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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Pastors mußte ich mir die Augenblicke, wo ich ein paar Seiten schreiben konnte, stehlen. Die letzte Eintragung mit Blei beim flackernden Schein einer Groschenkerze ist kaum zu lesen . . . Jetzt dagegen hätte ich Zeit genug, aber ich bin gar nicht mehr darauf gekommen, bis ich das Buch heute morgen plötzlich hervorkramte, und da es ein so langweiliger Sonntag-Nachmittag ist, will ich mal wieder schreiben. Die letzte Seite gibt so ganz meine Gedanken in jener Zeit wieder. Es war ein mieses Jahr im Pastorat, und damit meine Aufzeichnungen einmal vollständig der Nachwelt in Händen kommen, will ich das, was seitdem geschah, in großen Umrissen nachholen.

96 Wenn ich meine Eindrücke meines »Besserungsjahres« resümieren sollte, könnte ich nur sagen, das, was mir so furchtbar bei Daubs aufstieß, und widerstand und mir das Leben dort verekelt, war weniger die Behandlung, die mir persönlich dort widerfuhr, als die schandhafte Heuchelei und Falschheit dieser Gesellschaft. Etwas in mir lehnte sich direkt dagegen auf. Ich kann so etwas nicht ausstehn. Frömmigkeit ist schön und gut, wenn sie von einem den elementarsten Voraussetzungen der Ethik entsprechenden Wesen und Verhalten getragen wird. Aber das Wort »Gott« im Munde eines keifenden Weibes und eines eifernden Zeloten ist widerwärtiger, als das kräftigste Schimpfwort eines verkommenen Proleten auf der Gasse. Ich konnte nicht dagegen an; alles in mir war Protest und Ekel. Sonst will ich mich nicht einmal beklagen. Die Arbeit hat mir nichts geschadet, und satt bin ich immer geworden.

Wenn ich nur nicht plötzlich das krankhafte Heimweh nach meinem Kind gehabt hätte! Seitdem das kleine Schusterkind gestorben war, hatte ich weder Rast noch Ruhe.

Es war wie eine Krankheit, ich ging in einem immerwährenden Fieber und dachte und wünschte und hoffte und sehnte nichts weiter, als doch nur ein einziges Mal das kleine, süße Kindchen wiederzusehen.

In der Zeit besuchte mich Tante Frieda auf drei Tage. Die Pastorin mag schön über mich hergezogen sein, denn Tante nahm mich stramm ins Gebet und sagte, sie hätte eine Stelle für mich im Dithmarschen, in einem Bauernhaus. Fünf Kinder und nur ein Dienstmädchen, und das Haus läge ganz einsam und es herrsche dort ein ganz streng christliches Familienleben. Ich ließ sie losreden und dachte mein Teil, es stand gleich fest bei mir, daß ich nicht dahingehe. Was ich in dem Jahr bei Daubs 97 an Strenge und Christlichkeit gehabt habe, reicht für mein Leben aus.

Ich bin überhaupt so: mit Güte kann man alles mit und aus mir machen. Und ich glaube, es geht den meisten Menschen so. Güte ist eine Waffe, gegen die man nicht ankommt. Strenge dagegen fordert Widerspruch und Opposition heraus. Tante Frieda ist gewiß ein herzensguter Mensch, und sie meint es sicher gut mit mir, aber ich kann mir nicht helfen, so bald sie anfängt, mir Vorhaltungen zu machen, Bußpredigten zu halten, ist sie mir zuwider. Herrgott und Fahnenreich – ich habe doch wahrhaftig gebüßt. Erst muß ich wieder etwas ausgefressen und abzubüßen haben, ehe ich mich gutwillig einer neuen Bußzeit aussetze und unterwerfe. Ich machte drei Kreuze hinter ihr her, als sie fort war.

Wir hatten zu der Zeit ein Dienstmädchen, das der Pastor aus einer christlichen Erziehungsanstalt in Hamburg bezogen hatte, weil sie sonst nirgends mehr eins kriegten.

