobelmuff von Ludwig aufs Leihamt und brachte wahrhaftig dreihundertunddreißig Mark dafür, was mich sehr freute. Wer das Geld und die beiden Schmucksachen gestohlen haben kann, weiß ich nicht. Vielleicht ist es wirklich schon im Hotel geschehen. Auf die Mädchen habe ich keinen Verdacht, auch eigentlich nicht auf Frau B., noch eher traue ich es ihrem Sohn, dem sogenannten Rechtsanwalt, zu, ein widerlicher Kerl mit einem häßlichen Gesicht und schmarotzerhaften Wesen. Aber der war doch, soviel ich weiß, nie allein in meinem Zimmer. Na, hin ist hin, und Wiedersehen macht Freude.

Der erste Reflektant auf mein Inserat war ein ganz junges Bürschchen, kaum trocken hinter den Ohren, der gleich aufs Ganze ging und so roh mit der Tür ins Haus fiel, daß ich ihn hinausschmiß. Dann ging er eine Tür weiter zu Molly und Dolly und ließ sich maniküren. Die lachten mich aus und meinten, ich sei schön dumm. Später kamen ein paar andere Kunden, denen ich am liebsten einen Tritt gegeben hätte, aber schließlich . . . Ich habe nun eine andere Annonce im Tageblatt und in der Vossischen erlassen, auf die ich wirklich Schüler und Schülerinnen für Sprachstunden zu bekommen hoffe. Manchmal sehne ich mich ordentlich nach Beschäftigung, nach ehrlicher Berufsarbeit und vor allem nach einem gebildeten Menschen, mit dem ich mich ordentlich unterhalten kann. Diese Unterhaltungen mit den Mädchen sind einfach fürchterlich. Molly und Dolly entstammen kleinbürgerlichen, anständigen Familien und waren bei Wertheim Ladenmädchen. Eines Tages lernten sie eine Frau kennen, die auch manikürte und die sie einlud, sie zu besuchen, (à la Anna Kindermann). Da ging es dann so kleinem bei 142 kleinem, genau wie bei mir. Schließlich verführte das Weib sie zu Durchstechereien und Diebstählen im Laden, die Sache kam an den Tag, und Molly und Dolly kriegten jede vier Monate. Als sie nachher herauskamen, beschlossen sie, zusammenzuhalten und sich als Schwestern auszugeben. Weil sie immer ganz gleich gekleidet gehen, werden sie in ihren Kreisen die Ponys genannt. Sie wollten mich schon oft abends mithaben, aber ich mag nicht. Ich bin noch immer nicht so wie sonst auf dem Damm. Ich gehe oft im Tiergarten spazieren. Er ist jetzt so herrlich. Aber das frische Grün und der Frühlingsodem machen melancholische Gedanken. Die Welt so schön und das Leben so ekelhaft.

* * *

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