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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die ganze Chose hier wird von Herrn von Vohsen unterhalten. Er bezahlt die Miete und gibt Konni monatlich dreihundertfünfzig Mark, außer den vielen, vielen Geschenken. Dann hat er fünfzehntausend Mark für Kurtchen auf die Bank gesetzt, für den Fall, daß er einmal plötzlich stirbt; er ist nämlich sehr herzleidend. Ich finde das alles ja riesig nobel, aber Konni schimpft wie ein Rohrspatz über seine Knickrigkeit, und manchmal macht sie ihm fürchterliche Szenen, lamentiert über »verlorenes Glück« und jammert, daß sie, wenn er mal die Augen schließe, mit ihrem Kind betteln gehen müsse, weil er nicht für sie gesorgt habe. In der ersten Zeit war ich auch geneigt, ihr darin Recht zu geben, heute denke ich aber doch etwas anders darüber. Konni ist ihm nämlich nicht treu. Sie hat eine Liebschaft mit einem Offizier, einem Oberleutnant von Kronen, ein bildhübscher Kerl, in den sie rasend verliebt ist. Er kommt aber nie in die Wohnung, außer wenn Herr von Vohsen mal verreist ist. Sie sind sehr vorsichtig und treffen sich nur in der Stadt, wo sie sich ein Zimmer für stundenweise Benutzung gemietet haben.

Ich an ihrer Stelle würde doch Vohsen den Laufpaß geben, meinte ich mal zu ihr, und mich nur an den Mann halten, den ich liebe . . . Ich war eben noch ein bißchen dumm-naiv. Sie sagte, das wäre noch schöner, die Taube aus der Hand geben für den Spatz auf dem Dache.

Kronen hätte auch Geld, aber der braucht, was er hat, und ein solides Verhältnis sei doch reeller als so'n bißchen Liebe, von der man nicht satt wird und keine 106 seidenen Kleider kaufen kann. Das eine sei gewissermaßen Geschäft, und das andere Pläsier. Geschäft und Liebe. Ich fange an zu verstehen . . . Sapienti sat. Konni hat nicht viel Umgang, weil Herr von Vohsen das nicht liebt, und die paar Freundinnen, die sie hat, sind alle von einem gewissen Odium umgeben. Da ist eine Direktrice, die auch ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann unterhält, eine andere ist schon von drei Männern geschieden und lebt jetzt mit dem vierten in wilder Ehe, die dritte, Frau Anna Kindermann, war früher Schauspielerin (natürlich sechsten Ranges), sie hat ein abenteuerliches Leben, das drei Romanbände füllen würde, hinter sich, und es ist sehr amüsant, ihr zuzuhören, wenn sie dies oder jenes Kapitel ihrer Vergangenheit zum besten gibt. Ihr letzter Mann – sie hat, glaube ich, auch deren drei gehabt –, war Stallmeister in einem Wanderzirkus, der hat sie verwichst, und da ist sie davongelaufen, und jetzt ernährt sie sich von Massieren, das sie gelernt hat. Sie ist ärztlich geprüft, hat, wie sie sagt, sehr viel zu tun und muß viel Geld verdienen, denn sie hat auch eine sehr schön eingerichtete Wohnung und ist immer großartig elegant gekleidet. Obgleich sie schon achtunddreißig Jahre alt ist – Konni sagt, sie sei in Wirklichkeit sogar schon dreiundvierzig – sieht sie noch sehr hübsch aus, groß und stark, und hat langes blondes Haar, fast noch länger als das von Elisabeth war . . . Ach Gott . . . die arme Elisabeth – ihr Andenken wird nie in meinem Herzen verlöschen!

Frau Kindermann gibt auch öfters Gesellschaft, ich war schon häufig mit eingeladen, doch in der letzten Zeit kam immer etwas dazwischen, so daß ich nicht gehen konnte.

Ich hatte auch anfangs nicht viel Lust, und zudem fehlte mir die Toilette dafür.