Rike hieß sie und ein Racker war sie, und ich freute mich, daß die Dauben jetzt mal hin und wieder richtig Ursache zur Wut hatte. Es fluschte dann auch manchmal so, daß die Rike meinte, Ostern und Pfingsten kämen auf einen Tag. Ich kam ganz gut mit dem Mädel aus, sie merkte wohl, daß ich in mancher Hinsicht eine Leidensgefährtin war.

Eines Nachmittags, als die Pastorin in einem Nachbardorfe zur Visite und die Toni mit ihrem Schatz in Lübeck zum Einkaufen war, kam ein reicher Bauer zum Pastor und brachte ihm Geld, ich weiß nicht, wofür, ich glaube Miete für eine Wiese; nachher ging der Pastor fort. Gegen sechs Uhr komme ich aus dem Garten, wo ich zu tun hatte, und da sehe ich im Vorübergehen durchs Fenster, daß die Rike in der Studierstube am Schreibtisch steht und Geld von der Platte nimmt. Ich 98 natürlich sofort herein und sie zur Rede gestellt und sie kriegt einen Schreck und zeigt mir das Geld, zwei Zwanzigmarkstücke, die der Pastor zu verwahren vergessen hat, und bittet mich vom Himmel zur Erde, ich soll sie doch nicht unglücklich machen. Ich besann mich einen Augenblick, denn auf einmal war mir heiß ein Gedanke durch den Kopf geschossen.

»Rike,« sagte ich, »ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Geben Sie mir zwanzig Mark ab und halten Sie den Mund. Nachher will ich die Schuld ganz allein auf mich nehmen und der Pastor soll überdies die vierzig auf Heller und Pfennig wiederkriegen. Aber ich muß fort. Meinen Sie, daß der Alte noch was wegbleibt?«

Rike lachte und sagte, der Alte wäre zu seiner Liebe herüber. Der käme noch sobald nicht, und war mit allem einverstanden. Ich kriegte also die zwanzig Meter und zog mich schleunigst an und packte etwas Wäsche zusammen und dann fort zur nächsten Station. Zum Glück ging gerade ein Zug nach Lübeck, und von da hatte ich gleich Anschluß nach Hamburg. Gegen zehn Uhr kam ich da an. Natürlich war es dann zu spät, noch zu Peters zu gehen. Anderseits hatte ich auch keine Lust, im Hotel zu übernachten, weil ich doch mit meinem Geld reichen mußte und ich noch nach Hannover wollte. Bis über Mitternacht blieb ich im Wartesaal des Dammtorbahnhofs sitzen, aber der Kellner kam und sagte, der Wartesaal würde geschlossen, und da müßte ich fort. Zum Glück war es eine wunderschöne, warme Mainacht, und die Luft tat mir ganz gut. Ich bummelte ein bißchen über die Wallanlagen, setzte mich einen Augenblick auf eine Bank und kehrte dann um und ging über die Kolonnaden nach dem Jungfernstieg und an der Alster entlang.

Die Straßen waren sehr still, nur hin und wieder rollte ein Wagen über den Straßendamm, und vereinzelte Fußgänger hasteten vorüber. Auf einmal merkte ich, 99 daß ein Herr hinter mir herging und mir folgte. Mir war sehr bange, ich eilte rasch weiter, aber in den Alsterarkaden holte er mich ein und redete mich an. Ob ich denn noch so spät spazieren ginge . . . Ich sah ihn an und bemerkte, daß er elegant gekleidet war und gut aussah, einen Zylinder trug und einen langen, blonden Schnurrbart hatte. Ich sagte ihm, daß ich fremd in Hamburg und erst eben mit der Bahn angekommen sei und daß ich die Zeit bis zum nächsten Tag, wo ich nach Hannover führe, totzuschlagen hätte. Er meinte, da würde mir die Zeit aber noch lang werden, denn es sei noch nicht zwei, und ging immer neben mir her und wir waren bald in Unterhaltung. Er hatte etwas sehr Nettes, Angenehmes, und als er plötzlich mit dem Vorschlag herausrückte, ich möchte doch mit ihm in seine Wohnung kommen und da ein paar Stunden verweilen, fand ich eigentlich gar nichts darin und willigte gern ein. Er wohnte in der Nähe, Ecke Gänsemarkt und Gerlachstraße, oder so ähnlich, drei Treppen, und hieß Emil Reschke, wie ich an dem Schild vor der Tür las.

