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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Leider sind gerade hier, wo sich die seelischen Konflikte der Schreiberin zu einer Krise verdichten, eine größere Anzahl Blätter aus dem Buche herausgeschnitten.

Mir haben diese sorgfältig herausgeschnittenen Seiten oft zu denken gegeben.

Ihr, die später alle, auch die schimpflichsten und unwesentlichsten Daten ihres armen verpfuschten Daseins in diesem Buche fixierte, die sich immer aber eine gewisse Sensibilität des Empfindens bewahrte, mag die Erinnerung an jene Zeit, wo sie mit zagendem Fuß die letzte schwankende Brücke zwischen zwei Welten überschritt, besonders peinvoll gewesen sein.

Sonst wüßte ich keine Erklärung dafür.

Leider entsteht durch das Fehlen der Seiten eine Lücke in den Aufzeichnungen. Obgleich ich gerade in der Zeit die Verfasserin öfters sprach und sah, weiß ich nur weniges zu ergänzen, da sie aus erklärlichen Gründen in den Mitteilungen über ihr Leben und ihre Bekannten eine große Zurückhaltung beobachtete. Psychologisch merkwürdig mag immerhin die Tatsache sein, daß sie in der Zeit von einem wirklichen Bildungshunger ergriffen schien. Sie erzählte mir einmal, daß sie jeden überschüssigen Taler in Wissenschaft umsetzte. Sie vervollkommnete sich während ihres zweijährigen Aufenthaltes in Hamburg, wo sie als Gesellschafterin, resp. Pensionärin 119 der Frau Kindermann fungierte, im Französischen und Englischen, lernte Russisch und Italienisch und nahm Unterricht in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern.

Auf ihrem Schreibtische lagen Stöße von wissenschaftlichen und philosophischen Werken. Ich entsinne mich, daß sie mich, als ich sie einmal besuchte, auf einen Band Carlyle aufmerksam machte. Sie wußte ganze Kapitel dieses Auszugswerks wörtlich auswendig. –

Aus späteren mündlichen Mitteilungen habe ich erfahren, daß die Frau Liesmann zur Zeit in Heringsdorf einen schwedischen Hotelier kennen lernte, ihm mit ihrem Kinde nach Upsala folgte und sich dort mit ihm verheiratete. Trotz der obskuren Vergangenheit dieser Dame soll die von einer Reihe von Kindern gesegnete Ehe überaus glücklich geworden sein.

Unmittelbar nach der Abreise der Liesmann ist Thymian dann jedenfalls zu der Kindermann übergesiedelt.

Zwischen der letzten und der nun folgenden Eintragung liegt ein vollständiger Bruch der Verfasserin mit den Ihren. Genaueres und Bestimmtes weiß ich auch darüber nicht. Ich nehme an, daß die Verwandten mütterlicherseits darauf bestanden, daß Thymian von der Kindermann weg und wieder in eine bessere Familie komme. Da sie mittlerweile aber majorenn geworden war, hat die Familie, zumal sie viel wohl den öffentlichen Skandal scheute, offenbar nichts ausgerichtet. Auch zwischen Thymian und ihrem Vater scheint von da an eine Entfremdung eingetreten zu sein.

Anmerkung d. Herausg.

* * *

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