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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wenn man nicht gerade als aktive oder vielmehr passive Person mitten drin wäre, in dem Familienidyll unseres Pastorats, sondern als unbeteiligter Zuschauer abseits stände und mit den Augen eines lachenden Philosophen beobachten und allerhand interessante Parallelen zwischen Worten und Werken, zwischen Theorie und Praxis, hochtönender Morallehre und ihren Nutzanwendungen ziehen könnte, müßte es ganz erheiternd sein, hier eine Zeitlang zu verweilen.

86 Es kann nichts Komischeres geben als die Kontraste zwischen dem Gequassel und den Salbadereien dieser frommen, augenverdrehenden Menschen und der Art ihrer Anschauungen, ihrer Lebensführung, und ihrem Verhalten untereinander und dem lieben Nächsten gegenüber.

Ich habe schon lange gemerkt, daß der Pastor und seine liebe Gattin gar nicht sehr idyllisch miteinander leben. Sie zanken sich oft wie die Spatzen, freilich immer nur, wenn sie sich allein glauben, aber ich konnte nie dahinter kommen, um was es sich handelt. Frau Klock erzählte mir dieser Tage, der Pastor hätte ein kleines Verhältnis mit einer hübschen Bauernfrau im Dorf, und die Pastorin hat Wind davon bekommen, und im vorigen Jahr ist sie mit dem jüngsten Jungen sechs Wochen fort und hat gewartet, daß ihr Mann sie wieder holen sollte. Der war aber froh, daß er sie los war, und nachher ist sie von selber wiedergekommen. Na, es ist ja nicht hübsch, wenn ein Mann seine Frau betrügt, aber dieser alten Gans mit ihrer scharfen Zunge, ihrem Geiz und ihrer Brutalität gönne ich es, wenn sie sich mal tüchtig ärgern muß.

Soviel steht fest: Ich werde nie mehr mit einem Fuß die Kirche betreten, wenn ich hier weg bin. Nie mehr! Die Kirche ist mir zu sehr verleidet.

Früher durfte ich Sonntags so lange schlafen wie ich wollte, und es stand in meinem Belieben, ob ich in die Kirche gehen wollte oder nicht. Da bin ich gern und oft hineingegangen. Jetzt muß ich Sonntags eine Stunde früher aufstehen, um mit meiner Arbeit zeitig fertig zu sein, weil ich punkt ein Viertel nach neun zum Kirchgang anzutreten habe. Dann trottele ich zwischen Frau Pastorin und Toni die Dorfstraße hinauf, um die anderthalb Stunden in der Kirche abzusitzen. Diese anderthalb Stunden dehnen sich mir immer unerträglich in die Länge. Im Winter bekommt man eiskalte Füße und im Sommer 87 summen die Fliegen an den Wänden und man würde ein bißchen einduseln, wenn das dröhnende Organ des Herrn Pastors einem nicht wie Keulenschläge aufs Trommelfell bumste und jede Ruhe und Traumstimmung illusorisch machte. Ich wollte, ich hätte Zeit, die Predigten hier wiederzugeben. Vielleicht mal später. Immer mit derselben Technik und nach der gleichen Schablone: Ihr seid allzumal Sünder! Höllenhunde, Satansbraten, reif für die Schmorpfanne der infernalischen Bratöfen. Und dann als Finale der ölig fließende Honigseim, göttliche Gnadeverheißungen, Liebe, Liebe, Liebe. Nun, wenn diese verheißene göttliche Liebe Ähnlichkeit mit dem von der Firma Daub und Konsorten verzapften Artikel gleicher Etikette hat, möchte ich ergebenst danken . . .

Frau Pastor und Fräulein Toni sitzen aufrecht und gerade wie aufgespannte Regenschirme rechts und links an meiner Seite, vollgeplustert von Andacht und Selbstzufriedenheit. Beim Hinausgehen lächelt Frau Pastorin freundlich nach allen Seiten, ganz »Liebe« und Milde und wohlwollende Gemeindemutter. Wehe aber, wenn sie, in den Flur tretend, mit dem Zeigefinger über die Kommode oder den Mahagonischrank fährt und eine Spur Staub entdeckt, dann geht's los mit Pauken und Trompeten: Was für ein Schwein hat hier heut wieder das Abwischen besorgt? . . .

Natürlich bin ich die so lieblich Verbildlichte.

»Sie? Meinen Sie vielleicht, Sie hätten für die paar Mark Pension, die Ihr Vater für Sie zahlt, das Recht, mein Haus wie einen Saustall zu behandeln? . . .« usw.

Ich bin so verstockt, daß ich mir ordentlich Gewalt antun muß, um nicht laut rauszuprusten vor Lachen. Sie ist zu komisch, wenn sie vor Wut kocht.