Ich habe nie so reizend eingerichtete Zimmer gesehen, wie die drei, in die er mich führte. Alle durcheinander, ein Herren- und ein Speisezimmer und ein Schlafzimmer, in dem eine rote Ampel brannte. In allen drei Zimmern duftete es nach frischen Rosen. Ich legte meine Sachen ab, und Herr Reschke brachte eine Flasche Sekt und Gläser und allerhand kalte Sachen, Hummer und Aufschnitt und Kuchen und Pralinees, was ich mir gut schmecken ließ, da ich riesig Hunger hatte.

Ich saß auf der Chaiselongue und Herr Reschke neben mir auf einem Stuhl, und wir stießen miteinander an, und mir wurde immer wohler. Alle Schwere und alles Trübe fiel von mir ab, und meine Seele wurde leicht und frei.

Als ich mich sattgegessen und Herr Reschke die 100 Sachen auf das Büfett zurückgestellt hatte, setzte er sich auf die Chaiselongue und legte den Arm um meine Taille. Das ließ ich mir gefallen und auch, daß er mich küßte. Aber als er mich plötzlich an sich zog und seine Augen dicht vor meinen flimmerten, riß ich mich los, der Rausch war plötzlich verflogen; das waren Meinerts Augen, die verhaßten, die mich anschauten, und ich wußte, wenn ich blieb, verliere ich mich selber, und das darf nie wieder vorkommen. Ich glaube, ich bin totenbleich gewesen, und gezittert habe ich, und konnte nur herausbringen, daß ich fortmußte.

»Nanu? Was ist denn los, ich will Sie doch nicht fressen, Kindchen,« sagte Herr Reschke und redete mir zu, daß ich mich wieder setzte. Er sprach sehr gut, sehr ruhig und freundlich zu mir, so daß ich mich allmählich beruhigte. Ich faßte wieder Vertrauen zu ihm, und als er mich bat, ihm doch zu erzählen, woher ich käme und was mit mir wäre, war es mir, als ob jemand den Schlüssel zu meinem Inwendigen umdrehte, und die Tür sprang auf und alles quoll heraus, was drinnen eingeschlossen liegt seit Jahren. Ich erzählte Herrn Reschke von meiner Kindheit und den Vorkommnissen in meinem Vaterhaus, von meinem Unglück und alles, alles bis auf das gemopste Zwanzigmarkstück. Als ich Herrn Reschke dann wieder ansah, fand ich ihn ganz verändert:; das unruhige, heiße Flimmern war aus seinen Augen weg, und in seinem hübschen, frischen Gesicht lag nichts als Freundlichkeit und Teilnahme.

»Armes, kleines Mädchen,« sagte er mitleidig, und strich mir mit der Hand über die Wange. »Wenn Sie schon so viel durchgemacht haben, müssen Sie aber vorsichtig sein, und nie mehr in der Nacht in die Wohnung eines fremden Mannes gehen. Danken Sie Gott, daß Sie in keine schlechteren Hände als die meinen fielen. Ich bin ein Lebemann, aber keiner von der gemeinen 101 Sorte, der alles egal ist. Ein unglückliches Kind wie Sie noch unglücklicher machen – – nein, das gibt's doch nicht bei dem Emil Reschke. Sie sind übrigens viel zu schön, um sich so schutzlos überlassen zu sein. Na, nun sind Sie man ruhig, es geschieht Ihnen nichts. Legen Sie sich hübsch auf die Chaiselongue und ruhen ein wenig.« Er sprach es, und ich legte mich gehorsam nieder, und er legte eine Decke über mich und ging hinaus und machte die Tür fest zu, und ich schlief dann bald ein und wachte erst auf, als mein Gastfreund mich um sechs Uhr weckte. Er hatte schon selbst Kaffee gekocht, weil seine Aufwartung erst um halb acht Uhr kam und ich vorher weg sollte. Als wir gefrühstückt hatten, gab er mir eine Schachtel Pralinees und ein Zwanzigmarkstück, um es dem Pastor wiederzuschicken, damit ich nicht in Diebstahlverdacht käme, wie er sagte. –