An einem trüben, regenschweren Nachmittag, vor 107 etwa vier Wochen, saß ich allein im Wohnzimmer am Fenster und blickte, während ich an einem Röckchen für Kurtchen häkelte, auf die Straße hinaus. Herr von Vohsen war bei Konni; er hatte wieder eine Geschäftsreise nach Elsaß-Lothringen vor und redete Konni zu, daß sie mitginge, er ist nämlich in letzter Zeit etwas mißtrauisch und eifersüchtig. Konni will nicht gerne mitreisen, natürlich, sie amüsiert sich hier besser ohne ihn – und es kam zu einem ordentlichen Wortwechsel zwischen ihnen. Ich höre so etwas nicht gern, es ist mir immer peinlich, und ich sitze dann wie auf Nadeln und liefe am liebsten fort. Unterdessen schellte es. Ich ging hin, um nachzusehen und ließ Frau Kindermann, die draußen stand, herein. »Nanu?« sagte sie, »die zanken sich wohl, was?«

»Ach nein,« sagte ich, »sie sind bloß verschiedener Meinung.«

»Selbstverständlich,« sagte sie und lachte, »das kommt in den besten Familien vor. Und was machen Sie derweilen, Kindel?«

Ich zeigte ihr meine Häkelarbeit und sie setzte sich neben mich ans Fenster und wir kamen ins Gespräch, in dessen Verlauf sie mich fragte, ob ich mich denn befriedigt von meinem jetzigen Leben fühle. Ich antwortete der Wahrheit gemäß, daß ich es im Vergleich zu dem letzten Jahre bei Pastors wie im Himmel hätte. Sie meinte, ein junges Mädchen hat doch mal Sehnsucht nach ein bißchen Freude und Zerstreuung. Ich konnte nicht leugnen, daß ich mir auch manchmal wünschte, es käme ein besonderer Zufall, der eine große Veränderung zum Guten in mein Leben bringe. »Was verstehen Sie unter dem ›Guten‹?« sagte sie. »Nun Glück,« sagte ich. »Und was verstehen Sie unter Glück?« Ich zuckte die Achseln. »Man muß auch wollen, Kind,« fuhr sie fort. »Die gebratenen Tauben fliegen einem 108 nicht in den Mund. Wenn Sie hier immer in der Bude sitzen, können Sie lange lauern, bis das Glück zu Ihnen kommt. Sie müssen hinaus, gesehen werden, sich sehen lassen, dann sollen Sie mal sehen, wie schnell Sie Ihr Glück machen.«

»Ich habe nichts anzuziehen,« sagte ich. »Und Vater um Geld bitten, tu' ich nicht. Ich will mir jetzt selbst verdienen, was ich gebrauche.«

»Na, für die erste Aufmachung werden wir schon sorgen,« sagte sie gutmütig. »Und das andere findet sich dann nachher von selber. Auf den Kopf gefallen sind Sie ja gerade auch nicht. Sie sollten bei mir sein, statt bei Konni. Ich würde was aus Ihnen machen. Die Konni fürchtet wohl ein bissel die Konkurrenz, das aber fällt bei mir fort. Ich freu' mich, hübsche, junge Gesichter um mich zu haben. Kommen Sie doch mal abends zu mir.«

Ich versprach es. Nachher kam Konni herein, Vohsen war fort, und sie hatte ihm doch zusagen müssen mitzureisen und war sehr ärgerlich und verstimmt deswegen. Ich tröstete sie und versicherte ihr, daß ich Kurtchen gut versorgen werde, worüber sie sich freute.

»Nicht wahr, Konni, Fräulein Thymian kann doch öfters abends zu mir kommen? Das arme Ding verkommt hier sonst ja vor Einsamkeit und Langeweile,« sagte die Kindermann. »Natürlich, selbstverständlich,« sagte Konni zerstreut.

Andern Tags schenkte mir Konni ein elegantes Kleid von sich und zwei Blusen. Das Kleid, blaß korallenrot, hat ihr Herr von Vohsen mal geschenkt, worüber sie sehr erbost war, da rot doch gar nicht zu ihrem Haar paßt. Mir steht es ausgezeichnet. Frau Kindermanns Schneiderin änderte es für mich; es sitzt wie angegossen.

In der folgenden Woche reiste Konni mit Herrn von Vohsen ab. Ein paar Abende später schickte Frau 109 Kindermann ihr Dienstmädchen zu mir und ließ mir sagen, ich möchte doch ein bißchen rüberkommen. Es sei Besuch da und riesig gemütlich.

Ich zog rasch das neue rote Kleid an und ging dann hin.

