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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich hätte mir früher auch nicht träumen lassen, daß die Eintragung in Tante Pohns Konfirmationsgeschenk einmal meine einzige Erholung und Freude sein würde. Und daß ich mir diese Freude auch noch sozusagen stehlen muß.

Sieben Monate sind seit meiner letzten Aufzeichnung vergangen. Sieben Monate bin ich jetzt in der Zwangserziehung, resp. Besserungsanstalt des Herrn Pastor Daub und seiner Gattin Ulrike, geborene von Schmidt, in G . . . 82 bei Lübeck. Es sind pflichteifrige Leute, das kann man nicht anders sagen. Sie bessern gewaltig an mir herum, ob sie mich aber in Wirklichkeit »besser machen«, ist eine zweite Frage. Mir kommt es umgekehrt vor, als sei die Atmosphäre der Gottesfurcht, der Sittenstrenge und Enthaltsamkeit im Pastorat gewimmelt voll von Bakterien der Tücke, Heuchelei, Habsucht, Grausamkeit und Hinterlist, die man gegen seinen Willen einatmet und in sich aufnimmt.

Wie ich vorhin mein Buch durchblätterte, fiel mir gerade die Stelle ins Auge, wo ich mir so schön gelobte, fromm zu sein, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen und ganz nach Gottes Wort zu leben. Nun, wenn einer systematisch darauf ausgeht, jemand anders alles, was Religion heißt, gründlich zu versäuern, ihm alles Kirchliche zu verwidern, ihm Abscheu und Ekel gegen alles, was mit dem Christentum zusammenhängt, einzutrichtern, so soll er diesen jemand hierherschicken, in das Pastorat zu G . . . . . . bei Pastor Daub und seiner Ulrike, die schaffen's. Fromm sind sie, das muß ihnen ihr Feind lassen.

Um sechs Uhr morgens wird aufgestanden und gearbeitet, aber feste gearbeitet. Lang stehen und sich besinnen gibts hier nicht. Wenn dann um halb acht der Magen schief hängt, werden wir zur Andacht gerufen. Da stehen wir alle gerade auf nebeneinander um den Tisch und hören zu, wie der Pastor aus einer Postille eine Morgenandacht liest und dann noch etliche erbauliche Ermahnungen daran knüpft. Das heißt, in Wirklichkeit hört natürlich kein Mensch zu, wir senken nur die Nasen und wenn er »Amen« sagt, schnellen alle gesenkten Nasen auf und man sieht's jedem an, daß er heimlich »Gott sei Dank« sagt.

Die Daubs haben drei nichtsnutzige Jungens im Alter von sechs bis zwölf Jahren und eine Nichte von 83 einundzwanzig, die mit dem Vikar verlobt ist, ein hochmütiges, vor lauter Moral stumpfsinnig gewordenes Frauenzimmer, das zu dem hageren, halb versimpelten Vikar und zu dem Daubschen Ehepaar wie ein Zweigroschenbrot zum andern paßt. Dann sind noch zwei Dienstmädchen und ein Knecht da, die jeden Monatsersten wechseln, weil es niemand bei Frau Ulrike und ihrem gottgefälligen Wandel aushalten kann. Es ist nämlich heidenmäßig viel zu tun in dem großen Haus mit dem großen Garten und dem landwirtschaftlichen Betrieb. Also morgens gibts die erste Andacht, mittags folgt die zweite Auflage und abends vorm Schlafengehen wird der dritte – und Hauptgang des Seelendiners serviert. Dann werden auch noch drei Gesangsverse gesungen und als Dessert wird eine Generalbußrede auf die Sünden des verflossenen Tages gehalten.