Weher tun schon die kleinen Sticheleien und bissigen, versteckten Anrempeleien. Schon seit einiger Zeit war 88 die Rede davon, daß der Amtsbruder unseres Pastors aus einem entfernten Dorfe mit seiner Frau und seinen Töchtern, zwei Mädchen im Alter von siebzehn und neunzehn Jahren, eines Sonntags auf Besuch kommen wollen. Ich freute mich darauf. Ich hab so lange nicht mit jungen Mädchen verkehrt, ich habe ordentlich mal Sehnsucht nach Altersgenossinnen, und ich war so blödsinnig unvorsichtig und naiv, meinen Gefühlen eines Mittags im Beisein sämtlicher Hausgenossen Ausdruck zu geben. Aus dem verlegenen Schweigen, das daraufhin entstand, merkte ich, daß etwas faul im Staate Dänemark war. »Aber Thymian,« sagte Toni vorwurfsvoll, »Sie können doch nicht annehmen, daß Tante Sie den jungen Mädchen vorstellt?« »Warum nicht?« fragte ich in meiner Dummheit. Der Pastor legte Messer und Gabel hin. »Thomas und Hanni geht hinaus!« Und als die Jungen raus waren: »Meine Nichte hat durchaus recht. Wir wollen Sie gewiß nicht verletzen, liebe Thymian, aber so wie die Sachen stehen, wäre es eine unerhörte Taktlosigkeit von uns, Sie mit den jungen, unschuldigen Töchtern meines Amtsbruders zusammenzubringen.« »Natürlich geht das nicht,« sagte die Pastorin brüsk. »Thymian bleibt den Nachmittag, wenn Roswars kommen, auf ihrem Zimmer. Das ist ja auch für sie selbst am angenehmsten. Sie und die Mädel haben doch keine gemeinsamen Interessen.«

Da hatte ich es. Und nun sitze ich in meinem Stübchen, hab für den Nachmittag Arrest und infolgedessen Zeit, mich mit dir, mein Tagebuch, zu beschäftigen. Roswars sind nämlich heute da. Ich hab mich eingeschlossen. Eigentlich ist es zu dumm, daß einem so etwas nahe geht. Man sollte sich drüber hinwegsetzen. Trotzdem brennt und sticht es, als ob jemand mir mit Nesseln die Seele wundgepeitscht hätte. Ich habe geweint darüber.

Ich habe bisher nie richtig über die Konsequenzen 89 meines Unglücks nachgedacht. Es ist mir noch nicht bewußt geworden, daß ich damit für immer aus den Reihen der gesellschaftlich für voll Geltenden, der anständigen Frauen und Mädchen, ausgeschieden bin. Obgleich man es mich hier schon oft genug fühlen ließ, hatte ich es nie so recht kapiert, um es ganz zu begreifen. Jetzt weiß ich's.

Ich Törin hatte geglaubt, mit der Angst und den Qualen der dem Ereignis voraufgehenden Monate, mit der furchtbaren Stunde am schwarzen Wasser, in der der Wunsch zu sterben und der Drang zum Leben in mir wie zwei wahnsinnige Menschen miteinander kämpften, meine Schuld bezahlt zu haben. Ein Stück fröhlichen Kinderglaubens an die lieblichen Verheißungen des Evangeliums lebte in mir: Bei unserm Gott ist viel Vergebung . . .

Jetzt weiß ich's besser. »Unser Gott« hat einen Januskopf mit zwei Gesichtern. Das eine, Liebe und Vergebung verheißend, ist für die Guten, die Kindlich-Gläubigen, Niestrauchelnden, die eigentlich gar keine Vergebung nötig Habenden. Und das andere, zürnende, furchtbare, in unversöhnlicher Strenge erstarrte, ist den bösen, verstockten, unbußfertigen Sündern zugewandt und droht mit Hölle und Verdammnis und Rache und Strafen bis ins dritte und vierte Glied.

Nein, lieber glaube ich überhaupt an keinen Gott, als an den Gott der Daubs und Genossen. Man schließt vom Diener auf den Herrn. Was muß das aber für ein Herr sein, dem diese heuchlerischen, lieblosen, boshaften Menschen mit ihrer Heuchelei, ihrer Erbarmungslosigkeit und ihrer Gehässigkeit zu dienen glauben!

Dieses fortwährende Beten und Salbadern und fromme Getue ist mir unsäglich zuwider. Ich fühle, daß ich ganz schlecht werde, wenn ich hier lange bleibe. Mir ist so gallbitter zumute. »Eine strenge aber liebevolle 90 Obhut« haben sie für mich in den Itzehoer Nachrichten gesucht. Die Strenge läßt nichts zu wünschen übrig, aber die Liebe suche ich vergebens. Ich möchte wissen, was die Daubs sich unter Liebe vorstellen. Ich werde wie ein nichtsnutziger, überflüssiger Gegenstand umhergestoßen und bekomme in einer Stunde manchmal zehnmal zu hören, daß sie für die tausend Mark Kostgeld mindestens für fünftausend Mark Ärger an mir hätten, und daß ich nicht dankbar genug sein könne, daß eine anständige, christliche Familie mich, die Verworfene, in ihrer Mitte aufgenommen habe.

Ich habe schon manchmal daran gedacht, auszureißen. Aber wo soll ich hin, wo ich doch kein Geld habe. Eine Heimat habe ich auch nicht mehr. Der alte Herr Peters hat sein Wort nicht gehalten. Ich bekam keine Silbe. Oder ob sie mir die Briefe unterschlagen haben? Ich werde nächstens mal hinschreiben. Zum Glück weiß ich die Adresse.

Die kleine Marie Klock hatte neulich die Masern. Sie sagt schon »Mama«. Zu süß. Ich war heimlich weggelaufen, um nach ihr zu sehen, was mir fürchterliche Schimpfe von der Pastorn eintrug. Es fehlte nicht viel, da hätte sie mich verhauen wegen der Ansteckung, die ich ihren Jungens eventuell zugetragen hätte. Zum Glück ist niemand krank geworden.

* * *

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