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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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22. März.

Gestern litt es mich nicht länger. Ich war bei Peters und hatte den Empfang, den ich voraussetzen konnte.

Das Mädchen hatte mich kaum in den Salon hereingelassen, als die Gnädige, gefolgt vom Gemahl, hereinrauschte und mich puterrot anschnauzte. Es sei eine unerhörte Frechheit von mir, mich wieder und wieder an das Kind heranzudrängen, und wenn es noch einmal vorkomme, würden sie die Polizei zu Hilfe rufen. Diesmal aber hielt ich auch nicht den Mund und setzte gleich das Deckelchen auf den Anranzer.

»Ja?« sagte ich. »Das ist ja lieblich. Was habe ich dem Kind getan, was die Einmischung der Polizei nötig machte?«

Ich kriegte wieder das Nervenschütteln; am liebsten hätte ich die Person geohrfeigt. Der alte Konsul suchte etwas einzulenken. »Meine Frau meint das ja nicht wörtlich. Aber tatsächlich haben wir Ursache, uns ganz energisch Ihre fortgesetzten Behelligungen zu verbitten. Sie hatten die Stirn, sich von dem Kind ›Mutter‹ nennen zu lassen . . . in Gegenwart des Fräuleins! Das Kind ist nicht mehr so klein, daß dergleichen Eindrücke ganz spurlos an ihm vorübergehen, etwas bleibt haften. Sie müssen doch einsehen, daß das unmöglich so weitergehen kann.«

»Gar nichts sehe ich ein,« rief ich. »Ich habe auch Rechte an das Kind, das ich zur Welt gebracht habe, Menschenrechte, Mutterrechte, die mir kein Teufel streitig machen kann. Ich will mein Kind zeitweilig sehen, ich will es.«

Frau Peters rief, ich sei eine unverschämte Person 125 und ich solle sofort das Haus verlassen. Aber der alte Konsul sagte:

»Geh, Agnes, laß mich nur allein mit dem Fräulein reden, sie wird schon Vernunft annehmen.«

Und als sie hinaus war, faßte er mich am Arm und sagte: »Wissen Sie, mein Kind, wenn Sie uns weiter durch Ihre merkwürdigen Ansprüche belästigen, werde ich dem Herrn Polizeikommissar mal einen Wink geben, sich mal ein bißchen mit Ihnen zu befassen und Sie und Ihre Lebensführung mal ein Weilchen in Observation zu nehmen. Ihr Vater schrieb mir, daß er nichts von Ihnen wüßte, und daß Sie zu seinem Herzeleid alle seine guten Warnungen und Ratschläge unbeachtet ließen. Ihr ganzes Auftreten spricht aber dafür, daß Ihnen große Mittel zur Verfügung stehen. Woher Sie diese Mittel nehmen, ist nicht meine Sache und interessiert mich auch nicht, aber es ist Ihnen wohl bekannt, daß unsere Polizei keinen Spaß in solchen Dingen versteht. Ich glaube deshalb, daß Ihnen eine Observation von kompetenter Seite nicht angenehm sein dürfte . . .«

Ich wollte etwas entgegnen und konnte nicht. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und dunkelrot. Ich schämte mich entsetzlich vor dem alten Mann, und das Ende vom Liede war, daß ich wie ein geprügelter Hund fortschlich, nachdem ich ihm fest versprochen hatte, mich in Zukunft nicht mehr um Erika zu kümmern (was ich natürlich nicht halte). Draußen rannte ich, so rasch ich konnte, durch die Straßen. Mir war hundemiserabel zumute, ich trug an der Demütigung, wie an einer schweren Last, die mir die Schultern ordentlich herunterdrückte. Ich weiß nicht, wie mir war. Das Rauschen meiner Unterröcke, das ich sonst so gern hörte, fiel mir auf die Nerven. Ich lief und lief, als müßte ich dem Schimpf entfliehen. O, es ist ein armes Leben. Ein armes Leben. – – Gestern, abend war großer Klimbim. Sämtliche 126 chambres séparées waren besetzt. Ich soff mich bis zur Besinnungslosigkeit voll Sekt und habe heute meinen Kater.

Im blauen Salon machten sie Paradies. Ich war nicht mit dabei. Es stößt mich ab. Übrigens sind ein paar ehrbare Kaufmannsfrauen von St. Pauli darunter. »Feine Damen« haben wir mehrere dabei. Das ist ja auch kein Wunder, wenn man so in den Tag hineinlebt, gut ißt und trinkt, keine Sorgen und viel Geld und Langeweile hat, kann man wohl auf absonderliche Einfälle zur Auffrischung der ermüdeten Nerven kommen, aber diese Philisterweiber sollten doch füglich an ihren Kochtöpfen und ihren Männern genug haben.

Ich war so benebelt, daß ich mir das teure Spitzenkleid in Fetzen vom Leib riß, anstatt es aufzuhaken. Nun ist es hin. Ich hab es meiner Waschfrau für ihre Tochter, die ans Variété will, geschenkt. Kosmos, der bei mir war, soll mir dafür ein neues kaufen.

* * *

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