Ich habe mein Abenteuer Konni Liesmann erzählt, und sie lachte mich aus, und meinte, ich solle ihr keine Wippchen vormachen und das Dümmeren weismachen, daß ein Mann nachts ein Mädchen mit auf seine Bude nähme und ihr zwanzig Mark schenke für nichts und wieder nichts. Solche edle Menschenfreunde kämen nur in Romanen vor. Aber es ist doch so; sonst würde ich es hier nicht niederschreiben, denn vor meinem Buch habe ich kein Geheimnis. Dieser Emil Reschke war ein guter Mensch. Gott sei Dank, daß es noch solche Menschen gibt.

Ich trieb mich in den Straßen umher, bis die Läden aufgemacht wurden und kaufte ein Püppchen und eine Rassel und ein Schäfchen aus Sammet und fuhr dann nach Eimsbüttel zu Peters.

Ich fragte das Mädchen, das mir die Tür aufmachte, nach dem Konsul und wurde in ein Zimmer geführt, und nach einer Weile kam der alte Herr, der mich sofort erkannte und etwas verlegen wurde, als ich ihm sagte, daß 102 ich Erika sehen wollte. Er sagte, er wolle mit seiner Frau sprechen und ging hinaus, und es dauerte lange, bis er mit seiner Frau, einer sehr stolz aussehenden Dame in einem hellgrauen Sammetschlafrock, zurückkam. Sie grüßte mich von oben herab und sagte, es solle eigentlich nicht sein, aber da das Kind noch zu klein sei, um etwas zu verstehen, wolle sie mich zu ihm führen, es sei eben gebadet. Ich folgte ihr ins andere Stockwerk, und mein Herz klopfte vor Aufregung, daß ich kaum atmen konnte.

Im Kinderzimmer saß es in seinem weißen Stühlchen, ganz in Stickerei und Valenciennes, wie ein kleiner Engel.

Ach Gott, es gibt ja gar nicht so Süßes, Goldiges, Entzückendes mehr in der Welt! Lange schwarze seidige Kraushaare hat's und dunkelblaue Augen. Ich hätt's aufessen mögen vor lauter Liebe. Ich küßte sein Gesichtchen, seine Händchen, sein Hälschen, es sah mich groß an und schlug nach mir und räkelte sich mit den Ärmchen nach der Frau Peters und rief: Mam – mi – – Mam – mi – – Sie sah ganz strahlend und selig und gar nicht mehr stolz aus, wie sie mit Erika schäkerte . . .

Ach – es war eine himmlisch süße halbe Stunde, aber leider nur zu kurz. Frau Peters sagte, das Kindchen müßte nun schlafen, da mußte ich natürlich fort . . .

Ich wurde wieder in das Zimmer des Konsuls geführt, und ein Mädchen brachte mir Portwein und Kaviarbrötchen und Konfekt. Der alte Herr redete gütig und freundlich zu mir. Er sagte, ich müsse doch einsehen, daß solches sporadisches Wiedersehen keinen Sinn und Zweck habe, und die Wunde immer nur von neuem aufreiße. Erika habe es ja so gut und sei ganz wie ihr eigenes Kind. Sie hätten es adoptiert und folglich alle Elternrechte, und es sei ihre einzige Erbin. Ich solle nur vernünftig sein und mir an diesem Wiedersehen genügen lassen. Ich sei ja noch so sehr jung, würde mich eines Tages verheiraten und andere Kinder haben. Ich sagte 103 zu allem »ja«, denn meine Gedanken waren noch bei dem kleinen, herzigen Engelchen oben im Kinderzimmer. Schließlich merkte ich, daß die Audienz beendet war; als ich mich verabschiedete, drückte Herr Peters mir etwas in die Hand, erst draußen sah ich, daß es ein blauer Hundertmarkschein war. Mein erster Gang war auf die Post, wo ich den Zettel wechselte und vierzig Mark an den Pastor einzahlte, womit dieser Zwischenfall erledigt war.