Frau Pastorin sagt bei jedem zehnten Wort »Mit Gott«. »Mit Gott« schlug sie neulich dem Stubenmädchen auf den Mund, daß die Nase blutete und zwei Vorderzähne wackelten, »mit Gott« hat sie schon ungezählte Straf- und Sühnegelder beim Schiedsmann und Amtsgericht für Dienstbotenmißhandlungen und Beleidigungen berappen müssen. Ich habe nie zuvor so unflätig schimpfen hören, als wie die Frau Pastorin es tut, wenn sie wütend ist, und sie wird sehr leicht wütend. Schwein, Biest, Luder, Sau, Schuft, Aas, das sind nur so kleine Kostproben ihres Konversationstons im Verkehr mit den Leuten. Wo sie hinschlägt, wächst kein Gras und ihre Hand sitzt sehr lose. Mich hat sie noch nicht geschlagen, dagegen sind aus der Blütenlese ihrer Schimpfwortplantage auch schon manche Rosen und Röslein auf mich niedergeregnet. Ich bin so etwas wie das schwarze Schaf im Hause. Alle – mit Ausnahme der Dienstboten – nehmen eine feierliche, ernste, strenge Miene an, wenn sie zu mir sprechen. Ich bekomme jeden Tag mein Extrafutter von frommen 84 Reden und Ermahnungen. Zu gottvoll war Fräulein Tony, die Nichte, in der ersten Zeit. Sie blickte immer zur Seite, wenn ich sie um etwas fragte, oder sie notgedrungen das Wort an mich richten mußte, als wenn ihr jungfräuliches Schamgefühl erzitterte, wenn sie »so eine« ansehen mußte. Auch der Herr Vikar Schaffesky (ich sage Schafskopf) tut immer ganz wunderlich zu mir, und ich mußte und muß noch manche Anspielung von »Verlorenen« und »Verworfenen« und »Geächteten« anhören. Na – mich läßt das ziemlich kalt. Gewissermaßen kann man es ja den Leuten nicht verdenken, da ich hier doch in den moralischen Drill gegeben bin, und sie wahrscheinlich nur ihre Pflicht zu erfüllen meinen, wenn sie mich recht kurz und streng halten.

Was mich nur so maßlos empört, ist die Tatsache, daß ich hier auch nicht die geringste persönliche Freiheit genieße, sondern wie eine schwere Verbrecherin auf Schritt und Tritt bewacht und beobachtet werde. Es liegt etwas furchtbar Demütigendes, Peinigendes darin. Zum Beispiel erhalte ich keinen Brief, der nicht in Pastors Studierstube erbrochen und gelesen würde. Zwei Briefe, einen von Osdorff und einen von Konni haben sie mir unterschlagen. Zum Glück wurde ich es gewahr. Seitdem lasse ich sie nach Lübeck postlagernd schreiben und die Schusterfrau nebenan, die die Botengänge macht, bringt sie mir heimlich mit. Umgekehrt kommt auch kein Brief von mir fort, der nicht erst die Zensur der Studierstube passiert hat. An Osdorff und Konni kritzle ich ab und zu ein paar Zeilen mit Blei und schicke sie unfrankiert ab, denn ich habe, seitdem ich hier bin, keinen Pfennig zur Verfügung. Einmal gelang es mir, einen solchen unfrankierten Brief an Vater wegzuschmuggeln (zu Hause ist unterdessen ein Junge angekommen). Aber Vater antwortet mir nicht direkt, sondern schrieb an Pastors, daß ich mich beschwert hätte, was mir eine tüchtige 85 Pauke eintrug. Seitdem bekomme ich jeden Sonntag eine Mark Taschengeld, aber ich muß am Samstag über jeden verwandten Pfennig Rechenschaft ablegen. Es ist ein entsetzliches Leben. Vater wagt offenbar nicht, mich hier wegzunehmen, weil er Tante Frieda fürchtet. Ich kann es Vater nicht verzeihen, daß er Meinert trotz allem Vorgefallenen noch behält.

Ich werde nie wieder nach Hause zurückkehren. Ich hasse Meinert wie die Pest. Meine Seele ist voll Bitterkeit und Groll. Die Menschen hier im Hause hasse ich alle, nur die Dienstboten nicht, die halten zu mir, aber es sind eben zu oft fremde Gesichter da. Heute sind Pastors zu einer Hochzeit, Fräulein Toni liegt zu Bett mit Zahnschmerzen und Schafskopf ist verreist.

Ich bin ein paar Stunden bei Frau Klock und schreibe hier. Ihr Mann ist Schuster. Sie verdient noch nebenbei durch Botengänge. Sie ist eine sehr propre, fleißige, freundliche Frau und mir sehr zugetan.

Was mich besonders zu ihr hinzieht, ist ihr kleines, acht Monate altes Mädchen. Es ist zu herzig und genau so alt wie Erika. Ich halte es zu gern auf dem Schoß und spiele mit ihm. Es kräht und lacht und möchte etwas sagen. Zu niedlich. Wenn ich doch Erikachen mal sehen dürfte. Ich habe so viel Sehnsucht. Es ist zu traurig. . . .

* * *

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