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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7. Mai 1893.

Von den vergangenen Monaten ist vieles nachzuholen.

Ich hatte ja der Kindermann immer prophezeit, daß die Sache mal schief geht. Ich dachte aber damals, daß sie an einem schönen Donnerstag unsere Tempel konfiszieren würden und es dann zu einem großen Krawall käme, besonders, wenn es sich herausstellte, daß die Geschichte an sich nicht koscher wäre. Daß sie sich mit 131 den Salons und Séparées hereinreiten würde, hatte ich nicht erwartet.

Die Völker wurden aber auch zu frech – – Was da für Cochonnerien vorgefallen sein mögen, mag der Himmel wissen. Ich habe mich auf diesen Geschäftszweig der Kindermann nie eingelassen. Die Sache war aber im Handumdrehen im Flor und hat der Alten offenbar ein tüchtiges Stück Geld eingebracht. Was für Herren und was für Damen da zu uns gekommen sind . . . Es ist unglaublich.

Also die Polizei war da aufmerksam gemacht. Und eines Abends hatte ein Paar vergessen, die Rouleaux herabzulassen, und da haben die Nachbarn aus dem Hinterhaus alles beobachtet, und andern Tags hatten wir die Bescherung. Glücklicherweise bekam die K. gleich am Frühen Morgen einen Wink von dem kleinen L., der ja über alles, was auf der Polizei vorgeht, au fait ist, und konnte ihre Sache noch rasch arrangieren. Sie hätte zur Not auch ausrücken können, aber sie wollte das nicht. Lieber, sagt sie, sitzt sie ein Jahr ab, und ist dann nachher wieder Herr über sich selber. Dagegen riet sie mir, schleunigst zu packen und abzureisen. Sie war ganz rührselig. »Ich schwöre darauf, daß Sie mit der ganzen Geschichte nichts zu tun haben und von nichts wissen,« sagte sie, »ich habe Sie immer wie eine Tochter geliebt. Hochbringen habe ich Sie wollen und da wäre es ja noch schöner, wenn ich Sie jetzt ins Unglück brächte. Freilich müssen Sie, wenn man Sie doch erwischt und als Zeugin vorführt, dann auch schwören, daß Sie von nichts was wissen.«

»Falsch schwören möchte ich nun doch nicht gerade,« sagte ich.

»Ach was,« sagte sie verächtlich, »was heißt falsch schwören! Wenn Sie an Gott und die lieben Engelein und das schöne Paradies glauben, dürfen Sie freilich 132 nichts Unrichtiges beschwören. Aber das Paradies ist doch kein Asyl für unsereins, und da wir so wie so schon nicht hereingelassen werden, kommt's auf eine Hand voll mehr oder weniger nicht an. Was ist so ein Schwur denn anders als 'n Ehrenwort . . . Ich kann Ihnen sagen, wenn ich heute für jedes Ehrenwort, das an jedem Tage in der Welt gebrochen wird, nur einen Groschen bekäme, morgen tat ich vierspännig über den Jungfernstieg fahren.« Dann gab sie mir allerhand gute Ratschläge für die nächste Zukunft. Ich sollte nach Berlin fahren und mich dort an ihre Freundin, die Zimmer abvermietet, auch eine Leipzigerin, wenden. Sie gab mir die Adresse und einen Brief, und half mir beim Packen. Es ging hopp, hopp, haste nich gesehen, um zwei Uhr fuhr ich mit einer Gepäckdroschke ab, und um drei Uhr hat die Polizei das Haus geschlossen und die K. in Verschütt genommen. Ich fuhr zunächst nach dem Berliner Bahnhof, deponierte dort meine großen Gepäckstücke und fuhr mit ein paar kleineren nach Frau Adler in der Langenreihe. Ich bat sie, mich ein paar Tage bei sich zu behalten, was sie gern tat. Ich war für den Tag so müde und zerschlagen, daß ich mir nichts vornehmen konnte; anderen Tags schrieb ich an Ludwig und ließ ihn herkommen. Er kam sofort und war sehr alteriert über die Sensationsaffäre, die die Abend- und Morgenzeitungen gebracht hatten und konnte sich gar nicht darüber beruhigen, daß ich »ahnungslos« in diesem Höllenpfuhl gewohnt hatte. Dann umschlang er mich mit beiden Armen und zog mich auf seinen Schoß und sagte mir, daß er es nicht länger mit ansehen könne, wie ich heimatlos und verlassen umherirrte. Er würde sich von seiner Frau scheiden lassen und mich heiraten. Am Morgen hätte er es ihr bereits gesagt und es hätte eine schwere Szene gegeben, und nun sei sie fort zu ihren Eltern und er wollte noch am selben Abend zum Rechtsanwalt und 133 die einleitenden Schritte tun. Ich erwiderte zunächst gar nichts. Vor meinen Augen baute sich etwas verlockend Schönes auf, ich sah in eine Zukunft voll ruhigen Friedens, in der alles, was jetzt Schein ist, in Wahrheit und Wirklichkeit sich verdichtete. Ich hatte ja das Leben so satt, – und es war ein süßer Gedanke, fortan wieder ruhig dahinleben zu können, besorgt und behütet von einer treuen, zärtlichen Seele, die an mich wie an ein Evangelium glaubte. Aber diese Regung zog vorüber und mir ward wieder bewußt, daß die Brücken hinter mir abgebrochen und die Schiffe verbrannt sind. Da ging etwas anderes durch mich hin: der Vorsatz, eine gute Tat zu tun, Ludwig alles zu sagen und ihn wieder mit seiner kleinen Frau zu versöhnen. Woher ich den Mut zu meiner Beichte nahm, begreife ich heute noch nicht, es ging erst langsam und stockend und wurde dann immer fließender, und es kam entsetzlich trocken und brutal heraus – – meine ganze Lebensgeschichte ohne schmeichelnde Übermalung. Ich sagte ihm alles. Er wurde weiß wie die gestärkte Tischserviette und dann grün und gelb und man sah ihm an, daß er nur mit Not und Mühe nach Atem und Worten schnappte.

