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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die kleine Maria Klock ist plötzlich an Brechruhr gestorben. Innerhalb dreier Tage gesund und tot. Ich komme gar nicht darüber hinaus, ich hatte das Kindchen so lieb. Wie ein kleines Engelchen lag es im Sarge!

Ich schlafe keine Nacht. Meine Gedanken sind immer bei der kleinen Erika. Vielleicht ist sie auch schon tot und ich weiß von nichts. Nächsten Monat wird sie ein Jahr alt . . . wenn sie lebt, ich glaube es kaum mehr.

Ich bin krank vor Unruhe und Angst und Sehnsucht, und weil ich keinen Menschen in der Welt habe, mit dem ich meine Sorgen besprechen kann, ist es noch einmal so schlimm. Oft, wenn ich nachts wach in meinem Bett liege und nicht zum Einschlafen komme, gehen allerhand wunderliche Gedanken wie schwarze Silhouetten durch meine Seele.

Ist es nicht eine sonderbare Einrichtung in der Welt, 94 daß es so ist und nicht anders? Müßte nicht das Recht jeder Mutter an ihrem Kindchen heilig sein, so heilig, daß alles, alles andere dahinter verstummt, daß Spott und Hohn sich davor verkriechen, wie die Nachteulen und Fledermäuse vor der Tageshelle. Ist nicht jene Liebe, die das Evangelium predigt, die langmütig und freundlich ist, die nicht eifert, sich nicht erbittert, nie das ihre sucht, die alles duldet, alles vergibt und nimmer aufhört, einzig und allein identisch mit der Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde!

Das ist eine Liebe, die wahrhaft lauter und rein und bar aller unedlen, selbstsüchtigen und gemeinen Motive ist . . . Ich schreibe dies im Bett beim Schein einer Stearinkerze. Die Jungen schlafen . . .

Wenn es den Menschen richtig ernst um ihre Religion wäre, würden sie nicht die uneheliche Mutter mit Schimpf und Hohn bewerfen und es ihr unmöglich machen, sich frei und offen zu ihrem Kinde zu bekennen. Sie würden auch in der »Gefallenen« immer noch das Gefäß jener heiligen Liebe, die Gott selbst als des Gesetzes höchste Erfüllung bezeichnet, achten, und sie still ihrer Wege ziehen lassen.

Wo in der Welt findet sich eine Liebe, die auch nur annähernd der im Korinther-Briefe beschriebenen Liebe so ähnelt, wie die Mutterliebe? Nirgends, nirgends! Folglich ist sie diejenige, die der Vervollkommnung am nächsten steht. Folglich ist die liebende Mutter dem idealen Christen am ähnlichsten.

Ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt. Des Lebens Frühling nennen sie die Jugend. Aber in mir ist keine Sonne und keine Freude mehr. In mir ist alles ernst und dunkel. Und doch war ich meiner Veranlagung nach zur Freude und Fröhlichkeit prädestiniert. Ich habe so gern gescherzt und gelacht . . .

Wie ist es schrecklich, daß ein Schritt abseits vom Wege einen unerbittlich in trostlose Nacht, Einsamkeit und Öde führt . . . Wie ist es fürchterlich, daß Menschen – – fühlende, denkende Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit Schwächen und Fehlern wie andere – das große, schöne, heilige Evangelium der Liebe in gottlose Satzungen der Härte und Erbarmungslosigkeit, in Brutalität und Grausamkeit ummünzen konnten. Wenn ich träume, träume ich von einem Glück, das hell und rein und sonnig ist. Ich halte mein warmes, weiches, kleines Kind auf dem Arm. Es trägt ein weißes Kleidchen und lacht und klatscht in die Hände. Und wir beide wandern weiter und weiter hinein in den heiteren Frühlingsmorgen, über grüne Wiesen mit Blumen und Schmetterlingen, nach denen das Kindchen hascht. Immer weiter, weiter hinein in eine andere, schönere, weite Welt, in der es keine lebenden Wesen gibt, nur Blumen und Sterne und kristallhelles Wasser, in dem man allen Schmutz und alle Schuld der alten Welt abwäscht, und aus dem man hervorsteigt als ein reiner, guter, heiliger Mensch . . .

* * *

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