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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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120 Ich hatte heute wieder mal Krakehl mit der Kindermann. Wegen einer Flasche Larose, die sie mir in die Rechnung geschmuggelt hatte. Es ist einfach unerhört mit dem Weib. Ich dächte, mit fünfzehn Mark Pension täglich könnte sie sich genügen lassen. Ich soll die Flasche Larose am Abend des 22. Januar bekommen haben, Ludwig wäre dagewesen. Zufällig konnte ich ihr beweisen, daß das eine unverschämte Lüge ist. Am 22. dinierten wir im Wintergarten des Hamburger Hofs und gingen von da ins Thaliatheater. Im Vestibül entdeckte Ludwig seine Mutter, und da er riesig Respekt vor ihr hat, drückte er sich und ich ging allein in die Loge. Mir ist dieser Abend deshalb erinnerlich, weil ich in dem Theater eine neue Bekanntschaft machte. Der Herr saß in der Proszeniumsloge und starrte mich fortwährend an, sah ausnehmend vornehm aus, so daß ich mir einbildete, es sei ein indischer Rajah oder so etwas Gut's. Nachher stellte es sich heraus, daß es ein Krefelder Seidenwarenfabrikant war und sich Schulze schrieb. Gleichwohl hat er ein hübsches Stück Geld bei uns gelassen.

Dieses Weib! Immer möchte sie es durchblicken lassen, als ob ich ihr etwas zu verdanken hätte! Diese Megäre. Dabei hat Ludwig erst letzten Ersten die Miete bezahlt, um ihrer schönen Augen willen hat er das nicht getan, darauf kann sie's Abendmahl nehmen. Ich war so in Rage, daß ich ihr ein Buch an den Kopf pfefferte und ihr zuschrie, ich täte mich nächstens allein einmieten. Da wurde sie höhnisch und meinte, da säße ich bald in der Schwiegergasse. Sie wäre diejenige, welche . . . usw.

Es geht verdammt langsam mit dem Sparen. Zu meinem Geburtstag wollte Ludwig mir eine Brosche bei Schlesinger kaufen. Ich bat ihn, mir dafür das Geld zu 121 geben. Er drückte sich erst, ich merkte es ihm an, es war ihm peinlich – das olle Schaf! Meine Rechnungen bei Meinke und der Putzmacherin oder meine Monatsrechnung bezahlt er, ohne eine Miene zu verziehen, aber bares Geld . . . . . . Na, ich versteh's ja. Wenn ich mir das Gefühl vergegenwärtige, mit dem ich zum ersten Male Geld annahm – – vor einem Jahr, als mir das Messer an der Kehle saß – – Schwamm drüber! Nie mehr daran rühren! Immerhin ist es ein verfluchtes Gefühl, von jemand überschätzt zu werden. Ludwig sieht aber immer noch die Dame in mir; was mir nach einer Seite hin wohltuend, nach anderer unbequem ist. Auf meine Bitte gab er mir dann ein Bankbüchelchen des Norddeutschen über fünfhundert Mark.

Wenn nur die Toilette und die tausend und zehn Kleinigkeiten des Drum und Dran nicht so viel verschlängen! Manchmal bin ich ganz mutlos. Es ist doch ein dummes Leben, aber was haben andere denn? Auch nichts Berühmtes. Annie Meier läßt sich von ihrem Manne scheiden und sitzt mit ihren zwei kleinen Würmern zu Haus bei ihren Eltern. Dabei kann doch nicht von einer übereilten Heirat die Rede sein, wo sie sich doch schon auf der Schulbank verlobte und ihn von Kind an kennt. Er soll sie nach Noten verwichst haben. Sonderbar, ich hatte Boy immer für einen ganz guten Kerl gehalten. Lina Schütt wohnt hier in der Ferdinandstraße. Sie hat einen Buchhalter geheiratet, der wegen Meineid zu anderthalb Jahr Zuchthaus verurteilt ist, und nun seine Strafe absitzt. Lina vermietet Zimmer und es geht ihr elend. Ich traf sie mal auf der Lombardbrücke und redete sie an, aber sie tat so komisch und von oben herab, daß ich mir gleich dachte, was der im Genick steckt. Ich mußte lachen und ärgerte mich doch. »Wie geht dir's, Lina?« sagte ich. »Schlecht,« sagte sie giftig, »für eine anständige Frau ist es sehr schwer, sich ehrlich 122 durchzuschlagen. Seidene Unterröcke und Federhüte verdient man sich nicht beim Abvermieten. Aber ich wollte doch lieber verhungern, als ein Tipfelchen von meiner Ehre preiszugeben.« –

Im Augenblick kochte es in mir auf und ich hätte ihr gleich ein paar passende Wörter gesagt, aber ich besann mich, daß es nicht der Mühe wert ist, sich mit solch einer Gans auseinanderzusetzen. Ich erzählte es Grete nachher, sie lachte darüber und sagte: »Man kann von einem Hammel nicht mehr verlangen als Fleisch und Wolle.« Und sie hat recht.

* * *

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