Von der Fahrt nach Hannover habe ich so gut wie nichts bemerkt, ich weinte die ganze Zeit. Das Herz war mir schwer vor Sehnsucht und Traurigkeit.

Seitdem sind Monate vergangen, aber immer noch drehen sich alle meine Gedanken um das Kind. Ich kann mich nicht losreißen von der Sehnsucht, die mein Herz wie mit tausend Ranken durchzieht und meine Seele mit dem zitternden, feierlichen Kerzenlicht einer aus Schmerz und wehmütigem Glück gewobenen Empfindung erfüllt. Die Tränen, die nachts meine Kopfkissen netzen, gelten nicht dem Unglück, nicht meiner Verlassenheit, nein, es ist die Ungerechtigkeit des Schicksals und der menschlichen Satzungen, die sie mir erpreßt. Ich fühle, ich könnte gut, werden, wenn ich mein Kind um mich haben könnte und es groß ziehen dürfte. Ich weiß es: In meiner Seele wohnen Licht und Finsternis dicht nebeneinander, sie sind beide nicht mehr wie früher voneinander geschieden und bilden scharfe Kontraste; sie laufen ineinander und zusammen, die Schatten drohen den letzten schwachen Glanz ehemaligen fröhlichen Sonnenscheins auszulöschen, aber es würde alles wieder gut und fröhlich in mir, wenn ich Erikas Mutter sein dürfte.

Ich bin doch ihre Mutter! Es streckte die Ärmchen nach einer fremden Frau aus und ruft sie »Mutter«! Die Fremde hat sich das Recht, Erikas Mutter zu sein, erkauft! Sie hat mehr Geld als ich und ist eine 104 standesamtlich konzessionierte Frau! Schwamm drüber! Ich muß vergessen. – Ich will vergessen. – Vielleicht kommt doch noch mal eine Zeit, wo ich mein Recht für mich proklamiere.

Konni Liesmann nahm mich sehr freundlich bei sich auf. Sie bewohnt hier eine hübsche Etage von vier Zimmern, sehr elegant eingerichtet, wie überhaupt der ganze Haushalt sehr luxuriös zugeschnitten ist. Der kleine Kurt hat eine Wärterin und gilt als Konnis Neffe. Das ist eine Affigkeit über alle Maßen, denn erstens finde ich es dumm, daß sie ihr Kind verleugnet, und zweitens wissen die Leute, mit denen sie verkehrt, ja doch alle Bescheid. Kurtchen ist ein kräftiges, außergewöhnlich entwickeltes Kind, viel robuster als Erika; es bereitet mir ein wehmütiges Vergnügen, mich an seiner Pflege zu beteiligen und mit ihm zu spielen. Dann haben wir noch ein Dienstmädchen. Ich habe nichts weiter zu tun, als mit nach dem Rechten zu sehen; die Arbeit drückt mich nicht und alle sind nett zu mir, die hierherkommen. Als ich acht Tage hier war, kam Vater und wollte mich holen. Er hat furchtbar zugealtert in den letzten Jahren, ist ganz grau und faltig geworden. Er erzählte mir, daß er mit vielen Sorgen zu kämpfen habe; die Apotheke hat er zur Zeit mit wenig Anzahlung sehr teuer übernommen, und die Hypothekengläubiger, fast alle Mutters Verwandte, geben keinen Pardon bei den Zinsterminen. Die Lene erwartet auch schon wieder was Kleines. Meinert ist noch immer da. Vater sagt, er hätte sich an ihn gewöhnt, und er könne sich im Geschäft so auf ihn verlassen. Ich erwiderte nichts darauf. Ich finde es empörend, daß Vater den schlechten Menschen nicht längst vor die Tür gesetzt hat.

Tante Frieda hatte Vater wahrscheinlich instruiert, daß er mich von Konni Liesmann wegholt, weil die Auskunft ihr nicht paßte, aber ich erklärte gleich, daß ich 105 nicht mitgehe, und mein alter Einfluß auf Vater übte wieder seine Wirkung. Nach drei Tagen zog er unverrichteter Sache ab.

* * *

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