»Das ist ja alles nicht wahr,« sagte er, »ist alles Phantasie, Thymian, das kann gar nicht wahr sein.« »Doch ist es wahr,« sagte ich. »Ich habe schon vielen Männern angehört, allen, die mich wollten und die genügend Kleingeld hatten, um sich den Luxus, mich zu lieben, gestatten zu können . . .« Da sprang er auf, packte mich am Arm und schleuderte mich mit einer Kraft, die ich ihm gar nicht zugetraut hatte, von sich, daß ich hinfiel, und raste wie ein Wahnsinniger durch das Zimmer. Riß in seinem Paroxismus das Fenster auf und schleuderte die Blumenstöcke herunter, daß ein großes Geschrei unter den Kindern, die auf dem Hofe spielten, entstand, und riß die Bilder von den Wänden und die Nippes vom Vertikow 134 und warf damit nach mir und stieß mich mit Füßen und spie nach mir und schrie zwischendurch allerhand Sätze: Dieses Geschöpf habe ich geliebt! Um solcher Kreatur willen habe ich meine Frau fortgejagt, hätte ich nahezu mit meiner gesamten Familie gebrochen – – Wie eine Heilige habe ich sie verehrt . . . Und ist eine Dirne – eine gemeine –. Ich saß still auf dem Sofa und ließ ihn toben, denn je toller er sich gebärdete, desto ruhiger und leichter ward mir. Ich weiß ja, daß ich mich nach den allgemein anerkannten Gesetzen der Sitte und der gesellschaftlichen Ordnung vergangen habe und in den Augen der meisten Menschen eine Verworfene, ein Paria bin. Aber ich weiß auch, daß über all' meinen Erlebnissen und meinen Verfehlungen eine große Traurigkeit liegt, und wenn Ludwig mich wirklich geliebt hätte, mit der großen, heiligen, reinen Liebe, deren ich ihn für fähig hielt, wenn er mich so geliebt hätte, würde er mir um der Traurigkeit willen verziehen und meine Schuld vergessen haben. Dann hätte er in mir die Unglückliche gesehen, und würde mich trotz allem und allem in seine Arme und an sein Herz genommen haben. Und dann hätte ich ihm gehört, – – ganz, mit Leib und Seele . . . Ich wäre ihm treu gewesen bis zu meinem letzten Atemzuge, ich wäre bis ans Ende der Welt mit ihm gegangen, ich hätte mit ihm gehungert, wenn's sein mußte, und hätte mich für ihn hängen lassen. Sein Rasen und Schimpfen verriet mir aber, daß er auch nur ein gewöhnlicher Durchschnittseuropäer ist, und daß seine blöden Philisteraugen nicht durch die Außenwand der Wirkungen hindurchdringen und die tiefinneren Ursachen erforschen konnten.

Hinter meiner Schuld steht die Majestät des Unglücks . . . Er aber sah nur die Sünde –!

Frau Adler stürzte herein und rief, sie würde die Polizei holen und er soll Schadenersatz leisten, und sie 135 würde mich auch nicht länger behalten, wenn ich so rabiate Besucher hätte. Ludwig warf drei Goldstücke auf den Tisch und nahm seinen Hut.

»Ich habe heute den Glauben an die Menschen verloren,« schrie er. »Dann haben Sie viel gewonnen,« sagte ich kalt. Am Nachmittag ging ich nach Eimsbüttel, um womöglich das Kind noch mal zu sehen. Es war ein bitterkalter Tag. Die nasse Kälte drang durch meine Kleider, und ich fror wie ein Schneider. Ich hoffte auch kaum auf Erfolg, denn es war nicht anzunehmen, daß das Kind bei dem Wetter herauskam. Ich wollte mich schon wieder auf den Rückweg machen, da ging gerade die Haustür bei Peters auf und das Mädchen kommt mit Erika an der Hand heraus. Wie eine große Pariser Puppe sah es aus in seinem weißen Mäntelchen, dem großen, weißen Hut, den schwarzen Locken, weißen Gamaschen und Pelzchen. Ich folgte beiden, ging eine Strecke hinter ihnen her und rief das Kind beim Namen. Es sah sich um, erkannte mich offenbar und fing, die Arme nach der Bonne ausstreckend, jämmerlich an zu schreien. Ich kann mir denken, daß sie dem armen Wurm etwas Böses von mir gesagt und ihm Angst gemacht haben, es fürchtete sich anscheinend sehr, und das Mädchen, das jedenfalls seine Instruktionen hatte, nahm das Kind auf den Arm und machte schleunigst kehrt. Ich ließ sie gehen und setzte meinen Weg fort. Ich sehe ein, daß es wohl wirklich das beste ist, wenn ich den Weg der kleinen Erika nie mehr kreuze. Abends fuhr ich nach Berlin.

* * *

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