Sie war anscheinend sehr erfreut, daß ich kam. In ihrem Schlafzimmer, wo ich meine Jacke ablegte, sagte sie, sie wolle mir noch das Haar ein wenig anders aufstecken, ganz modern, und als sie die Zöpfe aufgesteckt hatte, schrie sie ordentlich auf vor Erstaunen. »Die Pracht! Jesses, Mädel! So was darf man doch nicht verstecken! Das ist ja Sünde.« Ich sollte durchaus das Haar so offen hängen lassen, was mich aber genierte, da es bei der Länge meiner Haare sehr liederlich und auffällig aussah. Zuletzt band sie es mir mit einer weißen Schleife zusammen.

»Mädel, Mädel, sind Sie reizend!« sagte sie ganz verliebt. »Wenn Sie gescheit sind . . . na, ich sag' nichts . . . Wie eine Prinzessin müssen Sie leben können . . . Wie? Meinen nicht? Na – wie wär's? So 'n paar große Brillanten in die niedlichen Öhrchen und an den Fingern . . .«

»Ich hab' einen ganzen Kasten voll Schmuck,« sagte ich. »Mir liegt gar nichts dran –«

»Oho!« sagte sie, und dann gingen wir ins Eßzimmer. Um neun kamen zwei Herren, Freunde von Frau Kindermann, beide sehr elegant. Einer schlank, bartlos, mit einem Monocle, und einer dick mit einem schwarzen, gestutzten Bart und einer krummen Nase. Der erste hieß Albert Glimm und der andere Kirschbaum.

Wir speisten sehr gut zu Abend. Es gab Pasteten und Bouillon, nachher Hummermayonnaise, dann Fasan mit Kompott und zuletzt eine glacierte Bombe mit gefrorenen Sektfrüchten. Das Massieren muß viel Geld einbringen, daß Frau Kindermann es so dick haben kann. 110 Getrunken wurde zunächst Rotwein, dann Sekt und zuletzt Porter und Sekt. Frau Kindermann spielte beim Dessert Klavier und sang Couplets dazu, das heißt, sie krähte vielmehr. Das klang so komisch, daß wir alle lachen mußten, sie selber lachte mit. Ich bekam einen richtigen Schwips und wurde sehr ausgelassen. Herr Glimm packte mich um und tanzte mit mir durch das Zimmer, und setzte mich plötzlich mit einem Schwung wieder aufs Sofa neben Herrn Kirschbaum, der faßte mich um den Hals und wollte mich küssen, aber da verstand ich keinen Spaß, halb beduselt, wie ich war, nahm ich das Sektglas und schüttete es ihm hinten in den Hemdkragen, worauf er aufprustete und wie ein Besessener im Zimmer umherlief.

Frau Kindermann machte mir nachher einige sanfte Vorwürfe und sagte, ich hätte das nicht machen dürfen.

»Ja, warum nicht?« sagte ich. »Ich werd' mich von dem ollen ekligen Jud' küssen lassen. I gitte gitt . . .«

»Man still, Kind,« sagte sie, »der hat Moses und die Propheten. Wenn Sie den als Freund hätten, wären Sie geborgen. Der tät Ihnen Brillanten an die Strumpfbänder nähen, wenn Sie's wollten.« »Nicht in die Tüte,« sagte ich, »außerdem ist er verheiratet.« »Ja, aber, liebes Kind, was gehn Sie denn die Privatverhältnisse des Herrn an,« sagte sie . . .

Na, ich danke. Die scheint mir eine nette Tante. Wenn sie und Konni und die zwei andern zusammen kohlen, kann man nur davon laufen. Ich bin nicht von gestern, aber das wird mir manchmal doch ein bissel happig.

Als ich in der Nacht nach Haus kam, konnte ich erst lange nicht einschlafen. Meine Nerven waren zu erregt. Mein Herz pupperte. Ich hätte noch im Bett lachen und schwatzen mögen. Es ist doch richtig, daß man sich mal herausreißt, sonst vergißt man ganz, daß man jung 111 ist. Es ist doch schön, sich mal ein bißchen aufzurütteln. Und wie die beiden Kerle mich angeguckt haben!

Denen hab' ich gefallen . . .

Herrjeh, wenn ich so Toiletten hätte wie Konni und die Kindermann! Das heißt nicht nur Kleider und Hüte, nein alles: ganz, ganz spinnwebfeine Wäsche mit Spitzen, seidene Strümpfe, rauschende Unterröcke in allen Regenbogenfarben, Atlaskorsetts und die feinen Parfüms, die einen wie eine zarte, diskrete Duftwolke umhüllen . . .

Ich glaube wirklich, man kann glücklich sein, wenn man so zu leben versteht.

* * *

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